OCR Interpretation


Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, February 09, 1946, Ausgabe der 'Wanderer', Image 8

Image and text provided by Ohio History Connection, Columbus, OH

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn91069201/1946-02-09/ed-1/seq-8/

What is OCR?


Thumbnail for

p.-. -M"
ten eber milden Friedens, «S nicht
eine Frage des Transports, es ist
nicht eine Frage, ob wir uns bor dem
Veto von Rußland, Frankreich oder
England beugen, es ist eine Frage
der amerikanischen Ehre und des maß
gebenden humanen Impulses des
amerikanischen Volkes."
„Es ist viel gesagt, aber bisher
außerordentlich wenig getan worden
in Bezug aus die Wiederausnahme
des Postverkehrs mit Teutschland und
auf die Beschaffung von ausreichen
den Nahrungsmittel, um eine Mas
senhungersnot in Teutschland, Oe
sterreich, Italien und anderen Stän
dern Europas zu verhindern," be
gann der Senator. „Ganz erschrek
kende Berichte kommen jetzt aus den
von den Briten, Franzosen und Ame
rikanern besetzten Zonen, und sogar
noch grauenvollere Nachrichten aus
der russischen und diese Meldungen
enthüllen ein schauriges Bild bewuß
ter Massenaushungerung auf der
ganzen Linie."
„Die Verwaltung und die Persön
lichen Berater und Untersuchungsbe
amten des Präsidenten," so fuhr der
Senator sort, „sind sich darüber ei
nig, daß sich in Europa eine gewaltige
Tragödie mit rasender Geschwindig
feit entwickelt."
„Tie Regierung," so erklärte er
weiter, „hat zwei Punkte angeführt,
um ihre bewußte Aushungerungspo
litik in Deutschland zu rechtfertigen,
nämlich erstens, daß Deutschlands Le
bensstandard während dieses ersten
Winters unter dem Standard jedes
anderen (alliierten) Landes in Eu
ropa gehalten werden muß, zweitens,
daß sich die Ver. Staaten feierlich
verpflichtet haben, keinen einzigen
Mann und feine Unze an Lebensmit
teln, Medizin oder Kleidung ohne die
ausdrückliche Zustimmung unserer
angeblich friedensliebenden Alliierten
in Bewegung zu fetzen."
Hier griff der Senator Russell in
die Diskussion ein und sührte aus:
„Gouverneur Lehman, der Direktor
der UNRRA, hat erklärt, seine Orga
nisation dürfe zwar für die ,verdräng
ten Personen' (displaced persons) in
Deutschland Lebensmittel liefern,
aber es würde im Widerspruch zur
Verfassung der UNRRA stehen und
sogar ganz allgemein gesetzwidrig
sein, irgendwelche Hilfe den Deut
sehen zu gewähren." Russell wies
dann auf den Widerspruch hin, der
darin besteht, daß die Mittel der
UNRRA ohne weiteres zur Unter
stützung der Italiener verwendet wer
den dürsen, obwohl doch auch die
Italiener zu den Feinden der Alliier
ten in diesem Kriege gehört haben.
Senator Wherry: „Einer der
Hauptgründe, weswegen ich diese
ganze Diskussion vor den Senat ge
bracht habe, ist die Tatsache, daß die
Leute in diesem Lande glauben, daß
die UNRRA auch den Deutschen Le
bensmittel zukommen läßt. Zwar ha
ben nicht alle diese Ueberzeugung,
aber ich empfange zahlreiche Briefe,
in denen die Schreiber verlangen,
daß zusätzliche Mittel für die UNRRA
zur Verfügung gestellt werden, damit
diese der schwierigen Lage in Deutsch
land Rechnung tragen kann. Aber
die UNRRA vermag ja gar nicht mit
den Deutschen in Verbindung zu tre
ten!"
In diesem Zusammenhang weist
Senator W. Hawkes von New Jersey
daraus hin, daß es nicht die Politik
der Regierung sei, gegenwärtig die
Deutschen zu ernähren. Er erwähnt
dabei einen Bries, den Präsident Tru
man an ihn am 21. Dezember gerich
tet habe und worin es heißt: „Ob
wohl ich nicht den Wunsch habe, über
Gebühr grausam gegenüber Deutsch
land zu sein, so kann ich doch keine
große Sympathie für diejenigen
empfinden, die den Tod von so vie
len Menschen durch Aushungerung,
Krankheit und regelrechten Mord ver
ursacht haben ." Einen mehr auf
die legale Seite der Angelegenheit ge
richteten Brief empfing Hawkes vorn
Direktor des amerikanischen Hilfs
werks, Brunot. Senator Robert A.
Taft erklärte bierzu: „Ich kann mit
diesen Argumenten nicht übereinstim
men, weil es nach internationalem
Gesetzt die Pflicht: der Besatzungsar
meen ist, für die Ernährung der Ein
wohner im besetzten Gebiet Sorge zu
tragen."
Der Senator James O. Eastland
von Mississippi erwiderte darauf, daß
in der Tat unsere Armee in der von
den Ver. Staaten besetzten Zone für
die Ernährung der Bevölkerung sorgt.
Aber dies geschehe durch den Versuch,
eine Marimumdiät von 1550 Kalo
rien pro Tag aufrechtzuerhalten, und
das sei eine Hungerernährung, bei
der täglich Zausende buchstäblich ver
hungern.
Senator Millifi» erinnert an die
Existenz zahlreicher Organisationen,
die bereit und willens sind, Lebens
mittel nach dem hungernden Deutsch
land zu schicken, und bezeichnete es als
eine Schande (shocking
thing), daß,
obwohl genug Nahrung verfandtbe
reit ist und wir auf der anderen Seite
unsere Verpflichtung gegenüber den
alliierten Ländern erfüllt haben,
weiter diese Aushungerungspolitik
getrieben werde.
Senator Wherry schloß diese Dis
kussion mit einem Hinweis auf den
Besuch einer Senatskommission in
den Konzentrationslagern von Bu
chenwald, Dachau und Dora, über den
Senator Barkley von Kentucky sei
nerzeit den im Lande gebliebenen
Kollegen einen Bericht erstattet habe.
Wherry gehörte zu den elf Mitglie
dern der Senatskommission, die jene
Lager in Augenschein nahm.
Am Ende erklärte er: „Ich ließ es
mir niemals träumen, daß ich je den
Tag erleben sollte, an dem meine ei
gene Regierung ähnlicher Ver
brechen gegen die Menschlichkeit ange
klagt würde .. Tie schreckliche Wahr
heit, die sich hier ergibt, ist, daß das
amerikanische Volk zum Mitschuldi
gen an dem Verbrechen der Massen
aushungerung gemacht worden ist."
Es ist charakteristisch, daß sich wäh
rend dieser ganzen Debatte im Senat
keine einzige Stimme zur Verteidi
gung der ursprünglichen Direktive
erhob, die General Eisenhower nach
V*E Day durch den alliierten Gene
ralstab geschickt und in der die bis
herige Politik gegenüber Deutschland
umrissen wurde.
Wherry erwähnte ferner einen Vor
schlag von Price, in dem die sofortige
Erhöhung des Rationsniveaus von
fünfzehnhundert auf zweitausend Ka
lorien verlangt wurde. Price schloß
seinen Bericht mit der Warnung:
„Die nächsten Monate werden darüber
entscheiden, ob die amerikanische Re
gierung bei ihrem ersten Versuch, im
großen Stile ein erobertes Volk zu
regieren, Erfolg haben oder scheitern
wird."
Er ging dann auf die Erlaubnis
ein, die die Regierung nach einer Mel
dung der „Ass. Preß" vom 27. Ja
nuar dem „American Council of Vol
untary Agencies" gegeben habe, näm=
lich Hilfssendungen an „bestimmte
Kategorien" deutscher Zivilisten durch
zuführen. Es handelt sich um die Ab»
sendung von Medikamenten und sa
nitärert Gegenständen, Seife, Leber
tran und Kindernahrung. Diese Din
ge dürfen, zusammen mit der Klei
dung für schwangere Frauen, näh
rende Mütter und Kranke jetzt in die
amerikanische Zone geschickt werden,
aber nur dorthin. Die Senatoren
Eastland und Wherry drangen des
halb darauf, daß diese Genehmigung
durch Intervention der amerikani
schen Regierung auch für die russische,
englische und französische Zone erteilt
würde. Diese ganze Aktion wird von
Senator Wherry aber nur als ein
„Tropfen auf einen heißen Stein"
bezeichnet.
Im Verlaufe der Debatte erklärte
Senator Wherry, daß er im pro
gressive', der Zeitung des Senators
^aFollette, eine Erklärung des Rab
biners Dr. Leo Baeck, des früheren
Vorsitzenden der Reichsvertretung der
Juden in Deutschland, gelesen habe,
die dieser bei Gelegenheit seiner An
Wesenheit in Amerika abgegeben ha
be. Entsetzt über den Haßkult in die
sem Lande, forderte er feine jüdischen
Kollegen auf, sich mit ihm zusammen
für eine Hilfsaktion zur Ernährung
der Deutschen ebenso wie der Bürger
anderer europäischer Länder einzu
setzen.
Senator Wherry wies ferner auf
die Erfahrung einer Persönlichkeit
hin, die bei einer Zusammenkunst mit
dem Präsidenten Truman am 17.
September 1945 anwesend war. Es
handelte sich um eine Delegation von
achtundvierzig Organisationen, die
unter der Leitung von Frau Dwight
W. Morrow den Präsidenten drin
gend ersuchte, eine großzügigere
Hilfsaktion für Europa in die Wege
zu leiten. Zu den genannten Orga
nisationen gehörten die CIO, die A.
F. of L., die „General Federation of
Women's Clubs", die „Farmers
Union" und schließlich die „Food for
Freedom Organization", deren Vor
sitzende Frau Morrow ist.
Frau Morrow war, laut Berich
ten, die der Senator vorlegte, die
Sprecherin der Delegation. Trumans
Haltung „war feindselig", hieß es
in den Berichten weiter. Er unter
brach sie in ihrem ersten Satz zwei
mal. Als sie von einer Hungersnot in
diesem Winter in Europa sprach,
schnitt er ihr das Wort ab, um sei
nem Mißfallen an dem angeblichen
Mangel an Selbstachtung und Ini
tiative der europäischen Völker Aus
druck zu geben, die „von sich aus
nichts taten, sondern nur wie die
Vögel herumsaßen und daraus war
teten, gefüttert zu werden". Später
gab der Präsident zu, daß der Kon
greß mehr Fonds für UNRRA be
willigen sollte, sagte aber unme
stimmt, daß die Ver. Staaten von
Amerika die Grenze ihrer Fähigkeit
zu Helsen, erreicht hätten.
Als Frau Morrow „unsere" Ver
sprechen, die befreiten Nationen nach
dem Kriege zu ernähren, erwähnte,
unterbrach Truman sie wieder: „Wir
haben ihnen überhaupt nichts ver
sprochen." Frau Morrow: „Aber
Präsident Roosevelt sagte—" Tru
man, unterbrechend: „Nim, ich habe
nichts versprochen."
„Es ist vollkommen offensichtlich,"
erklärte Senator Wherry an dieser
Stelle, „daß die Delegation das lang
same Erwachen des amerikanischen
BolkÄß gegenüber der furchtbore#
Tragödie und dem Verbrechen an der
Menschlichkeit, zu dem Präsident Tru
man sie in Potsdam verdammt hat,
darstellt. Die Protokolle werden flat'
beweisen, daß die wahren Nachrich
ten, die sich ereigneten, zuerst in der
britischen Presse erschienen. Am 24.
August brachte der Londoner ,News
Chronicle' die folgende Nachricht:
„,Die Alliierten haben sich nicht be
müht, Hilfe zu bringen ober auch nur
den Berliner Wohlfahrtsorganisatio»
nen irgendwelchen Beistand zu leisten.
Wir leben hier in Berlin unter die
sem Schatten, nicht nur von Hunger
und Not, sondern von Tod und Epi
demien in einem Ilmfang, wie die
Weltgeschichte sie noch nicht geküMt
hat.'"
Deutschlands heutM
Bevölkerung
Nach der provisorischen Volfszäh
lung, die kürzlich abgeschlossen wur
de, hat Teutschland heute eine Bevöl
kerung von rund 65,250,000 Seelen.
Hiervon sind siebzehn Millionen in
der amerikanischen, zwanzig Millio
nen in der russischen, zweiundzwan.:
zig Millionen in der britischen und
etwa sechseinhalb Millionen in der
französischen Zone ansässig. Die Bev»
liner Bevölkerung ist in allen diesen
Zahlen einbezogen, und zwar unter
Verteilung auf die vier Sektoren.
Nebenbei bemerkt, die Frauen sind
heute in der Mehrzahl. An einigen
Orten ist das Verhältnis 4:5, d. h.,
es kommen nur achtzig Männer auf
hundert Frauen.
Zum letzten Male hat in Deutsch
land eine Volkszählung im Mai
1939, also kurz vor dem Kriege, statt
gefunden, und damals ergab sich als
Gesamtzahl neunundsechzig Millio
nen. Nun sind diesmal aber weder
die vier bis fünf Millionen Kriegs
gefangenen, von denen man nicht
weiß, wann sie in die Heimat zurück
kehren werden, noch die Flüchtlinge
aus dem Osten mitgerechnet, deren
Zahl ebenfalls auf wenigstens vier
bis fünf Millionen geschätzt werden
muß. Deutschland wird also mit ei
ner Bevölkerung von mindestens sieb
zig Millionen rechnen müssen, das
wären etwa soviel wie vor dem Krie
ge, trotz der Kriegsverhlste und der
Gebietsabtretungen.
Erheblich anders stellt sich die La
ge dar, wenn man nach der Bevölke
rungsdichte frägt. Der Gebietsum
fang des Deutschen Reiches ist heute
356,400 gegen 470,665 qkm vor dem
Kriege. Damals war die Bevölke
rungsdichte hundertachtundvierzig
Seelen pro Quadratkilometer, heute
ist sie im Durchschnitt, und ohne
Kriegsgefangene und Flüchtlinge
mitzuzählen, bereits zweihundertund
sechs je Quadratkilometer (ohne Ber
lin: hundertdreiundsiebzig). Am dich
testen besiedelt ist gegenwärtig noch
die englische Zone mit zweihundert
dreiundzwanzig Seelen pro Quadrat
kilometer, während Berlin mit feintn
dreihundertsiebenundvierzig Seelen
pro Quadratkilometer ein Sonder
sall ist.
Man vergleiche mit diesen Zahlen
die Bevölkerungsdichte der Ver.
Staaten von siebzehn Menschen pro
Quadratkilometer! Aus der anderen
Seite allerdings auch diejenige Eng
lands mit zweihunderteinundsiebzig,
oder gar Hollands mit zweihundert
siebenundvierzig. Immerhin, der Be
Völkerungsdruck hat sich in Deutsch
land erheblich verschärst, und die
Nazi-Bonzen, die immer nach Lebens
räum schrien, haben mit ihrer Kata
strophenpolitik lediglich erreicht, daß
es damit jetzt für Deutschland schlim
mer steht als zuvor.
Wie nun soll Deutschland unter
den veränderten Bedingungen leben
können? Diejenigen, die der Agrari
sterling des Reiches das Wort reden,
scheinen der Abtretung der Ostgebiete
überhaupt nicht Rechnung zu tragen.
Sie scheinen auch zu vergessen, daß
in den letzten hundertundfünfzig
Jahren immer nur rund zwanzig
Millionen Menschen in Deutschland
von der Landwirtschast haben leben
können. Heute werden es wesentlich
weniger sein, denn die Ostgebiete sal
len aus. Deutsche Nationalökonomen
haben sich diesen Sachverhalt zur
Jahreswende besonders klar gemacht,
denn es gilt jetzt für Deutschland, in
die Zukunft zu schauen und das
Chaos, das ihm das Dritte Reich be
schert hat, zu überwinden von den
siebenhundert bis achthundert Mil
liarden Mark Reichsschuld ganz zu
schweigen!
„Deutschland," so hieß es kürzlich
in ,News Week', „war das Wirtschaft
liche Herz Europas. Um diesen ver
wüsteten Kontinent zu normalen Ver
hältnissen zurückzuführen, fordert die
Logik des wirtschaftlichen Denkens,
daß die deutsche Industrie zu einem
beträchtlichen Teil wieder aufgebaut
wird. Tie Briten und Amerikaner
befinden sich in der Zwangslage,
Teutschland entweder zu ernähren
oder das Chaos zu riskieren, das
wahrscheinlich dann auch über alle
anderen Länder Europas hereinbre-
'M'MG "^W
v
OHIO WAISENFREUND
chen Würde." Gewiß ein tmfeerdächtt»
gcr Zeuge, der die Dinge beim Na
men nennt.
Zunächst geht es also um den Wie
deraufbau, um die Wiederherstellung
des wirtschaftlichen Lebens, und da
mit ist die deutsche Ausgabe für das
neue Jahr flipp und flar gestellt.
Tie wichtigste der Lebensadern ist der
Verkehr, und da bedenke man einmal,
was es bedeutet, wenn dem ganzen
Rhein entlang, von der schweizerischen
Länderecke bis nach Holland sämtliche
Brücken gesprengt sind! Daß von deut
ichett Städten im Rhein-Gebiet nur
Heidelberg und Baden-Baden nicht
zerstört wurden! Aber in den paar
Monaten, seitdem die Waffen ruhen,
-st schon viel geschehen. Schon ist die
Schiffahrt auf dem Rhein von Rot
terdam bis Basel wieder im Gange
schon belebt sie sich auch wieder auf
der Donau, von Deutschland bis zum
Schwarzen Meer, und auf dem Main
und dem Bodenfee. Der Mittelland
Kanal ist wieder in Betrieb genom
men worden und bald wird auch der
Dortmund-Ems-Kanal wieder eröff
net werden.
«r*
Leutlchlsnd von heute
Bon Dr. M. I o a
III.
Es läßt sich nicht verhehlen, daß
die überwiegende Mehrzahl der Deut
schen sich auch heute noch nicht über
das Ausmaß ihrer Niederlage im
Klaren ist. Nicht von den Politikern
soll die Rede fein, auch nicht von der
sogenannten gebildeten Schicht, die
über Mittel zur selbständigen Urteils
bildung verfügen sollte sondern vom
Volk, von der Masse des Volkes, das
nun, da feine dämonischen Führer in
den Orfus versunken sind, zum Leid
tragenden geworden ist und eigentlich
noch immer nicht so recht begreift:
warum.
Es ist hier in erster Linie von de
nen die'Rede, die nicht Nazis waren,
und von denen, die zu ihren Mitläu
fern gehörten, bald aber durch die
Wucht der Ereignisse eines besseren
belehrt wurden. Für alle diese Deut
schen war die Niederlage in gewissem
Sinne eine Erlösung. Sie bedeutete
das Ende einer langen Leidenszeit,
die Erlösung von den Tyrannen, die
Befreiung von einem Zwang, der je
de Lebensregung des Einzelnen zwölf
Jahre lang rücksichtslos beherrscht
hatte. Und sie bedeutete das Ende
fürchterlicher Kriegserlebnisse, von
denen wir alle, die wir sie nicht mit
durchleiden mußten, nur eine schwache
Vorstellung haben.
Als das Dritte Reich zusammen
brach, atmeten diese Deutschen aus.
Nun brauchten sie nicht mehr des
Nachts in Lustschutzkeller stürzen, sich
nicht mehr aus die nackte Erde Wersen,
wenn die todbringenden Jagdflieger
nahten. Nun konnten sie wieder in
ihren Betten schlafen soweit ihre
Nerven nicht hoffnungslos zerrüttet
waren und an den Aufbau eines
geordneten Lebens denken. Das
Schlimmste schien nun überstanden.
Nichts was noch kommen sollte, konn
te ihrer Meinung nach schlimmer sein
als das, was vorausgegangen war.
Darum atmeten sie auf und schöpften
sie neuen Mut. Daß sie mit dem gan
zen Volk für die Missetaten der Füh
rer würden büßen müssen, kam ihnen
nicht in den Sinn.
Dann folgte das „dicke Ende". Es
famen die Besatzungsarmeen, und 'es
bedarf feiner nochmaligen Schilde
rung dessen, was sich damals ereig
nete, um darzutun, wie sehr sich die
Leichtgläubigen und die Ahnungslo
sen getäuscht hatten. Es ging nicht
glimpflich zu in jenen Worten des
chaotischen Uebergangs. Der Krieg
mit allen seinen Schrecken war in's
deutsche Land gebrochen und die Nie
derlage brachte Plünderungen und
Vergewaltigungen, Jammer und Not,
wo immer es auch sein mochte. Hier
weniger schlimm, dort schlimmer, aber
Überall schlimm genug.
Alles dies fam so plötzlich, daß die
meisten auch jetzt noch sich vorfommen,
als wären diese Tage nur ein böser
Traum. Daß nun Deutschland in vier
Teile geteilt ist, daß kein Deutscher
mehr in seinem eigenen Lande tun
und lassen darf, was er will, daß er
sich den Weisungen der Besatzungsbe
Hörden fügen muß, daß er gewisser
mefeen zu Haufe eingesperrt ist und
keine Aussicht hat, auf Jahre hinaus
keine Aussicht, wieder Herr im eige
nen Hause zu sein das ist eine so
neuartige Erfahrung, daß nur die
wenigsten die feelifche Kraft aufbrin
gen, inmitten dieser Wandlung der
Dinge charaktervoll ihren Mann zu
stellen.
Vielleicht ist es am bedrückendsten,
wie das deutsche Volk sich von den
Siegern mißverstanden fühlt. Daß
nur wenige der alliierten Amtsper
sonen genügend Deutsch können, um
sich mit den Besiegten zu verständigen,
ist sicherlich eine der Ursachen. Es
kommt aber hinzu, daß Deutschland
nun fast zwölf Jahre lang in einer
frankhaften, nazistischen Treibhaus-
'j
AtmosPhTre MM— oder soll man
sagen, vegetiert? hat, ohne zu
wissen, was draußen in der Welt vor
ging, während die Welt von dem, was
sich innerhalb Deutschlands ereignete,
doch auch recht wenig wußte. Nun
Platzen diese beiden Welten aufein
ander, und wie immer unter solchen
Umständen, neigen beide Teile zu Ue
bertreibungen und Verzerrungen.
Im Alliiertenlager macht man es
den Deutschen zum Vörwurf, daß sie
sich ihrer Schuld am Kriege nicht aus
reichend bewußt feien. Gewiß, es ha
ben sich vereinzelt Stimmen verneh
men lassen, vor allem in kirchlichen
Kreisen, die zum Schuldbekenntnis
aufforderten aber die Mehrzahl der
Deutschen will von Buße und Sühne
nicht viel wissen. Sie betonen, daß
sie unter Hitler genau so gelitten ha
ben wie die übrige Welt. Sie finden,
sie seien durch die Luftangriffe und
die furchtbaren Verluste an Menschen
leben, die sie im Kriege erlitten ha
ben sechs bis sieben Millionen
dürfte kaum eine übertriebene Schät
zung fein! —, schon mehr als hinrei
chend dafür gestraft worden, daß sie
in fo großer Zahl dem Rattenfänger
von Berchtesgaden gefolgt waren.
Und schließlich weisen sie daraus hin,
daß ja nun unter den Siegern auch
nicht gerade alles zum besten bestellt
sei.
Bei den Siegern wiederum wird
nachdrücklich herausgestellt, das deut
sche Volk scheine vergessen zu haben,
was es angerichtet hat. Ob nun als
ganzes schuldig oder unschuldig, ob
nun freiwillig oder widerwillig nazi
stisch, jedenfalls fei doch Deutschland
als ganzes für den zweiten Weltkrieg
verantwortlich, und die übrige Welt
habe furchtbare Opfer an Gut und
Blut bringen müssen, bis endlich die
verbrecherische Regierung, die das
heidnische Symbol des Hakenkreuzes
auf ihre Flagge erhoben hatte, mit
vereinten Kräften zur Strecke ge
bracht wurde.
Von Konzentrationslagern ist da
bei vor allem die Rede, von den
Schandtaten der Gestapo und der
SS, von den unsäglichen Grausam
keiten, die in Teutschlands Namen an
unschuldigen Menschen in den von der
deutschen Wehrmacht besetzten Gebie
ten verübt wurden, von den Millio
nen und aber Millionen in Frank
reich und Belgien, in Holland und
Norwegen, in Polen und in der Tsche
choslowakei, um nur einige der Län
der zu nennen, deren Bewohner ver
schleppt und zur Zwangsarbeit in
Fron genommen wurden. Die wenig
sten Deutschen sind sich dessen bewußt,
daß alles dieses grauenvolle Unrecht
von den Siegern nun nicht ohne wei
teres abgeschrieben werden kann. Sie
sind ungeduldig und wollen alles ver
geben und vergessen sein lassen, weil
sie ja selbst unter der Nazi-Herrschast
grauenvolles erduldet haben. Sie ver
stehen es nicht, daß die Nazis eine
Saat gesät haben, die nun entsetzliche
Frucht trägt.
Es kommt hinzu, daß heute so
mancher Deutsche sich die Sache leicht
macht und schlankweg erklärt, er „hei
ße Haase und wisse von nichts". Jetzt
auf einmal waren sie alle gegen Hit
ler Wie aber, wenn Hitler gesiegt
hätte? Hätten dann nicht dieselben
Deutschen, die heute von ihm abrüf
ken und nichts mehr mit den Nazis
ZU schaffen haben wollen, vielleicht
Hurrahoch und Siegheil geschrien?
Hätten die vielen Parteigenossen, die
immerhin jahrelang die Vorteile ih
rer Parteimitgliedschaft eingeheimst
haben, dann nicht vielleicht trium
phiert und allen Andersdenfenden
erst recht das Leben sauer gemacht?
Gewiß, es gibt Tausende und aber
Taufende von Deutschen, die stand
haft geblieben sind, die trotz aller
Drohungen und Einschüchterungen,
trotz aller Entbehrungen und Demü
tigungen, mit den Braunen Tyrannen
nie paftiert haben. Sie aber sind es,
die heute mit am entschiedensten ge
gen Mißgriffe der Befatzungsbehör
den Protestieren, denn sie können Un
recht und Ungerechtigkeit nicht billi
gen, möge es^nun von den Nazis oder
von den Siegermächten begangen
werden. Sie sind diejenigen, die auf
die Alliierten während des Krieges
ihre ganze Hoffnung gefetzt hatten.
Leider finden sie sich heute in vieler
Hinsicht enttäuscht. Sie vermögen es
nicht zu verstehen, daß das Pendel zu
weit in's Nazi-Extrem ausgeschlagen
hat, als daß es nun schon wieder in
eine Ruhelage der gesunden Mitte
gelangen könnte.
So wie die Dinge heute liegen,
darf man die Hoffnung nicht aufge
ben, daß das Chaos dieses Ueber
gangs von den Besiegten sowohl als
auch den Siegern schließlich genau so
überwunden werden wird wie das
Chaos der Hitler-Jahre. Die Stim
men der Vernunft mehren sich, die
einen gerechten Frieden fordern und
dagegen Einspruch erheben, daß Be
satzungsrnethoden angewendet werden,
die, wenn man allzu lange bei ihnen
beharrte, unvermeidlich mit? neu Ra
chegefühle erzeugen müßten. Män
ner wie der Erzbifchof von Chichester
und der Erzbifchof von Westminster
oder der hervorragende französische
Jesuitenpater Chaillet, der in seiner
Zeitschrift ,Temoignage Chretien' die
1 4
"i
v
lötT^Otntultg Tu II ÜCu njHUtHTgnii
Feinden fordert und entschieden dage
gen Stellung nimmt, daß gegenüber"
den Besiegten eine Politik des HassÄ
und der Vergeltung betrieben werbe*
alle diese Männer sind sich dessen,
bewußt, daß es einige Zeit dauerst.
wird, bis die Vernunft wieder die
Oberhand gewinnt und ein neuer•
Ausgleich in den Beziehungen det"
Völker herbeigeführt wird. Mit ih«"
nen stimmen deutsche Kirchenführtir
weitgehend überein, und sie alle ver
meiden es, jetzt schon über die deut
sche Zukunft Erörterungen anzustel
len. Ob am Ende die Föderalisten,
oder die Separatisten die Oberhand*
gewinnen werden, ob Deutschland als
Einheitsstaat erhalten bleiben wird,
ober etwa Rhein- und Ruhr-Gebiet,.
wie Frankreich es fordert, zu autono
men Ländern erklärt werden, ob die*
Rote Armee jemals wieder die beul«
scheu Ostprovinzen aus der Zange*
lassen wird alles dies sind Fragen^,
die noch lange nicht spruchreif seilt,
werden.
Im deutschen Volf ist denn auch
heute von der politischen Zukunft der'
Nation nicht viel die Rede. Nicht nur*
daß die Menschen viel zu sehr von den
Nöten des Alltags beansprucht sind.
Sie sind sich auch dessen bewußt, datz»
Deutschland für viele Jahre eine po
litische Rolle im Weltgeschehen schwer?
lich wird spielen können. Die meiste«?
sehen den deutschen Osten als verlo
ren an, aber sie hoffen doch, daß we
nigstens das verkleinerte, nun mefjf
denn je übervölkerte Deutschland»
wieder lebensfähig werden und
ckm
i
V
9. Februar-
.*4
'"$1
I
5
iu
aus­
geschlossenes Ganze erhalten bleiben
möge.
Nermitchtes
Der Kontrollrat der Alliierten be
gann am Donnerstag mit der Revi
sion der deutschen Kriminalgesetze uHin
schaffte das von den Nazis erlassene*
Gesetz ab, das die Sterilisierung von
Sexualverbrechern, Schwachsinnigen
usw. vorsah.
Der Erzbischof von Westminster^
Dr. Bernard Griffin, der nächstens
den Kardinalshut erhalten wird, er
klärte l. W. in einer Ansprache vor
katholischen Mitgliedern der General
versammlung der Vereinten Natio
nen, solche Bezeichnungen wie „Die
Großen Drei" und „Die Großen
Fünf" erinnerten allzu lebhaft an die
Achse. Völker seien nur insofern,
„groß", als sie „mit andern Völkern,
im Geist der Gerechtigkeit und Liebe
zusammenarbeiten".
Kurt Schuschnigg, der frühere
Kanzler Oesterreichs, dürfte nach ei
ner Meldung aus Rom zum österrei
chischen Botschafter beim Hl. Stuhl
ernannt werden. „Es wäre ein schö
ner Posten, den ich wohl annehmen,
würde," meinte Schuschnigg. Er setz
te jedoch hinzu, daß er noch feiir for
melles Angebot erhalten habe.
In der amerikanischen und briti
schen Besetzungszone Deutschland
werden nach der „Ass. Preß" jetzt wie
der von Kirchen geleitete Volksschulen,
eingerichtet, die mit öffentlichen Gel
dern unterhalten werden. Die Ein
richtung solcher Schulen, welche die
Nazis aufgehoben hatten, wird bald
auch in der russischen und fran
zösischen Zone erwartet. Die Diref
tive garantiert Kindern religiösen
Unterricht, wenn die Eltern es wüft
fchen, jedoch ist der Besuch völlig frei»
gestellt, und fein Kind darf dszu ge
zwungen werden.
Zwischen Krieg u. Frieden
(Fortsetzung von Seite 1)
heit ließ O'Toole die russische Poli
tik seit dem elenden Paft mit Hitler
Revue passieren und sagte den Em
porkömmlingen im Kreml einige der«
be Wahrheiten. „Als Rußland," führ
te er u. a. aus, „noch weiter nichts
war als ein riesiges Wald- und
Sumpfland, bildete die katholische
Kirche die Grundlage einer „Zivilisa
tion, welche dem Menschen die Grund
rechte garantierte, die unsere Unab
hängigkeitserklärung und Verfassung,
zum Ausdruck bringen, die glei
chen Rechte, welche die russischen An
kläger der Kirche nicht anerkennen.
Wenn Rußland wirklich den Frieden
will und die Achtung der Welt, dann
muß es die Angriffe auf eine uralte,
geachtete und ehrwürdige Institution
einstellen. Wenn Rußland Nutzen
ziehen wird aus den Lehren und El
fahrungen der Kirche, wird ihm ein#
Zukunft blühen. Die Kirche sah tau
sende Regierungen und politischer
Systeme kommen und schwinden."
Das sind Warnungen, die denn
doch ganz anders klingen als die
Lobhudeleien, mit denen man Ruß
land so lange verhätschelt hat! Ruß
land wird gut daran tun, sie nicht zu
mißachten, wie Hitler es getan hat!

xml | txt