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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, November 03, 1945, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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Moribus
paternis
v
Diees
Mal glaubte die gute
Frau, was man ihr sagte. Sie hatte
Zutrauen zu dem Bürgermeister, er
rötete aber doch, weil ihr der Gedan
ke kam: „Was für einen herrlichen,
großartigen Mann habe ich!" Sie
kam sich seiner ganz unwürdig vor
Da stand er nicht weit von ihr, bei
dem preußischen Gesandten Hrn. von
Mentzel. Die Tränen traten ihr fast
in die Augen, als der Bürgermeister
fortfuhr: „Ich habe zu Ihrem Gat
ten das felsenfeste Vertrauen, daß er
die alte, einfache Solidität, durch
welche unsere Stadt groß wurde, ge
gen alle zerstörenden Einflüsse mit
verteidigen wird. Sehen Sie, liebe
Senat'rin, mein ältester Sohn ist
Reeder, und Hermann, der jüngste,
scheint lieber in den Reichsdienst tre
.iert zu wollen. Da bin ich vielleicht
von den Prätorius der letzte im Se
nat. Für Ihren Mann, den ich schon
als Kind gekannt, der überdies mein
Patchen ja jetzt ein recht großes
ist, hege ich eine Art von väterli
cher Zuneigung."
Frau Julie stand aus und ging.
Sie mochte das nicht mehr mitanhö
ren.
Die junge Senatorin meinte:
„Herr Bürgermeister, vielleicht kom
men dereinst Ihre Enkel noch in den
Senat! Wenn z. B. Herr Cäsar sich
verheiratete ."
Der alte Herr wurde traurig, als
er entgegegnete: „Tie Zukunft wol
len wir Gott anbefehlen. Nächstens
werde ich übrigens mal Ihre Kinder
chen ansehen. Tie sind sicher recht
brav. Ja, wenn die erst Quadrille
tanzen, wie da drinnen im Saale
die jungen Leute!"
Für Frau Göhring klangen diese
Worte, als wenn man ihr gesagt
hätte: Nächstens wird man Ihre
Kleinen zum König von Dahomey
schicken.
Nach der Fran^aise kam Alice Ain
ring und gab dem Bürgermeister ein
Zeichen, sie wolle ihm gern etwas
„allein sagen". Der gute alte Herr
wußte es einzurichten, „daß sein
Nichtchen ihn im Treppenhause ei
nige Minuten unter vier Augen spre
chen konnte. Er streckte ihr die Hand
entgegen: „Alice, Kind, du siehst blaß
aus! Fehlt dir etwas?"
„Nein, Onkel Cäsar."
„Aber du wolltest mir etwas er
zählen?"
Da siel das junge Mädchen dem
Greise um den Hals und brach in
einen Strom von Tränen aus: „O
Nach Vüterütte
Erzählung aus der Hamburger Gesellschaft deS vorige« Jahrhunderts
(Fortsetzung)
Die junge Senatorin Göhring war
eine auffallend einfache und befchei
dene Frau. Früher hatte sie in Ge
sellschaften keinerlei Beachtung gefun
den, ja sie galt bei vielen als be
schränkt und langweilig. Daher war
es ihr doppelt ungewohnt, heute
Abend von allen Seiten hofiert und
fetiert zu werden. Wenn jemand sie
anredete, errötete sie, weil sie fürch
tete: Jetzt kommt eine Schmeichelei!
So viel hatte sie in ihrer neuen Wür
de schon gelernt, daß sie sah. wie we
nig echte Münze im gesellschaftlichen
Verkehre kursiert aber bis sie ver
stand, die Falsifikate auch für gutes
Geld anzunehmen und, ohne eine
Miene zu verziehen, weiterzugeben,
mußte sie noch eine harte Schule
durchmachen, Ihr Mann hatte zwar
immer im öffentlichen Leben gestan
den und mit der großen kleinen Welt
verkehrt. Dafür war ihre Welt das
eigene Heim. Der Gatte und die Kin
der, das war bisher der Gegenstand
ihrer Freuden und Leiden. Tie eige
nen Eltern und die Schwiegermutter
ruhten schon im Grabe der Schwie
gervater, der greife Oberalte Göh
ring, hatte aber auch noch einen trau
lichen Platz im Herzen und im Hause
der Senatorin. Einfach wie ihre Per
sönlichkeit erschien auch ihre Toilette.
„Halbseide! Und zur Schleppe hat's
nicht gereicht," dachte Frau Julie bei
ihrem Anblick. „Dabei diese geschmack
lose Frisur. Ein Korallenschmuck! Den
tragen ja nur Dienstmädchen im
Sonntagsstaat. Und die großen Fü
ße .. Aber was sprach denn Cäsar
mit dieser hausbackenen Kreatur?"
Hörte Frau Julie recht? Sie traute
ihren Ohren kaum:
„Ihr Gatte, liebe Senat'rin, ist
ein sehr gewiegter Jurist und auch
im Verwaltungssach überall zu Hau
se. Nächste Woche wird er vereidigt.
Eine Zierde des Senates wird er wer
den. Mir macht feine Wahl rechte
Freude, und ich wünschte, er könnte
sogleich den bisherigen Polizeiherrn,
Senator Jouffroy, ersetzen, der gern
sein Amt niederlegen möchte. Auch
im Bundesrat wäre Ihr Mann ge
wiß ein geschickter Vertreter unserer
Interessen. Nun, wir werden ja fe
hen."
Onkel Cäsar, ich bin so schrecklich un
glücklich!"
„Na na, Kind, nun mal vernünf
tig! Komm, du bist hier nicht zu Hau
se! Sei doch verständig!"
„Ach, Onkel Cäsar, Onkel Cäsar!"
„Je, was gibt es denn? Laß mich
mal los. Du zerdrückst dir ja deine
ganze Ballrobe. Wenn dich die Leute
weinen sähen! Alice! Mademoiselle!"
Es half aber nichts. Alice weinte
weiter, und der Bürgermeister mußte
geduldig warten. Endlich trocknete die
junge Dame ihre Tränen ein wenig
und zog den Onkel auf einen roten
Ledersitz, der in einer Nische des Kor
ridors stand. Dort gelang es dem teil
nahmsvollen alten Herrn denn, ihren
Kummer zu erfahren.
Mama wollte sie verheiraten, und
zwar an den Salonlöwen. Heute
Vormittag hatte Frau Julie genaue
Jnstruktionsstunde gehalten. Alice
solle recht höflich und zuvorkommend
gegen Jwanowsky sein, zumal in An
wesenheit des Rittmeisters. Nun habe
sich aber Jwanowsky sofort an den
Spieltisch gesetzt, und dafür müsse sie
mit dem Referendar Eddy Scheller
freundlich tun. Der sei aber auf diese
Weise zu der Idee gekommen, Alice
interessiere sich für ihn, und eben bei
der Frangaife habe er ihr die Hand
gedrückt und Sottifen gesagt, ja so
gar am Ende der Quadrille sie beim
Vornamen genannt und versprochen,
morgen der Mama eine Visite zu ma
chen.
Mit steigendem tinmute über die
gewissenlosen Experimente seiner
Schwester hörte der Senator zu. Als
seine Nichte geendet hatte und wie
der in eine Tränenflut ausbrach,
faßte der alte Herr sie bei beiden
Händen und sagte: „Alice, nun sei
mal vernünftig und lasse das Heu
len! Du hast dich jetzt ausgesprochen
und das tut dir gut. Komm, sieh
Onkel Cäsar mal freundlich an. Du
hast ja Vertrauen zu ihm, nicht
wahr?"
„O gewiß, lieber, guter Onkel!
Wenn ich nur nicht wieder zum Tan
zen hinein müßte! Ich muß sonst wie
der. wieder mit dem Referendar
schön tun, um den Rittmeister eifer
süchtig zu machen. Onkel Cäsar, ich
bin so unglücklich und möchte lieber
sterben." Und abermals flössen die
Zähren.
So ungehalten der Bürgermeister
über Mama Amring war, er mußte
doch über die Situation lachen. Die
Eitelkeit seiner Schwester, welche den
Rittmeister bis heute nur par rmorn»
mec gekannt und ihn nun gleich als
Schwiegersohn in Aussicht' nahm,
hatte etwas ungemein Lächerliches.
Als indes das arme Nichtchen immer
wieder schluchzte: „Ach Onkel Cäsar,
ich möchte lieber sterben als noch ein
mal hineingehen," erwiderte er
freundlich, aber bestimmt: „Nun ist's
genug, mein kleines Fräulein. Die
ganze Geschichte ist nicht halb so
schlimm, als sie aussieht. Schlag dir
alles aus dem Kopfe! Weder der
Russe noch der Rittmeister noch der
Referendar werden dir ohne deinen
Willen aufgedrängt."
„Ich hasse alle drei, Onkel Cäsar!"
„St, st, mein Fräulein! Man darf
feinen Mitmenschen hassen, auch
wenn er einen heiraten wollte."
Jetzt mußte auch Alice unwillkür
lich lachen, und damit kam die Sonne
allmählich wieder durch die Regen
wolken.
„Was soll ich den tun, Onkel?"
„Gar nichts Außergewöhnliches.
Freundliches Gesichtchen machen! Zu
deiner Beruhigung werde ich auch mit
Mama reden. So, nun gehen wir
einen Augenblick «uf und ab, bis die
roten Aeuglein wieder in Ordnung
sind, und dann dann fürchten
wir uns weder vor dem Teufel noch
vor leibhaftigen Husarenoffizieren."
„Onkel Cäsar, du bist so gut!
Wenn ich doch immer zu dir kommen
könnte!"
„Habe ich dir schon die Türe ge
zeigt, wenn du mich besuchen kamst?"
„Nein, Onkel. Es ist wahr, u
hörst mich an fast besser wie
wie Papa und Mama."
„Hm!" machte der Greis nach
denklich, ohne seiner Nichte genau zu
gehört zu haben. „Alice ich denke,
du wirst nächstens doch wohl auch mal
einen Herzallerliebsten finden."
„Onkel Cäsar, sag nur das nicht!
Ich beschwöre dich! Ich will keinen
Mann!"
„St! Nicht so laut, du albernes
Kind: wir sind hier ja auf der Trep
pe. Wenn uns jemand horte!"
„Meinetwegen. Ich sage dir noch
mehr. Wenn ich nur katholisch wäre,
ginge ich noch heute in's Kloster und
nähme den Schleier."
„Das wird mir aber zu Bunt!"
OtffO WAtSKNFREUOTI
platzte nach dieser Erklärung der alte
Herr heraus und erhob sich von dem
Adersopha. „Du hast wohl Uhland'
sche Balladen oder alberne Romane
gelesen! Du hast ja noch nie ein Klo
ster gesehen. Alice, du bist trotz deiner
Zoologie- und Sprachstunden
nimm mir's nicht übel ein recht
einfältiges Persönchen geblieben."
„Ich weiß es wohl, lieber Onkel.
Auch mir sind die dummen Stunden
leid, der Ball ist mir leid, das Tanzen
ist mir leid, die ganze Welt ist mir
leid."
„So? Am Ende wird dir Onkel
Cäsar auch leid, mein Kind. Wir ho
len uns jetzt im Busfetzimmer ein
Glas Eispunsch, dann wird mein
Nönnchen wieder im Saal erscheinen.
Ja, ja, keine Gegenrede oder bist
w noch ein konfirmiertes Darneben?
Wie?"
Alice schwieg.
„Wenn du noch etwas aus dem
Herzen hast, kannst du mich morgen
zum zweiten Frühstück besuchen da.
haben wir Zeit, uns auszuplaudern.
Jetzt aber allonsl Marsch!"
Energisch faßte der Bürgermeister
seine Nichte und legte ihren Arm in
den feinen. Nolms volens mußte sie
folgen. Ehe sie in den Saal traten,
protestierte das Fräulein aber noch
einmal: „Gäbe es nur evangelische
Klöster! Ich wollte ganz gewiß hin
ein."
Als es zum Souper ging, kamen
auch die Whistspieler die Treppe her
unter. Zuerst der Oberingenieur
Morgenrot, der Landgerichtsrat und
der exotische Konsul.
„Woher stammt eigentlich dieser
Jwanowitsch oder wie der Mensch
heißt?" fragte Morgenrot.
Der Landgerichtsrat sagte: „Er ist
ein Protege von Madame Amring.
Die hat ja fast jede Saison so was
Sensationelles. Doch warum meinen
Sie?"
Morgenrot blieb auf der Treppe
stehen und flüsterte dem Landgerichts«
rat in 's Ohr: „Haben Sie nichts be
merkt?"
„Nein, was denn?"
„Der Kerl spielt so sonderbar!"
„Wie meinen Sie das?"
„Ja, wie soll ich das wohl mei
nen!" Sie gingen wieder weiter.
„Was ist los?" setzte der exotische
Konsul hinzu.
„Nun, offen heraus gesagt, ich
a u e e K e s i e a s
„Nein," rief der Konsul, „das mä
re infam!"
Morgenrot nickte: „Wäre es auch."
„Ja, mein Gott, haben Sie Indi
zien?"
„Beim letzten Robber sah ich
zwei Pique-Aß."
„Nicht möglich."
„Ja, und Carreau-Zwei fehlte."
„Donnerwetter, Morgenrot! Sie
haben sich getäuscht."
Ter Ingenieur zuckte mit den Ach
seln: „Wir werden sehen. Ich wollte
hier bei Brewers keinen Skandal ma
chen. Offenbar prellt der Mensch die
Amrings auch. Sie sollen noch etwas
erleben, einen interessanten Fall, Herr
Landgerichtsrat."
„Hm, was tun wir?"
„Vorläufig schweigen wir alle drei.
Ich lade den Kerl Donnerstagabend
in den Klub, und dann passen wir ihm
auf die Finger."
„Das ist ein guter Gedanke. Sie
haben den Beruf zum Untersuchungs
richter oder Staatsanwalt verfehlt.
Hören Sie, es ist aber doch eine bo
denlose Frechheit! Der Kerl verkehrt
ja schon seit diesem Sommer bei Ain
rings und ist überall eingeführt."
„Freilich, durch Madame Julie."
Man hörte oben die Türe klappen.
„Still!" warnte Morgenrot. „Jetzt
kommt er mit dem alten Amring her
unter. Der hat natürlich nichts ge
merkt. Also schweigen, meine Her
ren!"
„Wie das Grab," schwur der exo
tische Konsul, und der Landgerichts
rat wiederholte: „Wirklich ein sensa
tioneller Fall!"
Sie gingen hinein, um ihre Tisch
dame zzi finden. Als Hr. Amring mit
Jwanowsky herunterstieg, sagte die
s e A s o i e e A i n I
Wort habe ich?"
„Ja, ja," war die Antwort, „aber
vorausgefetzt, daß Alice Sie lieb t."
„Gospodi pomiluil Ich werbe um
sie. Es ist schon ein Schritt zum Zie
le, daß ich Ihre Zusage besitze."
„Mein guter Hr. Jwanowsky
vor allen Dingen müssen Sie mit mei
ner Frau reden."
„Aber wenn ich die Einwilligung
des Vaters habe?"
„Einerlei. Ich bin gewohnt, auf
meine Frau die zarteste Rücksicht zu
n e e n S i e s s e n z u e s i i
reden, dann mit Alice. Sie wird
schon Ja sagen. Sie sind ein gutsi
tuierter Mann ."
„Sagte ich Ihnen nicht, daß ich die
zwei Güter auf der Krim erbe, die
mein Großonkel, der Dichter Turgen
jeff, vom Zaren Nikolaus für ein
Huldigungsepos erhielt? Sehen Sie,
meine Mutter war ..
„Glaub' Ihnen, Hr. Jwanowsky
Können Sie mir morgen erzählen.
Besuchen Sie mich auf meinem Kon
tor im Dovenhof."
„Sie machen mich überglücklich."
„Reden Sie mit meiner Frau!"
Unter diesen Worten verschwanden
auch Hr. Amring und der Zwsse.
Nach dem Souper dauerte der Ball
noch bis drei Uhr morgens. 2teitere
Gäste, u. a. auch der Bürgermeister
und Chlotilde. fuhren gleich nach dem
Essen heim. Auch Frau Göhring bat
bald nach Mitternacht ihren Gemahl,
nach dem Wagen zu schicken. Sie hat
te „Angst um ihre Kinder". Die letz
ten Gäste, die sich verabschiedeten, wa
ren Amrings, Hr. Jwanowsky, Dr.
von Wahlen, zwei oder drei intime
Freundinnen von Alice und der
Salonlöwe. Todmüde, aber immer
liebenswürdig lächelnd, machte Ma
dame Brewer bis zur letzten Minute
die Honneurs.
Als die Lichter erloschen, und sie
zur Ruhe gehen wollte, kam noch Hr.
Blintzel: „Endlich kann ich Ma
dame sprechen!"
„Nun, Hr. Blintzel, was gibt es?"
„Erschrecken Sie nicht, Madame
„Ach, haben die Jungen wieder et
teas verbrochen? Sie wollten mir
schon beim Souper etwas bestellen
lassen. Ich hörte aber nicht, was der
Tiener mir leise sagte, weil ich durch
den Oberst in Anspruch genommen
war."
z a e i e a a e a u
und Georg ..."
„Nun, haben sich geprügelt?"
„Nein, haben gestern Abend Diph
theritic bekommen."
„Gott im Himmel!" schrie Mada
me Brewer auf. „Warum habe ich
nichts erfahren, daß meine Kinder
krank find? Ist denn niemand oben?"
„Ja, Sanitätsrat Werntz.. Ich
mußte ihn selbst vor einer Stunde
aus dem Bette holen. Die Domestiken
wollten nicht gehen, sie hätten keine
Zeit."
„Wo ist mein Mann?" fragte die
erschrockene Mutter, indem sie das
Zimmer verließ und auf einen Die
ner traf.
„Der Herr Präsident sind mit eini
gen Gästen in's Wiener Cafe. Er be
fahl. wir sollten nun zuschließen und
zu Bette gehen."
Frau Brewer hörte die Antwort
nur halb. Sie eilte die Treppen hin
auf und stürzte in das Schlafzimmer
ihrer Knaben.
u n e s K a i e
Bei Onkel Bürgermeister
Am folgenden Morgen begab sich
Alice gegen zwölf Uhr zum Früh
stück bei Onkel Bürgermeister. Kaum
erschien die Nichte, so schob der alte
Herr, welcher vor dem Schreibtische
saß, Akten und Papiere beiseite und
rief: „Aha. da kommt unser Kloster»
fräulein von gestern Abend! Haben
wir die Nonnengedanken ausgeschla
fen?" Herzlich lachend streckte er ihr
beide Hände entgegen.
Alice begrüßte ihn freundlich, ver
setzte aber nur: „Onkel Cäsar, ich bin
doch noch früh aufgestanden."
„Kind, es ist ja gleich zwölf Uhr,
Zeit zum zweiten Frühstück. Und das
nennet ihr loses Volk,frühe'?"
„Ich war schon eine Stunde spa
zieren mit Miß Wire. Dann war ich
vielleicht ebensolange bei Pa
stor Turner."
«Wie, am Morgen nach einer Soi
ree schon Literaturgeschichte? Du bist
ein tapferes Mädchen!"
„Nein, Onkel, Stunde nahm ich
heute nicht. Ich ... ich wollte von ihm
etwas Geistliches wissen."
„Treibst jetzt also auch Theologie?"
neckte der alte Herr und schaute aus
die Pendule, ob es noch nicht Zeit
zum Lunch sei.
„Onkel Cäsar, ich kann dir nichts
verschweigen ich muß dir alles sagen
ich bin empört!"
Der Bürgermeister sah seine Nichte
ruhig von oben bis unten an. Alice,
die neben dem Schreibtische gestanden,
ergriff ein großes Ebenholzlineal
und schlug damit auf die Tischplatte
„Wahrhaftig, ich bin ganz wütend.'
„Kind, was sind das für Manieren
und Ausdrücke? Du vergissest dich.
Sei mal ruhig und sprich dich aus,
ohne solchen Affekt. Mademoiselle,
s'il vous plait es ist Zeit zum
Frühstück: du kannst mir bei Tische
erzählen."
Der Diener hatte die Tür zum Bi
bliothekzimmer geöffnet. Dort pfleg
te der Senator gewöhnlich mit seiner
Schwägerin zu frühstücken.
„Wo ist denn Tante Chlotilde?
fragte Alice, als sie hineingingen.
'„Bei Brewers. Die beiden Jungen
sollen Diphtheritis bekommen haben."
„Mein Gott, davon habe ich ja gar
nichts gehört! Wann denn?"
„Gestern Nacht, während der @oi
ree."
„Steht es schlimm?"
„Tante will sich gerade erkundigen.
Sie wird bald zurück sein."
„Ich will doch sehen vielleicht,
wenn Miß Wire mich hier abholt,
spreche ich auch bei Brewers vor."
„Erst wollen wir mal hören, ob du
das ohne Gefahr tun darfst. Ja, Tan
te Brewer wird recht in Sorge sein."
Sie sprachen noch eine Weile über
die Erkrankung der verwandten Kin
bet, während Alice den Tee für ih
ren Onkel bereitete. Wohlgefällig sdh
er ihr zu. Glich sie nicht Julie, als
diese noch ein junges Mädchen war,
von allen gefeiert und bewundert?
Wird Alice auch so werden, wie ihre
Mutter jetzt ist? Gott behüte sie. Wa
rum hatte sie wohl diesen leidenden
Ausdruck in den Augen? Erst in letz
ter Zeit fiel ihre Schwermut auf, die
mit nervöser Gereiztheit abwechselte.
War sie vielleicht unglücklich verliebt?
Mußte sie zu viel studieren? Der On
kel beschloß, ihr einmal auf den Zahn
zu fühlen.
Als er seinen Tee hatte, und Alice
ihm gegenübersaß, bemerkte er, daß
sie nur ein schmächtiges Brötchen mit
Anchovis auf ihren Teller legte. „Ma
demoiselle," begann er deshalb, „Sie
haben sich gestern zu viel Eispunsch
von den Kurmachern servieren lassen.
Sie haben keinen Appetit."
„Nein, Onkel Cäsar, laß doch die
Witze!"
„Du hast keinen Appetit. Magen
erkältet. Da steht ja kalter Ausschnitt
Lachs, und ein warmes Mutton
Chop! Von einem solchen Vogelimbiß
wird man nicht satt."
„Onkel, ich habe nicht viel Appe
tit."
„Das behaupte ich ja gerade. Wo
her kommt es? Der Eispunsch und
die Ballherren ..."
„Ich pfeife auf die Ballherren!"
„Schon wieder so chevaleresque?
Ein Studiosus hättest du werden sol
len. Nun, halb macht Mam^dich schon
dazu. Also die Ballherren werden
ausgepfiffen?"
„Ja, und gründlich!" klang es
über den Tisch.
Der alte Herr dachte: Warte, jetzt
krieg' ich dich! und forschte weiter:
„Die Ball her ren, in der Mehr
zahl. Gut, das ist erklärlich. Der
Ball Herr, in der Einzahl, wird
wohl ein besseres Los erwarten dür
fen."
Die junge Dame schob ihren Tel
ler rasch von sich, gegen die Butter
dose: „Onkel Cäsar, was foppst du
mich?"
Der Bürgermeister rieb sich die
Hände und schmunzelte. Als ihn die
Nichte jedoch drohend wie eine Wal
küre über den Brotkorb hinüber an
sah, machte er äußerlich ein ganz
frommes, unschuldiges Gesicht, dachte
aber mit Vergnügen daran, wie ge
stern Dr., von Wahlen einen Hand
schuh, den Alice hatte fallen lassen,
heimlich zu sich gesteckt hatte. Er
niemand anders sonst, selbst Alice
nicht hatte den kleinen Raub be
merkt. Zwei bis drei Minuten spiel
ten Onkel und Nichte eine stumme
Szene, dann platzte der alte Herr
heraus.
Alice machte eine ungeduldige Be
wegung, wurde aber plötzlich ganz
rot, reichte ihrem Onkel die Hand
über den Tisch und sagte: „Verzeih
mir, Onkel Cäsar, daß ich wieder
hitzig werde."
„Du hast auch vom Blute der Prä
torius in deinen Adern. Hättest ein
Junge werden sollen!"
„Wäre mir sehr recht. Dann ginge
ich nach Amerika."
„Ganz allein?"
„Ganz allein."
„Und was dann?"
„Ich kaufte mir eine einsame Farm
im unkultivierten Westen, wo mich
kein Sterblicher entdecken könnte."
„Eine hochromantische Idee! Und
heiratetest eine Jndianer-Squaw."
„Nein! Ich bliebe Junggeselle."
Als der Bürgermeister aber wei
terscherzte: „Gestern Nonne, heute
Theologiestudent bei Pastor Turner,
morgen Farmer in Amerika ... über
morgen ... ja, vielleicht Löwenbän
diger bei Hagenbeck I" da sing Alice
an zu weinen. Schnell stand der On
kel auf, ging zu ihr und begütigte sie:
„Kind, ich wollte dir ja nicht wehe
tun! Behalt nur dein Geheimnis für
dich!"
„Ich habe kein Geheimnis,"
schluchzte Alice.
„So, so! Auch gut. Du bist ner
vös. Hättest heute früh nur ausschla
fen sollen. Den Pastor konntest du
auch später besuchen."
„Onkel Cäsar, darüber bin ich ja
gerade so traurig."
„Wie? Uvber den Pastor?"
„Ja, über Pastor Turner."
Der Bürgermeister setzte sich wie
der an seinen Platz und schüttelte das
Haupt: „Das verstehe ich nicht,
Alice."
„Pastor Turner ist kein Christ."
„Was heißt das? Bist du geistli
cher Visitator? Oder Kirchspielspa
tron?"
„Ich will dir die Geschichte erzäh
len."
„Das wird gut sein, denn s o ver
stehe ich absolut nicht, was dir durch
den Kops geht."
„Heute Morgen also, Onkel Cäsar,
besuchte ich den Pastor, weil ich eine
Frage ort ihn zu stellen hatte."
„Hm!"
„Ich wollte nämlich wissen, wie ein
junges Mädchen fromm und christ
lich leben konnte."
„Ja, hast du denn keine üonftrr.
tionsstunden gehabt?"
„Höre mich mal zu Ende, Onkel.
Bitte, unterbrich mich nicht!"
3» ffvfHIuMw
„Schon, gut! Erzähle nur."
„Onkel, ich scherze jetzt nicht. Es
ist mir bitterer Ernst, wenn ich sage,
daß ich eine entsetzliche Leere und Oe
i n i e o z a e
Unterrichts stunden," ergänzte der
Bürgermeister. „Na, bald findest du
am Ende einen vernünftigen Mann,
der dich deiner Mama fortnimmt und
dich ."
„Onkel Cäsar, du wolltest mich
nicht unterbrechen! Ich denke, rund
heraus gesagt, nun und nimmer an's
Heiraten. Bitte, laß mich ausreden!
Ich suche Ruhe und Trost in der
christlichen Religion und finde sie
nicht. Ich hasse und verabscheue diese
ewigen gesellschaftlichen Fadheiten,
diese abgeschmackten Ballgespräche,
diese Modetorheiten und gelehrten
Lektionen. In meiner Herzensqual,
Onkel, suche ich Rat und Trost bei
dem Geistlichen, der mich konfirmiert
hat. Ich erzähle ihm alles, schütte ihm
e i n a n z e s e z a u s e i e
ihm fast und frage ihn, ob ein jun
ges Mädchen, das für die Gesellschaft
und ihre oberflächlichen Freuden kei
nen Sinn hat, nicht besser tue, sich in
den Dienst der Kranken und Armen
zu stellen, und o Onkel, es ist ab
fcheulich! was antwortet der Pa
stor mir? ,Alice,' sagte er, ,tanzen
Sie diesen Winter nur fleißig, dann
werden Ihnen diese Backfischflausen
schon von selbst vergehen!'"
(Fortsetzung folgt)
(Eine Rosenkranz
Geschichte
Der Rosenkranz ist nicht bloß das
abgekürzte Evangelium für große
Leute, für Erwachsene, Gebildete und
Gelehrte eine tiefe Quelle himmli
schen Trostes und göttlicher Weis
heit er ist auch für die Armen, die
Unwissenden und besonders für die
lieben Kinder, deren Unschuld diese
Begrüßungen der Königin der En
gel am teuersten macht. Was ist leich
ter als das Rosenkranz-Gebet? Da
rum fühlen gute Kinder sich mächtig
zu dieser Gebetsweife hingezogen, und
durch den heiligen Rosenkranz be
schenkt die liebe Gottesmutter sie mit
großen Gnaden, beschützt ihre Un
schuld, vervollkommnet ihre Tugend
und führt durch fromme Kinderher
zen auch andere dem Himmel zu.
Ein noch im jugendlichen Alter
stehendes Kind, das man von seiner
Geburt an unter den Schutz der Mut
tergottes gestellt hatte, deren Name
ihm auch bei der Taufe gegeben wor
den war, entzückte das Herz der Him
melskönigin durch seine Unschuld und
frühzeitige Frömmigkeit. Die heili
gen Rosenkranz-Geheimnisse übten
auf die Kleine eine unwiderstehliche
Anziehungskraft aus, und sie betete
den Rosenkranz mit rührender An
dacht. Jeden Abend kniete sie geisti
gerweise an der Krippe des Jesukin
des. sogar die schmerzhaften Geheim
nisse waren nicht zu hoch für ihre
Fassungskraft und Nachahmung. An
einem Karfreitag war es, da erzählte
ihr die fromme Mutter vom Leiden
Christi. Sie suchte dem Kinde begreif
lieh zu machen, daß man, um dem lie
ben Heiland ähnlich zu werden, ge
duldig leiden und sich manchmal über
winden müsse.
„Mutter," entgegnete das kaum
sechsjährige Mädchen, „was ist denn
.überwinden'?"
Die Mutter erklärte es dem Kinde
durch die Bemerkung: „Ueberwinden
heißt so viel, als dem lieben Jesus zu
lieb ein kleines Opfer bringen. Das
soll man gern und freudig tun. Der
liebe Gott allein soll es wissen. Und
wenn uns auch manches schwer fällt,
es ist dann Jesu um so angenehmer."
Am Abend fand man des Kindes
kleinen Vesperschmaus ganz unbe
rührt. Aus Liebe zu Jesu hatte es
nur trockenes Brot gegessen.
Verdiente das gute Kind nicht durch
seinen Eifer, die glorreichen Rosen
kranz-Geheimnisse wirklich kennen zu
lernen Doch keine Knospe wird
schmerzlos von ihrem Stamme ge
rissen. Lange und schwere Leiden ver
klärten noch die auserwählte Seele
des Kindes.
„O Du liebes, liebes Jesukind,"
sprach es oftmals, „ich opfere Dir all'
mein Leiden auf!" Es bat U. L. Frau
vom Rosenkranze um ihren Segen
und starb mit sechs Jahren, seine El
tern schmerzgebeugt, aber doch erge
ben in Gottes heiligen Willen auf
Erden zurücklassend denn sie hatten
nun einen Schutzengel mehr im Him
mel.
A E A N
vv 1////'
V y /H'
o
SAUBER
DILL IC
V/ ndor er Printmo Co

o a A u S a A i u

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