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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 24, 1948, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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(Fortsetzung)
„Ich nehme, meiner Unzulänglich,
feit ungeachtet, den Kampf an," ant
wertete Dionysius errötend. „Mit
Zittern nehme ich ihn an. Der Furcht
same vollführt nie ein kühnes Wage
stück. Dennoch, obwohl meine Verwe
genheit zittert, soll meine Ängstlich
keit es wagen."
„Oh, wie entzückend!" rief die er
habene Julia und klatschte in ihre
Hände und warf dem beredten jungen
Mannes einen ihrer verführerischen
Blicke zu, den Dionysius aber nicht
bemerkte.
„Vielleicht auch erbitte ich mir eine
Gunst von dem Kaiser," fuhr er sort.
„Gut!... Wenn du Sieger bleibst,
erbitte dir, was du willst. Doch
Kaiser schmeichelnd.
Nach einer tiefen Verbeugung des
Dankes und des Abschieds entfernte
sich Dionysius, begleitet von seinem
Freunde, der auf ihn gewartet hatte.
Tiberius Cäsar folgte ihnen in das
Innere des Palastes. „Tretet hier
ein," sprach er, eine Türe öffnend.
„Ter Sklavenaufseher hat mich be
nachrichtigt, du übernehmest es, den
Sejanus zu reiten statt des Sklaven?"
wandte er sich, ihm scharf ins Gesicht
blickend, an Paulus. „Wisse, daß der
vierte Tag und die Stunde vor Son
nenuntergang dazu bestimmt ist.
Hast du sonst etwas zu bemerken?"
„Wird dem Tiere das Maul ver
hängt, erlauchter Cäsar?"
„Sobald du es bestiegen, wird der
Maulkorb abgenommen."
„Darf ich denn, statt der Peitsche,
irgend ein anderes Instrument in die
Hand nehmen, mein Schwert et
too?"
„Du darfst, aber das Pferd
darf feine Verletzung erleiden."
„Indessen, wenn es sich selbst eine
solche zuzöge, wenn es z. B. ge
gen irgend etwas anliefe, oder in den
Fluß stürzte, ... so würdet Ihr das
mir nicht anrechnen In meiner Be
handlung soll nichts liegen, was sein
Leben oder seine Gesundheit irgend
gefährden könnte."
„Das ist am Ende nur vernünftig,"
murmelte Tiberius.
„Ich habe eine Bedingung," suhr
Paulus fort, „daß niemand während
der letzten vierundzwanzig Stunden
ihm Trank und Nahrung reiche, Au
ßer was ich ihm selbst besorge."
„Tu willst das Tier durch Hunger
in deine Gewalt bringen?"
„Nicht doch, Cäsar! Aber es gibt
Dinge, die ein Pferd toll oder betrun
fen machen. Ich wünsche es selbst zu
versorgen."
„Das magst du tun. Es soll nur
Wasser und Hafer erhalten, aber so
viel als sein Bereiter wünscht."
Hiemit entfernte sich Tiberius und
ging in den Hof zurück.
„Des Bruders sind wir quitt,"
raunte er dem Sejanus zu „er sitzt
schon in der Falle. Ein allerliebster
Plan? Für den fünften Tag kannst du
alles in Bereitschaft halten, dich der
Schwester zu bemächtigen."
II.
Erstes Kapitel
Der Würfel war gefallen. Wie
ein Lauffeuer ging die Kunde von
dem lebensgefährlichen Wagnis des
jungen Ritters von Mund zu Mund.
Aus dem Palaste verbreitete sie sich in
die Stadt. Am nächsten Tage gab es
kein Haus in der Umgegend, wo man
nicht darüber erstaunt gewesen wäre.
Tie Taubenpost brachte sie selbst nach
Rom. Und wenn es für irgend einen
übersättigten Zirkusbefucher einer au
ßerordentlichen Anziehung bedurfte,
so hatte er sie jetzt. Es galt, ein Tier
zu bändigen, welches sich an Unbe
zähmbarkeit mit dem Löwen der Wü
ste, an Gefräßigkeit mit dem unheim
lichen Bewohner der afrikanischen Ge
Wässer: dem Krokodil, an Höhe und
Gelenkigkeit mit der schlanken, leicht
füßigen Giraffe messen konnte.
Der zumeist Beteiligte brachte per
söulich die Nachricht nach dem Post
hause, wohin er die Tochter seiner
Wirtin unter Begleitung des Lanista
Thellus schon zurückgeschickt hatte. Er
verständigte sich mit diesen Beiden wie
mit Benignas Eltern und teilte der
Mutter und Schwester die erstaunliche
Kunde mit, ohne jedoch ein Wort von
den schrecklichen Eigenschaften des zu
besteigenden Tieres zu erwähnen.
Frau Aglai's ihrerseits empfing ih
ren Sohn mit der erfreulichen Mit
teilung, welche der treue Philipp ihr
inzwischen von Monte Zirzello über
bracht hatte. Das Schreiben des frü
hem Triumvirs lautete folgenderma
ßen:
„Markus Aemilius Lepidus entbie
tet der Witwe seines tapfern Bruders
Dionysius und die Sibyllen
Szene« aus der römischen Cäsarenzeit. Frei «ach dem Englischen.
davon ein ander Mal!" versetzte der vermochten sie von diesem Vorhaben
abzubringen.
Gedankenvoll schritt Paulus am
Gruß und Willkomm. Ich erwarte
Dich und Deine Kinder, welche anjetzo
die meinen sind, nachdem mein letztes
verblichen, dank der Milde und Güte
eines Mannes und der Hochherzigkeit
eines andern. Lebwohl!"
Nach Empfang dieser freundlichen
Einladung war Aglms willens gewe
sen, alsbald nach Rückkehr ihres Soh
nes einen herzlichen Abschied von ihm
zu nehmen und in Begleitung ihrer
Tochter nach Monte Zirzello auf zubre
chen. Die unerwartete Nachricht aber
von dem Unterfangen ihres Sohnes
bestimmte sie, ihre Absicht zu ändern.
Sie beschloß jetzt vielmehr, bis zu des
sen glücklicher Rückkehr zu warten,
und weder die eindringlichen Borstel
lungert des jungen Ritters, noch die
Bitten Krispinas und ihrer Tochter
Abende dieses Tages mit seinem
Freunde Thellus durch den duftenden,
mondbeschienenen Garten, als zwei
Gestalten sich aus dem Schatten des
Hauses ablösten und auf verschiedenen
Wegen sich den wandelnden Freunden
näherten. In der einen erkannte Pau
lus bei seiner Annäherung den Skla
ven des Enejus Piso, Lygdus die an
dere war ihm unbekannt. Diese letztere
trat jetzt an ihn heran und überreich
te mit tiefer Verbeugung ein zierli
ches Schreiben. Paulus öffnete es und
las:
„Vellejus Paterfulus sendet Pau
lus Aemilius Lepidus freundlichen
Gruß. Gib dieses törichte Unter
nehmen auf, welches Dir auch im gün
stigsten Falle feinen Vorteil bringt!
Jetzt kannst Du Dich der Aufgabe noch
entziehen, morgen ist es zu spät.
Gib vor, Du seist mit den Eigenschaf
ten des Tieres nicht bekannt gewesen
und hättest Tir's anders überlegt.
Sklaven muß man ihrem Schicksale
überlassen. Lebwohl!"
Inzwischen war auch Lygdus näher
getreten und meldete, daß Tiberius
Cäsar ihn beauftragt habe, von Pau
lus die bestimmte Futterration für
das Pferd Sejanus in. Empfang zu
nehmen.
„Du bist also mit der Behandlung
der Pferdes vertraut?" frug Paulus.
„Aber es kann mir doch nicht verwehrt
sein, selbst den Stall zu besuchen und
mit dem Tiere Bekanntschaft zu ma
chen?"
„Ich habe Befehl Euch zuzulassen,"
sprach der Sklave, „wie auch Euch zu
beobachten."
„Was, dich hat man mit der Be
aufsichtigung eines römischen Ritters
beauftragt!" rief der junge Mann
verächtlich. „Außerdem wünsche ich
den Sejanus vorher das eine oder
andere Mal versuchsweise zu bestei
gen."
»Ihr werdet davon absehen müs
sen, edler Herr denn der Cäsar hat
strengen Befehl gegeben, daß niemand
vor Euch selbst am bestimmten Tage
das Pferd besteige. Und was Er
steres betrifft, so könnte ich nicht nur
Euch, sondern einen römischen Cäsa
ren selbst bewachen," sprach der spä
tere Mörder des Germanikus.
Der junge Ritter biß sich auf die
Lippen. Er bedauerte in diesem Au
genblicke, der Seinigen wegen, nicht
von Tiberius sich die Erlaubnis erbe
ten zu haben, das Pferd vorher zu
versuchen, Jetzt war nichts daran zu
ändern. „Du kannst dich zurückzie
hen," sprach er mit abgewandtem Ge
sicht zu dem häßlichen Sklaven. „Ich
werde morgen in Formiä nach dir
fragen."
Mit einer Verbeugung entfernte sich
der Sklave.
„Dekurio," sprach der Ritter zu dem
andern Boten, „melde deinem Herrn
meinen Gruß und meinen Dank. Mein
Wort kann ich indessen nicht brechen
und deshalb feinen Rat nicht befol
gen."
„Da» ganze Lager, edler Ritter, ist
voll von Euerm Ruhme. Wir alle
wünschen Euch den besten Erfolg,"
antwortete der Mann.
„Ich bin Euch dankbar. Dein Na
me?"
„Longinus, mit Verlaub."
„Nun wohl, Freund, wenn ich
aus dem Kampfe mit dieser Bestie als
Sieger hervorgehe, so ist's meine Ab
sicht, mit Germanikus Casar gen Nor
den zu ziehen. Dort sehen wir uns
vielleicht wieder. Mein Wunsch tyäre,
dich als den Centurio Longinus be
grüßen zu können."
Tränen standen in des Mannes
Augen, als er sich zum Gehen wandte.
Die beiden Freunde setzten ihren Spa
ziergang fort.
„Wie bedauere ich, junger Herr,"
sprach Thellus, „daß ich nicht mein
ganzes Leben hindurch mit Pferden
umgegangen bin, mn Euch zu -dieser
Stunde einen graten Rat geben
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können! Doch glaube ich, daß man sie
zuweilen blendet oder ihnen die Au
gen verbindet, um sie gefügiger zu
machen."
Paulus wollte antworten, als dicht
neben ihm die' Zweige der Myrten
hecke vorsichtig zur Reifte gebogen
wurden und eine mit der einfachen
griechischen Läna bekleidete Gestalt
sich aufrichtete.
„Bist du nicht Aemilius, der Nesse
des Triumvirs?" fragte sie ihn.
„Gewiß," erwiderte Paulus er
staunt.
„Und dieser (auf Thellus zeigend),
hat er dein Vertrauen?"
„Was immer du mitzuteilen hast,
darf er hören."
„Hier," flüsterte die Gestalt und
schob einen kleinen Gegenstand in die
Hand des Ritters, „nimm diese Salbe.
Zwei Stunden, ehe du den Sejanus
besteigst, reibe sie ihm in die Nasen
löcher. Du wirst ihn dann dir zu Wil
Ien finden, gerade wie wenn ihm das
Maul verbunden würde."
Wem habe ich für diese Gunst zu
danken?" versetzte Paulus.
Charikles ist mein Name," sprach
der Andere kaum hörbar.
Ah, du bist es, der mir diese Teil
nahme schenkt!" rief der junge Mann
angenehm überrascht. „Nimm meinen
Dank! Aber füge zu dieser noch eine
andere Gunst hinzu: meine Mutter
und meine Schwester würden sich sehr
freuen, dich zu sehen
Wann du wünschest, nur jetzt nicht!
Tiberius weiß nichts von meiner Ab
Wesenheit. Ich werde dich wieder]e
hen."
Eine Frage! Kann diese Salbe
dem Tiere irgendwie schädlich sein?"
In keiner Weise. Sie ist ein Ge
heimnis des Ostens ihre einzige Wir
kung wird die sein, das Tier schläfrig
und dadurch fügsam zu machen. Ich
selbst habe fast zwei Stunden mit der
Bereitung und Mischung der Ingre
dienzien zugebracht und fühle mich so
betäubt, daß ich mich kaum aufrecht
halten kann. Verzeihe meine Eile
Lebwohl!"
Mit einigen raschen Schritten war
der Arzt schon im Schatten des Hau
ses verschwunden. Nachdenklich schau
te der junge Grieche ihm nach und be
trachtete das kleine Gefäß in seiner
Hand.
In dem wenige Schritte entfernten
Lorbeergebüfch raschelte es. Mit mäch
tigem Sprunge, wie eine wilde Katze,
stürzte der Lanista darauf zu, grif
hinein und zog im nächsten Augen
blick den stöhnenden und widerstreben
den Sklaven Lygdus daraus hervor.
„Hund?" fchnaubte Thellus ihn an,
und schnürte die breite, eiserne Faust
fester um den Hals des Elenden.
Was machst du hier? Wimmelt die
ser Garten von Gespenstern und (Spi
onen
Ich war dort eingeschlafen," stöhn
te der häßliche Mensch, nach Atem
schnappend und sich wie ein Wurm
an der Erde windend.
„Ich hätte gute Lust, dich in einen
ganz andern Schlaf zu versetzen, um
anderer willen," versetzte Thellus „et
wäre verdienter Lohn."
Laß ihn, Freund!" bat Paulus.
„Nicht von ihm hängt mein Schicksal
ab. Ich habe ganz andere Gründe
zum Hoffen und Wagen."
„Um Euretwillen denn," sagte
Thellus unwillig. „Geh, Bestie, aber
nimm einen Gedenkzettel aus Thellus'
Hand!"
Mit diesen Worten hob er den
Sklaven wie einen Ball in die Höhe
und warf ihn einige Schritte von sich
zu Boden.
Der also Geschleuderte aber raffte
sich unversehens aus und lief in das
Haus.
Es bricht mir das Herz, edler
Herr," sprach bewegt der Gladiator,
wenn ich Euch sozusagen mit gebun
denen Händen und Füßen Euerm
Verderben anheimgegeben sehe."
„Doch nicht, mein guter Thellus,"
tröstete Paulus. „Tu siehst, ich bin
frohen Mute» und wünsche, daß meine
Freunde es auch seien. Für heute gute
Nacht!"
Gute Nacht! Und mögen die
Götter Euch gnädig fein!"
Hier trennten sich die beiden Män
ner.
Eine Viertelstunde später ruhte der
junge Ritter auf feinem Lager, das
heute der Schlaf nicht heimsuchen soll
te, und opferte schweigend und erge
ben fein Leben der unbekannten Gott
heit, welche sein Freund Dionysius
anbetete und von welcher er im In
nersten seiner Seele fühlte, daß nur
sie ihm das Dasein gegeben haben
konnte.
Draußen ergoß der Mond sein zau
berisäzes Licht durch die weiten Räu
me, und der Brunnen im Hofe sandte
feine zitternden, glitzernden Strahlen
wie mit leisem Gebetsmurmel zu ihm
empor.
OHIO WAMDiramND
Zweites SapM
Am nächsten Morgen befand sich
Paulus in Begleitung des Freigelas
senen Philipp wieder auf der Straße
nach Formiä. Er hatte zuvor beim
gemeinschaftlichen Frühstück noch ein
mal versucht, seine Mutter zum unv
verzögerten Aufbruch zu bewegen
teils um den mehrfachen 8Sormin®m
nachzukommen und die Damen in Si
cherheit zu bringen teils um für den
Fall, daß ein früher, schrecklicher Tod
feiner harrte, die Seinigen geborgen
und außer Hörweite der düstern Ein
zelheiten seines Ende zu wissen.
Indessen glaubte Frau Aglai's jetzt
nicht so sehr an die Dringlichkeit der
Abreise, wo sie ein freundliches Asyl
jederzeit bereit wußte, sie zu empfan
gen. Auch konnte sie sich nicht in den
Gedanken finden, dem Sohne wer
weiß für wie lange? den Abschieds
fuß zu geben, im Augenblicke, da er
im Begriffe stand, der römischen Welt
eine Probe griechischer Reiterkunst zu
geben, worin er Meister war. Welche
zärtliche Mutter hätte unter diesen
Umständen anders gehandelt?
Sorgenvoll verließ sie der Sohn.
Aber einmal auf der Appifchen Stra
Be, auf welcher ganz ungewöhnliche
Bewegung herrschte, riß es ihn aus
seinem traurigen Sinnen.
Sie waren eben durch das südliche
Tor von Formiä geritten, als ein klei
ner Auflauf in der Mitte der Straße
sie aufhielt. Dort stand ein Knabe mit
ältlichem Gesichte und von schwächli
chem Aussehen er mochte fechs bis sie
ben Jahre alt fein. Die kleinen Glie
der verschwanden völlig unter der
kostbaren, von Gold strotzenden Klei
dung. Er war von mehrern Sklavin
neu umgeben, deren eine eine dun
kle Nubierin ihn bei der Hand
hielt.
In diesem Augenblicke stampfte
und tobte das Kind wie rasend und
verzog das bleiche Gesicht zu einer
widerlichen Fratze. „Töte ihn, erwür
ge ihn!" schrie es ein über das andere
Mal.
Es hatte ein Spielzeug, das er in
der Hand gehalten, fallen lassen. Ein
Hund hatte dasselbe aufgeschnappt
und damit sein Spiel getrieben. Jetzt
befand sich der Hund in den Händen
eines Sklaven.
„Der arme Hund glaubte, du woll
test mit ihm spielen," sagte die schwär
ze Wärterin. „Du wirst ihm dafür
doch kein Leid antun?"
„Töte ihn, erwürge ihn!" wieder*
holte der Knabe mit wütender Geber
de und die Purpurglut der Leiden
schaft überströmte das kleine. Antlitz,
während er mit den Füßen stampfte.
„Lygdus, mein guter Lygdus, erdross
le ihn!"
Lygdus legte seine Hand um den
Nacken des Tieres und würgte das
selbe, bis ihm die Zunge zum Halse
heraushing mit dieser Prozedur hielt
er so lange an, bis das arme Geschöpf
tot war. Dann warf er den Kadaver
zu Boden.
„Ist er tot?" rief der Knabe und
trat an den leblosen Körper heran,
um ihm einen Fußtritt zu versetzen.
„Ah, das war schön!" Und er klatschte
vor Freude in die Hände.
Alle Umstehenden wandten sich voll
Abscheu ab. Die Gruppe loste sich.
Paulus konnte seinen Weg fortfetzen.
Er und fein Begleiter näherten sich
dem Palaste Mamurras, als eine gro
ße Volksmenge ihnen entgegenströmte.
Auch Thellus befand sich darunter.
Kaum hatte er den jungen Ritter er
kannt, als er auf ihn zueilte und ihm
mitteilte, daß soeben Augustus den
falschen Judenkönig Alexander, wel
cher sich für den Sohn des Herodes,
des Judmäers, ausgab, entlarvt und
zu lebenslänglichem Galeerendienste
verurteilt habe.
Dann geleitete er den jungen Mann
zu den kaiserlichen Ställen, wo bereits
auch Lygdus sich eingefunden hatte.
Tiefer führte die Gesellschaft zu dem
Stalle des Sejanus. Derselbe war äu
ßerst kühl und reinlich die Wände
waren mit Weinlaub bedeckt. Das
mächtige Tier selbst trug das Maul
nicht verbunden aber der Kopf war
durch Riemen gehalten, welche oben
an der Decke befestigt waren.
Paulus musterte alles mit größter
Aufmerksamkeit. „Diese Winden und
diese Riemen," sagte er, in die Höhe
zeigend, „dienen wohl dazu, ihn vom
Boden emporzuheben, während ihm
ein frisches Lager bereitet wird? Also
auch an dich ist er nicht gewöhnt?"
»Es ist immer besser, Vorsicht zu
gebrauchen," versetzte der Sklave.
„Und diese Oeffnung über feiner
Krippe dient wohl dazu, ihm von Au
ßen seine Nahrung zukommen zu las
sen
Oberhalb der Krippe befand sich in
der Mauer eine schräg abfallende
Oeffnung, durch welche das Licht ins
Innere strömte nach der linken Seite
hin setzte sich dieselbe in einer Art
Gallerie in der Wand fort, fo daß
man dem Kopfe des Tieres nahe fem
konnte, ohne feinen Bissen ausgesetzt
zu fein. Eine kleine Treppe führte
vom Stalle auf die Gallerie hinauf.
„Dieser mein Diener wird meiner
seits zur Aufsicht hier bleiben," sprach
Paulus zu Lygdus, auf den alten
Philipp weisend, den Lygdus mit bös
willigem Seitenblick betrachtete.
„Mein Freund Thellus hier und
der Sklave Klaudius werden forgen,
daß es ihm an nichts Nötigem fehle.
Du kannst dir dort auf der Gallerie
ein Lager bereiten," wandte er sich
leise an den alten Diener.
Dieser nickte beistimmend.
Mehrere Personen waren am Ein
gange des Stalles erschienen. Unter
ihnen erkannte Paulus den jungen
I Herodes Agrippa und an ferner Sei
te den blassen kleinen Knaben, den er
auf der Straße gesehen. Dieser kam
jetzt, von Neugier getrieben, in den
Stall gesprungen und musterte vor
witzig die Gesichter der Anwesenden.
„Wer ist dieses Ungeheuer von ei
nem Kinde?" fragte Paulus leise.
„Der Sohn des Germanikus Ca
far," antwortete der Lanista. „Er ver
spricht nichts Gutes. Kein Wunder
übrigens, denn er ist von früh bis
spät bei den Soldaten, deren wüste
Sitten er schon nachahmt."
Inzwischen hatte der kleine Kajus,
trotz der Warnung des Lygdus, sich in
die Nähe des großen Pferdes gewagt.
„Ah, das ist das große Pferd!" rief
er, vor Luft tanzend und springend.
„Aber wo ist der Mann, der es bestei
gen soll?"
Niemand antwortete.
„Du bist es!" rief er plötzW, auf
Paulus zeigend. Keck pflanzte er sich
vor ihm hin und schaute ihm altklug
ins Gesicht, wie um die Wirkung sei
ner Worte zu beobachten. „Weißt du
schon, wie es dir ergehen wird? Zuerst
wird es dich abwerfen, dann wird es
auf dir tanzen und schließlich dich zwi
schen seinen Zähnen zermalmen. Was
sagst du dazu?"
Paulus hatte sich abgewandt und
würdigte ihn keiner Antwort.
„Ach, du fürchtest dich, nicht wahr?"
fuhr das schreckliche Kind sort. „Ich
werde auch im Zirkus zusehen und
dich keine Sekunde aus den Augen
verlieren. Das wird herrlich sein!"
Und er klatschte in die Hände und lief
wieder zu dem Pferde, in dessen Um
zäunung er für fein Leben gern ein
getreten wäre.
Lygdus warnte abermals.
„Mögen dir die Augen ausfallen,
du Satan, ehe sie solches schauen!"
brummte der alte Philipp zwischen
den Zähnen.
Unterdessen hatte der Sklave Lyg
dus seine Zeit noch zu etwas andern
benutzt. Er hatte beobachtet, wie bei
der brüsken Bewegung des jungen
Ritters ein kleiner, weißer Gegenstand
auf die Erde gerollt war, ohne daß
fein Besitzer noch fönst jemand es be
merkt hatte. Lygdus glaubte den In
halt der kleinen Kapsel zu erraten.
ie zuerst mit dem Fuße bedeckend,
nahm er einen geeigneten Augenblick
wahr, sie aufzuheben und zu sich zu
stecken.
Der kleine Cajus hatte indessen sei
nem Herzenswunsche nicht widerstehen
können. Er war in den Verschlag ge
treten, und durch seinen Ungehorsam
noch dreister gemacht, trat er dem ge
fürchteten Tiere nahe genug, um fei
nen Schweif zu berühren.
Lygdus war besorgt an die Türe
der Umzäunung getreten und rief den
Prinzen vergebens zurück.
„Schönes Pferd, großes Pferd, gu
tes Pferd!" sagte dieser voll Bewun
derung, den langen Schweif mit weit
ausgestreckter Hand streichelnd.
Eine Minute lang fchien der wilde
ejanus diese Liebkosung wohlgefäl
lig hinzunehmen. Aber auch nur eine
Minute lang. Denn jetzt warf er mit
wildem Satze und fremdartigem
Wiehern die Hinterbeine in die Luft,
wie um sich des lästigen Bewunderers
Zu erwehren, und ehe dem Unheil
vorzubeugen war lag der verächt
liche eohn eines vortrefflichen Vaters
mit Blut übeygoffen an der Erde,
winselnd und heulend wie irgend ein
anderer kleiner Erdensohn unter ähn
lichen Umständen, und in größter Ge
fahr, noch vor unferm Freunde Pau
lus von den Hufen des gereizten Tie
res zerstampft zu werden.
Aber schon hatte Lygdus ihn aus
der Umzäunung herausgezogen. Der
Huf schlag hatte ihn mitten ins Gesicht
getroffen, mit um so größerer Gewalt,
da er eben aus nächster Nähe gegeben
war. Stinte, Augen und Nase waren
kaum zu erkennen. Lygdus und Thel
lus trugen den Knaben von dannen
und kehrten bald mit der Nachricht
zurück, daß das Nasenbein nicht, wie
sie angenommen hatten, zerschmettert
war, und der Schaden nur mehr äu
ßerlich sei.
«Die Götter haben ein Einsehen
gehabt," hatte der alte Philipp wäh
rend ihrer Abwesenheit zu feinem
jungen Herrn gesagt, „dieses kleine
cheusal zu strafen, das sich an dei
nem Verderben weiden wollte. Ich
hoffe, er ist für sein Leben gezeich
net."
„Gelassen, Freund!" beschwichtigte
Paulus. „Ich möchte dir übrigens die
Salbe des Charikles anvertrauen.
Du bereitest dir dort oben ein Lager
und verlässest es keinen Augenblick ...
Doch wo ist die Salbe? Charikles
ist nach Rom berufen worden es ist
daher unmöglich, frische zu beschas
fen."
Das Suchen der beiden Männer
war vergebens.
Drittes Kapitel
Ter für die Kampffpiele des Zirkus
bestimmte Tage war angebrochen. Der
Vormittag war glühend heiß gewesen
jetzt aber, wo die Sonne sich schon ih
rem Untergänge zuneigte, war eine
angenehme, belebende Kühle eingetre
ten.
Die weiten Reihen des improvi
sierten Amphitheaters waren schon
.: »ftniwwwn' ?»««chMMWMBW^W»WW»W
24. April'
stundenlang bme Beginn der Schau»
spiele angefüllt. Kopf reihte sich an:
Kopf, bis auf die höchsten Sitze. Es
hätte heißen können:
„Und Reih' an Reih' gedrängt Men,'
Es brechen fast der Bühne Stützen
Der Roma Völker wartend da."
Viele der Zuschauer, die auf den
Sitzen nicht mehr Platz gefunden, hat
ten sich an dem offnen Eingänge des
Gebäudes angesammelt. Die Häuser
und Pächtereien der ganzen Umgegend
waren verödet was es im Haufe und
auf dem Felde zu bewachen gab, war
der Obhut von Kindern anvertraut.
In der Mitte des rundlichen Ge
bäudes erhob sich auf einem Vor
fprimge eine Tribüne für den Kaiser
und feinen Hof, von einem purpur
farbenen seidenen Zeltdache über
spannt den Hintergrund bildeten
fdxittige, blätterreiche Bäume, welche
dem ganzen Bilde ein ungemein
freundliches Ausfehen gaben. Zu bei
den Seiten der kaiserlichen Loge be
fanden sich mehrere mit Purpur- und
Scharlachtuch belegte Sitze, auf denen
die ersten Damen Roms ihre Reize
entfalteten. Hier saß auch eine Grup
pe von drei Personen, die der Sklave
Klaudius bediente es waren Enejus
Piso, Herodes Agrippa und der kleine
Cajus.
Diesem letztern müssen wir einige
Worte widmen. Er war hier trotz des
strengen ärztlichen Verbotes. Man
hatte sich genötigt gesehen, seinen
Wutanfällen nachzugeben und ihn un
ter der Obhut des Klaudius den Spie
Ien beiwohnen zu lassen. Auch sollte
der Sklave dem Kinde als Dolmetscher
dienen, da von Zuschauen keine Rede
war, fondern nur von Zuhören. Der
größere Teil des Kopfes und des Ge
sichtes verschwand unter dichten Ver
bänden, die kaum den Mund freilie
ßen. Man denke sich die liebenswür
dige Gemütsstimmung dieses Kindes^
das nur seine gänzliche Abhängigkeit
im Zaume hielt.
„Merkt Euch nur, Enejus Piso,.
und du, Herodes Agrippa, ihr seid zit
nichts andern hier, als um meine Au
gen zu fein. Die Gotter mögen euch,
verderben, wenn ihr mir nicht alles
aufs genaueste erzählt! Ist das Pferd
fchon herausgeführt wordett?" fragte
er in schrillem Tone.
(Fortsetzung folgt)
Et« Prielter Üirbt
(Fortsetzung von Seite 2)
dauern," unterbricht ein SS-General
die Verhandlung, „warum ist der Be
fehl des Gauleiters noch nicht vollzo
gen? Der Vollzug ist sofort zu mel
den!"
Ein Verteidiger ist nicht bestellt
worden, das Gericht Braucht keinen
meyr, das Urteil steht sowieso fest.
Alle, auch die Angeklagten hören, wie
draußen die Stadt beschossen wird.
Zwanzig Kilometer vor der Stadt
steht die Freiheit.
Zu einer formalen Abstimmung
beim Urteilsspruch kommt es nicht.
Die Richter nicken nur das „Schul
dig". Nur ein Nicken, nur ein Waf
feln mit dem Kopfe, und bald sinken
Männer in die Grube.
Die Hinrichtung
Noch muß der Reichs-Verteidi
gungskommissar das Urteil unter
schreiben. Er erhält es um ein Uhr
nachts ohne Urteilsbegründung über
reicht. Eine Urteilsbegründung ist für
ihn unwesentlich, der Tod hat es eilig.
Man ist gewöhnt, schnell eine Unter
schrift zu geben, wenn Menschenleben
zu vernichten sind. Ja, Regensburg
soll einen Schock bekommen, wenn es
morgens aufsteht.
Noch in der Nacht wird der Dom
prediger aus seiner Zelle geholt.
„Marsch, los!" dröhnt es über den
Gang. Die anderen Häftlinge ahnen,
was geschieht. Vor Morgengrauen
wird die Hinrichtung durch den
Strang auf öffentlichem Platz vollzo
gen. Der Tomprediger Dr. Johannes
Maier und fein Mitangeklagter, der
Lagerarbeiter Zirkl, gehen zu gleicher
Stunde in den Tod. Vor den Toren
der Stadt aber steht die Freiheit. Als
sie wenige Stunden fpäter einzieht,
hängen noch zwei Leichen an den La
ternenpfähle
t.
So starb der Domprediger von Re
gensburg. „Sein Mund ist zwar ver
stummt," kündet eine Gedenktafel,
„aber seine Tat und fein Tod wer
den weiterleben, genau so wie die
Opfer vieler anderer tapferer und
aufrechter Frauen und Männer."
Die Sühne
Nach drei Jahren Zeitverlust fand
ein Mord feine Sühne. Das Gericht
verurteilte den ehemaligen Gauleiter
von Bayreuth Ruckdeschel zu acht Iah
ren, den Landgerichtsdirektor Schwarz
zu fünf Jahren, sechs Monaten, den
Oberstaatsanwalt Then zu vier Jah
ren und den ehemaligen Kreisleiter
von Regensburg Weigert zu achtzehn
Monaten Zuchthaus. Kann dies wirk
lich eine Sühne sein?
Dr. P.

o n a i e S u z

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