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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 17, 1948, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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(Fortsetzung)
In stummer Verzweiflung fingen
ihr Verlobter und der junge Ritter
die ohnmächtig zu Boden Sinkende
auf und trugen sie auf eine an der
Wand stehende Bank, wo Klaudius
sich vergebens bemühte, sie wieder zum
Bewußtsein zu rufen.
Gedanken sonderbarer Art fingen
an, sich in dem Herzen unseres Pau
lus zu regen. Mit inniger Teilnahme
betrachtete er die leblose Gestalt und
dachte an Agatha, welche von der
fürchterlichen Nachricht gewiß nicht
weniger ergriffen sein würde als die
Verlobte selbst. Dann trat er wieder
zu seinem Freunde und dem Aufseher.
„Man hat keine Gewißheit dar
über," sagte dieser letztere „aber es
heißt, Sejus hätte sein Roß mit Men
schenfleisch füttern lassen. Jedenfalls
hat er viel Ehre mit ihm eingelegt,
so viele in der Tat, daß sie ihm das
Leben gekostet hat. Markus Antonius
gelüstete es nach dem Wunderpserde,
wohl um es seiner ägyptischen Kö
night zu Füßen zu legen. Er brachte
irgend eine erfundene Anschuldigung
gegen den Ritter vor. Und siehe da,
eines Tages war Enejus Sejus ver
schwunden? Aber das Pferd bekam der
Triumvir doch noch nicht denn ein
oder zwei Tage vorher hatte Sejus
seinen Schatz verkauft, und zwar an
Dolabella, den Statthalter des In
lius Cäsar, welcher gerade runde hun
derttausend Sesterzen dafür bezahlt
hatte. Von der Zeit an ging es mit
Tolabella rückwärts, fo daß er nur
kurze Zeit darauf sich selbst ums Le
ben brachte. Das Pferd gelangte jetzt
in die Hände des Kassius, der es in
der Schlacht von Philippi ritt. Ihr
wißt, edler Herr, wie er sie verlor,
und auf welche rauhe Weise er oder
sein Sklave Pindar seinem Dasein ein
Ende machte."
„Nur einer Form desselben," schal
tete der junge Athener ruhig ein.
„Jetzt ging des Triumvirs Wunsch
in Erfüllung, Sejanus fiel an Mar
Eus Antonius, aber, scheint es, nur zu
seinem Verderben. Kaum im Besitze
des Tieres, war es mit seiner Größe
und seinem Leben vorbei. Ihr wißt,
edler Herr, was ihm in Alexandria
wjderfuhr, und zu welchem Mittel fei
lie Königin, die schöne, aber ränkevolle
Kleopatra, griff, um sich den Tri
umphzug hier im umgekehrten
Sinne zu ersparen. Ihr seht, von
den vier Besitzern, die Sejanus in
kurzer Zeit hatte, wurde einer ermor
det, die andern töteten sich selbst."
Hiemit machte er eine Verbeugung
und trat zu den Sklaven an den Ti
scheu.
Dreizehntes Kapitel
Inzwischen hatte Benigna wieder
die Augen aufgeschlagen. Paulus hat
te einige freundliche Worte mit ihr
gewechselt. Tann unterhielt sie sich
leise flüsternd und scheu umherblik
kend mit Klaudius.
„Jetzt ist an mir die Reihe," wie
derholte der Sklave mit stoischer Er
gebung in das Unvermeidliche. „Näch
stens wird es einen andern tressen."
Tie Sklaven arbeiteten schweigend
unter den Augen ihres Obern. Tie
beiden fremden Jünglinge standen
noch nachdenklich am Fenster.
„Tu stehst hoch in der Gunst des
Kaisers, mein edler Landsmann," sag
te jetzt Paulus mit leiser Stimme.
„Was meinst du, wenn du Augustus
die ganze Sache vorstelltest, würde er
nicht ein Einsehen haben und der mör
derischen Grausamkeit des Cäsaren
vorgreifen?"
„Für einen Sklaven? Unmög
lich!" versetzte der geistreiche Athener,
traurig mit dem Kopfe schüttelnd,
„selbst den Schändlichkeiten des Ve
dius Pollio kann der Kaiser nicht ein
mal Einhalt tun, und würde es wohl
schwerlich tun, auch wenn das Gesetz
es ihm verstattete.- denn der Sklave ist
absolutes, willenloses Eigentum sei
neS Herrn. Selbst wenn er sich dazu
herbeiließe, bei dem finster» Stiefsohn
ein VHort über diesen Gegenstand fal
sen zu lassen, haben wir keinen Erfolg,
keine Nachgiebigkeit vonseiten des Cä
ftireuju erwarten. Was liegt an ei
nem Sklaven, an dem Glück oder Un
glück eines Niedriggeborenen? Tenen
nämlich, die zwar für uns Männer
eine unsterbliche Seele zugeben, sie
den Frauen aber absprechen? Es gibt
zwar einige des Geschlechtes, welche
einen eklatanten Gegenbeweis davon
der Welt geliefert haben Weiber,
die männliche Eigenschaften besaßen,
männliche Tugenden und gar Laster
zur Schau trugen, und eine staunens
werte, fast unglaubliche Herrschast er
langt haben. Ties aber ist vielleicht
weniger ihren eignen, angeborenen
Porzügen, als vielmehr den Umstän
&n ihrer Geburt, ihres Ranges, ihrer
Dionysius und die Aibyllett
Szene« a«s der römische» Cäsar enzeit. Frei «ach dem Englische«.
Umgebung zuzuschreiben, Umstän
den, welche zumeist außerhalb der Be
rechnung, außerhalb des Bereiches der
Menschen liegen und von Gott allein
abhangen. Toch du führst mich von
unserm Gegenstande ab. Wenn mich
nicht alles täuscht, so hieße einen Ver
such zur Rettung dieses Sklaven ma
che», nur ihn einem um so sicherern
Verderben weihe». Nie ist die Meute
der thessalischen Hunde gieriger und
gefräßiger, als wenn man Hr die
Beute entziehen will."
Atemlos, in einer Art religiöser
Spannung hatte der jungi Ritter die
sen Worten gelauscht. Jetzt sandte er
einen langen Blick auf die Verlobten.
Wie eine geknickte Blume lehnte Be
nigna mit dem Kopfe an der Wand.
In dumpfer Verzweiflung, schwei
gend, saß Klaudius neben ihr.
„So ist es," sagte Paulus, wie in
lautem Nachdenken. „Auf der einen
Seite: Sklave, Frauen, Gesetze, Gla
diatoren, auf der andern die rohe
Willkür, die brutale Gewalt, un
nachsichtig, unerbittlich, unverantwort
lich, wie ein Gott. Tas ist es, was
diese Erde ausfüllt, die untere und
die obere Hälfte. So weit sich die eine
ausdehnt, so weit lagert sich darüber
die andere und kann im Augenblick
herunterkommen, und alles, was
menschlich heißt, was den Menschen
macht, was ihn vom Tiere unterschei
det, zerdrücken. Jeden Tag, edler
Freuud und Landsmann, offenbaren
sich mir Tinge, die mein Herz mit
Trauer und Verachtung für die Welt
ordnung, unter der wir leben, erfül
Ien."
Er erzählte dornt eingehender die
Geschichte des Thellus und feines
Weibes, wie Näheres über Benigna
und ihre Aufopferung für seine Fa
milie.
„Nichts daher," fuhr er bewegt fort,
nichts, mein Freund, hat mir je grö
ßern Trost gegeben, oder kann mir
mein ganzes Leben hindurch eine grö
ßere Freude bereiten, als dein Gedan
ke von der Ankunft eines auf die Erde
herabsteigenden Gottes, der dieser un
glücklichen, zerrissenen Welt wieder ei
ne dauernde, gute Form und Gestal
tung geben soll. So kühn auch dei
ne Annahme ist, so scheint sie mir doch
ganz wahrscheinlich, wohl deshalb,
weil die Menschheit einer Hilfe so äu
ßerst bedürftig ist. Wir eilen nicht nur
einem Abgrunde zu, sondern liegen
schon in der scheußlichsten Tiefe begra
ben, eine Beute der teuflischsten Lei
denschaften, welche, wahre Dämonen,
ein unwürdiges Spiel mit uns trei
ben. Ich feige wahrscheinlich. Ach,
wenn es einen Gott gibt, müßte Er
Sich unser nicht erbarmen? Wäre es
nicht in Wahrheit eine Gottesarbeit,
uns aus diesem Pfuhle aufzuhelfen,
die. Entsetzlichkeiten, die Ungerechtig
feiten dieses Daseins zu mildern und
uns über das kommende, welches So
krates lehrte, aufzuklären? Oder
soll dies ewig nur ein schöner Gedan
ke bleiben, eine lyrische Erfindung der
Musen, oder eines neuen Teufels, der
die Besten dieser Zeit mit solchem
Trugspiel quälet?"
Mit Begeisterung hatte der junge
Mann gesprochen. Er blickte in das
strahlende Antlitz seines Freundes,
das wohlgefällig und wie mit tiefem
Verständnis feinen Blick erwiderte.
„Gewiß nicht," klang es wie mit
siegender Gewißheit von den Lippen
des Atheners. „Tie Zeit muß nahe
fein!"
„Mit dir, mein Freund, möchte ich
die Welt durchwandern und nach den
Zeichen forschen, die diesem großen
Ereignis vorangehen sollen, wie du
es dir zur Aufgabe gestellt hast,"
sprach Paulus wieder ernst. „Ich ha
be hier vielleicht auch eine Arbeit zu
verrichten. Aber angenommen, es ist
so, und dieses göttliche Wesen befände
sich jetzt hier, in diesem Saale, mit
uns, und es hätte alles das gehört,
was wir soeben gehört haben, sage
mir, Dionysius, der du dich darauf
verstehst, was würde es von allem
Tiesem denken? Würde es Wohlge
fallen daran haben, daß dieser Sklave
dem Pferde oder den Fischen zurrt Frä
ße vorgeworfen wird? Was ist hier
der maßgebende, der leitende Gedan
ke? Wer von beiden, Mensch oder
Tier, ist dem andern überlegen?
Nach dem, was alle Tage um unh her
vorgeht, müßte man sagen, das Tier
stehe auf einer höhern Stufe als der
Mensch denn der Mensch fällt dem
it're zum Opfer. Ueberhaupt, wenn
es hiebet nur auf die rohe Gewalt
ankommt, so stehen die Tiere über dem
Menschen, und das Pferd Sejanus
und der riesige Elephant müßten mir
lieber sein und von mir höher geschätzt
werden als meine Mutter und meine
chtoester. Aber nicht allein von
dieser Ueberlegenheit der Kreaturen
wollte ich sprechen, auch von dem, was
in uns lebt And was den großen, hr
nern Unterschied zwischen den Men
schert macht. Welch' ein Unterschied ist
nicht zwischen den beiden Casaren!
Welch' ein Unterschied zwischen der
lasterhaften Julia, dem Weibe des
Tiberius, und der herrlichen Antonia,
der Witwe seines Bruders Drusus!
Von den Einen kann man sagen, er
oder sie seien zu allem Bösen und nicht
dem geringsten Guten fähig, von den
Andern das Gegenteil. Was macht den
Einen gut, den Andern schlecht? Du
sagst mir: ,Der Eine folgt feinen gu
ten, der Andere feinen schlechten Nei
guitgen', woraus hervorgeht, daß
es nicht einerlei ist, wozu ich mich ent
schließe, und daß ich mich zu entfchlie
ßen das Recht habe. Wenn z. B. zwei
sich tödlich hassen, so geht daraus nicht
hervor, daß beide das Recht und ein
gleiches Recht haben, einander nach
dent Leben zu trachten. Die Macht al
lein ist nicht das, was uns bestimmen
soll der Schwächere ist nicht gänzlich
und erbarmungslos der Willkür des
tärkern überantwortet: über der
äußern Macht steht die innere, die
Freiheit der Bestimmung. Sage mir,
Tionysius, wenn dieses große, gött
liche Wesen, das du erwartest, unter
uns stände, würde es mit Wohlgefal
len sehen, wie ein Mensch seine freie
Bestimmung dazu gebraucht, einem
Andern wohlzutun, statt ihn zu ver
derben, zu unterdrücken?"
„Viele Lehrer haben sich mit diesen
Fragen beschäftigt," antwortete der
Athener „keiner hätte zu einem bef
fern Schlüsse kommen können als der
deinige ist, mein Freund. Mir däucht,"
fuhr der jutige Philosoph mit begei
sterten Blicken fort, „mir däucht,
wenn dieses hohe, gnadenreiche We
sen unter uns stände, so würde es sa
gen: ,Jhr Menschen seid alle Brüder
und euch zur gegenseitige Hilfe be
stimmt, nicht zum gegenseitigen Ver
derben.'"
Wie ein Blitz flammte es über das
Gesicht seines Zuhörers. Einen hellen,
bis auf den Grund der Seele dringen
den Blick sandte Paulus in das leuch
tende Auge seines Gefährten. „Gut,"
sprach er eilig, aber ernst, „so muß ich
handeln!"
Beide traten zu den Verlobten.
„Benigna," sagte Paulus, „du
warst gütig gegen die Meinigen es
ist nicht mehr als billig, daß auch ich
jetzt deiner gedenke, da der Wider
stand, den du um unsertwillen dem
Cäsaren geleistet, dich in diese trau
rige Lage gebracht hat. Tiberius ge
stattet, daß irgendein anderer es un
ternehme, das ausgewählte Pferd zu
besteigen vielleicht kann Euch dieser
Umstand zum Heile werden."
Er wandte sich zu den Sklaven an
den Tischen. „Ist hier einer unter euch,
der im Sinne hat, den Sejanus für
den Sklaven Klaudius zu reiten?"
fragte er laut.
Allgemeines Schweigen.
„Es wird eine ausgezeichnete, eh
renvolle Tat fein."
Niemand antwortete.
«So bin ich selbst dazu bereit,"
sprach er festen Tones. „Meister,
nehmt, ich bitte, Notiz davon, daß
der Ritter Paulus Aemilius Lepidus.
Neffe des Extriumvirs, die Aufgabe
statt des Sklaven Klaudius lösen
wird."
Darauf verließ er, gefolgt von Dio
nysius, raschen Schrittes das Gemach,
während Benigna über die unerwar
tete Kunde in eine zweite, tiefere Ohn
macht fiel, und der Aufseher wie ver
steinert dastand, bis die laute Unter
Haltung der ihm untergebenen Schrei
ber ihn aus seinem Sinnen riß.
Als die beiden jungen Männer in
das Impluvwm traten, trafen sie auf
den Kaiser und seine Gesellschaft. Au
gustus unterhielt sich damit, den Tau
ben des Palastes in der Nähe des
Brunnens Brotkrumen zu streuen.
Zwei Tanten schauten ihm dabei nach*
lässig zu: die eine war die berühmte
Livia, trotz ihrer Jahre immer noch
einnehmend, freundlich', würdig, die
Gunst ihres Gatten für ihre Zwecke
ausbeutend die andere Julia, die
zweite, verhaßte Gatten des Tiberius
der ihretwegen das einzige Weib, das
er je geliebt, hatte verstoßen müssen.
(Er rächte sich dafür, wie Tazitus und
Suetonius berichten, an dem spätent
Gatten derselben, den er einsperren
und im Kerker verkommen ließ.) Noch
jetzt trug die Tochter des Augustus
Spuren ihrer einstigen Schönheit an
sich, ihr Antlitz war mit äußerster
Sorgfalt rot und weiß bemalt, fo daß
sie gut ihre fünfzehn Jahre jünger
aussah als sie wirklich war.
Paulus bemerkte, wie sie ihm einen
glühenden Blick zuwarf, der zugleich
voll Herablassung sein sollte, und dach
te bei sich, daß er nie ein schauderhaf
teres Weib gesehen hatte.
„Siehe, da ist unser Gast von
Athen," sprach der Kaiser huldvoll und
legte freundlich feine Hand auf die
Schultern des Angeredeten, der sich
beeilt hatte, demütig den Herrscher der
Welt zu begrüßen. „Wenn ich nur
wüßte, was ich von deinen Träumen
und Phantasien halten foll! Es ist ein
schöner, großartiger Gedanke, den du
ausgesprochen hast: daß es ein ewiges,
allwissendes, allmächtiges geistiges
Wpfpn gebe, welches alles Sichtbare
geschaffen hat und als alleiniger Ge
bieter beherrscht daß es selbst im
OHIO WAI8KNFBEUND
fi­
Menschen einen Geist, einfe Seele, ein
denkendes Prinzip niedergelegt, wel
ches ihm ähnlich, gleichsam ein schwa
ches Abbild des allgewaltigen Geistes
und unvergänglich ist daß ich nicht
ganz und gar aufhöre bei meinem
Tode, nicht ganz und gar in das Grab
hinabsteige, fondern daß etwas von
mir bleibt, was nicht in der Urne be
graben wird. Aber wehe mir! Nicht
also hat Horaz es verstanden. Und
Plato war nicht sein letztes Wort
ein Bekenntnis seiner Unwissenheit?'
„Wohl nicht ganz so, mein erlauch
ter Kaiser," sprach Dionysius.
„Indessen möchte ich dich noch des
Nähern hören," versetzte Augustus
gnädig. „Ehe die Spiele zu Ende ge
hen," fuhr er, huldvoll im Kreise um
herblickend, fort, „wollen wir dir Ge
legenheit geben, deine Lehren näher
zu entwickeln. Alle meine anwesenden
Freunde sind dazu eingeladen nicht
zu vergessen der abwesenden. Titus
Livius, Luzius Varius, Vellejus Pa
terkulus und unser größter Redner
seit Cicero" der heuchlerische Greis
sprach den Namen des Mannes, den
er hatte ermorden lassen, mit feuch
ten Augen und bebender Stimme aus
„Quintus Haterius, sollen das
Urteil fällen."
„So foll es sein, Cäsar," sprach ein
schöner Mann mit braunen Locken:
Germanikus „so war es zu Zeiten
Piatos in Athen. Nachdem der weise
Akademiker gesprochen, bestieg der
feurige Demosthenes die Rednerbüh
ne
„Tiefer euer Temosthenes hat sein
Feuer, feine Jugend verloren," ver
setzte der mehr als achtzigjährige ge
dankenrasche Haterius.
„Haterius kann sterben, aber nie
alt werden," sprach der Kaiser, „um
gekehrt wie unser Piso hier, der nie
jung war."
Alles lachte bei diesem kaiserlichen
Witz.
„Also zur Schlacht gerüstet, ihr
Herren!" fuhr Augustus fort und, sich
zu dem Athener wendend: „Getraust
du dich, vor diesem Tribunal deine
ache zu verfechten, junger Held?"
(Fortsetzung folgt)
Kchreckenstsge.
Schreckensuschte
(Fortsetzung von Seite 2)
le Russen mit Orgelpfeifen. Um fünf
Uhr abends kam Familie Scholz aus
Neuforge mit ihren Gefolgsleuten zu
rück. Ausgezogen waren sie mit Tref
fer und Wagen, heim kamen fie ohne
Mantel. Der Russe hatte ihnen die
Wagen und alles Mitgenommene ge
raubt. Die Neuangekommenen führte
der Russe in ein Nachbarhaus. Darun
ter erkannte er willkommene Opfer
für die nächste Nacht. Der Geschrei der
fortgeschleppten Mädchen und Frauen
hörte nicht auf.
Ditz o n a v o 2 0.
2 1 z 4 5
Frau Emilie Ertelt aus Baufchdorf
wollte ihre Tochter, ein fünfzehnjähri
ges Mädchen, das an dem Tage fchon
sechzehn mal vergewaltigt worden war,
schützen. Eine Kerze in der Hand, be
tete die Mutter und alle Anwesenden
mit ihr. Vier Schreckschüsse wurden im
Zimmer gegen die Mutter und uns,
etwa sechzig Personen, abgegeben.
Nach kurzer Entfernung erschienen
einige wieder und verwundeten die
Mutter am Kopf, fodaß das Antlitz
sehr schnell blutüberströmt war. Die
anwesenden Schwestern legten einen
Notverband an. Nach kurzer Zeit kam
ein roher Mensch erneut zu uns her
ein, zirka fünfunddreißig Jahre alt,
und tötete die betende Mutter durch
einen Schuß aus nächster Nähe. Das
Zimmer war durch eine Kerze not
dürftig erleuchtet. Frau Ertelt war
sofort tot. Wir haben die heldenhafte
Mutter auf dem Friedhof in Nieder
hermsdorf begraben. Keine russische
Stelle hat Anstalten gemacht, den
Mordfall zu untersuchen und den Tä
ter festzustellen, obwohl die beiden
Geistlichen am Tage darauf sich zum
Kommandanten in der Abficht führen
ließen, feinen Schutz zu erbitte».' Er
ging auf de» Mord nicht ein. Fragte
nach Metall, auch nach solchem im
Munde. Dann befahl er, uns nicht auf
der Straße zu zeigen.
In der Pfarrei wurden aus ähn
lichen Gründen in jenen Tagen noch
ermordet: Frl. Martha Gießmann
aus Mauschdorf (ungefähr fünfund
dreißig Jahre), Frl. Jung in Klein
warthe (Alter wie oben), Frl. Rapp,
Bauschdorf, über dreißig Jahre alt,
erhielt einen Lungenfchuß, als sie vor
in ihr Haus eindringenden Russen
flüchten wollte. Durch Behandlung im
Friedlander Krankenhaus kam sie mit
dem Leben davon.
Im Haus der Frau Galler war es
für uns unerträglich geworden. Wir
flüchteten gegen Abend in das in der
Nähe liegende Haus Klontet. Etwas
sicherer fühlten wir uns da, wenn
gleich das Eindringen, besonders bei
Nacht, auch dort fortdauerte. Waren
verschlossene Türen nicht schnellstens
geöffnet, wurden sie eingeschlagen. In
diesem Haus waren außer unserer bis­
herigen Gemeinschaft noch Frauen mit stellten die Mädchen aus herumliegen
Kindern aus Großbrießen. Unerwar-' den Briefumschlägen fest, daß sie im
tet fand sich dort auch der Geistliche
Rat Fölfel, der aus seiner Pfarrei
Deutschkamitz vertrieben war, und
umher irrte.
Die Schamlosigkeit hat sich gestei
gert. Die Opfer wurden öfter nicht
mehr herausgeschleppt, sondern im
Zimmer in Gegenwart aller unsittlich
angefallen.
Unter solchen Umständen haben
wir, ohne die Kleider zu wechseln, die
ganze Karwoche '45 gelebt.
Am heiligen Osterfest, 1. April '45,
haben wir das erste Mal int Zimmer
zelebriert. Gegen hundert Gläubige
waren versammelt. Die Russen hatten
den Verkehr beobachtet. Als wir am
zweiten Feiertag wieder zelebrieren
wollten, erschien schlagartig ein Ruf
senkommando und verteilte alle An
wesenden auf Arbeitskommandos.
Aeltere Personen und die Ordens
schwestern blieben in Niederherms
dorf zu Aufräumungsarbeiten. Die
anderen, auch die beiden Geistlichen,
kamen nach Neiße, dann nach Mog
witz. Dort haben wir zwei ältere Män
ner begraben. Einer lag auf einem
kleinen Hof an der Scheune am Ende
des Dorfes nach Waltdorf zu, der an
dere in feinem kleinen Haus am Dorf
ende nach Friedewalde hin. Als wir
ihn aufhoben, lag ein toter Hund un
ter ihm. Art feinem Häuschen war ein
aufgeworfener Schützengraben, da
hinein haben wir ihn in der Nähe
feines Hauses gelegt und beerdigt.
Außerdem mußten wir in Mogwitz,
Waltdorf, Bösdorf Straßen aufräu
men und Reste von abgeschlachtetem
Vieh beseitigen. An einem Tage wur
den wir auf der fehr viel mit Autos
und Personenwagen befahrenen
Grottkauerchauffee nach Neiße zurück
geführt. Die Chaussee lag unter deut
schem Artilleriefeuer. Es fchoß nur
ein Geschütz. Wir hörten den Abschuß
und sahen in nächster Nähe die Ein
schläge. Daraus merkten wir, daß der
Russe in den vierzehn Tagen nicht
weit vorgekommen, die Front hoch
stens zehn Kilometer entfernt war.
Am Freitag, 6. April '45, wurden
wir von Bösdorf aus entlassen. Wir
kehrten über Hennersdorf, Großmah
lendorf, Bielitz nach Niederhermsdorf
zurück. In Bielitz wurden wir von
Zivilpolen mehrere Stunden bis zum
Anbruch der Dunkelheit im Hof des
Fleifchbefchauers Sauer interniert.
Frauen und Mädchen wurden bei dem
Arbeitskommando nicht entehrt. Für
Verpflegung hat Frau Gertrud Gor
lich aus Niederhermsdorf sehr ge
sorgt, indem sie mutig zur russischen
Feldküche ging.
Niederhermsdorf erreichten wir erst
bei völliger Dunkelheit. Viele Russen
bevölkerten die Straßen. Alle deut
fchen Einwohner waren entfernt wor
den. Wir übernachteten bei Hoffmann,
Neißerftraße. Auch da wieder Ueber
fall und Vergewaltigung einer Frau,
und zwar von dem Russen, der uns in
das Haus geführt hatte.
Am Sonnabend, 7. April '45, su
chen wir in aller Frühe nach unserer
Gemeinde. Die ersten finden wir in
der Scheune der Molkerei. Jofef
Weiß, Mitglied des Kirchenvorftan
des, liegt dort mit fchwerem Fieber.
Er schafft noch den Weg bis Korn
dorf und starb dort. Wir fanden alle
Niederhermsdorfer in Maufchdorf.
Am Weißen Sonntag, 8. April '45,
lachmittags, wurden wir von den Rus
sen aus Mauschdorf nach Korndorf
gebracht. Zweitaufend Menschen wur
den in dem kleinen Dorf zusammen
getrieben: aus Neiße (darunter hun
dert alte Schwestern von der hl. Eli
sabeth aus dem Altersheim), Neunz,
Mannsdorf, Kleinwarthe, Baufchdorf,
Lindewiefe, Steinsdorf. Folgende
Geistliche waren dort: Geistlicher
Rat Stromsky. Völkel, Karitasdiref
tor Nitsche, Pfarrer Reimann, Pfar
rer Hctucfe (Falkenau), Franziskaner
patres aus Neiße, ein Jefuitenpater.
Für Lebensmittel war nicht gesorgt.
Bald große Brotknappheit. In man
chen Häusern find gegen hundert Per
sonen. Die Sterblichkeit beginnt. Ter
in einem Torsgarten angelegte Fried
hof füllt sich schnell. ErzPriester
Schmidt aus dem Priesterhaus Neiße
befindet sich unter den Toten. Durch
ziehende Russen überfallen täglich
Frauen. Manche werden angeblich zur
Arbeit mitgenommen in Nachbarorte
und
vergewaltigt. Jüngere verbergen
sich in elendesten Verstecken bei Tag
und Nacht. Das Geschrei der Opfer
ertönt oft nachts weithin. Aus Ver
zweiflung kam ein Selbstmord vor.
Auf eigene Faust kehrten unsere Pa
rs chi an en am 19.—20. April in ihre
Heimatorte zurück.
Die Russen haben in Komdorf auch
eine große, zusammengetriebene Vieh
koppel unterhalten und dabei deutsche
Mädchen beschäftigt, die von den Sol
daten entehrt wurden. Die Mädchen
waren aus Schmitsch.
Zum Bürgermeister in Komdorf
kam in jenen Tagen ein russischer Of
fizier mit Auto und verlangte vier
Mädchen zur Arbeit in einem ent
fernten Ort unter Garantie der Si
cherheit. Vier Mädchen wurden im
Auto mitgenommen. Sie mußten
Zimmer aufräumen, kochen und
nachts mit je einem Offizier zusam
men sein. Beim Aufräumen im Haus
Pfarrhaus Bösdorf waren. Nach eU
niger Zeit brachte derselbe Offizier
die Mädchen mit Auto zurück. Nach
einer Woche kam er wieder und ver
langte aufs neue die Mädchen. Sie
konnten sich aber in diesem Fall vor
her verbergen.
Nach Rückkehr von Komdorf konn
ten wir uns am Tage im Pfarrhaus
aufhalten. Nachts schliefen wir in der
Dachstube in der Wohnung des Kirch*
voters Hundeck. Auch da mußten wir
oft des nachts eindringenden Russen
offnen...
Am Sonntag, 29. April '45, wur
den alle Ortsbewohner, etwa vierhun
dert, erneut ausgetrieben, und zwar
nach Friedland O/S. Die Schwestern
und Geistlichen konnten im Kranken
haus wohnen. Durch Plakate an den
Eingangstüren wurden russische Sol
daten vor Eintritt wegen Seuchenge
fahr gewarnt. Bis auf eine Haus
durchsuchung hat es uns geschützt.
Nach Beendigung des Krieges kehrten
die Pfarrkinder nach Niederhermsdorf
nach und nach zurück, Schwestern und
die Geistlichen folgten am Freitag,
11. Mai '45. Jeder wohnte von da
ab in feiner Wohnung. Täglich kehr
ten Gruppen der in die Tscheche* vor
den Russen geflohenen Pfarrkinder
Zurück. Einige ganz, andere weniger
ausgeplündert, einige brachten sogar
'ihre Pferde- und Kuhgespanne mit
heim. Bis Ende '45 waren zirka acht
zig Prozent aller früheren Bewohner
wieder in Niederhermsdorf. Aehnlich
war es in den eingepfarrten Orten.
Nur ganz wenige Häuser standen leer.
Ein neues Unheil kam durch das
unerwartete Erscheinen von ungefähr
sechzehn bis zwanzig bewaffneten pol
nischen Partisanen, die sich als Miliz
ausgaben uud Polizeirechte anmaßten.
Ihr Standquartier errichteten sie im
Kaufhaus Klapper. Im Keller war
das Gefängnis. Zuerst plünderten die
je alle durchziehenden Rückkehrer sy
stematisch aus. Jeder zurückkehrende
Soldat wurde in den Keller gebracht
und dort mit Eisenstangen und Knüp
Pein furchtbar geschlagen. Die ganze
Gegend hörte das Geschrei der Miß
handelten. Nach solchen wiederholten
Schlägereien waren die Gefangenen
oft nicht fähig zu gehen. Ortsbewoh
ner oder Durchziehende wurden eben
falls in großer Zahl dort eingesperrt
und unmenschlich zugerichtet. Als
Durchziehende den Ort zu umgehen
suchten, bewachte die Miliz alle Wege
und Stege. Viele kamen aus dem ge
nannten Keller zur Strafverstärkung
nach Neiße in das Straflager Koch
straße oder ins Gefängnis ...
In den
Lagern in Neiße kanten um: Frau
Hommesheim, Hr. Kirftein, Frau
Görlich, Hr. Tippner, Hr. Thiene!,
Kleinwarte, Sauer, Mannsdorf, ein
Junge von achtzehn Jahren, Hr. Leh
rer Wagner, der Bauer Kahlert und
Frl. Fischer aus Bauschdorf, zirka
siebzehn Jahren, verloren ihr Leben
im Lager Lamsdorf, Frau Glatzel,
Baufchdorf, durch Verhungern.
Ende Mai, Juni bis Anfang Juli
45 zogen fehr viele polnische Fami
lien, zumeist aus Kreis Seibusch, in
das Gebiet der Pfarrei ein. Nur in
Mannsdorf und Baufchdorf waren die
meisten Polen aus polnischen Ostge
bieten, die an Rußland verloren ge
gangen waren. Von der errichteten
polnischen kirchlichen Administration
in Oppeln wurden sie Repatrianten
genannt. Unter dem Schutz der Miliz
besetzten diese die Häuser der Leute.
Die früheren Besitzer wurden in eng
ste Nebengelasse zusammengetrieben
oder ganz aus ihrem Eigentum ge
jagt. Alle Einrichtungsgegenstände,
wie Betten, Kleider, Wäsche, mußten
sie den Polen überlassen. Viele haben
von da ab auf dem Fußboden geschla
fen. Oefter haben die Geistlichen kran
ke Kinder auf der Erde liegend in
elenden Kammern oder unterm Dach
liegend angetroffen und versehen.
Bauer Joses Paschke, Niederherms
dorf, wurde unter Anführung des Mi
lizkommandanten gefoltert und dabei
fortwährend mit dem Tode durch Er
schießen bedroht. Er sollte Warenver
stecke angeben.
Auch die Ernte auf dem Felde '45
wurde, beschlagnahmt und gestohlen
und dann Erntedankfest mit Gottes-
dienst gefeiert.
Die deutschen Bewohner mußten
von vierzig bis siebzig Jahren jeden
Tag, auch Sonntag früh, vor der Mi
liz antreten und sich zur Arbeit ein
teilen. lassen, wofür sie nicht einmal
die notwendigste Nahrung erhielten.
Nach der endgültigen Vertreibung
fanden die Heimatlosen ein notdürfti
ges Unterkommen in Schaumburg
Lippe, Westfalen, Hannover, Kreis
Harburg, Oldenburg und im Harz.
Tie Dörfer Bauschdorf, Manschdorf
wurden im Juli '46 ausgefahren und
in Schaumburg-Lippe oder Olden
burg verteilt.
Betont sei noch ausdrücklich, daß
bis zum Russen- und Poleneinfall
kein Pole in der Pfarrei Niederherms»
dorf O/S. gewohnt hat
Der Ortspfarrer von Nieder
hermsdorf O/S., Kreis Neiße,
Erzdiözese Breslau, Archipre
sbyterat Friedewald.
gez. Obst.
z. Zt. Beckum, Westfalen.

o n a i e S n i z
ll. April

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