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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 13, 1946, Ausgabe der 'Wanderer', Image 8

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(Fortsetzung ben Ctette 5)
gegen Hitler, sondern gegen das
deutsche Volk gerichtet ist, ablehnten.
Kardinal Faulhaber hatte recht: „Die
Mitglieder des C^ntral-Vereins ha
ben ihrer neuen Heimat stets die
Treue gehalten und das Lied vom
Sternenbanner mit großer Begeiste
rung gesungen. Dabei hat der Cen
tral-Verein den Grundsatz heilig ge
halten, das nur durch den Völkerfrie
den die zivilisierte Welt vor dem
Niedergang gerettet und zur Wirt
schaftlichen und kulturellen Höhe ge
führt wird." Und das gilt nicht nur
vom Central-Verein.
Was Hitler mißlungen ist, hat Sta
lin, sein Verbündeter von ehedem
und sein Raubgenosse, erreicht: Ter
Kommunist kennt keine Vaterlands
liebe und kein Nationalgefühl: seine
Loyalität gehört ausschließlich der
Partei und Kamerad Stalin als ih
rem Oberhaupt. Loyalität der Kom
muniften zu Moskau bedeutet unbe
dingten sklavischen Gehorsam ohne
Rücksicht auf Gewissen, Ehre, Vater
land. Wie hat sich doch unser •politi
scher Kindergarten gefreut und es als
großen Erfolg unserer weisen Poli
tik gefeiert, daß Stalin seinerzeit die
Komintern auflöste! In Wirklichkeit
war dies ein ganz raffinierter Trick.
Die Koniintern waren längst eine Be
lastung für Moskau. Die „unabhän
gigen" kommunistischen Parteien über
die ganze Welt sind viel brauchbarer.
Sie sind „patriotisch", wenn es so
für Moskaus Pläne erpedient ist sie
rebellieren und organisieren Streiks,
roenn Moskau diese Parole ausgibt.
Und Stalin kennt seine Genossen. Ih
re Führer in der Welt sind fast alle
durch seine Schule gegangen. Und
sollte einer aufmucksen, wozu gibt ei
„purges" und Flugzeugunfälle
Braucht es Beweise? In Frankreich
spielt Thorez eine bedeutsame Rolle.
Thorez war ein Deserteur, der sich
wahrend des Krieges im Ausland
aufhielt. Nach der Niederlage Frank
reich» wurde mit Zustimmung Sta
lin-Hitlers ein Vertrag entworfen,
der ein Bündnis zwischen einem kom
munistischen Frankreich und Deutsch
land vorsah. Thorez ist ein Verräter
Frankreichs, wenn das Wort Verrä
ter je einen Sinn haben soll seine
Loyalität gehört Moskau, nicht Pa
ris. Und was geschieht: Der Vertrag
wird nicht veröffentlicht, obwohl er
in den Händen de Ganlles war. Tho
rez ist nach wie vor Minister der
französischen Regierung. Niemand
wagt es, ihm den Prozeß zu machen,
solange Stalin schützend seine Hand
über ihn hält. Warum?? Ist es
dieselbe Loyalität zu Moskau, die es
verhindert, daß die Geheimverträge
zwischen Hitler und Stalin, die sich
jetzt in Washington befinden, veröf
fentlicht werden? Das ganze ameri
kanische Volk müßte dafür höchstes
Interesse haben, Stalins Pläne ken
nen zu lernen. Wundern wir uns,
warum Frankreich trotz tausend inne
rer Probleme Spanien in einen neuen
Bürgerkrieg stürzen will? Es scheint,
daß man in Washington aus der heil
losen Blamage in Argentinien doch
etwas gelernt hat und nicht auss
Paris-Moskau'er Eis tanzen geht.
Ter tschechische Staatsrat Ivan
Patruscak fuhr seinerzeit eigens nach
Karpatho-Rußland, um dieses Land
für die „befreite Republik" zurückzu
holen. Dort spürte er den Moskau'er
Wind und plädierte am Rundfunk für
die Lostrennung. Warum nicht, wenn
doch die Loyalität Beneschs nicht sei
nein Heimatland, sondern Moskau
gilt: Er hat ohne Autorität, ohne
Volksbefragung, ohne Parlament,
ohne Befragung der Westmächte
Karpatho-Rußland in Stalins Impe
rium eingegliedert. Tie Slowakei
wird jowjetisiert, wie ein ausgezeich
neter, wohlbelegter Artikel in ,Dobry
Pastier' eben nachweist. Siebzig Pro
zent der Industrie sind bereits „natio
nalisiert", wie selbst der tschechische
Propagandist Papanek eben vor ei
nem Kreis amerikanischer Industriel
ler zugab. Das geschieht zur sel
ben Zeit und von denselben „Staats
Männern", die einem Msgr. Tiso den
Hochverratsprozeß machen. Aber ich
vergesse: Wir richten nur War Crimi
nals, nicht Friedensverbrecher. Und
der Unterlegene hat Unrecht. Man
darf Stalin nicht provozieren.
Aber die neue Loyalität wird nicht
bloß in Europa offenkundig. ,Human
Events' vom 27. März berichtet eine
Radiomitteilung aus Lima (vom 19.
März): „Rio de Janeiro ... Man
stimmte zu, in das Protokoll die Er
klärung des Kommunistenführers
Luis Carlos Prestes aufzunehmen,
daß die kommunistische Partei Brasi
liens eine Widerstandsgruppe organi
sieren und gegen die brasilianische
Regierung zu den Massen greisen
würde, falls diese gegen Rußland
Krieg führen würde." So geschehen
im katholischen Brasilien, vielleicht
als Warnung nach Washington, wo
der „gute Nachbar" im Ernstfälle
sein wird.
Die kanadische Spionage-Asfaire
findet leider viel weniger Beachtung
als sie verdient obwohl Prime Min
ister Mackenzie King erklärte, Kanada
stehe der ernstesten Lage gegenüber.
P. I. Philip berichtete in den New
Aorker ,Times' vom 24. März über
das Ergebnis der Untersuchungskom-
mission übe? Fisth-Column-ZMgkeit
der Kommunisten in Kanada: „Am
meisten beunruhigend in dem Bericht
war die Feststellung, daß ,einige der
Zeugen, die strategische Stellen inne
haben, unter Eid die bezeichnende Er
klärung abgaben, daß sie eine Loyali
tät anerkennen, die den Vorrang hat
vor der Loyalität gegenüber ihrem
Lande'", d. h., daß sie Spionage zu
gunsten Rußlands als durchaus er
laubt und berechtigt anerkennen. Und
wer sind diese Loyalisten? (Es ist be
zeichnend, daß sich auch all die kom
munistischen und „liberalen" Gegner
Francos Loyalisten nennen.) Da sin
den wir ein Mitglied des kanadischen
Parlamentes, Fred Rose, den Gene
ralsekretär der kommunistischen Par
tei, Sam Carr, drei Universitätspro
sessoren: Dr. Raymond Boyer, Dr.
A. Nunn May, Dr. Israel Halperin,
zwei weitere Wissenschaftler Dr. Da
vid Shugar und Harold Samuel Ger
son, drei Offiziere, die im Radar-,
Wetter- beziehungsweise Nachrichten
dienst tätig waren: Squadron Leader
M. S. Nightingale, F. W. Poland
und Captain Gordan Lunmt. D. h.:
die kommunistische Agitation hat die
Kreise der Intelligenz und des Mili
tärs erfaßt. Kanadische Berichte wei
sen darauf hin, daß zwölf von den
bisher verhafteten fünfzehn Spio
nageverdächtigen dem jüdischen Volke
angehören, selbst die New Aorker
,Times' hebt hervor, daß Fred Rose
Mitglied des jüdischen Zentralkomi
tees in Kanada ist Professor Boyer
war eine Zeitlang Katholik und kehr
te dann wieder zum Judentum zu
rück. Diese Feststellung ist vor allem
deshalb interessant weil unsere Ras
sisten jedes Mitglied des jüdischen
Volkes als priori immun gegen den
Nazismus ansehen, während jeder
Deutsche eben Nazi sein muß? Ideolo
gien und darum geht es ken
nen keine rassistische Grenze. Wer Na
zismus oder Kommunismus als Ide
ologie, als Weltanschauung, als ho
here Loyalität anerkennt, die Priori
tät über Religion, Heimat, Volk, Va
terland hat, wird diese Loyalität zum
Leitstern seines Handelns machen, oh
ne Rücksicht auf die Folgen für sich
und seine Heimat, ob er Deutscher,
Amerikaner, Kanadier, Tscheche, Rus
se oder Jude ist. Churchill hat vor
langer Zeit erklärt um den Ver
rat Polens zu rechtfertigen —, daß
der Krieg mehr und mehr seinen
ideologischen Charakter verloren ha
be. Das ist eine grobe Selbsttäu
schung: Ter Krieg ist und war ein
ideologischer Krieg, letzten Endes
nicht zwischen Kapitalismus und
Kommunismus, sondern zwischen
Moskau und Rom. Tarum ist der
Krieg noch nicht zu Ende. Ter kom
inende Krieg wird wohl ein „clash of
empires" sein, wie Father Gillis eben
in der ,Catholic World' ausführt,
aber unendlich mehr: ein Kauipf um
die höhere Loyalität.
Und hierzulande? Wir wissen bis
jetzt nicht wie weit die kanadische
Spionage-Affaire amerikanische Krei
se erfaßt hat. Es soll sich niemand
durch die geringe Zahl organisierter
Kommunisten täuschen lassen! Kom
munisten bilden ihre Zellen unter
tausend Tarnungen. Ich erinnere
mich, daß sie nach dem letzten Kriege
in der Slowakei Katholiken ge
genüber die Katholiken spielten
(Wenn z. B. zum Angelus geläutet
wurde, unterbrachen sie ihre Reden
und beteten), so wie eben berichtet
wird, daß die kommunistische Füh
rerin Finnlands vor gläubigen Lu
theranern sehr ehrfurchtsvoll von
Gott und Religion redet. Sie scheuen
sich nicht, die Mitgliedskarte einer
patriotischen oder auch religiösen Ver
einigung anzunehmen. Ich habe vor
Monaten angeregt, eine Studie ei
nes meiner Kollegen vom Volksver
ein über kommunistische Taktik ins
Englische zu übersetzen. Ter Verlag
antwortete darauf: Niemand interes
siert sich_ dafür. Mag fein aber
wir müssen dafür die Folgen tragen,
so wie jene, die sich über das Wesen
des Nazismus täuschten. Father
John F. Croniit hat darauf hinge
wiesen, daß an zweitausend aktive
Kommunisten Regierungsposten in
Washington halten. Ein so nüchter
ner Beobachter wie W. H. Chamber
liit beweist eben in ,The Sign', daß
ein angesehenes Magazine wie .At
lantic Monthly' durchaus prokont
ntuniftisch ist. Msgr. Sheen machte
Aufsehen mit der Mitteilung, daß
ein Sowjet-Agent in geschlossener
Sitzung eines Kongreßkomitees ver
haftet wurde. Wir erleben jede Wo
che einmal wie sich Senator Pepper,
für Rußland ereifert wie man
vermutet, um sich die Vizepräsident
schaft mit Hilfe der Linkser und ihrer
Nachbeter zu sichern. Wir hören un
verhiillte kommunistische Propaganda
bezahlt von Kapitalisten jeden
Tag am Radio. Tie letzte Entschei
dung des Security Council war trotz
aller Propaganda zum Gegenteil
wiederum ein Sieg Rußlands, und
nur der Vertreter Australiens hatte
den Mut, das zu sagen. Sachliche
Tarstellungen der wahren Lage Ruß
lands und der Gefahr des Kommu
nismus wie etwa W. L. Whites „Re
port on the Russians" oder Barmines
persönliche Erlebnisse werden totge
schwiegen Wozu die Liste fort»
setzen We? Vh?en hat zü Mim, Hö
re! Es ist kein Zweifel, daß die „hö
here Loyalität" in Amerika eine Le
gion von Anhängern hat, nicht zuerst
unter dem Proletariat, sondern unter
einer verbildeten Intelligenz und in
den „entscheidenden Kreisen".
Wie soll man diese neue Loyalität
erklären? Kommunismus ist wie der
Nazismus eine neue Religion für die
Massen, nachdem der Liberalismus
alles aufgeboten hat, um das religiöse
Erbe der Vergangenheit zu zersetzen.
Niemand, sagt der Heiland, kann zwei
Herren dienen. Kommunisten folgen
dem neuen Herrn der Welt, umso
mehr wenn sie sehen, wie die Mächti
gen dieser Welt, seine angeblichen
Feinde, ihn hündisch umschmeicheln.
So kommt, was Kardinal Faulhaber
einmal sagte: „Wer den Herrgott um
dreißig Silberlinge verkauft, wird
sein Volkstum noch billiger hergeben.
Wer dem Herrgott nicht die Treue
hält, wird sie auch seinem Volkstum
und seiner Heimat nicht halten." Es
wäre interessant den kanadischen
Spionen die Frage vorzulegen, die
man einem der Unmenschen von Bel
sen stellte: Glaubst du an Gott? Msgr.
Sheen erklärte kürzlich vor dem In
stitut der katholischen Presse, daß die
Welt sich immer mehr in die „Bruder
schaft Christi" und die „Kamerad
schaft des Antichrist" aufspaltet. Wo
stehen wir? Eines ist sicher: Ter
Kampf wird nicht auf dem Schlacht
feld entchieden, und der Sieg wird
Christi sein.
Ohne Gott kein Gebot
Friedrich Nietzsche hat das Wort
geprägt: „Tie Umwertung aller Wer
te". Unsere Zeit ist in vieler Bezieh
ung noch einen Schritt weitergegan
gen. Sie hat, wenn auch nicht das
Wort, so sicher die Tatsache geschaf
fen: „Tie Entwertung aller Werte".
Tazu gehört vor allem die Entwer
tung der christlichen Begriffe und
Einrichtungen. Zu den eisernen Be
standteilen selbst fundamentaler
menschlicher Ethik gehörte seit ur
denflichen Zeiten der Eid. Tie Be
kräftigung in stärkster Form, daß
man die Wahrheit sagen oder daß
man ein Versprechen halten wolle,
daß man seine Pflicht erfüllen oder
seine Treue bewahren wolle. Die
„stärkste Form" im menschlichen Aus
druck kam dadurch zustande, daß man
die Gottheit als Zeugen und Rächer
hinter das gegebene Wort stellte. Das
Christentum hat diese Form, die Got
tesverehrung sowohl wie Sicherheits
garantie ist, nicht nur in ihre Ethik
übernommen, sondern vertieft und
mit dem Schutzwall des Charakters
als einer ganz heiligen Sache und
höchst wichtigen Sache des Gewissens
umgeben.
Tie moderne Welt, wie fie in den
Staatsmännern unserer Zeit vertreten
ist, hat aber damit aufgeräumt. Ter
Eid in Verbindung mit Gott ist ab
geschasst. Tie Bezeichnung „Eid" und
„schwören" hat man beibehalten
eine leere Schale, jeden Inhaltes und
jeder Kraft beraubt, die früher dem
rechten Eidschwur eigen war. Es ist
dies allerdings die konsequente Fort
setzung einer Praxis, die man zumal
seit dem ersten Weltkriege und den
darauf folgenden Friedensverhand
lungeit und -Verträgen begonnen und
erst recht in unserer Zeit in verblen
deter Hartnäckigkeit fortgefetzt hat.
Ter Name Gottes wird in keiner der
Beratungen genannt, noch in den
fertigen Verträgen der Völker unter
einander. In San Francisco war es
so. In London wurde der Antrag ei
niger südamerikanischer Vertreter,
Gottes Name zur Geltung kommen
zu lassen, niedergestimmt.
Es ist also leider nur konsequent,
wenn auch die neueste Schöpfung der
Diplomaten und ihrer Hintermänner
für eine Uebernationen-Regierung
Gott ausschließt. Ties zeigt sich klar
in dem Wortlaut des „Eides", den
die Beamten und Mitglieder der
Verwaltung der UNO (United Na
tions Organization) leisten müssen.
Er lautet: „Ich schwöre hiermit seier
lieh, daß ich in aller Treue, Beson
nenheit und Gewissenhaftigkeit alle
Funktionen ausüben will, die mir als
einent Mitgliede des internationalen
Tienstes der Vereinten Nationen
übertragen werden. Ferner, daß ich
diese Amtshandlungen ausüben und
mein Betragen so regeln will mit
nichts anderem im Sinn als die In
teressen der Vereinten Nationen, und
daß ich keine Befehle mit Rücksicht
auf die Erfüllung meiner Pflichten
von irgend einer Regierung oder ir
gend einer Autorität außerhalb die
ser Organisation annehmen will."
Ties sind ja schöne Worte, aber
„taube Nüsse", denn sie sind völlig
ohne jede Bedeutung. Sie sind nichts
anderes als eben ein paar gewöhnliche
Worte, die gerade soviel ober besser
gerade so wenig wert sind als irgend
ein paar Höflichkeiten. Derjenige, der
allein die Macht hat, die Gewissen
zu verpflichten und für Treubruch
Strafen austeilen zu können, Gott,
ist nicht nur hier ausgelassen, son
dern bewußt fern gehalten. Alle Ver
pflichtungen der Menschen haben doch
nur Wert und Kraft, wenn sie auf
OHIO WAISENFREUND
1
1 1 1 1
(Soft bezogen wertieft. MoS ist absicht
lich in dieser schwurformel nicht ge
schehen. Welche Garantie bietet also
ein solcher „Eid" Gar keine. Ohne
Gott kein Gebot. Und dies ist
bezeichnend für den Geist der neuen
Weltordnung, und wird erst recht be
zeichnend fehl für die traurigen Re
sultate.
F. Markert, S.V.D.
Wie Kardmal von Galen
in MünÜer einzog
Der kürzlich verstorbene Kardinal
Gras von Galen ist nach einem vom
17. März dieses Jahres datierten
Privatbrief bei seiner Rückkehr nach
Münster von der dortigen Bevölke
rung fürstlich gefeiert worden. In
dem Briefe heißt es:
„An unseren Kirchentüren (in ei
nem Ort in der Nähe von Münster)
standen große Plakate, die ankündig
ten, daß am 16. März die Feier der
Rückkehr unseres neuen Kardinals
feierlich begangen werden sollte. Das
war für uns ein Lichtblick in dieser
düsteren Zeit und das wollten wir
miterleben. Unser früheres Auto, das
wir längst losgeworden waren, konn
ten wir uns für diese Fahrt leih
weise sichern. Eigentlich hätte es schon
warmes Frühlingswetter sein müssen,
aber es war doch noch recht kalt. Auf
den Feldern leuchtete ab und zu noch
ein Schneeftreifen in einem schmutzi
gen Weiß. Aber wir alle waren froher
Hoffnung: ,Es muß doch Fürhling
werden?'
„Die Fahrt ging über Borghorst
Altenberge nach Münster. Tie andere
Strecke war noch nicht passierbar, da
das Hochwasser die Brücken beschädigt
hatte. Mit unserem Wagen in die
Stadt hereinzufahren, war unmög
lich, da die Absperrung bereits er
folgt war. Tie neue deutsche Polizei,
dazwischen auch englische Polizei, wie
sen uns freundlich die Richtung. So
landeten wir an der anderen Seite
Münsters am Schützenhof und gin
gen zu Fuß bis zum Prinzipalmarkt.
„Schmerzlich waren wir berührt?
Rechts und links Trümmer, ab und
zu ein bewohntes Haus, das wieder
zurechtgeflickt wurde. Auf der Ham
inerstraße sah man noch hier und da
eine Fahne, die vielleicht noch übrig
geblieben war. Tann standen, gleich
allem zum Trotz, zwei Wahrzeichen
Münsters: Auf dem Ludgeri-Platz die
beiden Denkmäler, und vor der Lud
geri-Kirche die Marien-Säule mit der
MuttergotteS-Statue. Die Lndgeri
Straße bis zur Lamberti-Kirche war
einfach aber doch würdig geschmückt.
Die Fahnen sind aus den Nachbar
dörfern, die verschont geblieben, für
den Tag zur Verfügung gestellt wor
den. Wir bezogen dann unseren
Stehplatz, wo früher Kluxen stand,
gegenüber der Lamberti-Kirche, da
dort neben dem Eingang ein Podium
ausgestellt war. Dreiviertelstunde
mußten wir warten, aber die Warte
zeit wurde nicht lang.
„Die Gedanken gingen zurück in
die Vorkriegszeit, wie alles schön und
gemütlich in Münster war, so wie Ihr
es noch erlebt habet. Ich dachte dabei
an die Ausstellung ,Das schöne Mün
ster'! Wehe Gefühle kamen und gin
gen. ...
„Die Lamberti-Kirdhe ist nur teil
weise zerstört. Tie Glocken läuteten,
wenn auch nicht so klar und rein, die
Ankunft des neuen Kardinals ein.
Eine Radfahrkolonne und ein klei
ner Reiterverein voran, so fuhr der
große Mann durch die Salzstraße.
Gerade in unserer Nähe stieg er aus
dem Wagen, uns segnend und freund
lieh grüßend. Nie werde ich die hohe
Gestalt, das väterliche Geficht verges
sen
„Tann kamen die üblichen Begrü
ßungsreden, er wurde Ehrenbürger
der Stadt usw. Ein Blasorchester tat
sein Bestes int Lamberti-Turm, und
dann wurde der neue Kardinal unter
einem Baldachin mit Hochrufen zum
Tom geleitet. ...
„Nach langem Drücken und Drän
gen kamen auch wir auf dem Dom
platz an. Hier bot sich ein imposantes
Bild. Der halbzerstörte Dom im Hin
tergrund, die vielen Fahnen und in
jeder Ruine und in jeder Nische jun
ge Menschen mit Wimpeln. Zwei
Jungen in weißen Pullovern waren
auf den höchsten Dachfirstbalken der
zerstörten Wohnung des Bischofs hin
aufgeklettert, als wenn es eine Selbst
verständlichkeit sei und sie dem Him
mel am nächsten sein wollten. Nach
einiger Zeit waren sie allerdings ver
schwunden, wofür die Polizei gesorgt
haben dürfte.
„Zuerst fanden die Zeremonien in
dem Innern des Domes statt, was
wir durch den Lautsprecher auf dem
Domplatz hörten. Die Ansprachen er
folgten dann auf einer großen Tri
büne vor dem Dom. Manchmal sandte
die März-Sonne doch einige Strah
len auf die Trümmer des Domes und
die auf Trümmern versammelten
Menschen und verschönte das farbige
Bild des Klerus mit den vielen Kir
chenbannern. Die ganze Feier erreich
te ihren Höhepunkt, als ein junger,
frischer Student mit klarer Stimme
die Grüße der Jugend darbrachte. Es
mar für uns eine Offenbarung, daß
Deutschland wieder lebensfähig wird,
wenn solch jugendkräftige Menschen
iht Bestes zum Wiederaufbau geben
wollen. Die Rede klang aus in dem
Glaubensbekenntnis, das der Kardi
nal übernahm und bann auch zu uns
sprach. Seine Ausführungen waren
voll väterlicher Liebe und gaben uns
Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
„Leider mußten wir noch vor
Schluß der Feier den Heimweg an
treten, da am Samstag jedes Auto
nur bis sechs Uhr abends unterwegs
sein darf. Aber wir waren zufrieden.
Die Feier war schon zu Ende, als wir
Münsters letzte Häuser hinter uns
hatten.
„In dem Kardinal Grafen von
Galen haben wir doch einen Mann,
der über uns wacht?"
Wenige Tage nach der in Vor
stehendem geschilderten Kirchenfeier
schied der Kardinal von Qkumi aus
dem Leben!
ZwiLchen Krieg n. Frieden
(Fortsetzung don Seite 1)
Staaten, die einen handgreiflichen
Beweis erhalten hatten, daß sie wirk
lich etwas bedeuten, und, wenn's
drauf ankommt, mehr sind als Stati
sten und Staffage all die etwas pro
mttzjlerisch anmutenden Herrschaften
im Sicherheitsrat, die heute die Plät
ze der weltmännischen Politiker im
ersten Weltbund einnehmen, die
man mag sie bewundern oder hassen
oder verachten immerhin von ganz
anderrn Format waren, als ihre Epi
gonen int Hunter College, die durch
ihre gespreizte Diplomatensprache ih
re spießbürgerliche Einstellung erst
recht unterstreichen. Und die Presse
schlug förmliche Purzelbäume, daß
sich trotz allen Unken und Unglücks
raben und Shipstead'schen Nörglern
das Weltinstitut so glänzend bewährt
habe und wieder einen so imposanten
Hintergrund bilde für die parteipoli
tische Salbaderei und Kannegießerei
über den futuristischen Weltstaat, des
sen Grundriß Hr. Harold Staffen in
der Westentasche herumträgt.
Wer etwas hinter die buntgefärb
ten Vorhänge zu f(hauen vermochte,
konnte ohne allzu große Schwierig
keiten erkennen, daß da vor den Ram
Pen des Welttheaters wieder einmal
ein Intermezzo gespielt wurde, das
die Aufmerksamkeit des hochwohl
löblichen Publikums, „das Volk" ge
nannt, ablenken soll von dem wirkli
chen Schelmenstück, das hinter den
.Kulissen vorbereitet wird und am 6.
Mai seine Aufführung erleben soll,
wenn die Russen mit Hilfe ihrer ira
nischen Ouislinge alles schon fertig
haben für eine der „vollendeten Tat
fachen", eine der Spezialitäten der
dramaturgischen Schaumschläger im
Kreml. Wer sich auf das bolschewisti
sche Rotwälsch einigermaßen versteht,
konnte das zwischen den Zeilen der
Moskau'er Pronunäamentos lesen.
Aber im Hunter College war man
herzlich froh, von dem Albdruck der
vorausgegangenen Tage erlöst zu sein,
und das sprichwörtliche Kalb wurde
geschlachtet zur Feier der Rückkehr des
hochwohllöblichen Genossen Gromyko,
der aber in seinen Preßinterviews
nichts von dem Gehaben des heimkeh
renden verlorenen Sohnes au sich
hatte, sondern nach wie vor in der
Haltung des selbstherrlichen Bojaren
sich gefiel.
Neue Enttäuschungen
Die Erklärung für diese Haltung
ließ nicht lange auf sich warten. Ter
Sicherheitsrat hatte sich voller Er
kenntlichkeit für die treffliche ameri
kanische Führung hinter den Antrag
unseres Staatssekretärs gestellt, nach
dem die ganze Debatte über Iran
ruhen sollte bis nach dem 6. Mai, dem
Tage, an dem alle Unebenheiten in
den russisch-persischen Beziehungen
ausgeglichen sein sollen. So aber
hatte es Genosse Gromyko nicht ge
meint? Nach seiner und seiner Auf
traggeber Anficht sollte der Völker
bund nach dem ganz netten und in
teressanten Zwischenspiel die Hände
ein für alle Mal aus dem Streit
lassen und es dem Belieben Moskaus
anheimgeben, mit Teheran fertig zu
werden vermutlich mit Hilfe des
etwas zweideutigen Premiers Gha
vam.
Zu seiner grenzenlosen Überra
schung erhielt darum der Sicherheits
rat einen Ufas des Genossen Gro
myko, in dem die Behandlung der
iranischen Frage einer scharfen Kri
tik unterzogen und die vollständige
Streichung der Frage von dem küttf
tigen Programm des Rates gefordert
wird. Würde dieser auf die russische
Forderung eingehen, so bedeutete das
natürlich nicht mehr und nicht weni
ger als ein Eingeständnis, daß Ruß
land von vornherein im Recht war,
daß all die Erregung und die schonen
Phrasen und Gesten verschwendet
waren, und daß die kleinen Staaten
trotz aller Beteuerunaen.^m Pölker
bund tatsächlich weiter nichts sind als
Statisten und Staffage.
Selbstverständlich nahm der Ver
treter Persiens gegen diese neueste
russische Impertinenz entschieden
Stellung, und der Rat selber war
höchst enttäuscht und zugleich |mpört
.*•
und besteht darauf, daß die iranische
Frage auf der Agenda bleibt, bi&
unumstößliche Beweise einer gerechten
Lösung vorliegen. Das heißt, das*
Rußland unter Beobachtung steheit
wird und nicht eines seiner beliebten
Techtelmechtel mit seinen borgefcho*:
denen Handlangern wird spielen fön*
nen, ohne eines Veto des Völkerbun»
des gewärtig zu sein.
Der ganze ermüdende Streit zeigt*
daß eine tatfräftige Weltorganisa
tion zum Schutze des Weltfrieden*
tatsächlich vonnöten ist, aber ebenso
zeigt er, wie fragwürdig der Welt«
bund der Vereinten Nationen in fei
ner heutigen Fassung ist, und wie
rücksichtslos die russische Diktatur die
Unsicherheit und Krisenmacherei als
politische Waffe benützt, um feinen
Willen zu erzwingen. In einer sol
chen Lage bedarf es nur eines jener
„Zwischenfälle", die in den letzten
Jahrzehnten eine so verhängnisvolle
Rolle spielten, um eine Katastrophe
herbeizuführen.
Ungünstige Aussichte«
Zur Zeit, da wir diese Zeilen schrei
ben, läßt sich noch nicht erkennen, wie
der Sicherheitsrat die neue Krise lö
sen wird. Wie immer aber der Streit
ausgehen wird, die Erfahrungen
der letzten Wochen stellen der auf den
Monat Mai angesetzten Konferenz für
die Vorbereitung der Friedensver
träge mit Italien usw. kein günstiges
Horoskop und werden selbstverständ
lich auch auf die weiteren Verhand
Iungen des Sicherheitsrates hemmend
und lähmend einwirken.
Eine der heikelsten Fragen, mit
denen sich der Rat zu befassen haben
wird, ist das künstlich geschaffene spa
nische Problem. Bekanntlich hatte das
immer mehr nach links neigende
Frankreich schon seit Monaten Sie
Behandlung der spanischen Frage be
trieben, und Washington war bei
dem abenteuerlichen Wirrwarr, der
unsere auswärtige Politik bestimmt
(und uns u. a. in Argentinien durch
die Erwählung Perons einen unan
genehmen Nasenstüber eintrug), sehr
geschäftig auf die französischen Wün
sche eingegangen. Aber die Entwick
lungen der letzten Wochen mahnten,
selbst die linksgerichteten Scharfma
eher in der Regierung zur Vorsicht
um so mehr, da England vvn den
Hetzern gegen Spanien abzurücken
begann.
Nun ist die polnische fiafoienregie*
rung als Wortführer der Feinde Spa
nietts itt die Schranken getreten und
fordert unter der bequemen Formel,
daß Spanien den Frieden und die
Sicherheit bedrohe, eine durchgreifen
de Prüfung, die für die Pläne der
russischen Auftraggeber Warschaus ei
ne neue Bresche schlagen soll. Es
herrscht im Hunter College und in den
Regierungskabinetten in Washington
und London erhebliches Unbehagen,
und man wird nur mit Widerstreben
der polnischen Forderung nachkom
men, wobei man sich keineswegs der
Illusion hingibt, daß durch diese Zän
kerei und Stänkerei eine Entspan
nung in der internationalen Lage
herbeigeführt wird.
Wie sehr biefe mit Sprengstoffen
geladen ist, zeigen u. a. die langsam
sich enthüllenden Machenschaften des
russischen Spionagedienstes. Die Un
tersuchungen haben jetzt auch auf die
93er. Staaten übergegriffen, wo in
Seattle ein russischer Flottenoffizier,
Nicolai G. Redin, als Spion ver
haftet wurde. Die russische Regierung
erhob in schärfster Weise Protest und
verlangte die Entlassung des Gefan
genen. Aber dem widersetzte sich das
Staatsdepartement unter Hinweis
auf das rechtskräftige Verfahren der
Gerichtsbehörden in Seattle, das ei
ne hinreichende Handhabe für die
Prozessierung des Russen gefunden
hat.
Unruhe überall
Aucb sonst machen sich viele Anzei
chen der russischen Wühlarbeit be
merkbar von dem Baltischen Meer
bis zur Adria, wo sich die Alliierten
veranlaßt sahen, dem russischen Funk
tionär Tito eine ernste Verwarnung
zugehen zu lassen, und von Korea und
der Mandschurei bis tief nach China
hinein.
Fortschreitend bedrohlicher wird
die Lage in den russischen Okkupa
tionszonen. In Oesterreich mergeln
die Russen Land und Volk immer
mehr aus, in Deutschland sind sie
eifrig am Werf, ein Glacis zu schaf
fen für die künftige Welteroberung
durch den Kommunismus. Erfreuli
cherweife haben sie in den letzten Ta
gen eine bemerkenswerte Schlappe
erlitten. Mit überwältigender Mehr
heit haben die Berliner Sozialdemo
kraten der nichtrussisch besetzten Stadt
gebiete den Plan einer Verschmelzung
ihrer Partei mit der Kommunisten
partei abgelehnt.
Aber eine Schwalbe macht noch
feinen Sommer. Die furchtbare fort
schreitende Verelendung treibt die
Völker zur Verzweiflung und in die
Arme irgend einer Macht, die Besse
rung verspricht während die
siegreichen Westmächte die am Boden
liegenden Gegner Hofmeistern und
schwätzen, schwätzen, genau so wie vor
siebenundzwanzig Jahren in Paris.

13. April

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