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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, July 26, 1947, Ausgabe der 'Wanderer', Image 1

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Das heutige Weltbild
Es will Einem oft schwer werden,
6jt eine bessere Zukunft zu glauben.
Und in den Ver. Staaten geht es
ja materiell ganz erträglich. Das
Land ist. äußerlich betrachtet, reicher
als je. Löhne und (Sinlommett weiter
Gesellschaftsschichten haben eine Höhe
erreicht, die man selbst in den tollen
zwanziger Jahren für phantastisch ge
halten hätte. Die Lebensansprüche die
ser Kreise bewegen sich dementspre
chend in fortgesetzt aussteigender Li
nie. Für Luxus und Vergnügen wer
den jährlich Milliarden ausgegeben.
Wer die Zahlen der Studierenden an
den Mittel- und Hochschulen auf sich
wirken läßt, könnte leicht zu der An
sicht verleitet werden, daß wir uns
mit Riesenschritten einem klassischen
Zeitalter allgemeiner Bildung und
eines unerhörten kulturellen Aus
stiegs nähern.
Wer aber von unserer Zeit mehr
fennt als die gleißende Oberfläche,
weiß, wie viel Schein' und Trug sich
hinter all den imponierenden Zahlen
äußerlichen Wohlstandes und Wohl
behagens, Bildungsdrangs und kul
turellen Fortschritts bergen. Was al
lein die Tageschronik an Entartung,
Verbrechen und Skandalen enthüllt,
wirft düstere Schatten auf das trüge
tisch glänzende Panorama unserer
Tage. Geht man aber erst in die Tie
fe, lernt man die soziale Zersetzung,
Unzufriedenheit und Verbitterung, die
Korruption im politischen Leben und
die Raffgier im Wirtschaftsleben, ne
ben einer unglaublichen geistigen Ver
flachung den grauenhaften religiösen
und sittlichen Nihilismus in weiten
Kreisen kennen, dann packt Einen das
Unbehagen, das sich aus den Schriften
ernster Zeitgenossen absteigender Epo
chen auf denkende Leser überträgt.
Und was den üppigen Bildungsdrang
und den scheinbar idealen Schwung
gar vieler Erscheinungen unserer Sta
ge anbelangt, so zeigen uns klarblik
kende Männer vom Schlage eines
Msgr. Fulton Sheen im katholischen
und eines Dr. Hntchins im nichtkatho
lischen Lager oder eines Leon Bloy in
Frankreich, wieviel falscher Stuck lose
an der täuschenden Fassade klebt.
Gewiß, auch in unserer Zeit lebt
Gottes Geist nicht auf dem lärmen
den Marktplatz des Tages, wo die
Marktschreier und der in allerhand
Masken auftretende Wahre Jakob ih
re blendenden Künste spielen lassen,
sondern in der Stille oft inmitten
der Sorgen und Entbehrungen beschei
dener Menschen, von denen die Welt
nichts weiß, die in der Flitter und
Tand vergötzenden Tageszeitung nie
mals genannt werden. In welchem
Verhältnis das Gesunde und Gute zu
dem Faulen und Schlechten, die unbe
sungene Tugend zu dem sich spreizen
den Dünke! und Laster steht, das läßt
sich selbstverständlich in Zahlen nicht
ausdrücken, das weiß Gott allein-fJe*
densalls aber ist das Gesamtbild, das
sich Einem von Tag zu Tag aufdrängt,
düster und unheilkündend.
Dabei liegen die Dinge in unserm
Land immer bloß äußerlich gesehen
unvergleichlich besser als überall
sonstwo. Das Leben geht trotz aller
Störungen durch politischen und wirt
schaftlichen Hader und Kampf seinen
gewohnten Gang, und wir sind noch
immer in der Lage, mit Gönnermiene
und stolzer Ueberhebung das Chaos zu
schauen, das in ganzen Kontinenten
zur Norm geworden ist. Aber wir
brauchen nicht zurückzuwandern durch
die Geschichte, etwa zur französischen
Revolution, sondern wir brauchen nur
im Geiste nochmals die letzten zehn
Jahre zu durchleben, um uns daran
gemahnen zu lassen, wie schnell Gä
rungen und Unruhen und Kriege über
Landesgrenzen greifen und verheerend
über Kontinente und Meere brausen.
Vor just zehn Jahren sahen wohl viele
das drohende Unheil nahen, aber ober
flächlich gesehen war nicht annähernd
so viel Brandstoff gehäuft wie heute,
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es gab wenige, die eine Weltkata
strophe von so fürchterlichem Umfang
erwarteten, wie es der zweite Welt
krieg gewesen ist.
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Zwischen Ar^eg und Frieden
Diese Erwägung war es, die uns
der Niederschrift des ersten Satzes
der heutigen Rundschau die Feder
führte. Es ist wie in den Jahren, als
Hitler im Bewußtsein seiner wachsen
den Macht die Weltstaaten immer wie
fetr herausforderte und Schritt um»
1
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Schritt an die Ausführung seiner
Pläne ging. Es gab Ereignisse von
höchster internationaler Spannung,
denen immer wieder ein scheinbarer
Ausgleich folgte von dem Ein
marsch in das durch den Friedensver
trag entmilitarisierte Rheinland bis
zum Krieg mit Polen, mit dem der
schwelende Weltbrand zu Heller Lohe
entfacht wurde. Verträge wurden über
den Haufen geworfen, der damalige
Völkerbund gesprengt, da er allen Kri
selt ohnmächtig gegenüberstand, Land
um Land vergewaltigt. Aber Be
schwichtignngskonserenzen erkauften
immer wieder einen Aufschub. In
München glaubte Chamberlain endlich
„Frieden für unsere Tage" gesichert
zu haben. Wenige Monate später steht
Hitler auf der Prager Burg und wie
der ein paar Monate nachher schließt
er den berüchtigten Pakt mit Stalin,
und seine Heere brechen ohne Kriegs
erklärung über die polnische Grenze.
Die Gezschichte wiederholt sich
All das wiederholt sich heute in
neuer Gestalt. Tie Rolle Hitlers spielt
Stalin. Der hat das Zehnfache des
Gebietes eingesackt, das Hitler bis
zum Einfall in Polen sich angeeignet
hatte. Er hat den neuen Völkerbund
so gut wie matt gesetzt. Versichert, ge
nau wie das Hitler tat, die Welt im
mer wieder seiner Friedensliebe, wäh
rend er Land um Land reif macht für
die Eroberung. Und dazwischen
schlingt sich eine endlose Kette von
Konferenzen, die anfangs „Münche
ner" Gepräge hatten, bis Molotow
der jüngsten Zusammenkunft der
„Großen Drei" ein jähes Ende mach
te und die Westmächte zwang, ohne
Rußland den Wiederaufbau Europas
zu versuchen. Der Osten und der We
sten klafften weiter als je auseinan
der. Die Moskau'er Presse höhnte und
hetzte. Die Pariser Wirtschaftskonfe
renz schien sich nicht daran zu stören
und unverdrossen und zielbewußt zu
arbeiten. Aber London und Paris
schielen nach Moskau, da sie trotz al
ler schönen Schlagworte in der Er
Öffnungssitzung der Konferenz nicht
einig find in ihren Zielen und in ih
ren Aufbauplänen mit dem Problem
Deutschland nicht fertigwerden kön
nen. Wenn nicht alles trügt, wird die
Pariser Konferenz der sechzehn euro
päischen Staaten nicht so glatt von
statten gehen und nicht so bald positive
Leistungen zuwege bringen, wie es
notwendig wäre, wenn Europa von
einer weiteren Winterkatastrophe be
wahrt werden soll.
Das alles aber ist nur ein Abschnitt
aus dem unheimlichen Kapitel der
heutigen Weltlage. Während sich die
Verhandlungen über die Reorganisa
tion Westeuropas schwieriger gestal
ten und Rußland alle Hebel ansetzt,
um den. „Marshall-Plan" zu Fall zu
bringen, wird die Lage in Griechen
land immer gefährlicher, nimmt der
Kampf um Palästina immer bedenk
lichere Gestalt an, kommt es in Indo
nesien zum offenen Krieg, erliegt in
Birma die Regierung dem Meuchel
mord.
Die Pariser Besprechungen
Das Ausscheiden der Russen von
der europäischen Wirtschaftskonferenz
in Paris ist den ohne Moskau'er De
legaten tagenden sechzehn Nationen
ganz gut bekommen. Die russische
Presse suchte zwar die Spannungen
zu verschärfen, aber die Pariser Kon
ferenz war diesmal von den bisher
alle internationale Tagungen lähmen
den Debatten über Zuständigkeit, Ge
schäftsordnung, Großmacht-Privile
gien und Verfahrungsbedingungen
befreit. Die Beratungen sind ohne
Sensation verlaufen, weil endlich die
ganze Verhandlungszeit für sachliche
Arbeit freigegeben war. Ohne unnö
tigen Aufenthalt für rhetorische He
bungen wurde ein Vorstand gewählt,
dem England, Frankreich, Italien,
Norwegen und Holland angehören.
Fünf Arbeitsausschüsse werden in we
nigen Wochen die europäische Inven
tur an landwirtschaftlichen Erzeug
nissen, Eisen und Stahl, Transport
mitteln, Kohle und elektrischer Kraft
vorlegen können. Europa zeigt dann
seine gesamten Bestände, seinen Be
darf und das Maß von amerikanischer
Hilfeleistung, das für eine Ueoer
gamgszett benötigt wird.
Staatssekretär Marshall hatte an
die Europäer die Frage gerichtet, ob
••'.•.•••
Die erfreulichste Neuerscheinung an
der Pariser Konferenz ist ihr Arbeits
tempo, und der Schöpfer des Europa
Plans, George C. Marshall, hat vor
einigen Tagen dazu beigetragen, auch
das Tempo der amerikanischen Hilfe
leistung dem beschleunigten Verfahren
von Paris anzupassen. Eine dreistün
dige Diskussion mit dem außenpoliti
schen Senatsausschuß diente dazu, die
parlamentarisch-politische Grundlage
vorzubereiten, um den Europa-Plan
nach der Entscheidung in Paris ohne
Verzug zu realisieren. Gleichzeitig
wurden Verhandlungen zwischen den
britischen und amerikanischen Zonen
leitern eingeleitet, um das Produk
tionsniveau für West-Deutschland er
heblich zu erhöhen. Denn für Mar
shall ist die Neubelebung des Ruhr
Bergbaus und der rheinischen Jndu
strie die zentrale Frage für den Wie
deraufbau West-Europas.
Marshall hat auch vor einigen Ta
gen in einer Ansprache an die Gou
verneure in Salt Lake City noch ein
mal unterstrichen, daß Europa gehol
fen werden muß, wenn nicht die wirt
schaftlich versinkenden Völker des al
ten Kontinents dem Kommunismus
in die Arme getrieben werden sollen.
Er hält aber auch unentwegt an dein
Grundsatz der neuen amerikanischen
Außenpolitik fest: Wir helfen einem
Europa, das gewillt und fähig ist, sich
selbst zu helfen.
Die alte Leier
Damit ist über die Pariser Zusam
menkunft rihd die Aussichten für die
Verwirklichung des „Marshall-Plans"
alles^gesagt, was sich günstiges sagen
läßt. Aber das Bild hat auch seine
Kehrseite. Kaum war die erste Erre
gung über Rußlands neueste Sabo
tage und die von dem amerikanischen
Hilfsplan gebotenen Möglichkeiten ab
gekühlt, als die alte Kleinlichkeit und
gebrauchen wir das rechte Wort!
Stänkeret sich zum Wort melde
ten. Und es waren die beiden Groß
staaten, England und Frankreich, von
denen die Einladung zu-den Pariser
Besprechungen ausgegangen waren,
welche die anfangs bekundete Groß
zügigkeit beiseite setzten und in die
alte echachermanier zurückfielen. Es
hat sich in den letzten Tagen gezeigt,
daß nicht allein Westen und Osten
entzwei sind, sondern daß auch der
Westen bei weitem nicht so einig ist,
wie es die Stunde fordert. Es ist zu
befürchten, daß wir es mit den ersten
Auswirkungen der russischen Propa
ganda und Hintertreppen-Diplomatie
zu tun haben, der alles daran gelegen
ist. Amerika mattzusetzen und vor al
lent das wetterwendische Frankreich
von neuem auf Moskaus Seite zn
ziehen.
Es war schon seit geraumer Zeit
allen Einsichtigen klar, daß es eine
wesentliche Voraussetzung für den
Wiederaufbau Europas ist, daß die
heute brach liegenden Produktionska
Paritäten Deutschlands in Dienst ge
stellt werden. Das wurde, besonders
seit HoovexH Studienreise, von maß-,
gebenden amerikanischen und Briti
schen Wortführern immer wieder be
tont. DaS wurde aüf der Pariser Kon-,
i •*,
Nu Familienblatt für Wahrheit und Recht zur Belehrung und
HeravSgegeLe« vom Papstltche» Kolleg»«« Josephiuum zum Beste» der Priesterzöglinge. Preis für ein Jahr ia best Ver. Staate» $2.50, in Staue da und alle» a«dere» Staate» $3.00.
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Ahrgang 75
sie selbst in der Lage sind, durch ihre
eigene gegenseitige Unterstützung eine
genügend tragfähige Basis zu schaf
fen, um eine zusätzliche Hilfe von
Amerika rentabel und wirksam wer
den zu lassen. Sie Delegierten in Pa
ris haben diese Grundfrage mit „Ja"
beantwortet. Sie haben darüber hin
aus bekundet, daß sie rasch handeln
wollen, weil 'keine Zeit mehr zu ver
lieren ist. Die Russen sind zwar ärger
lich, daß es ohne ihre bisher allzu
teure Mitwirkung gehen soll, aber
dieser erstmalige Erziehungsversuch
an einer Diktatur-Regierung kann
auch seine heilsamen Folgen haben.
Es war kennzeichnend für die euro
päische Situation, daß drei kleine
Länder Belgien, Holland und
Luxemburg in Paris die stärkste
Initiative für einen europäischen
Aufbauplan entwickelt und bereits
detaillierte, konstruktive Vorschläge
gemacht haben. Diese drei Staaten
hatten nämlich nicht erst auf den Zu
sammenschluß von ganz Europa ge
wartet. sondern fingen inzwischen da
mit an, zunächst ihre kleinen Volks
wirtschaften zu einer größeren Ein
heit, einer Zollunion, zu vereinigen.
Ihre Erfahrungen sind die besten, und
insbesondere Belgien kann heute hin
sichtlich eines Wiederaufbaues den
größten Fortschritt in Europa fest
stellen. Von diesen wirtschaftlich er
probten Nationen kam denn auch in
Paris der erste Vorstoß, das bisher
von der Gemeinschaft noch eliminierte
West-Deutschland in die höhere euro
päische Einheit mit einzugliedern.
I
Ausgabe des »Wanderer'
serenz von Vertretern Belgiens und
der Niederlande mit allem Nachdruck
gefordert. Das wurde in Frankreich
von Premier Ramadier und hervor
mg enden Sachverständigen zugestan
den. Mit andern Worten, die Wieder
Herstellung der deutschen Industrie
Produktion ist unbedingte Voraussetz
ung für den Erfolg des „Marshall
Plans". Und die Ver. Staaten taten
dns ihre, indem sie das unsinnige Des«
iudnstrialisierungs-Programm von
Potsdam zum, alten Eisen warfen
und sich einverstanden erklärten da
nn t. daß die deutsche Industrie auf
eine neue Produktionsbasis gestellt
werde. Das hat mit der abgeleierten
Frage eines „harten" oder eines „ge
linden" Friedens nichts zu tun, son
dern trägt einfach den Forderungen
der Vernunft und der Notwendigkeit
Rechnung.
Nun aber ist die französische Regie
rung in Washington formell vorstellig
geworden und hat dagegen protestiert,
dos Deutschlands Produktion, beson
ders in der Schwerindustrie, erhöht
werden soll, und hat von einer „Ge
fährdung" des Pariser Programms
geschwätzt. Und die britische Regie
rung verzögert die Annahme einer
Einladung zu einer Konferenz in
Washington zur Besprechung der Er
höhung der deutschen Kohlenproduk
tun,. Die Lage wäre lächerlich, wäre
sie nicht so ernst. Frankreich fordert
mehr Kohle, will aber nicht die indu
strielle Produktion zugestehen, die er
forderlich ist, um die deutschen Berg
arbeiter ernähren und verpflegen zu
können, so daß sie mehr Kohle fördern
können. England, das mehr Kohle
und mehr industrielle Produktion for
dert, will beide unter seiner Kontrolle
und Sozialisierungspolitik haben.
Uni) Frankreich und England erwar
ten von den Ver. Staaten, daß diese
tlir Prograntnt snbsidieren, indem sie
nicht allein beiden Ländern mehr Geld
zu fließen lassen, sondern auch fort»
fahren, die Hauptlast zu tragen, um
Teutschland am Leben zu erhalten.
Moskau hat selbstverständlich seine
Helle Freude an solchen Eigenbröde^
leiert und Quertreibereien im „geein
ten" West-Europa, und in Amerika
wird dadurch die an sich recht laue
Neigung, Milliarden für Europa auf
zuwenden, schwerlich gehoben. Paris
verteidigt seine Forderung selbstver
ständlich mit der alten Formel „Se
curity". In Belgien und Holland ist
man augenscheinlich der Ansicht, daß
von dem zerstörten Deutschland auf
viele Jahre hinaus eine Gefahr nicht
ausgehen kann und daß allen etwaigen
militaristischen Revanchegelüsten ein
wirksamer Riegel vorgeschoben wer
den kann. Tie Auffassung der beiden
kleinen Länder ist zweifellos richtig,
während die Pariser Argumente we
der überzeugend noch ehrlich klin
gen. Deutschland kann in absehbarer
Zeit nur dann wieder gefährlich wer
den, wenn eine unvernünftige Politik
auch West-Deutschland in Rußlands
Arme treibt.
Ei» amerikanisches Urteil
So etwas auszusprechen wird auch
heute noch von der Gesellschaft „To
Prevent World War III" als „Nazi
Propaganda" verlästert, aber das ent
kräftet die Tatsache nicht. Gegen jene,
welche Tatsachen Herz und Ohren ver
schließen, wendet sich ein soeben ver
öffentlichtes Buch: „Report on the
Germans", von W. L. White (Har
court, Brace & Co., New Jork).
Selten ist ein Buch schlichter Re
portage so leidenschaftlich umstritten
worden wie W. ß. Whites „Report on
the Russians". Hier sagte ein scharfer
Beobachter mit unverblümter Offen
heit, was ihn auf seiner Rußland
Reise beeindruckt hatte. Das neue Buch
von White, „Report on the Germans",
ist dem Titel nach ein Parallelwer?
über die Deutschen. Aber es ist doch
im Grunde eine ganz andere Art von
Buch. White hatte Rußland vorher
noch nicht gekannt sein Eindruck von
den Menschen und von den politischen
Verhältnissen hat Züge von erstaun
licher Unmittelbarkeit, die dem Buch
seine Frische mtd scharfe Pointierung
gßben.
Mit Deutschland hingegen ist White
schon seit langem vertraut. Er weilte
dort als Achtzehnjähriger nach dem
ersten Weltkrieg und kam ein zweites
Mal, zwanzig Jahre später, als
Kriegsberichterstatter beim Ausbruch
des zweiten Weltkriegs. So versteht er
ganz gut deutsch, ist mit den Proble
men vertraut und fand noch einige
Freunde aus alter Zeit, als er nun
wieder nach Deutschland kam.
Dafür macht er diesmal feine Re
portage viel gründlicher und systems
tischer. Er erzählt weniger, waS er
Unterhaltung
selbst erlebt, sondern führt eine Fülle
von Personen ein und gibt ihre Aus
führungen wörtlich wieder. Da nichts
heute billiger zu haben ist als die
Dienste junger deutscher Intellektuel
ler, stellt er einige von ihnen als
„Kundschafter" in seine Dienste, und
sie schleppen ihm den Typ Menschen
an, den er sich wünscht. So gibt das
Buch einen reichlichen Ausschnitt ver
schiedenartiger deutscher Typen und
ihrer Anschauungen.
Man kann White weder ausgespro
chen prodeutsch, noch als ausgespro
chen antideutsch bezeichnen. Er ist
überzeugt, daß die Deutschen als Ge
amtheit weder Engel noch Teufel sind,
sondern aus guten und bösen Elemen
ten gemischt wie andere Völker auch.
Er will verstehen, was heute in
Deutschland los ist und wie man die
Deutschen behandeln muß, damit sie
aus dem Schrecken Europas ein wich
tiges Element des europäischen Auf
baus werden.
Von besonderem Interesse ist
Whites Kapitel über die Russen in
Deutschland. White gehört nicht zu
jener salonbolschewistisch angehauchten
Gruppe amerikanischer Intellektueller,
die es auch heute noch nicht fertig
bringt, die beiden Hanptformen des
politischen Totalitarisrnns mit glei
chen Maßen zu messen. White erzählt
eine Reihe von Dingen, mit denen die
öffentliche Meinung Amerikas bisher
noch nicht hinreichend vertraut gemacht
worden ist. Er berichtet, wie im rus
sischen Sektor von Berlin heute immer
noch Personen spurlos verschwinden,
.denen die Sowjet-Politik nicht behagt.
Interessant ist es auch zu erfahren,
daß immer wieder russische Soldaten
im amerikanischen Hauptquartier er
scheinen und bitten, in die amerikani
sche Armee aufgenommen zu werden,
zumeist mit dein Hintergedanken, da
durch die amerikanische Staatsbürger
schaft zu erwerben. Nach Whites Dar
stellung kamen an einem einzigen Ta
ge vier Majore ins amerikanische
Hauptquartier, deren höchster Wunsch
es war, die Sowjet-Bürgerschast mit
dem amerikanischen Bürgerrecht ver
tauschen zu können.
Als ein patriotischer Amerikaner
macht sich White natürlich Gedanken,
wie es möglich war, daß die Sowjet
Union, die uns zum großen Teile ih
re Rettung verdankt, derart auf Ko
sten des Einflusses des Westens sich
ausdehnen durfte. Er ist der lieber
zeugung, daß wir dies vor allem durch
unseren Mangel an politischer Vor
aussicht während des Krieges und in
der ersten Nachkriegszeit möglich ge
macht haben. Amerika hat nach seiner
Meinung die folgenden vier grundle
genden Fehlet gemacht:
1. Als Preis für unsere Lend
Lease-Hilfe hätten wir von der Sow
jet-Union eine einlösbare Verpflich
tung zum Verzicht auf Ausdehnung
ihrer Grenzen verlangen sollen. Wir
hätten ferner festlegen sollen, daß alle
territorialen Besetzungen von öerttrei
in Europa kämpfenden Großmächten
gemeinsam besetzt werden, sowie, daß
in keinem der mit dem Blut alliierter
Soldaten befreiten Länder eine Re
gierung art die Macht kommen dürfe,
die nicht auf eine unbehinderte demo
kratische Volksabstimmung aufgebaut
ist.
2. Die Formel der „bedingungs
losen Uebergabe" war furzsichtig ge
wählt: sie hat nur den Krieg verlän
gert. unnötig Millionen Menschen
opfer gefordert und den Russen Zeit
gegeben, in das Herz Europas vorzu
stoßen.
3. Churchills Vorschlag einer mi
litärischen Invasion würde möglicher
weise die militärischen Operationen
etwas verlängert, aber vermutlich den
Frieden gerettet haben.
4. Wir haben zu früh begonnen,
unsere in Europa stehenden Streit
kräfte zu demobilisieren und damit die
Machtmittel aus der Hand gegeben,
die vielleicht die Russen zu Konzessio
nett an unsere Wünsche veranlaßt ha
ben würden.
i
White ist überzeugt, daß eine Poli
tik. wie Mergenthau sie vertrat, die
Fehler, die von den Alliierten nach
dem ersten Weltkrieg gemacht wurden,
nur in vergrübernder Weise wieder
holen würde. Wenn das deutsche
Elend der beiden letzten Jahre noch
ein Jahrzehnt andauern sollte, dann
müssen den Deutschen in der Tat anno
1957 die Tage Hitlers wie ein Gol
dene! Zeitalter erscheinen und der*
I
Nun muß wohl zugegeben werden,
daß die Organisation der Vereinten
Nationen bisher noch nicht genügend
eigene Kraft entwickeln konnte, um ih
ren ganzen Ausgaben kreis heute schon
praktisch bewältigen zu können. Er
würde sich aber selber aufgeben (be
vor ihn seine Impotenz dazu zwingt),
wollte der Weltverband sich als un
fähig erklären, heute schon mindestens
dann aktiv zu werden, wenn ein offe
ner Angriff auf ein Mitglied der
Vereinten Nationen, auf dessen Sou
veränität und Sicherheit erfolgt.
Die lange schwelenden Unruhen auf
den, Balkan haben in den letzten Wo
chen zn Sturmangriffen der Freischär.
1
erbenden an der Nordgrenze Grie
chenlands geführt. Die Kanonen ha
ben ihr seit Mai 1945 von den Frie
densmächten angeordnetes Schweigen
gebrochen. Die 'kommunistisch gerichte
ten Guerillakrieger aus Bulgarie
Jugoslawien und Alba/tien find, ve
Wie alle Menschen mit ausgepräg- ^5-^ ^urch eine neugebildete ^ntev
tent Wirklichkeitssinn ist White ent
fetzt darüber, wie schwach heute noch
in Europa die Verbreitung liberaler
und demokratischer Ideen ist und wel
che gewaltige Ausdehnung der Welt
bolschewisntus gewonnen hat.
nationale Brigade (zu der ehemalige
Angehörige der Freischärler in Spa
men gehören sollen), in Griechenland
eingefallen und, wie von gefangen
genommenen Rotgardisten bestätigt
wurde, war das Ziel des von außen
geführten Bürgerkriegs der Sturz der
legalen griechischen Regierung und
ihre Ersetzung durch ein Rebellen
regime. Griechenland mag es der
rechtzeitigen Hilfsaktion durch die
Ver. Staaten danken, daß es finan
ziell genügend gestärkt war, um mit
seinen Streitkräften von hundertund
dreißigtausend Mann die rote Inva
sion in den Bergen von Epirus ab
schlagen zu können. Dennoch wird es
notwendig sein, die Heeresstärke Grie
chenlands auf zweihunderttausend bis
dreihunderttausend zu vermehren, um
künftig die Sicherheit seiner Grenzen
gewährleisten zu können.
Die Vereinten Nationen hatten
schon vor Monaten erkannt, daß ein
von roten Nachbarn angezettelter grie
chischer Bürgerkrieg unausbleiblich zu
internationalen Konflikten führen
muß. Eine nach dem Balkan entsandte
Prüfungskommission hat in ihrem
Bericht Bulgarien, Jugoslawien und
Albanien beschuldigt, zu den Grenz
zusammenstoßen aufgehetzt zu haben.
Ihre Empfehlung ging dahin, daß die
Fortführung solcher Invasionen in
Griechenland als Bedrohung des Frie
dens im Sinne der UN-Charter ange
sehen und mit den vorgesehenen Sank
tionen geahndet werden müßte. Eine
solche befürchtete Wiederholung der
Uebersälle hat sich jetzt mit schärfster
Gewaltanwendung ereignet.
Unsere Delegation bei den Verein
ten Nationen hat deshalb die sofortige
Einsetzung einer halbpermanenten
Balkan-Kommission verlangt, die über
weitere Grenzverletzungen zu wachen
hätte. Sowjet-Rußland macht gegen
die Einsetzung dieser Kommission
schärfste Obstruktion, und es steht zu
erwarten, daß Gromyko auch vor dem
üblichen Veto nicht zurückschreckt, um
so überhaupt jede Aktion der UN ge
gen die Friedensbedrohung des Bal
kans zu unterbinden. Der Sicherheits
rat hat zunächst noch gezaudert, das
heiße Eisen Anzufassen, ist aber vor
aussichtlich gezwungen, in diesen Ta
gen seine Entscheidung zu treffen.
Sollte der Rat versagen oder durch
das russische Veto handlungsunfähig
gemacht werden, so wird die amerika
nische Delegation, unterstützt von
England, einer Entscheidung durch die
Plenarversammlnng nicht aus dem
Hege jjehett.
ftettfumie «f Ctttt
1
-Arv-
Nr. 12
tote Hiticr könnte uns gefährlicher
werden als es der lebendige war.
Falls die Alliierten hingegen enh
ltch die Voraussetzungen schaffen, un
ter denen aus dem gegenwärtigen
Chaos ein freies und demokratische®
Deutschland hervorgehen kann und
das deutsche Volk „dieses begabte
und fleißige Volk" die Früchte sei
nes Arbeitsfleißes auf der gleichen
Basis ernten kann wie die anderen
Völker Europas, dann wird Hitler
allgemein als ein Mensch des WahneS
erscheinen,, der Deutschlands Blut,
Kunstschätze und Volksvermögen in ei
tlem sinnlosen Kriege auf» Spiel ge
setzt und verpraßt hat.
Sturm über Griechenland
Nach dein Hauptinhalt der Charter
der Vereinten Nationen verpflichten
sich die Mitgliedstaaten des nene»
Völkerbnndes, „den Weltfrieden urtl
die internationale Sicherheit aufrecht
znerhaltcn und zu diesem Zwecke wirk
same, kollektive Maßnahmen zur Ver
Hinderung und Beseitigung von Be
drohungen des Friedens, wie zur Ue
berwindung von Angriffsakten oder
anderen Friedensvekletzungen zu un
ternehmen".

Samsteg, den 26. Juli 1947

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