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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, December 10, 1949, Ausgabe der 'Wanderer', Image 4

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In den letzten Tagen waren in
London die Vertreter von etwa vier
zig Millionen Gewerkschaftsmit
glieder!! aus aller Herren Länder tier*
sammelt. Zweck der Tagung war vor
allein, eine Weltkonferenz der freien
Arbeiterschaft ins Leben zu rufen als
Gegengewicht gegen die von den Kom
munisten beherrschte World Federa
tion of Trade Unions, die fünfzig
Millionen Mitglieder beansprucht.
Es liegt auf der Hand, daß ein sol
cher Verband von großer Bedeutung
zu sein vermag in dem weltgeschichtli
chen Ringen zwischen Westen und
Osten. Aber auch hier zeigte sich die
von uns schon oft betonte Tatsache,
daß es in diesem Kampf keine klare
Demarkationslinie gibt, sondern daß
die weltanschauliche Scheidegrenze
zwischen Osten und Westen verwischt
oder wie der Rembrandt-Teutsche
Langbehn sagen würde „ver
schmiert" ist. Es geht eben in diesem
Kampf Millionen nicht um die Fra
ge: Christentum, christliche Weltan
schauung und Kultur oder gottlo
ser Kommunismus? Sondern um ei
ne Machtfrage, um ein politisches und
wirtschaftliches System ohne Rück
ficht auf christliche Fundamente und
Hintergründe. Tie Weltanschauung
von vielen Millionen, die sich im west
lichen Lager für „Demokratie" und
andere an sich lobenswerte Dinge ein
setzen, ist nicht im Christentum be
gründet, sondern im Liberalismus
oder Sozialismus oder in einem ver
waschenen Humanismus. Alle diese
find aber auf dem gleichen Holze des
Eäkularismus gewachsen, an dem
heute der Kommunismus hängt als
letzte Konsequenz der Abkehr vom
Naturgesetz und christlichen Sitten
gesetz.
Das trat schon klar in den Vor
dergrund bei den Vorbereitungen auf
den Londoner Kongreß. Diese Vorbe
reitungen lagen in den Händen der
britischen Gewerkschaften, deren
Mehrheit auf den Sozialismus einge
-schworen ist. Der Sozialismus ge
bärdet sich überall als der Hauptgeg
ner seines fehlgeschlagenen Spröß
lings, eben des Kommunismus, und
hat mit dieser Einstellung auf maß
gebende Kreise und einen starken
Flügel der „öffentlichen Meinung"
in Amerika einen tiefen Eindruck ge
macht. Die heute in England aus
schlaggebenden Sozialisten suchten
in dem geplanten antikommunisti
schen Weltbund dem Sozialismus ei
ne Monopolstellung zu sichern und
wurden darin von den unter star
kein sozialistischen Einfluß stehenden
Gewerkschaftsverbänden des Festlan
des rückhaltslos unterstützt.
So kam es, daß an die katholischen
Arbeiterverbände des Festlandes kei
ne Einladung zur Teilnahme an der
Londoner Konferenz erging. Wie sich
Hits
einer Londoner Korrespondenz
er N. A. ,Times' ergibt, scheint der
Borbereitungsausschuß auf dem We
ge des Kompromisses bereit gewesen
zu sein, katholischen Verbänden die
Teilnahme zu gestatten, vorausgesetzt,
es'würde kein Einwand erhoben von
seiten nationaler Gewerkschaftszen
tralen, mit denen normalerweise Be-
Ziehungen unterhalten wurden. Auf
dieser Basis gelang es den katholi
schen Arbeiterorganisationen Frank
reichs. sich Geltung zu verschaffen und
ihre Teilnahme durchzusetzeu. Dage
gen verhinderten die sozialistischen
Arbeiterzentralen in Belgien, den
Niederlanden, der Schweiz, Luxem
bürg und Dänemark eine Einladung
an die katholischen Verbände in die
sen Ländern, die eine Mitgliederzahl
von anderthalb Millionen haben.
Und dabei blieb es bis zur Eröff
nung der Londoner Besprechungen.
Tort aber erhoben katholische Vertre
ter aus Italien, wo die organisierte
katholische Arbeiterschaft ein gewichti
ges Wort mitzureden hat, Einspruch
und drohten mit ihrem Rücktritt,
wenn man die katholischen Verbände
ausschalte. Jetzt erst scheinen denVer
tretern der amerikanischen Arbeiter
verbände auf der Konferenz Feder
ation of Labor, C. I. O. und United
Mine Workers Bedenken aufgestie
gen zu sein. Man darf wohl anneh
nten, daß die amerikanischen Verbän
de über die Monate zurückreichenden
Winkelzüge des Einladungsausschus
ses unterrichtet waren, aber nichts da
gegen einzuwenden hatten. Jeden
falls würde das ihrer alten Politik
entsprochen haben. Vor Jahr und
Tag. als die A. F. L. der einzige
amerikanische Arbeiterverband war.
Achtung
Wir ersuchen unsere Leser,
»HS sofort Mitteilung z« ma
chen, falls Fehler im Name«
oder in der Adresse vorkommen
sollten. Für gefl. Mitwirkung
dankt bestens
i e e a k i
wurden hier nur die sozialdemokra
tischen Freien Gewerkschaften Deutsch
lands anerkannt, nicht aber die christ
lichen Gewerkschaften, die Mit
gliedskarte Freier Gewerkschaften er
öffnete ohne weiteres den Zugang zu
einer amerikanischen Union, während
die Mitgliedskarte der Christlichen
Gewerkschaften (denen Katholiken und
Protestanten angehörten) hier wert
los war. In der Nachkriegszeit fan
den bei der Neuorganisierung des Ge
werkschastswesens Arbeiterorganisa
tionen auf religiöser Grundlage bei
der amerikanischen Militärregierung
äußerst geringes Verständnis. Wir
haben Grund zur Annahme, daß Rev.
Higgins voll der N. C. W. C., der
auf Einladung der Besatzungsbehörde
letzten Sommer in Deutschland weil
te, in deren Sinn redete, als er, un
beirrt durch die Geschichte der deut
scheu Arbeiterbewegung und päpstli
che Entscheidungen, dem Katholiken
tag in Bochum das amerikanische
Vorbild unkonfessioneller Arbeiteror
ganisationen. empfahl.
Es lag darum vollständig auf der
Linie amerikanischer Anschauungen,
wenn sich die amerikanischen Arbeiter
führer in keiner Weise stießen an der
intoleranten und kurzsichtigen Hal
hing ihrer britischen Kollegen gegen
über den katholischen Arbeiterverbän
den. Als dann aber in London zuta
ge trat, wie widersinnig und bedenk
lich es ist, eine antikommunistische
Einheitsfront der Weltarbeiterschaft
unter Ausschluß der- festländischen
konfessionellen Gewerkschaften anzu
streben, und vor allem, als die Kom
inform die Lage propagandistisch aus
zubeuten begann, setzten die amerika
nifchen Arbeiterführer ihre alte Vor
eingenommenheit und Taktik beifeite
und traten dafür ein, daß auch die
vor den Kopf gestoßenen katholischen
Verbände in den neuen antikommu
nistischen Weltbund zugelassen wer
den. Sie erkannten, daß andernfalls
die geplante Einheitsfront Lücken
auf weifen würde, und daß außerdem
der neue Weltverband an der inne
ren. Schwäche einer sozialistischen
Mehrheit leiden würde. Die amerika
nischen Arbeiterführer, meldete un
term 28. November ein Berichterstat
ter der ,Times', „scheinen der Ansicht
zu sein, daß die katholischen Gewerk
schaften als entschiedene Gegner des
Kommunismus dem Verband angehö
ren sollen, und daß dieser es sich nicht
leisten kann, sich einzig auf den so
zialistischen Gewerkschaften in Euro
pa aufzubauen".
So kam es zu einer Ablehnung
der sozialistischen Pläne, die katholi
schen Gewerkschaften auszuschließen.
Aber der Beschluß, durch den die prak
tischen Folgerungen gezogen werden
s o e s e e i n u n e i e i
gendes Kompromiß dar, fo
sehr sich gewisse Kreise in Amerika
voraussichtlich bemühen werden, ihn
als Beweis aufrichtiger Toleranz und
weitschauender Politik anzupreisen.
Ter Beschluß sucht nämlich die Ka
tholiken zu beschwichtigen und gleich
zeitig die Sozialisten zu befriedigen.
Er bietet katholischen Gewerkschafts
zentralen die Möglichkeit, dem anti
kommunistischen Weltverband beizu
treten, stellt aber die Bedingung, daß
sie in diesem Fall innerhalb von zwei
a e n i e V e i n u n i k a
o i s e n e w e k s a s
zentralen lösen. Mit andern
Worten, der Kompromißbeschluß ist
nur eine Geste und würde, wenn er
von den katholischen Gewerkschaften
angenommen würde, die internatio
nale katholische Arbeiterbewegung
sprengen. Daß der Beschluß auch auf
amerikanischer Seite zum Teil in un
freundlicher Gesinnung oder doch
nur aus Opportunitätsgründen
angenommen wurde, ergibt sich aus
Aeußerungeu amerikanischer Vertre
ter, die von der ,Times' mitgeteilt
werden. So sagte einer von ihnen:
Es steht den katholischen Verbänden
frei, entweder dem neuen Verband
beizutreten oder bei ihren alten In
ternationalen zu verbleiben. „Wenn
sie aber draußen bleiben, dann ge
ben sie ihr Propaganda-Argument
preis, daß man sie ausgeschaltet
habe."
„A bt fiele Lieb und a bissele Treu,
und a bissele Falschheit ist alleweil
dabei." Tas gilt auch von dem neuen
Arbeiterweltbund, der sich diese Wo
che als International Confederation
of Free Trade Unions konstituiert
hat. Er hat ein recht umfassendes Or
ganisations- und Betätigungspro
grcimnt ausgestellt, das zweifellos
Keime ersprießlichen Wirkens ent
hält. Ob diese sprießen und Früchte
tragen werden, kann nur die Zukunft
lehren. Ihr Wachsen und Gedeihen
hängt 'vor allem ab von klareren
Rechtsgrundsätzen, als die sozialisti
schen Quertreibereien in London an
den Tag gebracht haben!
In einem russischen Uranbergwerk
in Sachsen (Johanngeorgenstadt) er
eignete sich eine Explosion, der viele
Menschen, meistens Deutsche, zum
Opfer fielen. Unbestätigte Zeitungs
meldungen sprechen von zweitausend
Toten, die ,Lüneburger Landeszei
tung' gar von siebenunddreißighun»
dert.
Unser Volk ist unzweifelhaft scht
selbstzufrieden und sich selbst genu
gend. Daher kümmert sich die Mehr
zahl unsrer Mitbürger wenig oder
gar nicht ums Ausland und dessen
Meinung über uns und unsere Poli
tik. Das überhebt die Presse der Ver
pflichtung, über die von der Regie
rung verfolgte Auslandpolitik viel
Aufhebens zu machen oder sich um das
Urteil der Auslandpresse zu kümmern.
Und doch wäre es recht wünschens
wert, wenn unser Volk erführe, wie
scharfblickende Männer aus anderen
Völkern über uns denken.
Die Luzerner Tageszeitung ,Das
Vaterland' besitzt in Robert Jngrim
einen gutunterrichteten, scharfsichtigen
Mitarbeiter, der sich sowohl auf dem
Gebiete der europäischen als auch der
Weltpolitik gut auskennt. Vor weni
gen Wochen nun veröffentlichte er im
vorhin genannten Blatt einen auf
schlußreichen Aufsatz, der die Super
Weisheit der Lenker unseres Schicksals
in ein merkwürdiges Licht rückt.
Wer Tomaten pflanzt, schreibt der
Schweizer, wäre erstaunt, wenn die
Stauden Johannisbeeren statt Toma
ten trügen wer aber eine Dummheit
begeht, wundert sich, wenn was Dum
mes daraus wird. Es ist der Fluch der
dummen Tat, daß sie fortzeugend
Dummes muß gebären. Das erleben
nun die großen Staatsmänner des
zweiten Weltkrieges. Im Jahre 1939
ließen sie sich mit dem Nationalsozia
listen Eduard Benesch ein, der sie so
fort an die Sowjet-Union verriet, und
im Februar 1948 rieben sie sich er
staunt die Augen, als die Tscheche!
endgültig verrußt wurde. Jetzt sind sie
entsetzt über den Fall von Mukden,
der die Verrussung der Mandschurei
besiegelt, aber int Jahre 1944 haben
sie Tschiang Kai-schek, den Staatschef
Chinas, gezwungen, mit Stalin einen
Vertrag abzuschließen, der den Verlust
der Mandschurei unvermeidbar mach
te.
Das ist ein trauriges Kapitel, aber
ein für Europa höchst bedeutsames,
und der europäische Zeitungslefer
sollte es sich endlich abgewöhnen, Be
richte über den Fernen Osten langwei
lig zu finden. Im ersten Weltkrieg
waren die Japaner die Bundesgenos
sen Groß-Britanniens, also mittelbar
auch Amerikas. Das war für beide
nützlich. Bald darauf zeigte sich aber
Amerika besorgt wegen des japcmi
sehen Tätigkeitsdranges. Im Jahre
1921 zwang Amerika die Engländer,
ihre Allianz mit Japan aufzugeben,
denn, so hieß es, Japan fühle sich da
durch gar zu sicher und ermutigt. Das
war die erste Dummheit, denn gerade
dank der Allianz war England im
stände gewesen, den japanischen Ehr
geiz zu mäßigen. Die Japaner be-:
trachteten von da an Amerika als ih
ren Feind.
Als Japan dann den Chinesen die
Mandschurei entriß, versuchte Ame
rika, alle Welt gegen den Angreiser
zu mobilisieren. Da aber die Ver.
Staaten selbst nicht bereit waren, we^
gen China Krieg zu führen, verlief
die Aktion im Sande, genau wie fpä
ter die von England angestiftete 33öl»,
kerbundsaktion gegen Mussolini we
gen Abessinien. Die Japaner voll,
brachten dann in der Mandschurei,
die sie Mandschukuo nannten, eine
großartige kolonisatorische Leistung.
Sie entwickelten das Gebiet, das so
groß ist wie Frankreich und Vor
kriegs-Teutschland, zum führenden
Industriestaat des asiatischen Festlan
des.
Die Antwort der Amerikaner war,
daß sie ihre Beziehungen zu China
ausbauten. Im zweiten Weltkrieg zö
gerte Japan sehr lange, bis es sich
entschloß, an Hitlers Seite zu kämp
fen. Roosevelt beschleunigte diesen
Entschluß, indem er den Japanern
klar machte, sie könnten die Freund
schast Amerikas nur durch die Räu
mung der Mandschurei erkaufen.
Im Jahre 1944, als es mit dem
Dritten Reich zu Ende ging, glaubten
die Generalstäbe Amerikas und Eng
lands, es werde furchtbar schwer sein,
auch Japan zu der bedingungslosen
Unterwerfung zu zwingen, auf die sich
Roosevelt und Churchill törichterwei
se versteift hatten. Besondere Angst
hatte man vor der Widerstandskraft
der japanischen Kwantung-Armee in
der Mandschurei. Also bat man Sta
lin, an dem Endkrieg gegen Japan
teilzunehmen. Stalin, wesentlich
schlauer, stellte seine Bedingungen.
Nicht zufrieden mit Sachalin, Nord
Korea und den Kurilischen Inseln
verlangte er auch Vorrechte in den
Häfen und auf den Bahnlinien der
Mandschurei, und unter amerikanisch
britischem Druck mußte Tschiang Kaw
schek das zugestehen. Ohnehin war es
die Aufgabe der Roten Armee, die
Mandschurei zu „befreien".
Das geschah dann kampflos, denn
die japanische Armee auf dem Fest
land konnte nicht weiterkämpfen, als
ihre Jnselheimat gefallen war. Die
Russen taten, was zu erwarten war:
Sie plünderten die von den Japanern
aufgebaute Industrie, dann zogen sie
sich zurück und übergaben die Mand
schurei den von ihnen ausgerüsteten
Armeen der chinesischen Kommunisten.
OHIO WtiSBNfrRBUND
kitte dumme Geschichte
Russen ginge» lutti &id>en.i
"fh v T* «'V v.v\^ /*\j*
Tschiang Kai-schek versuchte, die
Mandschurei den Kommunisten zu
entreißen, aber dazu hätte es militä
rischer Hilfe in einem Ausmaß be
durst, tos auch Amerika nicht bei
steuern konnte. Die Amerikaner ka
men endlich darauf, daß sie im Fer
nen Osten aufs falsche Pferd gefetzt
hatten: statt auf das beispiellos tüch
tige Japan auf das beispiellos zer
setzte und korrupte China. Also rechts
um kehrt! Die Mandschurei ist verlo
ren, ganz China ist in höchster Ge
fahr, und Japan wird Amerikas ge
liebter Bundesgenosse. Das hätte man
billiger haben können, wenn man ein
bißchen gescheiter gewesen wäre.
So Robert Jngrim, der seinen
Auslassungen noch manches hinzuzu
fügen vermocht hätte. So z. B. die
Beobachtung der netten Tatsache, daß
die sogenannte „Open Door", an der
Roosevelt soviel gelegen war, uns nun
gänzlich verschlossen ist. Tatsächlich
haben die Dinge in China eine Wen
dung genommen, die die Weltgeschich
te in nette Bahnen drängen mag.
c.*v.
C.*St. d.
Krfnr Ugpitulslwnder
Lircke in der Tlcheäw
Swuiakei
Als der tschechoslowakische Episko
pat Ende Oktober den Priestern er
laubte, einen Treue-Eid gegenüber
der (kommunistischen) Staatsgewalt
abzulegen, wurde dies in der ameri
kanischen Öffentlichkeit als eine Ka
pitulation der Kirche vor dem Prager
Regime aufgefaßt. Der angebliche
Umfall der Bischöfe schreibt die
,N. A. Staatszeitung' überraschte
hier umso mehr, als ihm ein monate
langer, mit äußerster Hartnäckigkeit
geführter und, wie es schien, überaus
wirksamer Abwehrkampf der Katholi
ken des unglücklichen Landes gegen
die kommunistische Kirchenbedrückung
voraufgegangen war. Auch wohlwol
lende amerikanische Beurteiler glaub
ten, der Vorbehalt, den die Geistlichen
gemäß der Weisung ihrer kirchlichen
Obrigkeit mit dem Treuegelübde zu
verbinden haben der „Vorbehalt"
besagt, daß die Priester nicht zu Hand
hingen verpflichtet sein sollen, die
göttlichen Geboten und den natürli
chen Menschenrechten zuwiderlaufen
fei nicht besonders ernst zu neh
men und ändere nichts an der (ver
meintlichen) Tatsache der Unterwer
fung des Episkopats unter das Gott
wald'sche Regiment. Die kommunisti
schen Machthaber in Prag selber zwei
feiten noch weniger als die amerikani
schen Kommentatoren an der Nieder
läge der Kirche. Der tschechoslowaki
sche Justizminister Cepicka rühmte sich,
es liege nun in seiner Macht, allc
kirchlichen „Widerstandsnester" aus
zuräumen und irgendwelche Feinde
des Regimes im Klerus zu vernich
ten.
Die Art der „Vernichtung", die
Cepicka „unbelehrbaren" Elertrentee
im kirchlichen Leben androhte, hat ge
wöhnlich die Gestalt der Verurteilung
zu unbefristeter Zwangsarbeit in
staatlichen Kohlen- oder Uraniumgru
Ben —ein Schicksal, das bereits Hun
derte von Pfarrern und Ordensleuten
betroffen hat. In vielen, wenn nicht
den meisten Fällen bedeutet dies, daß
die Opfer der „trocknen Guillotine"
ausgeliefert werden.
Wie es nun auch mit dem staatli
chen Kontrollrecht im religiösen Er
ziehungswesen, sowie in Angelegen
heiten der kirchlichen Finanzen und
im periodischen Schrifttum der Kir
che verhalten mag auf diesen Ge
bieten liegen die staatlichen Eingriffe,
denen der Episkopat sich unterwarf, in
der Hauptfache jedenfalls kann nun
zur Ehre der katholischen Kirche der
Tschecho-Slowakei gesagt werden, daß
es ihr mit dem Vorbehalt, an den sie
ihre Treue zum Staat geknüpft hat,
heiliger Ernst ist. Daran lassen die
neuen Präger Meldungen über detail
lierte Weisungen der Bischöfe art ihre
lokale Geistlichkeit keinen Zweifel
mehr.
Den Priestern wird die Pflicht auf
erlegt, irgendwelchen, die Glaubens
sphäre berührenden staatlichen Ein
griffen unbeugsamen Widerstand ent
gegenzusetzen, auch dann, wenn sie
damit Märtyrerleiden auf sich nehmen
und vielleicht sogar das Leben aufs
Spiel setzen..
Wie die erste, ziemlich allgemein
gehaltene Direktive des Episkopats,
lassen nun auch die neuen Weisungen
die Unterschrift des katholischen Pri
rnas der Tschecho-Slowakei, des Erz
bischoss Beran, vermissen. Die Sta
lin-Knechte auf dem Hradschin mögen
sich mit Cepicka ihrer totalitären
Staatsmacht rühmen, den tapferen,
in feinem Palais internierten Prie
ster vermochten sie nicht zu beugen.
Es ist eine Heilsame Lehre für die
überraschten Gewalthaber. Der phy
sischen Gewalt sind, auch wenn sie mit
dem Totalitätsanspruch auftritt,
Grenzen gezogen. Der heroische Glau
bensmut eines Beran und seiner Mit
streiter im Episkopat, wie im gesam
ten Klerus des versklavten Landes
hat Millionen ungenannt bleibender
j,.
AHL»,
stand gegen den roten Totalitaris
mus schöpft seine Kräfte aus dem
denkbar tiefsten Reservoir dem des
religiösen Enthusiasmus und des un
versöhnlichen Hasses gegen den see
lenschändenden Kommunismus
Mächte, die sich auf die Dauer als
stärker erweisen dürften als der rote
Polizeiterror.
Hebt Gott tn Luhlsnd?
„Gott in Rußland?" Dqs
ist eine schwer zu beantwortende
Frage. Eines ist sicher, daß in
den großen Städten die heran
wachsende 'Generation weitge
hend die Verbindung mit der
Kirche verloren hat. Kenner aber
sagen, daß gerade in dieser Ge
neration im geheimen nichts so
lebhaft debattiert wird wie die
Frage nach Gott. Nachfolgenden
Erlebnisbericht eines Kenners
des russischen Volkes sind der
letzten Nummer der /Stimmen
der Zeit' entnommen.
.» ,, y!
GM im heutigen „gottlosen"
Rußland tot sei, ist ein Pauschalurteil,
das man diesseits des Eisernen Vor
Hangs auch in Deutschland da und
dort hören kann, obwohl gerade wir
Deutschen in den vergangenen Jahren
zur Genüge erfahren haben, welche
Gefahr darin liegt, ein Volk nach den
Willensäußerungen einer autoritären
Regierung und deren Auswirkungen
einzuschätzen. Wer im letzten Kriege
die Möglichkeit hatte, das russische
Volk selbst kennenzulernen, wird sich
jedenfalls hüten, das Wort vom „gott
losen" Rußland unbesehen zu gebrau
then und auf das russische Volk in sei
ner Gesamtheit zu übertragen.
Ist Gott in Rußland wirklich tot?
Gewiß, man kann Seine amtliche To
deserklärung in den Buchläden fast
aller Städte für ein paar Kopeken
erwerben. Das Zeichen des Kreuzes
ist verbannt. Ueber den meisten Kir
chen der Städte leuchtet die Aufschrift
„Cinema". Ernst Hello sagte einmal:
„Wo das Kreuz die Landschaft nicht1
mehr beherrscht, wo kein Glockenturm
auf dem Berge dem Wanderer winkt,
dort wohnen gewöhnlich Menschen, die
einander auffressen." In den russi
schen Städten habe ich die Wahrheit
dieses Wortes erlebt. An einer Fa
brikmauer zwischen Gorlowka und
^talino las ich am 27. Mai 1942
unzählige Male hintereinander den
Vers: „Schüret das Feuer, das Wel
ten verheert, Kirchen und Ketten für
immer zerstört!"
Doch ich will hier nicht das Bild
der russischen Städte schildern. Wer
die Frage, ob Gott im heutigen Ruß
land lebt, beantworten will, muß auf
das Land hinausgehen. In einem
kleinen, abseits der Straße zwischen
Charkow und Pawlograd gelegenen
Dorf, dessen Namen ich nicht ermit
teln konnte ich glaube, es hatte gar
keinen Namen, wie viele dieser abge
legenen Dörfer —, konnte ich am 1.
November 1941 feststellen, daß es
dort kein Haus ohne Ikone (Heiligen
bilder) gab. Die Lampen vor den al
ten Ikonen waren meist erloschen. Es
brannte kein Licht mehr —das Oel
war längst ausgegangen —, doch im
Herzen der russischen Bauern brann
te es weiter. Hier lebte Gott.
Drei Wochen später sah ich in Pe
tropawlowka (wo gibt es sonst eine
„Peter- und Pauls-Stadt" in Euro
pa?) ein Leichenbegängnis durch den
Ort ziehen. Der Pope fehlte er
liege irgendwo begraben, sagte man
mir vor dem Sarge her trugen
junge Burschen ein riesiges rohbe
hauenes Holzkreuz. Hier war Gott für
wenige Stunden auferstanden!
Am 25. November 1941 traf ich in
dem kleinen russischen Städtchen Sla
vianka ein. Ich besuchte hier am •glei
chen Tage vier Bauernhäuser, um
Quartiere zu Belegen. Im ersten Hau
se wohnte ein Schuster. Freude und
Lebenslust füllten den Raum zwischen
den vier Lehmwänden. Lustig, fast
ausgelassen, begrüßte mich der ein
fache Mann. Der „letzte" Wodka wur
de aufgetischt. Eine Zigarette erweckte
alle Lebensgeister zu überströmendem
Ausbruch. Alles wollte er mir schen
ken, was ihm hoch und heilig war,
von seinem Werkzeug angefangen bis
zu feiner Frau. Daß ich alles ablehn
te, erschien ihm selbstverständlich. Er
zeigte sein gutes Herz, mehr wollte er
nicht. Das steigerte seine Freude. Im
zweiten Hause traf ich den Lehrer.
Mißtrauisch strich der Greis seinen
weißen Bart. Im Lauf des Gesprä
ches erschloß er sich mir. Gern wollte
er mir sein Haus zur Wohnung über
lassen. Er war verschämt und ver
wirrt, als ich ihm etwas anbot. Ich
wußte, daß er es nötig brauchte, aber
er lehnte entschieden ab. Sein Stolz
verbot es ihm: er war es seiner Bil
dung schuldig. In seiner Wohnung
hingen keine Ikone, er war Beamter.
Zu meiner größten Verwunderung
pulste mir im Hause des Starosten,
das ich als drittes betrat, altrussisches
Leben entgegen. Ich fühlte mich wie
Fürst Mhschkin bei General Jepatt
tschin. Eine saubere Wohnung, weit
und neuzeitlich eingerichtet, doch in
4£hriliiii
li. Desemh*
oder der Matka Boska geweiht. Gold
und silbergeprägte Ikone leuchteten
von den Wänden. Ehrfürchtig nahm
der einfache Mann sie in seine schwie
ligen Hände, um sie mir zu zeigen.
Die Ikone waren ihm nicht ein Zei
chen vergangener Zeiten, das noch da
hing, um Tradition zu wahren oder
an Vätersitten zu erinnern. Sie leb
ten. Gastlich wurde ich bewirtet. Ich
erfuhr alle Sorgen und Nöte des Dor
fes, vor allem, daß die christlichen
Italiener in ihrer Kirche ein Lebens
mitteldepot eingerichtet hätten. Seine
Sorgen waren groß. Es war nicht
leicht, Starost zu sein. Im letzten
Hause lebte eine alte BaBuschka. Ein
ärmlicher, kleiner Raum, in dem sie
mit ihrer Tochter und fünf Enkelkin
dern, einer Ziege und drei Hühnern
zusammenhauste. In einem seitlichen
Holzverschlag grunzte ein mageres
Schwein. In einer Ecke des Lehm
Hauses hingen besonders schöne Iko
ne. Ich bat die Alte, sie mir ansehen
zu dürfen. Schon fühlte sie sich ver
pflichtet, mir eines davon zu schenken
diese Sitte kannte ich damals noch
nicht. Ich sollte wählen. Ich lehnte
qB. Doch sie drängte: das Bild sollte
mich auf meinem Wege schützen. Ich
wollte ihr etwas dafür geBett, doch
mein Angebot kränkte sie tief. Geld
für ein Heiligenbild ist dem Russen
Judas-Lohn! Die Not zwang sie, ein
Gegengeschenk anzunehmen. Auch
in den kleinen Städten ist Gott kei
neswegs tot.
Von der LeBensanschauung des ruf?
fischen Menschen kann ein Gespräch
Zeugnis geben, das ich am 22. August
1941 auf einem Kolchos Bei Perwo
ntaifk mit einem russischen Bauern ge
führt hoBe. Es wurde damals von ei
nem Kameraden im Stenogramm
festgehalten. Ich Begann:
„Ein Paradies! Die Ukraine ver
dient diesen Namen. Sie ist ein sÄhr
fruchtbares Land. Doch sagen Sie,
wie kommt es, daß in diesem Para
dies Menschen vor Hunger sterben?
Ein Paradies, in dem Armut und
Elend zuhause sind."'
„Die Kolchosen.".
„Ja, aber Sie säen und ernten
doch."
„Säen ja, aber ernten? Das Kol
chos erntet."
„D. h., Sie liefern ab."
„Alles."
„Und was Sie für sich zum LebH
gebrauchen?"
„Auch."
„Und wovon leben Sie?"
„Vom Mais."
„Den Mais läßt man IHM, al
so?"
„Nein, einen Teil nur, ein jede»
Jahr weniger." --i
„Sicher, um die ArBeit zu stei
gern i
„Wir müssen in jedem Jahr mehr
abliefern, oB die Ernte gut war oder
schlecht, fragt feiner."
„Sie Brauchen aber doch Kleid«
und Gerät, liefert die das KolchosM
„Das muß ich kaufen."
„Wofür?"
„Für das, was mir bleibt^
„Und was essen Sie?"
„Entweder essen oder Kleider. D«
russische Winter ist hart."
„Sie müssen also unter dem Kol
chos leiden?"
„Wir dürfen leiden. Gott will es
fo."
Es gibt wohl keinen Menschen, der
so viel Geduld und Ergebung kennt
wie der russische Bauer. Für ihn ist
das Volk noch immer eine Gemein
schaft derer, die zum Leiden erwählt
sind. Und das soll es bleiben. Viel
leicht werden diesen Menschen einst die
Verheißungen ernten, die Chrisws
der Bergpredigt verkündet hat
während andere in „christlichen" Län
dern leer ausgehen werden.
Dieses Volk wird sich nie gegen
eine Tyrannei erheben denn es ist
glücklich, daß es unter ihr leiden kann.
So sagte es mir ein Schmied in Ap»
scherowskaja, als ich ihn fragte, was
er vom Bolschewismus halte. Indem
er mit der Hand zum Himmel zeigte,
bemerkte er: „Müssen Sie den fra
gen, der ihn uns geschickt hat. Er
weiß warum."
Eine Begegnung an der Straße,
die von Apscherowskaja nach Tuapse
führt, fei noch erwähnt (es war am
22. September 1942). Eine alte Frau
trat Plötzlich auf mich zu, ein weites
dunkles Tuch hing ihr über Kopf und
Schultern. Sie war eine Georgierin.
Müde stützte sie sich auf ihren Stock.
Sie sprach einige Worte zu mir, die
ich nicht verstand. Ich antwortete mit
einem vielsagenden Kopfnicken. Da
begann sie, unter ständigen Verben»
gungen unverständliche Formeln vor
sich hermurmelnd vielleicht waren
es Gebete —, mich zu segnen. Zuletzt
küßte sie mir die Hand, verbeugte sich
tief und ging ihres Weges.
Ich. fühlte, hier sprach eine Mutter
zu mir. Hier Betete ein Frau für mich
an Stelle meiner Mutter daheim. Es
konnte nur eine Mutter sein wer
weiß, wo ihr Sohn stand. Die ewige
Mutter! Sie lebt bei allen Völker^.
Vom hohen Norden bis zum Kaufa
sus, von Paris bis zu den einsamen
Häfen am Rande der Steppe, überall
fand ich sie wieder. In Rußland lebt
die Mutter einsam als große Dul
denn. Oft kommt sie nie zur Gel
fie Bs* stiü verschick-

Die Londoner Welt-Arbei
terkonkeren

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