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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, November 24, 1945, Ausgabe der 'Wanderer', Image 1

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KM
•f4\v
Jahrgang 73
Zwischen Krieg und Frieden
Das Zeitalter der Atombombe
Die Beratungen, die in den letzten
Tagen von Präsident Truman und
den Vertretern Englands und Kana
das in Washington gepflogen mür
ben, und die Beschlüsse, die aus die
sen Besprechungen hervorgegangen
sind, kennzeichnen den ungeheuren
Ernst der Weltlage. Die Atombombe,
die in den letzten Tagen des zweiten
Weltkrieges zur Verwendung kam,
hängt wie ein drohendes Verhängnis
über der Welt, wie ein nachwir
kender Fluch des totalen Krieges, der
in ihr seine bisher höchste Steigerung
gefunden hat.
Ter erste menschliche Ungehorsam
gegen Gottes Gebot im Paradies, den
die ungläubige Welt in das Märchen
reich zu verweisen sich bemüht, hatte
verhängnisvolle Folgen für Adam
und Eva und ihre Nachkommen. Die
Erfinder der Atombombe haben die
heutige Menschheit in Gefahren ge
stürzt, die ihren Untergang herbeizu
führen imstande sind.
Zwar hat der Schöpfer und Herr
des Weltalls kein Verbot gegeben wie
in der Urzeit im Garten von Eden,
das den Menschen verbietet, einzu
dringen in die Myriaden Geheimnis
se des Alls. Im Gegenteil, alles, was
Er schuf. Hat feinen Zweck in Seinem
Weltplan und Heilsplan, und Er sei
ber hat die Menschen geheißen, sich die
Erde und ihre Kräfte Untertan zu
machen. In allen Jahrhunderten sind
führende Geister mit den ihnen von
Gott verliehenen Gaben eingedrun
gen in die Welträtsel und aus der
fortschreitenden Erkenntnis sind zahl
reiche Erfindungen hervorgegangen,
die, solange sie recht angewandt wur
den, das Leben besser und angeneh
met gestalteten. Erst wo sie miß
braucht, entehrt und entgegen dem
Naturrecht und Naturgesetz verwen
det wurden, wurden sie zum Fluch.
In der langen Reihe von funda
mentalen Entdeckungn der in der Na
tur geheimnisvoll schlummernden
Kräfte hat es feine gegeben, deren
erster Zweck der Massenmord art
Menschen war und die Vernichtung
ihrer Wohnstätten und der Erde, die
den Menschen, allen Menschen, vom
Schöpfer zugewiesen wurde. Erst der
zum Wahnwitz gesteigerte totale
Krieg hat das mit seiner Atombombe
zustande gebracht! Am Ende der lang
jährigen Forschungen und Versuche
mit dem Atom, dessen Wesen schon
der große griechische Gelehrte Demo
krit im vierten oder fünften Jahr
hundert vor Christus erkannt hatte,
standen Hiroshima und Nagasaki. Die
fürchterliche Vernichtung dieser japa
nischen Städte bildet nicht allein die
Klimax der barbarischen Kriegsfüh
rung unserer Zeit, sondern ist auch
gleich dieser ein Markstein in der
Menschheitsgeschichte. Die schauerli
che Oede, welche die welthistorischen
Explosionen dort anrichteten, stellen
in der denkbar krassesten Art die 'völ
lige Vermaterialisierüng des mensch
lichen Denkens und den brutalsten
Utilitarismus (Nützlichkeitsmoral)
dar, in den die von Gottes Gesetz
losgelöste Politik je verfallen ist. So
wurde die endlich gelungene Atom
Zertrümmerung, die den Menschen
hineinführte in die geheimnisvolle
Werkstätte des Schöpfers und an sich
die stolzeste Leistung der Wissenschaft
ist, zur Versündigung an der mit
Gottes Odem erfüllten Weltordnung.
Nicht höheren Zwecken diente die Be
wältigung einer Naturkraft, vor wel
cher der Laie mit verständnislosem
Staunen steht, auch wenn er mit den
Theorien ihres Wesens vertraut ist
diente nicht dem wahren Dienst der
Menschheit. Der antike Heide Demo
krit, der Ahnherr des Atomismus,
forderte in seiner Ethik als grundle
gend die Pflicht gegenüber der Ge
meinschaft. „Nicht äußere Güter und
Sinnengenuß, sondern Pflichterfül
lung und Maßhalten geben der Seele
die heitere Ruhe (Euthymia), das
höchste Ziel alles Strebens." Fast
vieründzwanzig Jahrhunderte nach
ihm sind wir auf dem besten Wege,
zurückzusinken in die „urahnliche Be
stialität", stellen wir als höchstes Ge
setz die Nützlichkeit und die Suprema
tie der Macht auf, machen wir dieser
die geheimnisvoll in der Natur wal
tende Schöpferkraft Untertan in rück­
V, ,\v
sichtslosestem Vernichtungskampf, der
schließlich mit der „Atomisierung" der
Menschheit und dös Weltalls enden
muß.
Und damit ja kein Zweifel darüber
bestehen kann, daß diese der Vernich
tung dienende Entfessellung der von
einem allweisen Schöpfer gebundenen
Kräfte der Natur symptomatisch ist
für die Entartung des von jeder Hem
mutig sich emanzipierenden menschli
chen Denkens, treten Moralisten auf
und suchen mit haarspaltenden Di
stinktionen die sittliche Erlaubtheit
der Atombombe darzutun: wenn
nämlich der Abwurf dieser fürchter
lichen Sprengwaffe einem militäri
schen Objekt gilt und die Vernichtung
vonf Nichtkombattanten und ihren
friedlichen Behausungen nur „akzi
dentell", eine, wenn auch noch so
bedauerliche Begleiterscheinung ist.
Wir müssen bekennen, daß uns solch
eine spitzfindige Kasuistik in einem
Fall, wo die entsetzlichtn Folgen von
vornherein klar auf der Hand liegen,
nicht allein geistiges, sondern auch
körperliches Uebelsein verursachte. Ei
ne gesunde Theologie und Moral
kennt solche stumpfe Spitzfindigkeiten
nicht! Es ist tröstlich und ein Glück,
daß diesem verflachten, absteigenden,
mit dem Troß der Macht laufenden
Denken die klaren Lehren der wirk
lichen Kenner der christlichen Moral
und des Völkerrechts gegenüberste?
hen, und daß Papst Pius mit der
brutalen modernen Kriegsführung
und der rücksichtslosen dabei vor
der schäbigsten Heuchelei nicht zurück
schreckenden Machtpolitik keiner
lei Kompromiß eingegangen ist und
furchtlos die Mächtigen der Erde, oh
ne Unterschied, immer wieder auf die
unwandelbaren Normen des Sitten
gesetzes hingewiesen hat.
Aber was kümmert sich der macht
berauschte Mensch um solche Lehren!
Ter Menschheit ganzer Jammer faßt
einen an, wenn man sieht, mit wel
cher Selbstgefälligkeit^ und Kraft
meieret die politischen und heute als
•Souveräne sich gebärdenden militä
rischen Wortführer über sittliche Er
iuägungen sich hinwegsetzen und das
Evangelium der Macht allenfalls mit
dem scheinheiligen Humanismus des
immer anmaßender auftretenden Lo
gentums verbrämen.
Charakteristisch ist in dieser Hin
ficht der Vorschlag des durch den
Krieg in seinen politischen Ambitio
nett geförderten Captain Stassen, des
früheren Gouverneurs von Minne
sota unter einer internationalen
Autorität die Verwendung der Atom
bombe zu ächten, aber diesem einst
weilen noch nebelhaften Weltbund
fünfundzwanzig Atombomben zur
eventuellen Verwendung durch eine
internationale Polizeimacht zur Ver
fügung zu stellen. Mit Recht hält die
sem merkwürdigen Vorschlag, ohne
alle Aspekte zu berücksichtigen, Nor
matt Thomas in der New Darker
.Times' entgegen: „Keine wirkliche
Polizeimacht in einer zweckmäßig or
gmtisierten Welt braucht die Atom
bombe. Es gibt genug andere Waf
fen. um den Frieden zu erhalten. Die
zerstörende Gewalt atomischer Ener
gie ist zu groß, als daß sie irgend ei
nem Menschen oder einer Gruppe von
Menschen anvertraut werden könnte.
Zudem würde die in Aussicht ge
stellte Verwendung dieser fünfund
zwanzig Atombomben irgend eine
große Nation oder irgend eine wich
tige Schicht in irgend einem Staat
veranlassen, den Gedanken einer in
ternationalen Polizeimacht mit aller
Entschiedenheit abzuweisen."
Wohin des Wegs?
Hrn. Staffens zwiespältiger Vor
schlag ist bezeichnend für die Hilflo
sigkeit, mit der wir einen Ausweg su
chen aus der Sackgasse, in die wir uns
mit der Atombombe verrannt haben.
Wie der Studiosus Frankenstein in
Mary Shelleys Roman („Franken
stein or the Modern Prometheus")
haben wir ein unheimliches Unge
heuer geschaffen, das uns zu seinen
Sklaven zu machen und zu vernich
ten droht. Vor dem Senatsausschuß
für militärische Angelegenheiten
warnte letzte Woche General Carl
Spaatz: „Der kürzeste Weg zum Ein
Bruch in die Ber. Staaten in einem
Stete Angst und zuletzt Chaos
das ist das Endergebnis des „Drei
ßigjährigen Krieges" unserer Tage,
der 1914 mit dem deutschen Ein
marsch in Belgien begann und mit
der Vernichtung von Hiroshima und
Nagasaki sein vorläufiges Ende fand.
Es war, rein menschlich gesprochen,
begreiflich, daß nach dem kläglichen
Zusammenbruch des Nazitums und
der unerhörten militärischen Nieder
lage Teutschlands die jahrelang ge
stauten Haß- und Rachegefühle wie
eine verheerende Flut über das Fein
desland rasten und daß sich gleichzei
tig der entschlossene Wille kundtat,
dem mit Deutschland verbündeten
Japan die gleiche rücksichtslose Ver
geltung zu bereiten. Aber man hätte
erwarten dürfen, daß die vor der Er
innerung der heutigen Generation
warnend stehenden Lehren des ersten
Weltkrieges nicht ganz verweht seien
und mäßigend und hemmend wir Fl
it
würden. Das Gegenteil geschah. Alle
Versprechen und Erwartungen, daß
diesmal auf das Kriegsende ein wirk
licher Friede folgen werde, zerflatter
ten wie Nebelstreifen in dem Toben
des Sturmes, den kurzsichtige Poli
tiker in Moskau, Teheran, Oue
bec und Jalta vorbereitet und durci
eine planmäßige Propaganda sei:
Jahr und Tag genährt hatten. Für
Europa hub eine Zeit an, die schliin
tu
er war als der Krieg, eine Zeit ivr
Willkür, der Raub- und Macht]ticl
und des wildesten Faustrechts, .fii
lings Wort: „Ost ist Ost und West in
West" erfuhr eine einschneidende
vision. Das mehr asiatische als eur.
päische Rußland wurde die überm
gende Westmacht in Europa, dv
Osten des in Trümmern liegeitiv.:
Deutschland wurde russisch, entweivr
durch direkte 'Besitzergreifung Rir
lands oder auf dem Umweg über ivr
polnischen Vasallenstaat. Die westlich
Kultur wurde um Hunderte von Me:
len zurückgedrückt. Mochte an,:*
Churchill zu spät! protestieren,
daß der Zweck des Krieges nicht gr
Wesen, ein Tiktatursystem gegen ein
anderes, Stalin gegen .Hjtler eiiuii
tauschen, das war die iatsädjlhif
Wirkung des militärischen Siege
Diesen hatten die Wortführer ivr
westlichen Demokratien, Roofetvi:
und Churchill, durch ihre geraden?
unglaublichen Bindungen in ihtvn
Konferenzen mit Stalin von vorn
herein verpfuscht wohl in der vn
gen Hoffnung, den europäisch.!
cjchleuderöerfauf später unter giin
stigeren Konjunkturen wieder we:!
machen zu können. Da schon zur 3c
der Konferenz in Jalta die Atom
experiment? zweifellos große Fun
schritte gemacht hatten, ist vielleicht
die Annahme berechtigt, daß man
der in Aussicht stehenden Atombombe
eine wichtige Rolle zugedacht f)am\
um das zusehends zum Überragenden
Weltreich werdende Rußland im
Zaum halten zu können.
Aber die Ereignisse überstürzten
sich, der russische Koloß wuchs viel
schneller in den Westen hinein a!s
man in Jalta hatte voraussehen Fün
ften, und fand es gar nicht mehr not
wendig, feine Machtpläne zu verhül
len und seine Forderungen zu Beschö
nigen. Molotow hat es neulich, bei
der Jahresfeier der Revolution, die
zugleich Siegesfeier war, ganz unver
blümt ausgesprochen, daß sich Mos
kau von der Atombombe, die ja nicht
Monopol eines Landes bleiben werde,
gar nicht imponieren lasse. War schon
seine Haltung in San Francisco von
einer gewissen überheblichen Herab
lassung, so wurde sie vollends arro­
WMsmfrnl
Tin Familienblatt für Wahrheit und Recht zur Belehrung und Unterhaltung
Ausgabe des ,Manderer^
HerauSgegebe« vom Päpstliche« Kollegium Josephinum zam Beste» der Priesterzöglmge» Preis für ein Jahr in den Ber. Staate» $2, in Äonoba und allen andere» Staate» $2.60.
Samstag den 84, November 1945
künftigen Krieg [mit wem?] toirbl
durch die Luft über den Nordpol süh»
rert," und seine weiteren Ausführung
gen zeigten, daß er dabei vor affemj
durch den Gedanken an die Atom4
bombe beunruhigt war. Charles
Lindbergh veröffentlichte diese Woche
eine Erklärung, die unter Hinweis
auf seine Haltung in den kritischen
Jahren vor dem Krieg feststellte: „Ich
habe meine Ansicht nicht geändert,
daß der zweite Weltkrieg hätte/ ver
mieden werden können," und dann
auf die heutige Lage einging. Die
Zukunft, erklärte der berühmte Flie
ger, berge größere Gefahren als der
überstandene Krieg. „In einem Zeit
alter," fuhr er fort, „das die Atom
bombe schuf und transozeanische Ra
Fetenbomben zur Beförderung von
Atombomben entwickeln wird, ist die
Notwendigkeit einer Weltorganisa
tion zur Kontrollierung von Kräften
der Vernichtung unumgänglich not
wendig. Die einzige Alternative ist
beständige Furcht und letzten Endes
Chaos."
gant auf der Londoner Ministerkonfe
renz, die damit beginnen sollte, in
das in San Francisco ausgestellte
Gerüst die künftige Weltordnung der,
„friedliebenden", auf die Sieger und
ihre Parteigänger beschränkten Staa
ten einzubauen.
Es mag sein, daß Rußland blufft,
da es durch kräftiges Auftrumpfen
den beiden verbündeten Rivalen schon
so unendlich viel abgetrotzt hat. Es
mag aber auch sein, daß es im vollen
Bewußtsein seiner über zwei Konti
nente hingelageeten gewaltigen Macht
gegen alle Wechselsälle sich gefeit
fühlt und entschlossen ist, es lieber
heute als morgen aus eine Ausein
andersetzung ankommen zu lassen. Ei
ne ist sicher, während inmitten
einer gärenden Welt und an der
Sliroclle des Ringens der asiatischen
und indonesischen Kolonialvölker um
ihre Emanzipation die Politik der
weltlichen Demokratien in eine sin
kende Vergangenheit sich verkeilt, ent
faltet sich Rußlands rote» Bafmer
über der vom RevolutionsgedanFeu
durchglühten neuen Zeit, die es zu
beherrschen und gegen die allen Ge
walten zu verteidigen erwartet. Tie
älteren Großmächte verfolgen eine
grundsatzlose Politik „von Fall zu
Fall" Rußland weiß was es will,
kennt das Ziel, das es sich gesteckt
hat, und kennt die Mittel, mit denen
da Ziel zu erreichen ist. Und nie
maud außerhalb des Kremls hat Ge
ivinheit darüber, ob zu diesen Mit
teln nicht auch die Atombombe russi
scher Marke gehören wird, die mögli
cherweise hinter der amerikanischen
trr'indung gar nicht so weit drein
hinkt, wie man in militärischen Krei
sen anzunehmen geneigt ist.
Als die Sau Franeiseo'er Konfe
renz tagte, wußte die Öffentlichkeit
noch nichts von der von strengstem
Geheimnis umgebenen Atombombe.
Heute, wenige Monate nach San
Francisco, erscheint es nicht wenigen
Aiglich,
ob der mit Mühe und Not
zustande gekommene Weltbund zur
gemeinschaftlichen Abwehr von An
greiferstaaten der durch die Atombom
be geschaffenen neuen Lage noch ge
nügt. Alle technisch-militärischen Mit
tel auch die fünfundzwanzig Re
servebotttbert Hrn. Stessens müs
sen gegenüber dem Atomgespenst ver
sagen, wenn es nicht gelingt, durch
eine Neuordnung der menschlichen
Beziehungen die Benützung der weit
zerstörenden Waffe zu verhindern.
Der Streit um die Atomenergie
Darum geht es bei den immer ner
vöser werdenden Erörterungen über
die Atombombe. Tie Meinungen wei
chen dabei weit voneinander'ab. Es
gibt eine Richtung, die in der Erwar
tung, daß siel) das Atombomben-Mo
nopol wenigstens auf eine Reihe von
Jahren hinaus wahren läßt, jede
Partnerschaft mit Rußland entschie
den ablehnt. Es gibt andere und
zwar nicht nur in den Kreisen der
Kommunisten und ihrer Mitläufer
—, die sich für die Fortsetzung der
Beschwichtigungspolitik Rußland ge
genüber einsetzen, die nach ihrer Auf
fassung so glänzende Er'olge aufzu
weisen hat. Wieder andere glauben,
die unheimliche Waffe sei den Ver
einten Nationen in Verwahr zu ge
ben, damit mit ihr „Fein Schaden
g'schicht", während andere in der
Erkenntnis der Unzulänglichkeit des
San Franeiseo'er Friedensbundes
(zur Wahrung des intrd) die militä
rischen Ereignisse herbeigeführten
Status) von einem Weltstaat aller
(als würdig befundenen) VölFer re
den, der allein aller Rivalitäten Herr
werden Fönute (da selbstverständ
lich! in einem Ueberstaat die
menschlichen und nationalen Leiden
schaften der Habsucht und Machtsucht
und sonstige Erreger von Völkerkon
flikten dahinschmelzen werden wie
April-Schnee). Endlich meldet sich
auch der „Fortschritt" zum Wort, der
in der politischen Kontrolle eine Be
schränkung der Forschungsarbeit zur
Ausnützung der Atomenergie für die
Friedensindustrie erblickt. Er ver
weist daraus, daß Amerika seinen
großen Ausstieg nicht durch politische
Kontrolle erlangt habe, sondern ein
zig in der freien Entfaltung aller
technischen Errungenschaften, und
träumt von einem unvergleichlichen
Aufschwung unserer mehr und mehr
mechanisierten Diesseitskultur im
Zeitalter der Atomenergie.
Aber über allen, auch den optimi
stischen Erwägungen steht doch der
Schatten des Vernichtungsmonstrums
von Hiroshima und Nagasaki und die
vorherrschende Meinung drängt
vornehmlich aus praktischen, leider
zum geringeren Teil aus sittlichen
Gründen auf die Aechtung der
Atombombe als Kriegswaffe, wenn
eine tragfähige internationale Kon
trollinstanz geschaffen werden kann.
Tie Washingtoner Konserenz
Das war es an erster Stelle, was
den britischen Premier Attlee und den
kanadischen Premier Mackenzie King
zu den Besprechungen mit Präsident
Truman nach Washington führte.
Zugleich bekundeten die Besprechun
gen der Vertreter „der drei Länder",
wie es? in dem nach dem Abschluß
der Konferenz ausgegebenen Com
munique heißt „welche im Besitz
der für die Verwendung atomischer
Energie wesentlichen Kenntnis sich
befinden", die Solidarität der angel
sächsischen Welt in der gegenwärtigen
Friedenskrise.
Tie in Washington zustande gekom
niene Vereinbarung strebt einen Aus
gleich der einander widersprechenden
Meinungen an. Sie bedeutet keine
endgültige Lösung des unheimlichen
Problems, das der Welt zuteil wurde
durch die Entdeckung von „Vernich
tiingsmitteln, wie sie bisher unbe
kannt waren, und gegen die es keine
hinreichende militärische Verteidi
gung geben kann". Sic geht über die
Forderungen jener hinweg, welche
zur vermeintlichen Sicherung des ge
genseitigen Vertrauens alle Militär
geheinmisse ohne Rücksicht auf die ei
gene Landesverteidigung andern
Mächten zur Verfügung gestellt se
hen wollen, und betont an mehreren
Stellen, daß erst das erforderliche
Vertrauen geschaffen werden muß.
Andererseits aber geht die Washing
toner Vereinbarung so weit, wie es
die augenblickliche Weltlage als ge
raten erscheinen läßt, um die weitere
Verwendung der Atombombe und
ähnlicher Waffen zur Massenvernich
tung abzuwenden und gleichzeitig die
Atomenergie für friedliche und^hu
maiiitäre Zwecke freizugeben.
Tie Vereinbarung erkennt an, daß
Feine Nation auf die Tatter ein Mo
nopol auf die Atombombe haben
Faun daß es Fein durchgreifendes
Mittel gibt, die Herstellung und Ver
Wendung durch eine Angreifcritation
zu verhüten daß der einzige Schutz
gegen solche Waffen in der Verhütung
des Krieges selber besteht. Tamm
verlangt sie aufrichtige Unterstützung
der United Nations Organization
und die Herbeiführung von Verhält
nissen, in denen wechselseitiges Ver
trauen und Hingabe an die Künste
des Friedens bestehen. Als ersten
Schritt auf diesem Wege überweist sie
den United Nations die Aufgabe, die
Bestimmungen festzulegen, welche die
atoniische Aera beherrschen müssen,
wenn die Zivilisation erhalten blei
ben soll. Sie schlägt vor, daß inner
halb der United Nations eine Kom
mission geschaffen werde, die das
ganze Problem der Atomenergie zu
prüfen und Empfehlungen hinsichtlich
der destruktiven und konstruktiven
Verwendung zu unterbreiten hat. Tas
erste Problem ist, wie die Verwen
dung von Atomwaffen verboten und
durch wirksame Maßnahmen, wie Ue
bcrwachuitg aller Rüstungen zum
Schutz von fügsamen gegen angriff»«
lustige Staaten, verhindert werden
kann. Tas zweite ist, wie der Aus
tausch grundlegender wissenschaftli
cher Kenntnis für friedliche Zwecke
gefördert und wie die Kontrolle der
Atomenergie behufs ihrer Befchrän
Fmtg auf friedliche Zwecke bewerkstel
ligt werden kann.
Tas stellt der vorgeschlagenen
Kommission eine schwierige Aufgabe.
Teren Empfehlungen werden eine
nicht weniger schwierige und delikate
Aufgabe den United Nations über
weisen, besonders deren Security
Council, wo das Veto einer der
Großmächte eine Einigung vereiteln
kann. Wenn der Washingtoner Vor
schlag durchdringt, werden die United
Nation» zu zeigen haben, ob sie we
nigstens die Grundlage für eine In
stitution des Weltfriedens bieten
wa» man seif dem Londoner Fiasko
bezweifeln muß.
Moskau wird mit der Washingto
iter Konserenz schwerlich zufrieden
sein, da sie nicht das unbedingte Ver
trauen bekundete, über dessen Man
gel das in sich verkapselte Rußland
sich immer wieder beschwert. Aber die
Vertreter der drei Länder konnten sich
darauf berufen, daß sie der Welt be
reits alle grundlegende Information,
die für die Entwicklung der Atom
energie für friedliche Zwecke wesent
lich ist, zur Verfügung gestellt haben.
Nr. 30
Sie erFlärten ihre Bereitwilligkeit
zum Austausch weiterer wissenschaft
licher Information mit allen Natio
nen, die auch ihrerseits in vollem
Umfang zu gleichem Dienst sich ver
pflichten. Gleichzeitg aber einigte man
sich in Washington dahin, die Her
stelluitgöntethode von Atombomben
geheim zu halten, bis es möglich sein
wird, Schutzmaßnahmen zu treffen,
die gegenseitige Zusammenarbeit si
cherstellen, durchführbar und allen
Staaten genehm sind. Feste Bestim
mungen werden in diesem Zusam
menhang nicht niedergelegt. Aber die
Vereinbarung spricht aus, daß ohne
hinreichende Schutzgarantien die
Preisgabe des Geheimnisses schwere
Gefahren mit sich bringen würde in
einer Welt, die der Geißel des Krie
ge» noch immer nicht ledig ist. Wenn
aber eine Einigung in dieser Rich
tung unter den Großmächten erzielt
ist, werden die drei Staaten im Be
sitz der Atombombe bereit sein, ihr
Geheimnis für industrielle Auswer
tung zur Verfügung zu stellen, selbst
wenn da» die Mitteilung der Her»
ftellungsmethoden der Atombombe
erfordern sollte.
Mit andern Worten, meint die
New Dorter .Times', Amerika, Eng
land und Kanada haben eine Einla
dung an alle (mit Ausnahme der ver
femten) Staaten ergehen lassen, der
Macht- und Nivalitätspolitik zu cut
sagen und sich mit ihnen zu vereinen
Vir Forderung von Friede und Fort
schritt.
Tas Washingtoner Abkommen ist
ein Kompromiß, dessen Erfolg ziem
lich zweifelhaft ist. Tie Weltpresse
hat es ohne große Begeisterung auf
genommen, und vielfach kommt die
Meinung zum Ausdruck, daß man
sich Rußlands Wünschen auch in der
Frage der Atombombe fügen werde.
Aber mit Recht stellt ein Blatt in
Brasilien die Frage: „Verdient Ruß
land Vertrauen oder nicht?" Und
ein Blatt in Mexiko ist der Ansicht,
daß die Washingtoner Erklärung
Furcht vor den Entschlüssen Ruß
lands erkennen lasse, und knüpft da
ran die berechtigte Frage: „Wenn
Rußland die Alliierten einschüchtern
kann, ohne das Geheimnis (der
Atombombe) zu besitzen wie wird
es morgen sein, wenn eS das Ge
heimnis besitzt?"
Die amerikanischen Bischöfe über
die Zeitlage
Tie meisten der „Wenn und Aber"
in dem immerhin bedeutsamen Zeit
Dokument erinnern an die Bedingun
gen und Reservationen und hoff
nungsvollen Verheißungen in den
Tagen der Abrüstungskonferenzen fe
iigen Angedenkens. Seitdem Ii at sich
die Welt wahrlich nicht zum Bessern
gewendet, ist sie nicht sittlicher, nicht
einmal humaner geworden. Und in
der hohen Politik steht heute ein über
mächtiger Staat obenan, wie ein sol
cher von gleicher Toppelzüngigkeit
und SFrupellosigFeit und Brutalität
in den Tagen der ehemaligen Abrü
stungskonferenzen nicht zu, finden
war.
Wenige Tage nach der ameriFa
nisch-hritisch-Fanadischeu Konferenz
waren in der Bundeshauptstadt die
Mitglieder des amertFanifchen Epi
l'Fopats zu ihrer jährlichen Tagung
versammelt. Wie bei früheren Gele
genheiten gaben sie eine ErFlärung
über brennende Gegenwartsfragen
heraus. Tiefe, die den gleichen Titel
trägt wie unsere Wochenrundschau die
letzten Monate her: „Between War
and Peace" Zwischen Krieg und
Frieden, bildet geradezu eine not«
wendige Ergänzung zu dem Fompro
mtßlichen Staatsdokument. Sie weist
bin auf die sittlichen Voraussetzungen
eine£ wirklichen Friedens und zeigt
in eätzett, die wie mit dent Stahl
ftempel geprägt sind, wie weit die
aus dem Kriege hervorgegangene
Weltlage von diesen sittlichen Forde
rungen entfernt ist, und wer an er
ster Stelle der böse Geist ist, der es
zu einem ehrlichen, menschenwürdi
gen Frieden nicht kommen läßt.
Mutig rufen unsere Bischöfe in die
heillos zerwühlte Gegenwart, rufen
sie vor allem den Beschwichtigungs»
kommissaren und Totengräbern der
Wahrheit in unserer säkularisierten
Presse zu: „Was sich hinter dem ver
dunkelten Ost- und Südost-Europa
abspielt, steht in schroffem Gegensatz
zu den hohen Idealen, die unsern
Kamps zur Rettung dsr Welt vor to
talitärem Ueberfall beseelten." In
vielen Ländern sei „eine ebenso bru
tale wie verschmitzte religiöse Versal
(Fortsetzmrz auf 6ette 5)

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