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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, June 01, 1946, Ausgabe der 'Wanderer', Image 8

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(Sottfctuno dsn Seite 6)
hastig, wir benötigen eines zweiten
Kardinal Lavigerie.
F. Markert, S.V.D.
Nie Eagp der ksthalitchen
MMon in Uord-Chins
lumal in Khantung
Seit fast fünf Iahren konnte kein
näherer Bericht über die Lage der
katholischen Mission Nord-Chinas
noch dort gegeben werden. Da sicher
weite Kreise der lieben Leser und Le
serinnen in großer Besorgnis um ihre
befreundeten Missionare sind, mögen
folgende Nachrichten eine gewisse Be
ruhigung bezwecken.
Solange Nord-China unter dem
Druck der japanischen Besetzung nie
fccrgchalteTi wurde, war die Lage der
Mission den Umständen nach immer
hin zufriedenstellend, wenn auch an
.verschiedenen Plätzen sehr bedauerli
che Hebergriffe japanischer Besatz
ungstruppen vorkamen und mehrere
ausländische und chinesische Priester
auf ungerechteste Weise ermordet wur
den. Zumeist handelte es sich um bru
tale Uebergriffe niederer Offiziere,
gegen deren Gemeinheiten (Berge
waltigung von Waifenmädchen, Raub
in der Mission u. ä.) die Priester sich
verwahrten. Im allgemeinen jedoch
achteten die Japaner die Missionare
und setzten ihrem Wirken keinen nen
nenswerten Widerstand entgegen,
wenn sie auch unausgesetzt ihre Tä
tigkeit belauerten und zahllose Besu
che, die Verhören gleichkamen, in al
len Missionsstationen vornahmen.
Je mehr die japanischen Truppen
fich in die Städte zurückziehen muß
ten, da auf dem flachen Lande unzäh
Iige Banden Irregulärer und Kom
muniften sich breit machten, um so
mehr wurde auch die Tätigkeit der
Missionare eingeengt, wo immer die
Kommunisten die Oberhand gewan
nen. Mit der Zeit wurden fast alle ir
regulären Banden vernichtet oder von
den kommunistischen Horden ausge
sogen, und wo immer sie die Macht
an sich gerissen hatten, zwangen sie
die ausländischen Missionare, ihre
Stationen zu verlassen, die dann
meist mit Zurücklassung ihrer ganzen
Habe in größeren Städten Zuslucht
suchten. Auch viele der chinesischen
Priester mußten slüchten oder aber
die Kommunisten besetzten deren gan
ze Station und überließen ihm in
seinem eigenen Hause nur ein klei
nes Zimmer, worin er wie ein Ge
fangener wohnen durste. Sobald die
Kommunisten neue Dörfer besetzt hat
ten, wurden alle Törfbewohner zu
sammengerufen, um kommunistische
... Belehrungen über sich ergehen zu las
sen. Waren unter den Zuhörern
Christen, so wurde besonders jede Art
9$*.von Religion lächerlich gemacht und
als unsinniger Aberglaube verspottet.
In unseren Kirchen und Kapellen
wurde meist jedes gemeinsame Beten
verboten, die Priester konnten nur
gleichsam im geheimen in aller Frühe
das heilige Opser feiern. Seit Iah
ren konnten nirgendwo mehr katholi
sche Schulen aufgemacht-werden, nir
gendwo ein Katechist sich der Beleh
rung der Torfleute oder Neuchristen
annehmen.
Mit dem Zusammenbruch der japa
nischen Besetzung begann der kommu
nistische Terror sich in erhöhtem Ma
ße geltend zu machen, da jetzt in wei
ten Gebieten der drei Nordprovinzen
Shansi, Hopeh und Shantung auch
die meisten größeren Städte in die
Hand der Roten sielen. Meist wurden
dann die dorthin geflüchteten Missio
nare sehr bald ausgetrieben. In einer
Reihe von holländischen, französischen,
italienischen und deutschen Misstona*
ren verwalteten Missionsgebieten be
findet sich zur Zeit fein einziger aus
ländischer Priester mehr im Innen
land seiner Mission, alle wurden mit
Gewalt vertrieben und wohnen in ei
ner großen den Kommunisten unzu
gänglichen Provinzstadt. Immerhin
gibt es einige Gebiete, in denen sich
die Kommunisten eine Zeitlang we
niger brutal erwiesen, wo sich wenig
stens chinesische Priester weiter auf
halten konnten. Jedoch ist ihre Tä
tigkeit meist nur aus ihre Residenzge
Aeinde beschränkt und müssen zugleich
machtlos zusehen, wie die kommuni
stischen Agitatoren häufig alle Torf
leute zur Kirche zwingen, in der sie
vom Altar aus ihre gottlosen „Auf
klärungen" und „Segnungen" des
Kommunismus vortragen. Tie Kin=
der aller Dörfer müssen in von kom
munistisch geschulten Lehrern betreu
ten. Schulen lernen, dem Priester sind
olle Möglichkeiten genommen, auf die
Jugend und die Erwachsenen einzu
wirken.
In Shantung, wo amerikanische,
französische, kanadische und deutsche
Franziskaner sowie deutsche Steyler
Patres wirken, befinden sich zur Zeit
fast alle ausländischen Missionare in
ihrer Zentralstation ihre weiten Mis
sionsselder sind von priesterlicher Be
treuung so gut wie ganz entblößt.
Das Gebiet der amerikanischen Fran
ziskaner von Chowtsun ist zu neun
Zehnteln in Händen 'der Kommuni
sten, zwei amerikanische Patres mit
dem Bischof Msgr. Pinger leben in
den Stationen Chowtsun und Chang
tien, beide an der Tsinan—Tsingtao
Wahnlinie gelegen. Schon einmal war
Chowtsun in den Händen der Kom
munisten, wurde aber beim Heran
nahen japanischer Soldaten, die in
der Nähe konzentriert worden waren,
schleunigst wieder aufgegeben.
In den Missionen der französischen
und kanadisäen Franziskaner von
Chefoo, Weihaiwei und
s i
n ch 0 w u befinden sich, so
weit hier bekannt ist, keine ausländi
schen Patres mehr in der Außenmis
sion, ebenso in der Steyler Mission
von Ichowfu, deren Bischof Weber
mit sämtlichen deutschen Patres von
den Roten mit Gewalt nach Tsingtao
gebracht wurde. In den übrigen drei
Steyler Missionsgebieten von £)en=
chowfu, Tsaochowfu und Tsingtao ha
ben sich mehrere Patres in größere
Städte zurückgezogen, wo sie indes
von den die Stadt beherrschenden
Kommunisten völlig ausgeplündert,
ein Leben wie Gefangene im eigenen
Haufe führen müssen. Gerade traf
ein Steyler Pater aus der Großstadt
Tsining hier ein, die vor wenigen
Wochen dem Ansturm der Kommuni
sten erlegen ist. Alle wohlhabenden
Bürger der Stadt wurden erbar
mungslos ausgeplündert, die schöne
Missionsstation sowie die Gebäude
der katholischen Mittelschule von den
Roten besetzt, den zurückbleibenden
Patres sind nur die allernötigsten
Räume überlassen worden. In diesen
Missionen befinden' sich noch mehrere
chinesische Priester auf ihren Außen
posten, doch sind sie in ihrer Tätig
keit sehr behindert.
Aehnlich steht es in den beiden von
einheimischem Klerus verwalteten Ge
i e e n v o n i n s i n u n a n
ku. Beide Missionsgebiete sind voll
ständig in den Händen der Kommuni
sten, die den Priestern zwar das Ver
bleiben daselbst nicht untersagen, ih
re Tätigkeit aber so gut wie ganz
lahmlegen. Dieser Tage sah ich die
beiden Oberen dieser Missionen, Bi
schof Niu von Jangku und Präfekt
Li von Lintsing, die mit tiefem
Schmerz von der Trostlosigkeit der
gegenwärtigen Lage ihrer Missions
gebiete sprachen.
In unserer Franziskanermission
von Tsinan haben sich nur drei
unserer Patres in größeren Christen
gemeinden, an der Bahnstrecke Tsi
nan—Aenchowfu gelegen, halten kön
nen, alle übrigen mußten das Feld
räumen, nachdem man sie meist ihrer
Habe gänzlich ausgeplündert hatte.
Nur drei Städte unserer Mission,
Tsinan, Taian und Techow, sind bis
her nicht in die Hände der Kommu
nisten gefallen, die jedoch das ganze
übrige Gebiet von Norden bis Süden,
von Westen bis Osten in Besitz haben.
Mehrere unserer chinesischen Priester
mußten ebenfalls ihre Stationen ver
lassen, sodaß heute nur wenig über
zehn Missionare sich noch in Außen
distrikten aufhalten, deren Betätigung
aber äußerst eingeengt ist.
Wo immer die Kommunisten einen
Missionar vertrieben, machten sie die
bisherige Missionsstation zu einem
Soldatenlager, die Kirche zum Ver
sammlungslokal für ihre gottlosen
Reden. Tie meisten unserer deutschen
Patres wohnen jetzt hier in Tsinan,
in den umliegenden kleineren Chri
stengemeinden oder in unserem Or
denshaus zu Hungkialou, wenige
Meilen von Tsinan entfernt, und be
tätigen sich, so weit als möglich, in der
Seelsorge oder in den hier bestehen
den Schulen und Seminarien. Mehr
mal» haben die Kommunisten, die das
ganze Tfinan-Gebiet umgeben, ver
sucht, in die Vorstädte einzudringen,
wurden aber stets mit Verlusten ab
gewiesen. Von Monat zu Monat hof
fen wir auf eine Besserung der Lage,
um wieder unter unseren verlassenen
Christen tätig sein zu können, deren
Glaube sicherlich auf sehr harte Pro
ben gestellt ist.
Im Laufe der letzten Jahre mit
ihren völlig anarchischen Zuständen
und einer fortwährend wechselnden
Terrorherrschaft irregulärer Solda
ten-Räuber- und Kornrnunistenbanden
sind viele unserer Missionsstationen
und Kapellen zu Grunde gegangen.
Wo immer zwei feindliche Parteien
dieser Banden im Kampf um die
Oberhand zusammenstießen, war viel
fach die Missionsstation mit Gewalt
besetzt worden nach dem Sieg der
anderen Partei wurde dann aus Ra
che die Station der Mission sowie
viele Häuser der Reichen verbrannt
oder niedergerissen. An anderen
Plätzen machten die Kommunisten ih
rem Gotteshaß Luft, indem sie die
Dorfkirche niederlegten und das Ma
terial verkauften oder zum Bau eige
ner Unterkünfte verwendeten. So
sind, wie bisher bekannt ist aus
vielen Distrikten fehlen alle Nachrich
ten —, zehn große Stationen und
Gemeinden heimgesucht worden, in
einzelnen blieb auch nicht ein Stein
auf dem anderen! Der erlittene Scha
den kann zur Zeit überhaupt nicht
abgeschätzt werden, weit weniger der
moralische Schaden an den Seelen
unserer verlassenen und seit Jahren
unbetreut gebliebenen Christen.
Wenn auch alle unsere Missionare,
mit einer Ausnahme, ihr Leben ret
ten konnten und heil durch die furcht
baren Wirrnisse der letzten. Jahre hin
durchgekommen sind, so befindet sich
aber unsere ganze Mission in bekla
genswertester materieller Notlage.
,5
1
Wie erbärmlich unsere Lebenshal
tung geworden ist, mag daraus er
sehen werden, daß unser tägliches
Mittag- und Abendessen zumeist aus
Hirsebrei und gelben Rüben oder
üßkartoffeln besteht. Eier, Butter,
Milch, Käse haben wir seit langem
nicht mehr gesehen seit Monaten
kommt so gut wie nie Fleisch auf den
Tifch. Irgendwelche Anschaffungen an
Kleidern oder sonstigen Dingen sind
vollständig ausgeschlossen. Kaum ha
ben wir noch etwas Seife zum Wa
schen was wir zur Zeit gebrauchen,
ist eine übel riechende braune Masse,
zum Kleiderwaschen noch zu schlecht.
eit Jahren brennen wir bei der hei
ligen Messe nur eine einzige Kerze
oder eine kleine Bohnenöl-Lampe,
auch an Sonn- und Festtagen. Des
Abends müssen wir uns mit einer
chinesischen Oellampe beHelsen ober
im Dunkeln sitzen, da das Elektrizi-'
tätswerk der Stadt sehr häufig aus
Mangel an Kohlen oder Oel nicht
funktioniert Petroleum ist überhaupt
nirgend mehr zu haben. Raucher ha
ben sich längst zum Abstinenten aus
gebildet oder begnügen sich mit übel
riechendem chinesischen Tabak einer
Marke „Wiesen- und Waldmischung".
Aber trotz allem sind wir fröhliche
und gottvertrauende Franziskaner ge
blieben, die sich mit Scherzen und
kleinen Neckereien über die harten
Mängel und Entbehrungen lustig
machen, sodaß so gut wie nie herbe
oder klagende Worte gehört werden.
Auf die übliche Frage auswärtiger
Besucher: Wie geht's? antwortet je
der stets: Gut! Ganz wie Gott will!
oder mit dem scherzhasten Wort: Zeit
gemäß! Immer gut! Gebe Gott, daß
mit dem einziehenden Frühling auch
für uns alle wieder ein neuer Mif
fionsfrühling beginnen möchte!
Alle lieben Leser und Leserinnen
sowie alle unsere treuen Freunde bit
ten wir herzinnig: Gedenkt bitte un
ser in euren lieben Gebeten, gedenkt
unserer armen verlassenen Christen
und helft uns nach besten Kräften mit
lieben Gaben, damit wir wieder zu
Kräften kommen und weiter in Got
tes Reich arbeiten können, wenn es
so- Sein heiliger Wille ist! Sicher
wird der liebe ,Wanderer' alle Ga
ben gern annehmen und weiterleiten?
Mit betrübten und zugleich hoff
nungsfrohen Grüßen aus dem zer
rütteten China und unserer schwer
blutenden Mission segnen wir alle
und empfehlen uns aller Großmut!
OTTO WSlSENFREuND
Seit dem Spätherbst 1941 hörte je
der Verkehr mit unseren treuen
Freunden in den Staaten und Ka
nada auf, aus der vom Nazi-Terror
beherrschten deutschen Heimat fatft
seit langem so gut wie nichts, sodaß
wir gänzlich auf uns selbst und die
geringe Beihilfe unseres armen chine
sifchen katholischen Volkes angewiesen
waren. Trotz der ungeheuren jahre
langen Bedrückung des Volkes durch
die Japaner sowie zahllose Soldaten
Horden gaben unsere braven Christen
überall von dem Wenigen, das ihnen
verblieb, ihren Priestern mit, sodaß
diese, wenn auch bei kärgster Nah
rung,wenigstens nicht verhungerten.
Die meisten von uns verdanken tat
sächlich dem Edelmut unserer Gläu
bigen ihr Leben? Seitdem dann fast
alle Patres sich nach Tsinan zurück
ziehen mußten, hörte natürlich die
Hilfe der Außengemeinden auf und
mußte die Missionsverwaltung allein
für den Unterhalt der Patres. Brü
der und Schwestern sorgen. Es blieb
uns nichts anderes übrig, als alles
nicht unbedingt Nötige zu verkaufen,
um wenigstens das knappe Leben zu
fristen. So verkaufte man Hemden,
Unterwäsche, Schuhe, Kleider, Fahr
räder, Küchenutensilien, ja die Ma
schinen der hiesigen Missionswerkstät
ten mußten zum guten Teil veräußert
werden, soweit sich Käufer dafür fan
den.
Line Mahrt durch baa
heutige KudLeuttchlsnd
11.
Gegen drei Uhr morgens packen
wir unsere Sachen zusammen und
machen uns auf den Weg. Es ist noch
Sperrstunde, und wir haben keinen
Ausweis, vertrauen aber aus unseren
guten Stern. Als wir bereits die
Mitte des Weges hinter uns haben,
laufen wir aber doch einer deutschen
Polizeipatrouille in die Finger. Es
gelingt uns jedoch, sie zu überzeugen,
daß wir nur zum Bahnhof wollen,
und daß wir am Vorabend keine
Möglichkeit gehabt hatten, uns ei
nen Ausweis zu besorgen. Nach eini
gem Ueberlegen lassen sie uns dann
auch laufen und geben uns noch den
Weg an. Bei der spärlichen Straßen
beleuchtung ist es aber nicht leicht,
den richtigen Weg einzuhalten, und
so laufen wir wirklich auf einmal
verkehrt und beinahe zwei amerikani
schen Wachtposten in die Hände. Sie
sind aber so in eine Unterhaltung
vertieft, daß sie uns nicht bemerken,
und so gehen wir auf Zehenspitzen
wieder zurück und finden dann auch
den richtigen Weg zum Bahnhof.
Nach dem Passieren der Sperre setzen
wir uns auf unsere Koffer, bis wir
merken, daß unser Zug bereits auf
dem Bahnsteig steht.
.. In der Dunkelheit suchen wir uns
einen Platz in einem der Wagen, nicht
ohne uns vorher vergewissert zu ha
ben, daß wir auch wirklich im richti
gen Zug sitzen. Ein kleiner Junge hat
auf einer Bank geschlafen als es
dämmert, nimmt er sein Bündelchen
und verläßt den Wagen auf dem hin
teren Ausgang. Eine Gruppe ehema
liger Fremdarbeiter (die „Damen" in
Pelzmänteln, die „Herren" ebenfalls
in auffallend guten Kleidungsstücken)
kommt in den Wagen. Sie trinken
Schnaps aus der Flasche, legen sich
auf die Bänke mit den schuhen auf
der gegenüberliegenden Bank, so daß
niemand durch kann, und gefallen sich
in unerhörten Anpöbelungen und
schmutzigen Redensarten gegenüber
ihren Mitreisenden. Die Deutschen
scheinen es schon gewöhnt zu sein und
lassen es ruhig über sich ergehen. In
mir aber kocht es, und ich erlaube
mir, von der amerikanischen Polizei
zu reden, an die man sich wenden
müßte. Daraufhin beratschlagen die
„Herren" in ihrer tschechischen Mut
tersprache und verlassen schließlich
unseren Wagen. Hier kann man sa
gen: „Die Geister, die er rief, die
wird er nicht mehr los!" Diese ehe
maligen Fremdarbeiter sind eine ei
gentliche Plage, sie wollen aar nicht
mehr nach Hause, wird es ihnen doch
bestimmt nicht besser gehen sie trei
ben sich in ganz Teutschland herum,
reisen hierhin und dorthin, treiben
chwarzhandel und lassen nebenbei
mitlaufen, was ihnen gefällt. Es sind
auch nicht die einzigen dieser Art, die
uns auf unserer Reife begegnen.
Endlich setzt sich unser Zug in Be
wegung, voll besetzt, wie alle Züge in
Teutschland es ist unglaublich, was
gereist wird. Auf den Bahnhöfen sind
bereits große Plakate angeschlagen,
die Leute sollten dieses unnütze Her
umreisen sein lassen und sich lieber
für Aufbauarbeiten melden.
Wir kommen nach Bruchsal, wo
wir umsteigen müssen. Es ist bitter,
kalt, und die Zeit wird uns lang,
bis wir weiterfahren können. Wir ha
ben Muße, uns im Morgengrauen
den total zerstörten Bahnhof zu be
trachten, und bekommen auch zum
erstenmal einen Begriff von einer
durch Bombenangriffe schwer zerstör
ten Stadt.
Nach dem Umsteigen in Bruchsal
sind wir dann wieder in einem schön
geheizten Zug, der uns langsam Hei
delberg entgegenführt. Heidelberg
selbst scheint nur wenig unter dem
Krieg gelitten zu haben, es macht
noch den Eindruck einer ziemlich ge
pflegten Stadt, mit seinen Verkehrs
polizisten in ihren weißen (allerdings
dunkelweißen!) Mänteln. Die Stra
ßenbahn verkehrt und auch tierschie
dene Kleinbahnen (z. B. nach Mann
heim und nach der Bergstraße), und
vorbeiflitzende amerikanische Lastau
tos und Jeeps beleben das Straßen
bild, hie und da sieht man auch ein
deutsches Auto dazwischen. Wir er
kundigen uns nach unserer Weiter
fahrt. Wir müssen mit der Kleinbahn
bis Weinheim fahren und dann dort
wieder sehen, wann wir weiterkom
men.
In Heidelberg herrscht reges Le
Ben Studenten, heimkehrende Solda
ten, Flüchtlinge, alles ist unterwegs.
Der Großteil der weiblichen Wesen
trägt lange Hosen. Man sieht dabei
die unglaublichsten Kombinationen
inbezug auf Schnitt, Stoff usw.: Ski
hosen, gewöhnliche Herrenhosen, die
wohl einem noch nicht zurückgekehrten
oder nie zurückkehrenden Vater, Mann
oder Bruder gehören, Militärhosen,
sogar französische, ja sogar aus Woll
decken verfertigte Hosen. Dazu hie
und da Schaftstiefel oder gar Stocke
lischuhe. Ein Karikaturist könnte hier
reichste Ernte machen. Ferner fällt ei
nem auf, wie viele Damen in Pelz
mänteln herumlaufen. Wo mögen die
alle herstammen?
Doch endlich erscheint unser Bähn
chen und wir beeilen uns, um wieder
zu einem Sitzplatz zu kommen. Wir
haben etwa sechs Stationen zu fah
ren, doch gibt es bei der vorletzten
einen Aufenthalt von über einer
Stunde wir können nicht herausfin
den warum, doch scheinen die übrigen
Mitreisenden solche Aufenthalte schon
gewöhnt zu sein. Endlich langen wir
aber in Weinheim an. Von der Halte
stelle bis zum Reichs-Bahnhos sind es
zehn bis fünfzehn Minuten zu gehen,
und dann heißt es wieder warten. So
langsam gewöhnt man sich daran,
schließlich bleibt einem auch nichts
anderes übrig. Im Laufe des Nach
mittags gelangen wir aber doch «n
unser Reiseziel, ein kleines 'Oertchen
an der Bergstraße. Nun kommen wir
endlich zu unserem lange ersehnten
warmen Kaffee und mitgebrachtem
Wurstbrot. Dann gehen wir unsere
Tante aufsuchen, die inzwischen ins
Krankenhaus gekommen ist.
Wir können uns nur mit Mühe
beherrschen, als wir die alte achtzig
jährige Dame zu Gesicht bekommen
sie ist so ziemlich auf dem untersten
Ernährungszustand angekommen und
hat sich zudem durch einen Fall einen
Oberschenkelbruch zugezogen, der bei
ihrem Alter wohl nicht mehr heilbar
sein wird. Die heutige Zeit ist natür­
lich besonders schwer für fo alte Lei»
te, die sich nicht wie die jungen noch
irgendwie und irgendwo etwas zusätz
liche Nahrung tierfdaffeit können. So
bald sie daher transportfähig sein
wird, will meine Schwägerin versu
chen, sie zu sich zu nehmen. All dies
erfordert vielerlei Besprechungen und
Vorbereitungen, liegen doch sowohl
die Sach- wie die Personenverhält
nisse im heutigen Deutschland äuerst
kompliziert.
Am nächsten Morgen gehen wir die
Tante besuchen und füttern sie ein
bißchen mit unseren wenigen Schwei
zer Raritäten (Butterbrot, Streichkäs
chen, Ovomaltine, Schokolade und
Biscuits auch Süßstoff ist ein hoch
willkommener Artikel). Das Kranken
Haus- selbst wird erst eingerichtet, es
ist halb Lazarett und hat vorerst nur
wenige Privatkranke ausgenommen.
Alles ist noch ziemlich primitiv
an unseren Verhältnissen gemessen —,
doch ist das Zimmerchen, das die Tan
te mit zwei anderen Damen teilen
muß, durch einen Ofen auf dem
auch gekocht wird wenigstens gut
geheizt, und die Krankenhauskost
zwar einfach aber gut. Auch die
Schwestern sind nett und tun wohl,
was sie können.
Nachmittags gehen wir zum Bür
germeisteramt, um dort zu erfahren,
daß wir unsere in der französischen
Zone ausgegebenen Reisemarken in
der amerikanischen nicht umtauschen
können, da auf den fretnzöfifchen
Marken die jeweiligen Rationen nicht
aufgedruckt sind. Wir brauchen aber
Brot, die Hauptnahrung auf der
Reise. Wir beschließen deshalb für
den morgigen Tag einen Ausflug nach
Worms, wo wir zugleich die Ver
wandten meiner Schwägerin besuchen
wollen.
(Fortsetzung folgt)
Ilsnsle des NmÜurses
(Fortsetzung don Seite 1)
nig Gedanken. Es steht ihnen mit ei
ner Nonchalance gegenüber, die mit
dem alten Laisscz faire des Libera
lismus viel gemein hat. Nur wenn es
fein eigenes Wohlbehagen gefährdet
sieht, beginnt es sich zu regen und nach
Abhilfe zu rufen.
So geschah es in den letzten Wochen
und Tagen, als zwei große Streiks
das ganze Wirtschafts- und Verkehrs
leben auf den Kopf zu stellen drohten,
der Streik der Kohlengräber von
John Lewis und der Streik der Ei
senbahner.
Wir bekennen rückhaltslos, daß wir
für die Arbeiter in den Bergwerken
große Sympathien haben, die auch der
Groll über die diktatorische Haltung
.von Lewis nicht zu erschüttern ver
mag. Die Arbeiter in den Kohlengru
ben gehörten mehrere Generationen
lang zu den Stiefkindern der ameri
kanischen Industrie. Sie wurden mit
der ganzen Brutalität des Wirt
schaftskapitalismus ausgebeutet,
besonders solange der stetig fließende
Strom der Einwanderung den Be
sitzern der Minen und Hüttenwerke
stets neue Ausbeutungsobjekte zur
Verfügung stellte, wenn die versklav
ten Arbeiter auf menschenwürdige
Entlohnung und Behandlung dran
gen. Auch heute noch ist ihr Los nicht
beneidenswert, und ihre Arbeitgeber
und die gesamte Gesellschaft hat an
ihnen viel gutzumachen, ob nun
Lewis die rechten Wege einschlägt
oder nicht.
Anders liegen die Dinge bei den
Eisenbahnern. Tie Mitglieder der
„Brüderschaften" gehören, was den
Lohn betrifft, zur Aristokratie der
amerikanischen Arbeiterschaft. Tie un
tersten Lohnstufen liegen erheblich
über dem Durchschnittseinkommen der
besser bezahlten Gewerkschaftler und
die Höchstlöhne übersteigen das von
vielen tausend Arbeitgebern.
Aber wenn man die Berechtigung
wenigstens einiger der von Lewis ge
stellten Forderungen zugesteht und
wenn man selbst einige der Ansprü
che der Eisenbahner gelten läßt, so
bleibt doch die Frage, 06 der Dienst
so lebenswichtiger Industrien der
Allgemeinheit entzogen werden kann
sei es durch die Unternehmer oder
durch die Arbeiter. Es war nicht eine
für den Kapitalismus voreingenom
mene Forderung, die in der Vergan
genheit das Streikrecht von Angestell
ten öffentlicher Betriebe bestritt. Die
se Forderung ist erst recht am Platze
in unserm heutigen komplizierten
Wirtschaftsleben, dazu noch in einer
Zeit, wo nach den sechsjährigen Er
fordernissen des Krieges Höchstleistun
gen des Wirtschaftswesens notwendig
sind und Verzögerungen im Trans
Port von Lebensmitteln Hungertod
für viele Tausende in allen Ländern
der Welt bedeutet.
Daß die Arbeiterführer gerade die
se für sie günstige Konjunktur wähl
ten für ihren Streik, drückt ihrem
Vorgehen den Stempel des Unrechts
auf. Aber man hüte sich bor Phari
säertum In einer ®ejellsd)äfk in der
solche Dinge möglich Md, ist gar
manches faul. Der Streik kam ja
nicht von gestern apf heute, er war
vielmehr schon seit Monaten in der
Schwebe. Der moderne Staat ist doch
sonst nicht so zimperlich, und die ver
antwortlichen Männpr unserer Regie-
Jufekfi
rung sind doch so tatendurstig, wo e&
darum geht, die Freiheit von Millio
nen Menschen zu verkaufen. Aber die
Herren sind nur dann so tatenstarf,
wenn es gegen hilflose unterworfene
Volker geht, die als parteipolitischer
Faktor feine Rolle spielen! Da liegt
der Hase im Pfeffer. Alles in unserer
säkularisierten Gesellschaft wird vom
Opportunismus und vom Utilitaris
mus bestimmt und von der selbst
süchtigen Parteipolitik.
So konnte es geschehen, daß zuerst
die Industrie durch den. Mangel an
Kohle und dann fast der sgnze Ver
kehr durch die Stillegung der Eisen
bahnen lahmgelegt wurde und dafe
eine Kalamität von den größten Aus
maßen drohte. Jetzt erwachte die öf
fentliche Meinung und begehrte pa
nikartig Abhilfe. Unter diesem Druck
entschloß sich endlich die Regierung
nach all dem fruchtlosen Palavern zu
energischen Schritten. Aber die Füh
rer von zweien der zwanzig Eisen
bahngenossenschaften fühlten sich stark
genug, der öffentlichen Meinung und
der Regierung zu trotzen und den
materiellen Vorteil von einigen tau
fend Menschen über das Wohl des
Landes zu stellen. Erst als Präsident
Truman vor den Kongreß trat und
den Starrsinn und Eigennutz der zwei
Gewerkschaftsführer bloßstellte und
scharfe gesetzliche Maßnahmen for
derte, kapitulierten die Gewerkschafts
führer unter Protest.
Der Streik der Kohlengräber ist
noch im Gang. Es heißt aber (Mitt
woch), daß er noch diese Woche beige
legt werdet
...
Die von Präsident Trmnan vor
geschlagene Gesetzgebung zur Verhü
tung ähnlicher bedenklicher Entwick
lungen in der Zukunft wurde im Ab
geordnetenhaus prompt und fast ein
stimmig angenommen. Im Senat'
wird sie allem Anschein nach auf
Schwierigkeiten stoßen, und einschnei
dende Aenderungen dürften tatsäch
lich angebracht sein. Bedenklich aber
ist. eH, daß die ganze Frage zum
Streitobjekt der politischen Parteien
zu werden droht. Ueberraschend ist
das nicht, wo alle Probleme der ein
heimischen und auswärtigen Politik
sofort in den Bannkreis der Partei
Politik geraten. A. F. Whitney, einer
der von Präsident Truman an den
Pranger gestellten Gewerkschaftsfüh
rer, kündigte am Sonntag an, seine
Gewerkschaft werde ihren ganzen
Fonds von siebenundvierzig Millio
nen Dollars recht bezeichnend für
die heutige Lage! dransetzen, um
Präsident Truman in der nächsten
Wahl zu schlagen. Zwei und eine hal
be Million Dollars hat sein Gewerk
schaftsvorstand jetzt schon bewilligt,
um die Niederlage der Kongreßmit
glieder herbeizuführen, die für die
vom Präsidenten vorgeschlagene Ge
setzgebung gestimmt haben. „Wir sind
entschlossen, jeden Kongreßabgeord
neten zu schlagen, der für jene Bill
gestimmt hat," erklärte er nach einer
Meldung der „Ass. Preß". Die Füh
rer der großen Gewerkschaftsverbän
de sind ebenso erbittert. Hr. Green
von der Federation of Labor z. B.,
der felbstverftänMich alle Arbeiterge
fetze, ganz gleich wie schwer sie das
Unternehmertum trafen, vollständig
in der Ordnung fand, erklärte, der
Präsident habe „Partei genommen:
für die Industrie und gegen die Ar
beiterschaft".
Es ist unleugbar, daß die vorge
schlagene Gesetzgebung (die u. a. die
Regierung ermächtigt, Arbeiter, die
an einem Streik gegen die Regierung
beteiligt sind, zu konskribieren) schwe
re Gefahren in sich birgt, der Ver
staatlichung Tür und Tor öffnet und
der erste Schritt sein könnte zur Her
stellung einer „Arbeitfront" nach
Hitler'fchem Muster. Wir bezweifeln,
daß durch solche Mittel der Friede
herbeigeführt werden kann!
Eines aber haben die Ereignisse
der letzten Wochen über allen Zweifel
festgestellt: So wie bisher, kann es
nicht weitergehen! Vielleicht ist der
Kampf schon so weit vorangeschritten,
daß ohne folgenschwere Konflikte eine
Einigung überhaupt nicht mehr zu er
zielen ist. Diese unverkennbare Ge
fahr sollte eine Warnung sein für al
le, für die Arbeiterschaft nicht weni
ger als die Unternehmer, und für das
ganze Volk. Jetzt wie kaum je zuvor
ist es vonnoten, daß alle einen küh
len Schädel bewahren und sich durch
die Anmaßung von einigen wenigen
Arbeiterführern, die ihre Rechte zwei
fellos überschritten haben, nicht zu
übereilten Schritten verleiten zu las
sen.
Was notwendig ist, nötiger als die
von Präsident Truman vorgeschlage
nen Notmaßnahmen, ist ein Aus
gleich der Rechte und Pflichten von
Arbeiterschaft und Unternehmertum,
die mehr und mehr aus dem Gleich
gewicht gekommen sind. Dazu wäre
vor allem erforderlich eine sorgfältige
Revision des Wagner-Gesetzes, das
das Unternehmertum geradezu recht
los gemacht hat und in weitem Maße
verantwortlich ist für das heute herr
schende Faustrecht im Wirtschaftsle
ben. Einsichtige Arbeiterführer, die in
den letzten Tagen die ersten Regungen
der einsetzenden Reaktion gegen die
heutige Lage verspürten, sollten eine
solche Revision begrüßen.
it
vri"1
A
DU
I
•V«
5
\tlk-

Fr. A er tK a u s, O.F.M.,
Catholic Mission, Tsinan,
Hungkialou, Shantung, China.

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