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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, May 31, 1947, Ausgabe der 'Wanderer', Image 7

Image and text provided by Ohio History Connection, Columbus, OH

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(Fortsetzung)
Fünftes Kapitel
„Me Föderierten haben toiffoet ei=
ne Schlappe bekommen, Nell," sagte
mein Vater, als ich am folgenden
Morgen in meinem sehr wenig ele
ganten Hauskleide im Eßzimmer er
schien. Wir trieben eifrig Politik, mein
Vater und ich. Ich wußte, daß Politik
ein solches Interesse für ihn hatte, daß
sie allein auf einige Zeit die trauri
-gen, sorgenschweren Gedanken zu
bannen imstande war, und ich liebte
meinen Vater so innig, daß alles, was
ihn interessierte, auch "mir nicht gleich
gültig war.
„Papa," sagte ich, „zuweilen wün
sche ich, Dolly bliebe immer bei den
Graftons."
„Tas darfst du nicht sagen, Nell,"
Mviderte mein Vater aber sein Ver
~toei§ klang sehr milde.
„Warum soll ich es nicht sagen,'
wenn ich es denke? Wir beide sind so
glücklich mit einander, nicht wahr,
Väterchen?"
,.Ja, sehr" glücklich," sagte mein
"Beter aber er seufzte dabei.
»Ich wollte, wir beide könnten im
mer und immer so zusammen leben,
wie jetzt mit unsern Hühnern und
Schweinen, ohne daß jemals unser
friedliches Leben gestört würde.
,Tann verlangst du nicht viel vom
Nell."
,Wenn ich 'dich mir habe, Väter
so habe ich genug."
„Mein liebes Kind, die Zeit wird
kommen, wo du anders denken wirst,
'wenn du einmal einen eigenen Haus
stand hast und ich nicht mehr bin."
„Dann will ich auch sterben denn
ohne dich kann ich nicht leben."
„Unmut, Kind!" entgegnete mein
Mater lächelnd. „Du wirst auch ohne
mich zu leben lernen denn es ist na
türlich, daß ich vor dir sterbe. Du
wirst dann um mich trauern und wei
nen und mich auch vielleicht zuweilen
vermissen. Tu wirst dich meiner eine
Zeitlang freundlich erinnern aber
allmählich schwindet die Trauer, und
die Tränen trocknen. Auch die Erin
nerungen schwinden endlich, und ich
bin vergessen."
Ich konnte kein Wort herdorbrin
-gen,
«So ist es ja der Welt Lauf, Nell,"
fuhr mein Vater fort. „Wir beweinen
unsere Lieben aber dann kommen an
dere, die uns teuer sind, nehmen ihren
Platz in unseren Herzen M, und die
'Toten sind vergessen."
v.
Ich bin sehr weichherzig und weine
leicht. Ich saß hinter dem Teekessel
lirid ließ meinen Tränen freien Lauf.
„Du weinst, Nell? Tas ist noch zu
früh warte damit, bis mein Sa'rg
bestellt wird."
„Ach," schluchzte ich,„immer sprichst
Hu vom Sterben? Ich wollte, dieses
abscheuliche Wort gäbe es gar nicht!"
„Tas wäre schrecklich! Es wäre ein
Much für die armen, gequälten Men
fchen, Nell," erwiderte mein Vater
Hrnst.
„Laß uns von etwas anderem spre
chen?" rief ich ärgerlich. „Ich hasse sol
che traurige Gespräche."
«Also plaudern wir von etwas
Fröhlichem,' z. B. vom gestrigen
Abend."
Es war nicht so langweilig, wie
ic| gefürchtet hatte," entgegnete ich,
Mßine Tränen trocknend.
„Wie erging es dir mit all den ele
ganten Damen?"
.«Sie waren mir alle ziemlich gleich
gültig. Tie Herren gefielen mir viel
besser. Wenn ich oft in Gesellschaft
ginge, würde ich solche Gesellschaften
vorziehen, in denen nur Männer
sind."
„Dies würde ich an deiner Stelle
Ttefier verschweigen, Kind."
„So? Tu magst recht haben.
Aber siehst du. Frauen sind so neu
gierig, geschwätzig und kritisieren gern
alles. Während man mit ihnen spricht,
betrachten sie einen von Kopf bis zu
Fuß und berechnen, wie viel oder wie
wenig unser Anzug wohl gekostet ha
ben mag. Die Männer aber sind im
mer freundlich und suchen uns zu un
terhalten."
Mein Vater wendete nichts dagegen
ein.
S
t€
„Apropos," sagte er dann, „jener
Sir Hugo Lancaster ist ein ganz an
genehmer junger Mann ich habe
ziemlich viel mit ihm gesprochen."
„Meinst du jenen kleinen, dunkeln
Herrn, den du mir vorgestellt hast?"
fragte ich zweifelhaft. „Nennst du
den jung? Nun, dann war Methu
salem auch jung."
Mein Vater tränk nachdenklich sei
nen Kaffee.
»»Ter arme Methusalem! Neunhun
dertneunnndsechzig Jahre hat er ge
lebt. nicht wahr? Wie muß er des
Lebens müde gewesen sein! Weiß man
s
Nms GM kehYWN
ly- ,'^T
Frei km Englischen nacherzählt von a talie Si n W»If
von ihm trotz seines langen Lebens
nichts Besonderes zu erzählen
„Aber Papa, über Methusalem ver
gißt du ja ganz Sir wie heißt er
doch?"
„Warte, Nell, ich will auf ihn zu
rück kommen aber eigentlich weiß ich
von ihm kaum mehr als von dem ar
men Methusalem."
„Und ich glaube,er ist auch nicht
interessanter als jener," sagte ich und
verbannte hiermit den unglücklichen
Baroll aus der Unterhaltung und aus
meinen Gedanken.
Schon oft hatte ich gehört, daß
Mädchen, die ihre Mutter früh ver
loren hatten, dies beklagten und an
d'ere, denen die Sorge und Liebe ei
ner Mutter zuteil geworden, darum
beneideten. Ties war mir nie in den
Sinn gekommen. Ich hatte meine
Mutter nie gekannt, und mir genüg
te die zärtliche Liebe meines Vaters.
Ter Allmächtige hatte meine Mutter
abgerufen im Sonnenglanze des
Glückes, da sie noch jung und schön
war und zärtlich geliebt wurde. Sie
hatte die düsteren Schattenseiten des
Lebens nicht gesehen. Welch glückliches
Los!
So sehr ich meinen Vater auch lieb
te, konnten wir doch nicht immer bei
sammen sein. Zuweilen zog er seine
Bücher meiner Gesellschaft vor zu
weilen ritt er auch auf einem alten
Hengst aus« um unsere verschuldeten
Besitzungen zu besichtigen. An einem
warnten Nachmittag haltte ihn Ibic
milde Mailuft auch zu einem solchen
Ritt hinausgelockt, und so war ich
ganz mir selbst überlassen.
Am liebsten wäre ich auf den Kirch
hof gegangen. Aber ich hätte meinen
neuen Bekannten dort finden können,
und er würde vielleicht gedacht haben,
ich käme seinetwegen, worüber ich mich
zu Tode geschämt hätte. Ich durfte
also meinen Lieblingsplatz, an dem
ich so prächtig über melancholische
Tinge nachdenken konnte, nicht auf
suchen. Seltsam! Wenn man sehr jung
und sehr glücklich ist, hängt man gern
trüben Gedanken nach. Sie bilden ei
»ten so seltsamen Gegensatz zu unse
rent eigenen glücklichem Leben. Aber
ach! Später kommen solche Gedanken
gar zu oft von selbst, und sie verfol
gen uns hartnäckig, so gern wir sie
auch bannen möchten. In der Jugend,
wenn das Blut noch schnell und heiß
in unseren Aitern pocht, fühlen wir
die Kraft, selbst den schlimmsten
Kampf mit dem Leben zu bestehen.
Ja, ein solcher Kampf hat sogar et
was sehr Verlockendes für uns. Ach!
Wir kennen das harte Leben noch
nicht wir wissen noch nicht, wie bit
ter es sein kann.
Da ich also an diesem Nachmittag
meinen ernsten Betrachtungen auf dem
Kirchhof nicht nachhängen konnte,
mußte ich mir eine andere Beschästi
gung suchen. Ich ging in den Gar
ten, der eine wahre Wildnis war.
Unkraut aller Art wucherte in üp
pigster Fülle und bedeckte hie und
da meine Blumenbeete so, daß es fast
die Blumen verbarg. Ich bückte mich,
um einen Dornenstrauch zu entfernen,
der mein schönstes Nelkenbeet bedeckte.
„Ich könnte wohl ein wenig hier
arbeiten," dachte ich. Schnell holte ich
meine Garten-Handschuhe und begann
zu Harken und Unkraut auszujäten.
Dabei dachte ich an jenen denkwürdi
gen Bollabend. Es fielen mir die wit
zigsten Fragen ein, die ich während
meiner Unterhaltung mit dem blon
den Helden hätte stellen, die ichlauesten
Antworten, die ich hätte geben kön
n e n. Wohl zum hundertsten Male
dachte ich darüber nach, warum er
mich beim Abschied im Flur so ange
schaut hatte. „Könnte er mich hübsch
gefunden haben?" fragte ich mich end
lich. Bei dieser kühnen Vermutung er
hob ich mich aus meiner gebückten
Stellung, legte meine Harke weg und
schob den großen Gartenhut etwas zu
rück. „Hübsch? Unmöglich! Dolly hat
es ja selbst gesagt. Ich bin zu dumm
und unerfahren und ziehe falsche
Schlüsse. Mein gutes Mädchen, du bist
eine rechte Närrin, fürchte ich."
Letztere Bemerkung machte ich ganz
laut, da ich feine anderen Zuhörer zu
haben glaubte, als die Rosen und Nel
ken unseres Gartens. Aber wer be
schreibt tjteitt Erstaunen, als plötzlich
dicht neben mir jemand sagte:
„So? Das hätte ich nicht gedacht!"
Ich fuhr zusammen und drehte mich
erschrocken nach dem Sprecher um. Da
stand er groß und kräftig wie eine
Eiche auf dem Kieswege neben mir
und lächelte über meinen Schrecken.
„Ich bedauere, daß Sie eine so
schlechte Meinung von sich haben," sag
te er, sich an meiner Verblüfttheit wei
dend.
Ich antwortete nicht, sondern dachte
darüber nach, wie viele meiner Ge
danken ich hatte verlauten lassen*
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„Wollen Sie mit nicht die Hand ge
ben und mir guten Tag sagen?" un
terbrach mein unwillkommener Held
das Schweigen.
Ich kann nicht," sagte ich lachend
und zeigte ihm meine von der Arbeit
schmutzigen Hände
„Aus etwas SclMutz mache ich mir
durchaus nichts."
Ich zog hastig meine Handschuhe
aus und legte meine lange, schmale
Hand in die feinige
„Es war freist von mir, so ohne
Erlaubnis hier herein zu kommen,
sagte er, indem er meine Hand hiel
und zu mir niederblickte denn obschon
ich ziemlich groß war, erschien ich ne
ben ihm doch klein.
„O nein, das nicht," erwiderte ich
„aber Sie erschreckten mich."
„Das bedauere ich sehr. Doch sehen
Sie, ich ging gerade hier vorbei in
ziemlich gedrückter Stimmung. Da sah
ich Sie, und ich konnte der Versuchimg
nicht widerstehen, mit Ihnen zu plau
dent."
„So?"
„So?" wiederholte er
Ich willfahrte seinem Wunsche und
setzte mich auf die mit Moos und
Epheu bewachsene Steinbank, wäh
rend er sich mir gegenüber ins Gras
setzte
„Sie bringen also Ihr Leben in
diesem alten Garten zu?" fragte er,
umherblickend.
»Ja, hier und auf dem Hühner Hofe
und in dem Haufe."
„Ist das nicht langweilig?
„Durchaus nicht."
„Diese Lebensweise gefällt'Ihnen
besser als jede andere?"
„Darüber kann ich kein Urteil fäl
len, weil ich noch keine andere Lebens
weise versucht habe. Auf keinen Fall
möchte ich ohne Papa leben."
„Lieben Sie ihn sehr?"
„Natürlich," entgegnete ich.
„Und können Sie nicht denken, daß
Sie sonst jemanden lieber haben fönn
ten?" fragte er, eine Hand voll Gras
ausrupfend.
„Nein, ich glaube nicht,"
„Ich wollte, es liebte mich auch je
moitd so innig." sagte er, gedankenvoll
zu mir aufblickend.
Er meinte damit natürlich die Lie
be einer Mutter, einer Schwester oder
eines Frenndes, und so verstand ich
seine Worte auch aber dennoch bedeck
ten sich meine Wangen mit dunkler
Röte, so daß es ganz den Anschein
hatte, als habe ich etwas anderes ver
standen. Er war edel genug, meine
Röte scheinbar nicht zu bemerken, son
dern blickte weg und rupfte Gras.
Erst nachdem er meinen Wangen die
nötige Zeit gelassen hatte, sich abzu
kühlen, sah er mich wieder an.
„Ich glaube, wir beide würden gut
mit einander auskommen, meinen Sie
nicht?" fragte er.
„Ich glaube es," sagte ich mit dem
Kopfe lackend.
„sollen wir einen Bund schließen?
-sollen wir schwören, vot nun an für
ewig Freunde zu fein
Ich war wirklich überrascht von die
sem Vorschlag.
„Ich weiß nicht," sagte ich zögernd.
„Sie kennen mich ja fast gar nicht,
und ich weiß eigentlich auch nur sehr
wenig von Ihnen."
„Kommen Sie, reichen Sie mir Ih
re Hand, unfern Freundschastsbund
zu besiegeln."
Die schnellen Fortschritte, die un
sere Freundschaft gemacht hatte, über
raschten und beunruhigten mich ein
wenig doch gab ich ihm die Hand. In
MW WMSEWlTOtjfeft
Vorwurfs
voll. „Ist das alles, was Sie mir
sagen? Warum sind Sie so kalt und
förmlich mit mir?"
„Das will ich nicht sein," entgeg
itete ich naiv
„Warum waren Sie neulich abends
so unfreundlich?"
„Tas war ich nicht."
„Doch, sehr unfreundlich. Ich tonn
te mir gar nicht denken, womit ich das
verdient hatte. Ich fragte mich immer
wieder: Wodurch kannst du die junge
Tame beleidigt haben? Jedoch nannte
ich Sie in meinen Gedanken nicht die
junge Dante."
„Wie denn?" fragte ich in meiiter
weiblichen Neugier
„Das ist ja wohl gleichgültig fei
nenfalls nannte ich Sie *ei Ihrem
Namen, denn diesen weiß ich gar
nicht. Wollen Sie ihn mir verraten?"
„Nett
„Nell, Nell, ein schöner Name! Aber
sind Sie ,Nell' getauft worden?"
„Nein ich erhielt in der Taufe den
Namen Eleonore. Aber so nennt mich
niemand, nur die Dienstboten tun es
Wie heißen Sie?"
„Richard."
„Wie noch mehr?"
„Richard Harold."
„Wie sonst?"
„Ah, Sie meinen, welchen Fami
liemtamen? MacGregor. Ich dachte
das wüßten Sie.
„Nein," antwortete ich. Welch hüb
sche Namen! dachte ich bei mir. Dann
bückte ich mich, um Unfraut auszurei
Ben. Aber Richard Harold MacGregor
sagte:
„Bitte, machen Sie Feierabend es
ist ja schon spät." Dabei nahm er mir
meinen Rechen und hielt ihn hoch in
die Höhe. „Sie haben sich auch schon
ganz warm gearbeitet. Setzen Sie sich
auf jene Steinbcmf und lassen Sie uns
Plaudern
demselben Augenblick kam mein Ba-noch Mehr außer Fassung geratend
ter um die Ecke. Er sah nicht ange*
nehm überrascht aus bei dem aller
liebsten „lebenden Bild", das sich ihm
darbot. Ter arme Mann! Seine Lieb
liugstochter bei hereinbrechender
Abenddämmerung Hand in Hand mit
einem Mann zu sinden, den sie erst
zweimal in ihrem Leben gesehen hatte
das konnte kein erfreulicher An
blick für ihn sein.
Ich 40g meine Hand zurück und
sprang auf.
„Papa kommt!" stieß ich heraus.
Meinen neuen Freund schien dies
nicht sonderlich zu beunruhigen. Er
erhob sich und ging ruhig meinem
Vater entgegen. Tiefer nahm sehr
steif seinen Hut ab und sagte mit
besonderem Nachdruck:
„Tas ist ein sehx unerwartetes Ver
gnugen! Darf ich nach Ihrem Namen
fragen?"
„Mein Name ist MacGregor," sag
te der andere, ein wenig errötend und
ebenfalls den Hut ziehend. „Ich muß
um Entschuldigung bitten, daß ich zu
einer so ungewöhnlichen Stunde her
gekommen bin. Fran (5ox gab mir ei
nen Auftrag für Ihre Tochter, und
nachdem ich denselben ausgerichtet
hatte, bat ich um die Erlaubnis, Jh.
ren Garten zu besehen, und Ihr Fräu
lein Tochter war so freundlich, ihn
mir zu zeigen."
Mit offenem Munde hörte ich die
sein
Lügengewebe zu. Konnte mein
Held lügen? Mein Vater schien
nicht
besänftigt zu fein. Er stellte sich
Mischen
uns und blickte auf seine Uhr,
damit deutlich sagend: „Wird der lä
stige
Mensch sich noch nicht bald entfer
nen?"
Tiefer verstand den Wink.
... „Ich störe," sagte er höflich und
rügte, sich zu mir wendend, hinzu:
„Ich hoffe, Sie vergessen den Auftrag
der Frau Cox nicht!" Nochmals zog er
feinen Hut und ging.
Papa und ich schritten langsam dem
Hause zu ich zitternd vor Furcht
und Aufregung.
„So etwas dttlde ich nicht," begann
endlich Papa „das darf nicht wieder
vorkommen. Du bist zwar sehr jung
und unerfahren, Neil, und dachtest
wohl nichts schlimmes dabei aber ich
wundere mich doch, daß selbst du es
nicht unpassend fandest, um neun Uhr
abends draußen zu sitzen, vor dir
im Grase dieser Bursche, der deine
Hand in der seinen hielt."
Ich war dem Weinen sehr nahe,
drängte aber mit Gewalt die Tränen
zurück.
„Was tat er mit deiner Hand?"
fragte mein Vater streng.
„Ich
»Ich
heit zu
weiß es nicht," stotterte ich.
glaube, er wollte mir Adieu sa
gen, Papa."
Ich
wagte
wirklich nicht, die Wahr
gestehen.
„Ter alberne Mensch!" schalt mein
Vater ärgerlich. „Er verdiente, daß
man ihm derb die Wahrheit sagte.
Diese Frechheit, ohne Erlaubnis her
zukommen! Ein solch ungeschliffener
Bursche gehört nicht hierher! Ich Hof
fe, er läßt sich so bald nicht wieder
blicken."
"Tas wird er ganz sicher nicht tun
darnach hast du ihn nicht behandelt."
konnte ich nicht unterlassen, zu sagen.
„Desto besser," erwiderte mein Va
ter, noch kochend vor Aerger.
Als wir das Haus erreicht hatten,
rannte ich hinaus in mein Zimmer,
warf mich auf mein Bett und schluchz
te:
«Er ein ungeschliffener Bursche, ein
alberner Mensch! Nett, arme Nell!"
Sechstes Kapitel
Ain Morgen nach meinem unpas
senden Betragen saß ich in der Hatte
unseres alten Hauses. Die Morgen
forme schien durch die blinden Fenster
auf den verblichenen türkischen Tep
Pich. Ich stopfte Strümpfe. Ich haßte
diese Arbeit ganz besonders aber da
ich keine Kammerjungfer hatte, mußte
ich selbst es tun. Während ich stopfte
und mir die Finger zerstach, hörte ich
die Türe gehen, und ein Kopf lugte
herein. Es war unsere alte Köchin.
Zwanzig Jahre war sie schon in un
serem Hause, und ich liebte die gute
Seele aber in diesem Augenblick war
sie mir durchaus nicht willkommen.
Ich hatte das Essen schon bestellt, und
nur eins konnte sie herführen: näm
lich die Absicht, Geld zu holen für die
zahlreichen Geschäftsleute, die uns
mit Forderungen bestürmten.
Ich bitte, gnädiges Fräulein, kann
ich mit Ihnen sprechen?"
Kommen Sie herein es ist nie
mand hier," sagte ich mit schwerem
Herzen. Sie kam näher.
„Nun, was gibt's?" fragte ich, von
meiner Arbeit aufsehend.
„Ter Metzger ist dch,. gnädiges
Fräulein."
„So? Wie freundlich von ihm!"
„Er hat nicht das rechte Stück
Fleisch gebracht. Erinnern Sie sich:
ie bestellten ein Rippenstück, und
nun hat er ein Lendenstück gebracht.
Er bringt nie mehr gute Stücke
er sagt, die müsse er für bessere Kun
den bewahren."
Das läßt sich nicht ändern." sagte
ich. Mit neunzehn Jahren ist einem
ein Rippen- oder Lendenstück sehr
gleichgültig.
„Das ist noch nicht alles," fuhr
Frau Smith fort, durch meine 9hthe
1 I
„er hat wieder seine Rechnung ge
bracht und er sagt, daß er jetzt zum
neunten Male kommt."
„Ich wollte, er und seine Rechnung
wären da, wo der Pfeffer wächst!"
„Er sagt, er müsse sein Geld
haben. Was soll ich ihm sagen? Er
wartet."
„Sagen Sie ihm, daß ich gern die
Rechnung bezahlen würde, wenn ich
nur wüßte, wie. Ich kann das Geld
nicht herbeihexen und besitze keinen
Heller."
„Wenn Sie nur einen Teil der
Rechnung bezahlen könnten
„Aber ich fan n es nicht. Ich sa
ge Ihnen die buchstäbliche Wahrheit.
Ich gab Ihnen vorige Woche meinen
letzten Schilling, um die Kohlen zu
bezahlen, und Papa sagte mir, daß er
mir vor Ende des nächsten Monats
nichts mehr geben könnte."
„Tas ist sehr schlimm, sehr schlimm.
Mit leeren Händen gehe ich ungern
zn ihm er ist so grob!"
„Der Flegel! Warum weisen Sie
ihm nicht die Türe?"
„Nein, Fräulein Eleonore, das geht
nicht. Der Mann verlangt ja nur, was
ihm gebührt. Er würde schon
über uns sprechen, wenn wir das tä
ten. Es würde die Sache nur ver
schlimmem."
Fran Smith rieb nachdenklich ihr
Kinn, und ich überlegte alles'Mögli
che und Unmögliche, zu Geld zu kom
men. Ich wollte ein interessantes Buch
schreiben, was mir Geld vollauf ein
bringen würde, oder auch einen alten
reichen Cnkel der Eox heiraten.
Frau Smith brach endlich das
Schweigen: „Motten Sie nicht mit
Ihrem Papa sprechen?"
„Nein, das will ich nicht!" sagte ich
heftig. „Er ist schon sowieso ärgerlich
diesen Morgen, und ich will ihn nicht
noch mehr quälen. Gehen Sie mit Ih
rem Metzger zum Kuckuck!"
Wie ein Bild der Verzweiflung
stand Fran Smith vor mir. Endlich
benchigte ich mich und sagte:
„Frau Smith, bewegen-Sie ihn,
bis zur nächsten Woche zu warten. Ich
will alles tun, um bis dahin das Geld
herbeizuschaffen."
„Ich will es versuchen, gnädiges
Fräulein aber ich furchte, daß es
nichts nützen wird."
Sie ging, und ich arbeitete weiter.
Mahner waren häufige Besucher bei
uns und so lange sie Papa nicht belä
stigten, ließ mich diese Sache ziemlich
kalt. Nach einiger Zeit kam die Köchin
mit der Meldung zurück:
„Er ist endlich fort aber ich hatte
meine liebe Not mit ihm. Er klagte
und fluchte, und hier ist die Rechnung.
Er verlangte ausdrücklich, ich solle sie
Ihnen selbst geben."
.Ich
nahm
3
sie: „Viernnddreißig
Pfund, fünf Schilling, vier Pfennige.
Will er bis zur nächsten Woche war
ten?"
„Nein, davon wollte er nichts hören.
Nächsten Dienstag will er wiederkom
men. Er sagte, wenn er am Dienstag
fein Geld nicht bekäme, ginge er di
rekt zum Herrn."
„Angenehm!" sagte ich ironisch.
„Ter Metzger, der Bäcker und der
Krämer sind doch der Fluch meines
Lebens."
Einen kleinen Aufschub hatte ich al
so erlangt. Ich war jung und hoff
nnngSreich und meinte, daß sich schon
irgend ein Ausweg finden werde.
Siebentes Kapitel
Vierunddreißig Pfund, fünf Schil
ling, vier Pfennig ist eine große Sum
me für jemand, der nichts besitzt. Ich
wußte nicht, wie ich sie in drei Tagen
herbeischaffen sollte. Ich saß den gan
zeit langen Vormittag da und zerbrach
mir den Kopf über dieses Problem.
Aber vergebens! Ich kannte nieman
den, von dem ich das Geld hätte bor
gen können. Ich hatte allerdings zwei!
BY DR. THEODORE BRAUER

s v 4 1 V
reiche Tanten aber sie waren geizig.
Ich wollte lieber Hungers sterben,
die Hilfe dieser Geizhälse erbetteln.
Ich dachte nach, ob ich nichts ver
kaufen konnte aber ich besaß gar fei
ne Schmucksachen. Alle Kostbarkeiten
meiner Mutter hatte sich Dolly attge
eignet. Tas einzige, was ich besaß,
war eitte alte Uhr, ein Erbstück mei
ner Großmutter, eine seltsame, alt
modische Uhr mit einer goldenen Kap
sel. auf der sich allerlei Figuren in
Gold befanden. Ich trug sie immer,
weil ich keine andere hatte, obschon sie
stets ihre eigene Zeit, oder meist gar
keine Zeit angab. Es kam mir der
Gedanke, diese alte Uhr zu verkaufen.
Aber wer würde sie kaufen, da sie als
Uhr wertlos war, und wen sah ich,
dem ich sie hätte anbieten können
(Fortsetzung folgt)
—7 »Wer wird deinen Glanz be
schreiben können, 0 Maria? Wer wird
mit Worten ausdrücken können, ein
wie großes Wunder du bist? Wer
wird hoffen können, sich von deiner
Größe auch nur eine Vorstellung zu
machen?" (HI. Sophronius).
78 Pages, Paj Cover
COPIES:
COPIES:
Order from:
S*
?v
Ich verzagte mehr und mehr. Me
schnell würde Tienstag da sein und
mit,ihm der Metzger! Tann würde er
meinen armen alten Vater belästigen
und quälen und ihn noch schwermüti
ger machen, obschon dies wohl kaum
möglich war.
Mein Vater und ich waren jetzt
schon wieder gute Freunde länger als
eine Stunde konnte zwischen uns fein
Zerwürfnis währen. Wir hatten un
fern gewöhnlichen Gang durch Ställe,
Hühnerhof, Garten und Felder ge
macht. Wir fanden, daß der rote Hahn
sehr mager war, und ich wollte ihn in
besondere Pflege nehmen. Wir hatten
in'Wedau feit fünf oder secks junge
Schweine zu immensen Preisen ver
kauft. Tie schwarzen Hühner sollten
ans Messer geliefert werden, und dem
alten Hengste hatten wir sein Futter
gebracht. Jetzt war mein Vater zu sei
nen Büchern zurückgekehrt, von denen
er sich den ganzen Tag nicht mehr
trennte.
Wir aßen um ein Uhr und tranken
um acht Uhr Tee. Ter Nachmittag
ward mir furchtbar lang. Es war ein
schwüler Tag. Ich ging in den Garten
er wollte mir hente nicht gefallen
darin arbeiten mochte ich nicht: ich war
zu träge dazu und wollte gewisse Erin
nernngen, die dadurch geweckt worden
wären, nicht wachrufen.
Ein niedriger Zann trennte unfern
Garten von einem Kornselde. Ich flet
terte über diesen Zaun und ging durch
das Feld in ein daranstoßendes Tan
neuwäldchen. Einsame Spaziergänge
liebte ich gewöhnlich nickt. Ich fürch
tete mich vor Bettlern, losen Pferden
usw. Aber hier zwischen den hohen.
Fichten hatte ich nichts zu befürchten.
Es war da fühl und schattig die abge
fallenen Tannennadeln bildeten einen
weichen Teppich für meine Füße. Jen
seits des Wäldchens war eine Wiese
voll blühender Gänseblumen, und jen
seits der Wiese ein geschwätziger Bach.
An demselben setzte ich mich ins Gras
und dachte an den Metzger. Ein klei
ner Steg führte über den murmelnden
Bach, und jenseits, grad mir gegen
über, stand eine Mühle und ein altes
Bauernhaus. Tie Mühle klapperte,
und das Wasser plätscherte und spritz
te über das große Rad. Ich kann im
mer und immer wieder ein solches
Mühlenrad beobachten, wie es sich un«"
ablässig dreht mit einem Geräusch,
welches laut und doch so seltsam fried
lich klingt. Meine Blicke folgten ihm
auch jetzt.

Pattern for Reconstruction ...
Economy and Society
A discussion of the relations between economic and social devel
opments. In thirteen briei chapters this learned economist dis
cusses the Division of Labor, the Development of a Social Hier
archy, Congruity of Economics and Social Life, the Nature of
Society, Technology and Its Subversion by Capitalism, Recon
struction of the Social Order, the Vocational Groep.
STUDENTS OF THE SOCIAL QUESTION
will find this booklet most useful as a practical
guide for the better understanding of the recent
Statement of the American Hierarchy on Social
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