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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 05, 1947, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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(Fortsetzung)
Weihevoll hatte sich der Abschieds
gottesdienst gestaltet. Aus tiefbeweg
tem Herzen wünschte Pfarrer Ambro
sius seiner Gemeinde Gottes reichen
Siegen. Den Frauen liefen die Trä
nen- über die Wanden, und aus den
Reihen der Männer vernahm man ein
eigentümliches Räuspern. Nach dem
Gottesdienst drängte sich alt und jung
um ihn. Jeder wollte noch einmal dem
treuen Seelsorger in das Auge sehen,
noch einen letzten Händedruck mit ihm
Mschen.
Dr. Fabricius war froh, sehr froh
über den Fortgang des Pfarrers und
machte aus seinen Empfindungen kein
Hehl. Der herrschende Einfluß des
Pfarrers in seinem Hause war ihm
um so unbequemer geworden, je mehr
er barin das eigentlichen Hindernis
eigenen erfolgreichen EinWirkens aus
seinen Knaben erkennen zu müssen
glaubte.
Seines Junten Art hatte ihm in
der letzten Zeit gar nicht gefallen.
Diese schwärmerische Verehrung für
seinen Pfarrer, dieses beständige Kir
chenlausen und bigotte Wesen: es
war etwas Ungesundes, Krankhaftes
und ihm in tiefster Seele zuwider.
Das alles konnte nur dazu dienen,
das ganze Denken und Empfinden des
Jungen vollends zu verweichlichen,
statt ihn für die Aufgaben dieser
Wirklichkeitswelt brauchbar zu ma
chen. Stand er darin doch so wie so
schon hinter den meisten seiner Alters
genossen zurück und lief, in seine reli
giöfen Ideen verbohrt, wie im Trau
me seinen Weg.
Was hatte es dem Vater geholfen,
iNtfc er ihm seine Bücher genommen,
um sein Interesse ungeteilt seiner
Schul zuzukehren? Was hatte es
genützt, daß er wieder und wieder
Monika auf die Wichtigkeit eines un
gestörten Arbeitens des Knabens für
seine Schule aufmerksam gemacht hat
te? Daß er'» mit wachsendem Eifer
versucht, seinen evangelischen Stand
Punkt mit Nachdruck zur Geltung zu
dringen?
Immer wieder war ihm entgegen
gehalten: „Pfarrer Ambrosius mein
Pfarrer Ambrosius sagt
O, es war zum Verzweifeln! Und
hatte nicht sein Sohn sich sogar bei
dem Priester Rat und Rückenstärkung
geholt, um die religiösen Ansichten
seines Vaters zu bekämpfen, zu wi
derlegen Aber gottlob, daß der
Pfarrer nun fort war! Wäre er ge
blieben, wer weiß, ob er's nicht noch
hätte erleben müssen, daß sein Junge
ein Priester oder gar Ordensmann
wurde? Aber das sollte nun an
ders werden, und es ward wahrhaftig
die höchste Zeit, um Martin die Rau
pen aus dem Kopfe zu nehmen.
Und um vor allem auf dem umstrit
tensten Gebiet gewappnet zu sein, fing
er an, seine im Laufe der Jahre arg
eingerosteten theologischen Kenntnisse
aufzufrischen. Er las wieder ethische,
kirchengeschichtliche Schriften und stu
dierte die Unterscheidungslehren der
Konfessionen zuerst ohne eigent
liche Lust und Neigung, aber allmäh
ilch fesselte der Stoff fein Interesse,
und aus dem anfänglichen Naschen
und Nippen aus diesem und jenem
Martin Augufiitt
Ei» Roma» von M. Scharia»
%sl j» W %.
Buch entfaltete sich ein gründliches
Studieren einzelner wichtiger Fragen,
und es kam so weit, daß sein Geist
nicht satt werden konnte, sich in theolo
gischen Dingen zu bereichern.
Sogar Pastor Goedeke suchte er sich
zu nähern. Allerdings teilte er dessen
orthodoxen Standpunkt nicht denn es
war ja doch nur 311 natürlich, daß er
als Arzt und Mann der Naturwissen
schaft im Geiste fortschrittlich liberaler
Gesinnung seine Studien betrieb und
nur solchen Ansichten huldigte.
Aber Pastor Goedeke war doch trotz
seines salbungsvollen, ihm wenig
sympathischen Wesens und trotz seines
abweichenden Standpunktes ein theo
logisch wohl durchgebildeter Mann,
mit dem sich zuzeiten manch interes
sante Unterhaltung pflegen ließ. Da
her kam es, daß er, anstatt ins Wirts
Haus zu gehen, wohl den Abend im
Pfarrhaus verbrachte oder, in seine
Lektüre vertieft, bis in die Nacht auf
seinem Zimmer saß.
Dabei drängte es ihn, Martin feine
Liebe immer fühlbarer werden zu las
sen und ihm gleichsam Ersatz für den
Fortgang des Priesters zu geben
Und der Knabe hatte Verständnis da
Uir. Sein Herz schwoll vor Stolz und
Freude, wenn er merkte, daß er dem
Vater etwas galt. Welche Freude be
reitete es ihm, den Vater auf seiner
Praxis begleiten zu dürfen! Mit
Staunen erkannte er, welch feiner Na
tu kenn er der Vater war, wie inter
essant er über Vogel- und Pflanzen
leben zu erzählen wußte Voll em
sigen Eifers begann der Knabe zu
botanisieren, Käfer und Schmetteren
ge einzusaugen und unter des Vaters
Leitung sich eine hübsche Sammlung
anzulegen.
Immer inniger gestaltete sich das
Verhältnis zwischen Vater und Sohn.
... So blieb es nicht aus, daß die
Gespräche, die sie miteinander führ
ten, dazu beitrugen, Martin die evan
gelische Lehre in einem andern Lichte
erscheinen zu lassen, als er es sonst
gewohnt gewesen war. Dadurch trat,
ohne daß es dem Knaben zum Be
wußtsein kam, der Mutter Einfluß
gegen den des Vaters zurück.
Monika empfand es schmerzlich. Es
wollte sie bedünken, als v.erliere Mar
tin das Vertrauen zu ihr. Es war
etwas, das in ihr flüsterte: „Paß auf,
es ist Gefahr im Anzüge!". Doch,
durfte sie diesen Stimmen nachgeben?
War es nicht Eisersucht, die daraus
sprach? Sie prüfte sich ernstlich. Es
war so schwer für sie, den richtigen
Weg zu finden. Und immer von neuem
hieß sie die dunklen Stimmen schwei
gen.
„Vater," erzählte Martin heute Bei
Tisch, „weißt du was? Dr. Bengel ist
Dissident!"
„Junge, was weißt du von Dissi
denten?" rief, überrascht von seinem
Teller aufblickend, der Doktor.
Monika, im Begriff, den Knopf der
Tischglocke zu drücken, hielt in ihrer
Bewegung inne und sah erschreckt in
Martins Gesicht. „Dissident? Wie
kommst du darauf?"
„Tie Jungens sagen es alle, er
glaubt nicht, was in der Bibel steht,
er glaubt überhaupt nichts, und
dann ist er doch Dissident."
Monikas Blick glitt unsicher von
ihrem Gatten zum Sohn und vom
Sohne zum Gatten.
Was bedeutete das? ... Drohte
schon wieder durch die Schule dem
Glauben ihres Kindes Gefahr?
Sie wurde ganz verwirrt. Mit der
Rechten zerdrückte sie das Brot in ih
rer Hand. Röte und Blässe wechselten
auf ihrem Gesicht.
Endlich sagte sie heftig: „Laß dir
von den Jungens nichts vorreden,
Martin! Vater hat recht: es ist häß
lich, so von deinem Lehrer zu spre
chen."
Martin schwieg „Aber es ist
doch so ich weiß, was ich weiß," dachte
er bei sich selbst und verzehrte nach
denklich den Rest seiner Suppe, in
dem er einen scheuen Blick auf die
Mutter warf.
Er wußte, wie aufgeregt sie gleich
ward, wenn von Glaubensdingen die
Rede war. Wie würde sie erst erschref
fax und es gleich dem Pfarrer hinter
bringen, wenn er ihr erzählen wollte,
Dr. Bengel hätte in der Naturge
schichtsstunde gesagt, wir Menschen
stammten vom Affen ab!
Und war Dr. Bengel nicht ein viel,
viel netterer Herr als der griesgrä
mige neue Pfarrer? Mochte sein Leh
rer zehnmal Dissident sein, ihm gefiel
er darum nicht schlechter ... Was war
denn dabei? Glaubte denn fein Vater
alles, was in der Bibel stand?
Neulich, als Pastor Goedeke ihn be
suchte, hatte er's gut gemerkt, daß die
beiden verschiedener Ansicht waren.
Auch das mit Jesus war wohl ganz
anders, als er's in der Religions
stunde gelernt hatte, und Wunder gä
be es gar nicht denn sie wären gegen
die Naturgesetze. Dr. Beugel hatte es
offen ausgesprochen, und er war über
zeugt, sein Vater glaubte auch nicbt
daran.
In der letzten Zeit war Martin
überhaupt oft unruhig und nachdenk
lich gewesen. Die Widersprüche zwi
schen der Lehre der Kirche und dem,
was er aus dem Naturgeschichtsunter
ficht seiner Schule empfing, machten
seiner zum Grübeln geneigten Natur
viel zu schaffen. Er stand vor Rätfein,
deren Auflösung er nicht zu finden
vermochte. Wie früher suchte er im
Gebet der Zweifel, die sich in ihm reg
ten, J?err zu werden. Aber ihm fehlte
die Sammlung, und seufzend warf er
sich abends in seinem Bett von einer
Seite auf die andere, und vor dem
quälenden Gefühl innerer Vereinsa
mung und Ratlosigkeit floh ihn der
Schlaf.
In der ersten Zeit hatte er es ver
sucht, während des Unterrichts seinem
Pfarrer gelegentlich Einwürfe zu ma
chen und Fragen zu tun. Aber die
schroffe Zurückweisung, die er erfuhr,
schreckte ihn ab, damit fortzufahren.
„Er weiß es selbst nicht," sagte er
mißmutig zu sich selbst. Und wenn
Pfarrer Engelke in der trockenen,
verstandesmäßigen Weise seine Glau
bensfätze entwickelte, die so gar nichts
von der begeisterten, hingebenden Art
seines Vorgängers hatte, verhielt er
sich innerlich ablehnend dazu.
Eine bittere Enttäuschung ging
durch seine Seele. Warum hatte der
Heiland ihn nicht erhört und ihm ei
nen ebenso lieben Pfarrer geschickt,
wie Pfarrer Ambrosius einer war?
£b sein Gebet zu schwach gewesen?
Nein, er war mit dem festen Glauben
auf Erhörung daran gegangen und
hatte sich bemüht, feine religiösen
Pflichten so treu zu erfüllen, wie er's
Pfarrer Ambrosius beim Abschied ge
lobt hatte.
Und nun flammte der Trotz in
ihm auf. Er zog Gott gleichsam zur
Verantwortung für das, was Er ihm
angetan. War Gott denn nicht selber
schuld, wenn er im Beten nachlässig
würde, und Pfarrer Ambrosius auch,
weil er von ihm gegangen war?
Martin fühlte, wie sein religiöses
Leben ermattete. Er betete wohl noch
jeden Abend, ging auch nach alter
Gewohnheit zur Kirche, aber das per
sönliche Verhältnis zum Heiland war
nicht mehr da. Es bemächtigte sich sei
ner eine wachsende Gleichgültigkeit ge
gen das, was ihm bis dahin als un
umstößliche Wahrheit, als unantast
bares Heiligtum gegolten, und er
empfand es als eine große Erleichte
rung, daß er in kurzem nicht mehr
zum Unterricht zu gehen brauchte.
Dem schärfen Augs sorgender Mut
terliebe konnte die Wandlung, die sich
in. Martins religiösem Denken und
Fühlen vollzog, nicht verborgen blei
ben. Sie sah, daß er ihr auswich, be
sonders wenn sie, wie sie es nach der
Religionsstunde zu tun pflegte, von
fehlte ihm offenbar jegliche Andacht
Er gab sich keine Mühe, feine Lange
weile zu verbergen, und sogar wäh
OHIO WAISENFREUND
1 "Aber, Martin, so von deinem.
Lehrer zu denken!" unterbrach ihn är
flcrlich der Doktor.
Vit MÄhe und Wot im* nach
scharfen Auseinandersetzungen war es
Monika gelungen, durchzusetzen, daß
Martin noch für einige Zeit bei dem
neuen Pfarrer Unterricht nehmen
durfte. „Aber drei Monate nur," hat
te Erich erklärt, „dann ist es ein für
allemal vorbei."
Und Pfarrer Engelke verstand so
gar nicht, sich die Herzen der Kinder
zu gewinnen. Seine große Strenge
stieß sie ab und nahm ihnen die Freu
bigfeit am Besuch seines Unterrichts.
Das war um so bedenklicher, weil so
manche Kinder Mischehen entstamm
ten und die Gefahr nahe lag, sie der
katholischen Religion zu entfremden
nnd in die evangelische Konfession des
Vaters oder der Mutter zu drängen.
Wie sehr entbehrte Monika ihren
alten Pfarrer! War Pfarrer Engelke
der rechte Mann hier für die Gemein
de? So bitter es ihr ward, sie mußte
die Frage verneinen. Er mochte es ja
gut genug meinen, aber ihm fehlte
die Gabe, den Weg zum Herzen fei
ner Pfarrkinder zu finden. Sein zu
rückhaltendes Wesen ließ ihn hochmü
tig erscheinen. Trotz feiner Jugend
zeigte fein Auftreten starkes Selbst
vertrauen, und seine gewählten Ma
nieren, verbunden mit stets tadelloser,
für den geistlichen Stand fast zu welt
licher Kleidung, ließen bei den kleinen
Leuten kein rechtes Vertrauen aufkom
men. Man traute sich nicht an ihn
heran.
Die Bessergestellten dagegen störte
es, daß er sich so gern seiner einfluß
reichen Beziehungen rühmte Das
selbstbewußte, überlegene Lächeln,
das beim Gespräch um seine Lippen
spielte, machte die Unterhaltung mit
ihm wenig behaglich. Man munkelte,
daß erjmr kurze Zeit hier bleiben
werde. Sein jetziges Pfarramt fei nur
der Uebergang in eine höhere Stel
lung, zu der feine Konnexionen ihm
verhelfen würden. Man wollte gehört
haben, daß er zur Militärgeistlichkeit
übertreten würde. Nun, dazu mochte
er sich auch besser eignen als zum ein
fachen Seelsorger einer bunt zusam
mengewürfelten Diasporagemeinde.
Pfarrer Ambrosius lag jedes seiner
Gemeindeglieder am Herzen er kann
te sie alle genau, während sein Nach
folger sich so wenig bemühte, die Ver
Hältnisse der einzelnen Familien ken
nen zu lernen Jetzt erst empfand
Monika fo recht, welch ein Segen ein
eifriger Priester für eine Gemeinde
ist, und zumal.in der Diaspora.
Heute war sie durch Pfarrer En»
gelke aufs neue enttäuscht worden.
Sie hatte mit ihm über Martin ge
sprochen, aber schon nach seinen ersten
Worten empfand sie fein mangelndes
Verständnis für ihre Mutterforgen.
Ungetröstet war sie nachhause zu
rückgekehrt. Wenn sie sich in ihrer
Sorge doch wenigstens an
1
P.
Ambro­
sius wenden könnte! Aber sie wußte,
er liebte es nicht Anfangs hatte
er allerdings ihre Briefe freundlich
beantwortet aber dann schrieb er von
vieler Arbeit und deutete dabei an,
daß er in feinem Orden nicht Zeit
habe, eine rege Privatkorrespondenz
Zu führen, und mit gütigen Worten
hatte er sie an ihren jetzigen Pfarrer
verwiesen.
-Achthätte sie geahnt, wie sehr schon
ihres Lohnes Glaube gefährdet war,
wie viel mehr noch hätte sie sich ge
forgt, wie viel heißer noch mit Gott
um die Seele ihres Kindes gerungen!
Aber fie ahnte es nicht, daß fein
junges Herz, mehr und mehr vom
Zweifel erfaßt, sich von allem, was
ihr heilig war, löste, und daß die Ein
flüsse, die sie für ihn fürchtete, feinen
lebhaften Geist fchon auf eine Bahn
gelenkt hatten, die ihn über kurz oder
long zu völliger Abwendung von der
Kirche führen mußte.
Martin selbst wäre wohl die Rechen
schaft schuldig geblieben, wenn er hätte
jagen sollen, wie es gekommen, daß er
sich Schritt für Schritt immer weiter
von dem Glauben feiner Kirche ent
fernte. Nachhaltiger als bei den mei
sten seiner Altersgenossen hafteten bei
ihm die gelegentlichen freisinnigen
Aeußerungen feiner Lehrer im Unter
rieht, stärker wirkte, was er zuweilen
von Herabsetzung seiner Kirche im
Griesheimer Tageblatt las, in ihm
nach.
Da ergoß ein Artikel seinen Spott
über die Wunder von Lourdes, von
denen (eine Mutter öfters begeistert
ihm erzählt hatte Dann kamen
Angriffe auf die Muttergottes-Ver
ehrung überhaupt und zum Schluß
die Bemerkung, daß man dergleichen
in unserem aufgeklärten Jahrhundert
doch nicht mehr für möglich halten
tollte.
Er war ganz rot geworden, als er

dem Gegenstand des Unterrichts mit unwillkürlich mußte er an manches
ihm zu reden begann. Mürrisch und bittere Wort seines Vaters und Groß
abweisend gab er ihr Antwort, so daß ?aterd denken, die von den Priestern
sie sich fragte: Was ist das für ein legten, sie gingen nur darauf aus, ih
neuer Geist, der in ihn gefahren ist?
S» denen die die Zeitung im
Auge hatte, gehörte auch er Und
re
Schafe in Unwissenheit zu erhalten,
Und Sonntags beim Hochamt f*e bequemer zu ihrem Nutzen
scheren zu können. Und waren der
Vater und Großvater nicht kluge,
wÄterfahrene Männer, die wohl wuß-
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W" vvwvvywi»/ I vyv* V tvilij* ^VkV «VVV/4 (UUQ
rend der Wandlung sah er zerstreut
1005
umher. rer, Dr. Bengel voran, den er vor
Ach, wie hatte sie sich sonst freuen allen andern verehrte, waren doch auch
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studierte Männer, die ihre Behaup
tungen sicherlich nicht aus der Luft
dürfen über feine kindliche Frommig
feit! Lag das mit an dem neuen Pfar
rer, der das jugendliche Gemüt ihres gegriffen hatten.
Knaben nicht anzufassen vermochte?
it .t !r
sie sagten? Und seine Leh
Und waren die Evangelischen denn
"rrrr
schlechtere Menschen "R? KatheM
ken? Ja, war Heinrich Grutschinsky,
außer ihm der einzige Katholik in der
Klasse, nicht ein ganz verlogener,
heimtückischer Geselle, schlechter als ir
gend einer von allen evangelischen
Jungens, und weder er noch einer
von den andern konnten ihn ausstehen.
War's im Grunde nicht ganz ei
nerlei, ob einer katholisch oder evan
gelisch war? Freilich, so fleißig
zur Kirche hielten sich die Evangeli
schen nicht, wie Pastor Engelke es von
feinen Katholiken verlangte^ Aber
kam denn wirklich fo viel darauf an?
So war denn fein erstes, sich um
den sonntäglichen Kirchgang nach
Kräften herumzudrücken und trotzig
nach Ausflüchten zu suchen, wenn
seine Mutter ihm Vorstellungen mach
te. Ja, es überkam ihn fast ein Be
dauern, daß er nicht evangelisch sei
wie sein Vater und sein Großvater
und seine Schulkameraden Aber
feiner Mutter wagte er von solchen
Gedanken nichts zu sagen. Dazu lieb
te er sie doch zu sehr und wußte im
voraus, wie sie sich darüber grämen
würde.
Auch sonst hatte er keine Gelegen
heit, feine ketzerischen Gedanken laut
werden zu lassen ... In der Schule,
im Verkehr mit den Kameraden war
von seiner katholischen Konfession
kaum je die Rede. Selbst im Ge
schichtsunterricht, wenn die Reforma
tionszeit daran kam, vermied der
Lehrer, was fein Empfinden hätte
verletzen können Aber gestern in
der Pause hatte es doch einen Auftritt
gegeben, der in feiner gegenwärtigen
Verfassung nicht ohne Wirkung blieb.
»Still, Döring, der Katholik
darf fo etwas nicht hören," hatte Pe
ter Meyer «gerufen, als Marlin zu
einer Gruppe von Jungens heran
trat.
Alle hatten ihn angesehen, und dun
feirot war er geworden.
»Was darf ich nicht hören?" fragte
er aufbrausend. „Wollt ihr mich ver
höhnen
»Na, man ruhig, mein Alter," sag
te Kurt Meßmer in väterlichem Ton.
«Sieh, wir lesen gerade was Inter
essantes aus der Bibel, und Peter
Meyer meint, das dürftest du nicht."
„Mein Alter sagt auch," schrie
Hans Reimers mit feiner piepsenden
Stimme dazwischen, „die Katholiken
dürfen die Bibel nicht lesen."
Martin warf ihm einen verächtli
chen Blick zu und wandte sich zu Kurt
Meßmer. „Unsinn, Meßmer, ich bin
kein solcher Duckmäuser und kann die
Bibel vielleicht besser vertragen als
Ihr."
„Aber dann kommst du in die Höl
le," fiel Hans Reimers wieder ein.
„Oder wenigstens ins Fegfeuer,"
sagte Kurt Meßmer lachend.
„Blödsinn!" erwiderte Martin in
überlegenem Ton. „Wer glaubt noch
an die Hölle? Glaubt ihr denn daran?
Wollen wir glauben, was unsere Leh
rer nicht glauben? Habt ihr schon
vergessen, was Dr. Bengel uns neu
lich sagte?"
Staunend sahen die Jungens ihn
an. „Mensch, was ist in dich gefah
ren?" rief Franz Döring endlich
»Was sagt dazu bloß deine Alte?"
„Ach was, meine Mutter, die ver
steht davon nichts, und der werd' ich's
auch wohl erzählen!" entgegnete Mar
tin prahlerisch und knabenhaft roh.
Die Knaben brachen in lautes Ge
lächter aus, aber ihm schlug das Ge
wissen ... Er wurde rot und war
innerlich froh, daß das Eintreten des
Lehrers der Unterhaltung ein jähes
Ende machte.
Die ganze Stunde mußte er noch
daran denken. Er schämte sich vor sich
selbst feiner Worte. „Aber wahr ist es
doch," sprach er in Gedanken zu sich,
„meine Mutter würde mich nicht ver
stehen, wollte ich ihr's sagen, daß ich
nicht WöHk glaube, was sie glaubt."
XIII.
So jährte sich zum zweitenmal der
Tag, da Pfarrer Ambrosius Altmün
ster verlassen hatte.
Martin war jetzt sechzehn Jahre alt.
Das knabenhafte Wesen verschwand
mehr und mehr, und er entwickelte
sich zu einem schlanken Jüngling, der
anfing, auf fein Aeußeres zu halten
und in feinem Benehmen den jungen
Herrn zu markieren.
Sein Betragen galt in der Schule
für lobenswert im Gegensatz zu Al
fred, der wegen Faulheit, Frechheit
und schlimmer Streiche aus einer Un
tersuchung in die andere geriet, aus
denen er wenig rühmlich hervorging.
Aber je selbständiger Martin ward
in seinem Denken und Tun, desto mehr
fühlte Monika sich aus seinem Herzen
verdrängt. Er war für sie nicht mehr
derselbe wie früher. Damals hatte er
sie verstanden und ihr tiefstes Empfin
den in Freude und Leid mit ihr ge
teilt. Aber jetzt war es ihr fo oft, als
fei dieses ahnende Verstehen von ihm
gewichen, als sei er ihr fremd gewor
den ... Gewiß, er war ja noch im
mer ein guter Sohn, der ihr mit Ehr
erbietung und Liebe begegnete aber
die Mutter war ihm doch nicht mehr
die Erste, das merkte sie wohl. Sein
Vertrauen, seine Liebe galt jetzt in
erster Linie dem Vater ihr gegen
über wie bitter sie das empfand!
war er verschlossen, zuzeiten sogar
mißmutig.
5, April
Dennoch legte sie sich Schweigen
auf und tat, als bemerke sie nichts
von Martins verändertem Wesen,
weil sie fürchtete, durch eine Ausspra
che ihn sich immer noch mehr zu ent
fremden. Ihre geheime Angst behielt
sie für sich aber mit Pfarrer Engelke
glaubte sie über ihre Wahrnehmun
gen sprechen zu müssen.
„Herr Pfarrer," sagte sie, „es lst
mir schrecklich, es aussprechen zu müs
sen, ja es nur zu denken aber ich
fürchte, mein Sohn ist im GlauMtz
wankend geworden."
Pfarrer Engelke war das Gespräch
sichtlich unbequem. Nachdenklich sah
er auf feine wohlgepflegten Hände,
durch deren weiße Haut die Adern so
blau hindurchschimmerten, und be
trachtete die blankpolierten Nägel mit
den tadellos weißen Halbmonden fciv
rauf.
-v:
Dann räusperte et sich und schlug
die Augen auf. Ueber Monika weg
fielen sie auf die vergoldete Stutzuhr,
ein Geschenk des Fürsten Erling, in
dessen Haufe er einige Jahre als Ka
plan gelebt hatte Halbzwölf wies
der Zeiger um Zwölf ging der Zug,
mit dem er nach Hamburg fahren.
wollte.
Er runzelte leicht die Stirn, seilte
elegante Gestalt geriet ein wenig in
Unruhe. Es- war ihm ein Bedürfnis,
von Zeit zu Zeit Großstadtluft zu
atmen und sich dort Anregung bei den
Konfratres zu holen .. Die Altmün
fterer und Griesheimer Gemeinden
machte ihm viel Mühe und A erg er
desto mehr Recht hatte er, sich eine
Erholung zu gönnen Und ein
Mann wie er, auf den die Professoren
stets besondere Hoffnungen gesetzt, ein
Mann mit seinen glänzenden Zeug
nissen, seinen gesellschaftlichen For
men durfte hier in der Mission doch
nicht verbauern. Es wurde Zeit, daß
man seiner am gegebenen Orte endlich
gedachte und ihm einen Posten gäbe,
der seinen Fähigkeiten und seiner
Persönlichkeit besser entsprach.
»Hm, hm," räusperte er sich, un
sicher, was er antworten sollte. „Wie
ich Ihnen schon früher sagte, gnädige
Frau, Sie fehen Gespenster, Sie ma
chen sich unnötige Torgen. Was soll
te es fein? Martin steht in den Iah
ren, die alle jungen Leute durchma
chen müssen, und in denen sie nichts
weniger als liebenswürdig sind:
ich meine die Flegeljahre Ich
kann Sie versichern, abgesehen von
einem gewissen mürrischen und stör
rischen Wesen, das ich ihm aus dem
erwähnten Grunde zugute halte, ist
mir Nachteiliges wirklich noch nicht
an ihm aufgefallen Nein, wirk
lich, Sie sehen zu schwarz, wenn Sie
annehmen, er habe an seinem Glauben
Schiffbruch gelitten. Ich habe an ihm
noch nichts dergleichen bemerkt."
Aber feine beruhigenden Worte
konnten Monikas Zweifel nicht ban
nen. Mit feuchtem Blick fah sie in fem
unbewegtesGesicht, indem fie umsonst
nach einer Spur innerer Anteilnahme
an ihrer Mutterforge suchte.
.»Ich glaube in dem Herzen meines
Kindes lesen zu können, Herr Pfar
rer. Gott gebe, daß ich mich täu
sche! Ach, ich habe schon so viel
Bitteres erlebt! Aber das Bitterste
wäre mir doch, wenn mein Kind sei»
nen Glauben verlöre."
»Die Sorge überlassen Sie mir,
verehrte Frau Doktor," erwiderte er
höflich und kühl... „Ich glaube sicher
zu fein, daß Sie sich täuschen. Jedoch
werde ich, um Sie zu beruhigen, ein
mal ernsthaft mit Martin sprechen."
Aber der Pfarrer war's, der sich
einer Täuschung hingab. Immer grö
ßere Zweifel regten sich bei Martin.
Seine stürmisch fragende Seele such
te er zu beruhigen, indem er sich Aus
klärung verschaffte. Er las eifrig in
den Büchern des Vaters. Aber was
sie ihm boten, vermochte er nur zum
Teil zu verstehen, und dann nahm er
sich vor, alle überflüssigen Fragen und
Grübeleien überhaupt beiseite zu las
sen. Doch fein Bemühen war umsonst.
Er geriet immer tiefer in eine Gedern
fenvertoirrung hinein, in der er sich
nicht^mehr zurechtfinden konnte. Sei
ne Stimmung ward immer düsterer,
und eine Beklemmung legte sich wie
ein fester Ring um fein Herz.
Nur um feiner Mutter eine Freude
zu machen, ohne eigene innere Anteil
nahme besuchte er von Zeit zu Zeit
noch die Kirche. Er entschuldigte sich
damit, der liebe Gott wohne doch
überall, und er könne Ihn überall in
der weiten Schöpfung verehren.
Seine ehrliche Natur sträubte sich,
mit einer Lüge vor den Altar zu tre
ten. Ihn verlangte nach Wahrheit mtd
Klarheit, und Unehrlichkeit dünkte es
ihn, wenn er, fo wie es um ihn stand,
zur Beichte gehen wollte. Und auch
zwischen der Mutter und ihm mußte
es endlich zur Wahrheit und Klarheit
kommen. Bis tief in die Nacht lag er
wach. Er war ein Ungläubiger und
wußte, daß er kein Anrecht mehr be
faß, sich zur Gemeinschaft der Kirche
zu zählen.
Wieder stand Ostern vor der Tür.
Am Palmsonntag sollten feine evan
gelischen Kameraden konfirmiert wer
den. Es machte sich wie von selbst, daß
auch in der Schule das Gespräch da
rauf kam.
(Fortsetzung folg»)

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