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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, May 10, 1947, Ausgabe der 'Wanderer', Image 7

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1
„Das ist ein einträgliches Geschäft,"
sagte Steinhauer mit einem forschen
den Blick auf die schmalen Hände des
Arbeiters. „Wenn Ihr Euer Hand
werk versteht, kann es Euch an Ar
beit nicht fehlen."
„Wenn nicht der Klecken auf mir
ruhte!"
„Verschweigt ihn
„Das nützt nichts. Jeder Meister
will Papiere sehen. Lege ich sie vor,
dann heißt es gleich, ein Goldschmied
könne keinen Dieb in seiner Werkstatt
brauchen. Und sage ick. ich hätte sie
verloren, dann zeigt man mir auch,
wo der Zimmermann das Loch gelas
sen. hat. Ich könnte Tarator werden
ich kenne jeden Edelstein. Aber wem
soll ich meine Dienste anbieten?"
„Mir nicht, ich habe nichts zu taxie
reit," spottete der Makler. „Macht,
daß Ihr fortkommt! Ick fürchte, mei
ne Taschen sind vor Euren Händen
nicht sicher."
„Sagen Sie mir das nicht noch
einmal!" fuhr der Arbeiter zornig
auf. „Ich lasse mich nicht voy. jedem
Menschen beleidigen."
Der Makler lachte höhnisch. Aber
der drohende Blick seines Gegners be
wog ihn doch, seinen Stock fester zu
umfassen.
„Marsch, fort!" Befahl er. „Hinten
an der Ecke steht ein. Polizist. Wenn
ich ihn rufe, so erhaltet Ihr freies
Quartier!"
Mit einem Fluch schritt der Arbei
ter von dornten. Er bog in die nächste
Seitengasse ein und war nach einer
Viertelstunde wieder dem Makler aus
den Fersen, der jetzt mit rascheren
Schritten seinen. Weg fortsetzte.
Steinhauer sah sick nicht mehr um.
Er dachte nun ernstlich an die Ab
reise. Hätte er nicht an der Hoffnung
festgehalten, daß Baron Rüdiger mit
ihm unterhandeln und,^ wenn auch
nicht die ganze Summe, so doch einen
Teil derselben zahlen werde, so würde
er vielleicht noch an diesem Abend die
Flucht ergriffeil haben. Für ihn un
terlag es feinem Zweifel mehr, daß
die Befürchtungen Grabenmachers be
gründet waren und die Polizei die
richtige Fährte gefunden hatte. So
lange sie feine Beweise besaß, war sie
zur Haussuchung und Verhaftung
nicht berechtigt ein Zufall aber fonn
te ihr diese Beweise in die Hände spie
len, und dann zögerte sie sicherlich fei
nen Augenblick, den Schuldigen hin
ter Schloß und Riegel zu setzen. Da
rum wollte er vor allem seinen Raub
in Sicherheit bringen.
Er hatte endliche seine Wohnung
erreicht. Die Wucht, mit welcher er
die Haustüre hinter sich zuwarf, zeug
te von seiner gewaltigen Erregung.
An dieser Haustüre schritt gleich
darauf der Arbeiter mit ärgerlicher
Miene vorbei.
„Wieder nichts!" murmelte er,
„Entweder ist dieser Mann ein gerie
bener Fuchs oder Schwanenberg
irrt sich in seinen Vermutungen."
Er war eben in eine andere Straße
eingebogen, als Schwanenberg plötz
lich vor ihm stand. Onkel Heinrich war
sichtlich erregt und rang mühsam nach
Atem.
„Nun?" fragte er mit heiserer
Stimme. „Haben Sie noch immer
nichts entdeckt?"
„Nichts!" antwortete der Gehetnv
beamte. „Ich bin in der Kneipe gewe
sen Steinhauer war dort
p'fty
«Rottes Muhten
Momau do» Her«a»« von der ttsftl
(Fortsetzung)
Der Wirt zeigte mir grob die Türe,
als ich darauf anspielte, daß ich gute
Kameraden suche, und der Makler
warf mir mit der sittlichen Entrüstung
eines ehrlichen Mannes ein Almosen
hin. Dmn bin ich dein Makler ge
folgt, um ihn zu beobachten: ich hoff
te, er würde einen Juwelier oder
Bankier besuchen, um seinen Raub
anzubieten, aber er ist in seine
Wohnung gegangen."
„Vortrefflich!" sagte Schwanen
berg erfreut. „In dieser Stunde hoffe
ich ihn zu fassen."
„Sie?" fragte der Beamte mit lei
sem Spott.
„Jawohl, ich! Mein Schwager war
heute nachmittag ebenfalls in der
Kneipe. Und wissen Sie, was er dort
gesehen hat? Im Hinterzimmer lag
der Tisch voll Geld und Wertpapiere,
auch einige Etuis, wie man sie in den
Juwelierläden sieht, waren dabei. Die
Halunken haben jedenfalls den Raub
geteilt. Ich begreife nur nicht, daß
sie es nicht hinter verschlossenen Türen
taten und sich dabei überraschen lie
ßen. Indessen die Dummheiten sind
dafür da, daß sie gemacht werden. Ich
bin nun auf dem Wege zu meiner
Wohnung. Das Guckloch im Fußboden
ist fertig ich hoffe ihn zu ertap
pen, wie er vor seinen Schätzen sitzt
und den Raub berechnet."
„Alle Wetter, dann hätten wir das
Spiel gewonnen!" sagte der Beamte.
„Wenn Ihnen das gelingt, dann kom
men Sie sofort zu mir ich werde oh
ne Verzug die Haussuchung anord
nen."
„Ich habe einen besseren Plan,"
fuhr Onkel Heinrich mit pfiffiger
Miene fort. „Wir müssen den Kerl bei
seinen Schätzen überraschen. Wie lan
ge dauert's, bis Sie Ihre Vorberei
tungen getroffen haben?"
„Höchstens eine halbe Stunde." i
„Bis dahin werde ich ebenfalls ser
tig sein. Kommen Sie mit Ihren Be
amten in die Straße. Sehen Sie an
meinem Fenster ein weißes Tuch, so
ist die Sache richtig. Sobald Sie läu
ten, gehe ich hinunter und sorge, daß
der Makler die Türe öffnet."
„Gut!" nickte der Beamte nach kur
zem Nachdenken. „In einer halben
Stunde bin ich zur Stelle. Sollte
Steinhauer vorher ausgehen wollen,
so müssen Sie ihn unter irgend ei
nem Vorwande in feiner Wohnung
zurückhalten. Ihr Plan ist gut. Ich
erinnere mich nun auch, daß seine
vollen Rocktaschen mir aufgefallen
sind. Gehen Sie, wir dürfen keinen
Augenblick verlieren!"
Die beiden trennten sich und Onkel
Heinrich sollte sich, als er in seiner
Wohnung angelangt war, in seinen
Vermutungen nicht getäuscht sehen.
Der Makler saß unten vor dem
Tisch und sortierte die Edelsteine, die
er je nach Größe und Farbe in meh
rere Schachteln verteilte. Die Wert
papie.re und Schmucketuis lagen eben
falls vor ihm.
Als er sein Geschäft beendet hatte,
ging er ins Nebenzimmer, aus dem
er bald mit einem kleinen Handkoffer
zurückkehrte. Nun begann er, seine
Schätze behutsam in den Koffer zu
legen. Dabei zitterte er heftig
wofil aus Angst. Endlich schloß er den
Koffer zu und legte ihn auf einen
Stuhl. Jetzt atmete er tief auf und
ließ den stechenden Blick durch das
Zimmer schweifen, als ob er fürchte,
in irgend einer Ecke einen Späher zu
entdecken. Plötzlich fuhr er erschrocken
zusammen die Hausglocke ertönte
gellend. Sein Blick hastete starr auf
der Türe.
Wer kam da? Galt ihm dieser Be
such?
Abermals zuckte er zusammen, als
er. das Klopfen an seiner Türe ver
nahm.
„Wer ist da?" fragte er rauh.
„Ich," antwortete draußen Schwa
nenberg, „ich möchte einige Worte mit
Euch reden."
„Ich hob' keine Lust zum Schwät
zen," sagte der Makler in seiner gro
ben Weise, „kommt morgen wieder."
„Mein Schwager schickt mich."
„Baron Rüdiger?"
„Jawohl. Ich soll Euch einen Vor
schlag machen, der mir sehr annehm
bar zu sein scheint."
Der Makler öffnete die Türe, aber
entsetzt prallte er zurück, als sein Blick
auf die Polizeibeamten fiel, die hin
ter dem ihm wohlbekannten Arbeiter
standen.
Man ließ ihm keine Zeit, seine Fas
sung wieder zu gewinnen. Der Ge
Heimbeamte war rasch eingetreten, sein
Blick schweifte suchend durch das Zim
mer.
„Ich verhafte Sie im Namen des
Gesetzes!" sagte er nun.
„Sie mich verhaften?" rief Stein
Hauer. „Warum? Wissen Sie, wer ich
bin? Ein ehrlicher Mann, der dem
Staate seine Steuern zahlt, und dem
niemand etwas Unrechtes vorwerfen
kann. Sie werden das bezeugen rnüs
sen, Hr. Schwanenberg. Hier liegt je
den falls ein Irrtum vor, für den ich
volle Genugtuung verlange."
„Wo ist der Raub?" wandte sich der
Beamte zu Onkel Heinrich.
Ein Ausruf der Wut entfuhr den
Lippen ^teinhauers, als Schwanen
berg auf den Handkoffer deutete.
„Elender! Wollen Sie mich ver
dächtigen rief er. „Nehmen Sie sich
in Acht! Tie Verleumdung wird auf
Sie selbst zurückfallen."
Der Beamte öffnete den Koffer
seine Leute mußten ihre ganze Kraft
aufbieten, um den Makler festzuhal
ten, der in seiner Wut sich auf ihn
stürzen wollte.
„Da haben wir die Beweise," sagte
er triumphierend. „Holen Sie Ihre
Frau Schwägerin, Hr. Schwanenberg.
Wir werden dann sogleich erfahren,
ob diese Papiere und Schmucksachen
ihr Eigentum sind. Legt dem Gefan
genen Handschellen an!"
Der Befehl wurde ausgeführt trotz
des Protestes, den Steinhauer dage
gen erhob. Bald nachher trat Frau
Grube ein, die ihr Eigentum sofort
erkannte und mit zitternden Händen
in dem Koffer wühlte.
„Es ist nicht alles," klagte sie, „es
fehlt noch viel!"
„Das übrige wird sich bei dem Wirt
Grabenmacher finden," erwiderte der
Beamte. „Den Schlüssel zu dieser
Wohnung nehme ich mit, Madame.
Achten Sie darauf, daß niemand die
Zimmer betritt. Uebermorgen soll hier
Haussuchung gehalten werden."
Der Makler mochte wohl erkennen,
daß ihm jetzt nichts anderes mehr
übrig blieb, als sich in sein Schicksal
zu ergeben. Mit einem Blick voll Haß
und Nachsucht nahm er Abschied von
Schwanenberg, dann folgte er schwer
gend den Beamten, die ihn ins Ge
fängnis führen sollten-
Onkel Heinrich aber erhob stolz das
Haupt, als er sich mit seiner Schwä
gerin allein sah.
„Was sagst du nun?" fragte er mit
triumphierendem Lächeln. „Bereust du
nun, mir die Wohnung vermietet zu
haben?"
„Schaff mir nun auch u6ch das
übrige," erwiderte sie seufzend „es ist
viel, viel mehr, was ich verloren ha
be."
„Na, na, warte es ab! Die Kum
pane des Maklers werden nun auch
verhaftet werden. Was man bei ihnen
findet, erhältst du zurück. Und wenn
auch nichts weiter gerettet würde, so
wärest du mir doch Dank schuldig. Die
Polizei allein hätte es dir nicht wie
der verschafft."
»Ich sehe das ja ein und erkenne
es auch dankbar an," klagte sie, „aber
nun liegt auch das noch da oben hin
ter verschlossenen Türen, und ich weiß
nicht—"
"Es wird dir übermorgen ausge
händigt werden, sobald das Gericht
die Haussuchung vorgenommen und
ein Protokoll darüber ausgefertigt
hat."
„lind .wann werde ich das übrige
erhalten?"
„Ich weiß es nicht, aber ich habe
da wieder einmal den Beweis erhal
ten, daß Undank der Welt Lohn ist,"
sagte Onkel Heinrich ärgerlich. Dann
vorließ er das Haus, um seinem
Schwager, dem Armenarzt, seine Hel
dentat zu berichten.
15. Der Fluch der böse» Tat
Kühl und unfreundlich stand Georg
von Grüttner seinem Schwager Ar
chimbald gegenüber.
„Rüdiger hat uns gewissermaßen
gezwungen, ihn hierher zu begleiten,"
sagte er in trotzigem Tone: »wir sol
len hier Enthüllungen hören, die un
ser bisheriges Urteil über dick aufhe
öen. Ich glaube nicht daran, aber Ir
ma ließ sich bereden, und so wollen
wir denn hören, was man uns sagen
wird."
„Und ich baue mit Zuversicht da
rauf, daß dieser Tag uns allen den
Frieden zurückgeben wird," erwiderte
Rüdiger, dem Bruder einen halb war
nenden, halb begütigenden Blick zu
werfend. „Urteilen wir erst dann,
wenn Strombeck uns seine Mitteilun
gen gemacht hat."
„Ich kann mir nicht denken, was er
UNS
sagen wird," nahm Abraham
Kent das Wort, der sich schon in der
Morgenfrühe auf dem Gute seines
Schwiegersohnes eingefunden «hatte.
„Was kann er wissen von der Ursache
des plötzlichen Todes? Oder will er
jetzt noch geltend machen eine Forde
rung, die er gehabt hat an den Ver
storbenen?"
„Das ist nicht wohl anzunehmen,"
entgegnete Archimbald. der in dem
großen Speisezimmer, in welchem die
Versammlung stattfinden sollte, mit
sichtbarer Ungeduld auf und nieder
wanderte. „Wenn mein Vater ihn an
seinem Todestage hier erwartet hat,
wie der frühere Verwalter behauptet,
dann muß er auch wohl näher mit ihm
bekannt gewesen sein dies geht auch
aus der Erklärung hervor, die er Rü
diger darüber gegeben hat."
„Der frühere Verwalter ist gestern
abends verhaftet worden," sagte Rü
bioer, „mit ihm zugleich Gottfried
Grabenmacher, der ehemalige Kam
merdiener unseres Vaters."
„Aus welchen Gründen?" fragte
Archimbald erregt. „Hast du ihre Ver
haftung beantragt? Haben sie auch
dir ihre böse, verleumderische Zunge
verkaufen wollen?"
„Das wollte Steinhauer aller
dings," sagte Rüdiger, „aber ich lehn
te den unsauberen Handel ab und
drohte mit dem Staatsanwalt. Mein
Schwager Schwanenberg hat die Bur
)chen entlarvt. Steinhauer stand an
der Spitze einer verwegenen Verbre
cherbeutde, die aller Wahrscheinlichkeit
nach auch Sie, Hr. Kern, beraubt hat.
Grabenmacher war der Hehler. Die
beiden sind nun dingfest gemacht, und
morgen soll die Haussuchung bei ih
nett stattfinden man hofft, dabei man
chem noch dunklen Verbrechen auf die
Spur zu kommen."
„So sind diese Verleumder endlich
unschädlich!" sagte Archimbald mit ei
nein tiefen Atemzuge. „Es hat lange
gedauert, und bis zur letzten Stunde
haben sie mit ihrer Rachsucht mich
verfolgt. Sie fanden überall Glauben
mit ihren boshaften Verdächtigungen,
selbst bei denen, die mich hätten ver
teidigen müssen."
„Müssen?" erwiderte Grüttner
scharf. „Wenn dieses Wort auf uns
gemünzt 'sein soll, dann möchte ich dich
fragen, ob du Rüdiger oder mich ver
teidigt hast, als wir uns mit deinem
Vater überwarfen hatten. Wer hat
uns damals verdächtigt?"
„Ich nicht," rief Archimbald ent
rüstet. „Wer euch das Gegenteil sagt,
der hat euch belogen, um uns zu ent
zweien. Ich farm's nicht beweisen, euch
auch nicht zwingen, mir Glauben zu
schenken aber auf mein Ehrenwort
erkläre ich euch, daß ich niemals zwi
scheu einem von euch und dem Vater
gestanden. Konnte ich feine Versöh
nung herbeiführen, so lag die Schuld
dafür an dem geringen Einfluß, den
ich auf den Vater besaß, gewiß nicht
an meinem guten Willen. Und wenn
ich dennoch damals gefehlt haben soll
te, so habe ich auch bitter dafür büßen
müssen. Ich weiß wohl, du und Irma,
ihr habt mich der Erbschleicherei be
schuldigt dort auf dem Tische liegt
eine genaue Aufstellung der gesamten
Hinterlassenschaft .Prüft sie, dann ur
tei.lt, ob euer Vorwurf begründet ist."
„Es waren nur Schulden zu er
ben," bemerkte Abraham Kern, das
weiße Haupt schüttelnd. „Lieber Gott,
ich muß es doch wissen, bin ich ja ge
wesen der Hauptgläubiger!"
„Wer es nicht glauben will, der
mag die Papiere dort prüfen," fügte
Archimbald in herbem Tone hinzu.
„Es ist bitter, von seinen eigenen Ge
schwistern verkannt und geschmäht zu
werden ich habe auch das auf mich
nehmen und schwer darunter leiden
müssen."
In diesem Augenblick meldete der
Diener die Ankunft Strombecks, der
gleich darauf eintrat. Nachdem der
Bankier die Anwesenden begrüßt und
ein Glas Wein getrunken hatte, sah er
die Blicke aller voll Spannung und
Ungeduld auf sich gerichtet.
„So muß ich denn nun enthüllen,
was ich seit fünfundzwanzig Jahren
als Geheimnis streng bewahrt habe,"
nahm er mit einem schweren Atem
zuge das Wort, während er mit der
Hand langsam über Stirn und Au
gen fuhr. „Wie Sie auch darüber den
ken mögen, holten Sie fest an dem
Glaubetl, daß ich in dieser ernsten
Stunde Ihnen die volle Wahrheit sa
ge. Ich war in jener Zeit Direktor
einer Bankgefellschaft. Durch meinen
rastlosen Fleiß und durch meine
Kenntnisse hatte ich mich zu diesem
Vertrauensposten emporgeschwungen.
Wo und wie ich mit dem Herrn Ba
ron Theobald von Weniger bekannt
wurde, tut weiter nichts zur Sache
ich lernte ihn kennen, und er schien
Gefallen an mir zu finden. Er war
damals schon ein leidenschaftlicher
Spieler, aber ich wußte das nicht. Ich
wußte nur, daß er sich häufig in Geld
verlegenheit befand und daß er
mit meinem Bankverein in
geschäftliche Verbindung zu treten, um
sich mit seinen Gläubigern zu arran
gieren. Er schlug mir das vor, ich
mußte ablehnen. Dennoch blieb er ge
gen mich freundlich und liebenswür
dig. Er lud mich häufig ein, ihn auf
seinem Gut zu besuchen ich lehnte
auch das ab, weil ich die Wiederho
lung seines Wunsches bezüglich der
Geschäftsverbindung fürchtete.
„Eines abends hatten wir wieder
eine Flasche Wein mit einander ge
trunken ... es war alter, schwerer
Wein ... Ich befand mich in jener
erregten Stimmung, in der man nur
zu leicht geneigt ist, eine unüberlegte
Handlung zu begehen. So wurde es
dem Baron Theobald nicht schwer,
mich in eine andere Weinschenke zu
führen, die mir bis dahin gänzlich
unbekannt gewesen war. Tie elegante
Ausstattung der Salons, der feurige
Wein und die distinguierte Gesellschaft
sagten ganz meinem Geschmacke zu
ich befand mich zum ersten Mal in
meinem Leben in einer Spielhölle,
ohne von der Gefährlichkeit dieses
Ortes die leiseste Ahnung zu haben.
„Bevor das Spiel begann, wurde
ich zur Verschwiegenheit auf Ehren
wort verpflichtet dieselbe Verpflich
hing gingen alle Anwesenden auch ge
gen mich ein. Der Reiz des Neuen
lockte mich ... ich beteiligte mich am
Spiel und gewann an jenem Abend
eine nicht unbedeutende Summe. Tie
ser Gewinn war nicht geeignet, mich
meine Verirrung bereuen zu lassen.
Meine Leidenschaft war erwacht, ich
dachte nicht an die Möglichkeit eines
großen Verlustes im Gegenteil, ich
glaubte, nun auf dem besten Wege zu
sein, mir das nötige Kapital zur
Gründung eines eigenen Bankge
schäfts zu erwerben. So fand ich mich
denn an den folgenden Abenden wie
der am Spieltisch ein. Was ich ge
wann oder verlor, war nicht bedeu
tend, aber meine Leidenschaft wuchs.
„Tann kam ein Abend, an dem
Baron Theobald Bankhalter war. Er
verlangte hohe Einsätze, und da alle
sich dieser Bedingung unterwarfen,
wollte ich nicht zurückhalten. An die
sein Abend wandte das Glück mir den
Rücken. Das Bargeld, das ich bei mir
führte, hatte ich bald verloren ich
spielte auf Ehrenwort, und Barott
Theobald streckte mir die Summe vor.
Und als das Spiel geschlossen wurde,
schuldete ich dent Bankhalter fünftau
fend Taler."
Strombeck machte eine Pause. Er
fuhr mit dem Taschentuch über seine
"asse Stirn und griff mit zitternder
Hand nach dem Glase. Matt sah ihm
an, wie schwer ihm diese Geständnisse
wurden.
„Jener Abend hat mein ganzes
übriges Leben vergiftet," fuhr er fort.
«Die harten Schicksalsschläge, die mich
trafen, riefen mir immer wieder mei
nen Leichtsinn ins Gedächtnis zurück.
Als ich am andern Tage erwachte, war
ich der Verzweiflung nahe. Woher
sollte ich das Geld nehmen, um die
Ehrenschuld zu decken? Ich besaß kein
Vermögen, und an einen Wucherer
durfte ich mich nicht wenden denn
kam mein Leichtsinn an den Tag, so
wurde ich unzweifelhaft aus meiner
Stellung entlassen, und alle meine
Hoffnungen auf die Zukunft waren
vernichtet. In jener furchtbaren
Stunde gelobte ich mir, nie wieder
im -spiel das Glück auf die Probe zu
stellen mit diesem Gelübde aber, das
ich bis heute treulich gehalten habe,
war die Schuld nicht getilgt.
„Ich ging noch an demselben Tage
zu dem Baron, der mich freundlich
wie immer empfing. Ich setzte ihm
meine Verhältnisse auseinander und
schlug ihm die Tilgung der Schuld in
monatlichen Raten vor. Er lachte an
fangs über meinen Vorschlag, versuch
te auch, meinen Entschluß zu erschüt
tern, indem er auf die Möglichkeit
hinwies, daß ich ja den ganzen Be
trag und noch mehr wieder gewinnen
körnte. Als ich fest blieb, wurde er
zornig. Eine Ehrenschuld müsse spä
testen» binnen drei Tagen getilgt wer
den, sagte, er das hätte ich bedenken
sollen, als ich auf Ehrenwort weiter
spielte. Er selbst werde von seinen
Gläubigern auch gedrängt, er könne
sie nicht mit leeren Worten abspeisen,
wie ich es bei ihm versuche seine Sa
chefei es nicht, zu untersuchen, ob ich
zahlen könne. Er wolle aber Geduld
haben, fuhr er dann fort, wenn ich
ihn mit dem Bankverein in Geschäfts
Verbindung bringe der Verein solle
die gesamte Schuld, die auf dem Gut
ruhe, gegen ortsübliche Zinsen über
nehmen und außerdem ihm einen Kre
1)it eröffnen, den er nicht mißbrauchen
werde.
„Diese Bedingung konnte ich nicht
erfüllen. Ich kannte jetzt die zerrütte
ten Verhältnisse des Barons das
Vertrauen, welches der Bankverein
mir schenkte, durfte und wollte ich nicht
mißbrauchen. Meine Weigerung reiz
te ihn nur noch mehr. Er fagte mir
mit dürren Worten, er müsse das Geld
um jeden Preis binnen drei Tagen
haben. Wenn ich dieser Forderung
nicht vllnktlich nachkomme, so werde
er Mittel und Wege zu finden wissen,
mich zur Zahwng zu zwingen, und
sollte er sich auch zu diesem Zweck an
meine Vorgesetzten wenden. So schie
den wir von einander. Ich nahm die
Gewißheit mit, daß Baron Theobald
seine Drohung erfüllen werde, wenn
ich die Zahlung nicht innerhalb der
mir gestellten Frist ermöglichte.
„Ich fand keinen Ausweg, wohin
ich auch blicken mochte ich hätte mich
denn einer Veruntreuung schuldig ma
chen müssen, und dies lag mir ferne.
Am dritten Tage empfing ick einige
Zeilen von der Hand des Barons. Er
schrieb mir, er erwarte mich an die.
sent Tage auf feinem Gut komme ich
nicht, so werde er rücksichtslos gegen
mich vorgehen. Meine Handlungswei
se sei nicht die eines Ehrenmannes, sie
habe ihn im höchsten Grade erbittert.
„Mein Entschluß war gefaßt. Zah
len konnte ich nicht. Wollte der Ba
ron meinen Vorschlag nicht anneh
men, so sollte noch an demselben Ta
ge eine Kugel mein Leben beenden.
„Am Nachmittag ritt ich hinaus.
Ich nahm den Weg durch den Wald
auf der Landstraße wollte ich nicht
gesehen werden, denn niemand sollte
in meinem verstörten Gesicht meine
Verzweiflung lesen.
„Hatte Baron Theobald mich auf
diesem Wege erwartet, oder war un
sere Begegnung nur ein Zufall, ich
weiß es nicht. Er stand plötzlich vor
mir, und zwar wie ich sogleich be
merkte in furchtbarer Aufregung.
„Ich stieg ab, band mein Pferd art
einen Baum und folgte dem Baron,
der einen Seitenweg einschlug und
mich in dichtes Gebüsch führte. Ich
sagte ihm, daß mir die Zahlung un
möglich sei. Er kam nochmals auf die
Geschäftsverbindung zurück und schlug
mir vor, den Bankverein zu veranlas
sen, das Gut zu kaufen meine Schuld
könne in diesem Falle zum Kaufpreis
geschlagen werden. Er fügte hinzu,
daß er mit allen seinen Kindern zer
fallen fei, und daß das Leben für ihn
keinen Wert mehr habe, wenn er nicht
aus seinen drückenden Verlegenheiten
befreit werde. Ich lehnte dieses Atter
bieten ab, und die Entrüstung, mit der
ich es tat, reizte seinen Jähzorn so
furchtbar, daß er die Büchse auf mich
anschlug.
„Die Todesgefahr, in fcir ich
schwebte, raubte mir nun auch den
letzten Rest meiner Fassung. Ich fiel
dem Wütenden in den Arm und schlug
die Büchse zurück... der Schuß knall
te, und Baron Theobald brach vor
meinen Augen zusammen.
„Wie das alles gekommen, wie es
möglich gewesen war. daß die Kugel
ihn traf und tötete, darüber habe ich
mir nie genügende Aufklärung geben
können, und in jenem furchtbaren Au
genblick war ich auch nicht imstande,
darüber nachzudenken. Nur der eine
Gedanke war lebendig in mir, daß
man mich als den Mörder betrachtend
würde, wenn man mich bei der Leich^U.,
fand. Gelang es mir aber, unbemerkt
den Schauplatz zu verlassen und in
meine Wohnung zurückzukehren, dann
legten' die zerrütteten Verhältnisse
des Verstorbenen wohl den Gedanken
nahe, daß er selbst sich das Leben ge
nommen haben könne. So legte ich
denn die abgeschossene Büchse neben
ihn, dann schwang ich mich wieder in
den Sattel und ritt, so rasch das Tier
nur laufen konnte, zur Stadt zurück."
Der Bankier hielt wieder inne. Der
Schweiß verlte in großen Tropfen auf
feiner Stirn. Tie Blicke der Anwesen
den ruhten jetzt voll Teilnahme auf
ihm, aber noch brach niemand das
Schweigen.
"In fieberhafter Angst wartete ich
nun der Tinge, die kommen würden,"
fuhr Strom beck endlich fort. „Nie
mand wußte, daß ich am Orte der Tat
gewesen war. Hatte Baron Theobald
keine Schriftstücke hinterlassen, das
meine Beziehungen zu ihm berichtete,
io konnte ich in diese Sache nicht ver
wickelt werden. Ich atmete auf, als ich
erfuhr, daß jedermann an den Selbst
mord des Barons oder an einen un
glücklichen Zufall glaubte. Die Hin
terbliebenen stellten keine Ansprüche
an mich, also hatten sie keine Kennt
nis von meiner Schuld. Ich war geret
tet. Ten häßlichen Verdacht, den böse
Zungen auf Baron Archimbald war
fen, erfuhr ich erst später ich wartete
dann darauf, daß der Herr Baron
Archimbald diesem Verdacht entgegen
treten würde. Ich selbst konnte mich
nicht entschließen, den Tatbestand an
zuzeigen. Wenn ich es tat, so mußte ich
alles bekennen, und auf meine Ehre
fiel ein Flecken, den ich nie wieder
beseitigen konnte, und überdies war es
sehr zweifelhaft, ob das Gericht mei
nen Aussagen vollen Glauben ge
schenkt hätte. Es konnte annehmen,
daß ich in der Verzweiflung die Tat
begongen habe, um mich von einem
unbequemen und gefährlichen Gläu
biger zu befreien, und es war zu der
Frage berechtigt, weshalb ich nicht au
demselben Tage noch die Anzeige ge
macht habe.
„Ich war verlobt, stand im Begriff,
mich 311 etablieren sollte ich durch eine
Anzeige meine Existenz, meine Ehre,
meine Freiheit aufs Spiel setzen?
Wenn auch der Staatsanwalt mir
Glauben geschenkt hätte, die öffent
liche Meinung würde es nicht getan
haben das sah ich voraus und darum
schwieg ich. Ties ist mein großes Un
recht.
(Schluß folgt)
Wie es mit jemandem Stauben
und Vertrauen steht, zeigt die Trüb-,
sal

JUST OFF THE PRESS
"THE TIMES
CHALLENGE ÖS"
By THE MOST REV. ALOISIUS J. MTJENCH,
Bishop of Fargo, who is now in Germany
as Apostolic Visitator.
This slender pamphlet by the author of One World in
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