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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, October 05, 1946, Ausgabe der 'Wanderer', Image 1

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Die alten Häupter der Nazi-Par
tei, die einmal mit der gleichen Auto
rität wie heute Stalin über Kriegs
und Friedensmöglichkeiten reden
konnten, zählen in der heutigen Welt
nicht mehr mit. Sie nahmen am
Dienstag vor dem Nürnberger Tribu
nal ihr Urteil entgegen und werden
vom Schauplatz der Geschichte abtre
ten, sich zur festgesetzten Zeit dem
Henker stellen oder, mit drei Ausnah
men, in den Kerker wandern.
Die Geschichte, soweit sie von Men
schen bewußt gestaltet wird, trägt al
le Merkmale menschlicher Unbestän
digkeit und Willkür an sich, und in
iicrt Choral gewaltigen geschichtlichen
Geschehens klingt gar oft das höhni
sche Lachen der Frevler, die der Tra
gik der Geschichte ein Schnippchen ge
schlagen zu haben wähnen, weil das
Schwert der Gerechtigkeit sie schein
£ar übersehen. Ein Nero besang beim
ijAit&Iicf des brennenden Rom den Un
"lergong Trojas. Der Herzog „Ega
jlite" von Orleans stimmte hohnvoll
vv$fiir die Hinrichtung von Ludwig XVI.
i und war der lautesten einer unter den
^Jakobinern. Sie und alle ähnlichen
h&jk -Gassenjungen der Geschichte, die in
den furchtbaren Ernst der Ereignisse
ihre eigene Vortrefflichkeit plärrten,
fanden zu gegebener Zeit das ver
diente Schicksal.
Es hätte nicht allzu viel gefehlt,
und Führer des Sowjet-Staates wä
ren neben den ehemaligen Genossen
Hitlers auf der Anklagebank gesessen,
anstatt heute über Gegenwart und
Zukunft von Völkern, über Krieg und
Frieden bestimmen zu können. Stalin
steht vor der Geschichte als einer der
rücksichtslosesten Angreifer im Zeit
alter der totalitären Systeme, über
die der Völkerareopag sein unerbitt
liches Urteil gefällt hat. Er fiel über
das wehrlose Finnland her, paktierte
mit Hitler am Vorabend des zweiten
Weltkrieges, teilte sich mit dem ruch
losen Abenteurer in die polnische
Beute und wäre in dessen Troß mit
gelaufen bis zur Niederlage der West
mächte, hätte ihn Hitler nicht in deren
Lager gezwungen durch den wahnsin
nigen Einfall in Rußland.
Daß er nach all den krummen We
gen, die er gegangen, der wirkliche
und tatsächlich einzige Nutznießer des
v zweiten Weltkrieges wurde und seit
dem Zusammenbruch Deutschlands
und Japans den Verbündeten von
ehedem rücksichtslos seinen Willen
aufzuzwingen sucht, die verheerte
Welt nicht zur Ruhe und zum Frie
den kommen läßt und sich obendrein
als Schutzherr des Friedens gebärdet,
des Friedens nach seiner Schablone,
darin kommt die tragische Verwor
renheit und Trostlosigkeit unserer Ta
ge zum Ausdruck.
Das kann schwerlich der Sinn der
Geschichte der letzten Jahre gewesen
sein, das kann nicht Beginn einer bes
seren neuen Zeit sein. Das weist nur
auf eine Periode kulturellen Tiefstan
des, wie ihn die Völker des Abend
landes kaum je erlebt haben, und aus
dem sie sich nur erheben können,
wenn sie die Kräfte, die der Schöpfer
in sie gelegt hat, gewissenhaft, ent
schlossen und opferbereiten Geistes
einsetzen für einen wirklichen Wieder
.» aufbau. Dieser Wiederaufbau aber
kann sich nicht vollziehen auf den We
gen der Gewaltpolitik, die immer nur
-V zu neuem Unheil führt. Ein neuer
Krieg könnte nur die furchtbare Welt
katastrovhe vollenden, die über die
Völker hereingebrochen ist. Der Wie
deraufbau muß sich vollziehen auf
geistigem und sittlichen Gebiet. Dem
ausgeprägten Heidentum, das mit der
ganzen Brutalität und Bestialität'
früherer heidnischer Epochen einher
zieht, müssen sich die christlichen Kräf
ie und das einer vermaterialisierten
und säkularisierten Gesellschaft noch
verbliebene sittliche Empfinden ent
gegenstellen. wenn nicht die in Nürn
berg enthüllten Scheußlichkeiten eineS
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Die Kriegsschuldige»
Der russische Diktator Stalin und
bie kläglicken Ueberreste der ehemals
f- mit gleicher Despotie wie er herrschen
:.. ben Nazi-Partei standen in den letz
ten Tage im Rampenlicht der Zeit
f- Geschichte.
Zwischen Krieg und Frieden
Stalin geruhte der Welt herablas-
"Mi^elld zu verkünden, daß nach seiner
-'-^Hlnsicht „wirkliche Gefahr" für einen
neuen Krieg nicht vorliege, und die
?^LLelt atmete auf und bezeugte gerade
hurch die Inbrunst, mit der sie ihre
t. Erleichterung an den Tag legte, wie
schwer die Sorge um die Zukunft auf
ihr lastet.
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Systems unter einem gleich gesell«
schafts- und religionsfeindlichen und
dabei physisch noch stärkeres und ge
fährlicheren System seine Fortsetzung
finden sollen.
Es wäre ein furchtbares Verhäng
nis. wenn die Welt in dem Nürnber
ger Urteil den erlösenden Abschluß
einer düstern ©poche erblickte. Daß
olch eine bequeme Auffassung den
Tatsachen nicht entspricht, lehrt jeder
Blick auf das maßlose Unrecht gegen
viele Millionen Menschen, in dem der
in Nürnberg schuldig gesprochene
Geist fortlebt, auf die von Rußland
und feinen kommunistischen Handlan
gern überall in ihrem Machtbereich
vergewaltigte Menschenwürde, auf die
himmelschreienden Gewalttaten von
Finnland bis in den Gerichtssaal von
Zagreb, wo Bischof Stepinac und ein
großer Teil seiner bisher den Scher
gen „Marschall" Titos entgangenen
Priesterschaft dein Schicksal Mihaelo
vies entgegensehen. Nürnberg hat nur
dann eine Bedeutung, wenn es als
iihne für geschehenes Unrecht, zu
gleich aber auch als eindringliche
Mahnung und Warnung an alle Völ
ker Geltung erhält und als Schuld
bekenntnis aller, die den heidnischen
Geist schalten und walten ließen und
reuig eine Umkehr fordern.
Diktator Stalin mag vom Frieden
reden. Aber die Menschheit hat ein
Recht zu fordern, daß den Worten
Taten folgen, und sie schuldet es sich
elbst und der Zukunft, den Gewalt
menschen im Kreml kraftvoll entge
genzutreten, nicht säbelrasselnd
und drohend, sondern mit staatsmän
nischer Klugheit im Namen von Recht
und Sittlichkeit, im Namen der
drangsalierten und in Aengsten leben
den Völker.
Noch ist der Kreml nicht allmächtig!
Rußland braucht so gut trie alle an
dern Länder Frieden zum Wiederauf
bau seiner zerrütteten Wirtschaft und
zur Hebung der vielen Millionen
Menschen, die durch die Berührung
mit dem fortschrittlicheren Westen
nicht zufrieden geworden sind. Von
weltrevolutionären Ideen läßt sich
nicht einmal eine Suppe bereiten, las
ien sich zweihundert Millionen Men
'cheit nicht nähren und kleiden. Sta
lin, Molototo und Genossen sind hin
reichend Realpolitiker, nicht die gan
ze Weltmeinung gegen sich in die
Schranken zu fordern. Sie wissen,
daß sie Unsummen des Wohlwollens,
das ihnen die vom russischen Volk ge
brachten Opfer eingetragen hatten,
verscherzt und verpraßt haben, seit
dem sie den neuen Völkerbund zum
Instrument ihrer Machtpolitik zu ge
stalten suchten. Sie werden mit sich
reden lassen, daß sie, wenn auch wi
derstrebend und nicht aus ehrlicher
Ueberzeugung, so doch aus Erwägun
gen der Zweckdienlichst und der
Selbsterhaltung mit den Westmächten
zusammenarbeiten.
Stalins Friedensschalmeien
Vielleicht findet in solchen Erwä
gnngen Stalins neueste Kundgebung
ihre Erklärung. Es ist Wohl kaum
von ungefähr, daß fie so kurz nach
der Klärung, der Washingtoner Au
ßenpolitik erfolgt ist.
Seit den russischen Wahlen im ver
flossenen Februar waren die Kund
gebungen der russischen Regierungs
stellen und ihre Propaganda einge
stellt auf die Rußland angeblich be
drohende Gefahr „kapitalistischer Ein
kreisung". Die Presse der Moskau'er
Regierung wurde nicht müde, dem
russischen Volk diese Gefahr einzu
hämmern wohl um, ähnlich wie
das seinerzeit die Nazis mit Erfolg
taten, Stalin und Genossen als die
einzigen Schützer Rußlands anzuprei
sen. Stalin selber hielt zur Zeit der
Februar-Wahlen seine bekannte Rede,
in der er den Krieg als „die unum
gängliche Folge" der Entwicklung des
„Monopol-Kapitalismus" bezeichnete.
Nun hat vor einigen Tagen der
Moskau'er Korrespondent der Lon
doner ,Sunday Times' dem russischen
Diktator eine Reihe Fragen vorgelegt.
Stalin hat sie bereitwillig beantwor
tet und sich dabei, wenigstens äußer
lich und vorübergehend, von dem Ge
danken der drohenden Einkreisungs
Politik losgesagt. Er könne „nicht be
haupten", versichert er dem britischen
Journalisten, daß England und die
Ver. Staaten eine „kapitalistische Ein
kreisung" Rußlands versuchten, und
er glaube nicht, daß sie Rußland ein
kreisen könnten, wenn sie das versuch
ten. Er glaube nicht an „eine wirk
liche Gefahr eineS neuen Krieges",
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|tn FMllMlatt für Wahrhett und Recht zur Belehrung und Unterhaltung
Ausgabe desz,Wanderer^
HerauSgegebe« vom Päpstliche« Kollegmm Josephinum z»« Beste« der PnesterzSglmge. Preis für ei« Jahr in de» Ber. Staate« $2, i« Kauada u«d alle» andere« Staate« $2.60.
Samstag den 5. Oktober 1946
Hinter den Militaristen, die von ei
nem solchen Kriege redeten, stünden
nur wenige leitende Männer der Zi
vilregierung. Was die Atombombe
anbelangt, sei sie nicht die ernste
Wafte, „als die sie gewisse Politiker
anzusehen geneigt sind". Er „glaubt
durchaus" an die Möglichkeit „freund
licher und dauernder Zusammenar
beit" zwischen Rußland und den west
lichen Demokratien. Ja, er „bezwei
felt nicht, daß die Möglichkeiten fried
licher Zusammenarbeit sich, nicht nur
nicht verringern, sondern sogar wach
sen", da er im Gegensatz zu der von
den kommunistischen Mitläufern im
Ausland vertretenen Forderung der
Meinung ist, daß „Kommunismus in
einem Land durchaus möglich ist, be
sonders in einem Land wie Rußland".
Worte »ad Täte»
Untersekretär Clayton im Staats
departement bezeichnete Stalins neue
ste Erklärung als äußerst interessant
und wichtig. Mit berechtigter Ironie
bemerkt dazu die New Herker
,Times': Tie Erklärung ist zweifel
los interessant. Ob sie auch wichtig
ist, steht auf einem andern Blatt. Das
hängt von künftigen-Taten ab. Denn
es gehört zu dem russischen Rätsel,
daß Worte und Taten oft weit aus
einander liegen. So z. B. war es in
all den Monaten, in denen die rus
sische Presse so hysterisch ihre Furcht
vor der Einkreisung Rußlands in die
Welt schrie, die hervorstechendste greif
bare Tatsache in internationalen An
gelegenheiten, daß Rußland selber
ungemein geschäftig war, etwas an
deres einzukreisen. Als Beispiel kann
Ungarn angeführt werden. Bezeich
nend für die gegenwärtigen Friedens
Hemmungen ist die Tatsache, daß sich
die Washingtoner Regierung von
neuem genötigt gesehen hat, in Mos
kau scharf und bestimmt zu protestie
ren gegen Rußlands Politik in Un
garn, und das zufällig gerade im Au
genblick, iu Stalin auf allgemein ge
haltene Fragen des Londoner Korre
spondenten beschwichtigend zu ant
worten für gut fand. Tie Washing
toner Protestnote weist hiss auf öifNf laiche Die ersten zwölf, einschließ
von Stalin und seiner Regierung in
der Krim Konferenz gegebenen Ver
sprechen hinsichtlich der politischen und
wirtschaftlichen Zukunft Ungarns,
Versprechen, die wiederholt gebrochen
wurden. Und die Note bedauert, daß
Rußland seine Versprechen nicht allein
zu halten sich geweigert hat, sondern
nicht einmal seine etwaigen Guiiitic
dafür mitzuteilen sich herabließ.
Hier liegt ein bestimmter Fall vor,
wo Stalin beweisen kann, wie ernst
es ihm ist mit der „freundschaftlichen
und dauernden Zusammenarbeit", de
ren Möglichkeiten selbst „wachsen"
mögen in Ungarn und sonstwo in
Europa, an der Adriatik, an den Dar
danellen. im Nahen Osten. Nirgends
fanden die Ver. Staaten das gering
fte Entgegenkommen trotz aller
Bemühungen, trotz aller Zugeständ
nisse, tuotz des Angebots eines lang
fristigen Schutzbündnisses. Eine neue
Probe auf den russischen Willen ehr
licher und freundschaftlicher Zusam
menarbeit bildet die unmittelbar nach
Stalins Erklärung wieder akut ge
wordene Dardanellen-Frage.
Im August hatte Rußland bei der
Türkei die Kündigung des Abkom
mens von Montreux und die aus
schließliche Kontrolle der Dardanellen
durch die Türkei, Rußland und die
andern Schwarzmeer-Staaten (Va
sallen Rußlands) beantragt. Die Tür
kei war in ihrer Antwortnote entge
genkommend, machte aber Bedenken
hinsichtlich der von Rußland vorge
schlagenen Kontrolle geltend. Das
verdroß in Moskau, und in einer am
Samstag der türkischen Regierung zu
gestellten Note werden ziemlich unver
blümt Drohungen ausgesprochen für
den Fall, daß die Türkei es wage, sich
der russischen Forderung zu wider
setzen. Nach Washingtoner Meldungen
sind die Ver. Staaten und England
entschlossen, sich auf Seite der Türkei
zu stellen, die sich unter Berufung auf
den Charter der United Nations ge
gen eine Schmälerung ihrer Hoheits
rechte wehrt.
Wie in der Dardanellen-Frage und
der ungarischen Frage, so besteht Ruß
land auch in der Frage der Donau
Schiffahrt auf feinen Forderungen.
Es gähnt immer wieder ein Abgrund
zwischen Stalins Worten und Sta
lins Taten. Oder vielmehr, nach den
bisherigen Erfahrungen mit Rußland
ist stets zu befürchten, daß er einen
neuen Vorstoß im Schilde führt, wenn
er sich entgegenkommend und ver
söhnlich gibt. Er ist ein gelehriger
Schüler Hitlers. Nie waren Hitlers
Worte honigsüßer als wenn er zum
Angriff überging oder wieder ein
mal feinen Willen durchgesetzt hatte.
'f.
den, solange solches Gerede die Geg
ner verwirrt und ihm verschafft, was
er will. Es gibt eine zuverlässigere
Probe friedensliebender Absichten:
Treue zum gegebenen Wort und zu
den Grundsätzen des UN Charter.
Das ist eine Probe, die Hr. Stalin
noch abzulegen hat."
Daran ist nicht zu rütteln. Die
Hoffnungen, die da und dort auf
flatterten, als Stalin vom Frieden
redete, sind darum schnell wieder ver
flogen, und die Welt steht nach wie
vor vor der grauen Wirklichkeit, daß
Rußland ein unzuverlässiger Partner
ist. Präsident Truman, der am Sams
tag, zweifellos unter dem Eindruck
der 2talin'fchen Erklärung, in West
Point verkündete: „Wir werden ei
nen dauernden Frieden haben", hat
tin großes Wort gelassen ausgespro
chen.
Das Nürnberger Urteil
Die Sorgen um Rußlands künftige
Haltung wurden in den letzten Tagen
in den Hintergrund gedrängt durch
die Urteilsverkündung im Nürnber
ger Prozeß.
Ein Prozeß dieser Art hat noch nie
in der Geschichte stattgefunden. Nach
dem Zusammenbruch Deutschlands
nahmen die Sieger die politischen
und militärischen Führer gefangen,
um sie nach längst bekannt gegebenen
Plänen zu prozessieren. Tie Haupt
schuldigen, Hitler, Himmler, Göbbels
usw.. hatten sich der irdischen Gerech
tigkeit durch Selbstmord entzogen. Es
blieben unter den Führern unter der
Nazi Herrschaft: Hermann Göring,
Joachim von Ribbentröp, Feldman
schall Wilhelm von Keitel, Tr. Ernst
Kaltenbrunner, Alfred Rosenberg.
Hans Frank, Wilhelm Frick, Julius
Streicher, Fritz Sanckel, Alfred Jodl.
Avil)ur Seyß-Jnquart, Martin Bor
mann (der für tot gehalten wird, aber
„für alle Fälle" in absentia prozessiert
wurde). Rudolf Heß, Walter Funk,
Erich Räder, Karl Tönitz, Baldur
von Schirach, Konstontin von Neu
rath, Albert Speer. Tr. Hjalmar
chacht, Franz von Popen, Hau»
sich Bormann, wurden zum Tode
durch den Strang verurteilt, Heß.
Fltnk und Räder zu lebenslänglichem
Kerker. Tönitz zu zehn, Schirach zu
zwanzig, Neurath zu fünfzehn, Speer
zu zwanzig Jahren Schacht, Papen
und Fritzsche wurden freigesprochen.
Ter Prozeß dauerte zehn Monate
und enthüllte schauerliche Verbrechen,
besonders in den Konzentrationsla
gern, und schwere Vergehen gegen das
Völkerrecht in der Kriegsführimg und
in der Behandlung der eroberten Län
der. Tas Urteil genügte mehreren der
Juristen nicht. Tas gilt besonders von
justice Jackson, der es bedauerte, daß
die Vertreter der vier Mächte sich wei
gerten, die Mitglieder des deutschen
Generalstabs in seiner Gesamtheit als
Verbrecher zu erklären, und mit dem
Freispruch von dreien der Angeklag
ten nicht zufrieden war.
£aß die Mehrzahl der Angeklagten
nach Recht und Billigkeit schuldig be
fun den wurde, daran besteht kein
Zweifel. Hitler hatte eine Sippe von
Verbrechern um sich gesammelt, wie
sie seit der französischen und der rus
sischen Revolution kaum je ein großes
Volk beherrschten. Göring, Ribben
trop, Frick (der Urheber der Ermor
dung Erzbergers vor fünfundzwanzig
Jahren), Seyß-Jnquart, das „Troja
nische Pferd", der Verräter Oester
reichs, Streicher usw. waren willige
Werkzeuge und Handlanger Hitlers,
gewissenlose Gewaltmenschen, die die
Welt in den furchtbarsten Krieg der
Geschichte stürzten und Verbrechen auf
Verbrechen häuften. Sie verdienen ih
re Strafe. Ob man das mit gleichem
Recht von den militärischen Führern
sagen kann, bezweifeln wir. Wenig
stens nicht von allen. Es ist bezeich
nend, daß das Gericht dem Admiral
Tönitz nicht wegen Verletzung des
Völkerrechts im Unterseebootkrieg
schuldig sprechen konnte, da die bri
tische Admiralität die Versenkung al
ler Schiffe im Skagerrack angeordnet
hatte und Admiral Chester Nimitz be
zeugte, daß auch die Ver. Staaten im
Pazifik uneingeschränkten Tauchboot
krieg führte. Ueber das Urteil gegen
die militärischen Führer werden die
Meinungen der juristischen und Mili
tär
i
ich en Fachmänner noch lange aus
einandergehen. Würde man auch ei
nen Schacht verurteilt haben, weil er
als Finanzsachverständiger den Krieg
wirtschaftlich ermöglichte, so wäre da
mit ein sehr schwieriger Präzedenzfall
geschaffen worden. Der Freispruch Po
Pens war unseres Erachtens ebenfalls
angebracht. Das Urteil hob u. a. seine
Marburger Rede hervor, in der er
gegen das Nozitum vorging. Papen
hat manches auf dem Gewissen. Er
schreibt die .America'. „Gleich Hitler jverhalf Hitler zum Kanzlerposten,
ist Stalin bereit, vom Frieden zu re- war stark am österreichischen „An-
HWW
schluß" beteiligt, aber der Schur
ke, als der er vielfach hingestellt wird,
ist er unseres Erachtens nicht. Er war
ein ehrgeiziger Mensch mit über
spannter Einschätzung seines Könnens,
ein Dilettant, seine Verantwortung
für den Aufstieg des Nazitums und
für das Unglück des deutschen Vol
kes ist riesengroß, aber wir glauben
nicht, daß er ein bewußter Verbrecher
war Dummheit ist kein Verbre
chen. Hätte ihm eine beabsichtigte
Schuld nachgewiesen werden können,
das internationale Gericht würde ihn
nicht haben entschlüpfen lassen. Im
übrigen sind die drei Freigesproche
nen noch lange nicht straffrei. Wahr
scheinlich werden deutsche Gegner zur
Rechenschaft zu ziehen suchen, und
Papen dürfte sich auch in Oesterreich
verantworten müssen.
Tie zum Tode Verurteilten können
sich mit einem Gnadengesuch an den
alliierten Kontrollrat wenden. Weist
sie dieser ab, dann wird die Hinrich
tnng wahrscheinlich noch diesen Monat
stattfinden.
Ter Prozeß stellt ein Novum in der
Behandlung eines besiegten Staates
dar. Tas Gericht hatte im bisherigen
Völkerrecht keine Grundlage und
mußte sich selber eine Rechtsgrund
lage schaffen. Gegen die Verurteilung
von Verbrechern, deren schwere Ver
fehlungen gegen das gemeine Recht,
das Völkerrecht und die Humanität
nachgewiesen sind, läßt sich kaum et
was einwenden. Um so weniger, da
die Prozeßverhandlungen den Ange
klagten jede Möglichkeit der Verteidi
gung boten. Aber es war bedauerlich,
daß der Gerichtshof das Verfahren
auf die Funktionen staatlicher Orga
ne ausdehnen mußte. Keine Formel
hilft über die Schwierigkeiten hinweg,
das es sich da mit die Vertreter eines
besiegten und vollständig entmachte
ten Staates bandelte, nnd daß diese
eben nur deshalb verurteilt werden
konnten, weil ihr Land besiegt war.
Ein Tito kann nach Tyrannenart
schalten und Unrecht auf Unrecht häu
fen, und kein Gerichtshof ist da, ihn
zur Verantwortung zu ziehen, da er
in der angenehmen Lage ist, zu den
Siegern zu gehören. Noch krasser ist
das im Falle Rußlands. Rußland
war „Angreifer" in Finnland und
Polen, es verletzte völkerrechtliche Ab
Länder und Völker widerrechtlich an
und schwerste Anklagen sind gegen
seine Armeen und seine Okkupations
politik erhoben worden. Aber es ge
hört zu den Siegermächten, und kein
Gerichtshof zieht es zur Verantwor
tung. Ja, es saß in Nürnberg sogar
als Gleichberechtigter mit den Ver.
Staaten,' England und Frankreich zu
Gericht!
Es mag -fein, daß der Nürnberger
Prozeß dem Friedensgedanken diente.
Aber das muß erst erwiesen werden.
Es ist zu hoffen, daß die UN, wenn
sie erst einmal ein wirklicher Völker
bund und Friedensbund geworden
fein werden, die Bestrafung von
Kriegshetzern und Kriegsverbrechern
in das Völkerrecht einzubauen vermö
gen, fo daß später an der Rechtsgül
tigkeit des Richterspruches und der
Gleichheit von Siegern und Besieg
ten vor dem Gesetz kein Zweifel be
stehen kann.
Debatten ohne Ende
Die Auslandminister der „Großen
Vier" haben letzte Woche in einer
mehrstündigen Besprechung beschlos
sen und die Vertreter der übrigen
beteiligten Länder haben den Be
schluß gutgeheißen —, die sich müh
sam dahin schleppende Friedenskon
rereiiz in Paris nach Möglichkeit zu
beschleunigen. Man hofft, daß am 15.
Oktober Vertagung eintreten kann.
Am 23. Oktober tritt die Vollver
fammlung der United Nations zu
sammelt, und im November sollen die
Präliminarverhandlungen über den
Friedensvertrag mit Teutschland be
ginnen. Nach den bisherigen Erfah
rungen dürften sich diese bis gegen
das Frühjahr hinziehen.
Die Pariser Friedenskonferenz ver
mochte sich in einer Reihe wichtiger
Fragen in den Verträgen mit Finn
land. Italien, Ungarn, Bulgarien
und Rumänien noch immer nicht zu
einigen. Rußland und der Westen ste
Heu sich einander gegenüber in der
Frage, wie der vorgeschlagene Frei
ftaat Triest verwaltet und wie die
wirtschaftlichen Probleme der Balkan
Länder gelöst werden sollen. Aus Ruß
land gestützt, drohte am Samstag Ju
goslawien, daß es weder feine Trup
pen zurückziehen noch den Vertrag
unterzeichnen werde. Amerika regte
an, in diesem Fall Jugoslawien von
den Vorteilen des Vertrags auszu
schließen, ein Vorschlag, den Rußland
auf der Vollversammlung mit aller
Schärfe bekämpfen wird. Die Frage
der italienischen Kolonien wurde auf
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Nr. 22
ein Jahr zurückgestellt.
In den Sitzungen des Sicherheits
rats am Lake Sncceß kam der russisch
amerikanische Gegensatz immer wie
der zum Durchbruch. Nur einmal gin
gen die Vertreter beider Lander zu
saninien, als nämlich einstimmig ein
Koininlssionsbericht gebilligt wurde,
nachdem eine wirksame Kontrolle der
Herstellung von Atomenergie wissen
ichaftlich jnöglich ist. Um so schärfer
platzten fie aufeinander, als ein rus
sischer Antrag zur Debatte stand, der
offensichtlich gegen die Ver. Staaten
und England gerichtet war. Schon im
August hatte Groinyko gefordert, daß
unter Kapitel VII des Völkerbnnds
ftatuts, der von Friedensbruch und
aggressivem Verhalten handelt, alle
Mitgliedstaaten innerhalb zwei Wo
chen dem Rat einen ausführlichen Be
richt vorlegen über Truppen, Flug
Plätze jmd Flottenstützpunkte in an
dern Staaten als früheren Feindlän
dern. Ter Antrag war so formuliert,
daß Rußland nicht verpflichtet war,
Auskunft zu geben über feine Trup
penstärke usw. im-Baltikum und im
Balkan. Gr steht im Zusammenhang
mit der russischen Propaganda über
die angebliche Einkreisungspolitik der
Westmächte, die letzte Woche Stalin
als Phantasterei hingestellt hat.
Groinyko hatte es auf die ameri
kanischen Truppen in Island, China
und Latein-Amerika und die britischen
Truppen in Griechenland, Aegypten
und Indonesien abgesehen. Letzte Wo
che brachte er seinen Antrag zur Spra
che und forderte, daß er zur offiziel
len Behandlung auf die Agende ge
setzt werde. Er erlebte einen Turch
fall. Nur Rußland und Polen stimm
ten für den Antrag, Frankreich und
Aegypten enthielten sich der Stimm
abgabe.
machungen und Verträge, eignete sich, weil ihre ehemalige Heimat entwe
der russisch geworden ist oder von
kommunistischen Handlangern Ruß
lands beherrscht wird. Rußland for
derte, daß der Charter der geplanten
Anlass zu weiteren scharfen Aus
einandersetzungen zwischen Ost und
West gaben Tebatten über die Ver
fassung einer International Refugee
Organization, die an die Stelle der
1MRRA treten soll, die am 31. De
zember ihre Tätigkeit einstellt und bis
ouiti 1947 nur-noch in den Flücht
lingslagern sich betätigen wird. Es
gibt in Deutschland, Oesterreich und
Italien noch etwa 850,000 „Dis
placed Perfons" oder Flüchtlinge, von
denen die meisten nicht heim wollen.
Organisation die Flüchtlinge zur
Rückkehr in die Heimat zwinge, Ame
rika und England bestanden darauf,
daß es dem Belieben der Flüchtlinge
anheimgegeben werden muß, ob sie in
die ihnen fremd gewordene Heimat
zurückkehren wollen. Eine scharfe
Trennung zwischen Ost und West trat
auch zutage bei der Besprechung eines
einheitlichen Plans zur wirtschaftli
chen Rehabilitierung der kriegsverwii
steten Länder. Rußland und feine Va
sallen wiesen alle Argumente, daß die
Interessen aller Länder Europas eng
mit einander verknüpft sind, zurück
und ließen an den Vorschlägen der
Kommission kein gutes Haar.
Der Geist, mit dem die Russen an
Besprechungen mit dem Westen her
antreten, wurde gekennzeichnet in ei
ner bitteren Rede Wischinskys in einer
Kommissionsberatung der Pariser
Konferenz. Er beschuldigte Amerika,
daß es die rumänischen Oelfelder zer
bomben ließ, als dafür gar keine mi
litärische Notwendigkeit mehr vorlag.
»Während unser Blut floß, machtet
ihr Profite," rief er den amerikani
schen Delegaten zu.
Vermischtes
Die gefetzgebende Versammlung
Frankreichs hat eine neue. Verfassung
für die vierte Republik angenommen.
Te Gaulle hat an das französische
Volk appelliert, die stark von Korn
ninnismus durchsetzte Verfassung in
der auf den 15. Oktober angefetzten
Abstimmung abzulehnen. Die erste
Konstitution wurde anfangs des
Jahres abgelehnt. Man vermutet, daß
de Gaulle die politische Führung wie
der übernehmen wird, wenn auch die
zweite Verfassung durchfällt und eine
dritte Konstituante einberufen werden
muß.
Oesterreich ist mit Italien zu einer
Verständigung über Südtirol ge
langt. Tirol bleibt zwar bei Italien,
aber erhält ein großes Maß von Au
tonomie, und die Zusammenarbeit
zwischen Oesterreich und Italien ist
angebahnt. Rußland und die öster
reichischen Kommunisten sind wütend
über das Abkommen was zu Gun
sten seiner Zweckmäßigkeit spricht.
Der frühere WAC-Captain Kath
leen Nash Durant wurde von einem
Militärgericht wegen des Juwelen
Diebstahls im Schloß Kronberg zu
fünf Jähren Zwangsarbeit verurteilt.

i v y e 3 i & a .- i

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