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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, October 05, 1946, Ausgabe der 'Wanderer', Image 7

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(Fortsetzung)
Ilber so waren ihrer beider Natu
ren, verderbt und gut. Sie liebten die
Musik. Robert Steffensieb sagte Plötz
lich laut: „Magdalena van Beetho
Den" und dachte dabei an Spaniol. Es
brauchte keiner zu wissen, auf welche
Art sie ihr Gutes taten. Daß Robert
Steffenfieb im Auftrag des Kanzlers
persönlich bei Christian Gottlob Neefe
gewesen, ihm in geheimem Auftrag
zur geheimen Verwendung eine Sum
me Geldes gebracht, die zu einer Stu
dienreise nach Wien dienen sollte für
Äen Ludwig van Beethoven, damit er
bei dem berühmten Hrn. Wolfgang
Amadeus Mozart Unterricht nehmen
könne. Weiß das ein Mensch? Nein,
ist auch nicht nötig, ebensowenig nö
tig zu wissen, daß Robert Steffensieb
Johann van Beethovens Schulden be
zahlt, Frau Magdalena zuliebe.
Er beansprucht dafür keinen Lohn,
sein Herr beansprucht dafür ebenso
wenig.
Es wurde stiller im Zimmer und
dunkler, immer noch stand das Fen
ster offen, Robert Steffensieb schauer
te. Jetzt war die Luft im Kabinett so
undurchsichtig und stumpf wie Bärb
chens Äugen, diese Augen, schwer von
Leid.
Der Kanzler!
Endlich. Er kam in Begleitung,
Schritte wurden laut, seine raschen
Schritte, die durch Zimmer eilen
konnten, daß alle Türen offen stehen
blieben, so, als ob die Türen selbst
sich noch hinterher verbeugten, wenn
kein Diener zur Stelle war.
Doch diesmal wartete Robert Stef
fensieb selber auf ihn. Zwar brannte
noch kein Licht, peinlich, er hatte ge
träumt. Aber die Türe macht er auf
vor seinem Herrn, breit, und erwar
tet ihn in tiefer Verbeugung»
Da kommen sie.
Der Schreiber wird Plötzlich um
klammert, einer schnürt ihm die Arme,
daß er aufheult, einer faßt in seine
Taschen, wühlt den Rock um und um
und schreit: „Hier sind doch noch etli
che von den cartcs blanchcsl" Im
Halbdunkel sieht Steffenfieb den Ge*
netal de Cler in großer Uniform, er
darf sie auf Befehl des Grafen nicht
mehr tragen.
„Was unterstehen sich bie Herren!
Seine Exzellenz
Der Kämmerer von Schall lacht
ihm laut ins Gesicht: „Seine Exzel
lenz sind bei Seiner Exzellenz dem
Satan!"
„Er wird gebunden und abge
führt," befiehlt General de Cler.
Bediente springen hinzu, Robert
Steffensieb fühlt sich für Sekunden
befreit von der Umklammerung, fein
Herz klopft zum Bersten, eine furcht
.bare Ahnung drückt ihm das Hirn
zusammen wie einen Ball.
„Wo sind Seine Exzellenz der Graf
Belderbusch?"
„Aus, mein Freundchen. Gestorben
am Herzschlag vor einer Stunde. Ein
anderes Regiment beginnt, Herr Ge
heim sekretarius."
Da fühlt er wieder die Stricke an
ber Hand, um den Leib, die Diener
zögern noch ein wenig. Aus dem Dun
fei des Zimmers blicken Steffenfieb
Zwei todtraurige Augen an, die Au
gen Bärbchens. Wie Blumen, die ster
ben müssen, die warten, auf den
Kehricht geworfen zu werden.
Und da weiß er zugleich, warum
ihn diese Augen so von Beginn an
packten. Er sah sie schon einmal, bei
Marie Merrem, die gleichen Augen
hundetreuer Angst. Geht's auf das
letzte, daß alles so nahe ihm rückt,
Menschen, die gestorben, Menschen, die
ihm gut waren?
„Ah!" schreit Steffensieb auf. wehrt
sich mit einer rasenden Verzweiflung,
die Stricke halten ihm fest und fester,
verknoten sich sie schleppen ihn durch
all die Zimmer bis hinunter, wo Po
sten der Miliz stehen, schon auf ihn
warten.
Dunkle Nacht fällt um Steffensieb.
Die Luft kriecht an seinen Beinen
hoch, er lehnt gegen die Wand und
kann sich nicht rühren, mit Stricken
bis zum Hals hinauf gefesselt.
„Mein Bruder ist tot," weint Ro
bert Steffensieb. Er wiederholt es ein
über das andere Mal, nichts weiter
als: „Mein Bruder ist tot."
Sein Mund geht auf und zu, seine
Zähne berühren den Strick um sei
nen Hals, er beginnt in das Seil
hineinzubeißen, mechanisch, ohne Ab
sicht, aus Verzweiflung, weil er kei
nen andern Gedanken mehr fassen
kann, weil er "fühlt, ich muß irgend
etwas hm, sonst werde ich aus ber
Stelle wahnsinnig.
„Mein Bruder ist tot."
Er spürt einen ekelhaften Geschmack
im Mund, die Stricke sind unsauber,
der Schmutz klebt an ihnen, er beißt
mit den Zähnen hinein, immer an
der gleichen Stelle, zieht eine Faser
heraus, eine zweite, eine dritte, seine
Zähne brennen im Mund, ein boh­
IB IV'''.'! iXt'-.-'iv l&Viw J'WC'y
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MMK auf dem Rhein
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render Schmerz sticht im Gaumen, er
beißt wie ein Tier in seinen Strick,
wundert sich jetzt, das Seil um den
Hals gibt nach es reißt.
Da kommt zugleich eine Angst in
ihm hoch, wa£ wollen sie von dir?
Warum gefesselt und in diesem Loch?
Warum die Durchsuchung der Ta
schen, das Geschrei um Me cartes
Manches? Und eine Ahnung packt
ihn. Er ist tot, mein Bruder. Sie
wollen sich rächen an mir, seinem
Schreiber. Sie wollen, daß ich ihn
verrate. Nein, nein!
Er beißt von neuem zu, jetzt den
Strick um die Brust, beißt, beißt, das
Zahnfleisch blutet, um Himmels wil
len, die Zähne lockern sich. Wenn nur
die Arme frei werden! Schaum steht
ihm vor den Lippen, der Strick wetzt
in offene Wunden, Himmel, jetzt lok
kert es sich, er kann die Arme dehnen.
Er nimmt alle Kraft zusammen, er
fällt gegen die Wand, mit solcher
Wucht ist der zweite Strick gerissen.
Robert Steffensieb will lächeln,
aber es geht nicht. Wenn er die Lip
pen bewegt, dann schneiden tausend
Messer in das offene Fleisch. Er war
tet noch eine Zeit. Immer eisiger
kriecht die Kälte an ihm hoch. Seine
Augen suchen einen Halt. Es dauert
lange, bis er im Dunkeln findet, was
er will.
Und muß trotzdem lächeln, trotz
dem.
Jetzt braucht er wenigstens nicht
mehr zu beißen, die Arme und Hände
sind frei, an den Beinen können die
Stricke bleiben, er kriegt auch so noch
den Stuhl unter das Fenster.
Er knotet die gerissenen Stricke
noch einmal zusammen, es geht schon,
der Mund brennt wie eine offene
Flamme, die in fein Hirn hinein will.
Noch ein Paar Augenblicke, noch ganz
kurze Zeit, so, mit äußerster Anstren
gung kann er auf den Stuhl, so, die
Schlinge, mit dumpfem Gepolter fällt
der Stuhl ins Dunkel zurück.
„Mein toter Bruder
Robert Steffensieb hat sich eehNngt.
Es geht eine alte Legende im Vol
ke um, daß ein Gestorbener zwei Be
gleiter zur Reise in die Unendlichkeit
nötig hat. Aus einem Hause, aus ei
ner Familie, aus einem bestimmten
Kreis heraus, immer müssen drei ster
ben, einer geht nicht allein. Die hei
lige Drei gehört dem Tod.
Dehnen wir in unserem Falle den
Kreis um die Person des Kurfürsten
Max Friedrich aus. Auf Belderbusch
folgte Robert Steffensieb, auf Stef
fenfieb der Kurfürst selbst.
Sie kamen alle und bedrängten ihn,
wußten tausend Klagen, erzählten von
tausend Verbrechen, die sein Kanzler
und dessen Schreiber begangen haben
sollten. Der Kurfürst wurde unruhig,
glaubte ihnen nicht, fand aber auch
die Kraft nicht mehr, ihnen zu wider
sprechen. Fühlte nur, wie ekelhaft es
von ihnen war, gerade die anzu
schwärzen, die ihm am nächsten gestan
den, sieht man von der Person des
Geheimsekretärs ab. Die sich nicht
mehr verteidigen konnten. Er wußte
deutlich und klar, genau so wird man
es mit mir machen, wenn der neue
kommt, wird alles erdenklich Schlech
te nur von mir zu berichten wissen
und^ vergessen, was ich Gutes getan.
Sie wollten, er solle sich umstellen,
sie machten Vorschläge über Vorschlä
ge zur Reorganisation der Verwal
tung, kamen beinahe mit Erpressun
gen..Der alte Mann weinte innerlich,
äußerlich durfte er es nicht zeigen,
das hätten sie mißverstanden, ihn am
Ende regierungsunfäbig erklärt. Sein
Nachfolger wartet ja schon in Wien.
So gab er den leidenschaftlichsten.
Forderungen widerwillig nach, Gene
ral de Cler wurde wieder in Dienst
gestellt, aber der Kurfürst wollte ihn
nicht sehen, wollte ihn nicht empfan
gen. Sie händigten ihm die cartcs
blanches aus, taten es wunder wie
großartig, als retteten sie den Staat
vor seinem Untergang. Er lachte sie
aus innerlich und war empört zu
gleich.
Wer trank jetzt morgens mit ihm
die Schokolade? Nein, je schwärzer sie
den Grafen Belderbusch malten, je
unantastbarer erschien sein Andenken
dem Kurfürsten. Wie hatte Belder
busch es verstanden, alles Unangeneh
me von ihm fernzuhalten, mit welch
rührender Fürsorge hatte er ihn um
geben, nichts Häßliches drang bis zu
ihm durch, die Welt um den Kurfür
sten war sauber und voller Verehrung
für Seine Durchlaucht gewesen, seine
Untertanen schienen ihn zu lieben,
sein Bonn trug ihn auf Händen, ver
sicherte allmorgendlich Graf Beider
busch.
Und heute?
Sie zogen die Schultern hoch, sie
machten undurchdringliche Gesichter
oder dreiste Andeutungen. Geheime
Spione besäßen Passierscheine mit der
Unterschrift des Kurfürsten, gingen
hin und her zwischen Frankreich und
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OHIO WÄlSENFRElTND

fceit Rheine-Staaten, itthjftettm
dem Sturz des jetzigen Regimes.
Märchen, Widerlichkeiten, unglaubli
cher Klatsch.
Gab es das unter Belderbusch,
nein, niemals. Und Belderbusch wuß
te doch über alles Bescheid. Bei ihm
begann der Tag in Harmonie und
endigte mit Musik. Wie liebte Beider
busch die Musik! Am Tage vor seinem
ode noch erzählte er bei der Schoko
lade Seiner Durchlaucht ein Wort der
Maria Theresia, das sie jüngst ge
sprochen, und das einen Weg durch
halb Wien machte, durch die ganze
Welt: „Ich lehre meinen Joseph die
Musik lieben, damit er milde werde."
Nein, seine Bedrücker liebten nicht
die Musik, das konnte man nicht be
haupten. Sie schien ihnen sogar höchst
überflüssig, Sparmaßnahmen bei dem
rchester und bei dem Theater wur
den auch hier vorgeschlagen. Ein Ge
such des jungen Ludwig van Beetho
ven, als zweiter Hoforganist angestellt
zu werden, fand keinerlei Befürwor
tung. Es sei kein Geld mehr da.
Der Kurfürst kennt den Burschen,
entsinnt sich noch des Konzertes im
chloß nach dem Brande, als Katha
rina van Satzenhofen mit zugegen
war. Häßlich war der Bursche wie die
Nacht, hihi, sie hat ihn doch abgeküßt.
Ja, das konnte Katharina, wenn die
Musik sie packte. Aber es muß doch
Geld für das Gehalt eines zweiten
Hosorganisten aus der Privatschatulle
zur Verfügung gestellt werden kön
nen! Ausgeschlossen, die habe Belder
busch sattsam ausgeplündert, die Pri
vatschatulle bestehe nur noch in der
Einbildung des Kurfürsten.
Er mag nichts mehr hören davon,
es ist ihm alles gleich. In Frieden ge
lassen will ich endlich sein.
Schließlich, er starb gern, hat viel
zu leiden gehabt die letzte Zeit, ein
kleiner Märtyrer auf dem Thron.
Das goldene Kreuz in seiner Hand
war so fest umklammert gewefen, daß
sie es ihm mit in den Sarg gaben,
weil sie die Finger des Toten nicht
brechen wollten.
„Sterben immer soviel Menschen
auf der Welt?" sagte der Spaniol zu
Franz Wegeler, als sie kurz hernach
auf den toten Kurfürsten zu sprechen
kamen.
„Ich glaube," antwortete Wegeier.
Er wußte nichts anzufangen mit Lud
wigs Frage, verstand nicht, wo er
hinaus wollte.
„Dann lohnt es sich fast nicht."
„Ich weiß nicht, was du meinst dä
mit."
„Nun, das gepriesene Leben meine
ich. Wo ich hinschaue ist Not und
Qual, ist Hunger und Darben,
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Enttäuschung und Tod."
„Du siehst es zu schwarz, Ludwig
„Nein, ich sehe es nur ohne Roman
tik, wie es sich in Wirklichkeit ab
spielt. Ich weiß, jetzt kommt wieder
die Kündigung für Orchester und
Theater, neue Not auch zu Hause.
Eines löst das andere ab, die Mut
ter krank, der Vater betrunken, nir
gends Geld, um die Geschwister küm
mert sich überhaupt niemand."
„Du mußt einmal heraus," kam es
gepreßt von Franz Wegeler. „Fort
aus Bonn, mußt einmal anderes se
hen und erleben, andere Menschen um
dich haben, eine andere Landschaft."
„Andere Menschen? Die Menschen
sind überall gleich, überall gleich un
dankbar und böse, treten in den Dreck,
was sie gestern angebetet. Heute dey
Kurfürsten, vor ein paar Monaten
den Grafen Belderbusch. Warum wohl
hat es Tobias Pfeiffer fortgetrieben
und Robert Steffensieb sogar in den
Tod? Glaubst du im Ernst an all das
Gerede, das um sie gemacht wird?
Es ist genau so erfunden, so durch
sichtig und Kinderschreck, wie ernst
hafte Leute behaupten wollen, der
Graf Belderbusch sei überhaupt nicht
gestorben."
„Das sagen sie nicht, Ludwig. Sie
behaupten vielmehr, fein Leichnam sei
nicht bestattet worden, und darum ir
re sein Geist im Siebengebirge um
her, nachts ließe er sich übersetzen über
den Rhein, und wer ihn in Bonn an
träfe, der sei des Todes."
Ludwig van Beethoven lachte grell
auf. „Ist das was anderes, Franz?
Du siehst, nicht einmal die Toten las
sen sie in Frieden, selbst denen müs
sen sie noch eine Häßlichkeit nachsa
gen, sonst sind sie nicht zufrieden.
Sonst hat ihr voller Bauch nicht die
rechte Verdauung, und sie kriegen das
Kneipen an ihren eigenen Giftgasen."
Als Wegeler schwieg, fuhr Beetho
ven fort. „Natürlich, so hirnverbrannt
bin ich nicht, auch einzusehen, daß es
Ausnahmen gibt. Ich ginge hier nicht
mit dir, wenn du nicht beispielsweise
eine wärest. Und die Freundschaft mit
so eine mist mehr wert als aller Er
folg der Welt."
„Liebe erst einmal, Ludwig."
«Das hat mir vor Jahren schon
Bruder Willibald Koch gesagt. Da
mals konnte ich ihm nicht antworten
oder wollte auch nicht. Mein Vater
hat auch geliebt, Franz, und was ist
aus meiner Mutter geworden, Franz?
Dir brauche ich doch nichts vorzuma
chen, du weißt ja, aus welchem Hause
der Spaniol kommt."
„Du bist ungerecht, Ludwig, in
höchstem Maße ungerecht. Möchtest ftu
lieber in den Tag hineinleben wie
Millionen' anderer, oder lieber so blei
ben, wie du bist? Möchtest nur Licht
und Sonne um dich haben und nich^ß.
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nnd Leid? Vielleicht schickt Gott dir
gerade bewußt mehr Leid als andern
Menschen, damit du es gestalten sollst
in deiner Kunst. D-enn nur aus Leid
schasst der Künstler. Wäre dir das
noch nicht zum Bewußtsein gekom
men? Auch die Menschen, die du so
schlecht machst, die können nicht aus
ihrer Haut, die betäuben sich doch nur.
Halte ihnen den Spiegel vor, zeige
ihnen ihr Ebenbild, daß sie erkennen
mid besser werden. Gib ihnen den
Trost, den sie brauchen! Wüßtest du
nur voVt Sonne, Ludwig, wie könnte
dich einer, der im Schatten steht, ver
stehen?"
Jetzt war Beethoven an der Reihe,
zu schweigen.
Und Franz Wegeler fuhr fort:
»Tu nanntest eben den Namen deiner
Mutter, deinen Kronzeugen in allen
Tingen. Nun gut, wärt ihr jemals
so ineinander verwachsen, wäre sie dir
je das geworden, was sie nun einmal
bedeutet für dich, wenn nicht aus der
Not ihrer Ehe heraus? Gewiß, es
muß nicht immer so sein, es kann sich
auch anders verhalten. Ich denke da
an die verehrte Frau Hofrätm von
Bremting, an ihre Kinder und an ihr
Zuhause. Das meinte ich, wenn ich
sprach, du mußt einmal aus Bonn
sort, mußt auch einmal andere Men
schen sehen. Gewiß, aber werde dar
über hinaus nicht ungeduldig. Es ist
feine Phrase und kein Thema nur für
die Jesuiten und frommen Prediger,
wenn man von der Vorsehung spricht.
Gott weiß schon, was Er will, ich
glaube es. Denn sieh mich an, ich kom
me aus einem schönen Heim, zugege
ben. Aber habe ich die Gnade empfan
gen, es künstlerisch gestalten zu kön
nen? Ich muß Gott schon aus tiefstem
Herzen dankbar sein dafür, daß ich es
nachempfinden darf."
Heber die beiden jungen Menschen
fegte der Sturm, Wolken türmten sich
gewaltig am Himmel, Frühlingsge
braus. In tollen Sätzen kam es heran,
espressivo, marcato. Beethoven horte
die Akkorde, ihm summten die Ohren
von all den Noten. Seine Hände grif
fen wie nach Tasten, er lächelte in die
plötzliche Stille hinein. Wie alles ver
hält auf einmal, ristesdende, seid
dankbar, sammelt euch. Denn a tenu
Po
kommen die Streicher von neuem,
streuen Segen aus, dolce, cantabilc.
Aus dem Sturm ist Fruchtbarkeit ge
worden, Erkenntnis, Ruhe, legato.
„Wir gehen noch an den Rhein,
Franz," bat Beethoven.
Franz Wegeler wußte, er hat mich
verstanden. Aber es muß dennoch et
was für ihn getan werden. Ich muß
mit der Hofrätm sprechen, ich muß
mit Christian Gottlob Neefe sprechen,
ich muß mit Frau Magdalena spre
chen.
Sie gingen stumm nebeneinander
her, jeder mit seinen eigenen Gedan
ken beschäftigt, und fanden erst die
Worte wieder, als sie den Ufern näher
kamen. Was war da geschehen? Es
donnerte und war doch kein Gewit
ter. Jetzt wieder, tief und lang da
hinrollend. Unten am Ufer stand eine
schwarze Wand von Menschen.
„Das Eis bricht."
Ludwig horchte hin. Frau Baums
hatte früher schon davon geredet, wie
es fei, wenn plötzlich Tauwetter ein
setzt, das Eis, vom Wasser hochgescho
ben, gegen die Ufer rennt und fplit
tert, sich übereinander wälzt und don
nernd über den Haufen rennt, was
sich ihm in den Weg stellt.
„Tas habe ich noch nie gehört, so
alt ich bin. Franz."
„Es ist auch noch nie so schlimm
gewesen als in diesem Jahre, sagen
die Leute."
Da wieder ein Krachen und Split
tern, ein Schrei, die Menschen vor
ihnen fluten zurück, bleiben von
neuem stehen.
Ludwig erbleicht? faßt nach des
Freundes Hand. „Geht das so ge
schwind, Franz?"
„Es muß wohl."
Sie waren jetzt nahe zu den Men
schen herangekommen.
Alle redeten durcheinander, gestiku
lierten mit Händen und Armen.
„Seht, wie es steigt, das, Wasser
geht über die Ufer!"
„Man muß die Keller ausräumen!"
„Unsinn, gut zwanzig Meter sind
es bis zu den ersten Häusern!"
Ein ohrenbetäubendes Krachen,
aus der Mitte des Rheines hebt sich
ein Berg hoch, steht, wankt, eine dicke
Eisscholle schießt über das gefrorene
Wasser, kommt ans Ufer, ein Ruck,
rast weiter über die noch trockene Er
de, zerschellt am ersten Haus.
Wilde Panik ergreift die Menschen.
Einige rennen zurück in die Häuser,
andere hinauf in die Stadt. Wie ein
Strudel schlägt es über die beiden
Freunde zusammen, sie werden ge
trennt, Ludwig rennt mit denen, die
in die Stadt hinein wollen. Er kann
auf einem Umwege erst zur Rhein
gasse finden. Hier steht das Wasser
schon mitten in der Straße, steigt zu
sehends Schritt um Schritt, immer
höher. Man kann nicht mehr unter
scheiden, kracht das Eis so oder schreien
die Menschen, poltern die Möbel. Sie
räumen schon die ersten Häuser, eine
Frau wirft Bettzeug hinab, immer in
das Wasser hinein. Vorne klettern sie
über die Dächer zu den nächstliegenden
Häusern.
Der warme Wind rast, Frühlings
gebraus.
Bei Mscher stcht ber
Hausflur unter Wasser. Aus der nef
gelegenen, Backstube reichen sie Bret
ter hinauf, Teigwaren, das Mehl läßt
sich schon nicht mehr retten. Ludwig
rast die Treppen hinauf und findet
die Mutter, wie sie ein Bündel schnürt
mit dem Notwendigsten. Die Geschwi
ster weinen, der Vater schimpft,
„Rasch, wir müssen hinunter!"
Ludwig reißt der Mutter das Bün
del aus der Hand, stürmt die Treppe
hinab. Da eilt Bäckermeister Fischer
ihm entgegen.
„Unten geht es nicht mehr! Das
Wasser reißt uns noch das Haus um,
wir müssen versuchen, über die Dächer
zu kommen."
Lähmendes Entsetzen, wieder läu
ten alle Glocken, der Kursürst ist ge
storben, seine Stadt schwimmt fort.
Tie Sintflut kommt, rette sich, wer
kann! Und das Wasser steigt, und der
Tonner des berstenden Eises grollt,
der Sturm peitscht wie mit Fäusten
die Wellen, warmer Wind, Frühlings
gebraus.
Immer neue Eisschollen treiben
heran, tauchen unter, stehen spitz zum
Himmel wie eine gläserne Wand,
schlagen um, weißer Gischt spritzt hoch,
Gebälk splittert, Menschen schreien,
schreien.
Ueber die Dächer fort klettern die
Beethovens auf Brettern bis zu den
Häusern in der Giergasse. Wie durch
ein Wunder find allö beisammen. Das
Wasser steigt, das Eis kracht, espres*
siro, marcato. Stunde um Stunde.
ie schlafen in der Nacht bei fremden
Menschen^ einer hilft dem andern. Im
Rathaus legen sie Streu für die, die
keine Unterkunft finden. Wieder ist
ganz Bonn auf den Beinen, wie vor
Jahren bei der Feuersbrunst.
Ist auch daran der Belderbusch wie
der schuld?
General de Cler übernimmt das
Rettungswerk, am Rhein sind Häu
fee eingestürzt, auf den Wogen tan
zen Malken und Hausrat. Bis jetzt ist
noch keiner als vermißt gemeldet. Ein
Wunder. Nur Tiere treiben auf dem
lehmgelben Wasser, unförmlich aufge
trieben, angegriffen vom Eis. Ver
nichtung überall.
Und der Morgen, kommt, rites*
dcndc. Franz Wegeler findet sich ein,
Gott fei Dank, den Beethovens ge
schah nichts. Und hier bringt er Klei
dungsstücke mit von der Hofrätm,
wollene Tücher, Decken. Warme Sup
pe steht bereit.
Ter Wind hat aufgehört, nur noch
eine gelegentliche Bö, a tempo. Das
Wasser steht unbeweglich auf den
Straßen am Rhein wie in einem über
gelaufenen Teich. Man erkennt den
dunklen Strich der Flut an den Häu
sern. Fällt es nicht schon? So rasch
wie es gekommen, wahrhaftig, das
Waffer geht langsam zurück. Die
Sonne wird stärker, dolce, cantabilc.
Einige Mutige wagen sich zurück in
die verlassenen Wohnstätten. Aber die
Flnt hat böse gehaust, da schwimmen
noch Stühle und Tische im Zimmer,
dumpf schlagen sie gegen die Wände.
Das Wasser fällt langsam.
Noch eine Nacht.
^Heute gehen Beethovens wieder zu
ruck in die Rheingasse. Hier ist nichts
beschädigt, es ist alles, wie sie es stehen
und liegen gelassen haben. Dank Tir,
Gott im Himmel, warst gnädig mit
uns. Und Gott der Herr lächelt mil
de, legato.
Ludwig van Beethoven und Franz
Wegeler gingen wieder den Rhein ent
lang, noch walzen sich braun und leh
rtitg die Fluten. Frühling war gekom
men über Nacht. Ludwig schritt da
hin, seltsam erhobenen Hauptes. Tie
Hände auf dem Rücken, wie er es
gerne tat, ging er voll Trotz, die Brust
breit gestemmt.
„Ich glaube, du wirst recht behal
ten, Franz."
„Wie meinst du das, mein Freund?"
Aber Beethoven schwieg. Er dachte
i .!• 'i,
BY
an seine neue KoMpöWon, die er
morgen dem Kapellmeister Neefe vor
spielen wird. Ter erste Satz espres•
sivo, marcato, wildes Gebraus, dann
ritesdende, ein Ausruhen, a tempo,
leises Erinnern, glückhafte Stille,
dolce, cantabile, endlich Versöhnung
und Ausklang, legato.
„Tu hast einen Schritt am Leib,
daß man sich noch die Zunge aus dem
Halse rennt."
Beethoven lacht.
Es fiel ihm nichts anderes ein, er
prach nur: „Frühlingsgebraus!"
V.
Fünf Tage brauchte die Reife von
Wien nach Bonn, da zog Max Franz
als Nachfolger des Kurfürsten in d«
neue Residenz ein. Tie Ställe und
Remisen wurden geschlossen, die Ge
decke bei der Hostafel auf zehn oder
zwölf beschränkt. Maria Theresia hat
te eine päpstliche Bulle erwirkt, wo
nach es Max Franz gestattet war, die
priesterlichen Gelübde um zehn Jah
re zu verschieben.
Aber der neue Kurfürst dachte nicht
daran, von dieser Gnade Gebrauch zu
machen, ^chon im November des Jah
res 1784 trat er in das Priestersemi
nar zu Köln ein und las in der Flo
rians-Kapelle am Tage vor Weihnach
ten seine erste heilige Messe.
Erst am Abend hörte Ludwig van
Beethoven hiervon, als ihn Franz
Wegeler auf eine Einladung der Hof
rätin von Breuning hin in der neuen
Wohnung in der Wenzelgasse abhol
te. Kurz nach der Rhein-Ueberschwem
mung war es zwischen dem Bäcker
meister Fischer und Ludwigs Vater
wegen restlicher Mietschulden zu ei
ner heftigen Auseinandersetzung ge
kommen.
Wäre Johann van Beethoven nicht
wieder betrunken, infolgedessen unnö
tig gereizt und ausfällig gewesen zu
dem Manne, der ihm die Jahre über
nur Gutes erwiesen, Bäckermeister
Fischer hätte sich auch jetzt wieder be
ruhigen lassen. Hatte er doch nur aus
Gewohnheit gemalmt, weil ihm der
Herr Hoftenor gerade in den Weg
lief, wieder einmal nicht grüßte und
überhaupt so tat, als sei alle Welt
Luft für ihn. Alles was recht ist, hier
in war Bäckermeister Fischer nun ein
mal empfindlich, er wollte respektiert
sein. Kurzum, die beiden erregten sich
so, daß diesmal sogar Magdalena
machtlos blieb. Beethovens fanden in
der Wenzelgasse ein neues Unterkom
men.
„Du bist so verstimmt, was ist mit
dir, Ludwig?" fragte Franz Wegeler,
als sie beide nach einem frostigen Ab
schied unten auf die verschneite Stra
ße traten. „Heute ist heiliger Abend
und alle andern Menschen sind fröh
lich."
„Hast du etwas davon bemerkt
oben?" antwortete verbittert der Spa
niol. „Ich dürfte auch nicht mitgehen,
heute."
„Warum denn nicht?" wurde der
Freund ungeduldig. „Ich sah doch,
wie sich deine Mutter über die Ein
ladung mitfreute. Schließlich ist es
auch die erste von den Breunings, und
die gerade zum heiligen Abend.
Nimm es als gute Vorbedeutung.
Ludwig."
(Fortsetzung folgt)
EVERY FAMILY"
DR. THEODORE BRAUER
78 Pages, Paj Covet
Order from:
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von der wissen, von GchmerM
Pattern for Reconstruction ...
Economy and Society
Generat Eisenhower Says:
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BONOS ARE VITAL
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A discussion of the relations between economic and social devel
opments. In thirteen briel chapters this learned economist dis
cusses the Division of Labor, the Development of a Social Hier
archy, Qongruity of Economics and Social Life, the Nature of
Society, Technology and Its Subversion by Capitalism, Recon
struction of the Social Order, the Vocational Group.
STUDENTS OF THE SOCIAL QUESTION
will find this booklet most useful as a practical
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Statement of the American Hierarchy on Social
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