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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, July 20, 1946, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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HU
V
(Fortsetzung)
Tobias Pfeiffer drückte Clasen ei
nen vollen Becher in die Hand und
drängte ihn zum Throne hin. Der
Wein floß über des Alten Hände
und sonderbar schaute er drein. Krach
machen wollte er, sich beschweren, daß
über dem Lärm kein Mensch im Hause
schlafen könne. Und blickte nun in
Frau Magdalenas verdunkelte Au
gen, die hoch über ihm thronte. Und
diese Augen sagten: „Laßt gut sein,
Vater Clasen. Natürlich haben Sie
recht, Vater Clasen, es ist eine Schan
de, solch einen Lärm zu machen bis in
die späte Nacht. Geburtstag hin und
Geburtstag her, heute paßt es frei
lich gerade. Aber sonst wird auch ge
trunken bei uns, und es ist kein Ge
burtstag. Schweigen wir lieber, Va
ter Clasen. Wie Sie sehen, ich bemühe
mich trotzdem, ein gutes Gesicht zu
machen. Es kommt doch alles, wie es
kommen muß. Können wir es ändern,
was sage ich, können wir es auch nur
aufhalten? Also schweigen wir lieber,
Vater Clasen, und machen unser gu
tes Gesicht."
Und laut sprach Posamentier Cla
sen, nahm mit der einen Hand das
gestickte Käppchen vom Kopf und hob
mit der andern das volle Glas: „Ja,
Frau Magdalena!"
„Das nenne ich einen knappen
Gruß, Gevatter!" meinte einer aus
dem Kreise.
„Laßt ihn in Ruhe, wenn er sonst
nichts will," flüsterte hastig Robert
Steffensieb.
„Na, dann wünsche ich auch noch
eine gute Nacht allerseits." Posamen
tier Clasen trank langsam den Wein
aus.
„Dank Euch, Vater Clasen." Mag
dalena stand vom Throne auf und
schritt die Kistenstufe hinab. „Es war
schön von Euch, daß Ihr noch gekom
men seid, Vater Clasen. Und wollen
wir jetzt nicht zusammen das schöne
Fest beschließen und schlafen gehen?"
Alle widersprachen. Ein neuer
Lärm erhob sich, Hände streckten sich
ihr entgegen, Tobias Pfeiffer saß
schon wieder am Klavier. Im allge
meinen Wirwarr entfernte sich Posa
mentier Clasen. Er schüttelte den
Kopf.
Der Geheimsekretär aber stand hin
ter Tobias Pfeiffer, klopfte ihm im
Takt der Passage auf die Schulter und
zischelte ihm wie ein eingeübtes Par
Icmdo die Worte ins Ohr: „Nicht
schlafen gehen, nur nicht schlafen ge
hen, Tobias! Denk, die lange Nacht."
Johann van Beethoven faßte Frau
Magdalena zärtlich um die Hüfte:
„Verdirb mir nicht den Spatz heute,
Lene."
Sie standen für einen Augenblick
allein und abseits von den andern.
„Du weißt, Johannes, du hast mir
etwas versprochen heute. Gerade zu
heute!"
Johann wurde schon ungeduldig.
„Ich betrinke mich nicht, du wirst es
sehen. Aber ich kann sie doch nicht
rausschmeißen."
Frau Magdalena erwiderte nichts,
sie nickte nur stumm. Nach einer Wei
le war auch sie verschwunden. Im
Dunkeln, damit keiner es bemerken
sollte, tapste sie über den-schmalen
Gang in die nebenan liegende Schlaf,
stube.
Das kleine Fenster stand offen,
Frau Magdalena erschrak. Da lehnte
der kleine Ludwig noch angezogen aus
dem Fenster und spielte mit dem ei
sernen Haken, der die Läden zusam
menhielt. Jedesmal wenn der Riegel
einen Kreis schlug, gab es ein seltsam
kreischendes Geräusch. Widerlich und
unheimlich klang es.
„Aber Ludwig, was machst du denn
noch?"
„Ich spiele, Mutter. Ich spiele Ge
heimsekretär."
„Tu spielst
„Ja, hörst du denn nicht, genau so
spricht der Herr Steffensieb!"
In die stille Nacht hinaus klang
wieder das ekelhafte Geräusch. Frau
Magdalena schüttelte sich: „Du mußt
zu Bett, Ludwig."
Exzellenz von Belderbusch wartete
im Vorzimmer Seiner Durchlaucht
des Kurfürsten. Die Uhr auf dem Ka
min schlug zehn. Zehn Uhr vormit
tag» und der Kurfürst noch nicht aus
dem Bett. Jeden Tag ein paar Minu
ten länger brauchte der Greis zum
Anziehen, in den Jahren wurden die
Minuten zu Stunden. Wenn es so
weitergeht, steht er überhaupt nicht
mehr aus aus seinem Bett.
Die Flügeltüren wurden aufgeris
sen, der Kurfürst steckte seinen kahlen
Kvpf heraus und lächelte: „Bon jour,
mon eher, bon jourl Ich habe die
Schokolade bestellt, wollen Sie mit
Imtfen?"
Multk auf dem Rhein
Mn Roman von Heinrich Zerkauten
Der Premier blieb gebückt in sei
ner tiefen Verbeugung. Er kannte
ffrAw.««*
7*
diefe Anrede feines hohen Herrn aus
wendig. Schokolade durfte auch bei
wichtigsten Staatsverhandlungen nicht
fehlen.
Das heißt, der Graf lächelte in sich
hinein, immer noch den Kopf tief ge
neigt. Was hieß Staatsverhandlun
gen? Deutschland besaß bald mehr
Residenzen als Dörfer, mehr Hof
beamte als Bürger und Bauern. Was
ist Staat? dachte der Premier. Staat
ist meine Tasche, ist der Gewinn des
Tages. Was heute nicht mein, nimmt
morgen der Nachfolger.
Ja, Nachfolger, es half nichts, es
mußte besprochen sein. Der Graf rich
tete sich auf, scheinbar überrascht von
der gnädigen Laune seines Gebieters,
scheinbar überrascht wie an jedem
Tag. Je sicherer man einen Hochge
stellten in der Tasche hat, je weniger
darf man es ihn merken lassen.
„Durchlaucht sind zu gütig
Nur nicht den Abstand verringern
wollen in einem. solchen Augenblick,
eher erweitern.
„Wenn Durchlaucht gnädigst ge
ruhen, es sind heute nur nebensäch
liche Dinge zu besprechen, leicht auf
morgen zu verschieben."
„Muß ich erst wieder läuten, Bel
derbusch?" klang des Kurfürsten
Stimme schon aus dem Nebengemach.
Es war wie jeden Morgen. Belder
busch verzog keine Miene, er handelte
automatisch wie nach einer einstudier
ten Rolle. Was der Kurfürst mit Läu
ten bezeichnete, war die Aufforderung
zum Betreten des Allerheiligsten.
Durchlaucht rührte dann mit dem sil
bernen Löffel in der Schokolade.
Recht wohlig und laut. Das hauch
dünne Porzellan erklang unter dem
zierlichen Löffel, als würden silberne
Glocken leise angeschlagen.
Und endlich saß Belderbusch dem
Kurfürsten gegenüber. Der Leibdiener
rückte das chinesische Tischchen für das
Portefeuille des Ministers neben des
sen Sessel zupecht und verließ mit ei
ner stummen Verbeugung das Ge
mach. Von draußen vernahm man den
Schritt des wachhabenden Offiziers,
Gewähr dafür, daß kein Lauscher in
der Nähe war.
Die Schokolade schob der Graf un
auffällig zur Seite, sie war nicht zu
genießen, sie schmeckte ihm zu süß, wi
derlich süß war das Zeug.
„Darf ich fragen, ob Durchlaucht
die Nacht angenehm
„Gar nicht, Belderbusch, ekelhaft
geradezu. Wäre ich sonst in dieser
Herrgotsfrühe schon ausgestanden?
Ich weiß nicht, was das ist. Belder
busch, ich schlafe nicht mehr. Stunden
lang liege ich wach. Endlich zünde ich
selber wieder die Kerze an, lasse mir
vorlesen, bis die Augen zufallen, und
ist's dann dunkel im Zimmer, bin ich
plötzlich wieder wach und kann erst
recht nicht schlafen."
Belderbusch senkte lauernd den
Blick.
„Was ich Durchlaucht immer sage,
Eure Durchlaucht muten sich zuviel
zu."
Er machte eine kurze Pause, seine
Augen überflogen den Greis im Ses
sel, abschätzend, eiskalt. 'Unmerklich
zuckten seine Schultern.
Dann sagte er langsam und be
stimmt: „Durchlaucht sollten eben
endlich die Frage nach dem Koadju
tor erwägen."
Des Kurfürsten Hände zitterten,
auf feinem fahlen Schädel rollten sich
ein paar Falten zusammen. Er stieß
mit dem Fuß gegen den Tisch, daß die
Schokolade überfloß.
„Ich habe Ihm ein für alle Mal
gefegt, Belderbusch, ich mag nicht.
Was denkt Er sich denn? Soll ich
tagtäglich in meinem Nachfolger den
Tod vor Augen haben? Ich mag
nicht," des Kurfürsten dünne Fäuste
trommelten auf den Tisch, das Por
zellan flirrte. „Ich mag nicht -t- ich
mag nicht!"
Eine Pause kam. Aber der Graf
ließ nicht nach. „Hohenzollent und
Habsburg ringen um die Macht im
Reich. Zwei gewaltige Schachspieler.
Und Eure Durchlaucht sollten sich nicht
einfach fchieben lassen, wie es den Re
gierungen in Berlin oder Wien be
liebt."
„Was soll das heißen, Graf?"
„Soll heißen, daß wir zuverlässige
Nachrichten erhielten, nach denen der
preußische Gesandte in Münster ver
trauliche Verhandlungen mit dem
Domkapitel in Köln anknüpfte über
die eventuelle Wahl eines Koadjutors,
wie er Seiner Majestät dem König
von Preußen genehm sein^dürfte."
„So, und das in meinem Bistum!
Und das in meinem Domkapitel!"
„Durchlaucht wollen die Dinge so
nüchtern wie möglich ansehen. Die sie
ben Jahre Krieg sind zu Ende, aber
die diplomatische Schlacht fängt erst
an und wird unerbittlich weitergehen
bis zum endgültigen Sieg. Bis ent
weder Maria Theresia in Wien oder
curyr.»
sp
dabei um nichts anderes, Durchlaucht,
als um die Hegemonie in Deutschland,
lind dafür ist jeder Posten auf lange
2 icht von äußerster Wichtigkeit. Die
se Schlacht wird vielleicht länger als
sieben Jahre dauern. Und es gibt kei
neu Fürsten in Deutschland, der da
nicht mit
Aneingezogen
Er stand auf und stülpte unwill
kürlich die Perücke auf. Seine Hand
umgriff das goldene Kreuz auf der
Brust, das Zeichen seiner geistlichen
Würde. Manchmal, auch in diesem
Augenblick, sprühte wieder die alte
Entschlossenheit auf in dem Manne,
dem unmetklich die Zügel aus der
Hand geglitten. Aber mit dieser Ent
schlossenheit zugleich eine greisenhaft
kindliche Verstocktheit, die selbst jedem
wohlmeinenden Ratschlag die kalte
Schulter zeigte.
Berechnend begann Belderbusch von
neuem: „Ich ahnte, daß Eure Durch
Iaucht allen Groll in dieser leidigen
Angelegenheit an mir auslassen wür
den. Und dennoch muß ich reden, hö
ren Durchlaucht, ich muß! In dieser
Situation können Durchlaucht noch
selbst die Wahl treffen unter denen,
die genannt werden, oder besser, die
sich selber nennen. Ich meine, um ganz
deutlich zu sprechen, heute haben wir
es noch in der Hand, den Preis selbst
zu bestimmen."
Mit einem Ruck wandte sich der
Kurfürst um. Belderbusch wußte es,
darum fiel er wieder in feine gewohn
te tiefe Verbeugung. Er tauchte in
solchen Augenblicken unter wie in ei
nen Brunnen. Als horche er nur in
sich selbst hinein. Und alles ließ sich
mit dieser Verbeugung zudecken, das
eigene Gesicht, die eigenen Gedanken
das mitleidige Lächeln.
Als ob er hätte auf den Kurfürsten
erst warten sollen! War dessen Ge
schäft nicht sein eigenes? Konnte der
nicht morgen tot sein, und wer bürg
te dann für den Premierminister Ka
spar Anton Belderbusch?
Letzte Woche schon war der erste
Fühler nach Wien gegangen. Es wuß
ten darum bis zur Stunde nur drei
Menschen auf der Welt, Belderbusch,
fein Sekretär Robert Steffensieb und
der Minister Maria Theresias, der
Graf Kaunitz. In Schönbrunn gab es
mit dieser Post vom Rhein eine deli
kate Nuß zu knacken. Der Leim war
zu zuckersüß und dick aufgetragen. Ei
ne Art Sekundegenitur von Wien mit
ten in Preußen, im Nordwesten des
Reiches! Fein ausgedacht, ein herrli
ches Diplomatenkunststück jenes vor
züglichen Grafen Belderbusch. Und
mit einer ganz bestimmten Person im
Auge. Genug, Vorsicht. Immerhin so
viel, daß man sich diese ganz bestimm
te Person auf Lebenszeit verpflichtete.
Verstanden, Euer Durchlaucht? Auf
Zeit und Ewigkeit!
„Wen denkt Er in Vorschlag zu
bringen, Belderbusch?"
„Ich weiß nicht, Euer Durchlaucht."
Der Graf tat sehr betroffen. „Es ist
nicht meine Art, den Entschlüssen mei
nes hohen Herrn vorzugreifen."
„Was sollen die Phrasen, Belder
busch? An wen denkt Er?"
„Ich weiß nicht, Euer Durchlaucht.
Ich beteure, ich weiß es nicht, das
will ernst überlegt werden. Und ich
wagte nicht, bei der Einstellung Euer
Durchlaucht zu dieser Frage, mich bis
her mit dem Gedanken an eine be
stimmte Person zu befassen. Wäre
nicht die Nachricht aus Münster ge
kommen
„Ich will wissen, mit wem der preu
ßische Gesandte verhandelte!"
Aber Belderbusch sah den Kurfür
sten nur an. Gab es nichts Wichtige
res zu fragen, als solche Nebensäch
lichkeiten?
„Nun gut, ich verlasse mich auf Sie.
Sie werden das schon machen. Gut,
gut, Belderbusch. Aber drängt es
denn so sehr mit meinem Nachfolger?"
kr
Ein armer Mensch, dachte der Graf.
Hat feine liebe Not, wie ein jeder von
uns.
„Wir werden uns natürlich Zeit
nehmen. Euer Durchlaucht."
„Gut, Belderbusch." Der Kurfürst
lächelte wieder, er streichelte sein gol
denes Kreuz. „Viel Zeit, Belderbusch,
nicht wahr?"
„Viel Zeit, Euer Durchlaucht,
wenn ich die Geschäfte in dieser An
gelegenheit im Sinne Euer Durch
laucht selbst und allein durchführen
darf."
Der Kurfürst nickte nur.
Mit allen Zeichen der Huld und
Gnade wurde Exzellenz Graf Belder
busch nach knapp halbstündiger Au
dienz an diesem Morgen entlassen.
OHIO WAISFJfFREUND
Friedrich in Berlin oben ist. E? geht selbst darstellte, öffnete Belderbusch
würde, ob er
will oder nicht und trotz sogenannter
strengster Neutralität. Heute bestim
men Sie noch, Durchlaucht, ob mor
gen auch? Ich wage es nicht, zu be
jahen."
„Er setzt mir also die Pistole auf
die Brust?" brauste der Kursürst auf.
Wohlgelaunt pfiff er leise vor sich
hin. Der Gang von dem Quartier der
Maus, der hinüberführte zum andern
Flügel des Schlosses, der Katz, trug
ein Stockwerk noch, darüber befand
sich der lange und geräumige Spei
cherboden. Rechts bot die Aussicht auf
den Hof garten mit feinen grünen
Wiesen und streng geschnittenen Laub
gängen eine willkommene Abwechs
lung.
Genau in der Mitte des Ganges,
l. Itz
die breiten Glastüren zu einem schma
len Rundbalkon. Aufatmend lehnte
er sich auf das reichverzierte, goldene
Geländer. Der Park war leer zu die
ser Zeit. Weit ging der Blick und
blieb im Grün hangen. Das Amsel
volk lärmte zärtlich, eine General
probe mit voller Besetzung.
Was ist mit mir? fand fieft der
Graf da in Gedanken. Das bißchen
Laune und der kleine diplomatische
Erfolg von eben? „Nein doch," sprach
er laut vor sich hin. Ob es an diesem
jungen Frühlingstag lag, der die
Welt mit einem Mal weich und froh
machte, daß die Spatzen sich sogar an
kleine Koloraturen zu wagen schie
nen? Ja, es war nach lauter winter
lichen, ungemütlichen Regenwochen
plötzlich richtiger Frühling geworden.
Die Magnolien standen vollgespickt
mit weißen, rundlichen Knospen.
Wenn man nur darüber hinhauchte,
würden sie mit einem fröhlichen Knall
aufspringen wie gefüllte Brandrake
ten bei einem Feuerwerk.
Wie Brandraketen!
Der Graf zuckte zusammen. Es ist
völlig sinnlos, einer guten Regung
nachgeben zu wollen, wenn man nach
Veranlagung das Schlechte tun muß.
Was ihm war? Er hatte einen Au
genblick die Zügel geschleppt, sich ge
hen lassen, weiter nichts. Und schon
drängte sich so unnützes Zeug wie
Frühling, Wiesen, Vogelgezwitscher in
seine Gedanken. Aber ruhig, noch
springt der Mechanismus des Bösen
selbsttätig wieder ein. Er läßt Mag
nolienknospen mit Brandraketen ver
gleichen.
Also besann sich der Graf, weshalb
er die Glastüren geöffnet. Er wollte
sich überzeugen, ob jemand im Gar
ten fei, der ihn beobachten könnte.
Beobachten? Schadet es etwas,
wenn einer von draußen sieht, daß
Seine Exzellenz der Graf aus den Ge
mächern des Kurfürsten zurückgehen
in die Staatskanzlei?
Ja, gehen. Aber der Graf ging
nicht. Noch einmal ein rascher Blick
die Zimmerflucht entlang, dann setzte
der Premierminister an zu einem ra
senden Lauf, die Uhr in der Hand, von
der Mitte des Schlosses bis in seinen
Flügel.
Aber mitten im Lauf hielt er plötz
lich an, aus einem der Zimmer er
klang Musik. Der Graf taumelte.
„Bin ich wahnsinnig geworden?"
Er knirschte mit den Zähnen, es war
nicht Musik, die ihn gestört. Es war
das Glockenspiel des Mittelturmes,
das jede volle Stunde anhub, die blöd
sinnige Ouvertüre zu Monsignys lä
cherlichem „Deserteur".
Umsonst die Mühe. Verdammt.
Belderbusch schlich vorsichtig den Weg
bis zum Mittelfenster wieder zurück.
Die Amseln lärmten weiter. Da woll
ten die Magnolienknospen noch immer
aufspringen wie
Jetzt endlich erreichte der Minister
sein Ziel. Achtzehn Sekunden dauer
te der Weg bei rasendem Lauf. Genau
achtzehn Sekunden, von der Mitte des
Schlosses angefangen. Also auch um
gekehrt. Genau achtzehn Sekunden.
Noch einen Herzschlag lang ver
•harrte Graf Belderbusch, ehe er die
Staatskanzlei betrat. Keuchend ging
fein Atem, der Schweiß perlte ihm
unter der Perücke, die Kniee zitterten.
Dann drückte er die Türklinke nieder.
„Genau achtzehn Sekunden," häm
merten laut feine Schläfen, als sprä
che es eine fremde Stimme deutlich
in seine Ohren hinein.
Nun war es umgekehrt, wie eine
Stunde vorher. In tiefer Verbeugung
erwartete Robert Steffensieb seinen
Herrn.
Der Graf stutzte. Er sah seinen Ge
heimsekretär an, als erblicke er sich
selber im Spiegel. Kein Zweifel, der
tägliche Umgang mit ein und dem
selben Menschen färbt an. Der Stär
kere drückt dem Schwächeren nicht al
lein den Willen auf, auch Form, Be
nehmen, Sprache, Blick. Vielleicht noch
mehr.
„Die Geheimakten betreffend Wien
können ordnungsgemäß eingetragen
werden. Nur die von dort eingehende
Post läuft nach wie vor durch die ge
heime Registratur."
„Wie Euer Gnaden befehlen." Ro
bert Steffenfieb richtete sich kurz auf,
in der gleichen Sekunde trafen sich
ihre Augen. Was hat er nur? dachte
Steffensieb betroffen. In den Brun
nen tauchen, dachte er weiter, das ist
das Sicherste. Und er versank auto
matisch in die gewohnte Stellung. Al
les ließ sich mit dieser Verbeugung
zudecken, das eigene Gesicht, die eige
nen Gedanken das mitleidige Lä
cheln.
Aber Belderbusch kam ihm zuvor.
Mit raschem Griff riß er den Kopf
feines Schreibers hoch. Er hielt ihn
unter das Kinn gefaßt. Steffensiebs
Augen schwammen in hilfloser Angst
und Ungewißheit umher. Er blinzelte
dabei, als blende ihn unerwartet ein
zu grelles Licht.
„In der Mausefalle, mein Junge?
Also heraus mit der Sprache, was
gibt es, wo brennt zum Teufel,
was ist los?"
Graf Belderbusch, gab dem Schrei
ber einen Stoß, daß er taumelte. Mi
spitzem Finger streifte er den Hand
die zugleich die Mitte des Schusses tlchuh ab, der dieses Gesicht umfaßt
.„Uüx/
%w*. ^,r».-*«^ "4»jft ",**''T-*Si' Trf?1"'^'CX^''
hatte, und warf ihn in die l?cke. Naß
klebte ihm die Perücke am Kopf, über
den Puder rannen Schweißtropfen
wie glühende Fäden.
Wie durch Schleier hindurch sah er
teffensiebs flehenden Hundeblick auf
sich gerichtet. Mein Geschöpf, widerte
sich der Graf. Ganz und gar mein Ge
schöpf, das einzige, was ich besitze.
Liebt mich und haßt mich, aber der
innere Zwang ist noch stärker als der
tödlichste Haß. Es gibt Menschen, die
sind einem zweiten so verfallen, wie
ein Zwillingsbruder dem andern. Sie
können nicht von ihm lassen, das
Schicksal, ein Dämon hat sie ange
schmiedet. Sie zerren an der Kette,
die scheinbar nachgibt. Aber sie laufen
nur im Kreis herum und müssen zum
Mittelpunkt zurück. Wie ein Gefan
gener, der ausbrechen will und sich
von allein wieder in seiner Zelle ein
findet. Die Zelle, das Gitter, bleibt
der Mittelpunkt der Welt.
Auck Robert Steffenfieb erging es
so. Mit dem Schuster Merrem und
jetzt mit Tobias Pfeiffer. War er frei
willig zu Schuster Merrem hingegan
gen oder auf Geheiß des Grafen?
Manchmal verwischten sich nämlich die
Ursachen, nur in der Wirkung kamen
sie alle auf dasselbe hinaus. Und mit
der Wirkung rechnete der Graf allein,
als habe er sie selber vorausbestimmt.
Schuster Merrem wahnsinnig, seine
einzige Tochter tot und verdorben.
„Kam Er weiter mit dem windigen
Tenor, dem dem, na, tote heißt
der Kerl?"
„Exzellenz meinen den Tobias
Pfeiffer. Nein, ich bin noch nicht wei
ter gekommen. Ich fürchte auch, es
geht nicht."
„Wieso geht nicht? Er ist und bleibt
ein Dilettant, Steffensieb. Findet sich
keiner, dann muß er selber
„Exzellenz!" stieß Steffensieb in
höchster Angst aus. Er siel auf die
Kniee, sein Mund berührte fast die
Erde. „Exzellenz, nicht ich! Ich bitte,
Exzellenz, nicht ich!"
Der Graf bückte sich nieder bis dicht
zum Ohr des Schreibers. „Achtzehn
Sekunden, Steffenfieb. Ich habe es
genau mit der Uhr in der Hand fest
gestellt, es sind achtzehn Sekunden
von der Pulverkammer bis zum Mit
telpunkt des Schlosses."
„Ich weiß einen andern, Exzellenz,
ich suche einen andern. Nur ich nicht,
Exzellenz, nur nicht von heut auf mor
gen!"
Aber der Graf horte nicht mehr auf
das, was fein Schreiber stammelte in
Todesangst. Von diesen achtzehn Se
kunden kam fein Denken nicht mehr
fort. War hierzu überhaupt ein Drit
ter notwendig? Wie, wenn man das
Feuer auf dem Speicher anlegte, un
fern der Pulverkammer In achtzehn
Sekunden ist man selber am andern
Ende des Schlosses. Mag brennen,
was brennen will. Ueberhaupt wären
Menschenopfer zu vermeiden, die Wa
che am Pulverturm mochte unbesetzt
bleiben für die Nacht, wenn es so weit
ist. Nur die Akten müssen daran glau
ben, ein Teil der Geheimakten beson
ders, Akten, von denen selbst Steffen
sieb nichts weiß. Und dann die Pro
zeßakten des Merrem. Die vor allem
und an erster Stelle, wenn das Geld
nicht herausgerückt werden mußte.
Der Premier hob unwillkürlich und
wie zur Abwehr feine Hände. Der
Merrem denkt überhaupt nichts ande
res mehr als an fein Geld. Die ein
zige Tochter tot, fein Haus zerfallen,
fein Wahnsinn ist Geld, das Geld aus
Amerika, das Belderbusch längst für
ihn quittierte. Dieses Geld wahrhaf
tig besitzen, behalten können, nicht in
Sorge leben um einen neuen Prozeß,
endlich Ruhe finden 0, das war zu
verlockend! Dann war die Bahn frei,
endlich, dann konnte Premierminister
werden, wer Lust hatte! Schuster
Merrem, ein ehrendes Andenken ist
Adresse
Statt...
'WW- 7 ," WfF^f^^'TW*''W¥PW^P$f^i'?v
dir getotV Du warst mit deinem Gelbs
nicht reicher geworden, du wärst nur
ein Schuster geblieben. Aber ich
ich!
Ein Schloß, eine Herrschaft, Macht,
selber der Herr. Und Mäzen dazu.
Meinetwegen, warum nicht? Musik
und Malerei, warum nicht? Aber nicht
mehr, dieses Hetzen und die Unruhe,
die Intrigen, die Falschheit. Und mei
netwegen dann auch die Weiber in
Ruhe lassen. So ist alles doch nur
Stimulans zum Antrieb. Und dann
endlich kommt die große Harmonie,
der ewige Augenblick des heiligen
Egoismus.
Steffenfieb Für Steffen sieb soll
schon gesorgt werden. Soll auch seine
Ruhe haben. In Frieden. Denn ich
bin ein guter Mensch, trotz allem. Ge
nau wie Steffensieb im Grunde ein
guter Mensch ist. Alle die leben, könn
ten gut sein, wenn sie nicht Diener
sein müßten, wenn sie nicht Angst zu
haben brauchten um die Dukaten,
wenn sie nur ein wenig Zeit behielten,
um auszuruhen, Zeit ganz für sich
allein.
„Euer Gnaden," kam Robert Stef
fenfieb auf den Knieen gerutscht.
„Euer Gnaden waren immer gut zu
mir, ich lue alles, was Euer Gnaden
befehlen. Nur nicht die Pulverkam
mer, nicht sterben, ach, nicht sterbe«»
Euer Gnaden!"
Da saß der Graf im Sessel, und
Robert Steffensieb hockte vor ihm.
„Mit dem Tobias Pfeiffer geht es
noch nicht, Exzellenz. Ich trau' mich
nicht, ich Hab' ihn noch nicht in der
Hand. Die rechte Schlinge fehlt mir
noch. Er schimpft immer auf die Für
sten, alles paßt ihm nicht, ich dachte
darum, er wäre der rechte Man«.
Aber es steckt was anders hinter ihm,
er ist nur ein Lüderjahn, er nimmt
das Leben verdammt auf die leichte
Schulter. Immer große Worte, aber
mehr auch nicht. Wie so Musiker sind,
Euer Gnaden. Ich Hab' mich verguckt
in ihn, vielleicht, ich gebe es zu."
„Schon gut." Graf Belderbusch
brach das Gespräch ab.
Robert Steffensieb besann sich au
genblicklichst. Er sprang auf, hob den
hingeworfenen Handschuh auf, als he
be er sich nur auf die Kniee geworfelt,
um nach diesem Handschuh zu suche».
Die lockere Bindung zerfiel wieder in
zwei ungleiche Hälften, hie der Mini
ster, hie der Schreiber.
Und wie nach einem geheimen Be
fehl wurde das Thema in den nächsten
Monaten von beiden Seiten auch nicht
einmal andeutungsweise gestreift. Ro
bert Steffensieb schien darob förmlich
aufzublühen. Tobias Pfeiffer behaup
tete sogar, er müsse wohl eine WA
Verjüngungskur durchgemacht habest.
Im Kreise Johann van Beethovens
gewann der Geheimsekretarius jeden
falls an Ansehen, Bedeutung, und
Freundschaft.
Abbestellung bedeutet den Verlust eines guten, alten FrenndeS «ab
einen Schaden für die katholische Presse.
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gendem Formular:
Auch sein altes Seiden hatte mtf&e
hört, nämlich die ewige Angst, um
derentwillen er noch im Sommer bei
jeder Gelegenheit gehänselt wurde.
Robert Steffensieb, das war nicht zu
leugnen, veränderte sie entschieden zu
seinem Vorteil.
Nur an einem Abend im darauf
folgenden Januar, da brachte er mit
feinem Verfolgungswahnstnn, wie To
bias Pfeiffer einmal scherzhaft sagte,
die ganze Tischgesellschaft wieder in
Verwirrung. Und das trug sich auf
folgende Weife zu.
(Fortsetzung folgt)
Alexander der Große pflegte zu
sagen: „Arbeiten ist königlich dem
Müßiggänge frohnen aber ist skla
visch."
ReÜellt Eure Zettung nicht ab!
Wenn d», lieber Leser, dieser Tage vielleicht eine Rechnung für deine
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