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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, January 01, 1949, Ausgabe der 'Wanderer', Image 3

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H. Jaivoar
&S&
&&*
i
hannelis Weihnacht
Ko» Elfe Baumgart»er
Ein fturmtoilder später Winter
abend ist es, kurz vor Weihnachten.
Wie dicke weiße Polster lagern die
Schneemassen vor den hohen Fenstern.
Die elektrischen Bogenlampen in den
Straßen schaukeln hin und her flak
fcntb tanzt ihr Schein über die der
ßhneiten Wege. Mit großen und klei
nen Paketen beladen, huschen dunkle
Schatten durch die Straßen. Frierende
Menschen eilen, vom Sturm vorwärts
gejagt, schutzsuchend ihren Wohnungen
zu.
In Hannelis Vaterhaus aber ist es
mollig warm. Große Bukenknoben
glühen und knistern im altmodischen
Kamin. Traute Behaglichkeit erfüllt
ben Raum, darin Vater und Kind eng
aneinandergeschmiegt dem Feuer zu
schauen. Vor ihnen liegt Hektar, der
Jagdhund, lang ausgestreckt und stößt
hie und da sein wohliges Grunzen
aus.
In dieser Zeit sind der Vater und
sein kleines Mädeli abends immer bei
fammen. Hanneli darf dem Vater nun
immer bis vors Gartentor entgegen
jvufen, denn er kommt erst am Abend
mit dem Zuge aus der Stadt, wo er
ein wichtiges Amt hat. Dann beginnt
für Klein-Hanneli eigentlich erst der
Itcig. Sie darf ihre Abendsuppe im
großen Eßzimmer mit dem Vater ein
Pehmen, wo die vielen Hirschgeweihe
hängen, und sitzt neben ihm am schön
gedeckten Tisch. Aber erst beim Nach
•tisch, auf den sich das Hanneli schon
den ganzen Tag freut, geht die Ge
mütlichkeit so richtig an. Der Vater
nimmt dann einen großen rotbackigen
Apfel und schält mit einem feinen Sil
Oermesserchen eine Riesenschlange von
6er Frucht und ist das Werk, dem man
Mit großer Spannung zuschaut, be
Kndet, dann jubeln beide übermütig
auf und es geht weiter. Kleine zierli
che Scheiben werden geschnitten und
Hanneli steckt sie abwechselnd dem Va
fer und sich in den Mund. Bei diesem
gegenseitigen Füttern wird dann, al
les erdenklich Nötige, Liebe aber
.Manchmal auch recht Unliebe zwischen
üen beiden Kameraden ausgetauscht.
Daß sie sich gegenseitig unendlich
Hebhaben, wird überhaupt und selbst
verständlich zunächst immer wieder mit
einer zärtlichen Umarmung festgestellt.
Wie ein Bächlein plätschern dann die
Erzählungen des Kindes über sein Er
leben am Tage. Da, wo der Vater
flicht so ganz, ganz sicher ist, ob alles
in korrekter Ordnung und Artigkeit
abgegangen ist, stellt er in liebevollem
Hone seine kleinen Gewissensfragen.
Und ehrlich und wahrheitsgetreu, mit
fcern klaren Blick der großen Guck
äugen gibt das Kind dann Auskunft.
Wenn auch manchmal so purpurrot im
Besicht wie die röteste Stelle im rosa
fleisch
des zum Schmause bereiteten
pfels. Daß sie mit den wilden Buben
ohne Strümpfe und Schuh im Schnee
gewatet, daß das neue Kleidchen
ganz von selber schwarze Flecken be
Bommen von der Heidelbeerkonfitüre.
Daß man, o wie rot wird da das
Hanneli! heimlich ein Bücherpaket
jBuf Vaters Schreibtisch geöffnet, um
zu sehen, ob nicht vielleicht etwas vom
Christkindli dabei sei Das alles
mußte der Vater natürlich wissen.
Sein ernstes klares Verbot aber tour*
de vom Hannelt niemals übertreten,
das wußte er. Und nie, niemals hatte
pe ihm eine Unart, die sie begangen,
verschwiegen. Auch das wußte er ge
nau. So konnte er, der vielbeschäftig
te Mann an diesen Weihnachtsvor
abenden, die er seinem einsamen Kin*
ie widmet, aus Hannelis Seelchen
herausfragen, was ihm wichtig
Der Wintersturm tobt ums Haus
und rüttelt an Fenstern und Türen.
Heftor fährt auf und spitzt die Oh
ren. Noch enger kuschelt sich Hannelt
an den Vater, der neue Buchenscheite
ins Kamin wirst, wo sie lustig auf
prasseln.
Sinnend schaut Klein-Hanneli in
die Flammen. Es- ist schweigsamer
heute als sonst —und immer wieder
fucht das Auge des Vaters in die
Seele des Kindes zu dringen.
Hanneli hatte heute den ganzen
Tag mit den wilden Buben herum
getollt, war dann' mit ihnen in ihr
Häuschen eingekehrt und hatte bei
Franzlis Mutter, der Moosbäuerin,
wundervolle Schmalzküchlein zu ko
tzen bekommen. Dann hatte sie mit
angesehen, wie die Bäuerin ihren
braunen Buben um seines zerrissenen
Hösleins willen kräftig bei den Oh
ten
nahm, und schließlich hatte sie der
Karli an der Hand genommen und
ih sein armseliges Hüttlein geführt,
wo seine blasse, kranke Mutter, die
Flickmarie, dem Hanneli Puppenflik-
T,
V
"»I
ken und zuckersüße Lebkuchen gab.
Und hinterher hatte sie ein ganz zar
tes, liebes Streicheln von Karlis
Mutter bekommen— das aber war
noch viel, viel süßer als alle süßen
Sachen zusammen...
„Hanneli!" sagt der Vater jetzt und
hebt das Köpfchen des Kindes sanft
zu sich empor.
„Sag' mal, Vati," beginnt das
Kind stockend, „warst du denn ctgent
lich immer schon auch mein Mutti?"
Der Vater steht auf, nimmt sein
Mädeli auf den Arm und trägt es
»vor das Bild der Mutter. Nun galt
es, die Frage zu beantworten, die er
eigentlich längst schon erwartet hat
te: „I, denk' nur, Hannelt. der glei
che Gottesengel, der dein Seelchen
hier zur Erde getragen, der Hat dein
junges Mütterchen an die Hand ge
nommen und in den großen, wunder
schönen Himmelsgarten zum lieben
Gott geführt."
„Warum denn, Vati?"
Ja, danach dürfe man nicht fra
gen, sagt der Vater, denn was Gott
tut, geschieht aus lauter Liebe zu
uns. Aber alle Vatis, deren Kinder
kein Mutti mehr haben, die find dann
eben Vater und Mutter zugleich.
„Ach so," sagt Hanneli nur und
nickt dazu wichtig mit dem Kopfe,
wobei die kürzen dicken Schwänzchen
mit den roten Maschen an den Ohren
sich munter auf und ab bewegen. Es
verstand gerade so viel, daß es einen
doppelt guten und lieben und ihm
ganz besonders angehörenden Vater
besaß. Es liebt ihn womöglich noch
zärtlicher, umarmt ihn noch ungestü
mer, läuft ihm abends noch unge
duldiger durch den Schnee bis zur
Gartenpforte entgegen.
Aber wenn es tagsüber allein ist,
muß Hanneli immer wieder daran
denken, wie schön es wäre, wenn es
nur einmal, ein einziges Mal
vielleicht nur am Heiligen Abend ein
Mutti bei sich hätte.
„Vati," fragt an einem der näch
sten Abende das Hanneli schüchtern,
„können wir denn kein neues Mutti
zum Christkindlitag kaufen?"
„Nein, Hanneli," sagt der Vater
sehr ernst, „ich kann dir kein Mutti
kaufen, das dich so lieb hätte wie
deins, das der liebe Gott zu sich ge
nommen hat.
„Aber kannst du auch keins kaufen,
das wenigstens dich so lieb hat?"
sucht das Kind mit dem Vater zu
handeln.
„Ich kann auch keins kaufen, das
mich so lieb hat wie dein Mutti, Han
neli," sagt der Vater bewegt und wen
det sich rasch ab.
Heute darf das Hanneli besonders
lang beim Vater bleiben. Die alte
treue Martha war schon längst mit
ihren humpelnden Schritten ein- und
ausgegangen und hatte den Tisch für
den nächsten Morgen gerichtet. Han
neli wird heute vom Vater ms Bett
gebracht und plaudert wieder von an
deren Dingen: wie es alle Nacht das
Christkindli mit einem feinen, feinen
Silberglöckchen vom Himmel schwe
ben sehe wie blle Sterne so wun
dersarn hell am Nachthimmel leuchte
ten —, und ein Sternlein, ein ganz,
ganz Helles, klares, das lasse gewiß
das tote Mutti aus dem Himmels
garten auf den Vati und sein Hanne
Ii herunterleuchten.
Und selig plaudert sich das Kind in
den Schlaf, währen der Vater an
seinem Weißen Gitterbettchen sitzt und
das warme Kinderhändlein festhält
ganz ruhig und fest, bis die Wor
te immer abgebrochener von dem rast
losen Plaudermäulchen fließen und
ruhige, gesunde Atemzüge ihm an
künden, daß sein Kind in das Traum
land eingezogen, wo es dem Christ
kindlein begegnet und seinem Mutti,
das es nie gekannt und nach dem es
sich von Tag zu Tag mehr sehnt.
Hierauf geht der große, ernste
Mann in sein dunkles Arbeitszim
mer, um den Sturm in seinem In
nertt austoben zu lassen.
Hell itttb jubelnd lauten die Glok
ken das Christkind ein. Hanneli darf
dem Vater heute bis zum Bahnhof
entgegengehen, denn heute kommt er
schon um einige Stunden früher
heim. Mit roten Backen, fest in das
warme Mäntelchen gehüllt, steht sie
am Stationsgebäude und schaut un
geduldig dem einfahrenden Zuge ent
gegen. Ein paariyal hatte Hanneli
heute» schon an der verschlossenen Tür
des großen Zimmers gerüttelt, aus
dem ein so lieblicher, geheimnisvoller
Dust zu strömen schien. Ja, auch
durch das Schlüsselloch hat man zu
sehen versucht, weil die Zeit heute
gar so langsam dahinschlich. Alles
das aber würde man dem Vati sagen,
der dafür sein fernes, verständnisvol
les Lächeln haben würde.
Da kam er gerade, mit rätselhaf­
ten Paketen beladen, die endloses
Fragen heraufbeschworen. Jubelnd
springt Hanneli an des Vaters Hand
durch den Schnee. Es dämmert und
aus der Ferne grüßen vereinzelte
Lichter den Heimwärtsschreitenden
entgegen. Auch Hannelis Heim ist
erleuchtet.
„Vati, sahst du nicht, wie gerade
das Christkindli durch unser Fenster
flog und einen großen, großen Weih
nachtsbaum mit leuchtendem Silber
kugeln im Arm hielt? Wie unser
Mutti auf dem Bilde sah es aus,"
fügt das Kind hinzu. „Ob wohl der
liebe Gott unser Mutti heute zu
uns schickt, damit es uns viele schöne
Sachen aus dem Himmelsgarten
bringt?" Unaufhörlich plaudert das
erwartungsvolle Kind, ahnungslos,
wie es den Schmerz schürt fit der
Seele des geliebten Vaters.
Mit strahlenden Augen spielt Halt
neli unter dem Weihnachtsbaum
die Kerzen sind fast am Verlöschen.
Still hat der Vater dem Spiel des
Kindes zugeschaut, seine Gedanken
tauchen in die Vergangenheit. Mit
ten unterm Spiel schaut Hanneli zu
ihrem Kameraden auf wie trau
rig der Vater heute aussieht. Er ist
einsamer als sonst Hanneli muß
doch nun für die neuen Puppenkin
der sorgen. Aber nun springt sie zu
ihm, schmiegt sich zärtlich an ihn:
„Komm, Vati, jetzt bringen wir
unsere Kinder ins Bett und dann
schälen wir uns einen Apfel."
Und Vati kniet mit Hanneli am
Boden und tut alles, alles, was es
begehrt, damit es nur ja nicht daran
denke, daß es kein Mutti hat
Die Frühglocken hatten zum Ge
bet geläutet. Die Sterne am Him
mel waren erblaßt und leise Däm
merung lag über dem Christntorgen,
da erwacht der Vater davon, daß sich
etwas Weiches, Warmes sanft an sei
ne Wange schmiegt. Jmt langen, wei
ßen Nachthemdchen steht Hanneli an
seinem Bett.
„Vati," sagt das Kind glückstrah
lend und neigt das Köpfchen leicht zur
Seite „Vati, wenn ich groß bin,
dann werd' ich dein Mutti."
Und es war, wie wenn bei diesen
unschuldigen Worten die ersten reinen
Strahlen künftigen Weibtums das
junge Haupt umflossen.
Friedhofsgedanken am
letzten Tage des Jahres
Einen sah ich um den andern
Wandern fort aus dieser Welt,
Einen folgen um den andern
Nach der Reih', die Gott bestellt.
OHIO-WAISENFREUND
Familienkreis
Dem, der weinet, jammert, klaget.
Traurig blickt dem ander nach,
Folgen bald auch Blick und Tränen
Stilles Sehnen, lautes Ach.
Das sind die ernsten Gedanken, die
einem kommen, geht man in den letz
ten Tagen des Jahres über den still
gewordenen Friedhof. Wenn auf den
Wegen die Spuren der Räder, die da
die Toten trugen, und die Spuren
der Füße, welche die Toten begleiteten
oder die Gräber in Liebe wieder auf
suchten, zurückgeblieben wären, es
würde einem vorkommen, als sei eine
große Armee hier durchgewandert.
Die Begräbnisse selbst sind so verschie
den gewesen, manche mit viel Pomp
und ganzen Wagen von Kränzen, an
dere ganz einfach, einige still, von
wenigen, vielleicht niemandem beglei
tet, andere, bei denen die Weisen der
Hornmusik über den Kirchhof schall
ten und Gewehrsalven in die Gräber
knallten.
Des einen Grab, obgleich er schon
viele Monate gestorben, liegt noch
verlassen da und niemand von den
Verwandten und Bekannten hat so
viel Interesse für den Toten, vielleicht
auch nicht so viel erspart gehabt, ein
Blümchen drauf pflanzen zu lassen
aus anderen Gräbern steht schon lange
ein schöner Stein oder ein einfaches
Kreuz und die schön gepflanzte An
läge gibt Kunde von häufigem und
liebevollem Besuch.
In wie vielen Arten und Formen
hat der Tod in dem verflossenen Jah
re die Seinigen auf den Kirchhof ge
bracht! Den einen als kaum gebore
nes Kind, den andern als lebensmü
den Greis, den einen im kräftigsten
Mannesalter plötzlich durch ein Un
glück, einen Schlagfluß, den andern
in den vielversprechenden Jugendjah
ren nach langem schmerzlichen Siech
tum Vater und Mutter, beweint von
ihren Kindern, Kinder, beklagt von
ihren Eltern, deren Stütze sie waren
in alten Tagen, Männer, die arme
Witwen und Waisen zurückließen.
Mm-,
Vertraue dem Sterne
Ein Neujahrs- und Eplphaniaslied
v o n a a e e u
Keine Zeit hat die Zeit Zeiger
fliegt!
Nacht will zum knospenden Licht!
Tag will zu Tag Jahr zu Jahr,
Seele, fürchte dich nicht!
Ziehe mit dem Jahr den Weg, den es
mag,
Spann deine Segel und nütz deinen
Tag
Keine Zeit hat die Zeit der Zeiger
fliegt!
Träumst du rückwärts den Steg,
Siehst du ans Gräber: Weh liegt bei
Weh,
Auch Hofnung verschneite am Weg.
Eins nur flammt jenjseits vergängli
cher Zeit,
Wach-starke Seele, zum Lieben bereit.
Lieben, Lieben ist Glück!
Keine Zeit hat die Zeit der Zeiger
fliegt!
Geheimnis umwittert das Jahr
O Seele, durch nebelnde Winternacht,
Tappt nicht ein Lichtlein dir klar?
Seele, und siehst du den schweislgen
Stern?
Drei Könige ziehen zum Kind, ihrem
Herrn
Glauben, Glauben ist Glück!
Und siehe: Die eilende Zeit hat Zeit,
Neigt sich zum Heiland und spricht:
„Ich komme aus Gottes Ewigkeit,
Seele, fürchte dich nicht!
Ich trag dir den Stern der Sterne
voran,
Vertrag ihm und folg' ihm! Hinauf
geht die Bahn
Sei stark! Sei froh! Sei bereit!"
Frauen, die. der Familie Ernährer
und Schützer verloren. Gute Men
schen hat man hierher gebracht, bei
denen man sich schmerzlich fragt: Wa
rum, o Gott, hast Du das getan?
-y Nun ist der Mutter Freude tu
diesem Kinde für immer dahin und
der vortreffliche Mann, der so viel
Gutes getan, wer soll ihn ersetzen?
Ob auch Böse kanten, wird dec Richter
do oben wissen, wir können nur wün
schen, es möge, wenn sie es im Leben
gewesen, vor dem Tode Gottes Liebe
und Barmherzigkeit ihnen zuteil ge
worden sein.
Und welchen Wechsel hat der Fried
hcs selbst in diesem Jahre wieder er
fahren Im Januar einige Zeit mit
dem Leichentuche des weißen Schnees
bedeckt, schien er noch starrer dazulie
gen, aber auch noch friedlicher als
sein Zweck ihn schon erscheinen läßt.
Tann das erste Locken der Robins,
ien Frühling zu kün5 n, das erste
Hervorlugen der grüner.. Blatter im
Äpril, dann Rose, Lilie und Nelke
im limugen Flor. Dann wieder ein
allmähliches Hinsterben, eine merk
würdige, melancholisch stimmende
Färbung des Laubes an Baum und
Strauch, nun der Herbstwind und da?
Wirbeln der dürren Blätter, zuletzt
Allerheiligen mit viel Kränzen und
viel Menschen, und dann allmählich
eine große Stille, Weihnachtsfriede,
Weihnachtsruhe rings umher.
Und wie wird jetzt am Schluß des
Jahres der Wert der einzelnen Men
schen, die man hier in den zwölf Mo
naten begraben, geschätzt? Vielleicht
nach der Größe der Denkmäler oder
der Kostbarkeit ihres Gesteins, viel
leicht nach den Titeln, die man unter
den Namen noch auf die Marmor
platte geschrieben? Ich glaube
kaum, denn wenn vielleicht mehr
Leute an solchen Steinen stehen blei
ben, als bei einem einfachen Kreuz,
dann ist es eben mehr das neugierige
Interesse an dem Stein oder an der
Marmor- und Bronzefigur, seltener
ein lebendiges Interesse an dem, der
da unter dem Steine ruht. Da muß
er schon weit über das Gewöhnliche
hinausgeragt und einen allgemein be
kannten Namen getragen haben..
Aber hat man denn keinen Maß
stab zur Beurteilung des Wertes de
rer, die hier schlafen? Wohl, und der
Maßstab ist, wie viel sie von Gottes
liebe in sich aufgenommen und nach
ihrem Stande und Berufe und Ver
mögen. Da kommen vielleicht manche
mit den herrlichsten Denkmälern zu
kurz. Aber die arme Frau, die eine
Reihe von Kindern unter Sorgen und
Not, mit Gebet und gutem Beispiele
aufgezogen, der Vater, von dem die
Kinder sagen können, sein Lebens-
Vi,
wcmdel ist das Beste, was er uns
hinterließ, die guten Seelen bei Reich
und Amt, deren Herz losgeschält von
Habsucht und Ehrfurcht und Sinnen
lust, dem Edlen und Guten sich zuge
wandt, die barmherzigen Schwestern,
die den Kranken und Armen dienten,
die guten Kinder, die mit ihrer Hände
Arbeit für die alten Eltern in Liebe
sorgten die Gräber dieser scheinen
mir jetzt die Hülle derjenigen einzu
schließen, die auch für die Welt am
wertvollsten waren. Man könnte sa
gen, das ist Geschmacksache: mag sein,
aber wenn es wahr ist, daß der Mensch
sich selbst am besten erkennen kann,
wenn er sich fragt, was er am mei
sten liebt, dann kommen bei dieser
Schätzung die Genannten sicher nicht
zu kurz.
Aber noch ein anderer Gedankt
legt sich für uns am letzten Tage des
Jahres auf dem Friedhof nahe:
Diesem hat die Stund' geschlagen
Bald erschallt des Führers Ton,
Und ich ziehe mit den andern
Von den anderen davon.
Es zerfällt auch deine Hütte,
Das beweglich leichte Zelt,
Und die Händ' sie abzubrechen.
Sind zum Werke schon bestellt.
Willst du zagen, willst du weilen?
Willst du ohne Kampf die Krön'
Willst's als Sünder besser haben
Als der ew'ge Gottessohn?
Nicht wahr, wie wird e§~imS im
neuen Jahre ergehen? „Heute mir,
und morgen dir," und ant Friedhofs
tor steht geschrieben: „Wanderer, be
te für die, die int Grabe hier ru
hen im Frieden, denke der eilenden
Zeit, bald ruhest im Grabe auch du."
Dem einen oder dem andern
Freund schicken wir am 1. Januar
1949 keine Glückwunschkarte mehr,
wie im vorigen Jahre, er ist eben un
ter den Toten. Ob nicht unsere Freun
de im nächsten Jahre vielleicht die
^arte auch für unsere Adresse sparen
iönnen? Wer kann's wissen? Doch,
da wir nicht den Tag noch die Stun
de kennen, wann der Herr kommt,
wollen wir uns in unserem Denken,
Reden, Tun und Lassen immer recht
nahe bei Gott halten, wollen durch
Gebet und Sakramentenempfang un
sere Seele mit übernatürlichen Kräf
ten versehen, daß sie auf dem Wege
zum ewigen Ziele nicht wanke.
Aber indem wir noch einmal den
Blick auf die Gräber und Kreuze wer
fen und dabei die Frage an die Toten
richten: Auf welchem Wege seid ihr
hierhergekommen, und sie alle ant
worten durch Leid und Schmerz und
Kreuz, so wollen auch wir sagen: Da
zu bin ich auch bereit: Ertrage, ent
sage! Weltüberwindung und Selbst
verleugnung, warnte Gottes- und
Nächstenliebe, sei das Losungswort
fürs neue Jahr!
Neujahrsspuk
Bon Fritz Müller-Partenkirchen
In München war einmal der Win
ter aus der Weife mild. Bis ins
Weihnachtsfest hinein blieb's auf den
Baugerüsten spring-lebendig. Dann,
um eine Mittagsstunde, biß ein sol
cher Wolfsfrost durch den ungedeckten
Neubau, daß die Maurer holterpol
ter alles stehen und liegen ließen.
Auch einen Balken. Den entdeckten
um Sylvester sechs Studenten. Stu
denten waren damals noch verpflich
tet, den Neujahrstag anzuulken. Ein
getriebene Zylinder waren alter
Schnee. Ausgehängte Türen gleich
falls. Abgerissene und vertauj'fte Na
mensschilder lohnte kaum i:jr ein
Lächeln. Und alle diese alten Witze
hatten das eine gemeinsam: Kam die
Polizei dahinter, gab es Strafbefeh
le.- kam sie nicht dahinter, gab es
keine. Die Kunst war, eines mit dem
anderen so zu kombinieren, daß man
trotz Dahinterkommens keinen Straf
befehl erlassen konnte.
„Machen wir," sagten die sechs,
nachdem sie eine Weile vor dem lo
seit Balken gestanden und scharf nach
gedacht hatten, „hoolup!", lupften,
schulterten den Balken auf j: chs
Schultern und marschierten los. Fei
erlich durch eine Straße, Feierlicher
durch die zweite.
„Halt!" sprang aus der dritten ein
behender Schutzmann.
Gehorsamst, festgebannt im Raunte
stand der Balken. Taktfest hoben sich
und senkten sich vor Ort die zwölf
Studenten beute, derweil der Schutz
mann brüllte: „Was tun Sie da!"
«Wir tragen," sagten die Sechs
mit Grabesstimme.
„Was tragen Sie
„Wir tragen einen Balken." be
harrte man tiefernst.
„Wohin tragen Sie den Balten?!"
»Wir tragen den Balken spazie
ren," erscholl es voll und mild.
„Ha! Spazieren! Einen Balken
spazieren! Ihnen wird man's zeige»
mitgegangen!"
Der Balken wanderte im Räume
wagrecht, unter ihm im Takte senk
recht auf und ab zwölf Berne, vor
ihm wütend der Gendarm.
Wachtlokal. Gelangweilt drin ein
Leutnant. Auf geht die Türe. Herein
mit Zubehör der Balken. Der Schutz
mann rapportiert. „Schon gut" der
Leutnant, der ein Lächeln mühsam
sich verbeißt. „Meines Wissens ist das
Spazierentragen von Balken nicht
verboten die Herren können ge
hen."
Feierlich geht's wieder durch eine
Straße. Feierlicher durch eine zweite.
„Halt!" springt aus einer dritten
abermals ein Helm, „was tut Ste
da??"
„Wir tragen!"
„Was tragen Sie da?
„Wir tragen eine» Balken."
„Wohin tragen Sie den Balken?!"
„Wir tragen den Balken spa
zieren."
«Ha, spazieren auf die Wache!"
Ilm die Geschichte kürzer zu ma
chen, als der Balkan damals lang
war: Dent Leutnant ist in dieser Nacht
so ait die fünfmal jener Balken in
sein ödes Wachtlokal getragen wor
den. Beim sechstenmal schlug's ein
Viertel vor Mitternacht. Der Leut
nant nickte den alten Bekannten zu:
„Prosit, meine Herren, da wir uns
schon sechsmal kennenlernten, und da
zu die Bitte: Tragen Sie ^en Bal
ken mit dem alten Jahr zu Grabe
und mir aus den Augen, damit ich
Ihnen nicht aus Ihren Augen einen
Splitter (er wies aufs Protokollbuch)
ziehen müßte."
£tn
Hauspsalm
Bon Bischof Joh««» Mi
e S a i e
Selig ist das Haus, wo Gott aus
und eingeht, und wo der Hausvater
für Ihn ein Zimmer bereit hält.
In dem Hause ist's hell wie im
Himmel, wie Auserwählte gehen die
Leute darin herum.
Den^ Bösen, der hineintritt, über
fällt Schrecken, es ist ihm, als wenn
ihm jemand in die Seele schrie: Bleib
draus, da wohnt Gott!
Man ist gern in dem Hause, wo
Gott wohnt, denn wenn man die
Leute sieht, so sieht matt Ihn.
Fromm und gut, offen und herz
Itch wie Er, sind Seine Leute. Wie
der Kelch in der Kirche, so ruht der
Friede Gottes in ihren Herzen.
Heil und ordentlich wie in einer
sichten und aufgeräumten Stube, so
sieht's in einer solchen Seele aus:
wie die Strahlen der Sonne durchs
Fenster, so strahlt Gott in die Seele.
Sei unten oder oben im Hause
unten und oben ist Gott.
Wie die Kirche voll Weihrauch, wie
der Garten voll der Blumenblüte, to
voll von Gott ist das Haus.
Die Leute in der ganzen Stadt sind
gern in einem solchen Hause, wo man
nicht einmal das Böse nennt.
Man mag beten wollen oder gebetet
haben, allemal ist man gern um die
frommen Leute.
Laß noch fo viel Leute drin fein,
die Christen sind alle ein Haus wie
die Balken in der Stube, so hängen
ihre Seelen aneinander fest hat sie
Jesus Christus ineinander geklemmt.
Das Haus aber, wo der Teufel
wohnt, ist voll Finsternis und Ge
stank wie Mistställe so liegen die See
len drinnen.
Satan ladet auf und ladet ab wie
wenn er unter einen großen Regen
kommt, so läuft der fromme Mann
hinaus.
Aerger als draußen der Hund bellt,
bellt der Mann, und die Frau knauzt
wie die Katz'.
Man sieht in einen rauchenden
Klotz, wenn man in eine solche Seele
sieht wie Wagenschmiere das KlM»
so beschmutzen sie ihre Reden.
Eins fürchtet sich vor dem andtttt^
eins zankt mit dem andern, auf die
letzt fallen sie alle einander in die
Haare.
Wehe dem Hanse, wo der Teufel
aus und ein geht, und wo der Haus
vater ein Zimmer für ihn hält!

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