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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, July 05, 1947, Ausgabe der 'Wanderer', Image 7

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5. Juli
V (Fortsetzung)
^Wie erkältet der arme Mann ist!"
bemerkte die Vikorntesse mitleidig.
„Er wäre im Bett am besten auf
gehoben," sagte die Dame mit der
scharfen Zunge.
„Sind Sie nicht müde vom Ste
hen?" flüsterte Dolly mit ihrer süße
sten Stimme einem großen, stattlichen
Dragoner zu, der sich zu ihr nieder
beugte.
„Heißt das, ich soll gehen?" frag
te dieser.
„O nein," sagte meine Schwester
halblaut und schlug züchtig ihre Au
gen nieder. Dolly saß gerade unter
einem großen Kronleuchter, der ihr
hübsches Kleid, ihre weißen Schultern
und die roten Korallen, die ihr blau
schwarzes Haar schmückten, hell be
schien Dolly tat durchaus nichts Bö
ses. Sie schlug nur zuweilen ihre
sanften Augen in einer Art auf, die
ich kannte und haßte.
Richard hatte seine Hände' puf Dol
lys Stühlchen gelegt. Er jah sehr
hübsch und aufgeregt aus sein blon
der Schnurrbart war ganz nahe an
Dollys Ohr, während er schnell und
leise mit ihr sprach. Zuweilen blickte
er ärgerlich nach mir hin. Meinen
Platz hätte ich mit Freuden jedem
anderen überlassen. Ich saß auf einem
gelben Sofa, neben Sir Hugo. Vor
uns lagen Kupferstiche, die Sir Hugo
mir zeigte dabei kam er mir mit sei
nem Kopf sehr nahe, wie sehr ich auch
den meinen zurücklehnen mochte. Mir
gerade gegenüber hing ein großer
Spiegel darin sah ich einen kleinen
Kopf voll üppiger roter Locken, große,
blaue, kindliche, traurige Äugen und
einen großen, aber doch hübschen, be
benden Mund. Wir besahen Stiche von
Landseer.
„Ein hübscher Hund, dies hier, nicht
wahr?" sagte Sir Hugo. „Ich hatte
einmal einen ganz ähnlichen es war
der beste Jagdhund, den ich je beses
sen. Nahm ein trauriges Ende, das
arme Tier fing sich in einer Falle
und mußte erschossen werden. Es hat
mir selten etwas so leid getan."
„Vielleicht," murmelte ich zerstreut.
„Vielleicht was?" fragte Sir Hugo.
„Sagte ich etwas? Ich ich ver
stand nicht recht, was Sie sprachen."
Tie Wahrheit zu gestehen: ich spitz
te meine Ohren, um zu hören, was
Dolly sagte.
„Sieht Nell nicht allerliebst aus?"
fragte Sie in ihrem süßlichen Tone.
„Was gäbe man nicht für die Frische
der ersten Jugend!"
Richards Antwort konnte ich nicht
verstehen.
„Halb Kind und halb Frau ja,
Sie haben recht. Die Vergnügungen
beider Alter vereinigt: Liebhaber und
Bilderbuch."
Richard biß auf seinen Schnurrbart
und schaute ärgerlich drein.
„Sie muß sehr leicht zu amüsieren
sein, wenn Lain7.stei.s Unterhaltung
ihr gefällt" bemevttc er
„O, ich weiß nicht sie vt jung und
vielleicht aber wirklich, Major
MacGregor, ist es nicht angenehm,
leicht befriedigt und gefesselt zu sein?
Man fühlt sich alsdann nicht so häu
fig verlassen in Gesellschaft, was un
sereinem doch oft passiert."
Schmachtend blickten ihre dunkeln
Augen zu ihm auf. Wenn sie auch
ihren eigentlichen Zweck nicht erreich
ten, so rührte ihn doch dieser Blick.
Sir Hugo und ich waren soeben am
letzten Hundeporträt angelangt.
„Hm, sind das alle? Ich will noch
mehr holen," sagte er aufstehend. Ich
hielt ihn zurück.
„O ich bitte, ich habe genug Bil
der gesehen. Ich bin ich bin ein
wenig müde."
Der biedere Baron blickte mich sehr
verblüfft an.
„Müde? Unsinn! Trinken Sie et
was Sherry. Mutter, hier ist Frl.
Lestrange so müde, daß sie sich kaum
rühren kann. Was sollen wir für sie
tun?"
Lady Lancaster hörte zum Glücke
nichts, da sie sehr harthörig war.
„O ich bitte, seien Sie stille. Es ist
nichts. Das Zimmer ist nur etwas
heiß, nicht wahr?" sagte ich, nach
Atom ringend.
„O ja, jetzt da Sie es sagen
fühle ich es auch. Lassen Sie uns in
das andere Zimmer gehen dort ist es
viel kühler, und wir sind allein und
ungestört."
„Wie verlockend!" dachte ich.
Die Kerzen verbreiteten eine erstik
kende Wärme. Frl. Seymour sang,
und ihre Stimme tönte hart und un
melodisch an mein Ohr der gelbe D«
mast tat meinen Augen wehe, und
schlimmer als dies alles ich sah ein
liebes Gesicht vorwurfsvoll nach mir
-hinschauen.
i „O warum ist er böse? Was habe
ich getan? Was soll ich tun?" feufäte
Nms Glück betrogen
A 1
ich trostlos.
„Tort werden wir allein und unge
stört sein," wiederholte Hugos mun
tere Stimme.
Die zurückgedrängten Tränen droh
ten mich zu ersticken lange konnte ich
ihnen nicht mehr wehren, das fühlte
ich. vsch sah immer nur Richards ver
drießliches Gesicht. Ich wußte kaum,
was ich tat. Schnell stand ich auf, stieß
einen Stuhl und zwei chinesische Va
sen in der Hast um und eilte durch
das Zimmer in den kühlen, leeren Sa
lon nebenan.
Sir Hugo, zuerst erstaunt über mei
ne unschickliche Hast, folgte mir auf
der Ferse. Ich hörte Dollys halb müt
terliche, halb mitleidige Stimme sa
gen:
„Arme, liebe Nell! Dies air em
presse steht ihr so gut, nicht wahr?"
Siebenzehntes
Kapitel
„Wenn du auch noch so lange lebst,
die ersten zwanzig Jahre sind doch die
längsten deines Lebens," sagt Sou
they. Es ist richtig. EinTag in der
Kindheit währt so lang, wie fünf oder
sechs Tage im reifen Alter.
Ich möchte wissen, ob dies bei den
Menschen, die vor der Sündflut ge
lebt, auch der Fall gewesen ist. Diese
Unglücklichen, die sich nahezu tausend
Jahre auf dieser Erde quälen und
plagen mußten, reisten sie ebenso früh
heran wie wir? Waren sie mit zwan
zig Iahren erwachsen, mit fünfzig im
reifen Alter und gingen sie die übri
gen acht- bis neunhundert Jahre als
Greise einher? Grauenhafter Gedan
ke! Eine Welt, bevölkert mit grauen
Köpfen. Tie entgegengesetzte Annah
me, obschon wahrscheinlicher, ist doch
auch drollig genug in ihren notwendi
gen Folgen. Spielten jene Unglückli
chen mit hundert Jahren noch mit
Puppen? Verliebten sie sich mit zwei
oder dreihundert Jahren und hatten
sie dann alle Leiden der heißblütigen
Jugend zu erdulden? Dachten sie mit
fünfhundert Jahren daran, sich häus
[ich niederzulassen? Reichte die Erin
nerung jener Alten bis in ihre frühe
ste Jugend zurück? Dann mußte ihr
Gedächtnis fürwahr ein vortreffliches
sein. Ties alles wissen wir nicht,
und was würde e£ uns nützen, wenn
wir's wüßten?
Ich habe von sehr vernünftigen
Leuten sagen hören, daß das Früh
stück die gemütlichste Zusammenkunft
im englischen Familienkreise ist. Dies
bestreite ich. Das interessanteste Ge
schöpf des Weltalls, der Mensch, ist
dann ganz ungenießbar, weil er noch
fchläfrig ist. Wenn ich im geselligen
Leben Reformen vorzunehmen hätte,
so würde ich einführen, daß jeder sein
Frühstück fur sich allein einnehmen
müsse.
In Wentworth hatte man soeben
gemeinschaftlich gefrühstückt. Eine
Menge von Salm und kalter Zunge
war verzehrt worden, und nun plau
derte man. Die meisten Herren aber
hatten sich in Zeitungen vertieft. Nach
und nach zerstreute sich die Gesellschaft.
Draußen vor der Türe im Früh
lingssonnenschein standen viele Pfer
de, für Herren und Damen gesattelt
auch ein Wagen, mit zwei hübschen
Braunen bespannt. Tie Damen er
schienen im Reitkleide. Ich trug kein
Reitkleid denn ich konnte nicht rei
ten. Es wurden allgemeine Vorberei
tungen zu einem Picknick getroffen,
obschon die meisten von uns lieber
zuhause geblieben wären.
Einige der Herren brannten vor
Verlangen, ihre Angeln in den klaren
Bach zu werfen, der sich durch die fet
ten Weiden Sir Hugos schlängelte.
Andere wären viel lieber mit den
Hunden in Feld und Wald herumge
streift, statt mit Damen über die stau
bige Chaussee zu reiten. Doch das galt
gleich. Die Forellen durften ungestört
im Bache nach Fliegen haschen keine
falsche Fliege an einer Angel würde
ihnen Unheil bringen. Wir sollten al
le gern oder ungern amüsiert
werden, und zwar nach Lady Lan
casters, nicht nach unserm Geschmack.
Ich sah an diesem Morgen nicht gut
aus, denn ich hatte fast die ganze
Nacht geweint. Augen und Nase wa
ren rot, die Wangen blaß. Aber das
alles war mir gleichgültig, denn ich
war mit Richard allein. Dolly befand
sich oben in ihrem Zimmer. Sir Hugo
gab draußen den Dienern Befehle.
Welch günstige Gelegenheit! Ich ging
also zu Richard, der finster dreinsah,
und sagte:
„Was habe ich getan? Warum bist
du ärgerlich?" 1
„Ich bin nicht ärgerlich," sagte er
mit abgewandtem Gesicht.
„Wenn du nicht ärgerlich bist, so
fahre heute. Reite nicht! Du weißt, ich
kann nicht reiten. Ich bitte dich."
Meine Stimme zitterte, und mein
w
ii
Sir Hugos Antlitz strahste:
„Ja, das wollte er auch aber Ihre
Schwester hat das ganze Arrangement
verändert. Sehr schön von ihr nicht
wahr?"
„Was? Was meinen Sie?" stieß
ich heraus.
„Nun, sie sagte ihm, daß Sie beim
Fahren sehr ängstlich seien, und daß
es Ihnen angenehmer wäre, wenn ich
führe, da ich die Pferde kenne. Natür
lich war das rein erfunden, was ich
vorhin über die Stute sagte sie geht
so ruhig wie eine Kuh."
„Nun und was weiter?"
„Anfangs wollte er sich nicht über
reden lassen aber als sie ihm wieder
holte, daß Sie i ch lieber zum Kut
scher hätten, da gab er nach. Sollen
wir jetzt fahren
Mein Herz stand still. Ganz mecha
nisch stieg ich in den Wagen, und im
Trabe ging's von bannen. Hugo zeig
te mir mit sichtlichem Wohlgefallen
seine Besitzungen, während wir daran
vorbeisausten..
„Sehen Sie dort das Gebüsch?"
„Ja."
„Das ist der beste Schießsta^' in
der ganzen Grafschaft. Von dort ver
fehlte ich im vorigen Jahre kein einzi
ges Mal mein Wild."
„Oh!"
Ich war sehr schlechter Laune und
hatte mir fest vorgenommen, überaus
einsilbig zu sein. Der Weißdorn blühte
an den Hecken in den Obstgärten war
die Erde dick bestreut mit Apfelblüten
die Amseln sangen, und Sir Hugos
Herz war fröhlich. Aber alle seine Be
mühungen, mich zu erheitern, waren
vergebens. Ich gab nur kurze, un
freundliche oder gar keine Antworten.
Beinahe zwei Stunden dauerte unsere
entzückende Fahrt endlich war Wil
ton Towers, unser Ziel, erreicht.
Durch das eiserne Tor fuhren wir in
den Park hinein. Am Ufer eines Sees,
der sich mehr durch seine Ausdehnun
gen als durch Schönheit auszeichnete,
fanden wir die übrige Gesellschaft. Die
meisten saßen müde und gelangweilt
umher.
Unser Wagen hielt, und ich sprang
mit solcher Hast hinaus, daß ich fiel.
Ein halbes Dutzend Herren stürzte
herbei, um mich aufzuheben aber ich
war schneller und bedurfte keiner Hil
fe. Zwei große grüne Flecken an mei
nem Kleide zeigten die Stelle, wo
meine Kniee die Mutter Erde begrüßt
hatten.
Wenn die Sachen am schlimm
st e n stehen, bessern sie sich immer.
Dies ist natürlich, da es für das
Schlimmste keine Steigerung
mehr gibt. Es ist nur schwer, zu wis
sen, wann Glück oder Unglück den
Höhepunkt erreicht haben. Hitze,
Pferdefliegen, Mücken und schlechte
Launen die natürliche Folge der
Hitze war das Schlimmste, was
wir an diesem Tage zu erdulden hat
ten. Eine halbe Stunde nach meinem
Burzelbaum besserte sich die Laune
der Gesellschaft zu Wilton Towers.
Die beiden Grooms breiten unter
einer großen Eiche ein Tischtuch aus.
Messer und Gabeln blitzen im Son
nenschein, der durch die dichten Zwei
ge fallt. Viele Flaschen stehen auf dem
Rasen umher. Duft von Speisen er
füllt die Luft, und die kleinen Eicheln,
die aus ihren Näpfchen niederblicken,
sehen mit Staunen die gekochten, ge
backenen und gebratenen Gerichte, die
umherstehen: saftige Hühnchen und
saftigeres Hammelfleisch, Hummer,
der rötlich aus dem Salat hervor
schimmert, und Backwerk in solcher
omo WAISHNFREUNÜ
jprrj TmPfTr TjOrOTr/
Da wandte er sich zu mir:
„Wie gerne tue ich es, wenn es nur
geht! Aber du weißt, der Wagen ge
hört nicht mir er gehört Lancaster
und vielleicht
In diesem Augenblick trat Sir Hu
go ein mit den Worten:
„Sie reiten doch, MacGregor? Da
steht ein vortreffliches Pferd für Sie."
„Ich danke, alter Freund," entgeg
nete Richard „aber wenn es Ihnen
gleichgültig ist, hätte ich große Lust,
mit den Braunen zu fahren. Das Rei
ten auf der staubigen Landstraße ist
nicht sehr verlockend."
Sir Hugos Gesicht verdüsterte sich.
„Gut," sagte er, „ganz wie Sie
wünschen aber geben Sie auf die
Stute Acht. Sie ist zuweilen sehr hart
mäulig, schlägt auch wohl aus und
scheut bei jeder Gelegenheit. Ich stehe
für nichts, Frl. Lestrange, und über
nehme keine Verantwortung. Die Tie
re sind nicht leicht zu lenken und wol
len richtig behandelt sein."
Bei den letzten Worten ist auch Dol
ly hereingekommen. Zierlich hält sie
mit der einen Hand ihr Reitkleid em
por und mit der Reitpeitsche schlägt sie
auf ihr elegantes Stiefelchen.
„Nimmst du nicht besser deinen
Mantel mit, Nell? Es kann spät wer
den, bis wir zurückkommen."
„Du hast recht," sagte ich und lief
auf mein Zimmer. Dolly folgte mir,
machte einige Bemerkungen über mei
nen Anzug und ging dann wieder
hinunter. Nach meinem Mantel muß
te ich lange suchen endlich fand ich
ihn ganz unten im Koffer. Als ich hin
unter kam, war Richard samt allen
Reitern und Reiterinnen verschwun
den. Nur der Wagen und Sir Hugo
standen noch da.
„Ich dachte, Major MacGregor
sollte mich fahren?"
Menge, daß man einen ganzen Bäk-mrfrfg
kerladen damit hätte füllen können.
Wir saßen im Grase um diese Lek
kerbissen herum und ließen es uns
wohl fein.
"„Vortrefflicher Sauternc!" tief der
ungläubige Alte, sein Glas gegen die
Sonne haltend. „Ich möchte wissen,
woher Lancaster ihn bezieht. Ich habe
es schon vielfach versucht, konnte aber
nie so guten bekommen."
..Er ist gut," sagte die Witwe, an
ihrem Glase nippend.
„Tas ist ein guter Hengst, jener
Rappe, Lancaster," bemerkte der ha
gere Lord. „Reiten Sie ihn wohl bei
Rennen?"
„Nein," erwiderte Sir Hugo „er
ist zu leicht für mich, besonders auf
hartem Boden. Aber er würde sich vor
trefflich für Sie eignen."
„oft dort Senf?" fragte der erkäl
tete Jüngling. „Frl. Seymour
wünscht Senf." HetfaI Hetsa!
uießte er.
«Gott segne Sie!" murmelte Frl.
Seymour.
Ich saß natürlich neben unserm
Wirt wie immer. Man reservierte die
sen viel gewünschten Platz nur stets
für mich ich machte einen schwachen
Versuch, ihn zu verschmähen, aber
vergebens. Sir Hugo trank Bier und
wandte seine Aufmerksamkeit teils der
stummen Taube, die neben ihm saß,
teils den noch stummeren Tauben, die
in einer Pastete vor ihm standen, zu.
MacGregor und Dolly Lestrange
schienen kaum mehr Appetit zu haben
als ich weniger konnten sie nicht leicht
haben.
Kokettieren läßt sich nicht genügend
definieren die Begriffe davon sind
sehr verschieden. Richard und Dolly
jedoch erfüllten alle nötigen Bedin
guitgeit, die Begriffe sämtlicher anwe
senden Personen über dieses fatale
Ting zu realisieren. Erstens schienen
sie einander sehr viel zu sagen zu ha
ben zweitens schienen sie gar nichts
zu funst jemand zu sagen zu haben
und drittens, was sie einander zu sa
gen hatten, schienen sie heimlich und
leise sagen zu müssen.
Ich habe nie eine Frau gekannt, die
es so verstand, den Tämon, der in der
Brust eines Mannes schlummert, zu
werfen, wie Tolly. Sie weckte jetzt Ri
chards Tämon. Ich betrachtete sie
ich sab, wie der böse Geist allmählich
den Schlaf abschüttelte und langsam
mit unheimlichem Lichte in Richards
Augen trat, die vorher nur ärgerlich
und traurige dreingeschaut hatten. Ich
sah, wie seine Augen den ihrigen ant
worteten ich sah, wie beider Blicke
die geheimnisvolle, unwiderstehliche
Sprache redeten, die sicher der Teu
feil erfunden hat.
Dabei spielte Dolly mit den Was
serlilien, die in ihrem Schöße lagen.
„Leben Sie von Luft, Frl. Le
strange?" fragte jetzt Sir Hugo, mich
freundlich anblickend,
«Mit dem Herzen voll Liebe
Und dem Mund voll Pastete."
„Nein, das tue ich nicht," entgeg
nete ich schnippisch. „Salm ist nicht
Vuft, soviel ich weiß."
Ich hatte eben ein Stück Salm auf
meinen Teller gelegt und überlegte,
wie ich denselben wieder beseitigen
sollte denn hinunterschlucken konnte
ich ihn unmöglich. Am liebsten hätte
ich Saint und Teller an Dollys hüb
scheu Kopf geschleudert. Den Sturm
nicht ahnend, der in meinem Innern
tobte, nahm Sir Hugo die Unterhal
tung wieder auf. Er war heute ziem
lich gesprächig.
„Ich vermute, wir werden jetzt das
Haus in Augenschein nehmen müssen
es gilt, eine Unmasse Gemälde zu be
sichtigen. Lord Stencliffe hat eine
Sammlung, wie ntan Wohl kaum eine
Zweite in England findet."
„So?" erwiderte ich.
„Eigentlich begreife ich nicht, wie
es einem Freude machen kann, solche
Tinge zu besehen. Es ist schrecklich
langweilig, nicht wahr?"
„Ja. Tie meisten Tinge in dieser
Welt sind sehr langweilig und die
Menschen ebenfalls."
Sir Hugo lachte. Der "Genuß des
Champagners bewirkte, daß er sich
nicht beleidigt fühlte. Er lachte, wie
man über einen schimpfenden Papa
gei lachen würde.
„Ich glaube, das ist auf mich ge
münzt," meinte'er. „Ich weiß nicht,
warum Sie mich immer so schlecht
behandeln?"
Ich blickte ins Leere und stellte mich
taub.
„Es schadet nichts," fuhr er fort.
^Jch nehme Ihnen nichts übel. Ein
Schlag von Ihnen ist mir lieber, als
ein Kuß von einer andern."
Der Baron hielt es für überflüssig,
leise zu sprechen. Wer nur wollte,
konnte seine Worte hören. Richard
hörte sie, und seine Stirn Ie~te sich
in Falten. Dolly hörte sie und sagte
mit holdem Lächeln:
„Zwei Verliebte streiten sich. Ar
mes, kleines Mädchen! Ich hoffe, er
treibt kein Spiel mit ihr!"
Ich hörte ihre Worte. In ohnmäch
tiger Witt wand ich mein Taschentuch
um meine Finger.
Fete champetre
k i n s e a n
genehm aber in Wirklichkeit ist es
durchaus nicht so. Ich glaube allen
Ernstes, daß es viel gemütlicher ist.
in MMMhkM WMlMer zu
sitzen, als draußen im Grase, wo man
beständig von Grashüpfern, Fliegen
und Mücken belästigt wird.
Tie Mücken zerstachen uns an je
nem Tage zur Genüge aber wir er
trugen es mutig. Ebenso mutig unter
zogen wir uns der Besichtigung des
Hauses, der Gemälde und hörten ge
lassen die lügenhaften, prahlerischen
Berichte eines Kastellans an. Auf al
len Schritten folgte mir Sir Hugo
wie mein eigener Schatten.
Achtzehntes Kapitel
Unser Leben ist ein sehr kleines
Boot, welches auf dem Meere der
Unendlichkeit treibt. Es liegt mir eine
kurze Spanne Zeit zwischen dem
Kampfe mit dem Leben beim Anfan
ge und dem Kampfe mit dem Tode
beim Ende desselben. Arme, kurze
Menschenleben! Welch' inniges Mit
leid mit uns selbst erfaßt uns, wenn
wir an unser schwaches Lebenslicht
denken, welches so oft, ehe es zur Hälf
te niedergebrannt ist, von dem uner
bittlichen Tode ausgeblasen wird!
Und doch sind alle Betrachtungen und
Klagen über die Kürze unseres Erden
daseins nicht imstande, eine einzige
schwere Stunde kürzer erscheinen zu
lassen.
Konnte die feste Ueberzeugung, daß
meine Existenz nur ein unbedeutendes
Etwas in den weiten Feldern der Un
endlichkeit sei, jene endlos lange Fahrt
zwischen Wilton Towers und Went
worth auch nur um eine Viertel
meile verkürzen? Durchaus nicht.
Endlos schienen mir die mondbeglänz
ten Tannenwälder und die langen Ei
chenalleen des Lords Stencliffe.
„Wie groß und voll der Mond aus
sieht wie ein dicker Schweizerkäse!"
sagte Sir Hugo in einem plötzlichen
poetischen Anfall, der wahrscheinlich
größtenteils auf die Nachwirkung des
Ehampagners zu setzen war.
Der Mond, der viel besungene
Mond, wie ein Schweizerkäse!
„Wie poetisch!" sagte ich spöttisch.
»Nein, ich weiß, daß es nicht poe
tisch ist. Auf Poesie verstehe ich mich
nicht aber wenn Sie mich darum lie
ber hätten, würde ich es auch damit
versuchen."
Eupido und das Gewächst der
Weinberge von Epernay hatten einen
sentimentalen Ausdruck in die dunkeln
Augen des Barons gebracht.
„Wann können wir zuhause fein?"
fragte ich.
„Zuhause? Nun, wir sind ja eben
erst abgefahren. Warum haben Sie
solche Eile, nachhause zu kommen? Ich
wollte, ich könnte ewig mit Ihnen an
meiner Seite dahin fahren!"
Jetzt kamen wir zu einem Schlag
baum. Ein schläfriger Zolleinnehmer
ließ uns passieren. Dann fuhren wir
auf einem Wege, der mit der Eisen
bahn parallel lief. Es war ein ziem
lieh gefährlicher Weg denn nur ein
schmales Feld trennte ihn von der Ei
senbahnstrecke, und Leute mit hitzigen
Pferden lieben es durchaus nicht, ei
ner Lokomotive zu nahe zu kommen.
In etwas scharfem Trabe fuhren
wir in der stillen Mainacht dahin kein
Laut war ringsumher hörbar. Plötz
lich schrillte die Pfeife einer Lokomo
tive durch die Stille.
„Zum Henker!" sagte Sir Hugo.
„Da kommt ein Zug. Ich hoffe zu
Gott, daß es gut geht."
Ich wandte meinen Kopf und sah
die große dunkle Maschine mit den
feurigen Augen dicht hinter uns.
Brausend und pfeifend und stöhnend
fauste sie vorbei. Eine Sekunde lang
standen die Braunen wie angewur
zeit, am ganzen Körper zitternd vor
Aufregung dann schnell wie der
Blitz wandten sie sich, und wir sau
sten auf dem Wege zurück, den wir
eben gekommen waren. Mit einem
Krach zerbrach die Deichsel und schlug
mm den Pferden zwischen den Bei­
7
nen ftftt im* her, wodurch die Tiere
immer toller wurden.
„Verwünscht!" sagte Sir Hugo
halblaut. „Sitzen Sie still. Nell."
Tas brauchte er mit nicht artzu*
empfehlen. Die Angst lähmte mir je
des Glied. Unbeweglich saß ich da.
mich mir beiden Händen an die Lehne
des Wagens festklammernd. Wir
brausten durch die Alleen und näher
ten uns pfeilschnell dem Schlagbaitm.
„Zum Henker!" stöhnte Sir Hugo.
„Die Barriere ist geschlossen."
Ich sah, wie er die Zähne aufeinan
der biß, die Füße gegen das Trittbrett
stemmte und die Zügel mit aller Kraft
hielt. Die Adern auf seinen Händen
schwollen dicht an bei der übermäßigen
Anstrengung. Vergebens. Die Pferde
mäßigten ibreit tollen Lauf nicht. In
wenigen Augenblicken mußten wir ge
gen die Barriere geschleudert werden
und elendiglich umkommen. Plötzlich
machte Sir Hugo einen heftigen Ruck
mit dem rechten Zügel. Ich ahnte, was
kommen würde, und streckte unwill
kürlich meine Hand aus, um Sir Hu
go oder irgendetwas zu erfassen. Noch
ein Ruck und der Wagen stürzte
um, und mir schwand das Bewußt
sein.
Als ich wieder zu mir gekommen
war, lag ich mit dem Kopf in einem
großen Veilchenbusch. Ich richtete mich
auf: es flimmerte mir vor den Augen,
es fauste in meinen Ohren. Ich sah
Sir Hugo aus einer Tornenbecke her
auskrabbeln. In dem Graben zappelte
der Rutscher, und von dem Felde ati
der entgegengesetzten Seite des Weges
hörte ich den Bedienten kläglich fra
gen, ob wir alle tot seien. Von dem
Wagen und von den Pferden war kei
ne Spur zu sehen. Sir Hugo schwank
te zu mir heran.
„Sind Sie verletzt, Nett?" fragte er
ängstlich.
„Nein, ich glaube nicht. Ich ich
glaube ich muß sterben."
Ich sah noch, wie Sir Hugo mit ent
setztem Blick seine Arme ausbreitete,
dann sank ich ohnmächtig in dieselben.
Sobald mein Geist von seiner Wan
derschaft zurückkehrte wie lange sie
gedauert hatte, wußte ich nicht fing
ich heftig zu meßen an, und Tränen
flössen aus meinen Augen denn man
hielt mir eine Flasche mit dem stärk
sten englischen Riechsalz unter die Na
fe. Ich stieß sie fort und blickte um
her. Ich war in einem fremden Zim
mer, und es roch nach schlechtem Ta
bak und Bier. Tie Wände waren mit
einer braunen Tapete bedeckt drei
oder vier Roßhaarstühle standen um
her. Ich selber lag auf einem horten
Roßhaarsofa eine ältliche Frau beug
te sich über mich, und o Entsetzen
und Schmach! Sir Hugos Arm lag
unter meinem Kopfe, und er neigte sich
beforgt zu mir nieder.
„Geht es besser?" fragte er ängst
lich.
Ich richtete mich sogleich auf.
„Ja, ich danke, es geht mir wieder
ganz gut. Ist der Wagen in Ord
nung?"
Sir Hugo lachte.
„In Ordnung? Ich habe noch nichts
davon gehört und gesehen. Wenn er
nicht ganz zertrümmert ist, wird er
jetzt wohl eine gute Strecke jenseits
Wilton sein. Ich habe Jackson hinter
her geschickt aber der Teufel mag wis
sen, wann der zurückkommt."
Entsetzt blickte ich Sir Hugo an.
„Aber wie kommen wir denn nach«
häufe?"
„Ja, das ist das Schlimme hier ist
gar kein Wagen zu haben. Ich habe
Smith nach Wentworth geschickt, um
einen Wagen zu holen."
„Wann kann er hier fein?"
Sir Hugo zog seine Uhr heraus
und sagte:
(Fortsetzung folgt)

Krei dem Englische« nacherzählt von Natalie von Wolf
JUST OFF THE PRESS
"THE TIMES
CHALLENGE US"
By THE MOST REV. ALOISIUS J. MUENCH,
Bishop of Fargo, who is now in Ganuany
as Apostolic Visitator.
This slender pamphlet by the author of One World in
Charity is "MUST" reading for all who are interested
in helping to build genuine and lasting world peace.
38 pages, single copies, 20c postpaid
10 to 100 copies, 15c per copy.
101 to 500 copies, 12c per copy.
501 to 1000 copies, 10c per copy.
Over 1000 copies, 8c per copy.
ORDER FROM BOOK DEPARTMENT
WANDERER PRINTING COMPANY
128 East Tenth Street, ST. PAUL 1, MINN.

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