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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, December 15, 1945, Ausgabe der 'Wanderer', Image 1

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Jmhigmag
TS
Zwischen Krieg und Frieden
In einer Zeit, die tief erschüttert
war durch den wie eine dämonische
Windsbraut Europa durchrasenden
Korsen Napoleon Bonaparte, schrieb
der große Görres: „Furchtbar geht
das Verhängnis seinen Weg, ein Un
gewißer über seinem Haupte, unter
seinen Füßen ein Leichenfeld. Nicht
von Stein und Fleisch und Bein soll
der Mensch sein Heil erwarten, son
dern allein von der eigenen inneren
lebendigen Heiligung darum schrei
tet die Geschichte ohne Erbarmen fort,
und als Werkzeuge wählt sie solche
nur, die kein menschlich Erbarmen im
Busen tragen
Diese Sätze bilden die Einleitung
zu einer Abhandlung über den „Fall
der Religion und ihre Wiedergeburt".
Nur durch eine tiefschürfende religio
se Erneuerung, führte der rheinische
Seher in seiner unvergleichlichen
Sprache aus, könne Ordnung und
Friede wieder erlangt werden,
nur wenn die Menschen wieder „zur
Einsicht kommen, daß von allen mög
lichen Welten allein die bestehen kann,
worin das Recht regiert, alle anderen
notwendig untergehen, weil alle Bos
heit und alle Schlechtigkeit sich selbst
aufreibt, wie die Geharnischten jener
Schlangensaat, daß die Ehre zuletzt
allein auf dem Schlachtfelde bleibt.
Auch heute geht das Verhängnis
furchtbar fernen Weg, noch unendlich
furchtbarer als in der zerrüteten Kor
senzeit, unter seinen Füßen das
schauerliche Trümmer- und Leichen
feld des totalitären Krieges, über sei
nem Haupte die höllische Atombombe,
und als Werkzeuge hat sich die Ge
schichte solche gewählt, die kein mensch
lich Herz im Busen haben und kein
Hirn im Schädel, Macht- und Beu
tepolitiker, die das Unrecht der ge
stürzten Empörer gegen Gesellschaft
und Gesittung in neuer Gestalt unge
straft fortsetzen zu können wähnen.
Kein Wunder, daß es den Anschein
hat, als sei mitten hinein in die
schauerlich verwüstete Welt eine Nor
renbühne gestellt, auf der die Akteure
mit wichtiger Miene und tollen Ge
bärden, bald in Monologen, bald im
Chore, sinnlos an einander vorbeire
den und jeder den andern zu über
schreien sucht, während die in glei
cher Weife mit einander rivalisieren
den Regisseure Ordnung in das To
huwabohu ^zu bringen sich bemühen
und im Souffleurkasten Zeitungs
schreiber und Rundfunkschwätzer in
allen Tonarten ihren divergierenden
Interpretationen des auf dem Welt
theater zu spielenden Stückes Geltung
zu verschaffen trachten.
Und feiner von allen scheint das
Stöhnen und Wimmern und Todes
röcheln der rings umher matt und
elend zu Boden sinkenden Scharen
von armen Menschenkindern zu ver
nehmen und der bleiern über den
Spektakel sich senkenden Rauchschwa
den und der knisternden Flammen in
den Kulissen zu achten, die im näch
sten Augenblick den ganzen ekeln
Jahrmarktsplunder zu erfassen dro
hen. Es ist ein Bild, in dem der ange
sichts des brennenden Rom die Leier
klimpernde Nero wie von unzähligen
Vexierspiegeln zurückgeworfen und in
den lächerlichsten Posen vervielfältigt
erscheint. Wie Nabuchodonosor in sei
ner Verstoßung nur Sinn und Auge
für das Gras hatte, das er „fraß wie
ein Ochs", so haben die von der Ge
schichte unbelehrten Gewaltpolitiker
nur Gelüste nach Macht und Besitz
und der Vergeltung und Rache. Un
bekümmert um die traurigen Nöten
der Zeit und die Gefahren der Zu
fünft schachern und feilschen sie um
die Habseligkeiten, die den nieder
geworfenen Feinden verblieben sind,
um Fetzen des zerstörten Landes, um
Fabriken und Warengüter. Und der
Troß in ihrem Gefolge stiehlt, was
die Bomben und das Feuer verschon
ten, Eßbestecke und Tischleinen und
Porzellan, altes Familiensilber und
Schmuck und Erzeugnisse der Klein
kunst, und auch in Amerika wird
künftig manches Familienheim sich
nicht wenig einbilden auf die „Sau
venire" aus dem Kreuzzug wider die
deutschen und japanischen Barba
ren.
Was find wir für ein kleines Ge
schlecht geworden, wir im Zeitalter
des Fortschritts, der Humanität, der
Toleranz, der Freiheit, der Demokra
tie und der Verachtung des Sit
tengesetzes, der Entchristlichung, der
Verheidnischung!
Kein Wunder, daß denkende Men
schen das Grausen packt vor dieser
Zurückentwicklung zur „urahnlichen
Bestialität"! Es sind nicht allein Ver
treter der Kirche, die mahnen und
warnen, bitten und beschwören, die
Amerika an seine gewaltige Verant
wortung erinnern. Es lassen sich aus
den letzten Tagen Worte von Wort
führern aus allen Schichten unseres
öffentlichen Lebens anführen, denen
es angst und bange wird beim An
blick des Versagens der amerikani
schen Regierung in der Weltpolitik
und mehr noch beim Anblick der Ent
artung und Verrohung in unserm
nationalen Leben.
Tie Kongreßabgeordnete Clare
Boothe Luce, die eine Frau von ern
ster Denkungsart ist, wie sie besonders
durch die Empörung über das in
Europa geschaute Unrecht zeigt, unter
breitete neulich im Abgeordnetenhaus
eine Resolution, die das Volk zur
Selbstbesinnung aufrütteln sollte.
Sie fordert darin, „daß der Kon
greß vor dein Volk der Ver. Staaten
und allen andern Völkern, Staaten
und Regierungen zum Glauben der
Gründer der Republik von neuem sich
bekenne, nämlich: Daß die unveräu
ßerlichen Rechte des Menschen, dar
unter ebenbürtige Geburt, Leben,
Freiheit und das Streben nach Glück,
ihm verliehen wurden vom Schöpfer
und nicht von Menschen oder Regie
rimgen". Darum, fährt die Resolu
tion fort, „soll unsere Regierung im
Vertrauert auf den göttlichen Schutz
der Vorsehung fortfahren, nach Lö
sungen nationaler und internationa
ler Probleme zu suchen im Glauben
daran, daß die Gebote und die Auto
rität Gottes die einzige richtige Füh
rung und Rechtfertigung für mensch
liche Gesetze und Handlungen bieten."
Unsere tägliche Presse, die Frau
Luce für manches burschikose Bonmot
(z. B. vom „globaloney" Krieg) ge
räuschvoll applaudierte, hat ihren
Antrag der übrigens an den Aus
schuß für auswärtige Angelegenhei
ten verwiesen wurde! vollständig
ignoriert. Ter Geist, der daraus
spricht, paßt nicht zu den Haßgesän
gen gegen die verfemten Feinde, paßt
nicht zu dem sklavischen Sichducken
vor den Tagesgötzen, vom geschmei
digen Politiker und betreßten Gene
ral und Admiral bis zur Holly
wooder Venus vulgivaga, paßt nicht
in ein Zeitlater, das alles mit Macht
und Geld abmachen zu können wähnt
und im allmächtigen „Staat" seinen
Gott verehrt.
Es wird wohl auch mancher von
denen, die in Washington das große
Wort führen, gelächelt und gewitzelt
haben über den kuriosen Einfall ei
ner gefühlvollen Dame, die in den
Tagen der „Realpolitik" von den ver
fchwommenen Idealisten der Grün
derzeit der Republik und gar von
Gottes Geboten redet und die Er
neuerung des Glaubens an sie feier
lich attestiert haben will. Sie mögen
lächeln und witzeln genau so wie
die Herren und Damen des ancien
regime in Frankreich frevelhaft sich
trösteten: „Nach uns die Sintflut!"
nicht ahnend, daß diese noch in
ihren Tagen hereinbrechen und sie auf
die Guillotine schwemmen werde!
Tie Gesinnung und Mahnung, die
hinter dem Antrag Luce stehen, las
sen sich nicht abtun durch geringschät
ziges Ignorieren und wohlfeile Spöt
telei. Wenn wir nicht zuriickfehren
zur Gesinnung der Männer, die sich
nicht scheuten, gleich in den ersten
Sätzen der Unabhängigkeitserklärung
auf Gott sich zu berufen, und wenn
wir nicht Gottes Gebote und Seine
Autorität anerkennen und darauf das
Recht im innenpolitischen und inter
nationalen Leben begründen, wird
der Hexenfabbath, wie wir ihn heute
''chauen, andauern und werden wir
in immer größere Wirren geraten, die
feine Konferenz zu beschwören ver
mag.
Das große „Experiment"
Was haben wir denn erreicht mit
all den groß aufgezogenen Zusam­
An Familienblatt str Wahrheit und Recht zur Belehrung und Unterhaltung
Ausgabe des.Minderer'
HeraaSgegebe« vom Päpstliche« Kollegium Josephiuum zum Beste« der PriesterzSglinge. Preis für ei« Fahr i» de» Ber. Staate« $2, i» ftosobt und alle« andere« Staate» $2JiO.
Samstag den 15. Dezember 1945
men fünften und Besprechungen
von den Konferenzen der verschiede
nen Garnituren der „Großen Drei"
bis zur Konferenz von San Fran
cisco und der Mutifterfonferenz in
London? Die Dinge sind immer
schlimmer geworden, je mehr sie „be
sprochen" wurden. Wenn wir immer
wieder hören, das komme daher, daß
wir fein Programm haben, dann
kommt uns immer wieder die Ent
deckung von Onfel Bräsig im Rahn
städter Rcformöereitt in den Sinn,
daß „die große Armut von der gro
4en Powerteh fommt". Wir haben
fein Programm, weil wir feilte
Grundsätze haben. Wir hatten so et
was wie Grundsätze im Atlantic
Charter und den Roosevelt'schen
Freiheiten. Aber die fielen in Tehe
ran, MoSfau und Ialta unter den
Tisch, wie in Versailles Woodrow
Wilsons Vierzehn Punkte unter den
Tisch fielen. Tamit war's vorbei mit
einem Programm es kam nur noch
zu Tauschhändeln, Kompromissen und
schließlich zu der Potsdamer Erklä
rung, zu der Henry Mergenthau die
Musik geschrieben hat. Und mit all
den grundsatzlosen Kuhhändeln und
Kompromissen und der Mergenthau'
fchen Haß- und Rachepolitik sind wir
in einen Wirrwarr geraten, der ein
Hohn ist auf alle Staatskunst und
wirtschaftliche Klugheit. Byron Price
und General Eisenhower haben alle
Warnungen und Befürchtungen von
objektiven Beobachtern vollauf bestä
tigt. Versailles war viel schlimmer
als der Wiener Kongreß, und Pots
dam ist zehnmal schlimmer als Ver
sailles.
Wie schlimm die Lage ist, läßt sich
in wengien Worten gar nicht sagen.
Europa war selbst in der schwersten
Heit des Krieges weit besser dran als
heute. Sieben Monate nach Kriegs
ende haben es die Sieger über
Teutschland zu ferner einheitlichen
Politif gebracht, haben, wie es Anne
O'Hare MoCortnick ausdrückt, „nicht
einmal den ersten Entwurf dessen zu
start be gebracht, was an die Stell e
Teutschlands treten soll, das zerstört
wurde". Tie amertfanifche Militär
verwaltung steht nach der genannten
Journalistin vor einem gewaltigen
Tilemma „nicht vor der Wahl
zwischen einem schweren und einem
gelinden Frieden (matt chat sich zu ei
nem harten Frieden entschlossen und
führt ihn durch), sondern vor der
Wahl zwischen dem Möglichen und
dem Unmöglichen". Dabei „suchen die
Am er if mi er etwas zu tun, das man
nie vorher versucht hatte", und haben
dieses Experiment Leuten überwiesen,
„die mir geringes und vorübergehen
des Interesse an der Sache haben.
Ein großer Teil der für die Militär
regierung ausgebildeten Offiziere z.
B. ist unter dem ,Point System' be
reits in die Heimat zurückgefehrt und
ihre Stellen gingen an Leute über,
die weder Erfahrung noch besondere
Eignung besitzen und nur auf ihre
Entlassung warten". Dazu fommt die
Aufteilung Teutschlands in vier Ver
waltungszonen, von denen eine jede.
nach andern Gesichtspunften behau
delt wird. „Die Militärverwaltung
hält das Volk erfolgreich unter völ
liger Kontrolle, aber sie weiß nn
diesen Passiven Massen nichts un.y.i
fangen als sie zu strafen." „Kein be- i
siegtes Volf von der Größe Deutsch
lands war je so vollständig in der
Gewalt der Sieger. Kein Volk, io,
wiederholen wir immer wieder, ist so
leicht zu führen. Wohin aber wird cf
geführt? Wird Deutschland aus i
der Dunfelheit dem Sicht und bor
Freiheit zugeführt? Davon ist nichi?
zu verspüren. ."
Ein „Experiment" mit siebzig bic
achtzig Millionen Menschen, durchge
führt von unerfahrenen, interefselo
feit Menschen planlos, ziellos,
ohne irgendwelchen Fortschritt, wäh
rend Hunger, Kälte, Kranfheit, uitbe
schreibliches Elend viele Tausend hin
raffen. Und die Uttfähigfeit und der
Dilettantismus, die selbst nicht Wil
sen, was sie wollen, erdrosseln jede'
deutsche Selbsthilfe, tändeln weiter in
ihren fruchtlbofen Expermimenten.
ohne daß sich Amertfaner, Briten,
Franzosen und Russen auch nur in
den fundamentalsten Fragen einigen
können.
Wieder nach Moskau
Aber damit soll es jetzt anders wer
den. Obwohl erst vor zwei Wochen
Präsident Truman angesichts des
Price-Berichts von der Wertlosigkeit
der vielen Sonderfonferenzen gefpm
chen und die Ansicht geäußert hatte,
es müsse die Maschinerie der Verein­
ten Nationen in Gang gebracht wer
den, um endlich aus der Sackgasse zu
kommen, fam wie aus der Pistole
geschossen die Anfündigung einer
neuen Minifterfonferenz.
Tiesmal soll in Mosfau getagt
werden. Die erste Mitteilung erweck
te den Anschein, als handle es sich vor
allem um eine Verständigung über
die Atombombe mit der man so
lunge spielt, bis sie eines Tags uner
wartet berstet. Aber die nachfolgenden
Pießnteldungen und halbamtlichen
Aenßerungen lassen erkenn-»:!, daß
man vor allem schlüssig zu werden
versuchen wird über eine eiitheUrche
Vemtzungspolitik in Teutschland
Iva- selbstverständlich nicht aus
schließt, daß auch die Atombombe
(meint auch nur als Tauschobjekt zur
Enielung von Kompromissen) eine
Melle spielen wird.
?ie Zusammenkunft beschränkt sich
ou' die Vertreter der Ver. Staaten.
Englands und Rußlands. Tie zwei
nndern „Großen", Frankreich und
China, haben nicht mitzureden. Ta-3
steint, jedenfalls soweit Frankreich
ir. Betracht kommt, auf der Linie der
Price'schen Empfehlung zu liegen,
dar, man Frankreich unter starken
diplomatischen Truck setze, um es zur
ftachgiebigfeit in der Politik gegen»
iUvr Teutschland zu zwingen. Price
ebenso wie Eisenhower schob
du1 Hauptschuld an dent kläglichen
Fiasko der Besatzungsniächte Frank
reich zu, das sich im Gegensatz zu der
Potsdamer Erklärung der Behänd
lung Teutschlands als wirtschaftliche
Einheit widersetzt. Von Washington
au* ist bereits gedroht worden, man
werde die Einheitlichkeit wenigstens
der andern drei Besatzungszonen her
berühren, wenn Frankreich seinen
Widerstand nicht ausgebe. Tas aber
iii leichter gesagt als getan. Bisher
lui es Rußland ruhig geschehen, daß
Frankreich als Tündenbock behandelt
wurde, aber es ist noch mehr als die
auf seilte „Reservatrechte" als
Okkupationsmacht bedacht, und hat
bis jetzt nicht die geringste Lust be
kundet, sich in seiner }oite in die
Karten gucken zu lassen. Es ist darum,
wenn ihm sein Susammengeheit mit
Amerika und England nicht durch
Zugeständnisse abgekauft wird, wahr
scheinlich geneigt, mit Frankreich ge
meinsame Sache zu machen, so un
freundlich es sonst diesem Verbünde
ten gegenübersteht.
Frankreichs Rhein-Politik
Den Franzosen geht es in der seit
langem schwebenden Kontroverse um
mehr als.nur die Okkupationspolitik.
Es will seine Ansprüche auf die Ruhr,
die Saar und das ganze linke Rhein
Ufer befriedigt sehen, bevor es sich zu
irgend einem Entgegenkommen be
guemt. De Gaulle und sein Außen
minister Bidanlt sind bei verschiede
nen Gelegenheiten in Sachen der
Rhein-Grenze mit honigsüßen Wor
ten hausieren gegangen. Aber immer
wieder hat es sich gezeigt, daß sie die
große deutsche Niederlage gründli•
ausbeuten und die alten Eroberungs
pläne Ludwig XIV. verwirklichen
und das linksrheinische Teutschland
unter irgend einer unwahren Formel
Frankreich angliedern wollen.
Dieser Plan ist heute so ungerecht
wie er in den Tagen des „Tonnen
königs" und Napoleons war. Frank
reich hat keinen geschichtlichen und
keinen ethnologischen Anspruch da
rauf, zu dem vor einem Vierteljahr«
taufend geraubten Elsaß noch ande
res deutsches Gebiet zu schlagen. Es
hat durch seine Begehrlichkeit den
Grund zu dem Haß zwischen beiden
Ländern gelegt, und es wäre höchste
Zeit, daß man Schluß machte mit der
alten^ Geschichtslüge, als ob allein
Deutschland der Störenfried gewesen
sei. Solange Frankreich mächtig war,
war es nach einem Wort Carlyles
stets ein böser Nachbar, zweihundert
•yahre lang! Kaum der Niederlage
entrissen, verfiel es 1918 unter dem
„Tiger" Clemencecm in den gleichen
Fehler, und de Gaulle und Bidanlt
haben augenscheinlich aus der Ge
schichte nichts gelernt und treiben die
alte verhängnisvolle „Gloire"-Poli
tik, wo sie doch wahrlich Probleme
genug zu bewältigen haben, auch
ohne ihr Land von neuem mit den
Rhein-Plänen zu belasten.
Ihre Ausrede ist wie 1918, daß
Franfreichs „Sicherheit" die dauern
de Ohnmacht Teutschlands fordere.
Nun, Elemenceau setzte seine Revan
chepolitik durch, und die Ernte der
verhängnisvollen Saat war die Ka
tastrophe von 1940. Heute ist die Be
rufung auf Frankreichs Schutz und
Sicherheit vollständig unberechtigt.
Anne O'Hare McCormick, die sich in
ihrer Berichterstattung aus Europa
nach Möglichkeit der in Morgenthaus
Gedankenwelt sich bewegenden Poli
tik der New Norfer .Times' anpaßt,
roar neulich mehrere Wochen in
Teutschland und weilt jetzt in Fraitf
reich. In einer ihrer jüngsten Korre
spondenzen aus Paris stellt sie Ver
gleiche zwischeu beiden Ländern an.
oit Paris braust das Leben, über den
deutschen Städten liegt die unheim
liche Stille des Grabes. „Im Gegen
satz zn der Zerstörung von Köln bis
Budapest erscheinen die unzerslörten
Kuppeln und Türine und Plätze von
Paris wunderbarer als je." „Ter
Wiederau sbauminisier Raoul Tau
try," schreibt die bekannte Ionrnali
stiit weiter, „erklärte neulich, es wer
de zehn Jahre dauern, bis die Kriegs
triinmier in Frankreich Weggeräumt
werden körnten. Weint das stimmt,
dann werden u it e Jahre
darüber hingehen, bis die Teutleben
den Schutt beseitigt habe» und mit
dem Wiederaufbau ihrer zu Staub
zerntahlenen Städte beginnen kön
nen. Mau sollte glauben, dieser Ge
danke würde der französischen Furcht
vor Teutschland ein Ende machen.
Aber wenige Leute hierzulande
(Frankreich) haben eine Vorstellung
davon, wie es in Teutschland aus
sieht, und glauben nicht, was man
ill neu davon erzählt. Angst vor dem
.Erbfeind' ist eine Gewohnheit, von
der sich die Franzosen nicht gern Ins
reißen. ." Ten Grund dafür deu
te: die amerikanische Journalistin an
in dem Schlußsatz ihrer Korrespon
denz: „Kommt man aus den unheim
lichen Straßen jenseits des Rheins,
aus der entsetzlichen Monotonie der
Zerstörung, von den Menschen, die
nie lächeln, dann versteht man, daß
Frankreich endlich s e i n e ache
gehabt hat."
Tas ist ein ehrliches Wort. Und
eilte erschütternde Anklage! Soll wie
der wie 1918 dem tinehrlichen An
spruch auf Schutz und Sicherheit der
Friede Europas geopfert werden,
oder wird man endlich der allen Blut
rache der beiden Nachbarvölker ein
Ende machen? Würde man den Leh
ren der Geschichte und den Forderun
gen der Gerechtigkeit und christlichen
Liebe Rechnung tragen, dann würoe
wohl endlich der alte Haß gemildert
und der Rache gewehrt. Aber auf der
bevorstehenden Moskait'er Konferenz
und den ihr folgenden Besprechungen
wird voraussichtlich die alte Schacher
politik am Werke sein, Rußland
wird Frankreich gegen die britisch
amerikanischen Verbündeten ausspie
let Frankreich wird gleich einer ver
wöhnten Primadonna je nach Bedarf
sentimentale und hysterische Szenen
inachen England, das immer noch
den Westblock in Reserve hält und es
darum mit Paris nicht verderben will,
wird schließlich, weint ihm hinreichen
de Zugeständnisse in der Ruhr ge
macht werden, mit Frankreichs Raub
planen sich abfinden. Wir werden er
regte Debatten in den Parlamenten
hören, die ihr Echo in der Presse und
im Rundfunk finden werden, aber
man wird aus allen Kräften eine
Wiederholung des blamabeln Fias
kos von London zu vermeiden suchen
und in einem wohlgesetzten Commu
nique die Welt mit der Kunde über
raschen, daß alle „Mißverständnisse"
glücklich überwunden wurden und die
alte Harmonie wieder eingekehrt sei.
Und die Pfuscherei und Flickerei
wird weitergehen, während Europa
mehr und mehr in dem saugenden
Sumpf versinkt und Millionen Men
schen weiter hungern, weiter frieren
und mehr und mehr der Verzweiflung
anheimfallen die Europa für
die Pläne Mosfaus reif machen wird.
China und Persien
Die erstaunliche Staatsfunst der
Temofratie fommt nicht allein dem
europäischen Festland zugute, das ehe
dem Hort und Mittelpunft der Kul
tur war, von ihrer überladenen Ta
fei fallen auch Brocken für andere
Kontinente ab, besonders für Asien,
vsm ältesten Kontinent ist das große
chinesische Experiment im Gang. Im
Reich der Mitte sucht man unter
freundlicher Mitwirkung Rußlands
eine Art Kreuzung zwischen Imperia
lismus, Demokratismus und Bolsche
wismus herzustellen in Java und
sonstwo in den asiatisch-pazifischen
Weiten sucht mart den Bewohnern alle
demokratischen Freiheitsgelüste mit
den Machtmitteln des Imperialismus
auszubauen das allindische Natio
nalgefühl soll befriedigt werden durch
Nr. 33
Patentmittel, die aber wohl die völ
kische und religiöse Zerrissenheit dem
imperialistischen Interesse Englands
von neuem dienstbar machen werden
in dem wichtigen Grenzland Iran,
dem Schneidepnnkt zweier Kulturen,
platzen die imperialistischen Gegen
sätze von Rußland und England auf
einander.
Hier wie in China arbeitet Ruß
land mit einheimischen Handlangern,
aber immer von gedecktem Posten aus
gegen die zu Recht bestehende Regie
rung. \it beiden Fällen stellt die offi
zielle Washingtoner Politik wohlan
ständig hinter der Regierung. Aber
es gibt, wie fast in allem, eine amt
liche Politik nnd eine Politik von
Nebenregientnge», von Kamarillen,
die schwer zu definieren sind, aber
auf den in irgend eine lote demokra
tische Formel eingewickelten Umsturz
bolschewistischer Marke schwören. Sie
haben Schlüsselstellungen bis in die
höchsten Regierungsfrci'e itine und
wühlen und bohren nicht allein in
der Preise und im Rundfunk und in
einer von Abenteurern und Hoch
staplern und intellektuellen Parvenüs
durchsetzten Schicht der höheren Ge
sellschaft, sondern auch in ihren amt
lichen Stellungen.
Ihnen bat der als Tiplomat etwas
pittoreske General Hnrley den Fehde
handschuh hingeworfen und ihre Ma
chenschaften in China und Iran ent
hüllt. Anfangs stellte sich Attßenfefre-
tär Byrnes auf seine Seite, aber der
Skandal war augenscheinlich doch zu
umfassend, als daß man seine Partei
politische Ausbeutung durch die Geg
iter der Administration hätte riskie
ren können. Wie auf Kommando
scharte» sich die Führer der demokra
tischen Partei bis hinauf zum Präsi
denten um die von Hurley angegrif
fene Position des Staatsdeparte
ments, und Presse und Rundfunk
gössen Kübel des Spottes über den
rücksichtslosen Kritiker. Tie „Unter
suchung" vor einem Senatsausschuß,
in der Hurley seine Anklagen mit
aller Schärfe wiederholt hatte, ist
wohl als abgeschlossen zu betrachte«,
ohne daß sie irgendwelchen Einfluß
auf unsere auswärtige Politif haben
tonnte.
Selbstverständlich kommt das Ruß
land sehr gelegen. Nicht als ob es sich
iiber Washingtoner Wünsche sonder
lich aufregte, aber es kamt diese um
so rücksichtsloser ablehnen, wenn es
weiß, daß man in Washington keine
zielbewußte Politik treibt und daß es
dort hilfsbereite Handlanger bat, die
„Untouchables" sind, soweit die gegen
sie gerichtete Kritik in Betracht kommt,
^o beantwortete Stalin eine Wash
ingtoner Note, in welcher die Räu
mung Irans vor dem 1. Januar
durch sämtliche alliierte Truppen vor
geschlagen wurde, mit einer kühlen
Ablehnung, und matt kann sich aus
recht unbequeme Entwickinngen in
diesem Wetterwinkel gefaßt machen.
Bei all dem muß man bedenken,
welche Ignoranz in einflußreichen
Kreisen Washingtons herrscht. Tas
wurde von Hurley in dem Verhör vor
dem Senatskomitee in drastischer
Weise illustriert. Als ihn Senator
Connally spitz fragte, ob das Staats
departement feilte Tätigkeit in Neti
'celand erschwert habe, antwortete
Hurley mit berechtigtem Sarkasmtts:
..Die einzige Unannehmlichkeit be
stand darin, daß ich dem Staatsde
partement nicht beibringen konnte,
daß die Hauptstadt Wellington ist.
Fünf Monate lang sandte das
^taatsdepaneinent meine Telegram
me nach Canberra, bis ich schließlich
in einem Telegramm Staatssekretär
Hull aufklärte."
Man hat es da mit der gleichen
eng verkapselten Bürokratie zu tun,
die auch auf die Armee und die Flotte
sich erstreckt und wie die Unter
suchung über Pearl Harbor immer
wieder dartut durch geradezu un
glaubliche Kurzsichtigkeit und dilet
tantenhafte Pfuscherei einen großen
Teil der Verantwortung für den 7.
Tezember 1941 trägt und durch kei
nen Schuldspruch über japanische
Kriegsverbrecher vom Schlage des so
eben zum Tode verurteilten Generals
?)amafhita voll und ganz ausgemerzt
werden fanit.
Keine durchgreifende Aeuderung z«
erwarten
Und es ist die gleiche engstirnige
Biirofrotie, die auf den haßerfüllten
und phantastischen Mergenthau
„Platt" hereingefallen ist und in
Ialta und Potsdam die von Roose»
(ffottfefcung auf Seite 8)

Ein Antrag von Frau Clare
Boothe Luce

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