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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, March 15, 1947, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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(Fortsetzung)
Da konnte Lucie nicht widerstreben
nur scheinbar widerstrebend fügte sie
sich, und bald war Martin samt sei
nen Pralines über dem Spiele ver
gessen. Als er nach der lateinischen
Stunde Lucie wieder aussuchen woll
te, war er sür sie nicht mehr vorhan
den, und traurig schlich er davon.
Für den unglücklichen Vernachläs
sigten war es nur gut, daß die Wo
chen, welche die Bastinons mit ihrer
Truppe in Griesheim spielen wollten,
inzwischen ihrem Ende zueilten. Tie
Kunstbegeisterung des Städtchens war
auch bereits merklich im Sinken, und
die Sitzreihen des Stadttheaters wie
sen. trotz der Reklametrommel des
Griesheimer Boten und der Glocke des
Ausrufers Osewald immer bedenkli
chere Lücken aus.
Darum entschloß sich denn der Herr
Direktor, seinen Wanderstab weiter zu
setzen. Tie letzte Vorstellung ward an
gekündigt, und als diese noch einmal
recht glänzende Kassenergebnisse zei
tigte. folgte ihr noch eine allerletzte
als Benefiz für die Frau Direktor und
eine unwiderruflich allerletzte Borstel
lung.
Ei» Roma» von M. Scharia«
Tann aber war der Tag der Ab
reise da. Martin konnte trotz seiner
getäuschten Gefühle es sich nicht der
sagen, Lucien zum letztenmal die Hand
zu drücken und ihr ein. letztes Lebe
wohl zuzuwinken.
Natürlich sehlte auch Alfred nicht.
Aber Martin hatte die Taschen voll
Süßigkeiten, die er Lucien freigebig
spendete. Deshalb machte Alfred, der
mit leeren Händen kam, heute keinen
Eindruck auf die Dame seines Her
zens, die nur für Martin Augen und
Chreit zu haben schien Nur Mar
tin galt ihr letztes zärtliches Lächeln,
galten ihre Tränen, ihr Taschentuch
winken. als der Zug, der die Komö
diantengesellschaft entführte, sich in
Bewegung setzte.
Lange sahen die beiden Knaben ihm
nach und schwenkten die Tücher, bis er
in der Ferne verschwand.
„Kommt Lucie wieder?" fragte sich
Martin. Bittern Kummer im Herzen,
ging er nach Hause und versüßte sich
seinen Schmerz mit der Erinnerung
an den durch seine süßen Liebesgaben
erkaufte:: Triumph über den verhaß
ten Nebenbuhler, der rachebrütend
hinter ihm her ging.
„Na, sind sie endlich fort?" fragte
Brigitte, als Martin mit trauriger
Miene die Küche betrat. Martin nickte
und fühlte, wie die Augen ihm naß
wurden.
„Gottlob," sagte sie und warf heim
lich einen prüfenden Blick auf ihren
Jungen, „gottlob, daß die Geschichte
ein Ende hat!"
I
Martin hatte aus der Schule einen
Mahnzettel mit nach Hause gebracht.
Tie Lehrer beklagten sich über unge
nügenden häuslichen Fleiß, über man.
gelnde Aufmerksamkeit während des
Unterrichts. Er hatte derartig nachge
lassen, daß seine Osterversetzung in
Frage stand.
Monika ahnte den Grund und
machte sich die bittersten Vorwürfe.
Sie hätte mehr auf Martin achtgeben,
sie hätte den Verkehr mit den Schau
spielern nicht dulden sollen. Sie hatte
ihn viel zu sehr sich selbst überlassen.
Oft hörte sie ihn jetzt im Schlafe
sprechen, als ängstige ihn etwas. „Wo
ist das Billet? Ich muß ins Theater,"
murmelte er „Lucie, Lucie."
Tie bunte Welt, in die er hinein
geblickt, hielt seinen Geist noch immer
in ihrem Bann.
Beim Aufräumen in seiner Stube
hatte Monika gereimte Zeilen gefun
den, in denen von Lucie viel die Rede
war. Tan eben ein kleines Heft, in das
er Szenen geschrieben, die er aus der
„Anna-Liese" im Gedächtnis behalten
hatte. Erst lächelte sie über das kind
liche Geschreibsel, doch dann überkam
sie bange Sorgen um ihren Jungen.
Sollte sie mit Erich darüber spre
chen? Sie wagte es nicht. Sie wußte
nicht, wie er es auffassen würde, und
fürchtete feinen Zorn. Ach, wie trau
rig war es doch, daß sie mit ihrem
Galten sich nicht eins wußte in der
Erziehung ihres Kindes!
Aber der Mahnzettel, den Martin
heute bekommen hatte, ließ sich nicht
vor dem Vater verheimlichen.
Aufgeregt über das unglückliche
Schriftstück, ging Tr. Fabricius auf
und ab in seinem Arbeitszimmer. Ab
gespannt war er aus der Praxis nach
hause gekommen, war stundenlang
herumgelaufen, ohne sich Ruhe zu
gönnen, und hatte nun auf ein woh
liges Ausruhen gehofft. Vergebens,
der verflixte Mahnzettel hatte ihm
die ganze Laune verdorben. Konnte
der Junge denn nicht feine Gedanken
zusammennehmen? Er war doch kein
Tnmmkopf! Wenn er nun sitzen blieb?
Entrüstet warf der Toktor feine Zi
garre in den Aschbecher sie war ihm
ausgegangen, weil er vor lauter Em
pörung das Rauchen vergessen hatte.
Leider hatte er sich in den letzten
Jahren wenig mehr um Martin küm
mern können. Tie Praxis war immer
größer geworden und nahm seine
ganze Zeit in Anspruch. Aber es war
ihm auch recht so denn in seinem ei
genen Hause fühlte er sich ungemüt
lich, da er von dem Zusammenleben
mit seiner Frau schon lange nichts
mehr hatte.
Ach, und mit welch glänzenden
Hoffnungen hatte ihn die Geburt die
ses Kindes erfüllt! Und wie viel
Aerger und Verdruß hatte es ihm
schon all die Jahre bereitet! Wäre
seine Ehe kinderlos geblieben, sie hätte
sich wohl für ihn weit friedvoller und
glücklicher gestaltet.
Toch sein Zorn verrauchte allmäh
lich. War es nicht unrecht, sich solcher
Verdrießlichkeiten wegen gegen seinen
Knaben einnehmen zu lassen? .. Ge
wiß, Martin leistete ja nicht, was er
sollte, aber er war dennoch glücklich in
seinem Besitz. Seine Liebe zu ihm war
tief und stark trotz des Fremden, das
zwischen ihnen lag Und mußte er
nicht doppelt Nachsicht mit Martin
haben? Tas arme Kind mußte es ja
schon längst gemerkt haben, wie seine
Eltern zueinander standen. Mußte
sein junges Gemüt nicht darunter lei
den? Er war in dem Alter, wo Kin
der scharf zu beobachten pflegen
Er mußte sich wirklich mehr zusam
mennehmen, um das Gemüt seines
Kindes nicht vollends zu verwirren.
Tr. Fabricius sühlte bei diesem Ge
danken etwas wie Scham und nahm
sich von neuem vor, sich mehr als bis
her der Erziehung des Knaben anzu
nehmen. Sogleich wollte er sich nach
Martin umsehen.
BY
DR. THEODORE BRAUER
Order from:
rifrlT "l aggssgsagsssasasf'pgBSSgsgsr.'a
"W11
Er fand ihn in seiner Stube es
war lange her, seit er sie zuletzt be
treten hatte. Der Knabe lag lang,
gestreckt auf seinem Bett und schaute,
die Arme um den Kopf geschlungen,
mit trübseligem Blick zur Decke hin
auf.
Aber es mußte in dem Ton der
Stimme seines Vaters etwas liegen,
das den Knaben aufblicken ließ die
dunklen Augen sahen den Vater fra
gend und zweifelnd an.
Und plötzlich mit einem eigentüm
lich milden Gefühl gedachte Tr. Fa
bricius der eigenen Knabenzeit. War
er nicht auch oft genug mit „Erinne
rungen" und schlechten Zeugnissen
nachhause gekommen, und hatte es
nicht Schelte, Schläge und Tränen
gekostet, als er bei der Versetzung in
der Quarta kleben blieb? Wunderbar,
wie genau er in diesem Augenblick sich
jeder einzelnen Strafpredigt erinner
te, die ihm der Vater gehalten hatte!
Es war ihm, als hörte er die Stimme
des Gestrengen: „Junge, aus dir wird
im Leben nichts ich werde versuchen,
beizeiten für dich einen Nachtwächter
posten ausfindig zu machen."
Tas waren dazumal recht ungemüt
liche Tage gewesen, denn die Hand
des Vaters zögerte nicht, ihm eine
tüchtige Tracht Prügel zu Verabrei
chen, und mehr noch als die Schläge
wirkten die Tränen und Seufzer der
Mutter, die schier kein Ende nehmen
wollten
Tr. Fabricius fuhr mit der Hand
über die Stirn, als müsse er sich auf
den Zweck seines Hierseins erst wieder
besinnen.
Seine forschenden Blicke hafteten
an dem braunlackierten Büchergestell
neben der Tür. Unwillkürlich trat er
näher und überflog die Titel auf den
Rücken der Bücher. Eins und das an
dere zog er heraus, es flüchtig durch
blätternd: Märchen, Jugenderzählun
gen, wie er selbst sie ihm zum Ge
burtstag oder zu Weihnachten ge
schenkt hatte dazwischen alte Schul
bücher, Heiligen legenden und ein Ge
betbuch, eine Gabe der Mutter.
Gleichgültig tat er sie wieder an
ihren Ort. Aber was war das? Halb
versteckt durch die Märchenbücher, fiel
ihm eine Anzahl gelber Hefte ins Au
ge, offenbar Fragmente eines Kolpor
tageromans.
Haftg zog er eines der Hefte hervor.
"Pistole und Feder" stand auf dem
Titel.
Zornig blickte er Martin an, dessen
Wangen ein helles Rot überlief
Mein Gott, wie kam der Junge zu
dieser Hintertreppenlektüre?
"Liest du das Zeug?" fragte er
heftig. „Woher hast du die Hefte?"
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ODO WAI8ENFKKUND
Heftig emporschnellend war er so
fort auf den Füßen. Seine Augen
senkten sich fcheu, der Ausdruck von
iedergefchlagenheit vertiefte sich mb
ließ sein frisches Knabengesicht blaß
erscheinen.
„Nun, Martin, das ist ja eine nette
Bescherung?" rief Tr. Fabricius stren
ge, indem er ihm den Mahnzettel Vor
hielt den er in der Hand hatte.
Natürlich von Schulkamera­
den ...£, nun sah er klar, nun war's
ihm erklärlich, daß die Lehrer über
Martins Zerstreutheit klagten
Bei solcher Lektüre war es wohl zu
verstehen, warum der Junge in der
Schule zurückkam.
Tie Zornesader schwoll auf des
Doktors Stirn. Doch seine Empörung
galt mehr seiner Frau als dem Kna
ben. So wenig achtete sie auf ihn, daß
er dergleichen Sachen lesen konnte. Es
war ja geradezu unglaublich, wie
schlecht sie ihn erzog. Sie mußte doch
wissen, wie verderblich ungeeignete
Lektüre auf das Gehirn eines Kindes
wirkt. Und sicher las er auch viel zu
lange, womöglich gar heimlich und
abends im Bett. Was konnte dabei
anders herauskommen, als daß durch
solche ungesunde Leserei Martins Ge
bauten verwirrt wurden und sein Ge
Hirn beim Lernen und Denken in der
Schule sich nicht mehr zu konzentrieren
vermochte? Unverantwortlich,
dieser Mangel an Aufsicht? Aber statt
ihr Kind zu hüten, vertrödelte Moni
ka ihre Zeit mit Beten und Kirchen
gehen. Und der Bengel war schlau
genug, daraus für sich Vorteil zu
ziehen. Nur gar zu leicht ließ sie sich
von ihm hintergehen, und kam es wie
jetzt heraus, so fühlte er instinktiv:
an der Mutter hatte er Rückhalt
Das ging wahrhaftig nicht länger.
Hier galt es, fest und kräftig dazwi
ichen zu fahren. Vielleicht war es noch
»icht zu spät, die eache wieder gut zu
machen. Diesem Lesen mußte auf der
Stelle ein für allemal ein Ende ge
macht werden. Fort mit den sämtlichen
Büchern? Auch die Märchen und Hei
ligengeschichten taugten jetzt nicht sür
ihn und waren für seine Phantasie
nur eine allzu gefährliche Nahrung.
Toch er bezwang das erregte Blut
indem er begann schweigend und lang^
sam ein Buch nach dem andern zu
Haureu zusammenzulegen.
..So. mein Junge, diese Bücher
nehme ich mit. Tu wirst sie nicht eher
wieder bekommen, als bis du gezeigt
hast, daß du in der Schule ein anderer
geworden. Und geborgte Bücher dulde
ich überhaupt nicht ohne meine Er
laubnis kommt kein fremdes Buch
wieder ins Haus."
Wie erstarrt sah Martin dem Be
äinnen feines Vaters zu im3 hörte
-rw^wmy
v
v
kaum auf seine Worte. Die hellen
Tränen schössen ihm aus den Augen.
Cr wollte sprechen, aber er wagte es
nicht. Er empfand es als eine
Schmach, daß er seine geliebten, Bü
cher entbehren sollte und jene Hefte,
sie gehörten ja gar nicht ihm. Alfred
Goedeke hatte sie ihm geliehen, und
der mußte sie wieder haben.
Es zuckte in Martins Fingern, sie
a it sich zu reißen heiß stieg ihm das
Blut zu Kopf. Er wollte bitten: „Laß
sie mich Alfred Goedeke wiederbrin
gen." Da traf ihn seines Vaters
zorniger Blick, und keinen Ton ver
mochte er hervorzubringen. In hartem
Trotz bäumte das Herz des Kindes sich
auf gegen den Vater, der mit kaltem
Blicke ihn ansah. Martin haßte ihn
förmlich in diesem Augenblick. Wußte
sein Vater denn nicht, wie sehr er an
seinen Büchern hing? Nein, er
vermochte die gähnende Leere der Bü
dierbretter nicht zu ertragen. Der Bo
den brannte ihm unter den Füßen.
Nur fort, um jeden Preis fort!
rief es in ihm, und ohne recht zu wis
sen. was er tat, stürzte er laut auf«
fdiluchzend aus dem Zimmer.
Draußen auf dem Flur riß er seine
Mütze vom Haken und lief, ohne zu
sehen, wohin, ins Freie hinaus
In feinem Kopf wirbelten die Gedan
ken wild durcheinander. Er lief und
lief immerfort, bis er plötzlich sah, daß
er die Richtung zum Bahnhof genom
men hatte.
Es war ein herrlicher Tag. Tie sin
kende Sonne warf ihre letzten Strah
len durch die Wipfel der sich fchon
bimt färbenden Lindenallee. Ein röt
!icher Schimmer lag auf den alters
grauen Stämmen und auf dem vom
gefallenen Laub bedeckten Wea
Toch der Knabe, ganz von feinem fin
flern Grübeln benommen, sah davon
nichts.
„Guten Tag, Martin," rief da eine
Stimme dicht vor ihm. Er sah auf
und erschrak. Pfarrer Ambrosius war
ihm entgegengekommen.
Im ersten Augenblick war es Mar
tin zu Mute, als müsse er von neuem
davonrennen. Dann aber empfand er
diesen Gedanken als eine Feigheit.
~arum hielt er stand und. zog iie
Mütze zum Gruß.
Der Pfarrer hatte die alte Hilde
brandt besucht. In großer Qual harr
te die arme, einsame Frau ihrer Erlö
sung, und seine Seele lebte noch ganz
in der Trübsalsatmosphäre, aus der
kam. Ihre Not brannte ihm auf
dem Herzen Ach, was beut diefe
Erde, dachte er, was ist nur dies Le
ben Nach kurzer Blüte langes, lang
sames^ Welken, qualvolles Hinsiechen
und Sterben Wir Menschen wä
ren ja die elendesten Kreaturen,
wenn's über uns keinen Himmel gä
be, zu dem die arme Seele im Glau
ben und Hoffen sich emporschwingen
dürfte...
Als aber der Priester nun den Kna
ben erblickte, ging es wie eine weiche
Welle glättend über sein Gesicht. Er
hatte ihn lieb und wußte, daß er das
Vertrauen des Knaben besaß.
Freundlich gab er ihm die Hand.
„Nun, Martin, du schaust ja weder
nach rechts noch links. Was ist's denn
heute mit dir?"
Martin wich des Pfarrers forschen
den Augen nicht aus, obgleich er das
beklmemende Gefühl hatte, daß er wie
ein durchsichtiges Glas vor ihnen sei.
„Sprich, mein Junge." suhr der
Geistliche fort und legte ihm zutrau
lich die Hand auf die Schulter.
Es lag etwas Gewinnendes in der
Art des Pfarrers, dem Martin nicht
zu widerstehen vermochte. Er begann
seinem Herzen Lust zu machen, und
still hörte jener zu.
Als aber Martin in seiner* Erre
gung jetzt trotzig aufbegehrte: „Es ist
unrecht von Vater, mir meine Bücher
zu nehmen", da faßte der Pfarrer
schnell nach der Hand des Knaben,
hielt sie fest und sagte in eindringli
chem Ton: „Martin, Martin, was sind
das für Reden? Komm, wir ge
hen ein Stückchen zusammen, das
bringt dich auf andere Gedanken."
Martin sah mit forschendem Blick
zu dem Mahner empor. Er hatte ge
hofft, bei ihm Beistand zu sinden
denn er dachte daran, wie gut der
Pfarrer stets ihn verstand und wie er
stets liebevoll mit ihm gewesen war.
Hatte er sich in ihm getäuscht? Ließ er
ihn im Stich?
Mit langsamen Schritten gingen
die beiden Seite an Seite in den
schönen Abend hinein.
„Sieh mal, mein Junge," begann
nach langem Schweigen der Pfarrer,
„ist das recht von dir, daß du deinem
Vater trotzig weggelaufen bist? Du
hättest dir wohl sagen sollen: Mein
Vater will nur mein Bestes."
„Nein, mein Vater hat mich nicht
lieb," sagte der Knabe finster.
„Martin, du versündigst dich/
sprach Pfarrer Ambrosius strenge, in
dem er stehen blieb und Martin Arm
ergriff. „Eher will ich dich fragen
Hast du deinen Vater lieb?"
Die Frage kam so unerwartet und
war mit solchem Ernste gestellt, daß sie
den Knaben erschreckte und verwirrte
und er nicht imstande wer, zu ant
Worten.
Und nun redete der Pfarrer ernst
auf ihn ein. Mit fester Hand fing er
an, das häßliche Unkraut des Trotzes
aus dem Herzen des Knaben zu ret
im-T
*$*.,»^
j* 1 "*'.
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Martin horte aufmerksam zu. Wie
ein Freund sprach der Pfarrer zu ihm,
und was er sagte, traf ihn im Gewif
sen. In ein stummes Ringen mit sich
selbst verstrickt, wagte er kein Wort
der Verteidigung. Was vermochte er
wider die Wahrheit? Und es war die
Wahrheit, die Pfarrer Ambrosius zu
ihm sprach.
Dieser sah, wie es in der Brust des
Knaben kämpfte, tote seine ernsten
Worte langsam, aber stetig das Eis
des knabenhaften Trotzes brachen
Aber nachdem das Eis einmal gebro
chen war, siagte Martins gute Natur
über Verstockung und Trotz. Hastig
stieß er die Worte heraus: „Herr Pa
stör, ich sehe es ein, ich habe unrecht
getan und werde meinen Vater um
Verzeihung bitten."
„Das wollte ich hören," sagte der
Pfarrer, und ein Aufleuchten glitt
über fein gutes Gesicht. Langsam strich
er ihm mit der Hand über den Kopf,
indem er fortfuhr, warm und beweg
lich: „Aber sein Unrecht einsehen und
Verzeihung erbitten, sind nur die er
sten schritte zur Besserung, Martin.
Dabei darfst du nicht stehen bleiben.
Ich habe mit Bedauern gesehen, daß
du schon seit langem in einem ver
kehrten Fahrwasser bist. So darf es
nicht weiter gehen? Du mußt energisch
umkehren und alles, was dich vom
Lernen abhält beiseite schieben."
Für einen Moment erschrak Mar
tin. Wußte der Pfarrer von feinem
Erlebnis mit Lucie Horn? Hatten et
wa die Mutter oder Brigitte davon
mit ihm schon geredet?
Mit scheuem Blick sah er ihn an. Er
hatte das beängstigende Gefühl, als
läge fein Innerstes mit seinen geheim
sten Gedanken bloß und offenbar vor
den Augen des Pfarrers. Ties glaub
te er nicht ertragen zu können es
wühlte und brannte in ihm, und glü
hende Röte lag auf feinem Gesicht.
Aber da schauten ihn des Pfarrers
Augen so voll Liebe und Güte an und
zugleich so durchdringend, als wollten
sie sagen: Schämst du dich nicht, Mar
tin, deinem Seelsorger, der dich wie
ein Vater liebt, nicht dein Vertrauen
zu schenken? Habe ich dich nicht in all
den langen Jahren immer merken las
sen, daß ich dich liebe?
Voller Scham wandte Martin sich
ab. Ter Pfarrer follte nicht sehen,
daß ihm die Augen feucht wurden.
Der Geistliche ließ ihn gewähren
und schritt schweigend neben ihm her.
Er wußte, die Saat, die er eben gesät
hatte, würde nicht ohne Frucht blei
ben
Nach einiger Zeit Begann der Pfar
rer von andern Dingen zu reden aber
unter seinen Worten verspürte Martin
ein warmes Gefühl, und eine Freude
wuchs langsam in ihm empor, gleich
beglückend für ihn wie für jenen.
In dieser Stunde ward im gehet
men ein Bund des Vertrauens zwi
schen dem Priester und dem Knaben
geschlossen, der, wenn auch spätere
Zeiten ihn lockerten, doch niemals sich
ganz lösen sollte.
Als Pfarrer Ambrosius am Bahn
hof Abschied nahm, verspürte Martin
einen Drang, ihm die Hand zu küssen.
Aber er unterließ es denn so etwas
galt als unmännlich unter den Gries
heimer Jungen Doch vm seine
Weichheit nicht merken zu lassen, be
schleunigte er den Abschied und ging
eilends nachHaufe.
Zu feiner Verwunderung fand er
die Haustür offen. Ohne zu klingeln,
gelangte er auf die Diele und war int
Begriff, in das Zimmer der Matter
zu gehen, um ihr das Erlebnis mit
dem Pfarrer zu berichten.
Da hörte er im Wohnzimmer die
laute Stimme feines Vaters. Die Tür
stand nur angelehnt. Mit verhaltenem
Atem wurde er so Zeuge eines trau
rigen Auftritts, der feine junge Seele
bis in ihre Tiefen erschütterte.
Es war zu dunkel im Zimmer, als
daß Monika das Gesicht ihres Gatten
noch erkennen konnte, aber aus dem
immer lauter klingenden Ton seiner
stimme merkte sie, wie zornig er war.
Sie schwieg, denn sie wußte, daß
jedes Wort von ihr seinen Zorn nur
noch steigerte. Da trat er in den Licht
schein am Fenster und sah sie mit blit
zenden Augen an.
».Dein ist die Schuld," rief er, und
sie sah, wie wilde Erregung seine Zü
ge verzerrte. „Dein ist die Schuld,
du bist's, die unfern Frieden und un
ser Glück ^zerstörte! Um deines Fana
tismus willen habe ich leiden müssen,
jahrelang ... du hast mir auch den
Knaben entfremdet ... dich klage ich
au."
Monika, dunkle Glut auf den Wan
gen, rang vergeblich nach Worten.
Unaufhaltsam fuhr er fort, ihr
Vorwürfe zu machen. „Deine Kon ses
sion ist es, die zwischen uns steht, die
jedes geistige Band zwischen uns zer
reißt, die mich dir entfremdet und dem
Jungen dazu ...£), ich Tor, daß ich
es zu spät erkannte und nun für im
mer gebunden bin!"
Erregt stürzte er in sein Zimmer.
Montta zuckte zusammen mit lei
chenblassem Gesicht starrte sie auf die
Tür, die sich krachend hinter ihm ge
schlossen hatte. Der Boden begann ihr
unter den Füßen zu wanken, und einer
Ohnmacht nahe, sank sie auf den
Stuhl, der vor ihrem Schreibtisch
stand.
Da fühlte sie etwas Weiches an
ihrer Seite verstört blickte sie um
yj'i«*(Xlji ifMiljil' «!?»?Il I flff «A'SLMt^ata^^iiTMfViti'r -ysr
'A*,.v
Da umfaßte er sie und küßte sie Wie
der und wieder.
i!
Mit ernsten Gedanken kehrte PM
rer Ambrosius von Griesheim nach
Altmünster zurück.
Wenn er an seine Begegnung mit
Martin dachte, so erfüllte inniges
Mitleid feme Seele. Was er einst von
Monika» Ehe vorausgeahnt, hatte sich
langst erfüllt. Schwere Konflikte blie
ben in Mischehen nicht aus, und die
Kinder hatten darunter zu leiden
^a, die armen Kinder gemischter
Ehen, und hier in der Diaspora ganz
besonders!
Seine Zeit erlaubte ihm nicht, sich
so viel, wie er wohl gewollt hätte, um
Martin zu kümmern. Alle acht Tage
der Gottesdienst und die kurzen Reli
gionsstunden einmal in der Woche
Und gerade dieser Knabe bedurfte
Zwiefach der priesterlichen Fürsorge.
Wer weiß, hätte seine Mutter von
Kind an unter dem Einfluß geordne
ter kirchlicher Gemeindeverhältnisse
gestanden, sie hätte wohl Verständnis,
voller bei ihrer Verlobung auf seine
warnende Stimme gehört.
Wieviel schwere Stunden hatte ihm
Monikas Ehe bereitet! Und wenn er
gerecht fein wollte, konnte er dem Dok
tor feinen Unwillen nicht verargen»
konnte es ihm nicht verargen, wenn
es ihm schwer ward, sein einziges
Kind t.n der Konfession der Mutter
aufwachsen zu sehen, besonders, da
vor ihrer Ehe Monika dem Verlobten
so willenlos ergeben gewesen war ..
Es war wahrlich kein leichtes Opfer*
das der Mann seinem Weibe gebracht
hatte. Und so schwer es dem Doktor
ossenbar ward, er hielt das Verspre
chen, das er im Drange der Not gege
ben. Ter Knabe besuchte regelmäßig
den Unterricht und den sonntäglichen
Gottesdienst.
Wenn er so vieler anderer Misch
ehen gedachte, in denen bei Eingehung
der Ehe der evangelische Teil alles
versprochen hatte, was die Kirche tier
langte! Und später das Verspre
chen ward nicht gehalten die Kinder
wurden evangelisch erzogen, und wie
oft kam es vor, daß mit der Zeit auch
der katholische Ehegatte in seiner Re
ligion immer gleichgültiger ward!...
Diese Mischehen waren ein großes
Unglück für die Kirche! Ungezählte
Glieder gingen ihr dadurch verloren.
Und dann der Priester fühlte
Itch fremd in einem solchen Hause er
war den Leuten nur in den seltensten
Fallen^ ein willkommener Gast met
fienS sah man ihn lieber gehen als
kommen, und das erschwerte die Seel-'
sorge doppelt.
Pfarrer Ambrosius seufzte tief und
strich mit der Hand über die gefurchte
^tirn.
Er stand jetzt vor feiner Kirche, die,
durch ein schmiedeeisernes Gitter von
der Straße getrennt, mit seinem
-pfarrhauschen daneben einen fried
lich anheimelnden Anblick bot.
Er trat ins Gotteshaus. Gebeugten
Hauptes schritt er durch das Schiff
zum Altar. Dann kniete er nieder,
barg sein Gesicht in beide Hände und
versuchte zu beten.
Aber er war zerstreut feine Gedan
feit waren noch bei dem Knaben und
lösten sich in wunderlichen Empfin
düngen. Eine Sorgenfalte grub
sich in feine Stirn und gab feinem
Geficht etwas Verändertes, Fremdes.
Der Herr und alle Seine Heiligen
seien gepriesen, der Knabe, um den er
sich sorgte, war doch bis jetzt Seiner
Kirche erhalten geblieben .... Nicht
umsonst hatte er um die Seele dieses
Kindes gtfämwt und aiuch heute
rang es sich von seinen betenden Lip
Pen: „Herr, mein Gott, gib Deinem
-uener Weisheit und Geduld, die
--eele des Kindes zu schützen! Hilf,
day der Knabe sich seinen Glauben
bewahre, und laß ihn nicht verloren
gehen?"
Das Angelus-Läuten traf jetzt des
Priesters Ohr und ließ allmählich un
ter den feierlichen Klängen den Sor
genfchetn ans feinen Augen entwei
chen. Etwas Ahnungsvolles erfüllte
|ein Innerstes. Als wäre ihm eine
Btnde von den Augen genommen,
schaute er wie aus weiter Ferne in
eine friedliche und selige Zukunft: ein
Genchl der Freude überkam ihiL
Und was sieht er plötzlich mit fei
nen geschlossenen Augen Gerade vor
Uch ein schwaches, bläuliches Licht, zit
ternd und wie in Nebel gehüllt. Aber
es wird heller und heller und füllt
bald einen weiten Kreis, in dessen
Mitte sich ein Kreuz erhebt, von vio
letten Strahlen umwoben.
(Fortsetzung folgt)
».•• 4?
SM
i i n i
sich. Zwei Knabenaugen sah sie auf
sich gerichtet. Martin! ... ein Gefühl
jähen Erschreckens und entsetzlicher
Scham zugleich überfiel sie es ging
ihr wie ein Stich durch das Herz:
ihr Kind war Zeuge des traurigen
Auftritts gewesen.
Er hatte den Kopf in den Schoß der
Mutter gelegt und weinte bitterlich.
„Mutter, Vater darf dich nicht
schelten," rang es sich schluchzend von
seinen zitternden Lippen.
„Martin, mein Junge, vergiß, tbaS
du eben gehört hast," sagte Monika
mit gebrochener Stimme und strich
liebkosend mit der Hand über sein
Haar. „Es ist dein Vater, denke ti»
ran."
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Pattern for Reconstruction ....
Economy and Society
A discussion of the relations between economic and social devel
opments. In thirteen briel chapters this learned economist dis
cusses the Division of Labor, the Development of a Social Hier
archy, Congruity of Economics and Social Life, the Nature of
Society, Technology and Its Subversion by Capitalism, Recon
struction of the Social Order, the Vocational Group.
STUDENTS OF THE SOCIAL QUESTION
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Statement of the American Hierarchy on Social
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