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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, February 09, 1946, Ausgabe der 'Wanderer', Image 1

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Atihrpmg 71
Hitler und Stell»
Es gab eine Zeit, da manchen Leu»
ten unsere Haltung Hitler und seinem
Naziwm gegenüber voreingenommen
und zu scharf dünkte. Der klägliche
Zusammenbruch des „Tausendjähri
gen Reiches", die Unfähigkeit, Kopf
losigkeit und Verantwortungslosigkeit
der Menschen, die das deutsche Volk
in das namenlose Elend geführt,
beim Hereinbruch der Katastrophe, die
seitdem in seiner ganzen Scheußlich
feit enthüllte Unmenschlichkeit und
Verruchtheit dieser Gauner und Ver
brecher bestätigten vollauf die Rich
tigkeit unseres Urteils.
Und es ist noch gar nicht lange her,
daß wir uns zur Wehr setzen mußten
gegen Angriffe im Rundfunk und in
der Moskau'er ,Prawda' die vor
kurzem von dem sonst so gelassenen
,Osservatore Romano' ohne Um
schweife der Lüge geziehen (und über
führt) wurde —, weil wir den Mos
kau'er roten Bolschewismus aus glei
che Stufe stellten mit seiner braunen
deutschen Abart. Es gingen uns da
mals Zuschriften zu— auch aus mi
litärischen Kreisen —, die unsere Ver
teidigung nicht gelten lassen wollten
und uns zu bereden suchten, daß Ruß
land, seitdem „es sich dem Einfluß
Hitlers entzog und unser demokrati
scher Verbündeter wurde" wie sich
einer der Briefschreiber mit geradezu
rührender Ahnungslosigkeit ausdrück
te —, „unsere Bewunderung und un
ser höchstes Vertrauen verdient". Die
Herren im Kreml hatten mehr Glück
als Hitler und seine Spießgesellen,
das Schicksal riß ihnen nicht so er
barmungslos die Maske vom Gesicht,
noch nicht, aber die Entwicklung
der letzten Wochen läßt immer deut
licher erkennen, wie Stalin mehr und
mehr in die Rolle Hitlers mit allen
Gelüsten nach der Weltdiktatur hin
eingewachsen ist. Mit steigender Ver
blüffung geben das heute auch Blät
ter zu, die noch vor kurzem jede Kri
tik an Stalin und seiner Politik em
pört zurückwiesen.
Uns bleibt es erspart, eine Wen
dung in unserer Haltung Moskau ge
genüber vollziehen zu müssen. In der
Einschätzung des Nationalsozialismus
und des Bolschewismus gab es für
uns von Anfang an nur einen nicht
ganz gelösten Zweifel: Ob der eine
o e e a n e e i e ö e e
Weltgefahr darstelle. Wir könnten
zur Bestätigung dessen ganze SpaL
ten aus den in den letzten Jahren an
dieser Stelle veröffentlichten Zeitbe
trachtungen anführen. Schon in den
ersten Monaten des Weltkrieges zo
gen wir trotz der von Rußland im
finnischen Krieg an den Tag gelegten
Schwäche den Schluß, daß es der
Hauptnutznießer der schicksalsvollen
Auseinandersetzung zwischen Deutsch
land und den Westmächten sein wer
de. Die Völker westlicher Kultur,
führten wir mehr als einmal aus,
würden, alle insgesamt geschwächt aus
dem Kriege hervorgehen, und dann
würde Rußlands „Tag" anbrechen
zur Verwirklichung' alter russischer
Träume von den Zeiten Iwans und
Peter des Großen an.
Nur darin verrechneten wir uns,
daß wir die Verwirklichung dieser
Träume auf dem Wege der bolfchewi
stischen Weltrevolution erwarteten, zu
der die Erschöpfung der Westvölker
das Zeichen geben werde. Es mag
fein, daß Hitler nach der an England
erlebten Enttäuschung mit ähnlichen
Entwicklungen rechnete und den sonst
geradezu unbegreiflichen Angriff auf
Rußland unternahm, um bei dem zu
erwartenden Ermattungskrieg nicht
einen starken Feind im Rücken zu ha
ben.
Die russischen Niederlagen im er
sten und zweiten Kriegssommer (1941
und 1042) warfen zeitweilig alle
Pläne Stalins über den Haufen. Aber
mit bemerkenswerter Geschmeidigkeit
stellte er sich um, legte die Weltrevo
lutionspläne auf Salz, stellte statt
dessen den Nationalismus und die
Demokratie in seine Dienste den
patriotisch-nationalen Gedanken zur
Begeisterung der russischen Massen zu
unerhörten Opfern, den demokrati
schen Gedanken zur Beschwichtigung
und Täuschung der liberalistischen
Welt.
Zwischen Krieg und Frieden
Diese Taktik hatte einen vollen Er
folg zu verzeichnen. Kein anderes
Volk übertrifft das russische an hei­
Iii
ßer Liebe zur Heimaterde. Es ertrug
die schweren Kriegsjahre ohne Wi
derspruch, die sich mehrenden Siege
ließen die Flammen der Vaterlands
liebe hoch auslodern und versöhnten
Millionen mit dem, was sie unter
der Knute des Bolschewismus gelit
ten. Und die zur Schau getragene
Demokratie beseitigte in England und
Amerika jegliche Bedenken gegen re
volutionäre Auswirkungen eines gro
ßen russischen Sieges. Bei der großen
Wendung im Juni 1941, als der
deutsch-russische Pakt vom August
1939 in die Brüche ging, erklärte
Churchill grimmig, er würde mit dem
Teufel sich verbünden, um Deutsch
land niederzuringen. Aber als erst
Rußland mit Hilfe amerikanischer
Lieferungen siegreiche Gegenoffensi
ven unternehmen konnte, redete man
weniger und weniger von dem bol
schewistischen Schönheitsfehler des
Verbündeten, und im Kreml ließ man
es sich mit stillem Behagen und man
chem Wodkatoast gefallen, als Haupt
stütze der Demokratie gewiesen zu
werden.
Tie neue Weltmacht
Nachdem Deutschland niedergewor
fen war und die russischen Armeen
zur Dokumentierung ihrer angeblich
ausschlaggebenden Rolle die deutsche
Reichshauptstadt besetzt hatten, legte
Moskau geringeres Gewicht auf sei
nen von der eigenen und fremder
Propaganda aufgebauten Ruf als
Sachwalter der Demokratie. Wohl
donnerten Stalin und Molotow,
wann immer sich irgendwelche Ver
anlassung bot, wider den „Faschis
mus" und beriefen sich auf die Demo
kratie, wann immer es ihnen in den
Kram paßte. Aber in der Praxis wur
den sie immer mehr zu Autokraten
und Diktatoren, die mit rücksichtslo
ser Halsstarrigkeit den Vertretern der
„Demokratien" und schließlich dem
neuen Weltbund ihren Willen auf
zwangen. Das konnten sie um so un
bedenklicher riskieren, da die so lange
und so nachdrücklich von der Propa
ganda bearbeitete öffentliche Meinung
über die Vortrefflichfeit und unbe
dingte Vertrauenswürdigkeit des ruf
fischen Verbündeten nicht ohne weite
res umgeschaltet werden konnte und
da die große Masse des
russischen
Volkes in der grenzenlosen Begeiste
rung über die in seiner ganzen Ge
schichte nie erreichte Machtstellung
rückhaltslos hinter seinen Diktatoren
steht.
Selbst in seinen besten Tagen, als
ihm Europa zu Füßen lag und seine
Heere an die Tore des Kaukasus poch
ten und an der Schwelle Aegyptens
standen, war Hitler nicht einmal an
nähernd so mächtig wie heute Sta
lin. Denn trotz der vorausgegange
nett Siege sah er sich im Gegensatz
zur heutigen Lage Stalins noch ge
waltigen Streitkräften zu Land und
zu Wasser und in der Luft gegenüber,
und das von ihm besetzte Gebiet reich
te an Größe auch nicht entfernt an
das Russenreich unter Stalins Mar
schallstab heran. Und im Innern des
eigenen Landes gärte eine starke Op
Position, die unter der Führung des
Leipziger Oberbürgermeisters Görde
ler eine gefährliche Bedeutung er
langte, und in allen besetzten Län
dern war die „Untergrund-Bewe
gung" am Werk. Hitler brüllte in
unaufhörlichen Paroxysmen feine
Forderungen und Drohungen in die
Welt. Stalin hört man äußerst sei
tcit. Verschmitzt lächelnd sitzt er im
Kreml, schweigsamer und vergnügter
nach jeder internationalen Zusam
menkunft, auf die Zukunft ver
trauend, da ihm die Zerrissenheit und
Schwäche der übrigen Welt die Er
füllung der russischen Machtträume
und zugleich den Sieg über die kapita
listische Ordnung bescheren werden.
Aber Stalin mag sich doch noch täu
schen. Augenblicklich halten in Sort
don die Vertreter von zweiundfünfzig
Staaten, zu denen allerdings auch ei
ne Reihe Duodezstaaten gehört, die
erste Vollversammlung der United
Nations ab. Nach den bisherigen Er
fahrungen war zu befürchten, daß
auch die Londoner Tagung eine Wie
derholung von München in vergrö
ßertem Maßstab sein werde. In Mün
chen ging es darum, Hitler zu fä
schwierigen und ihm den Frieden ab
zukaufen um den Preis des Sudeten
lin Familienblatt für Wahrheit und Recht zur Belehrung und Unterhaltung
Ausgabe des,W«nderer'
I
Der englisch-ruMche Konflikt
Aber die russischen Forderungen
gehen noch viel weiter und erstrecken
sich auch auf das Mittelmeer und den
Indischen Ozean. Churchill hatte schon
während des Krieges mit hinreichen
der Klarheit zu erkennen gegeben, daß
er an den Pfeilern des Imperiums
nicht werde rütteln lassen. Als er
dann von der Labour Party aus dem
attet gehoben wurde, wurde man
cherorts die Meinung laut, daß Sta
lin an den Vertretern der Arbeiter
partei gefügigere Verhandlungspart
ner haben werde. Aber wie schroff sich
auch die britischen Parteien in der
inneren Politik einander gegenüber
stehen, in der auswärtigen Poli
tik sind alle von der gleichen Tradi
tion beherrscht. Und die neuen Män
ner im britischen Kabinett sind wem
ger mit diplomatischen Finessen bela
stet als Leute vom Schlage Churchills
und Edens, und unter ihnen ist es
besonders Außenminister Bevin, der
frisch von der Leber weg redet und
jeden diplomatischen Eiertanz verab
scheut. Zu alle dem kommt, daß die
englischen Sozialisten genau so wie
die Sozialisten auf dem Festland im
Kommunismus ihren stärksten Neben
buhler erblicken und darum keine Nei
gung verspüren, Moskau zu billigen
Siegen zu verhelfen.
So geschah es, daß Moskau den
diplomatischen Verkehr mit London
viel schwieriger findet als früher un
ter Churchill und Eden. Es ist auch
zweifellos, daß der Draufgänger Be
vin, wie er im Parlament offen aus
sprach, erschüttert und erbittert von
Berlin zurückkehrte, wo er mit eige
nen Augen das entsetzliche Elend ge
schaut hatte, das die britischen Staats
männer hatten herbeiführen helfen
und für das er bei feinem sozialen
Empfinden viel größeres Verständnis
hat als die glatten Politiker und
Machiavellisten der früheren Regie
rung. Schon bei den ersten Begegnun
gen auf der Londoner Konferenz
prallte er mit dem gerissenen Roßtän
scher Molotow zusammen, dessen
schmalzige Phrasen von Demokratie
ihm auf die Nerven gingen, und io
öfter er mit den Russen zusammen
trifft, um so knorriger wird seine
Haltung.
In den Moskau'er Besprechungen
zur Ueberkleisterung des Londoner
Fiaskos gelang es, die Vorbedingun
gen für einen gedeihlichen Verlauf
der jetzt in London tagenden ersten
Vollversammlung der United Nations
zu verbessern. Aber es bestehen zmv
schen der Londoner und der Moskau'er
Regierung so scharfe Jnteressenkon
flikte, daß diese die Besprechungen
des neuen Völkerbundes bisher fast
vollständig beherrscht haben. Diesmal
wird der Streit zwischen Bevin und
Andrei Vischinsky, dem russischen Vi
zekommissar für auswärtige Angele
genheiten, ausgetragen. Mit einer
Derbheit, wie sie bisher auf interna
tionalen Konferenzen nicht üblich
war, fagen sich die beiden einander
ihre Meinung. Der Russe suchte die
Wirkung feiner Worte zu erhöben,
indem er den Tisch mit den Fäusten
bearbeitete. Bevin aber ließ sich da
mit nicht imponieren, und als es ihm
Genosse
HeranSgegebea vom Päpstliche» ÄeÖcfli»« Jose phi»«« z»« Beste» der PriesterziglwM— Preis für ei» Jahr i» bee 8er. Stalte» |2, ia fteeoba und allen anbete* Staate» |2JK).
Samstag den 9. Februar 1946
landes. In London, glaubte man,
werde man Stalin zu beschwichtigen
und zu befriedigen suchen. Aber er
verlangt einen unvergleichlich höheren
Preis als damals Hitler. Bei der Un
ersättlichkeit des russischen Bären ist
zu erwarten, daß er in Europa und
im Pazifik noch weitere Brocken be
ansprucht. Der Russe steht heute mit
ten in Deutschland, wirft aber auch
lüsterne Blicke auf das Ruhr-Gebiet.
Im Pazifik hat er auf der Konferenz
von Jalta die Kurilen erhandelt, den
nördlichen' japanischen Jnselbogen,
aber es würde uns sehr überraschen,
wenn er sich damit zufrieden gäbe.
Tatsächlich hat er ja indirekt weitere
Forderungen angemeldet, als er die
Überweisung der von denVer. Städ
ten eroberten Inseln an die Verein«
ten Nationen verlangte.
Vischinsky zu bunt trieb und
mit losen Behauptungen um sich warf,
nannte ihn Bevin einen Lügner.
Nun sind zwar starke Worte keine
Argumente. Aber den Russen ist es
zweifellos nicht wohl zu Mute bei der
Erkenntnis, daß sie mit der Blufferei
nichts erreichen wenigstens nicht
mehr so viel wie früher, und daß sim
die heutige britische Regierung nicht
in'S Bockshorn jagen läßt.
Die Auseinandersetzung auf der
Londoner Konferenz
Der Streit dreht sich bis jetzt Haupt
sächlich um Iran. Rußlemd spielte
dort sein gewohntes Spiel. Zur Festi
gung seines Einflusses und zur Er
weiterung seiner Machtsphäre konspi
rierte es mit den Kommunisten in
Aserbeidschcm, der Grenzprovinz in
Nordpersien, und zettelte durch diese
einen Aufstand an. Das gab den
Russen einen Vorwand, die von den
Per. Staaten für Januar vorgeschla
gene Zurückziehung der Truppen ab
z» lehnen. Der Zweck der Uebung ist,
die Regierung in Teheran unter
Truck zu halten und sie am Eingrei
sen in Aserbeidschan zu verhindern,
vit Iran aber hat Rußland ein treff
liches Glacis für einen späteren Vor
stoß gegen den Persischen Golf und
damit eine der wichtigsten Interessen
sphären des britischen Imperiums.
Weder England noch seinen russi
schen Rivalen treibt die Sorge um
idas Wohl Irans, wo gar vieles im
Argen liegt. Beiden geht es um selb
stische Interessen, um die eigene
Macht, so sehr auf der einen Seite
Rußland humanitäre Gründe in'»
Feld führt, auf der andern England
die HoheitSrechte eines dem Völker
bund angehörenden Staates zu ver
folgen vorgfbt. Int völkerrechtlichen
2 in it hat selbstverständlich England
das stärkere Argument. Denn das
San Franciseo'er Statut ist weiter
nichts als ein Fetzen Papier, wenn
Rußland dem schwachen Nachbar sei
nen Willen aufzwingen kann, ohne
vom Völkerbund zur Ordnung gern
feit und zur Rechenschaft gezogen zn
werden. Das aber verbittet sich Ruß
land, und als Iran formell die Ver
einten Nationen um Schutz anging,
wollte Rußland nicht einmal eine Be
sprechung zulassen und antwortete
mit einer Retourkutsche, indem es
England bezichtigte, es treibe in Grie
chenland gerade das, was es Rußland
:it
xxsrait
fälschlich vorwerfe: es be­
drücke Griechenland, suche dem grie
chischen Volk die Monarchie aufzu
yutngen. Nicht Rußland bedrohe in
xrait
den Weltfrieden, wie England
n'hoKptet, sondern England bedrohe
in Griechenland den Weltfrieden, und
wenn es ehrlich Frieden wolle, müsse
es seine Truppen unverweilt aus
Griechenland zurückziehen. England
antwortete darauf, eine griechische
Streitfrage liege nicht vor, da Grie
chenland der Völkerbundstagung kei
ne Beschwerde unterbreitet habe doch
habe England gegen eine Untersuch
ung der Lage in Griechenland und
Indonesien nichts einzuwenden. Un
ter allen Umständen aber sei eine
iranische Streitfrage zu schlichten, da
die Regierung in Teheran eine Klage
eingebracht habe.
Dieser Auffassung traten, soweit
Iran in Betracht kommt, auch die
Ver. Staaten bei. Nach erbitterten
Debatten entschied der Sicherheitsrat
der Vereinten' Nationen, Rußland
und Iran das Recht zu erteilen, ih
ren Hader durch direkte Verhaudlun
gen zu schlichten, doch behielt sich der
Rat vor, daß er über den Verlauf der
Verhandlungen unterrichtet wird und,
falls er es für nötig findet, zu irgend
einer Zeit eingreifen kann. Der rus
sische ^Vertreter fügte sich nach hefti
gem Sträuben, möglicherweife in
der Erwartung, daß „sich schon alles
finden" werde, wenn Moskau direkt
mit Teheran verhandle. Jedenfalls
aber hat sich Rußland eine tüchtige
diplomatische Schlappe geholt und
seine Stellung im Völkerbund nicht
unerheblich geschwächt.
Die Schlappe wurde verschärft
durch die schweren Vorwürfe, die Be
vin in der späteren Debatte über Grie
chenland aussprach. Der britische Mi
nister des Auswärtigen beschuldigte
Rußland rückhaltslos, daß es durch
seine „unablässige Propaganda" den
Weltfrieden gefährde. „Tie den Frie
den tatsächlich bedrohende Gefahr,"
sagte er u. a., „wird herbeigeführt
durch die unablässige Propaganda,
die unaufhörlichen Angriffe gegen
England durch den Moskau'er Rund
funk und die Kommunisten." Auf die
formelle Anklage Vischinskis, die bri
tischen Truppen in Griechenland för
derten mit terroristischen Maßnah
men eine Minorität, antwortete Be
vin: England habe in Griechenland
das Recht aller Parteien gewahrt.
„Wir hätten," fuhr er fort, „tun
können, was Hr. Vischinsky in Rumä
nien getan hat. Wir hätten eine Mi
noritätsregierung einsetzen können,
wir hatten die Macht dazu, aber ta
ten's nicht. Wir lassen die Griechen
selber ihre Regierung wählen. Wir
glauben, die Demokratie müsse von
unten kommen, nicht von oben."
Dann kam er nochmals auf die Pro
paganda zurück: Rnßland benütze be
ständig die kommunistische Partei in
allen Ländern, um England und die
englische Regierung anzugreifen,
schaffe so überall Mißtrauen und
Unfrieden und gefährde den Frieden
der Welt.
Vischinsky hatte, wie es scheint, al
len Ernstes erwartet, mit der An
drohung einer Gegenklage gegen
England in der griechischen und der
indonesischen Sache eine Trumpfkarte
in der Hand zu haben. Als er von
dem Kollegium Prüfung der Rolle
der britischen Regierung bei diesen
„Unannehmlichkeiten" forderte, glaub
te er Bevin in die Enge getrieben zu
haben. Der große „Realist" kannte
aber Bevin und England schlecht. Aus
die „Psychologie" demokratischer Völ
ker haben sich ja die Totalitären al
ler Fakultäten von jeher schlecht ver
standen. Bevin beeilte sich zweifel
los als Dolmetsch der großen Mehr
heit des Britenvolks einer Unter
suchung der britischen Griechenland
und Jndonesien-Politik seine volle
Zustimmung zu geben, ja einen un
zweideutigen Rechtsspruch über die
Frage zu fordern, ob sich England
der ihm zur Last gelegten Verfehlun
gen schuldig gemacht habe. Mit dieser
mutigen Antwort seines Außenmini
sters hat England den Russen das
Spiel gründlich verdorben.
Tie Russen können über ihre Nie
derlage sicherlich nicht int Zweifel
sein. Am Montag wurde sieben Stun
den lang über die griechische Frage
debattiert, Rußland fand sich voll
ständig isoliert! Bevin fuhr diesmal
noch schwereres Geschütz aus als in
den früheren Debatten. Er bezeichne
te Vischinskys Behauptung, daß die
englischen Truppen in Griechenland
die Rechtspartei beschützten, direkt als
Lüge. Vischinsky haute diesmal nicht
auf den Tisch, sondern benahm sich
recht bescheiden. Er suchte mit allen
Mitteln einen einheitlichen Spruch
des Sicherheitsrats zu verhüten, und
als alles nichts nützte, machte er von
dem berüchtigten Vetorecht Gebrauch:
Ein Beschluß zur Rechtfertigung Eng
lands wie er von Aegypten vorge
schlagen worden war sei nicht an
gängig, da das die einstimmige Zu
stimmung der permanenten Mitglie
der des Rates (der „Großen Fünf")
voraussetze, und Rußland sei gegen
den Beschluß!
lieber den Ausgang des Streites
lagen bei der Niederschrift dieser Zei
len noch keine Berichte vor. Unterdes
sen bereitet sich eine neue Explosion
vor. Syrien und Libanon, frühere
französische Mandate im Nahen Osten,
beantragten vor dem Sicherheitsrat
die Zurückziehung aller britischen und
französischen Truppen von der Le
vante. Auch sie begründen ihre For
derung damit, daß die Anwesenheit
der Truppeu eine Gefahr für den
Frieden bilde.
Tie Haltung Rußlands in den Be
ratungen des Völkerbunds machte,
abgesehen selbstverständlich von kom
munistischen und rosafarbenen Krei
sen, überall einen sehr ungünstigen
Eindruck, und das Vertrauen in die
Movfau'er Politik ist schwer erschüt
tert, wie sich aus den Kommentaren
auch unserer amerikanischen Tages
zeitungen ergibt, die früher vollstän
dig im Bann der Propaganda stan
den. Man kann heute in manchen die
ser Blätter Leitartikel lesen, in denen
ganz unverblümt die schärfsten Droh
ungen gegen Rußland zum Ausdruck
kommen. Diese an sich berechtigte
Verstimmung über den so lange ver
hätschelten Verbündeten kann gefähr
lich werden, wenn die Russen in Lon
don ihrer Arroganz und Streitsucht
nicht Zügel anlegen. Mit einem Bruch
mit Moskau oder gar einem offenen
Konflikt wäre aber der Welt nicht
gedient. Niemand, der es wohl meint
mit der Menschheit, kann eine neue
Weltkatastrophe wünschen. Eine solche
muß vielmehr mit allen sittlich ein
wandfreien Mitteln verhütet werden,
soll nicht tatsächlich der „Untergang
des Abendlandes" hereinbrechen. Un
ter Führung von Männern vom
Schlage Bevins, die einen frischen
Zug in die muffige Atmosphäre der
internationalen Politik bringen (lei
der können wir das von Präsident
Truman und unfern übrigen Wash
ingtoner Regierungspolitikern nicht
sagen?), kann die United Nations Or
ganization noch immer ein wirklicher
Friedensbund werden. Daß der Mos
kau'er Arroganz endlich ein Paroli
geboten wurde und die Weltöffent
lichkeit erfuhr, daß sie sich nicht alles
von Moskau gefallen lassen muß, ist
ein vielversprechender Anfang. Und
wir haben das Empfinden, daß das
russische Prestige noch erheblich weiter
geschwächt sein wird, wenn die Lon
doner Tagung auseinandergeht.
Nr. 41
Polen unter russischer Knute
Das alles sind natürlich vornehm
lich negative Ersdlge, die aber not
wendig sind, um ein Fundament für
eine vernünftige Neuordnung
schaffen und die normale Zusammen
arbeit der Völker zu fördern. Dadurch
daß Rußland in Europa und damit
in der Welt die Führung erhalten
hat und systematisch auf die Weltdik
tatur hinarbeitet, wurde jeder Fort
schritt in der Befriedung der Welt
gelähmt. Und der britische Liberalis
mus und der in die einseitige Mor
genthau'sche Haß- und Rachepolitik
verkeilte amerikanische Dilettantis
mus vermochten den Bann nicht zu
brechen. Darum hängen über allen
Trümmerfeldern des Krieges die
großen Fragen von der deutschen
Frage bis zur iranischen und indone
sischen, von der baltischen bis zur ja
panischen und bis zur italienischen
Kolonialfrage. Man hat geschachert
und gefeilscht, intrigiert und konspi
riert und machte ein großes Geschrei,
wenn man schließlich eine Formel
fand, die dem vereinbarten Ergebnis
ein Mäntelchen der Wohlanständig
feit umhängte.
Aber auf die Dauer läßt sich mit
solchen Kniffen nicht auskommen,
und nachdem jetzt durch die Vorgänge
in London die bange Furcht vor dem
russischen Koloß gelichtet wurde, wird
sich allgemach die Stimme der mal
imitierten Völker vor dem Weltforum
Geltung verschaffen und gebieterisch
fordern, daß Amerika und England
sich großzügig und zielbewußt der
leichtfertig Rußland überwiesenen
historischen Aufgabe widmen, die
Welt einigermaßen wieder zurechtzu
renken.
Man wird z. B. nicht länger zu
frieden fein mit der Diktatur, die der
kommunistische Abenteurer Tito als
Agent Rußlands in Jugoslawien ein
gerichtet hat und die, obwohl von
Washington und London anerkannt,
einer unparteiischen Untersuchung
mindestens ebenso dringend bedarf
wie Griechenland. Tie Weltmeinung
wird endlich wissen wollen, ob das
Schicksal der baltischen Staaten, un
ter der Moskau'er Knute leben, zu
müssen, unabänderlich ist. Und sie
wird volle Klarheit über Polen ver
langen, wo sich eine neue Tragödie
des polnischen Volkes vollzieht. Die
Klagen über dessen Unfreiheit unter
der einmütigen Gewaltpolitik der
Bolschewisten und ihrer politischen
Handlanger häufen sich. Neulich bil
dete sie im britischen Unterhaus Ge
genstand einer aufschlußreichen De
batte. Vize-Admiral Taylor stellte
rücksichtslos den Schwindel blos, der
mit der Unterwerfung Polens unter
das schließlich zur provisorischen Re
gierung beförderte Lubliner Komitee
getrieben wurde, und forderte freie
Wahlen ohne russischen Terror.
Auch gegen andere russische Filia
len wendet sich der Widerspruch der
Welt mit wachsender Schärfe. Im bri
tischen Oberhaus verurteilte letzte
Woche der Earl von Daritley mit
allem Nachdruck die Massenaustrei
bung der Deutschen aus Polen, der
Tschechoslowakei und Ungarn. Der
bekannte Bischof von Chichester, Lord
Jovett usw. schlossen sich dem Protest
an und stellten die augenblicklich vor
sich gehenden Brutalitäten und Be
stialitäten auf die gleiche Stufe mit
den Verbrechen des Hitlertums. Auch
im Kongreß der Ver. Staaten kommt
der Abscheu vor der schmachvollen
Hungerpolitik in Deutschland immer
unverblümter zum Ausdruck. Letzte
Woche^iorderten mehrere Senatoren
unter Führung von Senator Wherry
von Nebraska in einer Resolution ei
ne unparteiische Prüfung der Lage
in Deutschland und eine vernünftige
und humane Politik gegenüber dem
besiegten Volk.
Tie Moskau'er Regierung sucht
die von allen Seiten sich erhebenden
Angriffe von sich abzulenken durch
verbissene Anklagen gegen die katho
hiche Kirche ganz nach dem Mu
iter Hitlers. Aber auch in Rom ist
™a/: «u3en!d)etnhcli nicht gewillt, den
russischen Friedensstörer immer nur
mit Milde und Nachsicht zu behan
deln, die auf einen fo rüden Gegner
keinen Eindruck machen. Ter ,Offer
vatore Romano' hat in den letzten
Tagen ,Prawda' und ,Jswestja' ohne
Umschweife als das bezeichnet, was sie
sind: Lügner.
Und im Washingtoner Abgeordne
tenhaus hat der New Yorker demo
kratische Abgeordnete O'Toole Mos
kau Fehde angesagt: Mail sei in den
Ver. Staaten der Stänkereien und
Lügen der russischen Propaganda
herzlich satt. Mit erfrischender Offen
(Sortsetzung auf Cette 8)

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