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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, August 02, 1947, Ausgabe der 'Wanderer', Image 1

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In seinen im Dezember 1832 er
schienenen „Französischen Zuständen"
bot Heinrich jpeine eine plastische
Schilderung des Auftretens der Cho
lera in Paris im Frühling des glei
chen Jahres.
Man hatte die ersten Londoner
Mitteilungen über den Umzug der
Pestilenz nicht sonderlich ern]t genom
men. „Es schien anfänglich sogar da
rauf abgesehen zu sein, sie zu verhöh
nen, und man meinte, die Cholera
werde ebensowenig wie jede andere
große Reputation sich in Paris in An
sehen erhalten können. Da war es nun
der guten Cholera nicht zu verdenken,
daß sie aus Furcht vor der Lächerlich
keit zu einem Mittel griff, welches
schon Robespierre und Napoleon als
probat befunden, daß sie nämlich, um
sich in Respekt zu setzen, das Volk dezi
mierte. Bei dem großen Elend, das
hier herrscht, bei der kolossalen Unsau
derkeit, die nicht bloß bei den ärmeren
Klassen zu finden ist, bei der Reizbar
keit des Volkes überhaupt, bei seinem
grenzenlosen Leichtsinn, bei dem gänz
lichen Mangel an Vorkehrungen und
Vorsichtsmaßregeln, mußte die Cho
lera hier rascher und furchtbarer als
ianderswo um sich-greifen. Ihre An
kunft war den 29. März offiziell be
kannt gemacht worden, und da dieses
der Tag des MMSareme und das
Wetter sonnig und klar war, tummel
ten sich die Pariser um so lustiger auf
den Boulevards, wo man sogar Mas
ken erblickte, die in karikierter Miß
farbigkeit und Ungestalt die Furcht
vor der Cholera und die Krankheit
selbst verspotteten.
„Desselben Abends waren die Re
%outen besuchter als jemals übermü
tiges Gelächter überjauchzte fast die
lauteste Musik man erhitzte sich beim
Chahut, einem nicht mehr zweideuti
gen Tanz man schluckte dabei allerlei
Eis und sonstig kaltes Getrinke:
als plötzlich der lustigste der Arle
quine eine allzu große Kälte in den
Beinen verspürte und die Maske ab
nahm und zu aller Welt Verwunde
rung ein veilchenblaues Gesicht zum
Vorschein kam. Man merkte bald, daß
solches kein Spaß sei, und das Geläch
ter verstummte, und mehrere Wagen
voll Menschen fuhr man von der Re
doute gleich nach dem Hotel-Dieu, dem
Zentralhospityl, wo sie, in ihren aben
teuerlichen Maskenkleidern anlan
gend, gleich verschieden. Da die
älteren Gäste des Hotel-Dieu ein
gräßliches Angstgeschrei erhoben, so
sind jene Toten, wie man sagt, so
schnell beerdigt worden, daß man ih
nen nicht einmal die buntscheckigen
Narrenkleider auszog, und lustig wie
ifie getobt haben, liegen sie auch lustig
im Grabe. ."
Aber es war durchaus keine luftige,
sondern eine furchtbar ernste Sache.
Auch dem frechen Spötter Heine ward
es ganz unheimlich zu Mute. „Es war
eine Schreckenszeit, weit schauerlicher
.als die frühere, da die Hinrichtungen
so rasch und geheimnisvoll stattfanden.
Es war ein verlarbter Henker, der
mit einer unsichtbaren Guillotine am*
bulante durch Paris zog", während
die namenlose Verwirrung und gren
zenlose Aufregung zu sozialen und
politischen Kämpfen führten.
Die Pariser jener Schreckenstage,
die in ihrem Uebermut und Leicht
sinn und in tljrem wiehernden Ver
gnügungsrausch das drohende Unheil
verhöhnten, könnten den Menschen
unserer Zeit Modell gestanden haben.
Eine geistige und sittliche Pestilenz
hängt über der Menschheit, Länder
sind verwüstet, Völker verkommen tu
Jammer und Elend, eine Kultur sinkt
••«in Trümmer, der Schatten barba'.i
Äscher Systeme umhüllt weite Strecken
der Erde, und hinter all den düste
ren Erscheinungen lauert der Tod,
vielleicht noch entsetzlicher ausholend
mit seiner Hippe als im ersten und
zweiten Weltkrieg. Aber die Menschen
rasen millionenweise ohne Besinnung
und Scham im Narrentanz der Zeit
und gröhlen und plärren den Refrain
zu den tollen Weisen verheidnifchter
^Chorführer in Presse und Rundfunk
HjMtid Theater und Schule. Korruption,
^schmählicher Schacher unter dem Aus»
W Hängeschild des Patriotismus in der
Staatspolitik (Siehe die neuesten
mgtoner Untersuchungen?),
Selbstsucht und Grabschsucht und
Machtsucht tee
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Zwischen Krieg und Frieden
roter nationalendroht.
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Politik, Unfähigkeit und Feigheit der
Regierenden, nirgends ein klares, fe
stes Programm der Abwehr der be
fürchteten und zum Teil offen bespro
chenen drohenden Katastrophen: Kann
das alles einen andern, aber ins Un
geheure gesteigerten Ausgang nehmen
als der blöde Tanz und das meckernde
Genießen der von Heilte geschilderten
Pariser, in deren Mitte bereits die
gefürchtete und doch stumpfsinnig ver
höhnte Cholera weilte!
Moderne Chiffoniers und Reden
deuses
Und wird es, wenn schließlich die
Katastrophe bor uns steht und man
sich endlich auf deren Bekämpfung be
sinnt, anders sein als damals in Pa
ris, als man der Cholera mit sanitä
ren Maßnahmen zu begegnen be
gann? Heine erzählt:
a k o i i e e a n z u e s i
den Interessen einiger tausend Men
schen, die den öffentlichen Schmutz als
ihre Domäne betrachten. Dieses sind
die sogenannten Chiffoniers (Lumpen
sammler), die von dem Kehricht, der
sich des Tages über bor den Häusern
in den Kotwinkeln aufgehäuft, ihren
Lebensunterhalt ziehen. Mit großen
Spitzkörben auf dem Rücken und ei
nem Hakenstock in der Hand schlendern
diese Menschen durch die Straßen
und wissen mancherlei, was noch
brauchbar ist, aus dem Kehricht auf
zugabeln und zu verkaufen. Als nun
die Polizei, damit der Kot nicht lange
auf den Straßen liegen bleibe, die
Säuberung derselben in Entreprise
gab und der Kehricht, auf Karren ver
laden, unmittelbar zur Stadt hinaus»
gebracht ward aufs freie Feld, wo es
den Chiffoniers freistehen sollte, nach
Herzenslust darin herumzufischen: da
klagten diese Menschen, daß sie, wo
nicht ganz brotlos, doch wenigstens in
ihrem Erwerb geschmälert worden,
daß dieser Erwerb ein verjährtes
Recht sei, gleichsam ein Eigentum,
dessen man sie nicht nach Willkür be
rauben könne Als ihre Protesta
tionen nichts halfen, suchten die Chif
foniers gewalttätig die Reinigungs
reform zu hintertreiben sie versuch
ten eine kleine Konterrevolution, und
zwar in Verbindung mit alten Wei
Bern, den Revendeuses (Trödlerin
nen), denen man verboten hatte, das
übelriechende Zeug, das sie größten
teils von den Lumpensammlern er
handelt hatten, längs den Kais zum
Wiederverkauf auszukramen. Da sa
hen wir nun die widerwärtigste Erneu
te: Die neuen Reinigungskarren wur
den zerschlagen und in die Seine ge
schmissen die Chiffoniers verbarrika
Merten sich bei der Porte St.-Denis
mit ihren großen Regenschirmen foch
ten die Trödelweiber auf dent Chate
let der Generalmarsch erscholl der
Bürgerthron zitterte Rente fiel
Das war nur eine der Episoden im
Gefolge der Cholera. Selbstverständ
lich gibt es in unserer fortgeschritte
nen Zeit keine so primitiven Zustän
de wie im Paris der dreißiger Jahre
des vorigen Jahrhunderts und keine
so spießbürgerliche „Erneuten" wie da
mals. Die Chiffoniers und Revendeu
ses unserer Zeit sind das Großkapital
und das Großunternehmertum,
aber deren Gesinnung und Haltung
ist genau die gleiche wie die der Pari
ser Lumpensammler und Trödelwei
ber angesichts des Todeszugs der Cho
lera. Ihre Angst vor der Pestilenz un
serer Tage bestimmt sie zur Teilnah
me an dem Kampf gegen den Vermale
deiten Kommunismus, aber sie
verbitten es sich, daß man mehr von
ihnen verlangt, daß man erwartet, sie
würden auf die Vorteile und Profite
verzichten, mit denen die unheimliche
Konjunktur der Nachkriegszeit lockt,
und ehrlich mitarbeiten am Wieder
aufbau der zerstörten Welt.
Das ist neben der Macht- und Ge
waltpolitik eine der wichtigsten Ursa
chen, weshalb all die Konferenzen der
Staatsmänner immer wieder entwe
der mit völligem Fiasko enden oder
zu neuen Bedenken der Regierungen
und zu neuen internationalen Ver
wicklungen führen. Das ist neben der
von Rußland verübten Sabotage eine
der Ursachen, weshalb der „Marshall
Plan", der zu so großen Hoffnungen
zu berechtigen schien, gefährdet ist und
zum Spielball der Politik zu werden
*V
Lw. Familienblatt für Wahrheit und Recht zur Belehrung und Unterhaltung
Ausgabe des »Wsnderer'
Der große Appell unseres GtaatO»
sekretärs Marshall an die Völker Eu
ropas zur gemeinsamen und solidari
schen Arbeit für den Wiederaufbau des
alten Kontinents war zunächst auf gu
ten Boden gefallen. Die von sechzehn
Ländern beschickte Pariser Konferenz
zögerte nicht, die praktische Vorarbeit
für eine organisierte Zusammenarbeit
unverzüglich aufzunehmen.
Inzwischen hat die Pariser Konfe
renz den Schlüssel zur Neuordnung
Europas in die Hände der Pariser
Regierung Ramadier gelegt. Das
französische Kabinett bekennt sich nach
wie vor zu den Prinzipien des „Mar
shall-Planes", betont aber gleichzei
tig, welche objektiven Voraussetzungen
eine Beteiligung Frankreichs an der
europäischen Wirtschaftseinheit er
schweren, wenn nicht unmöglich ma
chen könnten.
Premier Ramadier hat letzte Woche
eines der Bedenken Frankreichs in ei
ner Rede vor der sozialistischen Föde
ration ausgesprochen, als er erklärte,
daß der „Marshall-Plan" zu einem
Fiasko führen müßte, wenn Sowjet
Rußland und seine Satelliten an der
europäischen Gemeinschaft nicht teil
nehmen. Die zweite Sorge hat der
französische Gesandte Bonnet in Wash
ington unterbreitet, indem er die
neuen Direktiven für die amerikani
sche Militärregierung zur Rehabili
tierung der deutschen Industrie als
für Frankreich unannehmbar bezeich
nete. Das Ausscheiden Rußlands und
die wirtschaftliche Rehabilitierung
Deutschlands zusammengenommen, so
kalkuliert man in Paris, bedeutet für
Frankreich, daß es sowohl die deutsche
Kohle für feine Stahlproduktion, wie
die Kohle aus Polen verliert, und
außerdem ist es um seine Sicherheit
gegenüber Äem re-in'dustrialisierten
Teutschland besorgt. Frankreichs Op
position richtet sich weniger gegen den
„Marshall-Plan" im Ganzen, als
vielmehr gegen die Priorität, die der
Wiederbelebung der deutschen Indu
strie in den neuen Direktiven für die
Besetzungspolitik gegeben wurde.
Washington hatte die Pariser Kon
ferenz wissen lassen, daß. gleichviel
welcher Europa-Plan dort angenom
men werden sollte Amerika darauf
bestehen müßte, daß der industriellen
Rehabilitierung Deutschlands eine
entscheidende Rolle zuerteilt werden
müßte.
Das Echo auf den' französischen
Protest in Washington war zwar
freundlich, aber entbehrte der wün
fchenswerten Präzision. Ein nach Pa
riser Meldungen eingegangene*
Schreiben besagt, daß Amerika und
England weitere Feststellungen über
ein erhöhtes deutsches Produktionsni
veau bis auf weiteres vertagen wol
len, bis Frankreich Zeit und Gelegen
heit gehabt hat, das Problem mit ih
nen zu besprechen.
Eine am 23. Juli bort Sekretär
Marshall abgehaltene Pressekonferenz
hat das diplomatische Dunkel ein klein
wenig erhellt. Es kann als Antwort
auf die französischen Fragen nach na
tionaler Sicherheit und nach der Rus
senbeteiligung am „Marshall-Plan"
gedeutet werden, wenn der Staats
sekretär in der Pressekonferenz den
von seinem Vorgänger Byrnes am 6.
September 1946 gemachten Vorschlag
auf Abschluß eines vierzigjährigen
Vertrages der vier Großmächte zur
Entwaffnung Deutschlands in diesem
Augenblick erneuert hat. Und es mag
der französischen Regierung wohl ge
tan haben, daß unser Staatssekretär
hinzufügte: Sowjet-Rußland wird
nicht nur eingeladen, einen solchen
Entwaffnungsvertrag mit zu unter
zeichnen, sondern seine Beteiligung
würde notwendig sein, tun den Ver
trag durchzuführen. Nach einer Kom
mentierung von Byrnes könnte die
Ruhr während der Dauer des Ent
waffnungsvertrages kein Waffenarse
nal Deutschlands oder Europas wer
den.
Die Franzosen haben Meldungen
zufolge dieses Angebot von Marshall
bereits als für ihre Sicherheit unge
nügend bezeichnet. Nach Erfahrung
mit früheren Verträgen sei Frank
reichs Sicherheit nur verbürgt, wenn
das Ruhr-Gebiet den Deutschen aus
der Hand genommen wird. Es ist aber
auch keineswegs anzunehmen, daß
Moskau in der Ausschaltung der
Schwerindustrie aus Deutschland eine
Lösung sieht, denn von dort soll die
Quelle seiner Reparationen fließen.
Das Zwischenspiel des französischen
Protestes, das von dem Kommunisten
Häuptling Thorez in Paris eifrig ge
schürt wird, kann keineswegs dazu
beitragen, die russische Obstruktion ge
gen den „Marshall-Plan" zu überwin
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Päpstlichen ZtoSeOsA A^ephw«M z»m BeM VerPriesterzSslinge. ^WreiS fBt tht Fahr in den «er. Staates fS.50, in Kanada und allen anderen Ländern $3,00.
Bidanlts Plan
den. Der entstandene Zeitverlust für
die Realisierung des „Marshall-Pla
mV ist Zeitgewinn für Moskau, denn
der Winter rückt näher und das euro
päische Chaos wächst von Tag zu Tag.
Frankreich» Sicherheit liegt nur in
einem wirtschaftlich lebensfähigen und
starken Europa, das neue militaristi
sche Kräfte in Deutschland nicht auf
kommen und die Sabotage seiner Kon
solidierung durch die Kräfte im Osten
nicht erst wirksam werden läßt.
Konferenzen über Konferenzen
Die Lage ist nun wie folgt: Es soll
eine Konferenz von Marshall, Bevin
und Bidault abgehalten werden
voraussichtlich Mitte August in Wash
ington —, auf der eine Verständigung
über das deutsche Produktionsniveau
erzielt werden soll. M. Bidault, der
im psychologischen Moment, im Au
genblick, da Rußland das ganze ante
rifmiische Programm in Scherben zu
schlagen sucht, seine Trumpfe aus
spielte, kann mit dem augenblicklichen
Erfolg zufrieden fein. Er hat ge
nau wie Clemenceau 1919! Frank
reich in den Mittelpunkt des europäi
schen Problems gestellt und damit sein
Prestige in der äußeren und inneren
Politik gestärkt. Hr. Marshall wird
aber gut daran tun, zu beachten, daß
er M. Bidanlts Verhandlungs- und
Bündnismöglichkeiten mit Ruß
land gestärkt hat, was sich recht un
erfreulich auswirken könnte, wenn die
französischen Kommunisten zuletzt die
Regierung doch noch stürzen werden.
Co mag M. Bidault auch auf den
Washingtoner Besprechungen gelin
gen. unter Ausnutzung der gegenwär
tigen internationalen Lage seinen
Willen durchzusetzen. Europa und
damit auch Frankreich wird das
ebensowenig nützen, wie die engher
zige nationalistische Politik des „Ti
gers" Frankreich und Europa genützt
hat.
jedenfalls'aber hat die Pariser Po
lititdie Inangriffnahme des europäi
schen Wiederaufbaus nach den Grund
linien des „Marfball-Plans" bort
neuem wenigstens um Wochen verzö
gert. M. Bidault wurde angesichts
des großmütigen Angebots Washing
ons dessen Erfüllung mit Hilfe der
entsprechenden Bewilligungen durch
den Kongreß durch die ermüdenden
Sonderwünsche und Ouertreibereien
europäischer Politiker schwerlich gesör
dert wird! staatsmännischer gehan
delt haben, würde er seine Forderun
gen an Teutschland dem amerikani
Ichert Programm eingegliedert und
nicht durch Ramadier um Rußlands
Mitarbeit gebettelt haben. Die
Schwenkung in der französischen Poli
tik im Augenblick, da Amerika und
England Deutschland eine lebensnot
wendige Erweiterung seiner Produk
tion ermöglichen wollten, stellt dem
ganzen „Marshall-Plan" eine ungün
stige Prognose. Ter gilt der Rettung
Europas, nicht den Macht- und Pre
stigeansprtichen eines einzigen euro
päischen Landes! Daß man in Wash
ington so schnell zum Rückzug blies,
als Paris gegen diese fundamentale
Bedeutung der amerikanischen Hilfs
aktion aufbegehrte, läßt erkennen, wie
lose diese Aktion in ihrem jetzigen
Stadium ist.
Aber nicht allein Parts machte
Schwierigkeiten, sondern auch Lon
don. Die amerikanisch-britischen Ge
gensätze sind zwar nicht ganz so schwie
rig, dürfen aber nicht unterschätzt wer
den. Hier wie im Falle Frankreichs
spielen innerpolitische und parteipoli
tische Erwägungen eine Rolle. Im
Falle Englands bietet das Sozialisie
rungsprogramm der Arbeiter-Regie
rung eine Schwierigkeit. Die Arbeiter
Regierung möchte im Gegensatz zu
Washington das industrialisierte
Ruhr-Gebiet nach sozialistischen An
schauungen und Methoden betreiben.
Eine nach Washington einberufene
Besprechung berschob London unter
augenscheinlicher Einwirkung der
französischen Obstruktionspolitik und
der bon seinen Kommissionen in Mos
kau betriebenen Handelspolitik. In
den letzten Tagen hat es sich, wohl
nicht zuletzt in der Erwartung ame
rikanischer Uebernahme der gesamten
Besatzungskosten in Deutschland, zu
dein sofortigen Beginn der 3$uhr
Besprechungen bereit erklärt.
Nene Enttäuschungen in Deutschland
Es ist begreiflich, daß der neue
Kurswechsel in unserer Deutschland
Politik, der nur wenige Tage auf die
Überweisung der neuen Direktiben
an die Militärregierung in Deutsch
land erfolgte, drüben (auch unter den
amerikanischen Militärbehörden) ent
täuschend und deprimierend wirkte.
&
Aus Berlin wurde am Samstag ge
meldet:
„In maßgebenden Kreisen ist hier
die Hoffnung geschwunden, daß
Deutschland unter einer Vereinbarung
der vier Okkupationsmächte in diesem
oder selbst int nächsten Jahr vereinigt
werden kann.
„Der Streit zwischen den Ver.
Staaten und der Sowjet-Union über
den ,Marshall-Plan' reißt Deutschland
in der Mitte auseinander: der Westen
fallt in die Sphäre des Marshall
Plans', der Osten in die Sphäre Ruß
yands.
„Die Beamten glauben, daß diese
Kluft nicht überbrückt werden kann,
bis sich eines der beiden Programme,
das des Ostens oder das des Westens,
als Fehlschlag erwiesen hat. Das dürf
te sich kaum im lausenden Jahr erwei
sen, und vielleicht nicht einmal irrt
nächsten Jahr, da der .Marshall
Plan' nicht ins Leben treten kann, ehe
der Kongreß im Januar wieder zu
sammentritt. Daher herrscht hier auch
die Ueberzeugung, daß die bevorste
henden Ministerkonferenzen, im Sep
tember in New Dorf und im Novem
ber iii London, bereits zum Fehl
fchlag verurteilt sind.
„Es wird daraus hingewiesen, daß
sich der Streit über Teutschland seit
der letzten Ministerkonferenz in Mos
kau noch verschärft hat, feit Rußland
sich geweigert hat, den /Marshall
Plan' auszunehmen, und nichts in der
ganzen Lage darauf hinweist, daß sich
das bis zum September ändern kann.
Tie Pessimisten glauben sogar, daß
sich die Kluft noch erweitern und die
ganze Maschinerie der vier Mächte in
Berlin zusammenbrechen kann, und
Rußland vielleicht die Forderung stel
len wird, daß die Westmächte diese
zertrümmerte Hauptstadt verlassen.
Tie Russen könnten die Okkupation
der Westmächte in Berlin unmöglich
machen, indem sie ihnen die Verbin
dungen in ihrer Zone abschneiden.
„Die Diplomaten glauben nicht,
daß es zu einem solchen Bruch kom
men wird, weil sowohl die Russen als
auch die Westmächte davor zurück
schrecken werden, die letzte Tür, die
für eine Einigung noch offensteht, zu
zuschlagen. Tie Maschinerie der vier
Okkupationsmächte ist zwar eingero
stet, aber sie könnte vielleicht doch wie
der in Gang gebracht werden und da
zu dienen, aus der Patsche zu kom
men und die Kooperation zwischen
dem Westen und dem Osten einzulei
ten, sobald die gegenwärtigen Pläne
fehlgeschlagen sind.
„Im allgemeinen waren die Unter
händler und Tiplomaten, die seit dem
Ende des Krieges in Berlin waren,
niemals so pessimistisch gestimmt wie
heute. Nicht wenige sprechen unter sich
zum ersten Male offen von einem
möglichen Krieg zwischen dem Osten
und dem Westen. Sie vergleichen die
Propaganda-Angrisfe auf beiden
Seiten mit der Spannung, die im
Nervenkrieg in den Jahren 1937/39
geherrscht hat. Andererseits wird wie
der daraus hingewiesen, daß Europa
aus keine Weise für eine Kraftprobe
bereit ist und weder im Osten noch im
Westen der Krieg gewünscht wird. Die
Mehrheit der Diplomaten rechnet da
her mit einer Fortsetzung der politi
schen und wirtschaftlichen Spannun
gen, bis die eine oder andere Seite
verliert oder es müde wird, die Ko
sten zu tragen. Wie lange dieser Zu
stand dauern wird, weiß kein Mensch
Die russischen Berne««
Bei aller Enttäuschung über die
Unbeständigkeit der Washingtoner Po
litik darf man die Schwierigkeiten
nicht unterschätzen, mit denen unsere
Regierung besonders im Hinblick auf
Rußland beständig zu kämpfen hat
und die sie berücksichtigen muß. Zwar
hat Rußland seit dem von Molotow
verschuldeten Fiasko der Moskau'er
Konferenz und dem Staatsstreich in
Ungarn viel an Prestige verloren und
Gromyko spielt in den Beratungen
der Vereinten Nationen eine geradezu
klägliche Rolle. Aber Rußland ist dank
der Kurzsichtigkeit Roosevelts und
Churchills ein gewaltiger Faktor in
der Weltpolitik geworden, und von
dieser Tatsache macht es nach wie bor
mit aller Rücksichtslosigkeit Gebrauch.
Letzte Woche lehnte die Sowjet
Union die amerikanische Einladung
bon elf Nationen zu einer Prälimi
narkonferenz für den Entwurf des
japanischen Vertrags ab und machte
den Gegenvorschlag, daß sich die Au
ßenminister der bier Großmächte mit
dem Problem befassen wo Rußland
seine Intrigen viel leichter betreiben
kann als auf einer von elf Nationen
beschickten Konferenz. Washington hat
,/iTf
Nr» 13
die russische Absage eingesteckt, scheint
aber entschlossen zu sein, sein Konfe
renzprogramm durchzuführen.
In Lake Succeß erklärten letzte
Woche die Ver. Staaten ohne diplo
matische Umschweife im Sicherheits
rat der Vereinten Nationen, daß sie
Jugoslawien, Albanien und Bulga
rien als Gefahren für den internatio
nalen Frieden ansehen. Ter amerika
nische delegierte Herschel V. Johnson
sagte, daß in diesen drei Balkan-Staa
ten keinerlei Bürgerrechte gelten. „Ei
ne Diktatur ist eine Diktatur, gleich
gültig, wie man es nennt."
Weiter warnten die Ver. Staaten
Rußlands Vasallen auf dem Balkan,
daß jeder Versuch, die Entscheidungen
des Sicherheitsrats zu ignorieren, zu
den schärfsten Zwangsmaßnahmen
führen kann. Diese Warnung erfolgte,
nachdem Rußland erklärt hatte, der
Rat habe nicht die Macht, Bulgarien,
Jugoslawien und Albanien zu zwin
gen, mit der geplanten Grenzkommis
sion der UN zn kooperieren.
Dieser Zusammenstoß brachte die
vor vier Wochen begonnene Debatte
über das Balkan-Problem zum Ab
schluß. ohne daß der Rat zu einer Ent
scheidung kommen konnte, und führte
zu der von Australien erhobenen Be
eidigung, daß Rußland und seine
Satelliten Obstruktionstaktik betrei
ben, um eine Aktion der UN zu ver
hindern.
Gromyko mußte sich im Verlauf Ser
Debatte in ganz unparlamentarischer
Sprache Vorwürfe gefallen lassen,
welche die russischen Vertreter in ihren
Glanztagen riir undenkbar gehalten
hätten.
Kolonialkrieg
In Übereinstimmung mit der
prinzipiellen Revision der überlebten
Kolonialherrschaft, wie sie Großbri
tannien und" Frankreich nach dem
zweiten Weltkrieg vorgenommen hat
ten, wurde auch für die Niederlande
in der historischen Rede der Königin
Wilhelmine vom 7. Dezember 1942
ein neuer fortschrittlicher Status für
die holländischen Ueberseegebiete an
gekündigt. Nach zweijährigen, schwie
rigen Verhandlungen kam im März
1940 ein Abkommen unter dem frühe
ren Ministerpräsidenten Professor
Scherinerhorn zustande, das in der
indonesischen Ortschaft Linggadjati
unterzeichnet wurde. Die Holländer
verzichteten auf die unumschränkte
Macht in Niederländisch-Jndien und
setzten an deren Stelle die freiwillige,
freundschaftliche Zusammenarbeit
zweier gleichberechtigter Partner im
Rahmen einer niederländisch-indone
sischen Union, die durch die Krone
zusammengehalten werden soll, wobei
übrigens Indonesien gleichwohl eine
Republik bleibt.
Bei den hitzigen Debatten über das
Abkommen in der Kammer im Haag
warf der frühere Ministerpräsident
der holländischen Regierung im Exil
(London), Professor Gerbrandy, sein
ganzes Ansehen in die Waagschale, um
Linggadjati zu torpedieren. Eine Ent
schließung des Professors Romme von
der Katholischen Volkspartei wurde
ichließlich angenommen, in der die
Kammer der Regierung unter gewis
sen Vorbehalten das Vertrauen aus
sprach. Eine Delegation begab sich
nach Indonesien zurück. Um den in
der Kammer geäußerten Bedenken
Rechnung zu tragen, versuchten die
holländischen Unterhändler, vor der
Unterzeichnung noch einige Aenderun
gen zu erreichen. Die indonesische Re
gierung Schahrir aber weigerte sich
entschieden, über die vorher vereinbar
ten siebzehn Punkte von Linggadjati
irgendwie hinauszugehen. Mit der
Unterzeichnung waren die Beziehun
gen zwischen beiden Völkern im Prin
zip geregelt, und die „Ver. Staaten
von Indonesien" sollten am 1. Ja
nuar 1949 in Kraft treten. Da jedoch
die von Schahrir abgelehnten Ergän
zungen fehlten, hatte die Opposition
in Holland neuen Agitationsstoff ge
wonnen. Die Auslegung des Abkom
niens von Linggadjati mac noch offen
geblieben.
In den folgenden Verhandlungen
Über die Ausführungsbestimmungen
zu Linggadjati versuchten die Ver.
Staaten ausgleichend zu wirken, in
dem sie für die Uebergangszeit die
Einsetzung einer holländisch-indonesi
fchen Interimsregierung in Vorschlag
brachten. Der Verständigungsversuch
scheiterte schließlich an der Frag' der
Polizei, da Holland die Auflösung der
indenofischen Armee für geboten erach.
tete.
Um den toten Punkt der Besprech.
un gen wieder zu überwinden, hatte
England seine Dienste als Schlichter
(••«tfetene cm eiue W-

Die Cholera in Paris
Samstag, den 2. August 1947

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