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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 10, 1948, Ausgabe der 'Wanderer', Image 3

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z
April
fN
Die Gezeiten der Seek
Das Gemüt des Menschen hat sei
ne Gezeiten, wie das Meer seine Eb
be und Flut. Wir können nicht im
mer weinen, doch auch nicht immer
lachen: selbst wenn unsere äußeren
Verhältnisse nicht dem ewigen Wech
sel unterworfen wären, würden wir
Häufig zwischen himmelhoch jauchzen
dem Glücksgefühl und tiefer Trau
rigkeit auf und nieder gleiten. Wohl
Hibt es einseitig zur Freudigkeit oder
zur Schwermut neigende Naturen
aber wer wüßte nicht, daß oft die
Lustigsten ihre trübsten Stunden ha
Pen und die Trübseligsten zu Zeiten
am lautesten lachen? Diese Witter
Hngsschwankungen des Gemütslebens
mögen von der Störung unseres
,Ünft auf schönen Einklang abge
stimmten Seelenzustandes herrühren
jedenfalls aber müssen wir diesen
Sachverhalt kennen und berücksichti
gen, wenn wir uns und andere recht
behandeln wollen. So wie wir heute
beschaffen sind, beruht unser geisti
ges Wohlbefinden auf dem geordne
ten Wechsel ernster und heiterer Ge
mütserregungen. Andauernde Heiter
keit würde uns leichtfertig und ober
flächlich machen, ununterbrochene
Trauer würde uns die Lust und
Kraft zu jedem Werke lähmen.
Nun schafft zwar das tägliche Le
ben mit seinen Annehmlichkeiten und
Bitternissen genügende Abwechslung
zwischen Lust und Leid, um die See
le frifch und empfänglich zu erhal
ten aber die aufrüttelnden Schwin
gungen der Seele entstehen erst aus
gemeinsamen frohen oder schmerzli
chen Erlebnissen des ganzen Volkes.
Ter Bewegungskreis der einzelnen
Seele ist zu eng umgrenzt, um ihr
einen weiten Flug zu gestatten erst
wenn die Seele von dem mächtigen
Rythmus der Millionen gleichschla
gender Herzen hingerissen wird, ge
lingt ihr der breitausgreifende Flü
gelschlag großer Empfindungen.
Tie mittelalterliche Kirche hat des
halb eine erstaunliche Seelenkenntnis
daran bekundet, daß sie das Gemüts
ltben des Volkes durch stimmungs
Miche Ausgestaltung der religiösen
Festzeiten dauernd in Spannung
hielt und beschäftigte. Wir haben
heute keine rechte Vorstellung mehr
von dem gewaltigen Eindruck z. B.
der kirchlichen Fastenzeit auf die
Menschheit des Mittelalters, als der
Unheilvolle Riß der Glaubensspal
Kmg noch nicht durch alle Stämme
Wnd Städte und Dörfer ging. Am
Aschermittwoch führte die Zeremonie
der Aschenbestreuung das ganze Volk,
hoch und nieder, von lustiger Ausge
lassenheit und ungebundenem Lebens
genuß zu stiller Einkehr und emp
findlicher Entsagung. In den darauf
folgenden Wochen, besonders in der
Karwoche, wurde den mittelalterli
chen Menschen in Wort und Bild und
weihevollen Handlungen die schmerz
liche Passion des Herrn zu Gemüte
geführt. Wie seelenbildend und se
gensreich solche Einführung in die
Welt des Schmerzes und entsagungs
voller Opferhingabe auf den rauhen.
Noch von ungebändigten Trieben be
herrschten Menschen gewirkt haben
Muß, ist kaum zu überschätzen. Denn
erst der Schmerz oder wenigstens das
Miterlebnis großen Leidens erschließt
uns das tiefste Verständnis unseres
eigenen Selbst und lehrt uns die Sor
ge und Not der Mitgefchöpfe begrei
fen erst wenn unsere Seele in tie
fem Leiderleben Blut geweint hat,
lösen sich die letzten Härten des Ge
mütes und erwacht in uns das an
dauernde Mitgefühl mit allen Ge
schöpfen der Welt. Durch eigenes
Leiden treten wir allen Bresthasten
«nd Beladenen näher, weil wir sie
verstehen. Deshalb hat die jährliche
Vergegenwärtigung der Passion des
Herrn während der kirchlichen Fa
stenzeit das Seelenleben des deut
schen Volkes aufs tiefste gebildet, ge
läutert und verfeinert. Wenn dann
am Karsamstag das erste österliche
Allelujah in der Kirche erklang, brach
Iii den Menschen gleichsam das trau
erumsponnene Grab der Seele auf,
Wn sie aus der Dunkelheit der Lei
Kensgedanken in den Sonnenglanz
der Freude hinauszuführen.
Und da dieser Wechsel der kirchli
chen Festzeit mit dem großen Na
tu rwechsel vom Winter zum Frühling
zusammenfiel, löste dieser Umschwung
die allerstärksten Gefühle aus. Es
war wie eine Auferstehung des gan
zen Menschen zu gesteigertem Außen
«nd Innenleben.
Nicht Menschenweisheit hat diese
Wundersamen geistlichen Gezeiten ge
Whaffen sie sind unter der Einwir
kung des Gottesgeistes aus der er
lösten Menschheit herausgewachsen im
Anschluß an die geschichtlichen Tat
sachen des Erlöserlebens. Jahrhun­
dertelang stand das Gemüt des deut
schen Volkes unter der feinen Zucht
und Führung dieser jährlich wieder
kehrenden Festzeitenfolge, und ihr
Bestes, Tiefstes und Innigstes ver
dankt die deutsche Seele dieser stim
mungsreichen Erziehung im Kreis
lauf des Kirchenjahres. Aber was
Menschenweisheit nicht ersann, das
kann Menschenwitz zerstören. Von
Jahrzehnt zu Jahrzehnt schreitet die
Loslösung des Volksgemütes von dem
Gedankenkreis der religiösen Festzei
ten immer weiter fort auch viele
von denen, die aus Herkommen und
Gewohnheit noch an den alten Sit
ten festhalten, sind sich ihrer Bedeu
tung für das geistige Leben nicht
mehr bewußt und fühlen sich deshalb
nicht mehr davon befriedigt.
Dafür haben die schalsten, gemüt
losesten, Seele und Nerven verder
benden Vergnügungen und Belusti
gungen beim Volke Eingang gefun
den und zerren es von einer Abwechs
lung zur anderen. Nicht Ruhe, Ver
tiefung, Verinnerlichung, sondern un
gesunde Erregung Veroberflächli
chung und Veräußerlichung ist das
unausgesprochene Ziel dieser Art
Volksunterhaltung denn nur wenn
man die Menschen sittlich zerrüttet,
geistig untergräbt und allem Ver
kehrten in ihnen schmeichelt, kann
man im großen Stil an ihnen ver
dienen, und das ist ja die wahrste,
wenn auch mit schönen Phrasen sorg
fältig umkleidete Absicht aller mo
dernen Volksbelustigung. Freilich,
nachdem man die Seele des Volkes
durch Losreißung von der kirchlichen
Fühl- und Denkweise ausgehungert
hat, lechzt sie ihrer Natur gemäß
nach wechselvollen Stimmungen, die
das.alltägliche Arbeitsleben nicht bie
tet, dürstet nach geistigen Anregun
gen und sucht sie in ihrer Hilflosig
keit an den Buden der Marktschrei
er und in den auf die Urteilslosig
keit der Masse abgestimmten Ver
gnügungsstätten der heimlichen Aus
beuter des Volkes. Nur die tiefen
und feinen Menschen durchschauen die
Schwindelhaftigkeit und Verderblich
keit der heutigen Volksergötzung und
folgen noch dem weihevollen Klang
der zu Einkehr und Vertiefung la
denden Kirchenglocken.
Dr. A. Heilmann
Frauenhände
Die Hand steht in naher Ver
wandtschaft mit dem Geiste. Sie
kann sich ausstrecken zum Wohltun
und zum Segen, zum Handschlag
und zum Schwur und zum Abschied.
In einer Handbewegung liegt oft
mehr Seele als in einem Wort:
»Laß diesen Händedruck dir sagen,
Was sonst unaussprechlich ist."
Daher ruft neben dem Antlitz des
Menschen namentlich die Hand das
Interesse des Psychologen wach. Wie
man aus dem Bau der Stirne idea
les Denken, kluge Berechnung oder
Stumpfsinn ablesen kann, wie uns
aus dem Auge Güte oder Hochmut
und Kälte eütgegenblicken, und der
Mund erzählt von Heiterkeit oder
von Trotz und Unfreundlichkeit, eben
so hat die Hand gewisse Kennzei
chen, welche auf den Charakter
schließen lassen.
In ihr liegt auch das Gelöbnis
der Treue. „Die Hand begehren,"
sagt man, wenn vom Werben die
Rede ist. Verlobungs- und Eheringe
werden am Finger getragen, und
fällt der Blick darauf, kommt die
Erinnerung an den geleisteten Treue
schwur.
Tie Frivole tändelt mit der
Hand doch das echte Weib bekundet
damit seinen wahren Wert, indem es
Werke der Liebe verrichtet und so
Eltern, Gatte, Kinder und Hilfsbe
dürftige glücklich macht.
Schon das kleine Mädchen hat ei
ne liebliche Art, sein Händchen zu
geben, während der Knabe sich dessen
weigert oder derb dreinschlägt. Es
streichelt sein Püppchen und übt sich
bereits für den künftigen Beruf.
Welch ein Segen liegt in der treu
en Mutterhand! Sie hegt und pflegt
das kleine Menschenkind und erweist
ihm alle die unermüdlichen Dienste,
die es zu seinem Gedeihen nötig hat.
An ihrer Hand macht es die ersten
Schritte, sie hütet es vor Stoß und
Fall. Sie bekreuzt seine Stirne, fal
tet seine Händchen zum Gebet über
wacht die Erstlingsversuche in der
Handarbeit und führt es endlich ins
ernste, tatenvolle Leben.
Die Hand der liebenden Gattin
bereitet dem Gatten ein trautes
Heim. Wenn er müde und verdrieß
lich nachhause kommt, verscheucht sie
die Wolken des Unmutes von sei­
ner Stirne, sie streut ihm Blumen
auf den Lebensweg.
Was Frauenhände für Kranke
sind, weiß jeder, der sie dort vereh
ren lernte oder aber entbehren muß
te. Sie machen das Lager so be
quem als möglich, rüsten die Kissen,
reichen zur bestimmten Stunde pünkt
lich die Arznei, sie stellen Blumen
an das Bett und verrichten tausend
kleine Dinge, die dem Kranken und
Genesenden wohltun und seine Hoff
nung neu beleben. Wer zählt sie
auf, die Liebesdienste der Frauen
hände?
Was die geschickte Hand mit der
Nadel leistet, wir wissen es. Edle
Fürstentöchter und fromme Kloster
frauen haben schon in alter Zeit
ganze Kunstwerke geschaffen zum
Schmucke der Kirchen, wie zahlrei
che Museen heute noch solche auf
weisen.
Welche Fülle von Liebes werken,
von Frauenhand geschaffen, liegt nur
in so einer Weihnachtsbescherung
für arme Kinder!
O Segen und Ruhm der Frauen
Leben der Mitmenschen einzugrei
sen! Der Tod verwischt ihre Spu
ren nicht, Segen wird ihr folgen
übers Grab hinaus!
April-Menschen
„April tut, was er will," sagt ein
Sprichwort. Dieser launenhafte Mo
nat kümmert sich um feine Regel
und Gewohnheit. Mit einem Auge
lacht er, mit einem weint er, jetzt
springt er in den Frühling hinein,
jetzt in. den Winter zurück, man weiß
nie, was man an ihm hat.
Man muß es ihm schon zugute
halten, er hat es immer so getrie
ben, und wer so auf der Scheide
steht zwischen Winter und Frühling,
der wird es kaum anders treiben
können. Aber zum Vorbilde für uns
ist der April nicht geeignet, unter den
zwölf Monaten, die im Laufe des
Jahres an uns vorüberziehen, sind
bessere Muster zu finden. Und doch
sind die April-Naturen durchaus nicht
selten unter den Menschen sie sind
recht unbequem sür andere Leute,
bringen auch leicht Erkältungen und
Verstimmungen und sind sich selbst
Anstoß und Hindernis im Lebens
glück und in der Lebensarbeit. Da
rum haben solche April-Menschen al
len Grund, an sich selbst zu arbeiten
und ihre Natur zu korrigieren.
Launenhaftigkeit nennt man die
sen Charakterfehler auf gut Deutsch
in der feinen Welt sagt mart lieber
Nervosität. Es klingt besser, ist aber
im Grunde dasselbe Gewächs. Sol
che Leute können sehr freundlich, ja
liebenswürdig und bezaubernd sein
wenn in ihrem Gemüte gerade
die Sonne scheint aber wehe, wenn
der Seelenhimmel umwölkt ist! Dann
genügt der kleinste Anlaß, und das
Wetter bricht los: es stürmt in Zorn
reden, es regnet Tränen, es hagelt
Vorwürfe, oder eine eisige schweigen
de Kälte senkt sich herab je nach
den Umständen. Ein vernünftiger
Mensch zieht die Ohren an den Kopf
und denkt: der Schauer wird schon
vorübergehen. Aber so viel Gleichmut
bringt nicht jeder auf, mancher er
kältet sich in der schnell wechselnden
Temperatur Verdruß und Verstim
mung sind dann die Folgen, wenn
nicht gar eine Entfremdung sich ein
stellt.
Man sagt, daß die Launenhaftig
keit immer mehr zunimmt in der
Welt. Gewiß hat es immer launen
hafte Menschen gegeben seitdem der
Herr das Wort gesprochen hat: „Tie
Erde soll verflucht fein um deinet
willen, Tistein und Tomen soll sie
dir trogen", seitdem wachsen Disteln
und Dornen auf dem Felde und in
den Herzen. Aber jede Zeit hat ihre
besonderen Fehler, und die unsere
ist, von anderem abgesehen, hervor
ragend launenhaft oder wenn man
will, nervös. Ohne Zweifel hat das
feinen Grund in dem aufreibenden
Erwerbsleben der modernen Welt,
das die Nerven ruiniert und die See
le verwirrt und keine Ruhe aufkom
men läßt. Ohne ein genügendes
Quantum Ruhe kann der Mensch
nicht gesund bleiben, weder am Lei
be noch an der Seele. Ein vernünf
tiger Mann, der seltsamerweise ein
Arzt ist nicht als wären Aerzte
durchweg unvernünftig aber die we
nigsten von ihnen richten die Augen
auf solche Dinge, wie dieser dieser
vernünftige Doktor also gibt noch ei
nen anderen Grund an für die über
handnehmende Nervosität, nämlich
das Schwinden der alten, christlichen
Weltanschauung mit ihrem festen
Halt, und ihren vielen Tröstungen,
Der Mann heißt Heispach, und er hat
recht. Wenn die Menschen sich mehr
OHIO WA18ENFBEUN»
w
Familienkreis
««««MM?!
Der Lenz
Der Lenz, der Lenz, er will bald
kommen,
Ich hab's in Wald und Feld ver
nommen,
Ich hab's gehört auch von den Bäu
men,
Die von des Lenzes Ankunft träu
men.
Ich hab's gehört aus BachleinS
Munde,
Das rauschend fließt im Wiesen
grunde,
Und von dem Winde, der mir er
zählt,
Daß bald der Lenz den Einzug hält.
Und von den Böglein hört' ich sin
gen,
Die auf den Zweigen der Bäume
springen:
Der Lenz, der Lenz, er ist nicht mehr
weit
Mit seiner Pracht und Herrlichkeit!
Und auch vernahm ich mit heiligem
Müh'n
Die leise Ahnung im Grase grün,
Und von der Natur in Feld und
Wald:
Der Lenz, der Lenz, er will kommen
bald.
mwsi
an Gott und die Ewigkeit hielten,
wurde das Getriebe der Welt sie
nicht so im Innersten verstören und
verwirren wenn die Menschen für
ein gutes Gewissen sorgten, würde
viel Unfriede und Zerrissenheit des
Herzens schwinden wenn die Men
schen mehr beteten, würden sie Trost
und Ruhe finden kurz, die Re
ligion ist nicht das letzte Heilmittel
gegen die Nervosität.
Man muß aber nicht glauben, daß
Launenhaftigkeit bloß in der Stadt
zu finden fei. Ich kenne einen Bau
ern, der auf feinem schönen Hofe
mitten im Fegfeuer fitzt, weil seine
Frau außer einem großen Sack voll
Geld einen ganzen Frachtwagen voll
Launen ins Haus gebracht hat, und
leider sind es durchweg keine rosigen,
sondern eisgraue Launen. Wenn da
die richtigen April-Schauer aufziehen,
dann wird alles lebendig, was ge
wöhnlich tot ist: die Türen knallen,
die Topfe klappern, die Stühle krei
schen, und was noch schlimmer ist
alle möglichen Dinge, die sonst
nicht einmal kriechen können, fangen
an zu fliegen. Sonderbarerweise fin
den die Dienstboten das gar nicht
ergötzlich, und so ist der Hof zu einer
Wanderherberge geworden, in der
niemand sich lange aufhält. Dabei
ist die Frau eigentlich ganz brav, hat
ein gutes Herz und kann auch recht
freundlich sein. Es ist geradezu
wunderbar, daß der Mann in diesen
April-Stürmen nicht längst seinen
Humor verloren hat aber nein, wenn
es drinnen so recht stürmt und wet
tert. geht er nach draußen und pfeift:
Freut euch des Lebens!" Eine gute
Methode, aber nicht jeder versteht sich
darauf.
Es soll mm keineswegs behauptet
werden, daß alle Launenhaftigkeit
Pure Bosheit fei fie kann mancher
lei Ursachen haben, sie kann auch in
einem krankhaften Zustande begrün
det sein. Das mag eine Entschuldi
gung sein, entbindet aber nicht von
der Pflicht, gegen diesen Fehler an
zukämpfen. Ter Mensch darf sich
nicht abhängig werden lassen von
seinem Körper und dessen Zustan
den, sondern muß sich bemühen, die
Zügel der Herrschaft in der Hand
zu behalten, mit Aufbietung feiner
Energie. Vielfach ist die Launen
haftigkeit die Folge schlechter Erzie
hung oder sie entspringt ans Stolz,
Selbstsucht und Empfindlichkeit. Wie
dem auch sein mag, hier muß ernste
Arbeit eingreifen, und diese Arbeit
an sich selber ist ungemein fördernd
und kraftbringend, denn sie geht ge
rade darauf aus, die Kraft zu stär
ken. Launenhaftigkeit ist ja nichts
anderes als Mangel an Kraft.
Es gibt keine schöneren Tage als
die blauen, sonnigen Herbsttage in
ihrei sanften Ruhe und stetigen Be
ständigkeit. So soll auch die Men
schenseele sein, ruhig und heiter, ge
festet in sich selber. Trifft man einen
solchen Menschen, so ist einem zu
mute, als träte man in einen Licht
kreis, als würde man angestrahlt von
linder Wärme. Vielleicht denkst du:
Ach, ja, so möchte ich wohl sein, und
ich würde dem Schöpfer danken, wenn
Mehr Sonnenschein!
Auf einem Riesenschiffe auf dem
Atlantischen Ozean war ein berühm
ter Sänger, der in Amerika Konzer
te geben wollt. Ein Freund, der ihn
begleitete, suchte ihn jeden Abend
vergeblich aus Teck. „Fürchtest du
die Nachtluft?" fragte er ihn fpöt
telnd. Ter Sänger lächelte, aber
schwieg. Am letzten Abend taten sich
mehrere Herren zusammen, um her
auszufinden, wo er feine Abende ver
brachte. Sie fragten den Kapitän,
der deutete nach unten. Neugierig
gingen sie hinunter und fanden ihn
zu ihrer Verwunderung bei den Hei
zern, denen er jeden Abend vorge
sungen hatte, um ihnen eine Freude
zu machen, da diese armen Leute doch
nie nach oben kommen können. Wenn
wir doch alle mehr versuchen woll
ten, an unsere Mitmenschen zu den
ken, wie viel reicher würde unser Le
ben werden!
„Mehr Sonnenschein! mehr Sonnen
schein!
Hödt's, groß und klein, mehr Son
nenschein
Die Sonnenstrahlen geh'it vom
Herrn,
Wie lichte Engel nah und fern,
Ein Spruch, ein Bild, ein Gruß, ein
Wort,
Sie geben Segen fort und fort."
Wer nicht hören
will, muß suhlen
(Reue Anwendung eines alten
Sprüchleins)
Bon Iodokns
Als unsereins das Sprüchlein vom
Nichthörenwollen und Fühlenmüssen
vor fünfzig und etlichen Jahren aus
dem zweiten Lesebuche lernte, schien
es einem einzig und allein gemünzt
zu sein für die unfolgsame Jugend,
und viele Erwachsene sind wohl heu
te noch dieser Ansicht. Freilich paßt
dasselbe gar gut für die kleine Tri
na, wenn sie Naschkätzchen spielt und
sür Köbeschen, wenn er ein Faul
tier ist, aber die Wahrheit dieses
Sprüchwortes erfahrt das reifere Al
ter sowohl als die Jungen, wie an
etlichen Exemplen gezeigt werden
soll.
Hat sich da ein Mädchen vergafft
in einen jungen Mann, der mit ei
nem gefälligen Aeußern ein unedles
Innere verbindet, der nett tun und
fein sprechen kann, aber vor seinen
eigenen Eltern gar keinen Respekt
hat, der gerne VergniigunAhallen
aufsucht und das Gotteshaus mög
lichst meidet, der beim jungen Volk
ein sideler Fink und bei den Seinen
ein Brummbär ist, der auf der Stra
ße ein Engel und daheim ein Ben gel
ist, der alles Schöne verspricht, aber
ein Genußmensch ist, der sich allein
sucht, und mit diesem will sie die
Pilgerfahrt durchs Leben machen.
Eltern und Freunde, die durch eine
ungetrübte Brille sehen, warnen die
Unerfahrene da aber bekanntlich
Liebe blind macht, sieht sie keine gro
ben Fehler an „Ihm", und kleine
UnVollkommenheiten glaubt sie so
leicht von ihm abstauben zu können,
wie sie mit dem Federwisch den
Staub von seinem Ueberrock schlägt.
Taß er ein borstiger, widerhaariger
Kerl und ein herrischer Mensch fei,
glaubt sie nie und nimmer um ei
nen Finger könnte sie ihn wickeln,
meint sie. Kurz und gut, sie nimmt
ihn. Wirklich geht es für einige Wo
chen prächtig, und fast will es schei
nen, als habe sie den Charakter des
jungen Mannes besser erkannt als
alle anderen. Aber, o weh. er hält
nicht stand! Die alte Liebe zu Spiri
tuosen oder Narkosen erglüht von
neuem und die Liebe zur Gattin
verdampft wie Wasser im brodeln
den Teekessel die Abende daheim sind
ihm zu lang, und er iucht eine lu
stige, leichtlebige Gesellschaft auf.
Erst bittet und fleht sie, dann Beginnt
sie zu jammern und zu heulen, und
zuletzt schreit und ichimpft sie im
höchsten Diskant. Nun erwacht bei
ihm die alte Natur vollständig zu
nächst brummt er wütend hinein in
grobem Baß und endlich schlägt er
gar d?n Takt mit wuchtiger Faust.
Er mir ein so heiteres und zufrie- Weil fein unharmonischer Gesang ihr
denes Herz gegeben hätte. Nun, hast nicht in den Kopf hinein will, treibt
du keins, so mach dir eins! Der er seine Melodie mit solcher Gewalt
Mensch glaubt gar nicht, was er durch hinein, daß ihr grün und gelb vor
ernsten Willen und treue Arbeit mit den Augen wird und blaue Striemen
Gottes Gnade aus sich machen kann.
die Wangen zeichnen. Freilich, jetzt
sieht sie, er ist kein guter Mann,
sondern ein schlimmer Tyrann aber
kaum dars sie wagen, ihr Leid den
Freunden zu klagen, denn jene moch
ten ihr das Sprüchlein vorhalten:
«Wer nicht hören will, muß fühlen!"
Oder ein junger Mann macht die
Bekanntschaft einer „Schönen", die
ihm so gut und minniglich vorkommt,
daß ihm dünkt, des Lebens Pilger
schaft an ihrer Seite müsse ein sü
Ber Traum sein ihr Blick so mild,
ihre Worte so fan ft, ein Herz wie
Gold, dabei gescheit wie ein griechi
scher Weiser, und wie geschmackvoll
sie sich zu kleiden weiß! Zwar ver
nimmt er hier und dort, der Tanz
sei ihr weit lieber als der Rosen
kranz, sie möchte sich gerne schmücken,
aber sich nicht bücken, das Bummeln
stehe ihr viel besser als bei der Ar
beit das Tummeln, bei Fremden tä
te sie scherzen und lachen und den
Ihrigen das Leben sauer machen.
Toch, er glaubt's nicht und also da
gegen spricht: Es redet nur der blas
se Neid gegen diese holde Maid, feine
von allen könnte wie sie mir gefal
len! Ist er nun etliche Monde im
Ehejoch neben ihr hergetrabt, findet
er, daß sie noch lange kein Tugend
muster ist, und am Ende muß er
gestehen: ich habe mich leider ver
sehen, es machte seine liebe Rose ei
ne schlimme Metamorphose, aus sei
ner hübschen Braut wurde eine fau
le Traud, er erhaschte keinen Haus
schatz, sondern einen Rohrspatz. Sin
ternalen ihm nun mangelt die Ge
duld des alten Job und die Klug
heit des Jakob, vermeint er, seiner
Gesponsin die mangelnden Tugen
den mit Gewalt beibringen zu müs
sen. Tiefe aber sträubt sich gegen die
Annahme wie ein Büblein gegen die
Einnahme von Rizinusöl. Da ist der
Ehestandshimmel alsbald bewölkt
früh morgens schon das Barometer
auf veränderlich, am Mittag zeigt es
Sturm an, und vor dem Abend bricht
ein Gewitter los. Und dieses ist die
Einleitung zu einem Ehestandskrie
ge, der, die Zeit des Waffenstillstan
des abgerechnet, vielleicht zu einem
mehr als dreißigjährigen, ja zu ei
nem lebenslänglichen Kriege wird.
Der arme Mann aber hat nicht hö
ren wollen, drum muß er jetzt fühlen.
Jene, die beim Heiraten ein bes
seres Los gezogen haben, könnten
nun denken, oben gemeldetes Sprüch
lein finde nun aber einmal keine An
wendung auf sie. Und doch könnte
die Beherzigung auch für sie oft sehr
ersprießlich sein. Ein Erempel soll
solches klärlich beweisen. Lebte da
vor einigen Jahren in 2i. ein Mann,
dessen Reichtum hauptsächlich bestand
aus seiner Frau und einem Hausen
Kinder. Er war, wie man zu sagen
pflegt, ein guter Kerl, der feinem
das Wässerlein trübt, spielte nicht
und war dem Surf auch nicht zuge
tan, war überhaupt in mancher Hin
sicht ein musterhafter Mann nur
war er etwas unbesonnen, ein bis
chen saumselig und mochte nicht ger
ne hören. Seine gute Frau erkannte
gar wohl, wo es bei ihm haperte,
und an guten Ratschlägen ließ sie es
nicht fehlen, aber sie fand zumeist
taube Ohren bei ihm. So kam er
denn auch auf keinen grünen Zweig
und fand infolge feiner Harthörig
keit einen frühen Tod, und das trug
sich also zu: Als Handlanger bei der
Errichtung eines großen Gebäudes
tätig, wurden ihm die verschieden
sten Arbeiten ausgetragen, auch sol
che, die eigentlich von Schreinern
oder Zimmerleuten zu verrichten
sind. Da er wegen Rheumatismus
nicht vollständig Herr über seine
Glieder war, warnte ihn seine gesorg
te Frau, sich ja nicht irgend einer
Gesahr auszusetzen. An einem Mon
iagmorgen, da er wieder zur Arbeit
ging, gab sie, wie von banger Ahnung
erfüllt, die Warnung mit auf den
Weg: ..Franz, steige nur ja nicht
auf das Dach!" Es sollte die letzte
Warnung sein er stieg nämlich wie
derum hinauf (weil die Arbeit viel
leicht etwas mehr einbrachte), und
einige Stunden nachher erhielt feine
Frau die Nachricht, daß man ihn
mit zerschmetterten Gliedern aufge
hoben habe.
Schwer ist's, immer weise zu sein,
drum bedarf der Gescheiteste zuwei
len des Rates, und was kein Ver
stand des Verständigen sieht, das
ahnet in Schlauheit ein weiblich
Gemüt.
Drum Frau und Mann
Denk' oft daran:
Beim Eigensinn
Ist kein Gewinn!

Heinrich Keller

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