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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, May 08, 1948, Ausgabe der 'Wanderer', Image 4

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kuropmtche Vilsnz
Bon Observator
Ter Schweizer Monats
fchrift .Ter Turmwart' ent
nehmen wir den nachstehenden
Artikel, der zeigt, wie sehr die
nachdenklichen Kreise Europas
beunruhigt sind und wie ge
nau sie die Ursache der heuti
gen Bedrohung Europas er
kennen die verhängnisvolle
Teutschland-Politik der West
mächte, wie sie durch die Na
men Motgentbau und Vansit
tart gekennzeichnet ist.
Ter Osten bat die (Grenzen seines
Aufmarsches abgesteckt und den Eiser
nen Vorhang davorgezogen: Oder
Neisze-Moldau-Tonau-' Save^Adria.
Von dem, was dahinter vorgeht, hö
ren wir nur die der Welt seit zwanzig
Jahren wohlbekannten, je nach der
politischen Weltlage aus Tur oder
Moll abgestimmten einseitigen Zweck
nachrichteil. Tas aggressive „Proleta
rier aller Länder, vereinigt euch" der
ersten zehn Jahre des integralen bol
fchewistischen Staates ist verhallt. An
die Stelle dieses Hilfsschreies eines
noch unsichtbaren Gebildes sind nach
einander eine ganze Reihe anderer
Losungen getreten, seit dem Sowjet
Reich durch seine Ausnahme in den
Völkerbund offiziell die Legalität zu»
gesprochen und die Sicherheit gegeben
wurde, das die kapitalistische Welt
nicht willens war. es anzugreifen und
auszutilgen. Im Gegenteil, ihm wur
de in vielen Anleihen und Warenkre
diten die kapitalistische Unterstützung
zuteil, in der Hoffnung. das gefähr
liche proletarische Ungeheuer durch
Zufuhr von Geld und anderer Hilfe
im Aufbau seiner eigenen Industrie
selbst zu einem kapitalistischen Staat,
zu ihresgleichen zu machen.
Ter integrale Bolschewismus ist
mit Lenin und Trotzki zu Grabe ge
tragen worden: ails ihrer Asche aber
erwuchs kein kapitalistischer Staat.
An seine Stelle trat der sich auf die
russischen Wurzeln seiner Volkskraft
'besinnende und stützende, mehr und
mehr nationalistisch werdende Sowjet
Staat. Leninistische Toktrin wurde
mit alten bodenständigen Einrichtun
gen klug und 6 Ii tot verbunden, und
mit ungeheurer Gewalt wurden die
Schritte nach vorwärts getan, zu de
nen die kapitalistische, sich selbst de
mokratisch nennende Welt dem Sow
jet-Staat die Wege nicht nur geebnet
hatte, sondern sogar vielfach baute.
Warum? Weil die Lenker dieses Staa
tes es verstanden hatten, zur rechten
Zeit im richtigen Tonfall in die da
mals über Europa tönende Sympho
nie des „securite securite!" einzu
stimmen. Sie ernteten damals so gro
s en Beifall, das selbst der zu diesem
ttest neuartig im Frack erscheinende
Abgesandte Moskaus, Litwinow, ein
erstauntes Gesicht über so viel Ehr
machte, und auch die zaristischen Per
lenkolliers am Halse seiner Gattin die
in die Augen springende Eigenartig
feit der Situation nicht zu überblen
den vermochten.
Im Schutze dieser Beifall klatschen
den Temokratien mir einige we
nige hielten sich auch weiterhin in miß
trauischer Entfernung ging der
Aufbau und die Umformung im Osten
mit Riesenschritten weiter. In die rus
sisch-nationalistischen Töne mischte sich
bald die panslawistische Hirtenflöte,
langsam entwickelte sich ein ganzes
eigenes Orchester, in dem der kommil
nistisch-bolschewistische Kontrapunkt
nach und nach in den Hintergrund trat
und durch den nationalistisch-imperia
listischen Grundbaf in der Orchester*
führung abgelöst wurde. Wohlge
merkt: abgelöst in der Führung des
Orchesters, nicht ans dem Orchester
vertrieben. Jeder, der hören will, kann
hören, was er will: der Kapitalist, der
Kommunist, der Temokrat, der Jmpe
rialist jeglicher kann bei gutem
Willen seine Stimme hören. Und da
auf der heutigen Welt ein Wort eine
besondere Wirkung hat, tönt es nun
in Posaunentönen von drüben „De
mokratie, Demokratie.'", daß man
meinen könnte, der Eiserne Vorhang
müßte zusammenstürzen. Aber er
stürzt nicht, er ist im Gegenteil der
Resonanzboden des östlichen Orche
Iters. Er dröhnt und gibt den Posau
nentönen ihren eigentlichen Eharak
ter. Er beherrscht das Konzert die
Menschen sehen ihn, sie fühlen ihn, sie
erschauern vor ihm und denken doch
kaum an die Szene, die sich da vor-
Die weltberühmte St. Bene
dict-Wundsalbe
Erprobtes Heilmittel gegen alle
Arten von alten und frischen 38im
den, Geschwüren, Gewächsen, Biß
wunden, Karbunkeln usw. Bitte Geld
nur durch Post Money Order zu schik
ken. Keine Stamps. Sechzig (60)
Cent« die Schachtel Bei
). L. STAAB
mm Tdirrinr Am»
bereitet und in der eine Rolle zu spie
len auch ihnen zugedacht ist. Sie der
gessen, daß es im Wesen dieses östli
chen Schauspiels liegt, die Szene ins
Parkett und aus die Tribünen bis in
den höchsten Olymp hinauf übergrei
sen, und sie schließlich zum Tribunal
werde»! zu lassen.
Was steht nun eigentlich hinter dem
Vorbang? Ter Kominunismus? Ter
Bolschewismus? Rußland? Asien?
Tie Steppe? Es ist gleichgültig, wie
man es nennen will. Name ist Schall
und Rauch vielleicht ist man berech
tigt, das Zitat weiterzuführen
„vernebelnd Himmelsglut". Ist es
Himmelsglut? Wenn man die Welt
lage übersieht, möchte man zu diesem
Schluß kommen wobei es jedem frei
steht, darin ein höheres Schicksalswal
ten oder ein Produkt aus des Teufels
Garküche zu sehen. Jedenfalls ist das,
was sich hinter Oder, Tonau inii)
Save zusammenbraut, der Untergang
des Abendlandes, die Vernichtung und
Auszehrung dessen, was man bisher
als Europa bezeichnete, nämlich der
Grundlage und Heimat jener Kultur
und Zivilisation, die Heute die Welt
beherrscht und ihr das Gepräge gege
ben Hat auf das nicht nur ein einzel
nes Volk, sondern die Gesamtheit der
weißen Rasse seien sich einzelne
Völker dieser zivilisatorischen Gemein
schaft auch feindlich gesinnt stolz
ist, und die ihre Lebensgrundlage so
wohl in geistig-seelischer als auch in
körperlich-stofflicher Beziehung bedeu
tet.
Wissen das die Menschen? Glauben
es die Völker? Sie haben den Lauf
des Geschickes gesehen an Estland,
Lettland, sie sehen den gleichen Pro
zes heute in Polen, Finnland, Un
garn, Rumänien, Bulgarien. Jugo
slawien. Albanien und der Tschecho
Slowakei: die gleiche Erscheinung ent
wickelt sich mit langsamer Gewalt in
Ost-Teutschland. bereitet sich in Oe
sterreich vor, und wird in Griechen
land und in der Türkei, in den arabi
scken Ländern und im Iran nur durch
die Einschüchterung seitens einer au
genblicklich. noch stärkeren Macht müh
sam gehindert. Aber Meie Gegenge
walt kommt von der anderen Seite
der Erde und ist nicht Europa. Sie
setzt sich nicht ein, um Europa zu
schützen und zu bewahren. Sie berei
tet das amerikanische Jahrhundert
vor. Sie braucht die südlichen Zipfel
Europas nur, um auf ihnen den Zu
gang zu den Pipelines der arabischen
Oelfelder zu sichern, deren Besitz die
Voraussetzung jedes Macht- und Füh
rungsanspruches in der modernen
Welt bleibt, so lange die Technik noch
nicht in der Sage ist, die Ergebnisse
der kernphysikalischen Forschung der
allgemeinen Mechanik fraglos dienst
bar zu machen.
England schaltet als Machtfaktor
aus dem Welttheater mehr und mehr
aus. Seine weltpolitische Lage ist be
kannt. Es hat „zu herrschen verlernt",
es hat seinen Reichtum verspielt, es
hat nicht nur seine Macht, sondern
auch die Grundlagen seiner Macht
selbst zerstört. Seine Politik ist einem
Phantom nachgejagt, das vor hundert
Jahren noch eine Realität war. vor
siebzig Jahren, zur Zeit des Berliner
Kongresses, aber schon nebulös wur
de. Tiesem Phantom des europäischen
Gleichgewichtes «hat es 1914-18 die
Unbestrittenheit seiner Weltmacht, und
1939-45 seine Macht und Kraft über
Haupt zum Opfer gebracht, und offen
bar auch den Willen verloren, seine
Macht und seine Herrschaft zu erhal
ten.
Carl Peters schätzte vor dem ersten
Weltkriege das in den Ver. Staaten
investierte englische Kapital An
leihen, Jndustriebeteiligungen, Lie
genschaften und sonstigen Besitz auf
rund fünfzig Milliarden Tollar, was
etwa zwei Tritteln des damaligen ge*
samten Nationalvermögens Teutsch
lands entsprach. Er sah in dieser Ver
schuldung der Ver. Staaten an Eng
land ein Faktum, das nur durch rie
sen hafte, unberechenbare Ereignisse
von weltweiter Wirkung verändert
oder aus der Welt geschasst werden
könnte. Tiese Ereignisse sind eingetre
ten. Sie konnten von England nicht
nur nicht verhindert werden, sondern
wurden von ihm zu einem guten Teil
selbst herbeigeführt. Tenn es ist welt
geschichtliche Tatsache, daß England
sowohl 1914 als auch 1939 den Krieg
erklärt hat, also auf eigenen Entschluß
in den Krieg eingetreten ist. Ob dies
mit Recht oder Unrecht geschah, soll
hier nicht erörtert werden. Fest steht
jedenfalls, daß die englische Politik in
beiden Fällen falsch, weil erfolglos
gehandelt hat. Sie hat nicht das Mög
liche erreicht, sondern Macht und Kraft
des Empires verdorben. Was hat es
heute? Sein Reich geht ihm Stück um
Stück verloren, wie an Indien, Ae
gypten, Kanada und seinen Stütz
punkten am Mittelmeer zu sehen ist.
Es ist rettungslos verschuldet, nicht
nur an Amerika, sondern ebenso in
Indien, Aegypten und feinen Domi
nien. Seine Guthaben in Amerika,
einschließlich aller Aktien und aller
Liegenschaften, ist in den Jahren
1939-45 restlos in amerikanische
Hand überführt worden, auf Groß
britanniens Besitzungen in der „west
lichen Hemisphäre" haben die Ver.
ig,* Staaten in Gestalt von militärischen
OHIO WAI8KNFREUXI»
Wenn wir in diesem Zusammen
hange auf Europa blicken, so ist die
„deutsche Gefahr" zwar gebannt, aber
nun steht eine andere, die östliche Ge
fahr, mit ihren weltweiten Hilssmit
teilt aus zwei Kontinenten vor Eng
lands Toren. Sie wurde von England
selbst dabin geführt. Jetzt aber ruft
es zur europäischen Vereinigung, zur
Rettung der abendländischen Kultur
auf. Jetzt sollen die Ver. Staaten von
Euro gebildet werden, jetzt, nach
dem die Hälfte Europas, darunter die
Hälfte der europäischen Mitte, hinter
dem Eisernen Vorhang des östlichen
Molochs verschwunden ist, und die an
dere Hälfte des Abendlandes mirhse»
Itg nach Lnft schnappt und nicht mehr
fähig ist. die Bundesgenossen der öst
lichen Gefahr, nämlich die eigenen
Kommunisten, abzuschütteln, deren
Hand nach den Gurgeln und Lebens
strängen der übrig gebliebenen Vol
ker greift.
Tie englische Politik war falsch.
Staatsmänner müssen voraussehen
und die Folgen ihrer Handlungen de
rechnen können, sonst sind sie nicht,
was sie sein wollen und sein sollen.
Wenn Lord Vansittart öffentlich er
klärt, daß er während seiner langen
Dienstzeit als Staatssekretär für eu
ropäische Angelegenheiten jeden Vor
schlag znr Bildung eines einheitlichen
Europas abgelehnt babe, weil keiner
von ihnen die englischen Belange
wahrte, so heißt das, daß eine Eini
gung Europas wenigstens bis dahin
nicht im englischen Interesse gelegen
hat. Tas ist ein wenig rühmliches
Zeugnis für eine konstruktive Europa
Politik Englands in den Jahren zwi
schen den beiden Weltkriegen.
Tas Gewicht eines geeinten euro
päischen Kontinents war nach engli
cher Auffassung für das britische Reich
untragbar. Es hat dabei übersehen,
daß Europa nur ein kleines Anhäng
sel des riesenhaften asiatischen Konti
nentes ist, der, wenn die Völker des
Ostens einmal erwachen sollen, über»
schwemmt und mit Leichtigkeit in biß
östliche Windzone einbezogen werden
könnte wenn es eben nicht eine ein
heitliche Macht, eine einheitliche Wirt
schaft, eine einheitliche Geistigkeit aus
sich heraus hervorzubringen imstande
wäre. Tiese Einheitlichkeit verhindert
zu haben, ist in erster Linie Schuld
der englischen Europa-Politik, vom
Hundertjährigen Kriege angefangen
über den Siebenjährigen Krieg bis zu
den beiden Weltkriegen unseres Zeit
alters.
Die Kltrzsichtigkeit, ja Blindheit bei
englischen Politik ist während der letzt«
vergangenen Kriege besonders erkenn
bar geworden. Ter „Grand Olk
Man" Englands, Lord Baldwin,
stellte vor etwa zehn Jahren das Po*
stulat auf, daß die englische Grenze
am Rhein liege. Warum am Rhein,
dem hochgelobten Strome im Zen
trum europäischer Kultur und GeM
tung? War es nicht wieder eine
Kampfansage an eine erneut aufstei
gende Macht, die unermüdlich aus das
hingewiesen hat, was aus dem Osten
kommen kann, kommen muß, kommen
wird? England hat diese Kraft nicht
genützt, hat weder eine, europäische
Einigung gefördert noch sich in eine
europäische Konstruktion eingebaut.
England hat nur verhindert. Es hat
schließlich diese Kraft zerschlagen und
feine Grenzen nicht nur bis an den
Rhein, sondern bis an die Elbe vor
geschoben. Es hat das Bollwerk, das
England und sein Empire vor dem
Osten schützte, selbst und mit Hilfe
Amerikas zertrümmert und zu einem
öden Kampfglacis gemacht. Es hat
seine Grenze vorverlegt nach mittel
alterlichem Muster in ein ausgebrann
tes Gebiet, aus dem ihm keine Hilfe
kommen kann. Es steht nun dem
neuen und doch ewig alten Bedroher,
dem Weltenstürzer, dem östlichen An
tichrist unmittelbar, Auge in Auge ge
genüber, nur getrennt von ihm durch
hundert oder zweihundert Meter Was
ser. Ter Geist dieser östlichen Gefahr
aber ist längst hinübergeweht über die
se seichte Trennungslinie, wirkt im be
setzten Teutschland wie in Frankreich,
in Belgien und Holland, und nicht
zuletzt in Amerika und England selbst.
Und nun bietet sich uns ein groteskes
Schauspiel: Tas großmächtige Eng
land sitzt auf den öden Trümmern sei
iter letzten Kraftäußerung vor dem Ei
sernen Vorhang wie das Kaninchen
vor der Schlange und wartet, daß es
verschlungen werde. Und mit ihm und
hinter ihm sitzen die noch übrigen eu
ropäischen Staaten und tun dasselbe.
Tas ist die einzige seelische Verbun
denheit, die sich Englands Politik im
Europa von heute geschaffen hat. Und
der überraschende Vorstoß des alten
Churchill rust nach nichts anderem als
einem einigen Europa unter Frank
reichs Führung (wohlgemerkt nicht
Englands!), nach dem alten Fest
landsdegen einer vergangenen, genau
so zertrümmerten Zeit, wie Deutsch
land heute zertrümmert ist.
Das heißt nichts anderes, als neuen
Weitt in alte Schläuche gießen: wieder
einmal eine europäische Macht, besser
noch eine Vielzahl von Mächten gegen
die Uebergrohmacht im Osten aufzuru-
Stützpunkten die Hand gelegt. Sie fen zum Schutze Englands. Aber es
sind als Faktoren der britischen Macht
verloren, wenn sie mich verwalturW
rnäßig zum Empire gehören.
gibt keine europäischen Mächte mehr.
Ten Mächten, die imstande gewesen
wären, diesen Kampf zu bestehen .,
sind durch die Bombenteppiche die
Lungen zerrissen, und durch die Un
Wahrscheinlichkeiten des Waffenstill
standes die Hände abgehackt worden.
Tie übrigen vorhandenen Mächte
klein oder groß wären zu diesem
Unternehmen nie in der Lage gewe
sen lind haben die Gefahr, die für
Europa vom Osten heraufzog, nicht
als Gefahr gewertet. Tenn Teutfch
land lag ja als Schutzwall davor.
Tann aber hat mmi Teutschland zer
schlagen. Tie meisten -der kleinen
Mächte stehen heute als beachtenswer
tes Potential in dK- vordersten Linie
der feindlichen östlichen Uebergroß
macht, die übrigen zumeist kämpfen
einen aussichtslos scheinenden Kampf
gegen den Kommunismus in ihren
igenett Grenzen. Tiefes restliche, west
liche Europa, diesmal England einge
schlossen, sieht sich deiz von Rußland
aufgebotenen Kräften machtlos gegen
über, machtlos und von inneren
Krämpfen geschüttelt.
Taß diese Gefahr 1939 und früher
nicht erkannt wurde, ist tragisch, denn
Europa wurde darüber zum Trüm
merhansen daß sie 1945 nicht erkannt
und aus den damals schon offen zu
tage tretenden Folgert großer Irrtü
mer keine entscheidenden Folgerungen
gezogen wurden, das ist ein Trauer
spiel, dessen Höhepunkt nun aber
bedeutsam und verhängnisvoll für die
ganze Welt sich unaufhaltsam nä
hert.
Wissen das die Menschen? Glauben
es die Völker?
Wir wollen diese anfangs gestellte
Frage wiederholen, obwohl wir sie
nur negativ beantworten können. Tie
Menschen wissen es, die Völker glan
ben es. Aber sie leugnen ihr Wissen,
sie verleugnen den Glauben. Sie ste
hen vor der weithin sichtbaren, aber
unbegreiflichen Gewalt der nahenden
Apokalypse wie die Menschen des Kar
Tterals von Florenz vor der Pest. Sie
wissen, daß das Unheil sich nähert,
aber sie reden sich und andern ein, daß
es nicht so sei, obwohl ihnen die Sen
che schon in den Häusern sitzt obwohl
die Adern der heutigen Zivilisation,
Handel und Verkehr, erstarren, die
Inflation an jeder Währung nagt,
Arbeit und Produktion aber, die Zei
chen der Lebensfülle menschlicher Ge
meinschaft, im Vorfeld des heraufzie
henden Unheils zu blutlosen Kulissen,
zu einem widersinnigen Als-Ob wer
den. Ten titer Reitern wird der Weg
geebnet.
Ha» religiöse Erbr her
Hnflattt-Btiültbtn
überall wo's Herrgott*
le hu set, do kann noch allwil
a Schwäble sein Plätzle han"
(Rohrer, Jnsp.-Komm.
Wien, 1804).
Im 17. und 18. Jahrhundert war
das Reisen noch ein Privileg, und nur
die reichsten Magnaten und Kaufleute
konnten sich dies leisten. Es hat schon
einen ungeheuren Entschluß und Wa
gemut gefordert von unseren damali
ge» Auswanderern, sich zu Fuß oder
auf der Achse oder auch auf einer Ul
mer Schachtel in die weite Welt des
üdoftens zu wagen. Sie hatten aber
ein kindliches Gottvertrauen, womit
sie den Wanderstab in die Hand nah
men, den Tonau-Strom entlang wan
derten in die ungewisse Ferne, in die
unsichere Zukunft. Dieses kindliche
Gottvertrauen, welches in unserem
obigen Leitsatz aufgezeichnet wurde,
hat dem damaligen Auswanderer die
neue Heimat fin'den und schaffen und
auch bewahren geholfen. Mit diesem
kindlichen Gottvertrauen sind deutsche
Leute vor einigen Menschenaltern nach
dem Südosten gezogen und damit sind
sie auch heute noch in das alte Mut
terland zurückgekehrt.
Von den verschiedenen deutschen
Gruppen des Südostens spreche ich
diesmal nur über die Ungarn-Teut
schen. Tiefer Begriff entstand nach
dem ersten Weltkrieg, als die große
Tonau-Monarchie in fünf Nachfolge
staaten zerfiel. Es wird darunter das
Deutschtum des T.rianoner Rumps
Ungarns verstanden. Ohne die Sied
lungsgebiete der Ungarn-Teutschen
aufzählen zu wollen, möchte ich die
drei geschichtlichen Gruppen der Un
garn-Deutschen erwähnen.
1. Im Jahre 794 schlug Karl der
Große die Avaren vernichtend. Zur
Sicherung der Südost-Grenze seines
Reiches siedelte er bayerische Stämme
um das Gebiet des Neusiedler Sees
an und schus dadurch die fränkische
Ostmark. Später wurde dieses Gebiet
als das' Burgenland bezeichnet. Der
größere Teil des Burgenlandes wur
de nach dem ersten Weltkrieg Oester
reich angeschlossen. Ein fleiner Teil
verblieb' mit Oedenburg bei Ungarn,
ebenso.ein Teil des Heidebodens nord
östlich des Neusiedler Sees bis zur
Schüttinsel der Donau. Die Einwoh
ner des ersten Gebietes sind die Heint
zen, welche wir heute um Marburg in
Hessen und in ganz Norh-Baden zer­
*. V ••, Wi
v-
streut wiederfinden. Die Bewohner
des Heidebodens, die sogenannten
Heidebauern, wurden in den Land
kreisen Nord-Bädens und Nord
Württembergs untergebracht, lieber
elfhundert Jahre haben sie ihre hei
matliche Scholle bebaut und mit Blut
verteidigt, dennoch mußten sie nun an
geblich „repatriiert" werden.
2. Die zweite Gruppe des Deutsch
turns in Ungarn sind die Erbauer der
meisten ungarischen Städte. Schon
König Stephan der Herlige rief an
fangs des elften Jahrhunderts dent
sche Handwerker und Handelsleute
nach Ungarn. Tie Zuwanderung dau
erte alle Jahrhunderte hindurch. Tie
se Gewerbe- und Handeltreibenden sie
delten fast ausschließlich in Städten
un'd wurden zu den Städte-Erbauern
Ungarns. Nur einige Städte der Tief
eben haben rein ungarischen Ursprung
und sind während der hundertund
fünfzigjährigen türkischen Besetzung
entstanden. Ter erwachende ungarische
Nationalismus des neunzehnten
Jahrhunderts hat dieses Städte
Deutschtum fast restlos aufgesogen.
Nur zwei Städte Ungarns, Oeden
bürg und Fünfkirchen, konnten ihr
Deutschtum teilweise bis in die jüng
ste Zeit erhalten. Auch diese Reste sind
nun nach Teutschland „repatriiert".
3. Tie dritte und größte Gruppe
des Ungarn-Teutschtums, deren be
dauernswerte Vertreter wir allenthal
ben in ganz Teutschland, heute sogar
schon in der Ostzone wiederfinden,
stammt aus der neuzeitlichen Koloni
sation nach dem Türkenkriege vom
Ende des siebzehnten Jahrhunderts
bis Ende des achtzehnten Jahrhun
derts. Vom ersten kaiserlichen und kö
niglichen Jnpopulationspatent 1689
an ergoß sich der große Schwabenzug
von Ulm ausgehend die Tonau ent
lang in das von den Türken verwü
stete Ungarnland, wie es der spätere
Heimatdichter Adam Müller-Gutten*
brunn in seiner Trilogie Beschrieben
hat. Tie kaiserlichen Patente, aber
auch die meisten von Magnaten er
lassenen Werbezettel enthalten die Be
dingitng, daß „alleinig röm.-fath.
Teutsche Familien" anzusiedeln sind.
Es wurden auch sofort besondere Pri
vilegien für die mitgehenden katholi
schen Seelsorger und Lehrer bestimmt.
o ist es erklärlich, daß der überwie
gende Teil der Ungarn-Deutschen ka
tholisch ist.
Das Schicksal der Kolonisten war
kein leichtes. Not und Drangsal er
warteten sie und mit diesen mußte um
die neue Heimat gerungen werden.
Aus dieser Zeit stammt das fliegende
Wort: Tie erste Generation hat die
Not, die zweite den Tod und erst die
dritte das Brot. Eine einzige Stütze
hatte der Ungarn-Teutsche, seinen
Glauben und sein festes Gottver
trauen. Aus der Wildnis schuf der
Ungarn-Teutsche ein Kulturland, lie
ber die wirtschaftlichen Erfolge will
ich hier nicht sprechen. Doch ich kann
ohne weiteres behaupten, daß die An
grisse gegen die Ungarn-Deutschen
vonseiten der Magyaren nicht zuletzt
darauf zurückzuführen sind, weil sie
so ein tüchtiges, fleißiges Volk waren
und dadurch für das Staatsvolk man
cherorts eine existentielle Gefahr be
deuteten. Ihr sittlicher Stand war den
Magyaren oft hoch überlegen. Wäh
rend-bei letzteren das Ein- und Zwei
kindersystem vorherrschte, war bei den
Ungarn-Teutschen noch immer eine
große Kinderfreudrgkeit zu verzeich
nen.
Die Religiosität, welche der Un
garn-Dentsche im Herzen trug, brach
te er bei seinen Siedlungen zum Aus
druck. Kaum waren die Siedlungs
häuser fertig, wurde anschließend
gleich die Kirche gebaut. Der Grund
herr gab das Material, die weitere
Arbeit wurde vom Volk in Gemein
schaftsarbeit geleistet. Wenn der
schlanke Turm der Kirche nun die
neuen Siedlungen überragte und die
Kirche die ganze Gemeinde als Pfarr
fomilte in sich aufnehmen konnte,
fühlte man sich erst zuhause, empfand
man die neue Umgebung als Heimat,
und sobald die ersten Toten in das
Grab mit kirchlichem Segen hinabge
lassen wurden, war man mit der
neuen Heimat verwurzelt. Tie Weg
kreuzungen bekamen ihre Feldkreuze,
auf den Hügeln, von Linden umschat
tet, wurden Kreuzwege errichtet, die
schönsten Haine erhielten ein Kapell
chen oder wenigstens ein religiöses
Standbild. So bekam das ganze, wei
te, neubesiedelte Land sein katholisches
Gepräge.
Wie der Ungarn-Teutsche seine Kir
che erbaute, so schmückte er sie auch
aus. Die einzelnen Familien wettei
ferten darin oft und stifteten die Al
täre, Bilder, Statuen, farbige Fen
ster, Paramente usw. Aber auch das
eigene Heint blieb im religiösen
Schmuck nicht zurück. Der Herrgotts
winkel ist etwas Selbstverständliches,
und Heiligenbilder sind sehr oft an
gebracht. Es ist nicht alles Kunst ge
wesen, was der Ungarn-Deutsche an
religiöser Darstellung in sein Heim
und in die Kirche brachte, aber alles
spiegelte seinen kindlichen Glauben
wider, und so darf man die wenigen
Ueberreste, die er gerettet hat, nicht
glattweg ckls Kitsch verurteilen. Ein
kindlich gläubiges Herz hängt daran
und fühlt sich durch diese Heiligenbil­
'.....* ,, ,.*
der und Devotionalien angereggt.
Wenn eine Erziehung zur Kunst ein
setzen will, muß sie sich unbedingt vor
Augen halten, daß diese HerzenK
srörnrnigkeit, diese stimmungsvolle
Religion den Ungarn-Teutschen alle
Drangsale hindurch bewahrt und ihm
die innere Kraft gegeben hat.
Der Keim zum religiösen LebM
wurde schon in der Familie gelegt. Es
ist etwas Selbstverständliches, daß das
Kleinkind beim gemeinsamen Gebet
schon die Hände falten muß und datm
allmählich das Vaterunser, das Mb
grüßet seist du Maria und den Entz
tischen Gruß erlernt.
Das genteinsame Familienge^
wurde bis in die jüngste Zeit hinekl
eifrig gepflegt. Höchstens die Fami
lien in jenen Ortschaften bildeten da
eine Ausnahme, welche in der Nähe
der Hauptstadt Budapest oder in In
dustriegebieten lagen. Die Mutter
waltete im Heim wie eine Priesterin.
Sie leitet mit Groß und .Mein der
Familie das Gebet, teilt Weihwasser
aus, spricht die Segnungen usw. Zum
gemeinsamen Familiengebet gehören
der Rosenkranz, die Litaneien, daS.
Abendgebet. Bei Gewitter versammelt
sich die Familie zum lauten Gebet,
damit Haue, Hof und Felder vom
Blitz- und Hagelschlag verschont blei
ben. Kranke werden mit gemeinsamem
Gebet getröstet, innerlich gestärkt, die
Sterbenden ebenfalls mit gemeinsa
mem Gebet in die Ewigkeit hinüber
geleitet. Die Totenwache an der Bah
re macht das Hans für Tag und Nacht
durch das gemeinsame Gebet zur Ktt
pelle.
Der Kirchenbesuch ist traditionell
geregelt. An einem Sonn- oder Feier
tag feiert in einer ungarn-deutschen
Gemeinde buchstäblich alles. Der hält«
fige Sakramentenempfang hat sich
mehr auf die Frauenwelt beschränkt.
Die Männer gehen meistens nur zur
Csterbeichte, ältere Jahrgänge auch zu
Weihnachten. Im allgemeinen erschei
nen die Männer im religiösen Lebe»
ziemlich inaktiv, werden sie aber alt«
geleitet, machen fie getreu und fiel»
feig mit.
Tie Religion ist den Ungarn-Der
schen keine Wissenschast. Sie grübe!»
nicht nach. In der Schule lernten sie
ihren Katechismus und die Biblische
Geschichte, worauf sich ihr ganzes spä
teres religiöses Leben aufbaut. Im
Winter wird die Familienbibel, die
Heiligenlegende und nicht selten der
©offine hervorgesucht und laut borge-'
lesen. Außer dem, was sie nicht vom
Seelsorger hören, haben sie keine wei
tere religiöse Fortbildung.
Mit seinen großen Anliegen pilgert
der Ungarn-Deutsche auch über große
Entfernungen hin zu einem Gnaden
ort, um Erhörung zu finden. Hajo6
Mariagyüd, Mariakemend im Süden,
Maria Einsiedel bei Gödöllö, Piliß
zentkereßt und Bodajk im Mittelge
biet, weiterhin Kahling und Frauen
kirchen in West-Ungarn sind die 6$»
farmtesten und beliebtesten Wajfc
fahrtsorte der Ungarn-Deutsche»
Wenn irgendwer .ein ganz grofeeS
Anliegen hatte, so pilgerte er nach
Mariazell in der Steiermark, ja so
gar nach Maria Einsiedel in der
Schweiz. Lour des sah.häufig,uAgqrn
deutsche Pilger.
Sehr lebendig ist die Heiligenver
ehrung: voran steht die Muttergot
tes, U. L. Frau das Haus ist dem
hl. Florian anempfohlen, das Bich
beschützt der hl. Wendelin, in vielen
kleinen Nöten muß der hl. Antonius
Helsen, bei Fantilienschwierigkeiien
wird die hl. Mutter Anna herangezo
gen, bei langwährenden Krankheiten
der hl. Apostel Thaddäus, und bei
sonstigen Anliegen werden die hl.
Vierzehn Nothelfer angerufen.
Auch in kleinsten Dingen des all
täglichen Lebens äußert sich die tiefe
Gottverbundenheit. Mit dem Kreuz
zeichen im Namen der Allerheiligsten
Dreifaltigkeit wird das Brot in den
Backofen getan, ebenso wird der Brot
laub angeschnitten, mit dem gleiche»
Zeichen der erste Ernteschnitt getan.
Tiefe Bräuche allerdings bringen
auch schon die Gefahr des Aberglau
bens mit sich. Ein verstauchter Fuß
wird mit den hl'sten Namen in den
Wickel getan, ebenso werden Warzen
abgebunden. Es läßt sich oft schwer
beurteilen, wo der rechte Glaube auf
hört und der Aberglaube ansängt.
Auch die Gesundbeterei für Mensch
und Vieh ist bei den Ungarn-Deut
sche« zuhause.
Ein Wort über die Priester. Die
Ungarn-Teutschen stehen heute fast
ohne eigene Seelsorge da. Dies darf
uns aber nicht zu einem Trugschluß
verleiten. Ans den Rethen dieser
Volksgruppe sind immer genügend
Priester hervorgegangen, sie reichten
häufig auch für magyarische Pfar
reien. Es hat eigenartige Gründe,
welche hier Nicht zu berühren find,
warum die Ungarn-Deutschen heute in
Deutschland ohne eigene Priester da
stehen. Wie der Ungarn-Deutsche selbst
gott« und naturverbunden ist, so ist es
auch sein Seelsorger, der noch dazu
sich die innigste Volksverbundenheit
bewahrt hat. Zu großen Opfern für
seine Priester war der Ungarn-Deut
sche nie gezwungen. Die Benefizien
bestanden im Grundbesitz, und dicier
sicherte das Etnkommen des Seelsor
gers. Dieser Umstanh bedeute^
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