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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, October 05, 1946, Ausgabe der 'Wanderer', Image 5

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Mtgr. Muench über teine
"5 Eindrucke in Veuttchwnd
'. l^nter dieser Überschrift veroffent
Zicht Me Katholische Internationale
Preßagentur (KJPA), mit Sitz zu
'Srciburg in der Schweiz, folgenden
Bericht kurz nachdem der amerikani
sche Bischof seine Alma Mater in der
Schweiz besucht hatte. Wir ziehendes
."bor, uns jeden Zusatzes zu enthalten.
Msgr. Muench ist ein alter Schüler
'der Universität Freiburg, wo er 1919
His 1921 Sozialwissenschaften studiert
und auch doktoriert hat. Er beherrscht
'pollkommen die deutsche Sprache und
besitzt aus Grund seiner Studien in
.der Schweiz und nachheriger wieder
Jfcplter Reisen eine gründliche Kennt
mis der europäischen Verhältnisse.
Die Unterredung, die Mgr.
.Muench, der anläßlich des Pax-Ro
mana-Kongresses in Frebiurg weilt,
uns gewährte, berührte zuerst die La
ge der katholische,: Presse in Deutsch
lünd. Leider ist der Wiederausbau
noch nicht sehr weit gediehen. Neben
dem Fehlen geeigneter katholischer
Publizisten bildet der Papiermangel
das größte Hindernis. In der Oes
fentlichteit treten vielfach die nicht«
katholischen Presse-Organe auffälliger
lit Erscheinung. Das geht aber kaum
auf eine Bevorzugung zurück, sondern
führt daher, daß die den Katholiken
zugeteilte Quote den verschiedenen Be
Hürfnissen, für Kirchenblätter, Kate
.chismen, Gebet- und Gesangbücher,
Nbrieneit muß.
Msgr. Muench hat ganz allgemein
auf Grund seiner bisherigen Tätig
feit in Deutschland sie erstreckte sich
im wesentlichen vorerst freilich nur
auf die amerikanische Zone die Ue
Kerzeugung gewonnen, daß die Besät
Mngsbehörden im großen ganzen der
Acholischen Kirche mit Objektivität
Und Wohlwollen gegenüberstehen. In
Äen amerikanischen Verwaltungsäm
4er n, wo auch viele gute Katholiken
Ais hinauf zu hohen Stellen tätig
find, gibt man sich jedenfalls voll Re
chenschast über die Wiedergesundung
des deutschen Volkes. Gewisse Vor
Hommnisse, die sich anfänglich ereigne
•jfcen wie etwa das bekannte Verbot
Des Hirtenbriefes der westdeutschen
Bischöfe werden heute allgemein
Bedauert. Im einzelnen mag sich das
Äer ganzen Besetzungspolitik zugrun
de liegende Bestreben, die Einheit der
vier alliierten Mächten aufrechtzuer
halten, bei der Erledigung von kirch
lichen Begehren als hinderlich aus
'wirken. Es kann aber keine Rede da
von sein, daß die deutschen Katholi-
l|en
mit Gestapo-Methoden behandelt
»iperöen. Manche Schwierigkeiten erge
ben sich aus den so sehr verschiedenen
Auffassungen, wie sie zwischen den
.Deutschen und den Alliierten bestehen.
'Ilm diese Weise ist beispielsweise die
Anfängliche Abneigung der Amerika
tier gegen die Einführung der Be
kenntnisschule zu erklären. Amerika
i
iitit seiner großen Sektenzersplitte
rung kennt weder die konfessionelle
Schule noch die Simultanschule, und
so schien es anfänglich den Amerika
nern als selbstverständlich, daß auch in
Deutschland nur eine Einheitsschule
zugelassen werden dürfe. Heute jedoch
wird dem Willen der katholischen Er
ziehungsberechtigten, der sich so im
posant manifestiert hat, nach Möglich
keit Rechnung getragen. Msgr.
Muench ist es bereits gelungen, den
zensurfreien Briefverkehr der deut
schen Bischöfe in der amerikanischen
Zone mit dem Vatikan bewilligt zu
erhalten. Ueberhaupt sind seine bis
herigen Interventionen mit größtem
Wohlwollen aufgenommen worden,
und seine ausgleichende Funktion, die
sich auch der notleidenden deutschen
Bevölkerung und der Flüchtlinge
DisPlaced Persons) annimmt, wird
durch das Verständnis und Entgegen
kommen der Besetzungsbehörden sehr
erleichtert.
Die Entsendung Msgr. Muenchs
noch Deutschland geht auf eine Ein
ladung Präsident Trumans zurück,
welcher den amerikanischen Besät
zungsbehörden einen katholisch-kirch
lichen Beobachter und Ratgeber bei
geben wollte. Der HI. Vater hat ihn
mit den Vollmachten eines Apostoli
schen Visitators für ganz Deutschland
ausgestattet. In dieser Eigenschaft hat
er seinen amtlichen Sitz in Frankfurt
und in Berlin. Die Dauer der Mis
sion ist unbeschränkt. Eine Wieder»
gesundung Deutschlands wird nur
möglich sein, wenn in Deutschland
selbst die Kräfte des Christentums wie
der voll zur Auswirkung kommen.
Das gilt besonders auch bezüglich des
schweren Problems einer Demokrati
sierung Deutschlands. Die großen Ge
danken und Lehren, welche die neu
zeitlichen Päpste von Leo XIII. bis
Pius XII. diesbezüglich entwickelt ha­
Die weltberühmte St. Bene
dict-Wundsalbe
Erprobtes Heilmittel gegen alle
Arten von alten und frischen Wun
den, Geschwüren, Gewächsen, Biß
wunden, Karbunkeln usw. Bitte Geld
ttur durch Post Money Order zu schik
feit. Keine Stamps. Sechzig (60)
Cents die Schachtel bei
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s.u. ',
ben, erweisen sich heute gerade im
Hinblick auf die deutsche Frage als
wahrhaft Providentia. Um den po
litischen Formen der Demokratie Le
ben zu geben, ist es nicht nur wün
schenswert, sondern auch notwendig,
daß die deutschen Katholiken die
päpstlichen Grundsätze über die christ
liche Demokratie zur Kenntnis des
deutsche« Volkes sowie auch der Be
satzungsbehörde bringen und darnach
ihre politische, soziale und Wirtschaft
lichc Aktion ausrichten. Notwendig ist
es, weil über die wahre Demokratie
nicht bloß verworrene, sondern auch
falsche Auffassungen herrschen.
C.*St. d. cM
Line Sitte an Ireunde
ES braucht heute keines Beweises
mehr, daß Millionen Menschen im
ganzen deutschen Raum nicht bloß
hungern, sondern tatsächlich am Ver
hungern sind. Tag für Tag laufen
Briefe bei mir ein, die die himmel
schreiende Not in erschütternden Bil
dern ausmalen. So sehr es ein großer
Teil unserer Presse versucht, die Not
zu verschweigen oder doch als selbst
verschuldet hinzustellen: das Blut der
bewußt ausgehungerten Menschen
schreit zum Himmel wie das Abels,
des Gerechten, wie das der Opfer von
Dachau und Belsen, und der Gefol
terten in Sibirien.
Die Mehrheit der Menschen im
deutschen Raum sind heute Bettler,
was immer ihre frühere Stellung ge
wesen sein mag. Die Preise am
Schwarzen Markt können sie nicht
bezahlen. UNRRA dars ihnen nicht
helfen. Im „befreiten unfreien Oe
sterreich" zirkuliert der Witz: „UNR
RA ist eine Unterstützungseinrichtung,
die Weizenschiffe nach Oesterreich
um-, beziehungsweise von diesem wie
der ableitet, soll überdies im Dezem
ber zu bestehen aufhören." Es ist kein
Zweifel, daß NCWE und andere
teilen zu helfen suchen, soweit es
in ihrer Kraft steht. Oesterreichischer
Galgenhumor sagt: „CÄRE-Pakete
sind der Wunschtraum jedes Normal
Verbrauchers. Viele fühlen sich beru
feit, doch nur wenige sind auser
wählt."
Aber alle Hilfe ist nur ein Tropfen
auf einen heißen Stein, wobei der
Tropfen den Stein zumeist sehr spät,
wenn überhaupt erreicht.
Hier muß private Hilfe stärkstens
einsetzen und nachhelfen. Ich will, oh
ne mich irgendwie zu rühmen le
biglich, um zu beweisen, daß ich sei
ber tue, was ich von anderen erwarte
—, erwähnen, daß ich weit mehr ge
tan habe, als meine eigene dürftige
Lage erlauben würde. Aber viele in
Europa scheinen eine ganz falsche Vor
stellung von meiner Sage zu haben.
Sie glauben wohl, daß ich Millionär
wurde, seit ich nach Amerika kam,
nicht ein armer Pfarrer in der Prai
rie. Es kommen Hilfeschreie nicht nur
von meinen Angehörigen, die von den
Tschechen um alles bestohlen wurden,
nicht bloß von früheren Freunden und
Mitarbeitern, Priestern und Laien,
sondern in letzter Zeit auch von
Kriegsgefangenen, die hier oder in
Kanada meine Artikel lasen, und einer
gibt meine Adresse dem anderen.
Leider erlauben weder meine Zeit
noch weniger meine Mittel, allen zu
helfen und jeden Hilferuf mit einem
Paket zu beantworten. So wende ich
mich an meine Freunde und an die
Leser meiner Artikel: Helft mir an
deren zu helfen. Ihr Freunde deut
scher Abstammung, laß euer eigen
Fleisch und Blut nicht verhungern
macht euch nicht zu Mitschuldigen an
der nazistischen Sünde der Morgen«
thauer. Ihr Christen, denkt daran,
daß Nächstenliebe der Prüfstein der
Gottesliebe ist. Und wenn schon je
matti) Sorge haben sollte, daß er auch
zufällig einem „Nazi" mithilft oder
seine Kinder am Leben hält, der
Barmherzige Samaritan hat nicht
nach der Parteikarte des Mannes ge
fragt, der unter die Räuber fiel. Er
sah nur den Menschen in Not, das
Kind Gottes, das Glied der einen
Familie der Gotteskinder.
Wahre Nächstenliebe ist erfinderisch
und weiß tausend Wege, zu helfen.
Eben schreibt mir ein Freund aus
Oesterreich: „Wir haben zwar eine
offizielle Fox-Aktion, aber bisher ha
ben wir davon nicht viel gesehen und
gehört. Ich wohne selber in einem
Arbeiterbezirk und habe von der Ak
tion noch nicht viel wahrgenommen.
Ich höre aber sehr viel klagen, daß,
wenn etwas kommt? dies viel eher
Sozialisten und Kommunisten erhal
ten als Katholiken. Ich habe über
haupt nicht viel Zutrauen zu Kollek
tivaktionen. Das Vernünftigste scheint
mir, daß einer dem anderen persön
lich hilft, daß also ein bestimmter
Amerikaner einem bestimmten Oester
reicher etwas zukommen läßt, wenn er
kann und will, und daß dieser Be
stimmte Oesterreicher diesem Amerika
ner gegenüber auch entsprechend
dankt. Vielleicht könnte er ihm sogar
mit irgend einer Gegenleistung die
nen, was noch besser und würdiger
wäre. Wir werden leider auf lange
Zeit auf solche Zubußen angewiesen
sein. Ich glaube, daß es Dir in Dei
ner Pfarrei und mit Deinen Arti
keln möglich sein mußte, Leute zu
gewinnen, die etwas schicken könnten.
Daneben kann die genannte Fox-Ak­
I
TÖF*»?* «ÜF '".^'JT
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.'
A
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tion nur ruhig weiterlaufen An
bei ist eine Liste von Personen, die ich
einer solchen Hilfe für besonders wür
dig und bedürftig erachte." Was hier
gesagt ist, gilt natürlich nicht bloß
für Oesterreich, sondern ebenso für
Teutschland, besonders für die Flücht
linge aus dem Sudetenland und dem
Osten des Reiches, sowie für die
Kriegsgefangenen.
Diese armen bedrängten Menschen
sind unendlich dankbar. Ich wollte,
ich könnte die Briefe abdrucken, die
mir schon zugingen. Aber es soll sich
jeder in ihre Lage hineindenken:
Wenn wir selber nichts zu essen oder
anzuziehen hätten, wenn der Hunger
aus den Augen der Kinder schaut,
wenn Tuberkulose oder eine andere
Seuche ihre müden Körper aufzehrt:
wäre uns nicht weihnachtlich ums
Herz, wenn so unerwartet ein Paket
ankäme Nahrungsmittel, Kleider,
chuhe, Wäsche, Seise oder was im
nter es sein mag. Immer wieder kehrt
der Gedanke: „Wir können nichts an
deres als für Dich beten. Gott möge
eine Güte hundertfach belohnen."
Und wir wissen ja, daß Er jeden
Trunk kalten Wassers vergelten wird,
den wir Seinen Brüdern und Schwe
stern, besonders Seinen Lieblingen,
den Kindern reichen.
Es gibt derzeit Leute, welche in
heuchlerischer Maske jede Hilfe sabo
tieren wollen, nachdem sie zuerst ver
suchten, die Bewilligung der Behör
den überhaupt zu verhindern und die
se teuflische Absicht für lange Zeit
erreichten. Laßt euch von niemand ein
reden, daß die Pakete nicht ankom
men. Sie kommen an, wenn sie auch
ein unheiliger Bürokratismus länger
hinhält, als es im Interesse der
Menschlichkeit und bei besserer Orga
nisation möglich Wäre.
So bitte ich alle: schickt durch
CARE oder eine der vielen privaten
Stellen soviele Pakete als möglich.
Oder noch besser, sucht in Kasten und
Koffern, ob ihr nicht noch gute, ge
brauchte Kleider findet geht in Kü
che und Keller und haltet Ausschau
nach Lebensmitteln, und stellt selber
Pakete zusammen. An jede Adresse
kann man derzeit jede Woche ein Pa
ket mit elf Pfund absenden, also drei,
vier und mehr, wenn es sich um eine
Familie handelt.
Wenn jemand keine besonderen
Freunde und Verwandten hat, denen
er helfen will, ich habe mehr als eine
Liste von Hilfsbedürftigen an Hand.
Schreibt mir einfach um Adressen. Ich
schicke sie sofort ab.
Ich bitte nur um eines: Helft, um
der Liebe Christi willen helft, beson
ders jetzt in der kommenden Weih
nachtszeit, helft ehe es zu spät ist!
Lomilche..Säuberung"
in Oetterreich
In der schweizerischen Zeitung
,Basler Nachrichten' war neulich zu
lesen:
Als sich der Unwille der russischen
Machthaber über die österreichische
Regeirung wegen ihrer Weigerung,
die russischen Forderungen anzuneh«
men, neuerlich entlud, stand auf dem
Sündenregister Oesterreichs auch die
ungenügende Säuberung von den Na
zis und den reaktionären Elementen.
Diese ungenügende „Entnazifizie
rung" spielt in dem Arsenal der poli
tischen Schlagworte der Sowjet
Union überhaupt eine sehr wichtige
Rolle und es wird so oft davon ge
sprochen, daß auch die westlichen Al
liierten von Zeit zu Zeit in die rus
sische Kerbe schlagen und sogar so weit
gingen, mit den Russen zusammen im
Kontrollrat einen Beschluß zu fassen,
laut welchem die vier Alliierten die
Entnazifizierung Oesterreichs selbst
in die Hand nehmen werden. Prak
tisch bedeutet dies, daß der alliierte
Kontrollrat für sich das Recht in An
spruch nimmt, jeden österreichischen
Beamten entlassen zu können, ohne die
österreichische Regierung oder die an
deren Länderbehörden zu fragen. Es
bedarf keiner weiteren Erläuterung,
daß diese Maßnahme einerseits eine
vollkommene Untergrabung jener Au
torität darstellt, die die Alliierten ge
rade vor kurzem durch Aenderung des
Kontrollsystems zu stärken beabsichtig
ten, andererseits aber unter der öster
reichischen Beamtenschaft eine Unsi
cherheit hervorrufen muß, die das
Funktionieren des Verwaltungsappa
rates noch mehr hemmen wird.
In der Weltöffentlichkeit muß der
erwähnte Beschluß des Kontrollrates
den Eindruck erwecken, daß in Oester
reich noch immer starke nationalsozia
listische Kräfte am Werke seien und
daß die Nazis noch in Amt und Wür
den stünden. Vor kurzem hat die öster
reichische Regierung diese Vorwürfe
mit genauen Statistiken beantwortet,
aus denen hervorgeht, daß die Säu
berung mit vorsichtiger Gewissenhaf
tigkeit durchgeführt wurde, soweit
nämlich dies mit Rücksicht auf die
Alliierten möglich war.
Wurden sachverständige Nazi-Be
amte von Erdölfirmen im Zuge der
Säuberung entlassen, so haben die
Russen diese sofort mit einem große
ren Gehalt und mit verschiedenen Be
vorzugungen in Bezug auf die Versor
gung selbst angestellt. Ebenso fanden
fc* A Mi-
rrmm,
die entlassenen Nazi-Beamten der
Schiffahrtsgesellfchaften sofort besser
bezahlte Posten bei den Russen. Ge
itau das gleiche konnte ober auch bei
den Amerikanern und Engländern
festgestellt werden. Schauspieler, die
in Wien nicht aufträten dürfen, spie
len Tag für Tag für die Amerikaner
in Salzburg und in anderen Städten
der amerikanischen Zone. Die Zahl
jener Nazis, die in diesen westlichen
Zonen Zuflucht fanden und dort gut,
vielfach sogar von den Alliierten un
terstützt, leben, geht in die Tausende!
Es ist also nicht richtig, wenn die Al
liierten ob Russen oder Angelsach
sen von einer seitens der öster
reichischen Regierung verschleppten
Entnazifizierung sprechen. Diese Un
aufrichtigkeit, die selbstverständlich je
den: Oesterreicher klar vor Augen
liegt, weil er die Verhältnisse aus ei
gener Erfahrung kennt, untergräbt
die Autorität der Alliierten.
Wenn einer gründlichen Durchfüh
rung der Säuberung Hindernisse im
Wege stehen, so liegen diese nicht in
erster Linie bei den österreichischen
Behörden. Dies soll aber nicht bedeu
ten, daß die österreichische Regierung
feinen sehr schweren Stand bei der
Säuberung hätte. Im Lande selbst,
aber vor allem im Ausland, stellt man
sich die Maßnahme viel einfacher vor,
als sie in Wirklichkeit ist. Es ist sehr
schwer, die Grenzen zu finden, wo die
Entnazifizierung aufzuhören hat,
wenn man nicht der Substanz des
Volkes schweren Schaden zufügen
will. 38(f» ist die Grundlage der
Säuberung? Tie Parteizugehörigkeit,
lautet die Antwort. Tas kann nach
der Papierformel stimmen, aber in
Wirklichkeit würde eine strikte Durch
führung der Säuberung nach dem
Parteibuch zu Ungerechtigkeiten füh
ren. Viele hunderte sind als Beamte
oder aus einem anderen Grunde
zwangsläufig Parteimitglieder ge
worden, die dabei immer gute Oe
sterreicher waren und blieben und zu
den eigentlichen Unpolitischen gehör
ten. Dagegen gibt es Hunderte und
Hunderte von Scharfmachern schlimm
fter Sorte, die schalu genug waren,
außerhalb der Partei zu bleiben, je
doch größere Nazis waren als die äl
testen Illegalen. Und dennoch hat die
Regierung keine Mittel, gegen solche
vorzugehen, wenn man ihnen nicht
konkrete Vergehen nachzuweisen im
stande ist. Man weiß also in Oester
reich ganz genau, daß nicht das Par
teibuch entscheidend ist, sondern die
Gesinnung. Gesinnung ist aber nichts
Greifbares und kann nur dort ver
folgt und bestraft werden, wo sie sich
in Taten geäußert hat, die dem Ge
setz zuwiderlaufen. Sogar das Pro
blem der Illegalen ist nicht so einfach
"4S5 gibt viele Illegale, die oft bald
nach dem Einzug der Nationalsoziali
|ten in Oesterreich, aber dennoch zu
spät die brutale Wahrheit erkann
ten und sich mit Ekel und Abscheu von
ihnen abwandten, sich sogar in man
chen Fällen der Widerstandsbewegung
anschlossen. Müssen jetzt diese ehrlich
bekehrten Oesterreicher verdammt und
ausgestoßen werden, während die
Mitläufer, die sich dem Nazismus erst
anschlossen, als sie sahen, was gespielt
wird, und weil sie meinten, im Trü
ben mitfifchen zu können, jetzt kraftlos
ausgehen, nur weil sie kein Partei
buch hatten?
Das sind die grundlegenden Fra
gen, die die österreichische Regierung
zur Vorsicht mahnten. Es ist über
haupt schwer, die Trennung zwischen
Verführern und Verführten zu zie
hen. Keine Regierung in Oesterreich,
nicht einmal eilte rein kommunistische,
könnte eine derartige Dezimierung
des Volkes verantworten. So bleibt
der österreichischen Regierung keine
andere Möglichkeit offen, als sich auf
den Standpunkt zu stellen, daß alle,
die sich etwas zuschulden kommen lie
ßen, mit aller Strenge des Gesetzes
bestraft werden, aber keiner nur da
runt, weil er ein Parteibuch hatte,
ins Gefängnis wandern soll. Daß in
verantwortungsvollen Stellungen, in
geistigen Bernsen, die auf die Volks
erziehung durch Schule oder Presse
usw. einen Einfluß haben, auch gesin
nungsmäßige Nazis ohne Parteibuch
nicht geduldet werden dürfen und fön
nen, leuchtet jedem in Oesterreich ein.
Wie man also sieht, hat die „Säu
berung", mit deren Begriff überall
so viel Mißbrauch getrieben wird,
nicht nur eine politische, sondern auch
eine soziale, wirtschaftliche und sogar
eine sehr wichtige psychologische Sei
te. Die Säuberung ist ein delikates
Problem, das nicht mit den politi
schen Schlagworten angepackt werden
darf. Die Säuberung ist ein inner
österreichisches Problem, ein Problem,
das das österreichische Volk selbst zu
losen hat, wobei Ausmaß und Aus
dehnung der Säuberung von den in
nerpolitischen Machtverhältnissen ab
hängig sein wird.
Dreimal vertchschert
Bo« E. I. Reicheuberger
Das heute von den Tschechen ver
pönte Wort „Sudetenland", das in
der internationalen Politik und in
hochpolitischen Dokumenten verwen
det wird, ist neueren Datums. Die
Vorfahren der Sudetendeutschen aber
lebten im'großböhmischen Raum seit
lange vor der Entdeckung Amerikas
Wer je in der Tscheche! gewesen ist,
mußte auf Schritt und Tritt ihrer
knlturschöpferischen Arbeit begegnen.
Wem hätte sich nicht die Parallele
zwischen Nürnberg und dem hundert
türmigen Prag, den Giebelhäusern
der Prager Altstadt aufgedrängt, zwi
schen Rothenburg 0. T. und dem süd
böhmischen Städtchen Krumau? Man
che sudetendeutsche Namen haben
Weltgeltung erreicht: etwa Balhta
sar Neumann, der deutsche Michel
angelo der Kratzauer Madonnenma
ler Joseph Führich, der sudetendeut
sche Albrecht Dürer Adalbert Stifter,
der Dichter des „Hochwald" Reffet,
der Erfinder der Tantpffchroube Fa
ther Samuel Fritz von Trauteitau,
der Erforscher des Amazoiteitstrontes
und, last not least, der selige Bischos
Johannes Nepomuk Neumann von
Philadelphia, ein Sohn des deutschen
Böhmerwaldes. Glas von Haidd,
Porzellan von Karlsbad, Bijouterie
von Gablonz, Textil waren ans Rei
ch ender und Brünn, Holzschnitzereien
aus dem Erzgebirge fanden einen of
feiten Weltmarkt, die Tüchtigkeit der
Arbeiterschaft wird überall anerkannt.
Die mustergültige Führung der Welt
bäder Karlsbad, Marienbad, Fran
zenbad, Teplitz, St. Loachimsthal
kann niemand bestreiten.
mehr als siebenhundert Jahren, also Reich. Sie wollten nur Gerechtigkeit,
Die Sudetendeutschen mit rund
dreieinhalb Millionen Menschen sind
weder absolut noch relativ eine Min
derheit. Es gibt mehr Sudetendeut
sche als Dänen in Dänemar, Finnen
in Finnland, Jrländer in Irland,
Norweger in Norwegen, sogar mehr
alv Slowaken in der Tschechen. Von
den achtnndvierzig Staaten Nordante
rikas erreichen sechsnnddreißig nicht
die Zahl der Sudetendeutschen. Ten
Sudetendeutschen standen nur 7,447,
145 Tschechen gegenüber, 50.56 Pro
zent gegenüber 22.53. Prozent der
Gesamtbevölkerung.
staatsrechtlich waren die Sudeten
deutschen genau so wie die Tschechen
bis 1918 Bürger Oesterreichs. Zu
keiner Zeit waren sie Bürger des
Deutschen Reiches.
Während des ersten Weltkrieges
standen die Sudetendeutschen dort,
wo sie hingehörten, äusserten Oester
reichs. Damals gab es noch nicht die
Jakson'sche Rechskonstruktion, die Re
bellion gegen die eigene Regierung
legitimiert. Die Sudetendeutschen
kannten nicht die höhere Loyalität,
die von den Kommunisten gepredigt
und praktizeirt wird, daß man näm
lich Loyalität dem eigenen Lande ge
genüber heuchelt, Unterwürfigkeit ge
genüber einem anderen Staate prak
tiziert. Die Tschechen waren unter
Führung der Freimaurer Benesch und
Masaryk „fortschrittlicher" sie kämpf
ten gegen Oesterreich, d. h. sie betrie
ben Hochverrat, wenn das Wort über
Haupt einen Sinn haben soll.
Ter Frieden sollte bekanntlich
Selbstbestimmungsrecht" der Natio
nen bringen. Es bleibt unbegreiflich,
daß ein Präsident Amerikas, des Vol
kerkessels, dieses Schlagwort propa
gieren konnte, das, in Amerika ange
wandt, die Einheit des Landes in kür
zester Zeit ersetzen müßte. Nun, die
Friedensmacher, die kaum von der
Geschichte, noch weniger vom Geist
Europas eine Ahnung hatten, über
nahmen die Parole. Tschechischen
Hochverrätern wurde das neue Recht
zugebilligt, sie waren ja unter den
Siegern" den dreieinhalb Millio
nen Sudetendeutschen wurde es ver
weigert. Sie wurden ohne Zutun, ge
gen ihren Willen, Bürger eines Staa
tes, der nie vorher in der Geschichte
existierte, der sich den Namen Tschecho
slowakei zulegte. Wer je den Pitts»
burgher Vertrag gesehen hat, weiß,
daß die Schreibung ohne Bindestrich
ein Dreh ist, mit dem man die Fiktion
einschmuggeln wollte, daß Tschechen
und Slowaken e i n Volk sind, was
wenigsten die Slowaken nie waren
und nie sein wollen. Die Sudeten
deutschen wurden also zwangsweise
Bürger einer verschlechterten Kopie
deS „Völkerkerkers" Oesterreich, der
Tschecho-Slowakei, obwohl sie weder
Tschechen noch Slowaken, sondern eben
Deutsche waren. Das nenne ich den
ersten Verrat, nicht bloß an den Su
detendeutschen, sondern an unseren
Grundsätzen.
Manche Sudetendeutschen hofften
zeitweilig, man möchte sagen, gegen
alle Hoffnung, daß das Weltgewissei:
das an ihnen begangene Unrecht gut
machen und ihnen das Selbstbest'm
mungsrecht, d. h. praktisch das Recht
zum Anschluß an das verstümmelte,
lebensunfähige Oesterreich geben wür
de. Sie verweigerten dem neuen künst
lichen Staatsgebilde die Mitarbeit.
Von 1926 an bis 1938 aber setzte sich
der sogenannte Aktivismus durch, d.
h. eine Partei der Verständigung und
Zusammenarbeit. Aber es braucht
zwei zur Zusammenarbeit: auf tsche
chischer Seite kam es zwar zu manchen
Versprechungen, nie zu Taten. So
haben die Tschechen vorgearbeitet, um
den Weg für Hitler vorzubereiten,
und manche Regierungskreise sogar
bewußt. Ich kenne die Sudetendeut
schen nicht aus Büchern, sondern aus
intimstem Verkehr, aus vielen Hun
derten von Versammlungen und Be
sprechungen, und ich bezeuge immer
wieder: Die gewaltige Mehrheit woll
te trotz aller Beschwerden und Schi
kanen keinen Anschlich an Hitlers
s'-/ "i|
Behandlung als „Gleiche unter Glei
chen", nicht Zurücksetzung durch die
tschechische Herrenrasse oder, wie man
das damals noch, nannte, „Staats
Volk". Hubert Ripka, der intime
Freund Beneschs, heute einer der er
sten Haßapostel, hat mir im Juni
1938 noch in Paris gesagt, daß im
Februar 1938 die Tscheche! noch zu
retten war was ich selber bestreite
—, aber es fehlte das Verständnis
auf tschechischer Seite. Ripka bezeugt
übrigens in seinem Buch „Munich
Before and After" meine Behaup
tung, daß die überwiegende Mehrheit
der Sudetendeutschen mit den Nazis
nichts zu tun haben wollte. Die heil
lose dumme und furzTtchtige Verein
barung von München hat die Sude
tendeutschen zwangsläufig zu Bür
gern von Hitlers Drittem Reich, d. h.
praktisch zu Nazis gemacht, ohne Zu
tun, ohne Befragung, ja, gegen den
Willen der Sudetendeutschen. Das
war der zweite Verrat an den Sude
tendeutschen, der eigentliche Beginn
des Weltkrieges. Es ist grotesk, wenn
England und Frankreich, die Signa
tare von München, heute die Stirn
haben, die Sudetendeutschen als Na
zis zu bestrafen, während jene, die
sie zwangen Nazis zu werden, die
Tschechen, Engländer und Franzosen,
die Richter spielen.
England und Frankreich haben sich
lange geweigert, eine Auslandregie
ruitg der Tschechen anzuerkennen, da
ja die Regierung in Prag de facto
und de jure bestand. Benesch ist nach
der Katastrophe, die er zuerst mit
herbeiführte, einfach davon gelaufen.
Er hat sich selber nicht mehr als Prä
sidenten der Tschechei betrachtet, so
3. B. in Briefen, die man in feinem
Buche „Democracy Today and To
morrow" findet, unterschreibt er sich
noch int März 1939 als Ex-President
of Czechoslovakia, Professor at the
University of Chicago (. 222/3).
schließlich gelang es ihm, vermut
lich dank vermeintlicher Beziehungen
zu Stalin, England und Frankreich
zur Anerkennung seiner Regierung
und der Vor-Münchener Grenzen zu
bewegen. England und Frankreich
haben ganz einseitig den Münchener
Vertrag, der ihre Unterschrift trägt,
als nicht bestehend betrachtet. Mit
einer erschreckenden Gewissenlosigkeit
wurden alle Rechtsfolgen aus dem
Münchener Vertrag (Staatszugehö
rigfeit, Eigentnmsfragen usw.) der
Sudetendeutschen einfach mißachtet.
Ohne irgend eine Aenderung in den
Verhältnissen, ohne Sicherung der
Rechte, ohne Rücksicht auf Sudeten
Demokraten wurde die Tschechei de
nen zurückgegeben, die nach der Mei
nung Englands und Frankreichs ein
Zusammenleben mit den Sudeten un
möglich gemacht und sich als regie
rungsunfähig erwiesen hatten. Es
schien expedient während des Krieges,
darum war es „recht". Wiederum ein
Verrat an Grundsätzen, internationa
len Verträgen, und an den Sudeten
deutschen.
Als Benesch seine Macht wieder ge
sichert hatte, lancierte er zuerst vor
sichtig, dann immer bestimmter seine
höhere Loyalität zu Moskau, seine
hitlergleiche Gesinnung und vor allem
seine Austilgungspläne für die Sude
tendeutschen. Potsdam setzte die Un
terschrift auf daS größte Unrecht der
neueren Geschichte: Die Austreibung
von Millionen Menschen aus einer
Jahrhunderte alten Heimat, d. h.
praktisch die Hinmordung von mehr
Menschen als in den Nazi-Lagern
ums Leben kanten.
Was daraus folgt? Ich bin per
sönlich gar nicht interessiert, wie die
Gegenwart oder die Nachwelt über
Benesch urteilt. Für jeden, der sich
nicht zu einer Doppelmoral für Sie
ger und Besiegte bekennt, steht es fest,
daß er und seilte Regierung und
nicht sie allein vor einem wirkli
chen Weltgerichtshof stehen müßten
unter der Anklage als Verbrecher ge
gen die Menschheit. Daß Benesch im
Verhältnis zu Hitler ein gebildeter
Mann ist, wie F. Stampfer in einem
sehr guten Artikel meint, möchte ich
nicht unterschreiben. Bildung besteht
nicht darin, daß man etliche Jahre
auf der Schulbank herumrutschte oder
irgendwelche Titel führt. Fortschritt
im „Wissen" (worunter man heute
Erziehung versteht) ist nicht gleichbe
deutend mit Vertiefung des Gewif
fens. Ter dreifache Mörder Heirens
war Student der Universität Chi
cago, Benesch nun, er ist Profes
sor.
Für die Tschechei steht heute schon
eines fest: An die mit soviel Geld und
Propaganda aufgebaute Legende der
„idealen Demokratie" glaubt heute
niemand mehr. Eben wird berichtet,
daß das erste Jahr in Karlsbad mit
einem Defizit abschloß. Wer wundert
sich darüber? Marienbad ist, wie man
mir schreibt,, die Stadt der Roten
Armee. Aus Franzensbad schreibt ein
Freund: „Die Stadt ist äußerlich ein
wenig hergerichtet, viele Häuser ste
hen leer, sind beschädigt und vernach
lässigt. Geschäfte vielfach leer. Kur
gäste fast ausschließlich Krankenkassen,
Heilfonds usw. So trachtet man die
leerstehenden Bäder etwas zu füllen.
Ueberaff oberflächliche ,Tünche'. Prei
se sehr hoch. In Karlsbad, Marienbad
wechseln Tagungen, Filmfestivals
usw. ab. Gewohntes Publikum fehlt."
Aus Reichenberg tröstet ein Vater sei
(gortfetuna auf Ccttc

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Emsrcmuel I. Reichenberger jb
Glencroß, South Dakota.

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