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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, December 22, 1945, Ausgabe der 'Wanderer', Image 3

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22. Dezember
Die Cantic
An manchen Orten Pflegen an dem
Eingange des Friedhofes Tannen ge
pflanzt zu werden. Das dunkle Grün
derselben ist ein würdiger Schmuck
der ernsten State. Und ernste Gedan
ken erweckt auch dieser Baum. Aus
seinen Brettern verfertigt man auf
dem Lande wie die Wiege, so auch
den Sarg. Tie Tanne schaukelt das
Kindlein, und wenn der Greis müde
geworden, so umfängt sie ihn zum
friedlichen Schlummer. Und die Tan
iie, aus welcher mir die letzte
Wohnung, die stille Kammer, gezim
mert wird so denkt der sinnige
Christ —, braucht nicht erst gepflanzt
zu werden sie wächst schon.
Die Tanne, welche im Winter
grünt, ist aber auch das Bild unver
weltlicher Frische. Sinnig wird des
halb an manchen Orten um das Kru
zifix auf dem Friedhofe eine Gruppe
von Tannen gepflanzt sie weisen hin
auf das heilige Kreuz als den wahren
Lebensbaum. In Liedern feiert man
oft die Tanne. Man nennt dieselbe
„ein edles Reis", grünt nicht nur
„zur Sommerszeit: nein, auch im
Winter, wenn es schneit". In den
Wechselreden der Bäume läßt Muth
(„Frühlingsgarten") die Linde das
Lob der Tanne fingen: „Die Tanne
ist der Liebling der Menschen sie be
gleitet ihn in Gesellschaft der Birke
auf die höchsten Berge und in die
nördlichsten Gegenden, wo Eis und
Schnee Berg und Tal mit weißer
Schlummerdecke verhüllen."
„Ein Tannenbaum steht einsam
Im Norden auf kahler Höh'.
Ihn schläfert, mit weißer Decke
Umhüllen ihn Eis und Schnee."
Aber Verwandte der Tanne, wie
die weitästige Zeder, stehen dafür fern
im Süden auf den hohen Bergen Li
banons, wo die Sonne flammt und
das blaue Meer feine Wogen wälzt,
oder auf stillen Friedhöfen, wo nur
die Lerche singt und der Schmetter
ling, der Trauermantel, fliegt. Mag
sein, daß wegen deines düsteren Grün,
o Tanne, so viel Hexen- und Gespen
stergeschichten mit dir in Verbindung
gebracht werden. Oder sind heidnische
Ueberlieferungen daran schuld aus
der Zeit des acht Tage dauernden Ju
belfestes der alten Deutschen, gefeiert
aus Freude über die endliche Herr
fchaft des Lichtes über die Nacht! He
xen und Geister sind dir fern höch
stens die Zwerge hämmern und lär
men unter deinem Wurzelwerk. Dies
läßt sich einmal kein Goldsucher aus
reden. Da lassen wir lieber den Dich
ter von dir fingen und alles Düstere
bannen. Dich umblühen die Blumen
der Heide, auf dir nistet die Wald
taube. Und, wie ihr Tannen so'da
steht, jung und alt, schmächtig und
mächtig, voll Harzduft am goldenen
Sommervormittag oder ernstrau
ich end am heiteren, sonnig blauen
Herbstmorgen, im weißen oder röt
lichen Kleide, wie Riesen aus alten
Tagen, unverwittert, unerfchiittert,
hat schon Mancher ausgerufen:
„Prächtige Bäume, diese Tannen!"
Eine große Bedeutung hat die Tan
ne für die christliche Symbolik da
durch erlangt, daß dieser Baum zum
Ehristbaum ausgewählt wurde. Ein
Tannenbäumchen, bloß mit einer
Menge von Lichtern und mit Flitter*
zeug geschmückt und vom Christkind
chen oder Bethlehemsstern überragt,
ist ein schönes und sinniges Bild zur
Feier Dessen, der das Licht der Welt
war. Ein Krippchen zu den Füßen des
im Glänze strahlenden Christbaumes
stellt das gnadenreiche Geheimnis der
heiligen Nacht vor Augen und erin
nert zugleich daran, daß der hl.
Franziskus die erste Krippe in ei
nem Tannenwald aufrichtete. Wa
rum gerade der Tannenbaum ein be
liebter Schmuck des Weihnachtsfestes
geworden ist, das ist leicht zu erraten.
In nördlichen Ländern bietet sich zur
Weihnachtszeit auf freiem Felde nichts
Grünes dem Auge dar als der Tan
nenbaum. Grund genug, ihn als
Sinnbild des Lebens und der Freude
auszuwählen und reich zu schmücken
an dem Stage, an welchem die Chri
stenheit das Andenken an die Geburt
des Heilandes begeht, der uns das
Leben Brachte.
Die jetzige Weise Oer Feier gehört
Zwar der neueren Zeit an. Doch lassen
sich einige Teile derselben schon in
den Geschichtsquellen des Mittelal
ters nachweisen. Um die Mitte des
fünfzehnten Jahrhunderts war der
Weihnachtsabend eine Hauptzeit der
Geschenke. So meldet eine Urkunde
Pom Jahre 1446 aus Frankfurt a.
M.: „Item schenke ich dir einen
£hriftwef. Gibin uff den heiligen
«Hkijtshent." Die Sitte des Weih­
nachtsbaumes hat sich dann erst in
folgender Weise ausgebildet: Der artt
Palmsonntage verlesene Bericht des
Evangeliums, daß dem Heilande bei
Seinem Einzüge in Jerusalem Palm
zweige auf den Weg gestreut wurden,
scheint den ersten Anlaß gegeben zu
habe». Es wurde dieser Abschnitt des
Evangeliums in Norddeutschland auch
am ersten Adventssonntage verlesen.
Man betrachtete das Weihnachtsfest
als das Fest der Ankunft des Hei
landes in dieser Welt, und wie um
Ihn festlich zu empfangen, bestreute
man die Wege zur Kirche und den
Boden des Gotteshauses mit grünen
Zweigen.
Man wälte dazu in England Stech
palmenzweige, bekannt unter dem
Namen Christdorn. Lorbeerzweige
und immergrünen Rosmarin. Noch
erhaltene Kirchenrechnungen beweisen
die Allgemeinheit dieses Gebrauches
schon für die ältesten Zeiten. In
Deutschland nahm man dazu den
Winterschmuck der deutschen Land
schaft, die immergrünen Tannenzwei
ge. Auch die Wohnungen pflegte man
am Christfeste mit Tannenzweigen zu
schmücken. War es einmal gebrauch
lich, den Tannenbaum als Sinnbild
der Weihnachtsfreude in's Haus zu
bringen, so ging man leicht dazu
über, ihn mit Lichtern zu schmücken.
Lichter brennen ja überall dort, wo
herzliche Freude ausgedrückt werden
soll.
In den Legenden der Heiligen wird
die Tanne wiederholt genannt: so in
der Legende des heiligen Glaubens
boten und Märtyrers Landolin, der
aus Irland stammte. Wie derselbe
erzählt, wurde das erste Kreuz in
Deutschland aus einer Tanne herge
stellt. Als der hl. Landolin bei den
heidnischen Alemannen das Evange
lium verkündete, ließ er eine Tanne,
welcher abgöttische Verehrung erwie
sen wurde, fällen und ein Kreuz da-,
raus zimmern. Zwar wurde er aus
Rachsucht von den Heiden getötet, aber
das Kreuz herrscht seitdem. In der
Volkssage von der Stiftung des be
rühmten Wallfahrtsortes Thann im
Elsaß wird die Tanne erwähnt. Pa
trort der Kirche zu Thann ist der hl.
Bischof Theobaldus. An bestem Ge
denktage, am 1. Juli, wurden nach
altem Brauch drei Tannen verbrannt,
deren Asche als Andenken an die Feier
das Volk verwahrte. Der hl. Brosard
Pflegte zu sagen: „Die Tannen und
Eichen sind meine Lehrer."
Gregor der Große deutet die Hirn
nielanstrebende Tanne auf die Heili
gen, die versunken in Betrachtung des
Ueberirdischen über alles Irdische und
Vergängliche sich erheben. In den De
visen des Mittelalters kommt auch
der Tannenzapfen vor. Dem genann
ten Emblem ist das Motto beigefügt:
Nisi fregeris Nur wenn du ihn
zerbrichst, kommt fein Keim zutage.
So ist die stille Tanne auf dem
Friedhofe, wenn wir ihre Symbolik
erwägen, von ernsten und heiligen
Gedanken umweht. Sie erinnert uns
an das Sterben der Menschen, aber
mich an die Geburt des Erlösers.
Sterben und Hoffnung auf den Er
löser das gemahnt uns zum Ge
bete. An die Heiligen Gottes, so sagt
Gregor, erinnert die Tanne, zu de
rein lichten Reiche die Seelen der
Gestorbenen-nach vollendeter Läute
rung eingehen sollen. Wer ait dieses
Zeugnis des heiligen Kirchenlehrers
denkt, den wird der Anblick der den
tungsreichen Tanne auffordern, ein
inniges Gebet gen Himmel zu senden.
Chor.
Dr. H. S.
Die Weihnachtsmette
Da ist sie die hehre, die heilige Nacht!
Der Himmel erstrahlet in schweigen
der Pracht,
Es ziehen die Wölkchen wie Schäslein
herauf
So leuchtend, so stille nichts hemmt
ihren Lauf.
Es blinken die Sterne so lieblich da
rein
Und winken den Seelen zum Himmel
hinein.
Da horch? Was ist das für ein nächt
licher Ruf
Ein To«, den die eherne Glocke wohl
schuf?
Ja, richtig ein zweiter, ein dritter
klingt her
Schon wogt durch die Lüfte ein tönen
des Meer:
Es singen die Glocken de« schönen
Choral
Bon Christi Herabkunst in Bethle
hems Tal.
Da wird es lebendig. Bon nahe und
fern
Eilt alles frohlockend zum Hause des
Herrn
Z« feiern in desse« lichtflutender
OHIO WA1SKNFKEUND
DaS sKße Geheimnis der seligste«
Nacht.
Schon ziehen die Mönche in Paaren
hervor
In heiliger Freude zum sttahlenden
Und dort nun beginnt ich sag nicht
zu viel
Ein wahrhaft bezaubernd', ein himm
lisches Spiel.
Erst klingt durch der Psalmen hoch»
würdigen Sang
Des Jnvitatvriums jubelnder Klang
Tann wallen, wie Hirten auf Bethels
Gefild,
Cantores zum Pulte und singen so
mild
Und singen so lieblich in's Herz u«s
hinein,
Daß Christ uns geboren als Kindche«
gar klein,
Und wieder der Psalmen stets wech
selnder Sang,
Und wieder das Wallen, noch süßer
der Klang,
Bis endlich durchbrauset in vollem
Akkord
Ein mächtig Te Deum den heiligen
Ort.
Nun drängen die Scharen es woget
und wallt
Znm hohen Altäre. Die hehre Gestalt
Des ehrwürd'gen Abtes erscheint auf
dem Thron:
Er singt uns das Stammbuch vom
göttlichen Sohn.
Tann wieder ein Wenden und Woge«
der Reih'n
Es treten Leviten und Priester herein,
In lichten Gewänden umkreiset die
Schar
Wie Engel des Himmels des Höchste«
Altar.—
Tas Opfer beginnt es würzet die
Lust
Gesegneten Rauches wohlriechender
Tust.
Es beuget voll Ehrfurcht das Volk
nun die Knie'
Und lauschet voll Andacht des Chors
Jetzt rauschet, begleitet vom liebliche«
Klang
Der mächtigen Orgel, der Engel Ge»
sang
Von Bethlehems Fluren dutch's hei
lige Haus,
Weit tragen die Glocken in's Laad ihn
hinaus.
To endlich ermahnet ein silberner
Ton,
Daß uns auf ein Neues geboren Gvtt
Sohn.
Boll Liebe und Sehnsucht blickt alles
jetzt auf
Die Sonn' der Gerechtigkeit steint
dort herauf:
Es hebet der Priester in bebender
Hand
Ter göttlichen Liebe hochheiligstes
Pfand.
Und Jesus sieht segnend auf alle her
ab,
Schickt Ströme von Segen als fest
liche Gab.
Ja, mehr noch: Er selbst ist zu kom
men bereit
Zu allen, die Ihm ihre Herzen gc
weiht.
Anbetend Ihm danke«, uns liebend
Sein' sren'n,
Wird unsere höchste Wonne nun sein.
Indessen entsteiget in strahlende»!
Kranz
Die Sonne dem Frührot: Es schwin
det der Glanz
Der nächtlichen Feier und all ihrer
Pracht
Doch uns bleibt der Segen der heili
gen Nacht.
P. Wilibrord, O.S.B.
Ehre sei Gott
in der £?öbo!
Ein Lobgei'ang, den die Natur, ^5
Weltall, von der Stunde der Schön
fung an, unaufhörlich, Tag imb
Nacht, zum Himmel emporfendet! De
Sterne, die Berge und Meere mit
ihren großartigen Schönheiten, ber
Himmel, die Erde, Pflanzen und
re, sie verkünden und bezeugen (^t
tes Herrlichkeit. Ihr Dasein allein ist
ein beständiges Lob Gottes, ihre
chönheit. ihre weise Anordnung ein
unaufhörlicher Lobgesang. Denn da
zu find sie erschaffen, „Gottes Herr
lichkeit zu offenbaren".
Dazu auch, mehr als alle anbem
Geschöpfe, ist der Mensch erschaffen.
Und doch, wie oft lästert der Mensch
diesen mächtigen, gütigen Gott!
Ehre-sei Gott in der Höhe! Ties
verkündet lauter als alles andere das
herrlichste Werk Gottes, die Mensch-
LlS
Werbung Seines Sohnes.
In Christi Person hat Gott selbst
unter uns gewandelt wir haben Ihn
gesehen und sind, wie der Apostel sagt,
mit Ihm umgegangen, der voll der
Gnade und Wahrheit ist. Durch
Christi Geburt und Menschwerdung
bat sich die unendliche Barmherzigkeit
Gottes uns enthüllt, dadurch ist uns
Erlösung, Heil und Seligkeit gewor
den.
Durch Christi Geburt und Christi
Lehre ist die wahre Verehrung Got
tes wiederhergestellt worden.
Aus dem Herzen des Menschen
stieg nicht mehr das fromme Gebet
„Ehre sei Gott in der Höhe" zum
Himmel empor.
Tie Heiden beteten Götzen an, das
auc-erwühlte Volk, die Juden, ehrte
den Herrn nur noch mit den Lippen.
Seit der Geburt des Heilandes erst
ertönt es wieder aus dem tiefsten
Herzensgründe eines großen Teiles
bei- Menschheit: „Ehre sei Gott in
der Höhe!"
Advent
Adoentsandacht und Betrachtung
der Vergänglichkeit lassen sich schön
mit einander vereinen. Wir Sterbli
chen sind erfüllt vom heißen Verlan
gen nach dem Himmelreich. In den
schönen kirchlichen Adventsgebeten
und -liebem können wir diese unsere
Sehnsucht ausdrücken. „Tauet, Him
mel, den Gerechten Wolken, regnet
Jim Herab!" Das ist auch unsere
Bitte. Tas schönste und bekannteste
Abventslied „O komm, o komm,
Emanuel!" läßt sich auch als
Fleljgebet deuten und hat für die
christliche Andacht etwas Ergreifen
be- und Rührendes.
,.C komm, o komm, Emanuel,
i'tarf) frei Dein armes Israel!
vn hartem Elend liegt es hier,
vit Tränen seufzt es auf zu Dir
Bnlb kommt dein Heil (fmauuel.
komm, o komm, Du Licht der Welt,
Tas alle Finsternis erhellt!
komm, o komm, Tu Himmelskind,
Tas aller Welt das Heil gewinnt
Teilt Israel seufzt tief in Schuld
O bring ihm Teines Vaters Huld!
O komm, o komm, Tu Gottessohn!
Und schau auf uns vom Himmels
thron.
Gott, Herr und Heiland, tritt hervor,
komm, schließ auf da? Gimmel*
tor!"
Keine Zeit des Kirchenjahres ist
mehr geeignet, uns an das Verlan
gen jtach dem kommenden, sehnlichst
erwarteten Heile zu erinnern, als die
heilige Abventszeit. Und eine erleuch
tete christliche Andacht vergißt es nicht,
in den Rorateinessen dieser heiligen
Zeit mit besonderer Teilnahme des
Gemütes der lieben Gestorbenen zu
gedenken. Tamm mag es angemes
sen erscheinen, diese Zeit, die so viele
gedankenreiche und schöne Beziehun
gen zu den Abgeschiedenen gestattet,
kurz zu erklären.
Der erste Adventssonntag eröffnet
das Kirchenjahr er heißt deshalb
„erster Sonntag". Während die Na
tur uittcr Schnee und Eis schlummert,
tritt die Christenheit in die heilige
Adventszeit ein, in welcher die Mor
genröte erstrahlt, die den Ausgang
der Weihnachtssonne ankündigt. Tie
letzten Evangelien des ablaufenden
Kirchenjahres mahnen ernstlich an bie
letzten Tinge, aber die Hoffnung auf
Heil und Glück stehen mildernd neben
allem Schrecken. Mit dem ersten Ad
ventssonntag beginnt das kirchliche
Winter-Halbjahr, das bis Ostern
dauert und Vorbereitung und Kamps
darstellt, während das kirchliche Soin
mer-Halbjahr von Ostern an die Zeit
der Erfüllung unb des Sieges bildet.
Wie das Jahr erst im Schatten, dann
im Lichte steht, so steht die Kirche erst
in der Trübsal, dann in der Wonne.
Im Winter erniedrigt Sich Gott zum
Menschen im Sommer wird der
Mensch zu Gott erhoben.
Tie heilige Abventszeit, die Vor*
bereitungszeit auf das heilige Weih
nachtsfest, die Ankunft Christi, ist ei
ne Zeit der Stille und der Buße: eine
ernste, „geschlossene" Zeit. Doch ist
dieselbe auch von dem freudigen Ge
fühle eines großen, höchst glücklichen
Ereignisses durchweht. In dieser Zeit,
welche in der Natur die trübste des
ganzen Jahres zu sein pflegt, erin
nert die Kirche an die altersgrauen
Jahrhunderte vor der Ankunft des
Erlösers, an die so ferne, fo ahitimgs
reiche, von den Stimmen der Verhei
ßung durchklungene Zeit des Alten
Bundes. Während die Heidenvölker
durch die bittere Erfahrung des
Elends für das Christentum reiften,
pflegte Gottes Hand selbst das aus­
1
erwählte Erdreich des israelitischen
Volkes. Tie Kirchenlieder im Advent
„O komm, o komm, Eniannel!",
„Tauet, Himmel, den Gerechten"
schildern schon und andächtig die
Sehnsucht der frömmelt Menschen in
der vorchristlichen Zeit, welche nach
ber Ankunft des Erlösers verlangten,
„der da kommen soll, ans ben die
Völker harren". An die viertausend
Jahre der Nacht und Sehnsucht mah
nen uns die vier Wochen des Advents.
Hub damit auch die Natur zu Hilfe
komme, die geistige Finsternis, das
sittliche Elend zu versinnbildlichen,
fallen sie mit jener Zeitepoche des Na
tur ja!) res zusammen, wo bie Sonne
am fernsten steht unb feuchter Nebel
unb lauge.Nächte alles in Finsternis
hüllen. Wie aber auch in den trüb
seligen, unwirtlichen Dezember-Näch
ten bie Sternbilder reich und glän
zend vom dunkeln Himmel schimmern,
so waren auch jene dunkeln Zeitalter
ber Menschheit einigermaßen erhellt
durch das Licht und die Tröstungen
der Weissagungen von dem kommen
den Weltheilande. Bis in das Para
dies reichen diese Weissagungen zu
rück von da geht ihre Kette unun
terbrochen. Durch viertausend Jahre
ist das Christentum vom Paradiese
entfernt, aber es ist nicht vom Para
diese getrennt. Tie Propheten weisen
wie mit hundert Stimmen, sanft und
streng, durch Wort und Bild aus den
Erlöser hin.
Tie Kirche stellt den Gläubigen die
dreifache Ankunft des Heil-andes vor
Augen, von^ welcher der hl. Bernard
„In meiner ersten Ankunft kam
Er im fleische und in der Schwach
heit. in Seiner zweiten kommt Er im
Geiste und in der Macht, in Seiner
dritten in Glorie und Majestät." Am
eingehendsten ist dieses Geheimnis
von dem ehrto. Peter von Blois in
folgender Weise erklärt worden:
„Dreimal kommt der Herr zu uns
hernieder: das erste Mal im Fleische,
bas zweite Mal im Geiste, bas dritte
Mal als Richter. Tie erste Anknnst
wnd mitten in der Nacht statt, nach
den Worten der Hl. Schrift: Mitten
in der Nacht ertönte ein Schrei. Tie
fe erste Ankunst ist bereits vorüber
Christus ist auf Erden mit den Men
schen gewandelt und hat mit ihnen
verkehrt. Wir find jetzt in der Zeit
ber zweiten Ankunft. Sehen wir uns
baher jetzt vor, damit wir in einem
Zustande feien, daß Er zu uns kom
men könne denn Er hat gesagt:
Wenn wir Ihn lieben, werde Er zu
uus_ kommen imb bei uns wohnen.
Tiefe zweite Ankunft ist daher bei
c'"c'
5flche, bie einigermaßen
unsicher erscheint. Teint wer anders
als ber Geist Gottes erkennt diejeni
gen, die Ihm angehören? Diejenigen,
deren Verlangen nach himmlischen
iiitgeit groß ist, wissen auch, daß Er
kommt aber sie wissen nicht, woher
Er kommt und wohin Er geht. Taß
die dritte Ankunft ftattfinben wird,
ist über allem Zweifel erhaben sehr
ungewiß ist aber die Zeit, wann sie
stattfinden wird, wie ja auch nichts
gewisser ist als der Tod und nichts
ungewisser als der Tag desselben.
.Tie erste Ankunft war demütig
und verborgen, die zweite ist insge
heim unb voll Liebe, bie dritte offen
bar und schrecklich. In der ersten An
kunft mürbe Christus von den Men
schen uitgerechterweise verurteilt in
der zweiten macht Er uns gerecht, in
dem Er uns Seine Gnade schenkt in
ber britieit wird Er alles richten nach
den Grundsätzen der eigenen Gerech
tigkeit. Ein Lamm in ber ersten,"ein
iöwe in der letzten, ist Er in der zwei
ten ein hingebender Freund.."
Nicht ohne stnnboliicheit Grnnb Hot
bie Kirche bas Fest der Unbefleckten
Empfängnis Mariä in den Advent
verlegt. Iii Meiern einzigen geboteneu
Feste des Advents wird mit vollfom
ntenbstcu gezeigt, wie bie Vorberei
tung auf bie Ankunft Christi beschaf
fen sein soll. Indem die Kirche die
heilige Jungfrau verehrt als die von
allen Makeln der Erbsünde reine
Gottesmutter, lehrt sie zugleich, wie
die Christen dem Herrn die Wege be
reiten sollen, daß sie ihre Seele von
der Herrschaft der Sünde freimachen
und sie für Gott heiligen. Ter Christ
soll im Advent mehr denn sonst sein
Heil bedenken und dein Erlöser durch
Buße und Bekehrung, durch Geistes
sammlung, Gebet und Hebung vieler
guten Werke sein Herz bereiten. Tes
halb stellt die Kirche den Gläubigen
auch die dreifache Ankunft des Hei
landes vor Augen. Als das nächste
Fest vor Weihnachten hat Maria
Empfängnis eine schöne Bedeutung.
Tie seligste Jungfrau Maria war der
Sünde nicht unterworfen sie war die
Mutter des Heilandes, der die ganze
Menschheit von dem Joche der Sünde
befreite. So erinnert das genannte
Fest des Advents an das Morgenrot
des christlichen Tages, der mit dem
heiligen Weihnachtsseste begann.
Tie gottesbieustliche Ordnung und
Einrichtung der heiligen Adventszeit,
wie sie int Laufe der Jahrhunderte
von ber Kirche misgebilbet wurde, ist
reich an siitnigcr Symbolik und an
biiclitiger Feier. In den Evangelien
des Advents tritt der heilige Predi
ger Johannes der Täufer auf als
Wächter und Herold mit seinem ern
sten Rufe zur Buße. Von ihm sagt
schon der Hymnus „Rorate Testifier",
ber noch fortkliiigt in ben Advents lie
bern des Volkes:
„Als bie Zahl ber
x\a(ir'
erfüllet,
Tie von Gott bestimmet mar,
Warb des Volkes Fleh'n geftillet
lind Eliiabetb gebar
vtm, den Gott hat ausersehen,
Vor ben Völkern herzugehen
Ju Eliä Krart unb Geist,
Gottesgnab sein Nenne heißt.
Ernst ließ er bie Stimm' erschallen:
Buße tut, der Herr ist nah'!
Heil und Hilfe kommt zu allen
Seht, das Gotteslamm ist da!
Täler füllet. Berge senket,
Krumme Bahn gerade lenket!
Frucht der Buße bringt noch beut',
Macht den Weg des Herrn bereit."
Schon am ersten Adventssonntag
schlagen Epistel und Evangelium den
ernstesten Ton an und schallen wie
Bußglocken über den weiten Bereich
der ganzen Christenheit. Tas Evan
gelium erinnert an die Zeit deS Weit
et endeS, in der mit einer allgemein
sich verbreitenden Erkaltung des
Glaubens und der Liebe und im sinn
lichen Genießen sich der Lauf dieser
Welt schließen wird und die Gerichte
Gottes die Welt unvorbereitet über
fallen werden. Tie Epistel bebt an
mit den Worten des Weltapostels:
„Brüder, es ist Zeit, vom Schlaf auf
zustellen (Rom. 1.3 11). Die Kirche
entlehnt in dieser heiligen Vorberei
tungszeit den alten Propheten die
begeisterten Aussprüche ihres Seh
neus, die namentlich in den schönen
Rorateinessen zum Ausdruck kommen,
und sie fügt denselben noch ihre eige
nen Bitten hinzu. In der Zeit des
Advents werden, wie in der Zeit der
Fasten, keine feierlichen Hochzeiten
gehalten, bamit nicht weltliche Lust
barkeiten die Christen von den eru«
steu Gedanken ablenken, welche diese
Zeit weckt.
Weiter ist für die Adventszeit, wie
Gneranger in feinem „Kirchenjahre"
schön ausführt, bezeichnend, daß mit
Ausnahme der Feite der Heiligen das
Gloria nicht angestimmt wird denn
er ft am Weihnachtsfeste erschallt der
Gesang der Engel: „Ehre sei Gott in
der Hohe!" Dein Auge zeigt sich die
Trauer, die bas Herz der Kirche er
füllt. in der Büß- und Trmterfarbe,
bie sie während dieser Zeit trägt. Mit
Ausnahme der Feste der Heiligen be
kleidet sie sich mit violetten Gewän
bern. Schon stimmt bie liturgische
Farbe Meter Zeit zu den Abventsge
baukeit: Tas dunkle ernste Violett
brückt die Trauer aus, aber nicht ei
ne vollständige, allseitige, sondern ei
ne durch manche Strahlen der Freu
de gemäßigte und gemilderte Trauer.
Am Schlüsse des heiligen Meßopfers
spricht der Priester nicht die Worte:
„Geht, das Opfer ist vollbracht!" er
erfetit sie durch die Worte: „Laßt uns
den Herrn preisen!", als ob die Kir
che fürchtete, die Gebete des Volkes
zu unterbrechen, welche in diesen Ta
gen der Erwartung nicht genug aus
gedehnt werden können. In ben kirch
lichen Tageszeiten fallt während des
Advents das Te Tenut aus. Es ge
schieht dies aus Temut, womit die
Kirche ihren höchsten Wohltäter er
wartet sie will in dieser Zeit der
Erwartung nur bitten, flehen und
hoffen. Aber an dem feierlichen Ta
ge, wo mitten in der tiefsten Dunkel
heit plötzlich die Sonne der Gerechtig
keit aufgegangen ist, da findet sie wie
der ihre danksagende, jubelnde Stim
me und das tiefe Schweigen-der Nacht
unterbricht der begeisterte Ruf: „2ich,
Gott, loben wir Tich, o Herr, beken
nen wir!"
Bezeichnend ist für bie Adventszeit,
daß der Freiibengeiaiig, das Alleluia,
in den heiligen Messen der vier Sonn
tage seine Stelle findet und so einen
Gegensatz bildet zu dem Trauer ver
kündenden Kirchenschmucke. Dieser
Gebrauch der Kirche sagt deutlich,
daß. wenn sie sich gleich mit dem altert
Volte vereint, um die Ankunft des
Messias zu erflehen, sie doch nicht
vergißt, daß für fie der Heiland be
reits gekommen ist und in ihr Seine
Wohnung aufgeschlagen hat. Darum
mischt sich mit ihren Bußgebeten Ms
Alleluja und bezeichnet diese Zeit mit
ihren Freuden und Kümmernissen
denn sie hofft und vertraut, daß die
Freude den Schmerz und das Ver
(Sottfefcung auf Seite 7)

Melodie.

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