OCR Interpretation


Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, December 08, 1945, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

Image and text provided by Ohio History Connection, Columbus, OH

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn91069201/1945-12-08/ed-1/seq-6/

What is OCR?


Thumbnail for

6
Moribus
paternis
In herzlichem Tone erklärte Prä
torius: „Rechnen Sie auf mich, als
wäre ich Ihr Vater, lieber Professor.
Ich brauche Sie meiner Liebe nicht
erst zu versichern. Wenn ich aus Sie
die Freundschaft übertragen darf,
welche ich Ihrem Vater entgegen
brachte, so tun Sie, als ob Sie zu
meiner Familie gehörten. Mein Gott,
wie sollte der Sohn meines Alex mir
nicht nahe stehen! Und mein Paten»
find sind Sie auch noch."
Finder küßte die Hand des Bür
germeisters und meinte: „Ich hoffe,
häufig mit Ihnen verkehren zu dür
fen, ja, wie ein Sohn mit dem Vater.
Ihre Aufnahme ermutigt mich, diese
Bitte auszusprechen. Da mein Vater
so früh starb, kann ich Ihnen nicht
erzählen, wie er von Ihnen sprach
und von den Tagen, die er an Ihrer
Seite in dem lieblichen Heidelberg
verlebte..."
„O ja," seufzte der alte Herr, und
feine Augen wurden feucht, „der
Alex und die andern lieben Freunde
alle find sie tot bis auf einen: den
alten Sanitätsrat •Dualen in Lübeck.
Alle andern tot die treuen,
guten Freunde! Tas waren herrliche,
sonnige Tage. Diese Exkursionen das
Neckar-Tal hinauf, bei Stift Neu
bürg vorbei nach Neckarsteinach dann
zuralteii Felix nach Handschuhsheim,
oder zur Exkneipe nach dem Speyerer
Hof haha, da hatte einmal der
lange Alex einen ganz präfentabeln
na, das ist ja einerlei, das gehört
hier nicht her. Ja, der Odenwald und
drüben die Haardt und die Vogesen!
Arn schönsten freilich war eine nächt
liche Floßfahrt auf dem Neckar, so im
Juni, Musik und Wein und lustige
Freunde an Bord. Per Wagen fuh
ren wir nachmittags hinauf natür
lich in Wichs oder? Ja doch, in
Wichs, am Stiftungsfeste, natürlich in
Wichs, natürlich. In Neckarsteinach
ober Hirschhorn? ich weiß
wirklich nicht mehr Festessen im
Garten. Da waren immer viele Gä
ste, die gekeilt wurden, hahaha, ja
gekeilt, und einsprangen! Der selige
Knypping er starb als Oberförster
in Detmold und der Alex ich
Nklch Mterütte
Erzählung aus der Hamburger Gesellschaft des vorige« Jahrhunderts
(Fortsetzung)
„Sie sind jetzt Ihr eigener Herr.
Sie haben recht getan. Ein Hiswri
ker sollte feinen andern Kanon zu be
folgen brauchen, als die Wahrheit zu
sagen. Ich begreife indessen unter ei
nem gewissen Gesichtspunkte den Wi
derstand, welchem Sie begegneten.
Unser heutiger Protestantismus ist
keine übernatürliche Religion mehr.
Als Adepten des Rationalismus
glauben die wenigsten noch an die
Gottheit des Erlösers da kann
Christi Person freilich nicht mehr im
Mittelpunkte der Weltgeschichte ste
hen. Sie haben aber recht mit Ihrer
Idee. Nur ein einiges Christen
tum kann uns Helsen. Ich habe mich
selbst viel mit dieser Frage beschäf
tigt. Besonders Gladstones Ansichten
hierüber scheinen mir sehr interessant.
Schon der Umstand, daß einer der
größten Staatsmänner unseres Jahr
hunderts nicht nur den Mut, nein,
auch den e i st hat, so' offen für
das Christentum einzutreten, sollte
den dii minorum gentium die Augen
öffnen. Wissen Sie, was meine An
sicht ist? Nicht jene, die Moltke zu
geschrieben wird, daß die orientali
sche, russische Kirche unser Anteil sein
kann denn der Byzantinismus hat
den sozialen Wohlstand der Volker
niemals gehoben wohl aber halte ich
dafür, daß die römische Kirche uns
Hilfe bringen konnte, wäre sie nur
nicht seit dem Tridentiner Konzil dem
Jesuitismus in die Hände gefallen.
Rom ist das kann niemand laug
nen das Zentrum einer sozialen
Bewegung. Die geistigen Wellenkrei
se, die von diesem Mittelpunkte aus
gehen, machen sich in deutlich wahr
nehmbaren Schwingungen selbst hier
in unserer kleinen norddeutschen Re
publik bemerkbar."
„Gewiß," pflichtete Finder bei
„ich bin zwar von Herzen Protestant,
hege aber für die alte Mutterkirche
die größte Sympathie. Wer die Ge
schichte des Mittelalters ohne Vor
urteil studiert, begegnet auf Schritt
und Tritt den Segnungen, welche die
menschliche Gesellschaft den Päpsten
und der klösterlichen Kulturarbeit
verdankt. Aber wie Sie eben be
merkten Rom hat sich geändert,
seitdem neben dem weißen Papst ein
schwarzer residiert. Das führt mich
übrigens, Herr Bürgermeister, auf
den eigentlichen Zweck meines Kom
mens. Offen gesagt, war es nicht die
Erinnerung an jene Freundschaft, die
Sie mit meinem seligen Papa ver
band ., nein, ich hatte ein Anlie
gen an Sie."
meine, Ihr Papa, auch. Haha, richtig,
da bekam Ihr Papa die Affaire mit
einem Burschenschafter wegen, wegen.
na, ich weiß nicht mehr: genug,
bekam Ihr Papa eine Forderung,
und acht Tage darauf mußten wir auf
die Mensur zur Hirschgasse. Ich sekun
dierte ... ja, da bekam Ihr Papa
ich weiß es noch wie heute die in
teressante Hochquart, sehen Sie, das
ging so!" und mit blitzenden Augen
sprang der alte Herr auf, ergriff den
Regenschirm des Professors, stellte
sich mit gewandter Auslage vor sei
nen Gast hin und wollte ihm, frei aus
dem Handgelenk, eine kunstgerechte
Hochquart verdeutlichen.
Schon schwirrte der Regenschirm
durch die Luft, aber Finder parierte
mit der Hand und rief lachend: „Aber
Magnificenz! Sie wollen Ihrem Pa
tenfinde doch keine Abfuhr beibrin
gen?"
„Ach so," machte der alte Herr und
wurde rot bis an die Schläfen. Dann
drehte er sich um, stellte den Schirm
in eine Ecke, kam wieder auf den
Professor zu und umarmte ihn mit
den Worten: „Sie sind mein Paten
kind. Wenn es nicht so lange her wä
re, ich würde es nicht glauben, daß
Sie ein Professor sind. Alex sein
Junge emeritierter Professor! Doch
was rede ich Sie kommen jetzt
hinauf in mein Arbeitszimmer, da
werden wir uns aussprechen, und
selbstverständlich bleiben Sie zu Ti
sche. Ja, ja, ich nehme keine Entschul
digung an. Sie dinieren bei mir."
So geschah es die beiden Herren
stiegen hinaus, und der Professor
wurde auch mit Chlotilde bekannt.
Erst jetzt kam es heraus, daß Finder
eine Empfehlung an Hrn. Ainring
mitgebracht hatte, schon vier Wochen
im Hotel St. Petersburg wohnte und
zwei Teeabende bei Madame Julie
miterleben mußte. Bei Ainrings hatte
er sich über den Zweck seiner Reise
geäußert. Er sei nämlich aus Zürich
gekommen, um für fein Werk über
„Die Motive zur Kirchentrennung im
sechzehnten Jahrhundert" Stoff aus
der hanseatischen Geschichte zu schöp
fen. Da habe ihn Frau Julie an ih
ren Bruder, den Bürgermeister, ge
wiesen, weil der viele alte Chroniken
und Gesetzessammlungen besitze usw.
Daß der Bürgermeister nun ein
Freund seines verstorbenen Vaters
gewesen, erfuhr der Professor durch
einen Brief seiner ältern Schwester.
Diese schrieb ihm: „Suche dort den
Senator Prätorius auf. Er war ein
intimer Freund von Papa und Ma
ma und ist dein Taufzeuge. Wenn
der alte Herr noch lebt und hört dei
nen Namen, wird er sich unserer Fa
milie erinnern."
Nim war also Finder im House
des Bürgermeisters Prätorius. Um
sechs Uhr dinierten sie: der alte Herr,
der Professor, Chlotilde und Cäsar.
Nach Tisch empfahl sich Cäsar sehr
bald. Er habe für seine brasilianische
Reise noch Einkäufe zu machen. Der
Professor hatte ihn warm und freund
lich begrüßt, aber die beiden fühlten
instinktiv, daß sie einander nicht ge
fielen. Wenn der Bürgermeister „Cä
sar" sagte, hörten immer beide da
rauf, und das schien den Greis jedes
mal peinlich zu berühren. Chlotilde
und Finder schlossen bald Freund
schast. Sie verstanden einander. So
geht es oft im gesellschaftlichen Leben:
der erste Anblick entscheidet, und nicht
immer mit Unrecht, denn Charaktere
und Temperamente äußern sich viel
fach schon in der Art und Weise, wie
wir uns vorstellen lassen, und wie
wir es verstehen, die Unterhaltung
aufzunehmen.
Am Abend wurde beschlossen, der
Professor solle sich in einem der Frem
denzimmer im Hause des Bürgermei
sters einquartieren. Finder konnte sich
nicht weigern: sein Gastgeber wäre
wirklich gekränkt worden. Gegen
neun Uhr mußte er da half kein
sträuben in die Equipage steigen,
die Chlotilde hatte holen lassen, und
sofort in's Hotel fahren, um zu paf
fen und die Rechnung zu begleichen.
Eine Stunde darauf saß er bereits
wieder mit Prätorius und feiner
Schwester vor dem Kamin bei einer
Tasse Tee. Es war ihm, als habe er
stets zur Familie gehört und als sei
der Bürgermeister sein langjähriger
väterlicher Freund.
So hatte denn Frau Julies ästhe
tischer Abend mittelbar doch etwas
Gutes gewirft, obwohl Ainring sei
nem Schwager dann und wann sagte:
„Prätorius, Julies Abende sind Un
fug. Wenn die Frauen gelehrt wer
den, ist es da zum Aushalten? frag'
ich dich. Nie und nimmer fam etwas
Gescheites dabei heraus."
Finder war mit seinem Umzug au
ßerordentlich zufrieden, besonders als
OHIO WAISENFRKXJND
er am nächsten Morgen die Biblio
thek des Bürgermeisters besichtigte.
Ein Teil derselben befand sich in dem
sogenannten Bibliothekzimmer, zu
meist Nachschlagewerfe, Gesetzsamm
lungen, einige Chroniken und dann
Werfe, die neu erschienen und erst
kürzlich angeschafft waren, endlich
Klassifer in verschiedenen Sprachen.
Ein größerer Teil der Bibliothef stand
aber im vierten Stock des Hauses und
füllte zwei geräumige Dachzimmer.
„Es sind ausrangierte Sachen,"
erflärte Prätorius seinem Gaste, als
er ihn hinausgeführt hatte.
„Gerade das Rechte vermutlich.
Die alten Schmöfer sehen mir sehr
vertrauenerweckend aus."
„An dem Zeug mögen wohl einige
Jahrhunderte gesammelt haben. Ich
fann mich nicht entschließen, alles zu
verfaufen. Cäsar hat fein Interesse
für Bücher, aber wenn Hermann aus
studiert hat, mag er sehen, ob er den
Plunder behalten will. Wo nicht,
überweise ich, was irgend Wert hat,
der Stadtbibliothef. Sehen Sie, wie
staubig das Zeug ist, uff! wenn man
es nur anfaßt. Seitdem Hermann in
Berlin ist, hat feiner die Bücher an
gerührt. Chlotilde ließe am liebsten
die ganze Geschichte in den Kamin
s e k e n
„Das wäre doch!" rief der Profes
sor entrüstet. „Sehen Sie nur, was
ich hier entdeckt habe, diesen ehrwür
digen schweinsledernen Kodex suh
der Staub! ha, der lag auch ganz
zu unterst!"
Er ging an's Fenster und blies den
gröbsten Staub fort. Dann schlug er
auf und zeigte dem Bürgermeister den
Titel: „Christlicher vnd catholischer
Haus-Spygel, darin sich in dtrfett
aufrührerischen zeytten und gemei
nen streytt umb des lauttern evaa
gclii willen männiglich sleyfsig be
schatten soll, das ist, furtze und klare
fürfteöung der nunmehro leider Gotts
abgethan wahren vnd alten Kirchen
lehr wider Magistrum Heinrichen
Hugenhagen, durch Joannem Molle
rum, Dornscholarern. Gefolgt bort ei
ner juridischen Conception vnd Argu
mentation weiland Domini Jaccibi
Praetorii, Juris Utriusque Doctoris,
E. E. Rothes Syndicus. Anno
„Zeigen Sie mal her!" sagte er
staunt der Bürgermeister. „Das ist ja
interessant. Tas Ding feime ich gar
nicht! Jafoö Prätorius das war
der letzte Katholik unter meinen Vor
fahren."
„Das Buch muß später gebunden
sein. Sehen Sie da sind noch meh
rere Abhandlungen mit anderem Da
tum!"
„Wir nehmen es mit hinunter in
mein Arbeitszimmer. „Kommen Sie,
lieber Professor, die Luft ist hier so
dumpf!"
„Jawohl, gleich. Uebrigens hier
oben geben Sie mir volle Jurisdik
tion?"
„Versteht sich. Ich ernenne Sie
hiermit vivae vocis oraculo zu mei
nem Ratsstaubabwischer, hahaha!"
„Ich werde mein neues Amt flei
ßig verwalten, seien Sie sicher."
Auf der Treppe begegnete ihnen
Chlotilde. Entsetzt schaute sie den
Professor an, dessen schwarzer Geh*
rock auf der Brust mit einer dicken,
grauen Schicht überzogen war.
„Luise soll doch gleich heute Mor
gen oben waschen und schrubben. So
können Sie unmöglich da arbeiten."
Ihre Ehre als Dame des Hauses
stand auf dem Spiele, und es wurmte
sie, daß der Professor „solche uner
hörte Zustände" angetroffen habe.
Tie Herren beruhigten sie aber, und
es wurde ausgemacht, daß Luise erst
später Ordnung schaffen dürfe, „sonst
könnten die Bücher durch Wasser lei
den".
Chlotilde teilte dann noch dem
Bürgermeister mit, ein Telegramm
sei gekommen. Als Prätorius es öff
nete, las er: „Meine Frau erfranft.
Müssen nach Italien reisen und Be
such verschieben. Brief später. Herz
liche Grüße von allen an alle. Ju
lius."
„Schabe," meinte die Schwägerin,
»daß die Triester nicht fomrnen!"
Der alte Herr nickte: „Hin, es ist
schade, gerade jetzt, wo wir uns wie
der näher treten wollten. Na, wer
weiß, ob die Katholifen sich in inne
rem protestantischen Familienkreise
wohl gefühlt hätten! Für sie und für
uns ist's wohl besser s o."
Dem Professor erzählte er dann
kurz von seinem Bruder in Trieft.
^Finder fragte: „Warum nehmen
Sie denn an, Ihr Herr Bruder fei
um äußerer Vorteile willen fatholifch
geworden?"
»Das ist doch flar fann denn
ein gebildeter Mensch aus Ueberzeu
gung fatholisch werden?"
„I warum denn nicht? Wenn Sie
»nd ich e.s auch nicht tun würden:
das hindert nicht, daß andere Cha
raftore wirflich aus innerster Heber»
zeugung den Protestantismus daran
geben. Wie ich bereits bemerkte, die
katholische Mutterfirche imponiert z.
B. dem ernsten Geschichtsforscher au
ßerordentlich."
»Ja, mein lieber Professor," Oer»
setzte der Bürgermeister unmutig,
„warum unterwerfen denn S e
sich nicht dieser imposanten Macht?"
„Weil meine Eltern Protestanten
waren."
»Das ist kein genügender Grund.
Tann hätte Paulus ein Jude und
Luther ein Papist bleiben müssen."
„Nein, Pardon, das waren ganz
andere Verhältnisse."
„Aber wir handeln doch aus per
sönlicher Ueberzeugung?"
„Gewiß, soweit sie auf den Tat
sachen beruht."
»Diese Unterscheidung verstehe ich
nicht, jede Ueberzeugung nimmt
Tatsachen für sich in Anspruch."
„Aber oft mit Unrecht."
„Wer soll darüber entscheiden?"
„Wer? Ja, die eigene ... die in
nere die, die Erfahrung, das
Studium, die Einsicht in die Wahr
heit, oder wie Sie es immer nennen
wollen."
»Aber liebster Professor! diese Ein
sicht in die Wahrheit reflamiert doch
jeder für sich auch der Moham
medaner!"
„Also, so kann auch Ihr Herr Bru
der aus Ueberzeugung, das heißt aus
Einsicht in die Wahrheit, katholisch
geworden sein."
Der alte Herr lachte und gab sei
nem Gaste das Wort zurück: „Also!
Sie haben als Historiker die Einsicht
warum werden Sie nicht fatho
lisch?"
»Ich sagte ja nur: die alte Kirche
,imponiert' mir."
»Was meinen Sie denn damit?"
»Ich bewundere ihre Einheit, ihre
Kraft und Leistungsfähigfeit, zumal
wenn ich dann den Blick auf die Zer
fahrenheit der Protestanten lenfe. Bei
uns ist wirflich feine Einheit mehr,
nicht einmal in wesentlichen Dingen.
Ta war ich die beiden letzten Sonn
tage in der Petri-Kirche. Vor vier
zehn Tagen predigte der Hauptpastor
tiriimmler sehr nett, ganz nach mei
nem Geschmack, einfach und herzlich
über den Glauben an die Gottheit
Christi aber am letzten Sonntag,
als ich in die Predigt um elf Uhr
ging, mußte ich in deselben Kirche,
von derselben Kanzel einen Sermon
hören, der eher geeignet war, in der
Gemeinde den plattesten Rationalis
mus zu befürworten, als nur irgend
einen Gedanfen wahrhaft religiöser,
ich meine übernatürlicher Färbung zu
erwecken."
Ter Bürgermeister zog die Stirne
in Falten und meinte: „Wir fönnen
doch als Evangelische feine firchliche
,'jensurbehörde einführen, die einem
Prediger das Recht freier Meinungs
äußerung verbietet. Das wäre ja ein
protestantisches Papsttum, schlimmer
vielleicht als die Inquisition, deren
Justiz ich wenigstens insofern begrei
fe, als damals Kirchenrecht und
Staatsrecht vielfach miteinander ver
quickt waren und ein Angriff gegen
den Glauben zugleich ein soziales
Verbrechen war."
»Das ist es gerade, was ich bebau
re wir Protestanten haben feine Ge
walt, die gebieten fönnte: Bis hier
her und nicht weiter! Konsistorien
und Synoden, wenn sie selbst posi
tiv gesinnt sind, fönnen nicht helfen
die Bibel ist schon lange ihres dogma
tischen Ansehens entfleidet die Ver
eine befehden sich gegenseitig der
Gottesdienst übt eine höchst minimale
Anziehungsfraft auf das Volf aus
das Studium der Theologie wird
über die Achsel angesehen Kurz,
ich meine, die Zustände in unserer
evangelischen Kirche sind derart, daß
jemand, der noch in einer geoffenbar»
ten Religion seinen Frieden sucht, sich
faum noch irgendwo heimisch fühlen
fann."
»Sie wissen, lieber Professor, ich
bin fein Freund unserer wässerigen
rationalistisch-sentimentalen Mode
Prediger. Aber Sie sehen viel, viel
zu schwarz! Die freie Forschung, die
ses eigentlichste Geistesfind des Pro
testantismus, hat doch die Wissen
schasten auf jene Höhe gebracht, die
sie in unfern Tagen erreicht. Ich bin
ein alter Mann, aber glauben Sie
mir's, für meine Zeit habe ich eine
fast jugendliche Teilnahme. Ueberall
freilich gärt es und wallt es und
braust es ... es ist etwas im Wer
den. In jedem Werdeprozeß sehen wir
einen scheinbar regellosen, ordnungs
feindlichen Kampf der miteinander
ringenden Kräfte warten Sie nur, ich
erlebe es nicht mehr, aber Sie ... ja,
das kommende Jahrhundert bringt
der Welt wieder Frieden und mehr
Gefetzmäßigfeit. ."
„Mag fein, Magnificenz, aber nach
Strömen von Blut, nach der Tyran
nei der Anarchie und der Unsittlich
Feit."
»Die gute Sache wird siegen, so
traurig es mit der sozialen Frage
aussieht."
„Auch ich zweifle nicht daran
durch das Christentum."
„Dann sind wir uns ja einig, lie
ber Professor, Gerade das ist der Kern
meiner Hoffnung. Ich denke so: die
Ereignisse werden ihren Gang gehen,
aber auch im zwanzigsten Jahrhun
dert wird die Devise gelten: Hoc sig
no vinces^ (%n diesem Zeichen siege!)
Wollen Sie noch mehr? Der ganze
Rationalismus wird vergessen sein.
In den Zeiten der Not braucht die
Menschheit eine wahre Religion die
Philosophen können die Leidenschaf
ten nicht zur Pflicht zurückrufen, die
geschlagenen Wunden nicht heilen."
„Ganz derselben Ansicht," rief der
Professor laut, „aber der Protestan
tismus ist dieser Retter der Kultur
und des Rechtes nicht. Er liegt in den
letzten Zügen, wenigstens als Posi
tion. Als Negation einer geoffenbar
ten Wahrheit mag er bleiben, solange
die Welt steht. Hätte er ordensähn
liche Institute, hätte er Anhänger,
die mit Gut und Blut für das Evan
gelium einträten, besäße er eine ge
ordnete, geschlossene Versassungs,
brauchte er den Regierungen nicht
immer zu hofieren, wäre er populär
bei hoch und gering ich meine im
mer als etwas ,Positives' so lie
ße ich mir die Entwicklung der Dinge
gefallen. Aber was uns zusammen
hält, ist eigentlich nur dieses: wir
wollen nicht den römischen Papst zum
Herrn haben und sind zufrieden, weil
wir den christlichen Namen führen
können, ohne daß uns irgend ein
Schwarzrock in unsere Lebensord
nung hineinregieren kann."
„Ist das nicht ein großes Glück?"
fragte Prätorius.
„Zweifelsohne. Aber das ist keine
Erkenntnis, die ganze Nationen rege
nerieren fann. Es ist im heutigen
Protestantismus feine lebenspenden
de Kraft, es ist alles nur Abwehr und
Polemif. Nach einer Revolution, die
so furchtbar fein wird wie diejenige,
welche wir näher und näher rücken
Technische Nachkriegswunder
Eine von einem Senatsunteraus
schuß herausgegebene Druckschrist, die
sich mit technischen Fortschritten wäh
rend des Krieges befaßt, sagt Wun
derdinge für die Nachfriegsjahre vor
aus. Unter den achthundertneunund
dreißig Neuerungen, die das Hand
buch aufzeichnet, sind folgende:
Kleider aus gesponnenem Glas
oder aus Aluminium. Herrenanzüge,
die nicht einschrumpfen und Hofen,
die nie einen „Spiegel" befommen
und ständig ihre Falte behalten. Häu
ser mit Fenstern aus isoliertem Glas,
das die Heizrechnung um fünfzig
Prozent herabsetzen wird. Küchenab
güsse aus Glas in Pastellfarben ge
halten. Neonstangen als Beleuchtung.
Aus Meereswasser hergestelltes Brot.
Eine Lebensrettungsdecke, die auf
Seereisen mitgenommen werden fann.
Eine mechanische Kuh, die eine Mi
schung von Wasser, trockener Mager
milch und Butter in Milch und Sah
ne verwandelt. Schuhsohlen aus Soja
bahnen. Sie werden zu Hause aufge
tragen und mit einem heißen Bügel
eisen festgemacht.
Der Vorsitzende des betreffenden
Senatsausschusses, der demokratische
Senator Kilgore von West-Virginia,
läßt durchblicken, daß das Leben in
Zufunft wie ein Traum fein wird.
Füllfederhalter brauchen nur alle
zwei Jahre gefüllt zu werden Da
menftrümpfe werden keine Maschen
mehr fallen lassen, und Landwirte
werden Maschinen in's Feld senden,
welche das Pflügen für sie besorgen
werden.
Amerikanischer Armeekaplan besucht
Therese Neumann
In einem Schreiben an Mitglieder
der Kolumbus-Ritter in Cincinnati
schildert Höchte. Joseph C. Hoying,
ehemaliger Assistent an der Resurrec
tion-Kirche in Cincinnati, feinen Be
such bei der weltbekannten ftigmati
fierten Jungfrau Therese Neumann
in Konnersreuth. „Ich betrachte es
als eine außerordentliche Begünsti
gung und ein unvergeßliches Glück,
die mit den Wundmalen bedeckte Hand
der Begnadeten zu berühren. Die
Innen- und Außenseite der Hände ist
mit verkrusteten Wunden bedeckt, wel
che das Ansehen einer von einem Na
gel verursachten Wunde haben. Man
kann es der Jungfrau nicht ansehen,
daß sie in den letzten achtzehn Jah
ren weder Speise noch Trank zu sich
genommen hat und von der heiligen
Kommunion lebte." Armeekaplan
Hoying war vor allem erbaut von
der großen Demut der Stigmatisier
ten. „Sie ist ein einfaches Bauern
mädchen und das Kind einer armen
Familie. Sie spricht nie von sich selbst,
es sei denn, daß sie befragt wird. Ih
re bewundernswerte Einfachheit und
ihre Demut haben mich überzeugt,
daß sie wirklich eine Heilige ist. Sie
schenkte mir einige Bilder mit ihrer
Unterschrift und schrieb ihren Namen
auch in mein Brevier." Armeekaplan
Hoying ist Mitglied der Kongregation
des Kostbaren Blutes. Er wurde im
Jahre 1939 zum Priester geweiht.
Papst lobt Barmherzigkeit der ameri
konischen Katholiken
In einem vom Hl. Vater, Papst
Pius XII. unterzeichneten, an den
Apostolischen Delegaten, Erzbischos
Amleto Giovanni Cicognani, in
8. Dezembef
sehen, brauchen wir einen Stern, der
uns allezeit in dunkler Nacht tiortit»'
leuchtet, wir brauchen ein Ideal, Ott
dem wir uns
„Glauben Sie," unterbrach Präto
rium ungeduldig feinen Gast, „daß es
feine Protestanten mehr gibt, die in
ihrer Religion Kraft und Trost für
alle schweren Stunden finden?"
„Bewahre! Ich weiß, es gibt wirk
lich aufrichtige, fromme Protestanten.
Aber ihre Zahl nimmt rapide ab und
nichts kann das Sinfen des reli
giösen Bewußtseins verhindern. Wer
noch gläubige Eltern hatte, kommt
von der Universität, wenn es gut
geht, mit einem halben Christentum
heim. Die meisten werden praktisch
ganze Heiden."
Der alte Herr formte die Tatsache
nicht Iäugnen, erflärte aber: „Bei
Gott steht es, wieder einen andern
Wind wehen zu lassen. Freilich, die
Menschen müssen ihre Pflicht und
Schuldigfeit tun, sonst bleibt des
Himmels Segen aus. Und das tun
heutzutage so viele nicht."
Fortsetzung folgt)
„Bitte für uns, o heilige Got
tesgebärerin!" Um Was? „Aus daß
wir würdig werden der Verheißungen
Christi!" Ein kleines, aber viel
sagendes Gebet!
°AsLlULA OHA allstfl UJßti
Washington gerichteten Kabelgramm
wird der Geist der Barmherzigkeit
den unschuldigen Kriegsopfern gegen
über belobt. „Mit einem mit tiefstem
Danf erfüllten väterlichen Herzen,"
erklärte der Hl. Vater, „verfolge ich
die von der NCWC eröffneten Kriegs
Hilfekampagne in den 93er. (Staaten."
Die Kampagne wird am 9. Dezember
eröffnet und dauert bis zum 16. De
zember. „Die flagenvollen Bitten um
Hilfe, die aus allen Gegenden der
Erde einlaufen," fuhr der Hl. Vater
fort, „haben mich von dem namenlo
sen Elend der Volfsmassen überzeugt,
das im Gefolge des schrecklichen Krie
ges ganze Völfer befallen hat. Mit
dank- und liebeüberfließendem Her
zen erteile ich den geliebten Kindern
der 93er. Staaten den Apostolischen
Segen für ihren Seeleneifer und ihre
vorbildliche christliche Barmherzigfeit,
die sie an Millionen hilfloser und dar
bender Menschen in vielen Ländern
der Erde ausüben."
Wiederaufbau des Stephaus-Doms
in Wien
Der Kunsthistoriker und Berater
für den Wiederaufbau des Stephans
Doms, Professor Anton Macku, gibt
befannt, daß der durch Bombardie
rung starf mitgenommene Wiener
Dom aus Grund der Originalpläne
aus dem fünfzehnten Jahrhundert
wieder aufgebaut werden wird. Falls
Baumaterial beschafft und transpor
tiert werden fönne, sagte Professor
Macku, sei mit Abschluß der wesent
lichen Reparaturen in drei bis fünf
Jahren zu rechnen. Kleine Spezial
reparaturen würden jedoch zehn Jah
re erfordern. Das alte Dach ist schwer
beschädigt, sagte Professor Macku, und
wird völlig ersetzt werden müssen.
Das Innere der Kirche ist ausge
brannt. Tas Chorgestühl mit seinen
berühmten Holzschnitzereien aus den
Jahren 1304—1340 ist zerstört. Der
hundertsiebenunddreißig Meter hohe
Turm ist nicht starf beschädigt, ob
wohl ein Großteil der gotischen Ver
zierungen vernichtet ist. Der kleine,
unvollendete Turm ist durch Geschütz
feuer und Flammen schwer beschädigt.
Die große Glocke von St. Stephan,
die berühmte „Summerin", die 1683
aus erbeuteten türfischen Kanonen
gegossen und in den letzten Jahren
selten geläutet wurde, weil die hef
tigen Schwingungen den Turm ge
fährdeten, ist zertrümmert. Aber ihr
Metall ist erhalten geblieben und
wird zum Guß einer neuen Glocke
verwandt werden.
Sowjetrussische „Freiheit"
Wie die CJP aus Rom berichtet,
sind zwei der Polnischen Bischöfe, wel
che von der Sowjet-Regierung in Ge
fangenschaft gehalten wurden, den
Härten des Konzentrationslagers er
legen. Es sind der im achtzigsten Le
bensjahr stehende Bischof Adolf Sze
lazef von Luck, päpstlicher THronassi
stent, und der achtundsiebzig Jahre
alte Bischof Gregor Chomyszyn von
Ttanislawow. Letzterer war schon
ernstlich erfranft, als die Russen ihn
in die Gefangenschaft schleppten. Fast
alle katholischen Bischöfe aus dem
Osten Polens sind in die Gefangen
schaft geführt oder des Landes tier
wiesen worden. Das ist die vielge
rühmte Freiheit, die der Welt von den
Alliierten Siegern gebracht wurde!
Wo bleiben die Proteste der andern
Alliierten Mächte

o A n s a A i u

xml | txt