OCR Interpretation


Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 12, 1947, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

Image and text provided by Ohio History Connection, Columbus, OH

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn91069201/1947-04-12/ed-1/seq-6/

What is OCR?


Thumbnail for

(Fortsetzung)
„Wie ist es denn bei euch, Martin?"
fragte Franz Döring. „Mein Vater
sagt, ihr zieht alle mit Kerzen in der
Hand und die Mädchen in weißen
Kleidern und Kranz und Schleier, wie
bei uns die Bräute, durch eure Kirche,
der Pastor voran Ist es so?
Ich will hin und es sehen, wie sie die
Kerzen tragen."
..Ja,-- sagte Hans Reimers, „und
meine Alto erzählte: erst müssen alle
zur Beichte Du, Martin, das
möchte ich nicht das miiB unange
nehm sein, wenn man dem Priester
alles sagen muß, waS man getan und
nicht getan hat. Und einen Rosen
kranz haben sie auch Sag mal,
was macht ihr eigentlich mit dem Ro
senkranz?"
Martin wurde rot und schwieg.
„Ach, was geht euch das an!" sagte
er endlich. „Ihr versteht es ja doch
nicht."
„Siehst du, Franz," sagte Hans
Reimers, „sie haben allerlei Geheim
nisse dabei, wovon wir nichts wissen
sollen Aber mein Vater hat auch
gesagt, die Katholiken scheuen das
Licht und es wäre ein Jammer, daß
Katholisch Trumps ist im Deutschen
Reich, und sie können es gar nicht
vertragen, daß unser Kaiser evange
lisch ist.. Das Zentrum ist die groß
te Gefahr sür das Deutsche Reich, sagt
mein Alter. Ter Papst geht ihnen
über alles, auch über Kaiser und Va
terland."
Martin bebte vor Zorn. „So, sagt
das dein Vater?" entgegnete er, sich
zur Ruhe zwingend. „Dann höre auch,
was ich dir sage: Ich bin ein ebenso
guter Deutscher wie du, wenn ich auch
katholisch bin, und wenn du's nicht
glauben willst, will ich dir zeigen, was
deutsche Fäuste sind."
„Mensch, Fabricius. nur nicht so
hitzig! Wie kann dich ärgern, was so
ein Schafskops sagt!" redete Franz
Döring zum Frieden. „Das ist ja
lauter dummes Gewäsch Keiner
von uns denkt darum schlechter von
dir, weil du katholisch bist So
und nun gebt euch die Hand und der
tragt euch."
„Ich meinte es ja nicht böse," sagte
Hans Reimers beschämt, als er sah,
daß die ganze Korona sich auf Mar
tins Seite stellte denn alle hatten ihn
gern.
Aber das an sich so geringfügige
Ereignis ließ in Martins Seele einen
Stachel zurück. „Soll ich mich darum
als schlechteren Deutschen ansehen las
sen, weil ich katholisch bin? Was die
dummen Jungens sagen, hohen sie
von ihren Vätern ausgeschnappt
Vater und Großvater sind doch auch
protestantisch ... Ja, wenn ich ein
Mädchen wäre! Aber ich bin ein Jun
ge, und bei den Söhnen gehört es
sich, da sie nach der Konsession des
Vaters gehen. In andern Mischehen,
bei Kaufmann Tammann ist es auch
so weil die Mutter evangelisch ist,
sind die Töchter es auch. Warum soll
es bei uns anders sein? Nein,
ich will und will nicht katholisch blei
ben. Morgenden Tag oder lieber gleich
Heute will ich mit Vater darüber spre
chm."
Und der Zufall begünstigte seine
Absicht. Als Martin am Nachmittag
von Altmünster nachhause kam, war
seine Mutter bei Frau Dr. Hoppe
zum Tee und sein Vater eben von der
Praxis zurückgekehrt.
Da erzählte er, was er in der Schu
le gehört hatte, und fügte tastend und
zögernd zuerst, dann als er die Wir
kung seiner Worte wahrnahm, mit
fester Entschlossenheit das Bekenntnis
seiner Absicht hinzu.
Martin hätte es kaum für möglich
gehalten, daß das ernste Gesicht des
Vaters sich so verändern könnte
Zitternd vor Erregung und Freude,
schloß er den Sohn in seine Arme.
„Martin, mein Junge, du bist jetzt
alt genug, nach bestem Wissen und
Gewissen selbst deine Entscheidung zu
treffen. Gott helfe dir, das Rechte zu
finden!"
Aus dem strahlenden Blick des Va
ters erkannte Martin, welch eine
Freude ihm seine Aussprache gemacht
hatte, und das stärkte ihn in seinem
Entschluß.
Toch dann dachte er an die Mutter
it&d an das Leid, das er ihr antun
wollte.
„Aber Mutter," sagte er zaghaft
seine Stimme zitterte, „wie soll
ich ihr's sagen?"
„Ja, Kind, sie wird schwer daran
tragen," antwortete der Doktor, und
ein plötzliches Mitleid überflog auch
ihn. Er dachte daran, wie er selbst all
die Jahre darunter gelitten, daß sein
Sohn nicht seiner Konfession angehör
te. Aber er durfte sich sagen, daß das
Leid, das Monika erwartete, nicht
durch sein unmittelbares Einwirken
_ir "r *1
Ur'n i' L«
Msrtm Augufim
Ei» Roma« toon 9B» Scharl«»
hervorgerufen war, und aus dieser
Erwägung heraus fuhr er fort:
„Der Schritt, den du tun willst, ist
zu bedeutungsvoll, als daß du ihn
überstürzen darfst. Ueberlog dir dei
neu Entschluß noch einmal gründlich,
mein Junge. Ich will mich jeder Ein
Mischung enthalten, aber sprich auch
noch nicht zu deiner Mutter darüber.
Es handelt sich um eine Sache, die du
ganz allein mit dir ausmachen mußt,
in die weder ich noch deine Mutter
uns einmischen dürfen."
So war denn Martin bemüht, seine
Mutter nichts von feinem Vorhaben
merken zu lassen. Aber seine Unruhe
ward deshalb nur um so größer, und
das qualvolle Fragen lastete schwer
auf feiner jungen Seele: Wie fange
ich'S an, wie bringe ich es ihr bei?
Der Tag des Schulfchlusfes kam,
der Sonnabend vor den Osterferien.
Alle Klassen und das ganze Lehrer
kollegium waren in der Aula versam
melt. Bevor der Direktor die Ver
setzungen bekannt gab, wandte er sich
in warmen Worten an die Abiturien
ten, die heute zum letztenmal in der
Mitte ihrer Mitschüler weilten.
Ernst wies er sie hin auf die Be
deutung, die dieser Tag als Abschluß
einer langen Schulzeit als Anfang
einer Zeit ungebundener Freiheit für
ihr Leben gewinnen sollte. Er sprach
bewegteren Herzens als sonst denn
auch sein eigener Sohn war unter den
Abiturienten. Seine Rede ging seinen
Schülern zu Herzen er ließ sie aus
klingen in ein Wort Juvenals, seines
Lieblingspoeten: V.itam impendere
i'cro Das Leben opfere auf für
die Wahrheit.
Einen lebendigen Widerhall fand
feine Rede bei Martin. Der Kampf
um die Wahrheit war's ja, der seine
Seele so schwer bedrängte Vitam
impendere vera: darauf ging auch
fein Streben hinaus, und dafür durfte
ihm kein Opfer zu groß sein.
Seine Gedanken waren noch bei der
Abschiedsrede, als der Direktor längst
mit der Verlesung der Versetzungen
begonnen hatte, und es berührte ihn
kaum, als er unter denen, die in die
Oberfekmtda aufrücken sollten, auch
feinen eigenen Namen hörte. Ihm
war das Herz so schwer, daß gar
keine rechte Freude über die glücklich
erlangte Versetzung in ihm cntft'om
men wollte.
Und als am nächsten Morgen die
Glocken von St. Petri zum Gottes
dienst läuteten, stand Martin vor sei
ner Mutter. Sein Entschluß war ge
faßt, und ein ungewohnter Ernst lag
auf feinen Zügen.
„Mutter, ich muß dir etwas sa
gen," begann er und dann, seine
ganze Kraft zusammennehmend, als
fürchte er, in seinem Vorsatz wieder
wankend zu werden, stieß er's heraus,
plötzlich und ganz unvermittelt:
„Mutter, ich will evangelisch werden."
Nun war es gesagt. Tief, wie von
einer unerträglichen Last befreit, at
mete er auf. Röte und Blässe wechsel
ten auf fei neu Wangen, und ein star
rer Glanz war in seinen Augen.
Monika fuhr auf. Unwillkürlich
streckte sie die Arme aus. „Was sagst
du?" schrie sie laut. Martin,
Martin!"
Sein Herz zog sich zusammen bei
dem Schmerzensruf seiner Mutter,
aber es gab für ihn kein Zurück mehr,
und mit vor Aufregung zitternder
Stimme wiederholte er: „Ich weiß,
daß es dir weh tut, Mutter, aber ich
kann nicht anders ... Ich will prote
stantisch werden."
Die junge Stimme klang rauh und
heifer, und fürchterlich gellten die
Worte in Monikas Ohren.
„O Martin!" Wieder streckte sie
die Arme nach ihm aus angstvoll
lagen ihre Blicke auf seinen Zügen,
die in ihrer gewaltsamen Anspannung
ihr so verändert, so fremd erschienen.
„Kind, komm zu dir! Tu weißt ja
nicht, was du sagst! Es kann ja dein
Ernst nicht sein!"
Blaß und starr sah er vor sich nie
der. Sie sah, wie es in ihm kämpfte.
„Mutter, ich kann nicht mehr glauben,
was deine Kirche lehrt."
Ta schluchzte sie aus, ihre Pupillen
erweiterten sich in furchtbarem Ent
setzen. Eine jähe Blutwelle legte sich
wie ein Schleier vor ihre Augen, sie
sah ihren Knaben nicht mehr, nur den
heifern Klang seiner Worte vernahm
sie.
Sie bemühte sich, ruhig zu werden.
Mit starken Schritten durchmaß sie
das Zimmer.
Mit bebendem Herzen sah Martin
den Schmerz seiner Mutter und doch
spürte er in seiner Brust ein Gefühl
der Erleichterung, der Freude.
„Habe ich darum all die Jahre ge
kämpft und so viel Bitteres ertra
gen, daß auch dieser Schlag mich tref­
Ü»'.
fen mutz?" murmelte sie vor sich W.
„Ach, meine Ahnung, meine Ah.
nitnß!"
Aber dann raffte sie sich auf und
wandte sich ihrem Kinde zu.
„O Martin, welchen Schmerz berei
test du mir!" kam es stoßweiße von
ihren Lippen. „Du bist katholisch ge
tauft und erzogen Die heilige
Kirche hat dich mit ihrem Blute ge
nährt, und du willst ein feiger Flücht
ling, ein Abtrünniger werden, willst
deinen Glauben verlassen?".
Ihre Erregung wuchs, drohend hob
sic die Hand zum Himmel, indem sie
mit gehobener Stimme fortfuhr:
„Soll's auch von dir einmal heißen:
Geht hin, ihr Verfluchten!?".
Er empfand die Worte der Mutter
wie einen schlag ins Gesicht. „Mut
ter, die Evangelischen sind keine Ver
fluchten."
„Nein," rief sie bebend, „da hast
du recht: die Evangelischen sind feine
Verfluchten. Aber du wirst es sein,
wenn du von der wahren Kirche dich
lossagst.".
Dann faßte sie seine Hand.
„Besinne dich doch, mein Junge,"
fuhr fie in weichem Tone fort, „du
bist ja noch ein halbes Kind du kannst
die Bedeutung des Schrittes noch nicht
ermessen, welchen du tun willst
Denkst du denn gar nicht an mich,
habe ich es dir jemals an Liebe fehlen
lassen?"
Ter weiche, zärtliche Toil ihrer
Worte weckte etwas wie Reue in sei
nem Herzen aber dann biß er die
Zähne fest zusammen und machte sich
hart Ihm war es, als hörte er
wieder die Stimme seines Direktors:
Vitam impendere vero und unbe
irrt, als ob ihn der Schmerz seiner
Mutter gar nicht berühre, und einen
Schritt sich von ihr entfernend, sagte
er heftig:
„Mutter, warum erregst du dich
so?. Ich will doch nichts Schlechtes.
Hast du dich denn nicht auch evange
lisch trauen lassen? Frau Pastor Goe
deke hat es mir erzählt Und du
kannst doch nicht anders sagen, als
daß Vater, der treu zu seiner Kirche
steht, als Protestant ein ebenso guter
Ehrist ist, wie du es bist, und Groß
vater auch. Es tut mir ja leid, daß ich
dir den Kummer bereite, aber ge
gen meine Ueberzeugung bleibe ich
nicht katholisch."
Er sprach es fest und entschlossen.
Seine Augen blitzten, und fein gan
zer Körper war in Erregung.
Monika fühlte, wie alles um sie
her zu wanken begann. Das Blut
glühte und jagte in ihren Adern. Herr
Gott, der eigene Sohn tritt als An
kläger gegen sie auf! Starr sieht Mo
nika ihn an. Die Lippen zusammen
pressend und sich von ihm abwendend,
wirft sie sich vor ihrem Stuhl auf die
Knie. Sic ist sich wie eine Verurteilte,
wie eine Gerichtete. Und ist ihr Sohn
nicht im Recht Darf sie ihm Vorwür
fe machen?
Im Zimmer ist es totenstill. Feier
lich tönen vom Turm der Kirche die
einzelnen Schläge der Betglocke her
über Nun legen in der evangeli
schen Kirche die Kinder ihr Konfirma
tionsgelübde ab.
Martin ficht, wie seine Mutter let
•bet ihm ist, als sei sie plötzlich um
Jahre älter geworden. Da erfaßt ihn
nanienlofe Angst, und das Herz fließt
ihm über vor Liebe zu feiner Mutter.
Hätte er die ganze Schwere dieser
Stunde vorausgewußt, ob er nicht
geschwiegen hätte?
Leise nähert er sich der Knieenden.
„Mutter, liebe Mutter!" Zaghaft legt
er seine Hand aus ihre Schulter
Da fährt sie empor, da blickt si-1 ihn
an so traurig, so hoffnungslos, daß
er erschrickt und die Worte nicht wi^
•der findet, die sich ihm auf die Lippen
drängen.
Ta, da stand ihr Sohn wie
er dem Vater glich, Zug für Zug!
Bis dahin war ihr das noch niemals
fo zum Bewußtfein gekommen.
„Martin," flüstert sie, „mein ar
nies, armes Kind."
Tränenden Auges sieht sie ihn an.
Ta schüttelt er leise das Haupt,
und sie weiß, daß sie ihn verloren
hat
In ihren Hoffnungen Betrogen und
ganz benommen von ihrem Schmerz,
tritt fie ans Fenster und wendet ihm
den Rücken Sie sieht Pfarrer
Ambrosius sie hört seine warnende
Stimme .. „Ter Tag der Reue wird
kommen ." Ja. der Tag der
Reue ist da. Tie Schuld, die sie lange
begraben glaubte, steht von neuem mit
flammender Schrift vor ihrer Seele.
Ihr eigener Sohn hat sie daran erin
nert und ihr damit gleichsam die
Waffe aus der Hand genommen, die
sie gegen ihn kehren wollte.
Trostlos starrt sie in die leere Luft
vor sich hin Sie sieht nicht die
Angst in dem Gesicht ihres Knaben,
der mit leisem Schritt traurig das
Zimmer verläßt.
XIV.
Wie die Zeit eilte! Nun waren es
schon vier Wochen, seit Martin zum
Unterricht zu Pastor Goedeke ging.
Zusammenschaudernd hob -die ver
einfamte Frau die Hände und preßte
sie fest gegen die Schläfen. O diese lan
gen, qualvollen Nächte, da kein Schlaf
in ihre Augen kam! Die Nerven beb
ten in wilder Flucht jagten sich die
OHIO WAISENFREUND
Gedemkett, und selbst das Ticken tier
Uhr tat ihr weh.
Mit der Kraft der Verzweiflung
hatte Monika um ihren Sohn ge
kämpft. Mit Flehen und Drohen, in
heiligem Ernst und in den weichen
Tönen heißer Mutterliebe redete sie
ans ihn ein. Sie sprach zu ihm von
ihrer Schuld und versuchte ihn ver
stehen zu lassen, wie tief sie sie bereut,
wie schwer sie darunter gelitten hatte.
Immer wieder beschwor sie ihn, aber
all ihr Ringen blieb vergeblich. Hart
und fest bestand er auf seinem Vor
satz.
Monika wurde alt in dieser Zeit.
Ihre Gestalt war gebeugt wie eine
Blume, die am Verwelken ist. Furchen
zogen sich über ihre Wangen ihr Haar
war stark ergraut, und ihre Augen
waren von dem vielen Weinen trübe
geworden.
Ter Doktor sah ihren Kummer,
aber er hütete sich wohl, mit ihr über
diesen Punkt zu sprechen. Es war am
bequemsten so. Er hatte sich den Jun
gen noch einmal ordentlich vorgenom
men, ihn in ernsten Worten auf die
Bedeutung seines Schrittes aufmerk
sam gemacht und auch Pastor Goedeke
gebeten, ein gleiches zu tun.
Als aber der Knabe mit festem
Entschluß vor ihm gestanden, den Blick
mit freudigem Leuchten zu ihm erho
ben, da hatte er ihm wie segnend die
Hand aufs Haupt gelegt, und dann
war nicht mehr darüber geredet wor
den.
Und noch eine gab es im Hause, die
schmerzcrfüllt ihre Augen auf Martin
richtete: Brigitte. Sie stand wie vor
einem Rätsel, ür das sie keine Lösung
fand.
Wie war es nur möglich, daß er
den Glauben verleugnen wollte, in
dem er getauft und erzogen war?
Aber sie hatte es ja von Anfang
an gefürchtet. Schon diese protestanti
sche Trauung. Ein gutes Ende konnte
dabei nicht herauskommen Und
Martins Unglaube, was war er an
ders als das Erbteil von fernem Va
ter, der auch ihre heilige Kirche für
nichts geachtet? Und war der Herr
Senator anders? Ach, sie kann
te ihn ja all die Jahre her, fett er ihre
erste Herrin in dieses Land der Ketzer
geführt hatte! War er nicht immer ein
Gegner ihrer heiligen Kirche gewe
sen?
Und dann diese Kutderfreundfchaft
mit Herta, dieser Verkehr in dem
Hause des protestantischen Pastors.
Und nachher diese täglichen Eisen
Kahnfahrten nach Altmünster. Was
mochte er da von den andern Jungen
alles gehört haben? Und dann
diese gelehrte Schule mit ihren gott
losen Lehren und den heidnischen
Sprachen! Die Gelehrten, die Ver
kehrten, das hatte sie immer gesagt,
und sie hatte es lange gemerkt, wie
Martins christkatholifcher Glaube dar
unter zu Grunde ging. Aber hatte es
etwas genützt, daß sie ihre Herrin ge
warnt „Das find Tinge, Bri
gitte, die im nicht verstehst," war je
desmal die Antwort gewesen ... Aber
nun zeigte sich, wer recht gehabt hatte.
Sie schüttelte den Kopf über den un
verzeihlichen Leichtsinn, durch den ih
re Herrin die Religion des Knaben fo
in Gefahr gebracht hatte. Nun war
das Elend da, und zum zweitenmal
mußte sie es erfahren: Wer nicht hö
ren will, muß fühlen Aber bitter
lich leid tat die Herrin ihr doch, und
wie viel mehr das unglückliche Kind,
das sie auf den Armen getragen, das
sie von klein auf gehegt und das nun
trotzig und blind in die Hölle lief!
Sie dachte daran, wie sie am Palm
fomitagabend noch spät auf feine Stu
be gekommen war, um ihm noch ein
mal zu Herzen zu reden Martin
lag schon im Bett, fein Gesicht war so
weiß wie der Kalk an der Wand, und
Tränen liefen ihm über die Backen.
Er weinte um feine Mutter ... ja, ja,
er hatte ein weiches Gemüt, und sie
hatte gehofft, daß Gott Gnade geben
würde zu ihren Worten.
Himmel und Hölle hatte sie ihm vor
Augen gestellt. In leuchtenden Far
ben hatte sie ihm die Herrlichkeit ihrer
Kirche gepriesen, der er den Rücken
wenden wollte Tas Leid und den
Kummer und die Liebe feiner Mutter
hatte sie ihm vorgehalten Aber
was war das Ende gewesen?
„Tu meinst es ja gut, Brigitte,
aber du redest von Dingen, die du nicht
verstehst Darum, daß ich ein Lu
themuer werden will, habe ich meine
Mutter nicht weniger lieb, und der
liebe Gott ist derselbe für Katholiken
und Protestanten, Brigitte."
„Schweig, du entartetes Kind!"
hatte sie entrüstet gerufen. „Aber
ich weiß es, es ist der Teufel, der deine
Gedanken verwirrt."
Aber da kaum traute sie ihren
Ohren 0, nur mit Zittern konnte
sie daran denken! „Ach, bleib mir mit
deinem Teufel vom Leibe, Brigitte.
Damit schreckt man nur noch Kinder
und alte Weiber."
Wie erstarrt stand sie. Wollte er sie
verhöhnen „Martin, Martin, ist es
schon so weit mit dir gekommen, daß
du nicht einmal mehr an den Teufel
glaubst?"
Und ohne eine weiteres Wort hatte
sie ihn verlassen. Sie wußte es selbst
nicht mehr, wie sie aus der Stube ge
kommen, so hatte sie sich ob seiner
Gottlosigkeit entsetzt.
2—5
*so mußten ihn die beiden Frauen
mit sehenden Augen den selbstgewähl
ten Weg gehen lassen. Monika kam
sich vor wie eine Mutter, die vom
Ufer aus ihr Kind am Ertrinken sieht
und es nicht erreichen, ihm nicht
helfen kann.
Und keiner, bei dem sie Beistand
fand! Sie war in ihrem Kampf um
die Seele ihres Kindes ganz auf sich
selbst Angewiesen.
Ihr Pfarrer? Ja, er war doch
nicht nur überrascht, sondern, wie es
Monika schien, sogar betrübt, als sie
ihm das Geschehene sagte. „So hat ihr
Mutterauge doch schärfer gesehen als
meines," sagte er zögernd Und
dann versuchte er Martins habhaft zu
werden. Er wollte versuchen, mit Lie
be und Geduld auf ihn einzuwirken.
Aber die Zeit war verpaßt, es gelang
ihm nicht mehr.
Natürlich gewährte Martins Kon
verfionsabsicht Pastor Goedeke leb
hafte Freude und eine große Genug
tuung Mit Eifer und Liebe be
schloß er, des verlornen und nun wie
dergefundenen Schäfleins sich anzu
nehmen.
Aber trotzdem war Pastor Goedeke
nicht der Mann, Martins leicht beweg
liches, phantasievolles Gemüt durch
feinen Unterricht in den ausgetretenen
Geleifen einer starren Orthodoxie zu
fesseln und auszufüllen.
Statt sich in die Seele feines Schü
lers zu versetzen und schlicht und ein
fach zu seinem Herzen zu sprechen, er
ging er sich nach seiner Gewohnheit in
hochtönenden Worten, aus denen
Martin nichts mitnahm. Kam ihm der
Knabe mit Fragen und Zweifeln, eil
te er mit allerlei Redensarten flüchtig
darüber hinweg, und Martin blieb
unbefriedigt.
Ja, es kam Martin so vor, als ken
ne der Pastor die katholischen Lehren
gar nicht, über die er bei seiner Aus
einandersetzung der Lehrunterfchiede
fo wegwerfend urteilte, aber ein paar
mißlungene Versuche, zu widerspre
chen, und die Scheu vor der selbstbe
wußten Würde des geistlichen Herrn
hielten ihn ab, ihm entgegenzuhalten:
„So ist es ja gar nicht Pfarrer Am
brosius hat es mir ganz anders ge
sagt."
Darüber ward Martin mehr und
mehr feinem Jubenalifchen Wahl
fpruch untreu, den er sich int Feuer
der ersten Begeisterung erwählt hatte.
Statt das Leben für die Wahrheit
einzusetzen, schwieg er und ließ mit
innerem Widerspruch die umständli
chen Ausführungen Pastor Goedekes
über sich ergehen, froh, daß der Un
terricht endlich ein Ende nahm und
der Tag erschien, da feine Aufnahme
in die evangelische Kirche erfolgen
sollte Und so konnte es denn ja
nicht ausbleiben, daß auch die bedeut
same Feier im Gotteshaus das erlö
schende Feuer in Martins Brust nicht
zu neuer Glut entflammte, und er
unzufrieden mit sich selbst und mit
feiner neuen Kirche nachHaufe kam.
Aber er nahm sich zusammen. Die
Seinen, vor^allem die Mutter, sollten
nicht merken, wie friedlos es in ihm
aussah. Durch verdoppelte Liehe such
te er die Mutter, deren traurig for
schende Blicke in feinem Herzen zu
lefen schienen, mit dem zu versöhnen,
was nun einmal geschehen war.
Die Liebe des Vaters bot ihm Er
satz für das, was er aufgegeben hatte.
Mochte er in früheren Jahren nur
lähmende Furcht empfunden, mochte
es Zeiten gegeben haben, wo er sich
losgefühlt von dem, was Vater und
ohn miteinander verbindet das
Blut des Vaters, das er ererbt, hatte
sich nicht zum Schweigen bringen las
sen. Ja, er fühlte es klar in immer
heller aufleuchtender Erkenntnis: er
gehörte zum Vater und der Vater zu
ihm.
XV.
In Dr. Fabricius ging von dem
Tage an, seit welchem Martin der
evangelischen Kirche angehörte, eine
eigenartige Veränderung vor. Ein
Gefühl großer Befriedigung beherrsch
te ihn. Tie Schwäche, in der er einst
gegen seine Ueberzeugung gefehlt, war
gesühnt. Stolz blickte er auf feinen
Sohlt und ohne Beschämung durste
er wieder auf die Bilder feiner Eltern
schauen.
Und er durfte sich fagen, daß er das
fein i ge getan hatte, seinen Knaben den
verhängnisvollen Schritt nicht leicht
sinnig tun zu lassen. Nicht ohne Ab
sicht hatte er vermieden, Martin ge
waltsam zu sich herüber zu ziehen. An
feinem gegebenen Wort hatte er fest
gehalten aber fein Vorbild, feine vom
evangelischen Geist durchdrungene
Persönlichkeit war nicht ohne Einfluß
auf den Sohn geblieben. Das sich sa
gen zu dürfen, erfüllte ihn mit Freu
de.
Aber je mehr ihn das Gefühl der
Befriedigung durchströmte, desto mehr
schwand die Erbitterung, die er bis
dahin gegen sein Weib gehegt hatte.
Sie tat ihm aufrichtig leid, ein großes
Mitleid erwachte in ihm, als er sah,
wie sie unter dem harten Schlage zu
sammenbrach. Er kannte sie zu genau,
um nicht zu wissen, daß sie niemals
den Schmerz verwinden werde, den
Martin ihr nicht hatte ersparen fön
nen.
Und m:t dem Mitleid erwachte das
Gedenfen an die innige Liebe, mit der
....5 1-
sein Weib ihn umfangen, mit der sie
seine bösen Launen ertragen und nach
jeder Demütigung, jeder Kränkung,
die er ihr angetan, dennoch immer
wieder zu neuer Hingabe sich aufge
schwungen hatte Ja, wenn er es
recht bedachte, war nicht durch das
traurige Schicksal, das ihn betroffen,
fein evangelischer Glaube gewachsen
und erstarkt? Im Grunde hatte er es
dem treuen Festhalten Monikas an ih
rer Kirche zu danken, daß er sich jetzt
des Wertes seines evangelischen Chri
stentums wirklich bewußt geworden
war und nun auch fest zu feiner Kir
che stand.
Und dann wunderte er sich über die
Menge von Erinnerungen, die in ihm
zum Leben erwachten. Da waren die
Stunden, wo Monika voll Verlangen
sich in feine Arme geschmiegt, aber er
hatte sie von sich gestoßen sein Herz
war kalt geblieben, nichts hatte ihn zu
ihr getrieben. Statt dessen hatte er
zornig einen Grund um den andern
hervorgesucht, der ihn in seiner ableh
nenden Stimmung bestärkte.
Dr. Fabricius fand keine Ruhe.
Immer mehr Vergangenes drängte
sich ans Sicht. Stets war sie die Ge
duldige gewesen, und so oft es ein
Zerwürfnis gegeben, war sie immer
zuerst gekommen und hatte um Ver
zeihung gebeten. Er wollte nicht daran
denken, aber mit unwiderstehlicher Ge
walt zogen die peinvollen Erinnerun
gen ihn immer wieder in ihren Bann.
Lag die Schuld wirklich nur auf
Monikas Seite, wie er so oft es sich
eingeredet und ihr zum Vorwurf ge
macht hatte Wäre nicht vieles anders
geworden, manche bittere Stunde ihm
und seinem Weibe erspart geblieben,
hätte er konsequent und mannhaft die
unumgänglichen Folgen feines Zuge
ständniffes auf sich genommen, das et
Monika wegen der Konfession ihres
Kindes gemacht? Hätte er es nicht ver
suchen müssen, Monikas Standpunkt
zu verstehen? Hätte er nicht gerade bei
feiner freieren Anschauung die Twld
am feit beweisen sollen, deren die
evangelischen Christen den Anders
gläubigen gegenüber so gerne sich
rühmen? Daran hatte er's fehlen
lassen, und er konnte sich nicht frei
sprechen von Schuld, die den Riß all
mählich unüberbrückbar gemacht.
(Fortsetzung folgt)
3m weiße« Kleid
(Fortsetzung von Seite 8)
Feierabend gemacht haben. Dann wird
diese Jugend kommen und am frischen
Morgen in neuer Arbeit dort fort
fahren, wo wir aufhörten. Zukunfts
frohlocken zieht heute durch die Hallen
des Gotteshauses:
„Die da werden unsere Erben sein,
nicht die Erben unseres Vermögens,
das haben wir ganz für sie aufge
wandt, und oft genug ist es uns sauer
geworden, daß es langte —, aber die
Erben unserer Pläne, unserer Mühen,
unseres Schaffens, unseres Jahrhun
derts, unseres Lebens, das sollen sie
sein. Sie sind das neue Geschlecht, die
Werdenden, die Frucht jener Saat, die
wir einst ausgesät."
Wie fie da stehen im weißen Kleide,
sind sie der Eltern bange Sorge.
Ohne Sorge ist ein Vater- und
Mutterherz ja nie. Wo es das Liebste
gilt, was sie haben, 'da entraten sie
nicht der Sorge:
»Was wird aus diesem Kinde wer
den?"
Einst war es so schön, als sie noch
lustig spielten und auf die Erzählun
gen der Mutter gespannt lauschten.
Vorbei, vorbei! Nun naht das, was
sie „das Leben" nennen. Es greift
mit harter Faust zu, und manchen
zerzaust es wild. Wird es ihnen gnä
dig sein und Glück und Himmelssegen
auf ihre Pfade regnen lassen? Wer
den sie das weiße Kleid von heute be?
wahren und unbefleckt tragen bis hin
auf vor Gottes Thron? Werden sie eS
lohnen bis in die späten Tage hinein,
alles das, was Vater und Mutter an
ihnen getan
Wie wird's werden? Aettgstliche
Fragen. Darum sind heute die Eltern
im Gotteshaus fo still und stumm und
klein und wischen sich verstohlen eine
Träne aus dem Auge. Sie beten leise,
beten für sich und ihr Kind, da unten
irrt stillen Winkel.
Wie sie da stehen im weißen Klei&g,
find sie allen eilte eindringliche Pre
digt:
Wo wir heute stehen, da standet ihr
einst.
Was wir heute hier gesprochen, dcch
Wort vom „Widersagen" und vom
„Glauben", das sprächet ihr hier einst.
Was wir hier heute unserrn Gott
im Himmel gelobt, das gelobtet ihr
Ihm einst.
Habt ihr es gehalten? Besitzt ihr
noch das weiße Kleid Seiner Gnade,
Seiner Liebe, eurer Tugend und Un
schuld? „Wenn ihr nicht werdet wie
wir Kinder .. ."
Da horchen alle auf. Das ernste
Wort klopft an die Pforten der Seele.
Sie tun sich auf.
Niemand vermag die Erinnerungen
an jene Stunden von sich zu weisen,
wo auch er zum ersten Mal vor de»
Alter im weißen Kleide!
V-»
f.
12. Apr#
e
R.S.
.»«.«•'Ss.h.-S. I i '»^'41

xml | txt