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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, November 17, 1945, Ausgabe der 'Wanderer', Image 5

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Hllke fur ds» deutlche Volk
Hr. Theobald I. Dengler, der
kürzlich als Mitglied der „Mied
Control Commission", Abteilung für
.religiöse Erziehung, nach Berlin flog,
schickte aus Berlin (20. Oktober) ei
nen Brief an Frau Marie Filser
Lohr, die Präsidentin des Katholi
schen Frauenbundes von Amerika, der
einen dringlichen Appell an das ame
rikanische Volk bildet, den hungern»
den Frauen und Kindern in Deutsch
land zu Hilfe zu kommen.
Der von Frau Filser-Lohr der
Oeffentlichkeit übergebene Brief lau
tet in deutscher Uebersetzung' wie
folgt:
Ich ergreife die erste Gelegenheit,
die sich mir bietet, um Ihnen für die
große Aufmerksamkeit der Absendung
Ihres Glückwunschtelegramms zu
danken Ich habe hier eine Beson
ders schwierige Aufgabe, aber ich ver
suche, mein Bestes unter den ständig
wechselnden Umständen zu tun.
Bitte versuchen Sie doch, uns hier
zu helfen. Die Not ist sehr, sehr groß,
und dringende Hilfe ist notwendig.
Es tut mir leid, daß ich gleich in mei
nem ersten Briefe mit einem Appell
und einer Bitte beginnen muß, aber
ich sehe jetzt, daß wir gar nichts tun
können. Nur die Leute in den 93er.
Staaten können helfen. Die Tatsa
chen zeigen akuten Hunger und Man
gel unter Kindern und alten Leuten,
besonders unter denjenigen Deut
schen, die aus dem neuen polnischen
Territorium und aus Ostpreußen
vertrieben worden sind. Ich habe hier
keine genauen Zahlen der täglichen
Todesfülle durch Verhungern vorlie
gen, aber sie sind sehr hoch, doch im
mer noch nichts im Vergleich zu dem,
was wir später erleben werden, wenn
erst der richtige Winter einsetzt. Der
Anblick, am Stettiner Bahnhof, wo
ganze Waggons voll von diesen Leu
ten aus der russischen Besatzungszone
ankommen, ist so schrecklich, daß man
das Elend einfach nicht beschreiben
fann. Diese Unglücklichen kommen
hierher, ohne zu wissen, wohin sie
gehen sollen, ohne jede Hilfe und
Unterstützung: sie können auch nicht
hierbleiben, weil Berlin nicht genug
Lebensmittel hat, um sich selbst zu
ernähren. Die Stadt ist ja weiter
nichts als ein riesiger Schutt- und
Müllhaufen. BiA jetzt habe ich buch
stäblich nicht ein einziges unbeschä
digtes HauS ober eines, das vollstän
dig wieder instandgesetzt worden wä
re, gefunden es gibt kein Glas,
keinen Zement und kein Holz. Wenn
irgendeine» durch einen Zufall den
besonders schweren Luftangriffen ent
(jftig (es waren über vierhundert),
dann wurde es vom Geschützfeuer bei
den Straßenkämpfen getroffen, tier
brannt oder ausgeraubt oder böswil
lig zerstört. Der ganze Ort ist wie
eine leere Hülse. Man kann nichts
kaufen, und einfach nichts ist zu ha
ben.
Die Not ist so groß, daß die Regie
rung oder die Armee dringend etwas
tun müssen. Aber es geschieht nichts
und wird nie etwas geschehen, bis die
öffentliche Meinung zu Hause (in den
Ver. Staaten) ihren Standpunkt än
dert. Keine Hripate Hilfe irgendwel
cher Art wird möglich oder gestattet
sein, bis die Zeitungen in den Ver.
Staaten ihre Haßkampagnen aufge
ben und den lächerlichen und unwah
ren Behauptungen in ihren Spalten,
daß es den Leuten in Deutschland
recht gut gehe, keinen Platz einräu
men. Es ist höchste Zeit, daß die
Wahrheit bekannt wird.
Die offizielle Haltung ist: die
Deutschen müssen sich selbst helfen.
Aber wie und womit? Geld nützt
nichts, es hat hier keinen Wert Die
deutschen Bischöfe sagen: „Wir' kön
iten mit Geld weder etwas kaufen
noch sonst etwas anfangen. Wir brau,
chen Lebensmittel, Kleidung, Medi
kamente und Vorräte." Ohne die An
Wesenheit der amerikanischen Armee
würden diese Dinge gestohlen wer
den usw. Die Armee wird aber nichts
tun. Erst muß sich die öifentliche
Meinung zu Hause ändern. Im Na
men der Menschlichkeit und christli
chen Nächstenliebe versuchen Sie, den
Leuten bei uns klarzumachen, daß der
Krieg vorbei ist. Die Deutschen sind
vollständig besiegt. Warum fahren
wir fort, Krieg gegen hilflose Kinder
und Greise zu führen? Die Politik
des Heeres besteht darin, den Auf
trag des amerikanischen Volkes aus
zuführen, und solange sich die öffent
liehe Meinung nicht ändert, wird auch
der kleinste Bruchteil einer Hilfelei
stung verweigert werden.
Die weltberühmte St. Bene
dict-Wundsalbe
Erprobtes Heilmittel gegen alle
Birten von alten und frischen Wun
den. Geschwüren, Gewächsen, Biß
munden, Karbunkeln, usw. Bitte Geld
nur durch Post Money Order zu schif
fen. Kein.' Stamps. 60 Cents du
jSdiochtcl bei
4. L. STAAB
NW VeUeyvtew Are., CMCVKLAND U. 0.
Es ist wirklich nutzlos für Sie,
Geld oder irgend etwas anderes zu
sammeln. Was dringend nötig ist,
wäre, daß die Presse ein paar an
ständige Reporter hierher schickt, uftt
eine menschliche Darstellung zu ge
ben und damit aufzuhören, auf Leu
ten herumzutrampeln, die in jeder
Beziehung am Boden liegen und ver
loren sind
»Positive Aktion zugunsten der
Notleidenden in Deutschland, insbe
sondere hungernder Kinder, kann
bald erwartet werben," erklärte am
Samstag ein Mitglied eines deutsch
amerikanischen Ausschusses in New
Jork, der nach Washington eingela
den worden war, um mit dem Staats
departement und dem Kriegsamt über
Hilfeleistung für hilfsbedürftige Zi
vilpersonen in Deutschland zu bera
ten.
Es wurde eine Erklärung ausgege
ben, welche besagt, daß sich am Diens
tag, 7. November, eine aus Deutsch
Amerikanern verschiedener Landes
teile zusammensetzende Delegation
auf Einladung des Staatsdeparte
ments und bes Kriegsdepartements
nach der Bundeshauptstadt begeben
hatte, „um über die Möglichkeiten
der Hilfeleistung für deutsche Zivil
Personen, insbesondere die Kinder
und die Alten, zu beraten". Die Dele
gierten berieten mit Vertretern bei
der Aemter, doch enthielt die ausge
gebene Erklärung keinerlei Hinweis
aus das Ergebnis der Verhandlun
gen dieses soll jedoch in einigen Ta
gen veröffentlicht werben. „Eine voll
ständige Erklärung wird von dieser
Gruppe, die künftig ,American Com
mittee for the Relief of German
Children and the Needy, Inc.' heißen
wird, noch ausgegeben werden," hieß
es in der vorläufigen Erklärung.
Nach ber ,N. A. Staatszeitung' hat
ber Ausschuß bereits bie Errichtung
von Zweigen in Chicago, Milwaukee
uitb Clevelanb vorbereitet, ebenso bie
Einsetzung eines großen Ehrenaus
schusses, zu dem bereits Amerikaner
von nationalem Rufe eingeloben
wurden.
Um eine aktive Hilfeleistung für
bie Lutheraner im kriegsverheerten
Europa zu ermöglichen, hat ber „Na
tional Lutheran Council" bie Grün
bung einer internationalen Hilfsor
ganisation burchgerührt. Diese führt
ben Titel „Lutheran Worlb Relief,
Inc." unb bieiit als offizielle Vertre
terin für -die Hilfsaktionen der
LWCAS (Lutheran World Council,
American section).
Zweck der neuen Hilfsorganisation
ist die Versorgung der lutherischen
Gemeinden auf dem europäischen
Kontinent mit Medikamenten, Le
bensmitteln, Kleidung und Bargeld
zur Verteilung an bedürftige Perso
nen. Die Korporation wird die Ver
teilung ber Unterstützungen überwa
chen.
Dresdens Zerftürimg
Heber das Luftbombardement von
Dresden sind auch nach Einstellung
der kriegerischen Ereignisse wenige
authentische Berichte hierher gelangt.
Aus Darstellungen in schweizer Blät
tern sind bie folgenden Angaben zu
sammengestellt.
Dresdens Zerstörung erfolgte am
13. Februar 1945. Es war an dem
Tage so stürmisch unb bunfel, daß
fein Mensch an einen Angriff dachte.
Der Wind pfiff unter der nieder da
hintreibenden Wolkendecke. Es war'
kalt und schon tagsüber so dunkel,
daß man sich ganz sicher fühlte. Aber
dann brach das fürchterliche Unwet
ter herein. Ter Luftangriff vom 13.
Februar ist der erste unb gleichzeitig
ber letzte große Angriff gewesen. Er
besiegelte bas Enbe Dresdens.
Es war ungefähr halb zehn Uhr,
als bie erste Welle ber Flugzeug
Formationen kam. Ein Slugenzeuge,
schweizer Bürger, schilderte ben sich
chm bietenden AMick folgenderma
ßen:
Ich kam aus dem Luftschutzkeller
heraus, tastete nach meinem Rad und
fuhr ein paar hunbert Meter, bis ich
freie Aussicht übet bie Stabt hatte.
klang, als ob bie Hölle ausgebro
chen fei. Die tief über bie Erde da
hinbraufenden Zweimotorer, die
jchweren Bomber sogar, die bis auf
sechshundert oder tausend Meter
herabkamen, das Krachen der Explo
sionen, alles das vereinte sich zu ei
nem so wahnsinnigen Getöse, daß
meine Sinne erst nur dieses eine er
fassen konnten, den Lärm eines
losgelassenen Inferno.
Und dann sah ich ben unfaßlichen,
ben wahnwitzigen Anblick bes Flam
menmeeres, das sich binnen weniger
Minuten wie eine glühende Flutwelle
über bie ganze Stabt ergossen hatte.
Von Lebtau bis Blasewitz ein einzi
ger Branbherb, rote, gelbe Flammen
jungen, die zum Himmel loderten,
dampfende, zuckende, rasend dahin
stürmende Wolfen, schwarzbraun,
graugelb, rotweiß fochenbe Gebilde,
die im Sturmwind dahinfuhren, auf­
OHIO WAISENFREUND
stiegen, zerflossen, grelle weiße, rote,
gelbe Explosionen, aus denen die
Bomber herauszuschießen schienen, als
ob eine Schar aufgescheuchter Riefen
vögel auf der Flucht sei. Aber es war
feine Flucht. Brüllend vor Wut und
Zerstörungslust, wie tobsüchtige Un
geheuer, nicht mehr wie Maschinen,
schwangen sie sich wieder zum Him
mel, neuen Wellen auszuweichen, die
hinter ihnen herstießen.
Kein Angsttraum vermag auch nur
annähernd so lähmend und aufpeit
fchend zugleich, so entsetzlich faszinie
rend und gleichzeitig so erschreckend
zu sein, wie es der Anblick des Unter
ganges von Dresden war, der sich
meinen Augen darbot. Keine Feder
kann je schildern, wie furchtbar die
ser Angriff wirkte. Ohne daß ich je
vorher einen Großangriff miterlebt
hatte, wußte ich doch gleich, daß hier
etwas anderes geschah als es je vor
her einer anderen deutschen Stadt
widerfahren war, denn hier waren es
nicht irgendwelche Ziele, irgendein
bestimmtes Viertel, die zum Angriff
ausersehen waren, sondern diesmal
galt es einer ganzen Stadt. Ich ver
stand nicht, was ich mit meinen eige
nen Augen sah! Wie erstarrt stand
ich im Dunkel. Wie betäubt vernahm
ich den Höllenlärm dieser Todesnacht.
Aber so rasend mein Gehirn auch ar
beitete: Ich verstanb nicht bas Ge
ringste! Es war unfaßlich, unvorstell
bar, es war gerabezu unwirklich!
Vier Shmbeit brauchte ich, um mit
dem Rabe nach Loschwitz zu kommen.
Inzwischen waren sechs, acht, zehn
Wellen von feuerspeienben Flugzeu
gen über Dresden hinweggegangen
unb hatten alles in Branb gesteckt
alles!
Es war gegen halb zwei Uhr mor
gens gewesen, als bie Englänber zum
Meilen Male in bieser Nacht angrif
fen. Aus der brennenden Hölle von
Dresben kamen irre Gestalten gelau
sen geschwärzte, angstverzerrte Ge
sichter, bie vor dein brennenden Hin
tergrund auftauchten, schreiend, keu
chend. Als der zweite Angriff kam,
"ohne daß die Alarmsirenen ertönten,
hatte die ganze Stromversorgung
längst aufgehört. Und als noch ein
mal dieser grauenhafte Tanz der
Elemente begann, Feuer und Bom
ben our die Stadt herniedergingen,
sah ich stumm und unbewegt von den
Xioschwitzer Höhen hinab und wußte
nur: Jetzt wird es vollendet! Dies
mal waren vielleicht fünfhundert
viermotorige Flugzeuge am Werk,
wieder dauerte es nur zwanzig Mi
nuten, wieder waren es sechs bis zehn
Wellen, die diesmal-schon in das
Flammenmeer hinabstießen, und wie
der schoß kein einziges Flak, stieg fein
einziger Nachtjäger zum Gegenan
griff auf. Ich wußte, es war das
Ende, aber selbst da ahnte ich noch
nicht, wie grauenvoll es für jene ge
wesen war, die mitten darin steck
ten ..
Als ich drei, vier Tage darauf von
ein paar Motorfahrern hörte, daß
nicht „Zehntausende", wie man uns
sagte, sondern rund zweihunderttau
send Menschen in diesen beiden An
griffen umkamen, wußte ich auch, daß
diese Zahl nicht zu hoch gegriffen
war, denn da hatte ich schon selbst
gesehen,^toie die Leichen zu manns
hohen stapeln aufgeschichtet überall
umhergelegen hatten Hunderte
und aber Hunderte an den größeren
Plätzen, bei den Bahnhöfen, in den
Alleen. Ich selbst hatte ja gesehen,
welche unaussprechliche Tragödien sich
im „Großen Garten" abgespielt ha
ben mußten, Dresdens riesigem Park
in der Altstadt, der mehrere Qua
dratkilometer bedeckt und nun buch
stäblich mit Leichen übersät war! Und
wen konnten diese Zahlen wundern?
Zu den rund 650,000 Einwohnern
von Dresden waren ja eine halbe
Million Ostflüchtlinge gekommen,
Luftschutzkeller hatte es nicht gegeben,
Zwischen den beiden Angriffen waren
zwanzig, oder dreißigtausend Men
schen allein in den „Großen Garten"
geflüchtet, und davon allein waren
schon rund zehntausend umgekom
men! Der Brand war es, der die ent
setzlichen Verheerungen angerichtet
hatte, und sogar die Opfer des „Gro
ßen Gartens" waren nicht von
Sprengbomben zerrissen, sondern von
den anderthalb Millionen Branb
bomben erschlagen worden, die über
diesem Park niedergingen. Noch zehn
Tage nach dem Angriff waren die
Leichenstapel nicht abgetragen, obwohl
überall Lastwagen eingesetzt wurden,
um bie Toten in bie rasch gegrabenen
Massengräber zu -bringen, obwohl
man sich nicht erst bamit aufhielt, bie
Opfer zu identifizieren, sondern sie
wie schutt und Asche auflud
Viertel, wo ich jedes Haus gekannt
hattö, wo ich mich bei Nacht im Dun
kel an Hand der vertrauten Silhouet
ten dieser oder jener Gebäude jeder
zeit zurechtgefunden hätte, waren jetzt
bei hellem Tage nicht mehr wieder
zuerkennen. Alt-Dresben, das Zen
trum, die Gegend am Poftplatz, Pro
gerstrafee, Altmarft, die Straßenzüge
zwischen Hauptbahnhof und Porti
kus waren so restlos vernichtet, daß
buchstäblich kein Haus davongekom
men war. Und das alles hatte nur
der Brand getan. Wo noch ein paar
Fassaden scheinbar unverletzt dastan
den, gähnte dahinter die Leere. Das
Schloß, die katholische Hofkirche,
Oper, das weltbekannte Hotel „Bei
levue" alles waren nur noch aus
gebrannte Ruinen. Der Schloßturm
war zur Hälfte weg. Wohl stand noch
der so berühmte Hofkirchenturm
Chiaveris, den die Kunstgeschichte als
den elegantesten Turm der Welt
kennt, wohl standen noch im nicht
minder berühmten Zwinger ein paar
Wände und Fassaden. Doch sie stan
den nur noch als Ruinen über Trüm
mern. Denn der Brand, der am 13.
Februar halb zehn Uhr nachts begon
nen hatte, währte ununterbrochen
fünf Tage und Nächte, ohne daß man
feiner Herr werden konnte. Ja, die
Desorganisation war so groß, daß
man nirgends auch nur den Versuch
machte zu löschen. Wie sollte man
auch, wenn doch eine ganze Stadt
lichterloh in Flammen stand?
Gewiß, die Brücken hatten wider
standen, denn bie Sprengbomben, bie
umn daraus abgeworfen hatte, waren
entweder am Ziel vorbeigesaust ober
hauen nur ein paar Löcher in's Pfla
ster reißen können, aber anbernorts
hatten sie furchtbar genug gewütet.
Am Hindenburg-Ufer sah ich förmli
che „Schneeverwehungen", pulveri
siertes Glas der Fensterscheiben, das
der Wind zusammengetrieben hatte.
Die riesige Polizeikaserne am Sach«
feiiulatj, ein mächtiger Bau aus
Sandsteinquadern von Mannshöhe,
war tote ein Papierhaus ausgebrannt.
Kilometerweit fand ich keinen be
wohnbaren Raum. Wenn gewisse
Straßen trotzdem noch einigermaßen
passierbar waren, lag das daran, daß
bei Bränden die Häuser nach innen
einstürzen. Alle schulen, alle Kran
kenhäuser, alle Fabriken hatten das
selbe Schicksal geteilt. Das Wasser
weg an ber Elbe, die drei Albrechts
Schlösser, jede einzelne der Villen
der stubelallee beim „Großen Gar
ten .einer Avenue, die sich nur mit
den Straßen um die Etoile von Pa
ri* vergleichen läßt, waren einzeln
weg gesprengt worden. Wäre es nicht
Zu gefährlich gewesen, Aufnahmen zu
machen, hätte ich geradezu unglaub
liche Bilder von der Wucht dieser Zer
störung heimbringen können. So sah
ich I'll' Doppel-^ -Träger eines unge
fähr um die Jahrhundertwende beim
Aliierl-Platz in Neustadt gebauten
Wohnblockes in sich wie dünne Locken
nadeln uerknäuit umherliegen. Trä
ger uon einem Meter Höhe und Brei
te, wie man sie so mächtig später über
haupt nie mehr verwendet hatte. Ich
sah ganze Straßenzüge in der Innen
staöt verschüttet und wußte, daß hier
kein Mensch entronnen war, daß hier
allein Zehntausend? urn's Leben ge
kommen waren
Lenkmal der Lachtucht
Bon E. I. e i e u e e
(Schluß)
Die nächsten Tage beginnen die
Prozesse gegen die Kriegsverbrecher,
nach
eigen» üazu konstruierten Geset
zen. Sogar die deutschen Bischöse ha
ven die Bestrafung wirklich Schuldi
vier gefordert. Aber wir machen die
Prozesse zur Komödie, wenn nicht
bloß die Urteile schon vorher festste
hen, sondern wenn auch unsere Bun
desgenossen dieselben Verbrechen be
gehen oder sie noch übertreffen,
nicht in Kriegszeiten, sondern im
„Frieben". Alle Achtung vor bem
anglikanischen Bischof Ehivasse, ber
den Mut hatte, bie Frage zu stellen:
„Sind wir eine Nation von Erz
Heuchlern? Sollen wir Deutsche hält
ien für biefelben Verbrechen, bie wir
'elber soviel griinblicher begehen?"
'New Notker ,Times', 30. Septem
ber.) Es ist eine Katastrophe für bie
Menschheit, wenn Gerechtigkeit zur
Komödie wird. Man denke sich die
Stalin, Benesch und Stalinskis als
Nichter über die Nazis, Menschen,
deren Hände vom Blut deutscher
grauen und Kinder triefen!
Seit dem Turmbau von Babel—
San Francisco scheint die Sprachen
Verwirrung noch gewachsen. Die an
geblichen Führer der Welt brauchen
Nonate, um Begriffe zu klären, die
jedes normale Schulkind erklären
kann. Man mußte „Angriff" so er
klären, daß es die Nazis einschließt,
die anderen Angreifer von Finnland
bis Polen freispricht. Die „Friedens
tonferenz" ist zusammengebrochen,
weil man keinen Ausweg fand, Ty
rannei als Demokratie zu maskieren.
Unsere Staatsmänner schwelgen in
hochtönenden Phrasen über Freiheit,
Gerechtigkeit ihre Taten verewi
gen Unfreiheit und Unrecht. Es gilt
nur mehr das Recht des Dschungels.
Es ist bezeichnend, daß man zu Be
ginn des Krieges Homer Leas Wort
„War |or Survival" ausborgte, um
den zweiten Weltkrieg zu charakteri
sieren —r d. h. das darwinische Gesetz
vom „Ueberleben des Stärkeren",
Hitlers Grundgesetz. Es ist hohe Zeit,
den Worten ihren Sinn wieder zu
geben. Chesterton hat sich nicht ge
schämt, als reifer Mann den Kleinen
Katechismus zu studieren. Vielleicht
wäre es gut, den Katechismus bei der
nächsten Konferenz aufzulegen und
nachzuschlagen. Dort wird noch im
mer Sünde Sünde, Verbrechen
Verbrechen genannt. Dort steht, daß
bor Gott kein Ansehen Ser Person
gilt: ob Deutscher ober Tscheche, Hit
ler oder Benesch, macht keinen Un
terschieb. Wenn Hitlers Unrecht an
Deutschen unb anberen Nationen Ver
brechen waren, bann ist Benesch ge
richtet so gut wie Hitler, auch wenn
keine irbische Macht ihn zur Verant
wortung ziehen würbe. In seinem
Namen werben Frauen unb Kinber
vertrieben, gefoltert, gefchänbet, ge
morbet. Er steht in einer Reihe mit
denen, die das Kainszeichen aus der
Stirne tragen. Und das Blut der Er
schlagenen schreit zum Himmel seit
den Tagen des Brudermörders Kain
bis herauf nach Dachau, Belsen, Aus
sig, Brünn. Wir klagen nicht das
tschechische Volk in seiner Gesamtheit
an, das einem Ouisling Stalins aus
geliefert wurde, das sich in seinen
besseren Elementen wehrt und schämt
wie Deutsche über Hitlers Barbarei:
Wir klagen Benesch und seine Clique
an wie Hitler und seine Gangster
Noch Eines wollen wir festhalten'
Die Tschechei wurde nach dem letzten
Kriege gegründet durch die Alliierten
München hat bewiesen, wie unmöglich
der Ausbau des Staates war. Die
heutigen Vorgänge beweisen, daß Be
nesch und Konsorten unfähig sind, ei
nen vielnationalen Staat zu lenken
es sei denn mit Hitlers Brutali
tät, Es fehlt ihnen jede einigende
vsöee. Sie haben sich weder selbst ver
teidigt noch selber befreit. Was heute
geschieht, wurde in Potsdam ge
gen alles Menschenrecht, von Gott
nicht zu reden bewilligt. Das Blut
der Ermordeten klebt auch an unseren
Händen, so ferne wir zu den Verbre
chen schweigen!
Das Schweigen ist bedrückend und
beschämend, Währenb bes Krieges
wurde jedes Nazi-Verbrechen genau
registriert. Man war freigebig mit
der Kanonisation von „Märtyrern".
Ich kenne Fälle, wo Menschen, bie an
Altersschwäche ober Krebs starben,
einfach mit auf bas Konto ber Nazis
geschrieben wurden. Manche unserer
Kommentatoren scheinen den V-E
und
V'J'Xclq
verschlafen zu haben
sie hetzen weiter, weil ihnen das zur
zweiten Natur geworden ist. Es soll
sich dabei auch besser leben lassen als
von der Verkündigung der Wahrheit
und der Liebe. Ein Mitglied des ehe
maligen deutschen Reichstages, G. H,
seger, hat einen offenen Brief an die
New Aorker ,Times' gerichtet und sie
aufgefordert, über die Fortsetzung
von Hitlers Verbrechen unter demo
kratischer Maske zu berichten. Der
Brief wurde natürlich unterdrückt, so
wie die drei Briese, die ich schrieb, um
offene Verdrehungen der Tatsachen
richtig zu stellen.
Es hat mich oft fleinmütig ge
macht, wenn ich immer wieder hören
mußte, daß alle Deutschen für die
Nazi-Barbarei verantwortlich sind.
Allmählich macht es mich stolz. Man
setzt bei diesem Vorwurf nämlich vor
aus, daß jeder Deutsche ein Held ist,
der trotz Drohung mit Tod und Kon
zentrationslager den Mut hatte, dem
Tyrannen das Johannes-Wort: Non
lieet Es ist dir nicht erlaubt
entgegenzuschleudern. Ich weiß um
dieie Helden. Die Bischöfe haben
neuerdings vor der Welt bezeugt,
daß Millionen Deutsche Millionen
bestätigte auch_ der Papst diesen
Mut hatten, sogar die New 3)orker
.Times' mußte jetzt zugeben, daß
„hunderttausende der nichtjüdischen
Bevölkerung des Reiches zu den Nazi
Schlachthäusern getrieben wurden".
Ein Volk mit. Millionen von Helden
ist und bleibt ein großes Volk. Selbst
ein Hitler kann seine Ehre und Grö
ße nicht auslöschen.
Nun eine Gegenfrage: Es wieder
holt sich heute am deutschen Volk die
Barbarei Hitlers, Deutsche werden
vertrieben, geschändet, gemordet. Nicht
in abnormalen Zeiten, sondern im
frieden. Nicht im Namen einer Dik
tatur, sondern im Mantel der Demo
kratie. Nicht im Namen verrückter
Rassentheorien, sondern im Namen
höchster Ideale der Menschheit und
des Christentums, Potsdam hat diese
Verbrechen sanktioniert wie im
mer man das drehen mag. Man weiß
in London und Washington, daß
Potsdam die Barbarei nicht einge
stellt, sondern verschärft hat. Durch
die Abriegelung der amerikanischen
Besatzungszone wurde die Lage der
Opfer nur noch verschlechtert. Das
russische Loch bleibt offen. Die Män
ner werden wegtransportiert als
Sklaven. Tie Frauen werden geschän
det. „Frauen und Mädchen schlafen
vor Angst nicht," heißt es in einem
Brief, der einen meiner Freunde aus
Wien erreichte. Ich wiederhole:
Das geschieht unter unserer Mitver
antwortung! Wir haben den Russen
und ihren Ouislingen den Eintritt
»ach Europa erbombt. Potsdam trägt
unsere Unterschrift. Und es braucht
wahrhaftig keinen Heroismus, diese
Dinge einzustellen. Noch können wir
reden, schreiben, protestieren, unsere
Regierung zur Aktion zwingen. Es
braucht nur etwas Menschlichfeit,
Christentum, vielleicht auch nur ge
funden Hausverstand. Aber „über
allen Wipfeln ist Ruh, nicht einen
Hauch spürest du". Sind' wir noch
Christen?!
Tie Brutalität der Benesch und
S a i n s k i s a e e n a s e i n e
infamen Propagandalüge ein Ende
gemacht: Barbareien sind nicht ein
„Sondervorzug" der Nazis: es gibt
Bestien und Gangster in jedem Land,
ob sie sich Nazis oder Neo-Hussiten
nennen. Und es braucht wirklich nur
eine Handvoll verbrecherisches Gesin
del, um dichtbesiedelte Gebiete zu ter
rorisieren.
Wer in dieser Stunde schweigt ge
gen besseres Wissen und Gewissen,
der leistet seinen Beitrag zum Tenf
mal der Benesch und Genossen. Aber
dieses Tenfmal wird nicht tn Lidice
stehen. Es reicht über Polen, Balti
kum, Ungarn, Sudetenland. Und da
rauf steht geschrieben für fommende
Geschlechter:
„Hier haben Sieger im Macht
rausch der Menschheit letzte Hoffnung
geraubt, ihre Ibeale verleugnet und
geschändet, 15,000,000 Menschen ge
martert und gemordet."
V»pü Pius XII. über die
Aufgaben der JPrau
tn der Gegenwart
Vor kurzem hielt ber HI. Vater
eine bedeutsame Ansprache an die zu
einer Sonderaudienz versammelten
Vertreterinnen der katholischen
grauen Italiens, die über den
Rundfunk an die gesamte Welt über
tragen wurde. Im folgenden geben
wir eine wortgetreue Uebersetzung der
durch die „Ass. Preß" weitergegebe
nen Ausführungen des Papstes:
/.
Pflichten der Frau im sozialen und
politischen Leben
Eure Anwesenheit in so großer
Zahl um Uns, geliebte Töchter, ist
besonders bedeutsam in diesem Au
genblick. Denn, wenn Wir auch zu
jeder Zeit glücklich sind Euch zu emp
fangen, zu segnen und Euch Unseren
väterlichen Rat zu erteilen, besteht
heute der besondere Umstand, daß
Wir, auf Euer dringendes Ersuchen,
Uns mit einer Frage befassen wol
len, die von größtem Interesse und
von äußerster Wichtigkeit für unsere
Zeit ist, nämlich die Pflichten der
Frau im sozialen und politischen Le
ben, Wir für Unfern Teil ergreifen
gerne die willkommene Gelegenheit,
denn bie fieberhaften Bewegungen des
gegenwärtigen Umbruchs und, dar
über hinaus, die Befürchtungen über
die ungewisse Zukunft haben die
Stellung der Frau in den Vorder
grund der Programme der Freunde
sowie der Feinde Christi und der
Kirche gerückt.
Das Problem der Frauenwürde
Zunächst muß gesagt werden, daß
nach Unserer Auffassung des Frauen
problems, sowohl in seiner Gesamt
heit wie auch in all seinen vielen Ein
zelheiten, sich um die Erhaltung und
Festigung der Würde handelt, die die
Frau von Gott erhalten hat. Für Uns
handelt es sich beshalb nicht um ein
nur rechtlich-, wirtschaftlich., erziehe
risch-, biologisch-, politisch-oder demo
graphisch-geartetes Problem, sondern
ein Problem, das sich trotz seiner Viel
fältigkeit einzig und allein um die
Frage dreht, wie die Würbe ber Frau
erhalten unb gefestigt werden kann,
besonders in der heutigen Zeit und
unter den Umständen, in die uns die
Vorstellung gestellt hat.
Ein Versuch die Frage anders auf
zufassen oder sie ausschließlich unter
irgend einen der Aspekte zu unter
suchen, die Wir soeben ausgezählt ha
ben, wäre in Wahrheit eine Umgeh
ung des wesentlichen Problems, ohne
Nutzen für irgendjemand, am wenig
sten für die Frau selber. Sie zu tren
nen von Gott und der Ordnung der
Tinge, die der Schöpfer in Seiner
Weisheit aufgestellt hat, und von
Seinem heiligen Willen, bedeutete
den wesentlichen Punkt des Problems
übersehen, nämlich die Würde der
Frau, die Würde, die sie nur von
Gott und in Gott besitzt.
Es folgt darum, daß jene Systeme
die Frage der Rechte der Frau nicht
ordentlich behandeln können, die Gott
und Sein Gesetz von dem sozialen
Leben ausschalten und den Geboten
und der Religion bestenfalls nur ei
nen bescheidenen Platz im Privatleben
des Einzelnen einräumen.
Darum ist es lobenswert, daß Ihr
Euch, unter Mißachtung von hochtra
benden und leeren Phrasen, mit de
nen manche die Bewegung zugunsten
der Frauenrechte zu umkleiden su
chen, organisiert und vereinigt habt
als katholische Frauen und Mädchen,
um aus rechtmäßige Weise die natür
lichen Belange und wahren Interes
sen Eures Geschlechts zu wahren.
cFortsetzung auf Bette 8)

lt. November

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