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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, July 05, 1947, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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Msrttn Auguflitt
(Fortsetzung)
D^e DDerin, die mit dem Direktor
etwas zu besprechen gehabt, fand auf
ihrem Gang durch den Garten Paul
traurig unter der Linde kauern.
Öi» Roman bo» M. Scharia»
Er hatte geweint und trocknete sei
ne Tränen.
„Paul, mein Junge, hier bist
du? Sieh? die andern Knaben sind
auf der Kegelbahn. Ich höre die Ku
geln rollen. Willst du nicht mit ihnen
spielen?"
„Ich mag nicht." Unter von neuem
hervorbrechenden Tränen schüttelte er
den Kopf.
„Aber warum denn nicht, Paul
chen?" Freundlich strich die Oberin
ihm über die Locken.
Sein hagerer Körper schauerte
schluchzend zusammen: er schien sich
tief unglücklich zu fühlen.
e
Endlich sprach er mit vor Schmerz
zitternder Stimme: „Sie reden nur
immer von den Ferien, und wie
schön es ist, wenn sie nachhause kom
men, und wie sie sich darauf freuen.
... aber ich ich" seine Stim
me erstickte in Schluchzen „ich darf
nicht nachhause .. meine Mutter hat
geschrieben, sie kann mich nicht
haben. O meine Mutter!"
Der Knabe war ganz erregt, und
heiße Röte lag auf seinen Wangen.
„Ich habe sie doch so lieb, und
nur einmal, ein einziges Mal möchte
ich nachhause."
Voll Mitleid blickte die Oberin auf
das tieftraurige Kind.
Wie horchend erhob er den Kopf.
Sein kleines Herz pochte. Würde fei
ne Mutter denn niemals kommen?
Ach, wie er sich nach ihr sehnte! Dach
te sie denn gar nicht daran, wie ein
sam und traurig er war? Sei
nen Vater, nein den liebte er nicht.
Der hatte immer nur unfreundliche
Worte für ihn und wies ihn aus der
Stube. Aber seine Mutter die
hatte ihn lieb gehabt und hatte ihn
auf den Schoß genommen und ge
küßt... o, er fühlte es noch, obgleich
es schon lange sehr lange her war.
„Paulchen," hatte sie damals zu
ihm gesagt, und es war ihm, als sie
len Tränen auf seine Wange, „mein
armes, kleines Paulchen, du wirst
jetzt artig sein und hübsch in die An
stalt gehen, wo so viele Kinder sind,
die mit dir spielen, und wo du schöne
Musik lernen wirst. Und wenn
du einmal groß bist, wirst du ein
Künstler und machst schöne Musik,
und die Leute klatschen und jubeln
dir Beifall und schenken dir schöne
Blumen. So wie sie klatschen,
wenn ich des Abends im Theater spie
le. .. Das wird herrlich sein, mein
Paulchen, nicht wahr? und du
bist auch gar nicht traurig, daß Mut
ti nicht mehr bei dir sein kann."
Und dann hatte sie selbst ihn hierher
in die Anstalt gebracht beim Ab
schied hatte sie ihn geküßt und so lieb
zu ihm gesprochen.
Seitdem hatte er sie nicht wieder
gesehen. ... Ach wie lange war das
fchon her aber ihre Worte klangen
ihm noch in den Ohren. Und war
er nicht immer artig und fleißig ge
wesen Hatte der Herr Direktor ihn
nicht oftmals gelobt? Und hatte er
nicht selber gehört, wie Herr Prase,
der Musiklehrer, zu Herrn Direktor
sagte: „Solchen Schüler Hab' ich noch
BY
nicht gehabt. In dem Knaben steckt
etwas,,? „Künstlerblut!" hatte
der Direktor erwidert was das
bedeutete, wußte er nicht, aber das
Wort hatte er behalten: »Künst
lerblut." ...
Wo war seine Mutter warum
kam sie nicht? Sie schrieb nur so sel
ten, und ein Paket bekam er auch nie
von zuhause tote die andern Knaben,
mit Aepfeln und Nüssen und schöner
Leberwurst, die so herrlich zum But
terbrot schmeckte. Seine Mutter
hatte ihn vergessen, seine Mutier hat
te ihn nicht mehr lieb.
Schwer lag es ihm auf der Seele
es war ihm, als täte ihm in der
Brust etwas weh. Nun mußte er
wieder die ganzen langen Ferien al
lein in der Anstalt verleben. ... Er
preßte beide Hände vor sein Gesicht.
Alle die andern waren so froh
und packten und kramten in ihren
Sachen. Sie sangen und sprangen und
erzählten immer nur von der Reife
und von zuhause Die meisten
mochten vor Freude gar nicht mehr
essen und schlafen konnten sie auch
nicht mehr vor lauter Aufregung, daß
sie ja die Zeit nicht verschliefen.
Und dann zogen sie alle davon... nur
er blieb allein, mutterseelenallein.
Die Oberin, ergriffen von dem
Schmerze des Kindes, umfaßte mit
beiden Händen seinen Kopf und küß
tc ihn auf die Stirn.
Der Direktor hatte ihr heute den
Brief gezeigt, den die Mutter ge
schrieben.
In kalten Worten stand da zu le
sen, daß Pauls Besuch unmöglich sei,
da ihr Mann und sie eine Gastspiel
reise antreten müßten. Sie sei aber
gerne bereit, ein besonderes Kostgeld
für den Ferienmonat zu zahlen der
Knabe habe es ja auch gut in der
Anstalt und entbehre nichts.
Hatte diese Mutter denn gar kein
Herz für ihr Kind? hatte sich die Obe
rin erbittert gefragt, als sie das ge
schäftsmäßige Schreiben las, in dem
kein Wort hindeutete auf ein wärme
res Gefühl.
Sie wußte, daß die Eltern in gu
ten Verhältnissen lebten, er als Di
rektor eines Theaters und sie als
Schauspielerin. .Die Sehnsucht des
armen Jungen nach seiner Mutter
schnitt ihr durchs Herz. Welch selbst
süchtige, herzlose Frau mußte sie sein,
die so ihres unglücklichen Kindes ver
gessen konnte!
Die Oberin half Paul auf und
schritt mit ihm durch den Garten.
„Sei nicht mehr traurig, mein lie
ber Junge," sagte sie freundlich.
„Wenn die Ferien kommen, dann ma
chen wir beide fleißig miteinander
Musik. Und weißt du was?
Wir beide gehen auch auf die Reise,
du sollst auch auf der Eisenbahn fah
ren und..."
„Zu meiner Mutter, Bitte, zu mei
ner Mutter," unterbrach sie das Kind,
und sein Gesicht strahlte in freudiger
Erregung.
Voll innigen Mitleids zog sie ihn
an sich.
„Ja, wenn daS nur möglich ist,
Paul steh, deine Eltern sind gar
weit, weit von hier. Aber ich rei
se mit dir an die See. Du sollst dich
wundern, wie schön es dort ist! Oder
iich fahre mit dir aufs Land. Da
sind Hühner und Enten und Schafe
DR. THEODORE BRAUER
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OHIO WAISENFKEUND
und Kühe, und wenn schönes Wetter
ist, fahren wir aus in einer Kutsche
mit schnellen Pferden davor. .. Soll
das eine Freude sein!"
Ein Ausdruck der Enttäuschung
trat in sein Gesicht, aber er schwieg.
„Freust du dich nicht, mein Paul
chen?"
„Doch, aber ich ginge noch lie
ber zu meiner Mutter."
Da nahm sie den Knaben mit auf
ihr Zimmer und setzte sich ans Kla
vier. Phantasierend ließ sie ihre Hän
de über die Tasten gleiten.
Still lauschte Paul dem Klang der
Töne. Die Musik nahm ihn in ihren
Zauberbann und ließ ihn für eine
Weile feinen Schmerz vergessen.
Tiefe Stille lag über der Blinden
anstalt. Die Ferien hatten begonnen,
und die Zöglinge waren in ihre Hei»
mat gereift.
Aber der kleine Paul war erkrankt.
Am ersten Ferientag hatte er sich ge
legt und seitdem sein Bett nicht wie
der verlassen. „Ein ernstes Herzlei
den," meinte der alte Sanitätsrat
„wenn es nicht gelingt, das Fieber zu
bannen, ist bei seiner zarten Konsti
tution wenig Hoffnung, daß wir ihn
durchdringen."
Vor großer Schwäche lag Paul mei
stens mit geschlossenen Augen, still
vor sich hinträumend, wenn er er
wachte.
Er dachte seiner Gespielen, die nun
bei ihrer Mutter waren. Oder er
lauschte auf die Töne, die aus dem
Hause und von der Straße in seine
Krankenstube drangen. In der Nacht
seiner Blindheit ersetzte sein seines
Gehör ihm das Auge und gab seiner
Phantasie neue Nahrung.
An ihrem Schritt, an dem Rau
schen des Kleides, am Klange der
Stimme erkannte er den Direktor und
seine Frau, Frau Oberin und Schwe
ster Karoline, die Krankenpflegerin.
Das Rasseln der Lastwagen, die
klappernden Tritte der ihrer Arbeits
statte zustrebenden Menschen auf der
Straße draußen verkündeten ihm den
beginnenden Tag. Bald erwachte
auch im Hause wieder das Leben, und
wenn mit klingendem Spiel die Sol
daten vorbeigezogen waren, dann er
schienen sie einer nach dem andern
an seinem Bett, um ihn zu besuchen.
Die Oberin kam, beugte sich über
ihn und ergriff seine Hand. „Wie
geht es denn, Paul?" fragte sie mit
gedämpfter Stimme. „Aber nicht
wahr, nun wirft du mir auch bald
wieder gesund? Mein Koffer steht
schon bereit und wartet auf uns."
Und sie plauderte mit ihm von der
Reise, die sie antreten wollten.
Und dann, als er wieder allein
war, stellte er Betrachtungen an, wie
es sein würde, wenn die Zöglinge wie
der zurückkämen. Sie würden ihn
dann alle besuchen und ihm von „zu
hause" erzählen. Sein Herz klopfte
so rasch, daß sein Pochen ihm fast den
Atem benahm und er murmelte
Dünn erzähle ich ihnen auch von ei
ner Reise."
Marie Kock und Anton Lüders ka
men von Altona vielleicht hatten sie
von seiner Mutter gehört. Ach,
seine Mutter! und er dachte an
sie, bis er wieder in dämmernden
Halbschlummer verfiel.
Doch wenn diese Müdigkeit über
ihn kam und alle Töne ersterben ließ,
dann umgaukelten ihn oft lichte
Träume Er war auf der Reife, und
schöne Bilder flogen an ihm vorüber,
und noch lange, wenn er am Morgen
erwachte, umspielten ihn die Bilder
des Traumes, und wenn Schwester
Karoline an sein Lager trat, rief er
ihr zu
se Nacht! Eine weite Reise habe ich
gemacht. In einem schönen Wagen
sind wir gefahren, ganz schwarze
Pferde waren davor wie die lie
fen! Wir fuhren durch Wälder
und Felder, und da waren Hirsche und
Rehe, und kleine Vögel sangen von
allen Zweigen und viele, viele
Menschen habe ich gesehen."
»Das war schön," sagte die Schwe
iter. „Weißt du denn auch, wo du
warst?"
„Nein," erwiderte er nach kurzem
Sinnen „aber Frau Oberin saß ne
ben mir, die weiß, wie es dort heißt."
Alle waren voll zarter Rücksicht ge
gen den kleinen Kranken.
Der Direktor, der im gewöhnlichen
Leben eine harte Sprache hatte,
dämpfte, wenn er in die Stube des
kleinen Paul trat, feine Stimme. Und
wenn er sich für einige Minuten an
fein Lager setzte und Paul die güti
ge feste Hand auf seiner Stirn fühl
te. dann überkam den Kleinen ein
köstliches Gefühl des Geborgenseins.
Ja, seine Mutter hatte recht, er hatte
es gut, sehr gut in der Anstalt.
„Nun, Paul, mein Junge, wird's
bald besser?"
„Danke, Herr Direktor, mir ist viel
wohler."
„Wirst du auch tüchtig gepflegt?
Was haben sie denn heute für dich?"
Paul rührte es tief, daß der Herr
Direktor, der immer so viel zu tun
hatte, selbst um sein Essen sich küm
merte er war doch gut, sehr gut.
Und Frau Direktor kam zweimal
täglich die Treppe zu ihm hinauf, und
sie war doch schon alt und sehr oft
krank. ... Er merkte ihr Kommen
lange vorher an ihrem trippelnden
chritt bald war sie oben, und
fchon „biddelte" sie, wie die Blinden
ihr eiliges Gehen nannten, die Diele
entlang und war in der Stube: „So,
kleiner Paul, da bin ich wieder und
habe dir etwas mitgebracht."
Paul freute sich, wenn er ihre helle
Stimme hörte sie klang ihm ß»
freundlich wie lustige Musik.
Frau Direktor war immer ver
gnügt schon ihr „Biddeln" brachte
ihn in heitere Stimmung. Und
jedesmal hatte sie etwas Gutes für
ihn: Kirschen heute, Erdbeeren mor
gen, und einmal waren es saftige
Pfirsiche die gab's nicht im Gerten,
die hatte sie extra für ihn gekauft.
So wie sie war, dachte er sich, seine
Mutter.
Ach, alle waren sie gut zu ihm
er vermochte die große Liebe gar nicht
zu begreifen, mit der sie ihn umgaben.
Aber dennoch fühlte er sich oftmals
so einsam, daß er weinen mußte. Von
Tag zu Tag schwanden seine Kräfte.
Schwester Karoline hatte auf
feinen Wunsch ihn sonst jeden Tag mit
Kissen aufgerichtet zurückgelehnt
blieb er so einige Stunden sitzen.
Aber jetzt bat er, sie mochte ihn lie
gen lassen, denn so fühlte er sich am
wohlsten.
Die Ferien eilten ihrem Ende ent
gegen. Paul wußte selbst nicht, wes
halb er dieses Ende herbeisehnte.
Einmal, als er in der Nacht einen
schlimmen Anfall gehabt hatte, dachte
er, ob er es Wohl noch erleben werde
denn zuweilen kam es ihm in den
Sinn, daß er wohl sterben müsse.
Ob seine Mutter dann wohl weinen
würde, wenn er stürbe?
Ihm fiel Johannes Westphal ein
der hatte auch krank hier in dieser
Stube gelegen. Und seine Mutter hat
te bei ihm gesessen und hatte ihn ge
pflegt Tag und Nacht. Und als er ge
storben war, da hatte sie laut ge
schrien. Anna Lorenzen hatte es
gehört und es den andern erzählt.
Warum kam doch seine Mutter auch
nicht ein einziges Mal? Hamburg
war ja nicht weit, und der Direktor
hatte ihr's doch geschrieben, daß er
so krank sei.
Ach, seine Mutter hatte ihn gewiß
auch gar nicht ein bißchen mehr lieb?
... Er konnte sich nicht darauf be
sinnen, ob Frau Oberin ja oder nein
gesagt, als er sie fragte, ob seine
Mutter ihn besuchen werde. Aber
wenn er in seinem Sarg läge, dann
käme sie doch gewiß, um ihn unter
der weißen Spitzendecke und den vielen
Blumen zu sehen. ... So eine Decke
hatte auch der tote Johannes West
vhal gehabt, und sie waren alle an
'einen Sarg getreten und hatten ihn
leise betastet. O wie kalt waren
seine Hände und sein Gesicht gewesen!
Fast hatte Paul sich gefürchtet.
Aber Frau Westphal hatte ihren
toten Liebling geküßt, und fast mit
Gewalt hatte man sie wegführen
müssen von seinem Sarg. Würde
seine Mutter auch so fein an feinem
Sarg? ... Es wäre das letzte Mal,
daß sie ihn sähe.
Paul weinte, als die Oberin her
eintrat. Teilnahmsvoll beugte sie sich
zu ihm herab.
„Was ist dir, mein Paulchen
„Frau Oberin," flüsterte er.
„Was willst du, mein Kind?"
Sanft richtete sie ihn ein wenig em
por und näherte ihr Ohr seinem
Munde.
„Wenn ich gestorben bin, dann wird
meine Mutter doch kommen?"
I
Von Süden her zog ein Gewitter
herauf. Die schwere Wolkenbank, die
über dem Sophienholz lagerte, brei
tete sich langsam über Stadt und Ha
fen und bedeckte die Sonne.
Es war drückend schwül in den en
gen Straßen. Und Schwüle lag auch
über dem stillen Garten, der wie aus
gestorben das Anstaltsgebäude um
gab.
Kein Windhauch bewegte die Lust,
fein Blatt regte sich an den Bäumen
und Büschen, und selbst die Vögel wa
ren verstummt, als litten auch sie un
ter der drückenden Gewitterschwüle.
Martin blieb aufatmend vor dem
Blindenheim stehen und trocknete sich
mit dem Taschentuch den Schweiß von
der Stirn, ehe er die Pforte öffnete,
die in den Vorgarten führte.
Er hatte es über sich gewonnen,
die Anstalt zu besuchen. Einmal muß
te es ja sein, da er es zugesagt. Lang
sam schritt er um den Rasen herum
auf das Haus zu. Da gewahrte er
die Oberin seitwärts im Gartenhaus
chen. Sie hatte ihn bemerkt, und ihm
entgegentretend, bat sie ihn, Platz zu
nehmen.
„Es ist hübsch von Ihnen, Ihr Ver
sprechen zu halten. Nur schade, daß
gerade Ferien sind. Was ich Ihnen
heute zeigen kann, ist nur das Ge
häuse, in dem zur Zeit alles Leben
fehlt."
Gottlob, daß die Kinder fort sind,
dachte er nun würde es ihm erspart
bleiben, Luciens Kind zu sehen.
Bald darauf gingen sie zur An
ftalt hinüber.
„Auch unser Direktor und seine
Frau sind auf einige Tage verreist,"
erklärte sie, indem sie die Stufen des
säulengetragenen Hauptportals em
porstiegen, und wies auf die geschlos
fetten Vorhänge vor den weinum
rankten Fenstern der Wohnung zur
Rechten des Eingangs.
Sie führte ihn die Treppe hinauf
und zeigte ihm den Festsaal, die
Schlafsäle und Aufenthaltsräume der
Mädchen.
„Hier ist gut sein," sagte er an
erkennend.
„Ja," sagte sie, „aber das Inter
essanteste finden Sie drüben im Ne
bengebäude, wo die Knaben ihr Reich
haben." Dorthin lenkten sie nun ihre
Schritte und besahen die Klassenräu
me der Schule und die Lehrmittel
sammlung.
„Sie sollten einmal kommen und
dem Unterricht beiwohnen, Herr Dok
tor. Es ist interessant zu beobachten,
wie der Tastsinn der Kinder gebildet
wird, so daß sie so flott schreiben
wie andere Schüler, deren Augen ge
sund sind.
„Sehen Sie diese Wandkarte, die
hat der Direktor vor einigen Jahren
in den Feierabendstunden selber ge
macht. Sorgsam, Schicht auf Schicht
hat er aus Papiermache unser Vater
land aus dem Meer steigen lassen, hat
er die Gebirge gebaut, den Flüssen
ihren Lauf gegeben und mit runden
Messingknöpfen die Städte bezeichnet.
Es ist eine Lust zu sehen, wie
unsere Kinder auf ihrer Karte Be
scheid wissen man vergißt ganz, daß
man unter Blinden ist. Und diese
Kühe und Ziegen und Pferde.
Was andern Kindern ein Spielzeug
wäre, bei uns hat es den höheren
Zweck, denen, "die nie eine Kuh, ein
Pferd, einen Hund gesehen, eine Vor
stellung zu geben, wie so ein Tier
aussieht. Diese Figuren aus Pla
stolina, die die Kinder mit ihren Hän
den geknetet, können Ihnen einen Be
griff von dem Gewinn geben, den die
Kinder von solchem Tastunterricht ha
ben. Kunstwerke sind es ja nicht,
aber würde ein sehendes Kind von
acht oder zehn Jahren wohl viel Bes
seres schaffen?
„Und nun zu den Werkstätten! Wir
behalten die Kinder ja über die Schul
zeit hinaus und geben ihnen einen
Beruf. Hier lernen die Korbmacher
ihr Handwerk, dort die Bürstenbinder
und dort sehen Sie die Bahn für
die Seiler Wirklich schade, daß
Sie unsere Burschen und Mädchen
nicht bei der Arbeit beobachten kön
nen. Sie würden staunen, wie sicher
sie ihre Werkzeuge handhaben, und
wie rasch und geschickt die Arbeit von
statten geht."
Martin lauschte mit regem Inter
esse den Ausführungen, ab und zu ei
ne Frage dazwischenwerfend.
„Hier ist die Bibliothek und zugleich
die Druckerei. Gewaltig dicke Folian
ten, nicht wahr? Aber die Blinden
schrift fordert Raunt eine Seite ist
bald gefüllt, und unsere Blinden sind
fleißige Lefer. Geistliches und Welt
liches bieten die Bücher, und auch an
einer Zeitschrift sehlts ihnen nicht."
Sie waren wieder in den Hof ge
treten und taten einen Blick in die
Turnhalle.
„In unserer Anstalt wird fleißig
geturnt, und denken Sie nur, auch ge
tanzt. Drollig genug sieht es aus. Die
Blindheit spielt den Tänzern oft al
lerlei komische Streiche, aber da
nach fragen sie nicht, sie amüsieren sich
köstlich, wenn sie sich im Rundtanze
drehen und feierlich ihre Lanciers ab
schreiten und die Hauskapelle denn
eine solche besitzen wir auch mit Trom
peten und Pauken die Musik dazu
macht.
„Und in diesem Haus ist unser
Krankenzimmer," fuhr die Oberin
fort und zeigte auf ein zweites Ne
bengebäude. „Es birgt leider wieder
einen Kranken. Sie kennen ihn schon
es ist unser Patil. Und gar nicht gut
geht es dem armen Jungen."
Martin zuckte bei ihren Worten zu
sammen. Kein Mensch entgeht seinem
Schicksal, dachte er und beschleunigte
seine Schritte.
Da vernahm er, an dem Hause ent
lang schreitend, aus einem offenen
Fenster leisen Gesang. Unwill
kürlich blieb er lauschend stehen. Wor
te und Melodie waren ihm btitotnU
Herta hatte sie oft gesungen:
,,Süßes Licht, süßes Licht,
Sonne, die durch Wolfen bric$tl
O, wann werd' ich dahin kommen,
Daß ich dort mit allen Frommen
Schau dein holdes Angesicht?"
„Schwester Karoline singt ihm vor.
Er hat das so gern," sagte die Oberin
und dann mehr zu sich selbst als zu
ihrem Begleiter redend, fügte sie hin
zu: „Es wird nicht mehr lange dau
ern, dann wird feine Sehnsucht er
füllt sein. Der Arzt hat ihn auf
gegeben. Wollen wir zu ihm ge
hen
Martin neigte bejahend den Kopf.
Ein wunderliches Gefühl hatte ihn
ergriffen, und eine zitternde Hast
überkam ihn. Das Kind, wider
seinen Willen zog es ihn zu ihm hin,
zwang es ihn, es zu sehen.
Mit ernsten Augen starrte Mar
lin auf die halbgeöffnete Tür, zu der
ihm die Oberin voranfchritt. In sei
nem Hirn kreisten die Gedanken wirr
durcheinander. Luciens Kind.
Unwiderstehlich brach die Erinner
ung an die längst vergangenen Berli
ner Tage über ihn herein wie ausge
». lull
löscht waren die Jahre mühsam er
rungener Selbstzucht, die dazwischen^
lagen. Paul Bernaroi! Bernui
di das war der Name des Mart
nes, um derentwillen sie ihn betrogen
hatte und er fühlte, wie wilder
Haß in seinem Herzen sich aufbäumte.-'
Da klangen ihm der Oberin Worte
ins Ohr: „Guten Tag, mein lieber
Paul. Sieh, da bring' ich dir ei
nen Besuch."
Martin blickte aus und sah vor sich
das eiserne Bett, auf dessen weißen
Kissen ein bleiches Knabenantlitz ruh
te, die glanzlosen Augen der Tür zu
gewandt. Ein freudiges Au feuchten,
von einem matten Lächeln begleitet,
das der Oberin Worte hervorgezau
bert, ließen ihm das zarte Gesicht
chen unendlich lieblich erscheinen und
rührend zu gleich.
Die Oberin beugte sich zu ihm her
ab und winkte Martin, Pauls kleine
Hand in der ihrigen haltend, näher
zu treten.
„Wer ist daS, Frau Oberin"?
hauchte Paul und wandte den Kopf
nach der Richtung, in der sein feines
Ohr ihn Martin vermuten ließ.
„Das ist Herr Doktor Fabricius.
Weißt du nicht mehr, wie ich dir
erzählte, daß der Herr Doktor dir,
wenn du erst etwas älter bist, vie-I
leicht noch dein Augenlicht wiederge
ben kann?"
„Ja", flüsterte der Knabe und hob
ein wenig den Kopf. „Ich weiß.
O lieber Herr Doktor, wie gut Sie
sind!"
Die Oberin hatte Martin an das
Bett treten lassen.
Der blinde Knabe tastete nach sei
ner Hand.
Alles um sich her vergessend, die
Brust von den widersprechendsten
Empfindungen erfüllt, starrte Martin
auf das Kind. Wild tobte fein Blut
in den Schläfen in feinem Kopf jag
ten sich die Gedanken, und erglaubte
sein Herz schlagen zu hören. Nach
Fassung ringend, biß er die Zähne
zusammen und schloß die Augen, um
sie gleich darauf wieder prüfend auf
das Antlitz des Knaben zu richten.
Ja, das war Luciens Kind. ... Da
war ihr lckiges dunkles Haar, die
weiche Rundung ihres Kinns, die
sanfte Wölbung der Stirn. Aber da
was war das? Blendete ihn
ein Trugbild, äffte ihn ein Gespenst?
Das waren ja seiner Mutter
Züge. Ein Schauer des
Entsetzens durchrieselte esinen Kör
per. Je schärfer er hinfah, desto
deutlicher ward ihm in diesem Kna
bengesicht die Aehnlichkeit mit seiner
Mutter. Und er mußte sich Ge
walt antun, um nicht laut aufzu
schreien derselbe kleine braune Le
berfleck, den er auf der Backe hatte,
war auf der Wange des Knaben.
Herr Gott! Ha trhn denn Wahn
sinn ergriffen? Wie ein Peitschen
hieb schnellt ihn der fürchterliche Ge
danke empor. Große Wasser brausen
ihm in den Ohren. Ihm ist, als tau
melte er einem Abgrund zu... Nein,
nein er will und kann es nicht
glauben.
Da schoß es ihm durch den Sinn,
daß die Oberin neben ihm stand. Er
zwang ein Lächeln auf seine blutlo
en Lippen.
„Wie alt ist der Knabe?" fragte
er, ohne es zu wollen. Es war ihm,
als versage ihm die Zunge den Dienst
leine Stimme klang ihm so fremd,
und die Worte wollten ihm nicht von
den Lippen.
„Uebermorgen, wenn die Kinder
wiederkommen, ist mein Geburtstag,"
hörte er Pauls leise Stimme dann
bin ich zehn Jahre alt."
Zehn Jahre! Kaum wagte Martin
zu atmen. Er stand wie gelähmt.
Kalte Schweißtropfen traten auf fei
ne Stirn.
Seiner selbst nicht mehr mächtig,
von einem jäh auflodernden Gefühl
übertoätltigt und ohne der Oberin
und der Schwester zu gedenken, warf
er sich neben dem Bett auf die Knie
und beugte das Gesicht über das Kind.
Furchtbare Augenblicke waren es,
die er durchkämpfte. Der erschüttern
de Eindruck, den das in seiner Ver
lassenheit doppelt unglückliche, tod
kranke Kind auf ihn machte, die
schrecklichen Selbstanklagen, die das
Verhältnis zu diesem Kinde, dessen
Wahrheit er immer noch zu bezweif
eln suchte, in ihm hervorrief, zer
brach mit unwiderstehlicher Gewalt
all seine Manneskraft. Vergeb
lich rang er, feiner Herr zu werden.
Da fühlte er etwas Weiches wie
einen Hauch auf feinem Gesicht. Zart
und langsam glitt des Blinden durch
sichtige Hand über sein Antlitz, und
ein Ausdruck angestrengten Beobach»,
tens lag in den Zügen des Knaben,
das in seltsamem Widerspruch stand
zu dem toten Blick seiner Augen.
„Seien Sie mir nicht böse," bat
Paul, als ob er sich entschuldigen
müßte, „aber ich möchte so gern wis
sen, wie Sie aussehen. Nun weiß
ich's," fuhr er fort, und wieder lag
ein Freudenfchcin auf feinem Gesicht.
Der matte Klang der Stimme, der
rührende Ausdruck in dem zarten
Antlitz trieb Martin das Wasser in
die Augen und benahm ihm die Stirn-,
me. Er konnte nicht anders er
neigte sich wieder über das Kind unE
küßte eä.
1
(Fortsetzung folg#

Pattern for Reconstruction ..
Economy and Society
A discussion of the relations between economic and social devel
opments. In thirteen briel chapters this learned economist dis
cusses the Division of Labor, the Development of a Social Hier
archy, Congruity of Economics and Social Life, the Nature of
Society, Technology and Its Subversion by Capitalism, Recon
struction of the Social Order, the Vocational Group.
STUDENTS OF THE SOCIAL QUESTION
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guide for the better understanding of the recent
Statement of the American Hierarchy on Social
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Schwester, war das schön die-

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