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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 24, 1948, Ausgabe der 'Wanderer', Image 3

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Licht im Dunkeln
Die Sterne sind am Himmel den
ganzen Tag, aber man sieht sie nicht,
solange die Sonne scheint und bis es
dunkel, Abend und Nacht wirb._ So
sind auch die Sterne der Verheißun
gen Gottes am hellen Tage da, aber
erst wenn die Sonne untergegangen,
wenn es finster geworden ist, dann
sieht man sie. Solange alles hell
und klar, angenehm ist, sieht man
die sterneähnlichen Tröstungen nicht
an, wenn aber die Augen durch Trä
nen getrübt sind, wenn Kreuz und
Trübsal hereinbrechen, dann schaut
man aufwärts in die Höhe, woher
-Hilfe kommt, nach dem Morgenstern.
Vierter Sonntag nach
Ostern
Jesus nannte Sein Sterben ein
Heimgehen zum Vater. Ich gehe,
sprach Er, zu Dem, Der mich gesandt
hat. Er war Sich bewußt, daß Er
von Gott ausgegangen, daß Er auf
Erden sei, den Austrag Seines Va
ters zu vollbringen, daß Er dann
wieder zu Gott zurückkehren werde.
O möchte auch jeder Jünger Christi
seines Ursprunges, seiner Bestim
mung, seines Zieles ebenso sich im
mer bewußt sein! Darum soll jeder
Christ recht oft sich selbst fragen:
Wo kommst du her? Was sollst du
hier? Wo willst du hin? Stelle
diese Fragen recht oft an dich!
Wo kommst du her? Jesus war
es Sich jeden Augenblick bewußt, wo
her Er gekommen. Ich bin, sprach
Er oftmals zu Seinen Jüngern, vom
Vater ausgegangen und in die Welt
gekommen. Meine Speise ist es, den
Willen Dessen zu tun, Der Mich ge
sandt hat. So soll es auch uns im
merdar vor Augen schweben, woher
wir sind.
Vor nicht langer Zeit waren wir
«och gar nicht. Doch ja, im Ratschlüs
se Gottes, unseres Schöpfers, waren
wir schon von Ewigkeit her. Und
als die für unser irdisches Dasein
von Gott bestimmte Zeit gekommen
war, rief der Schöpfer durch das
Wort Seiner Allmacht uns zum Ein
tritt in diese sichtbare Welt.
Wie Gott den Leib des ersten
Menschen aus Erde bildete und ihm
die unsterbliche Seele einhauchte, so
hat der ewige Schöpfer, der nicht
aufhört zu schaffen, auch unseren Leib
imrch die natürliche Abstammung
aus Erde gebildet. Diesem Leibe
hauchte sodann Gott eine unsterbliche
Seele ein. Also ist unser Leib Erde
«von Erde unser Geist aber ist ein
Hauch von Gott, ein Funke der
Gottheit.
Siehe nun, 0 Mensch, woher du
gekommen bist: Dem Leibe nach von
der Erde. O erkenne und bedenke
es in aller Demut! Du bist Erden
staub. Dem Geiste nach von oben,
von Gott. O erkenne und bedenke
deute Würde! Dein Geist ist un
sterblich, wie Gott Gott ist nicht
bloß dein Schöpfer, Er ist dein Va
ter, du bist ein Kind Gottes.
O wie sehr muß dieser Hinblick
fl»if unsere Herkunft uns einerseits
erfüllen mit dem demütigen Gefüh
le unserer Niedrigkeit, unserer Ver
gänglichkeit, unserer gänzlichen Ab
hängngkeit von Gott, andererseits
aber auch unseren Geist erheben zur
höchsten Freude und zum heiligsten
Streben, würdig zu wandeln unse
res Ursprunges und des Baters,
dessen geliebte Kinder wir sind.
Was sollst du hier? Jesus war
Sich auch bewußt, wozu Er gekom
men, gesandt worden war. Dies sehen
wir aus Seinen Worten: Der Men
schensohn ist gekommen. Sein Leben
hinzugeben als Lösegeld für viele
Und am Schlüsse Seines irdischen Le
bens konnte Er sagen: Vater, Ich ha
be Dich verherrlicht auf Erden Ich
habe das Werk vollbracht, das Du
Mir zu verrichten gegeben. So soll
auch uns immerdar der Zweck un
seres Erdendaseins vor Augen schwe
ben. Immer soll jedem aus uns die
Frage gegenwärtig sein: Was sollst
du hier?
Wir sind hier, sagt der Katechis
Mus, um Gott zu erkennen, Ihn zu
lieben, Ihm zu dienen und uns da
durch die Seligkeit eines zukünfti
gen Lebens zu verdienen. Wir sind
hier, um den Willen Desjenigen zu
tun, der uns hierher gesandt hat,
um die Gebote Gottes zu erfüllen.
Wir sind hier eine kleine Weile, um
uns zur langen Ewigkeit vorzuberei
ten wir sind hier, auszusäen für
eine Ernte durch Gutestun,
'f
und Schätze zu sammeln filt Ütn
Himmel.
Aber ach, wie manche leben in den
Tag hinein und denken kaum jemals
flüchtig daran, wozu sie denn eigent
lich hier auf Erden sind! Indessen
geht die Lebenszeit dahin und sie ha
ben nichts getan, was für die Ewig
keit einen bleibenden Wert hatte.
O Mensch, bedenke, wozu bist du da?
Wo willst du hin? Jesus, unser
Erlöser, war Sich endlich auch stets
bewußt, wohin Er gehen werde, wenn
Sein Werk auf Erden vollbracht sein
wird. Wir hören Ihn heute sagen:
Ich gehe zu Dem, der Mich gesandt
hat. So soll ein jeder von uns recht
oft sich fragen: Wo willst du hin?
Wohin führt mich dieser Weg, aus
deni ich wandle? Er sührt zum Tod,
er führt zum Friedhof, er führt zur
Ewigkeit. Das tun alle Wege. Du
gehst dem Tode und der Ewigkeit
entgegen.
Aber durch welche Pforte gehst du
ein? Aber in welche Ewigkeit?
O bedenke es: Es gibt eine doppelte
Ewigkeit: eine glückselige beim lieben
Gott, eine unglückselige beim Fein
de Gottes! Wo gehst du hin? Fra
ge dich, lieber Christ, ganz aufrich
tig. Wenn du so fortwandelst, wie
du jetzt wandelst, wo führt der Weg
hin? Bist du aus dem Weg zum
Himmel oder zur Hölle? Und wenn
du sagen mußt: So geht's zur Hölle,
was wirst du tun? O liebe Seele,
noch ist es Zeit! Wenn du dir aber
sagen kanst: Der Weg, den ich gehe,
führt zum Himmel, dann wohl dir,
bleibe auf demselben! Geht er auch
manchmal steil, er ist besser als der
andere Weg und er führt zum Him
mel. O ihr alle, die ihr in dieser
österlichen Zeit aus den Himmels
weg zurückgekehrt seid, beharrt auf
demselben!
Merke dir die drei Fragen: Wo
kommst du her? Was sollst du hier?
Wo willst du hin? Je öfter und
ernstlicher du diese wichtigen Fragen
erwägst, desto mehr wirst du dich
deines Ursprunges freuen, desto ei
friger deiner Bestimmung nachleben,
desto sicherer wirst du dein Ziel er
reichen.
Es ist eine Erfahrungstatsache,
daß der Grund sowohl zur Tugend
als auch zum Laster schon in der Ju
gend gelegt wird. Bist du darum
schon in deinen jungen Jahren ein
nüchterner, solider Mensch, so wirst
du es auch in deinem späteren Le
bensalter bleiben. Ergibst du dich
aber in der Jugend der Schwelgerei
und Unmäßigkeit, so besteht nur eine
geringe Hoffnung, daß du im reifern
Alter von diesen Lastern fret sein
wirst. Aus diesem Grunde mahne
ich dich eindringlich: Sei mäßig!
Was verpflichtet uns denn zur Mä
ßigkeit?
Zur Mäßigkeit verpflichtet uns
die Liebe, die wir Gott schuldig sind.
Unserm Herrn und Gott sind wir
gewiß das höchste Maß dankbarer
Liebe schuldig, Ihm, von Dem wir
alles haben, Ihm, dessen Güte un
ser Leben erhält, uns Gesundheit
spendet, uns Kraft zur Arbeit gibt,
uns fpeifet und tränket und kleidet.
Wie sollen wir aber Ihm, dem Ge
ber alles Guten, unsere dankbare
Liebe zeigen? Es ist doch gewiß nicht
zu viel verlangt, daß wir beim Ge
nusse Seiner Gaben von Zeit zu
Zeit an Ihn denken, und dieselben
nach Seiner Absicht gebrauchen. Gott
gibt uns aber Speise und Trank zur
Nahrung unseres Leibes, zur Erhal
tung und Stärkung unserer Kräfte
und wohl auch zur Erheiterung un
serer Seele.
Kann es aber eine boshaftere Art
der Beleidigung geben, als die, daß
man die empfangene Gabe als Mit
tel zur Beleidigung des Gebers be
nützt? Und das tut der, welcher sich
der Unmäßigkeit im Essen und Trin
ken ergibt? Was Gott in väterlicher
Liebe ihm gegeben hat zu gedeihli
cher Nahrung, zur Förderung der
Gesundheit, zur Stärkung für die
Arbeit, das gebraucht der Unmäßige
zu schändlicher Ueberfüllung des Lei
6es zur Zerstörung der Gesundheit,
zur Schwächung der Kräfte, zur Be
täubung der Seele. Wahrhaftig, er
gehört zu denen, von welchen der
Apostel sagt: Sie sind Feinde des
Kreuzes Christi, und ihr Gott ist
der Bauch.
Zur Mäßigkeit im Essen und Trin
ken verpflichtet uns auch die Liebe,
die wir uns selbst schuldig sind. Die
vernünftige Selbstliebe besteht darin,
daß wir für unser wahres Glück,
für unser zeitliches Wohl und ewi
ges Heil Sorge tragen. Sind wir
aber zu solcher Selbstliebe verpflich
tet, so folgt daraus, daß wir auch
verpflichtet sind, im Genüsse von
Speise und Trank stets die gebühren
de Mäßigkeit zu beobachten. Denn
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Wenn ich's bedenke
Wenn ich's bedenke
Wie viele der Wege, der harte«, der
langen,
Bin ich schon auf blutenden Füßen
gegangen.
Und hatte kein Licht nnd hatt* keinen
Schein!
Und wanderte einsam, verlassen, al
lein
Und wußte nur diqseH: Es muß
wohl so sein!
Doch kam ich dann endlich zur
Wegeswende
Und meinte, nun sei meine Kraft am
Ende,
Da fand ich den Einen, der vor mir
gegangen
Auf einsamen Wegen, den harten,
den langen,
Mit blutenden Füßen, vom Kreuze
beschwert
Da wurde mein Leide» in Freude
verkehrt!
Wenn ich's bedenke
Anna Freiin von Krane
nichts ist dem zeitlichen Wohle ver
derblicher und dem Seelenheile ge
fährlicher als die Unmäßigkeit.
Wie verderblich die Unmäßigkeit
dem zeitlichen Wohle des Menschen
ist, brauche ich nicht lange zu bewei
sen. Du hast es selbst schon oft und
oft an vielen traurigen Beispielen
gesehen.
Tie Völlerei und Trunkenheit
bringt alle Jahre weit mehr Men
schen ums Leben, als die drei größ
ten Hebel der Menschheit: Krieg,
Hungersnot und Pest, miteinander.
Tausende von Menschen, die bereits
im Grabe faulen, könnten heute noch
frisch und gesund auf Erden leben,
wenn sie nicht selbst durch ihre Un
Mäßigkeit
den frühen Tod herbeige
führt hätten. Tausende, die jetzt aus
den Krankenlagern seufzen oder fönst
ein sieches, elendes Leben hinschlep
pen, haben ihr Siechtum, ihre Schmer
zen und Aengsten nur ihrer eigenen
vorausgegangenen unmäßigen Le
bensweise zu danken. Tausende, die
jetzt in Armut und Not schmachten,
könnten heute' in Wohlhabenheit und
Behaglichkeit leben, wenn sie nicht in
ihrer Jugend ihren Besitz durch Un
mäßigkeit verschleudert hätten. Und
wie manche sind allgemein verachtet,
die geehrt vor ihren Mitmenschen da
stehen könnten, wenn sie sich nicht
selbst durch ihre Trunkenheit um al
len Respekt vor den Menschen ge
bracht hätten!
Noch trauriger ist die Gefährdung
des Seelenheiles durch dieses Laster.
Wie sehr wird auf diese Weise die
Menschenwürde geschändet! Wie sehr
verleitet dieses Laster, indem es Ver
nunft und Gewissen einschläfert, auch
zu vielen anderen schlechten Hand
lungen! Und wie selten wird dieses
Laster gebessert, wenn es einmal an
gewöhnt ist! An welchem schrecklichen
Rande des Abgrundes der ewigen
Verdammnis wandelt also ein Mensch
hin, welcher der Unmäßigkeit erge
ben ist! Ach, was wartet aus ihn,
wenn er, wie es so oft geschieht, un
bußfertig dahinstirbt? Wenn er etwa
gar, wie es auch schon geschehen ist,
im Zustande der Berauschung seine
Seele aushaucht?
O sieh, daß der Mensch keinen är
geren und schädlicheren Feind haben
könnte, als er an sich selbst hat, wemt
er sich der Völlerei und der Trunken
heit hingibt!
Nicht weniger verpflichtet uns zur
Mäßigkeit die Liebe, die wir unse
ren Nächsten schuldig sind. Nur wer
eine mäßige Lebensweise pflegt, kann
und will feinen Verpflichtungen ge
gen seine Mitmenschen gebührend
nachkommend Die Unmäßigkeit hat
vielfache Verletzungen der Nächsten
liebe zur natürlichen Folge.
Es ist die Pflicht des Christen,
seinen Eltern dankbar zu sein und
sie in ihren alten Tagen zu unter
stützen. Was tut gewöhnlich der Un
mäßige? Er läßt seine Eltern Not
leiden und vergilt ihnen ihre Wohl
taten mit Schimpf und Grobheit.
Der Undankbare!
Es ist Pflicht des Hausvaters, dem
Hauswesen vorzustehen und den häus
lichen Wohlstand zu erhalten und zu
fördern. Was tut der Unmäßige?
Er geht dem Trünke und Spiele und
Müßiggang und schlechter Gesell
schaft nach und läßt das Hauswesen,
wie es mag, den Krebsgang gehen.
OHIO WAISENFREUND
Familienkreis
Es ist Pflicht, mit den Neben
menschen im Frieden zu leben. Wo-paart sein.
her kommt aber der meiste Unfrie
den? Im Rausche meint der Dümm
ste überaus gescheit zu sein und
prahlt und neckt und schimpft und
macht Schwatzereien, aus denen Zank
und Zwietracht und oft lange Feind
schaften entstehen.
Es ist Pflicht eines jeden Men
fchen, von seinem Ueberflusse den ar
men Brüdern mitzuteilen und ihre
Not zu lindern. Aber was kümmert
den Prasser der arme Lazarus? Tie
ser möge zugrunde gehen, wenn nur
er immer vollauf hat. Ist eine solche
hartherzige Schwelgerei nicht ein
wahrer Diebstahl an den Arntett
Eine unmäßige Lebensweise ist mit
treuer Pflichterfüllung der Nächsten
liebe nicht vereinbar.
Dies alles sei dir Warnung ge
nug, um ja stets mäßig zu sein. Ge
wöhne dich in jungen Jahren an ein
stilles, genügsames Leben. Ein gro
ßer Gewinn ist Gottseligkeit mit Ge
nügsamkeit.
Blinde Mutterliebe
Maßhalten ist in allem nötig:
Auch die beste, die gesundeste Kost
kann, im Uebermaße genossen, den
Etagen verderben und sührt so zu
Erkrankungen.
Die Mutterliebe wird mit Recht
hoch gepriesen als das Herrlichste,
das Gott in ein Menschenherz gelegt
hat. Die Mutterliebe erschöpft und
opfert sich für das Kind sie vergißt
das eigene Wohl, um den Liebling
zu retten. Und es muß wohl so
sein, wenn all' die schweren Opfer,
welche für ein Kind jahrelang zu
leisten find, die Mutter nicht zum
Erlahmen bringen sollen.
Aber die Mutterliebe kann, wenn
sie nicht vom Verstände und Gewis
sen gelenkt wird, auch sehr viel ver
derben sie kann das Kind durch blin
des Uebermaß, durch sogenannte „As
senliebe", körperlich und geistig
schwer schädigen, ja ruinieren. Bei
spiele dafür sehen wir auf allen Sei
ten. Hier einige Gedanken eines Fa
milienblattes dazu, die so recht das
Leben zeichnen, und die namentlich
auf vornehme Familien nicht selten
passen.
Die Familie hat nur ein Kind!
„Es ist unser einziges?" flüstert die
junge Mutter und überblickt wähle
risch die Kleidchen. Schuhe, Häubchen
usw.: das Einzige! Nichts ist ihr
gut, nichts schön genug. Geputzt w.e
eine Puppe trippelt das „Einzige"
mürrisch neben der überglücklichen
Mutter her, die es nicht eine Minute
von der Hand läßt, weil es das
Kleidchen beschmutzen, das duftige
Hütchen verknittern, weil es gar fal
len, sich stoßen oder sich sonstwie et
was zuleide tun könnte.
„Es ist unser Einziges!" heißt es
dann wieder, und die sorglichen Mut
terhände hüllen das Kleine in eine
solche Menge von Tüchern und Tek
ken, daß das „Einzige" unwillig pu
stend das Köpfchen höher streckt und
gierig die frische, gesunde Winter
luft einatmet.
Das „Einzige" ist gar oft sehr
unfolgsam, sehr unartig und bos
haft oder anspruchsvoll in seinen
Wünschen und Neigungen. Aber mit
dem Gedanken: „Es ist ja unser Ein
ziges" wird jeder Tadel, jede Züch
tigung, jede Versagung zurückgehal
ten. So wachsen die Kleinen in die
Höhe, verwöhnt, verweichlicht, eigen
sinnig, gewohnt, alles zu erhalten.
Trotz und Eigenwille verunstal
ten den kindlichen Charakter aus
dem mit übertriebener Nachsicht er
zogenen „Einzigen" wird häufig ein
männlicher Taugenichts, ein weibli
ches .Hauskreuz für den künftigen
Gatten.
Eine Mutter, welche nur ein Kind
hat, bringe dieses möglichst in Ge
meinschaft mit einem anderen Kinde,
fei es ein Nachbarskind oder ein Kind
von Verwandten, damit die Kinder
wenigstens für einige Stunden des
Tages beisammen sind. So behebt
sich die Einseitigkeit der Erziehung
eher. Das „einzige Kind" lernt dann
die Bedürfnisse anderer Kinder ne
ben sich achten und entgeht so leich
ter dem Drange nach Eigennutz und
Selbstsucht.
Blinde Mutterliebe, die nur das
Gemüt und die Phantasie schalten
läßt und die auf den Regulator des
Gewifsens vergißt, gewöhnt dem
Kinde namentlich die notwendigste
Eigenschaft für den Kamps des Le
bens: wir meinen die so unerläß
liche Tugend der Selbstbeherrschung
und des praktischen Wohlwollens ge
gen die Nebenmenschen, nicht an.
Gerade das aber verdirbt Kinder
Rechte Mutterliebe muß gewissenhaft
mit Strenge richtigem Maße ge-
.V&-.
Vorüber!
Von keinem Leid, so schwer es sei.
Laß stimmen deine Seele trüber!
Geht auch dein Leiden nicht vorbei.
So gehst doch du vorüber.
Jedem Erdenkinde sollte dieser
Vers geläufig sein. Tragen doch
die wenigsten Menschen das ihnen
vom himmlischen Vater auferlegte
Leid geduldig. Oft sehen sie seinem
Nahen ganz hoffnungslos entgegen
und überlegen nicht, daß Geduld je
de Bürde leichter macht. Wie die
Nacht dem Tage, so folgt auch der
Tag wieder jeder Nacht. Glück und
Leid wechseln im Menschenleben wie
die Sonne und der Regen in der Na
tur wie die Stunden rastlos entei
len, so schwinden mit ihnen auch
Heimsuchung und Krankheit
schwindet selbst die Todesqual. Wir
gehen an allem vorüber einem lich
teren, schöneren Ziele zu. Es gibt kei
nen Rückschritt, keinen Stillstand,
Stunden, denen man Flügel ge
wünscht, Stunden, in denen uns
Josuas Bitte auf den Lippen fchweb
te: Sonne, stehe still! sie gehen im
gleichen Tempo an uns vorüber, um
in das Meer der Ewigkeit zu sin
ken. Nichts hat eine bleibende Stät
tc auf diefer Erde, ebenso wenig wie
der Mensch selbst. Wir freuen uns,
wir trauern, da faßt des Todes kalte
Hand uns an, wir gehen vorü
ber. Nach kurzer Wanderung über
diese Welt stehen wir an der dunklen
Pforte des lichten Jenseits und se
hen im Zurückblicken, daß manches
Leid nicht so schwer war, als wir
gedacht manches Glück nicht so
groß, als es einst erschienen. Soll
te man da nicht bestrebt sein, beides
„in Ruhe" zu tragen? Warum glaubt
man, daß die „Bürde zu schwer sei"
„Gott gibt nicht mehr als wir er
tragen
Er mit dem Kreuz will vor uns
geh'n!"
In der Vergangenheit erscheint je
de Last kleiner und kleiner. Tie Zeit
enteilt und heilt. Wie Wolfen,
die uns einzuhüllen schienen,
Kummer und Sorgen der verschie
densten Art liegen plötzlich hinter
uns, sowie das leuchtende Sonnen
licht! Auch an ihm gehen wir
vorüber. Darum sollen wir auch das
Glück nicht zu stürmisch umfassen.
Wir dürfen es wohl dankbar hinneh
men, doch nicht stolz darauf fein.
Wer weiß, wie bald es schwindet!
Glück und Unglück, beides trag' in
Ruh',
Beides geht vorüber oder du?
Mehr Freude!
Mit den Worten „Freude, schöner
Götterfunken" preist Schiller die
Freude. Tas Recht auf Freude ist
dem Menschen ureigen und darum
soll sie des Menschen tägliches Brot
sein, nicht bloß eine süße Zuspeise
des Lebens, ein seltener Bissen, den
er schnell hinabschlingt, wenn er sei
ner habhaft werden kann.
Woher kommt es aber, daß die
Neuzeit, obwohl so reich an Vergnü
gungen, doch so arm ist an wirkli
cher Freude? Tie unheimlichen Fol
gen unserer aufs höchste gesteigerten
Kultur, der surchtbare Hochdruck, un
ter dem das moderne Leben leidet
und der die allgemeine Neurasthenie
des ganzen Geschlechtes zur Folge
hat, die zum Teil immer noch un
günstigen Lebens- und Arbeitsver
hältnis, die laute Unzufriedenheit
wecken und den Volksverführern Tür
und Tor öffnen, die geistige Über
ernährung und ganz besonders der
religionsfeindliche unchristliche Zeit
geist haben es verschuldet, daß die
edlen Freuden, die jahrhundertelang
dem Volke zur Erholung und zur
Verschönerung seines Daseins dien
ten und genügten, für die Mehrheit
des heutigen Volkes viel zu schal ge
worden sind, daß sie ausgesuchten
Genüssen weichen mußten.
„Das Schöne ist aus unserem Leben
beinah ganz verschwunden," schreibt
Chamberlain in seinen „Grundla
gen des neunzehnten Jahrhunderts"
Und mit dem Schönen auch die Freu
de. In dieser Erkenntnis hat Bi
schof Wilhelm Keppler von Rotten
bürg unter dem Titel „Mehr Freu
de" ein herrliches Buch geschrieben,
das einen riesigen Anklang fand.
Obwohl von einem hohen Wür
denträger der katholischen Kirche ge
schrieben, ist dieses Buch tatsächlich
doch nicht ein Buch nur für Katholi
ken sondern ein Buch, an dem jeder
Christ, wenn er es liebt, zuweilen
to§e*
fN
Über den Zaun seiner privilegierten
„Weltanschauung" hinweg zu blicken,
seine Freude haben kann ... Es ist
fern von aszetischer Weltflucht. Es
will uns nicht aus dem Zeitalter der
Maschinen, der großen Triumphe des
menschlichen Wissens und Könnens
herausreißen. Aber es will diese Zeit
wieder vereinen mit der Liebe und
dem Interesse für alle hohen Gü
ter des Lebens, welche die moderne
Menschheit in ihrem Bildungswahn
und Kulturdünkel verächtlich be
handelt."
Und wie kann man nun den Freu
dengehalt und Freudenbestand seines
Lebens erhöhen und sicher stellen?
Um die Freude wieder in die mensch
liche Gesellschaft zurückzuführen, gibt
es nur ein Mittel: „Zurück zu ge
fundem, christlichem Volksleben!"
Das Christentum lehrt uns vor al
lent die kleinen, stillen Freuden
schätzen. Diese kleinen Freuden sind
von besonderer Wichtigkeit im Le
ben des Kindes, das dafür einen of
fnen Sinn hat. „Tie kleinste Ga
be," sagt Keppler so schön, „ein
pielzeug, ein Stückchen Brot, ein
Blümlein, begleitet von einem Blick,
wie nur das Mutterauge ihn aus
strahlen, von einem Wort, wie nur
die Lippen der Mutter es ausspre
chen können, machen das Kind se
lig, machen es zu einem König."
Tarum sind sie in der Hand des Er
ziehers ein mächtiges Hilfsmittel.
Die verkannten
Stiefmütter
Komme ich da neulich in ein Fa
milienhaus, zu Leuten, die ich lan
ge kenne, aber mit denen ich weiter
keine freundschaftlichen Beziehungen
pflegte. Ter Mann, das zweitemal
verheiratet, hat Weib und Kinder,
alle aus der ersten Ehe, zu er
nähren.
Tie zweite Mutter jener Kinder,
also eine Stiefmutter, paßte auf die
Gelegenheit, mir ihr Ach und Weh
zu klagen. Es war herzerschütternd.
0 nachsichtig leibliche Mütter von
der Welt beurteilt werden, so hart
und ungerecht ist man gegen dieje
nigen Frauen, die die schwere Aus
gabe übernommen haben, verwaisten
Kindern die Mutter zu ersetzen. „Ei
ne Stiefmutter?" Welche Fülle von
Weh liegt in diesem Worte! Aber
oft weniger für die Kinder als für
die Mutter felbft. Wie manche alte
Jungfer ist mit warmem Herzen und
selbstverleugnendem Sinne in diese
schwere Aufgabe eingetreten und hat
schließlich mit schwerverwundetem
Herzen den Mut sinken lassen und
das Erreichen des Zieles aufgegeben!
Warum? Weil die ganze Welt gegen
sie ist. Niemand verlangt von einer
leiblichen Mutter immer Sanftmut,
Maßhalten, liebevolles Benehmen
und Gerechtigkeit. Wie fällt man
aber über eine Stiefmutter her, wenn
sie es in einem dieser Stücke fehlen
läßt! Jedes im Unmute gesprochene
Wort, jeder Tadel wird weitergetra
gen. Wenn sie körperliche Züchtigung
anwendet, die auch leibliche Mütter
und mit Recht nicht sparen,
dann heißt sie eine herzlose Frau,
die kein Muttergefühl hat. Die „ar
men" Kinder werden ausgefragt, be
mitleidet, unverständige Verwandte
nehmen die Kinder in Schutz. Wenn
doch diese „barmherzigen" Leute be
dächten, was für ein schreiendes Un
recht sie da begehen, wie sie in eine
Familie den Samen der Zwietracht
säen und den Kindern, denen sie
scheinbar so wohlwollend den größten
Schaden zufügen!
Wohl gibt es ja auch böse Stief
mütter aber es gibt gewiß ebenso
viele wohlgesinnte, edle Frauen, die
aus reiner Liebe diese schwere Ausga
be übernommen haben und sie wohl
auch zu losen vermochten, wenn nicht
böse Einflüsse ihnen überall ent
gegen ständen. Eine Stiefmutter
mag mit noch so viel Liebe ihren
anvertrauten Kindern nachgehen, sie
mag auf alle Weife versuchen, die,
Herzen der Kleinen zu gewinnen, so
sind doch gewisse Leute da, die den
Kindern sagen: „Ach, wenn doch dei
ne Mutter noch lebte, deine Stief
mutter hat keine rechte Liebe zu dir."
Und wenn es einmal eine Strafe
absetzt, dann heißt es: „Sie versteht
dich nicht. Tas hätte deine rechte
Mutter nicht getan" usw.
Wahrlich, manches „nicht so bös"
gemeinte Wort wird einst dem, der
es gesprochen, noch einmal zentner
schwer auf die Seele fallen, und er
wird sich entsetzen, was für Unglück
er mit seinem Richten und Verdam
men geschaffen hat. Hätte ich eine
Stiefmutter gehabt nur eine
Stiefmutter, auf Händen würde ich
sie heute tragen.
R. S.

-*f" v' r** 4 v* a- a v v.
3 .-'

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