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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, March 18, 1950, Ausgabe der 'Wanderer', Image 7

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Fortietzung)
„Wenn ich Ihre Adresse gewußt
hätte, würde ich Sie nachhause ge
bracht haben," entgegnete Ulrich „da
Sie aber unfähig waren, zu sprechen,
hielt ich es fürs Beste, Sie hierher zu
bringen."
„Bleiben Sie wenigstens bis mor
gen bei uirs. Unsere Wo'hnung ist zwar
sehr bescheiden, in Ihrem gegenwärti
gen Zustand aber dürfte sie Ihnen zu
träglicher sein als ite Unruhe eines
Gasthofes."
Robert reichte dem Maler stumm
die Hand. Es bedurste keiner Worte
zwischen ihnen. Den ganzen Tag saß
der Fremde am sonnigen Fenster,
rauchte und sann, und lauschte dem
Glockeng elänte, das zum Tempel des
Herrn rief. Polly lief einigemal aus
und ein, der Fremde aber schien sie
weder zu sehen noch zu hören. Rosanna
betrachtete ihn mit einer Art scheuer
Ehrfurcht. Sie begann zu fühlen, daß
es tieferes Herzeleid gäbe, als Brüder,
die am Theater angestellt waren und
den lieben langen Tag Kulissen mal
ten.
Der Abend senkte sich. Sie hatten
Tee getrunken die flehte Polly war
zu Bett gebracht worden, und wieder
saß Mr. Hawksley schweigend am Fen
ster, während die Dämmerung sich
über die Stadt breitete, die Sterne zu
leuchten begannen und in 'den Stra
ßen die Gaslampen gleich Glühwürm
chen flimmerten. Ulrich saß am ande«
ren Fenster er hätte gern Näheres
über den rätselhaften Gast gewußt,
brachte es aber nicht über sich, ihn mit
Fragen zu belästigen. Der Fremde be
gann selbst zu sprechen. Das Men
schenherz bedarf des Vertrauens, wie
die Blume des Taues, und die Däm
mert binde ist mehr «denn jede andere
hiezu geeignet. So erzählte auch der
bleiche Mann dem jungen Maler, der
so freundlich sich seiner angenommen,
seine Erlebnisse im Dunkel des Zwie
lichtes.
Z e n e S K a i e
I« der Dämmerung erzählt
„Es fallt Ihnen wohl auf," begann
Hawksley plötzlich, „daß ich aus Ame
rika komme und mir einen Aufenthalt
von drei bis vier Tagen in England
zu nehmen gedenke vielleicht staunen
Sie noch mehr, wenn ich Ihnen sage,
daß ich kam, um meine Frau zu
holen."
„Und fanden Sie dieselbe?" fragte
Ulrich, über die eigene Kühnheit der
wundert.
„Ich fand und verlor sie in dersel
ben Stunde."
„Ist sie tot?"
„Nein. Interessiert es Sie, die Ge
schichte eines verfehlten Daseins zu
hören? Fch fühle mich heute, vielleicht
zum erstenmal im Leben, zum Spre
chen aufgelegt. Ein überspannter Pate
ließ mich, den Sohn eines Farmers,
weit über meiner Sphäre erziehen
mit zweiundzwanzig Jähren bekleidete
ich bereits die Stelle eines Sekretärs
einem vornehmen Hanse. Es
scheint, daß ich meine Pflicht so gut
und anspruchslos erfüllte, daß mein
Brotherr, der weder reich noch groß
mütig war, beschloß, mich möglichst
lange an sich zu fesseln. Nachdem die
Parlamentssitzungen geendigt chatten,
nahm er mich mit auf seinen Landsitz
im Herzen von Staffordshire. Dort
traf ich sie. Mehr als drei Jahre sind
inzwischen verflossen, aber ich sehe sie
noch, die Hände voll Blumen, im
Kornfelde stehen. Das weiße Gewand
flatterte im leichten Sommerlüftchen,
das liebliche Gesicht verklärte der
Sonnenuntergang. Sie zählte kaum
sechzehn Jahre und befand sich in der
Vakanz bei ihrem Vormund. Sie war
eine Waise seit dem zehnten Jahre,
einem Baron verlobt. Davon wußte
ich nichts, glaube aber auch nicht,
daß ich mich viel darum geküm
mert hätte. Uebrigens wäre es viel
leicht doch am Platze gewesen, wenn sie
mich von der Sachlage unterrichtet
hätte. Sie hegte kein Interesse für den
Baron, sie war ihm im Gegenteil ab
geneigt und liebte mich."
Er hielt inne. Der blaue Rauch der
Zigarre verbarg das bleiche Antlitz.
„Unsere Herzen fanden sich es er
folgten heimliche Zusammenkünfte
und GelWde ewiger Treue. Noch war
kein Monat vergangen, als wir uns
überzeugt hielten, daß wir zugrunde
gehen müßten, wenn voneinander ge
trennt, und doch war die Trennung so
nahe. Olivia sollte noch vierzehn Tage
bei einer Freundin in Schottland ver.
leben und dann ins Institut zurück
kehren. Wie reizend sie war, als sie
eines Abends sich an mich schmiegte
und mich bot, sie zu retten! Mir er
schien damals die Rettung sehr leicht.
Was hinderte mich, ihr nach Schott­
VerlchkunyensDMe
Frei bearbeitet «ach einem amerikanischen Roman
e u e i i e e s
V V^,
land zu folgen und idort eine Trauung
zu erwirken? Dort bedurfte es keines
Aufgebotes, keines Zeugen, die ein
fache Zeremonie genügte, unser Glück
für immer zu begründen. Anfangs er
schrak Olivia über den kühnen Vor
schlag, bald aber willigte sie ein. Drei
Tage nach ihrer Abreise erhielt ich
einen Brief, und bat sofort um einen
Urlaub. Es war meines Lebens, erster
Betrug, und ich vermochte kaum das
Gesuch zu stammeln. Mein Gebieter
blickte verwundert auf, erteilte jedoch
ohne Zögern die erbetene Erlaubnis.
Ich eilte nach Schottland am Tage
nach meiner Ankunft fand «die Trau
ung statt, die ein Geistlicher willig
dem Gesetze gemäß vollzog. Ob aber
die nach schottischen Gesetzen erfolgte
Trauung ohne Zeugen und mit einem
minderjährigen Mädchen in England
Gültigkeit hat, ist eine offene Frage.
Möcht' wissen, ob Sie mich für einen
Schurken halten, Mr. Mason? Ist es
wirklich eine schlechte Handlung, das
Herz eines jungen Mädchens zu ge
winnen, zu heimlicher Trauung sie zu
bestimmen, sie dadurch dem Zorn der
Familie und verhältnismäßiger Ar
mut auszusetzen? Wir liebten uns und
überlegten nicht lange Olivia war
leidenschaftlich romantisch, ich umfaßte
sie mit Zärtlichkeit und fah eine glän
zende Zukunft vor mir. Mit zweiund
zwanzig Jahren erscheint alles im
rosigen Lichte. Jedenfalls wollten wir
unter allen Umständen heiraten und
erst dann überlegen. Nach der zu dem
Besuch in Schottland bestimmten Zeit
kehrte meine Frau zurück, und ich
folgte ihr bald. Die alte Geschichte be
gann von neuem. Wir trafen uns
heimlich und waren glückselig in unse
rer Liebe. Olivia chatte den Onkel
innig gebeten, bis Weihnachten zu
Hause bleiben zu dürfen, daß er es
endlich gestattete. Der Herbst verging
solch ein goldener Herbst! Vier
Monate waren wir nun vermählt, als
unser Geheimnis entdeckt wurde.
Met« Gebieter erwähnte kein Wort
meine Frau aber verschwand plötzlich.
DritthalbJahre sind seitdem verflos
sen, und ich habe sie nur gestern einen
Augenblick wiedergesehen.
„Ich habe keilte Heimat in England,
ich stehe hier und überhaupt in der
Welt allein. Nach zweijähriger Ab
Wesenheit betrat ich gestern den hei
matlichen Boden wieder. Dennoch
möchte ich Sie nicht belästigen, und
bitte Sie, mir ein stilles Hotel zu nen
nen und eine Droschke zu rufen. Mit
dem nächsten Dampfer kehre ich ohne
hin nach Amerika zurück."
Er hielt inne und zitrtoere eine Zi
garre an. Die Geschichte interessierte
Ulrich mehr, als der Erzähler ahnte.
„Es erfolgte keine Szene. Der
Onkel behandelte mich gleich artig,
aber ich fühlte, iwxjj er alles wisse.
Zwei Tage später ließ er mich in die
Bibliothek rufen, wo sein Kammer
diener eben mit dem Einpacken beschäf
tigt war. Mein Brotherr schloß in
meiner Gegenwart ungefaßte Juwe
len und Banknoten in eine Kassette,
die mir durchaus nicht geeignet zur
Aufbewahrung eines Wertes von drei
bis viertausend Pfund erschien. Wäh
rend er das tat, diktierte er mir einen
Brief. ,Heute abend gehe ich nach
Swansbo rough, Robert', sprach er in
vertraulichem Tone ,während meiner
Abwesenheit sei Ihnen diese Kassette
anvertraut.' ,Warum übergeben Sie
dieselbe nicht der Bank?' fragte ich
mißtrauisch, ,'s nicht ratsam, derlei
Werte im Hause zu behalten.' ,Die
Steine sollen unmittelbar nach meiner
Rückkehr für Olivias Brautschmuck
gefaßt werden. Ihre Training mit Sir
Hugo Eharteris findet in zw erMona
ten statt.' Bei diesen Worten betrach
tete er mich mit eigentümlichem Lä
cheln und verließ das Gemach. Am
Nachmittag reiste er ab. ,Achten Sie
wohl auf die Kassette, Robert!' rief er
mir noch zu. ,Sie ist ja in ihrer Hand
so sicher wie im Gewölbe der Bank.'
\,Gegett Abend erhielt ich einen Brief
von meiner Frau, in -dem sie mich bat,
sofort nach London zu kommen und sie
in einem bezeichneten Gasthofe zu er
warten. Die Echtheit des Briefes be
zweifelte ich keinen Augenblick, und
was lag mir nun ait allen Juwelen
der Welt? Ich eilte in mein Zimmer,
packte meinen Reisesack und machte
mich, ohne jemand davon Kunde zu
geben, auf den Weg nach London. Die
Reise mußte größtenteils zu Wagen
zurückgelegt werden. Ich 'langte erst
spät am folgenden Tage an. Meine
Frau war nicht da. Drei Tage war
tete ich auf sie endlich erschien ihr
Onkel mit einem Polizeibeamten. Er
war seiner Aussage gemäß noch am
Abend meiner Abreise unerhofft zu
rückgekommen, hatte die Kassette ge
öffnet und Heren Inhalt verschwunden
gefunden. Ich war ebenfalls fort. Die
y.""." .•
1 -p
1
OHIO WAISENFREUND
übrigen Hausbewohner .vermochten
alle sofort ihre Unschuld nachzuwei
sen, folglich fiel der Verdacht auf mich,
und nun sollten ich und das Gepäck
durchsucht werden. Zorn und Empö
rung raubten mir die Sprache mit
machtlosem Grimm unterzog ich mich
der Demütigung. In meiner Reise
tasche fanden sich, sorgfältig ins Fut
ter eingenäht, das Geld und die Ju
welen. Mein Gebieter entließ den
Polizeibeamten und betrachtete mich
mit mehr Schmerz als Zorn. Meine
Schuld sei erwiesen, die Wertsachen
hatten sich in meinem Besitz befunden.
Was hatte ich zu meiner Verteidigung
zu sagen? Wie betäubt lauschte ich den
Worten meines Brotherrn. Um mei
ner toten Eltern willen, die brave, ehr
liche Leute gewesen, um meines Paten
willen wollte er mich schonen, mich
nicht, wie ich's verdiente, dem Gericht
übergehen, vorausgesetzt, daß ich Eng
land sofort und für immer verließe.
Seine Nichte sei über die Sache entsetzt
und habe ihn gebeten, mir ein Billett
zu überreichen. Er gebe mir eine halbe
Stunde Zeit, es zu lesen und mich zu
entschließen. Ich fühlte mich noch
immer unfähig zu sprechen, und riß,
sobald er mich verlassen, hastig den
Brief auf. Sie wüßte alles, schrieb sie,
und bäte mich, um Himmels willen
den Onkel nicht zu reizen oder ihn zu
veranlassen, die Sache weiter zu ver
folgen. Alles spräche wider mich, sie
glaube an meine Unschuld, werde stets
mir Liebe und Treue bewahren, aber
ich müßte fliehen, ohne sie zu sehen.
Es würde ihr das Herz brechen, wüßte
sie mich gefangen und verurteilt. Ihr
wäre, als müßte sie wahnsinnig wer
den, ich sollte fliehen fliehen, wenn
ich sie je geliebt. Sie gab mir die
Adresse, unter welcher ich ihr schreiben
möchte sie wollte antworten, mir fol
gen, kurz, alles tun, wenn ich nur jetzt
nicht wegen Diebstahls mich fest
nehmen ließe. Was konnte ich tun?
Wohl glaubte ich, daß der Onkel ein
Komplott gegen mich angestiftet, aber
daß die Briefe gefälscht waren, ahnte
ich nicht. Jetzt festgenommen zu wer
den, endete jede Hoffnung, die Be
weise meiner Schuld erschienen zu
Bedingungen an autd verließ Eng
land, den Folgen eines Verbrechens,
das ich nie begangen, zu entgehet. In
die Nacht der Verzweiflung aber leuch
tete wie ein Stern der Glaube an mei
ner Frau Liebe und Treue. Ich be
gann mein neues Leben in einem
Dorfe des Westens, das schnell zur
volkreichen Stadt erblühte. Zwölf
Monate war das Glück mir Feind,
dann wechselte der Tinge Gang. Mein
Geschäft rentierte sich glänzend und
brachte mich schnell dem Ziele meiner
Wünsche näher meiner Frau ein
sicheres, behagliches Heim bieten zu
können. Ich erwähne nur Tatsachen
und schweige von Leiden und Ent
Behningen, von qualvollen Tagen und
schlaflosen Nächten. Ich hatte mehrfach
an meine Frau geschrieben und feine
Antwort erhalten. Es gab Zeiten, wo
ich alles im Stiche lassen wollte, um
heimzueilen und mein geliebtes Weib
zu holen. Derlei Anwandlungen aber
schwanden bald. Wie konnte ich sie den
gewohnten Verhältnissen entreißen, sie
in ein fremdes Laitd bringen, bevor
ich nicht wenigstens eine gesicherte,
wenn auch bescheidene Zukunft zu bie
ten vermochte? Was aber glauben Sie
wohl, das mich schließlich doch be
stimmte, alles zu verlassen und mich
der Gefahr, vor der ich erst entflohen,
auszusetzen?"
Ulrich antwortete nicht, er lauschte
mit atemlosem Interesse.
„Ein Traum. Ja, eilt Träum brach
te mich zurück nach England. In der
Nacht vom 23. März sah ich meine
Fran an mein Bett treten. Sie war
sehr bleich, rang die Hände und blickte
mich mit traurigen Augen, flehenden
Blicken an. Ich fuhr auf. Der Mond
beleuchtete freundlich mein Zimmer
der Traum war vorbei. In der glei
chen Stunde der folgenden Nacht
träumte ich ihn wieder. In der Nacht
vom 25. März aber ereignete sich das
Seltsamste. Ich 'litt an Kopfschmerzen
und begab mich früh zur Ruhe. Es
mochte gegen neun Uhr fein. Int
Hause war alles still, meines Schlaf
zimmers Fenster und Laden waren
geschlossen, es brannte weder Feuer
noch Licht, es war folglich vollständig
dunkel. Ich vermochte nicht einzuschla
feit. Mein Geist beschäftigte sich mit
dem Traume. Plötzlich schien sich ein
Bild vor mir aus dem Dunkel abzu
heben. Ich sah alles' so deutlich, wie
jetzt die Gaslampen dort auf der
Straße. Ein langes, niedriges, düste
res, altmodisches Gemach, das von
einem Holzfeuer erhellt war. Ein Pia
nino stand an dem offenen Fenster,
durch das ich das wolkenbedeckte mond
helle Firmament und die vom Winde
bewegten Bäume erblickte. An diesem
Fenster stand eilt junges Mädchen in
rotseidenem Gewand, geschmückt mit
kostbaren Juwelen. Die goldenen
Haare 'hingen frei über die Schultern,
die großen dunklen Augen blickten
traurig. Es war Olivia, so geister
bleich, wie ich im Traume sie gesehen,
das süße Gesicht so hoffnungslos trau
rig. Mit leidenschaftlicher Gebärde
streckte sie die Hände aus, und ich
hörte den wilden, verzweifelten Ruf:
,O Robert, mein Robert, forum' zu
mir!' Und nun verschwand alles wie
der. Ich saß im dunklen Zimmer im
... 7": „..
Dj I ?»''»W» AMWWV»«"w^m«PW/^W^»lM^' '.^«W!!» tmmm* I
Bett, auf metner Stirn perlte kalter
Sckiweiß. Sechs Tage später war ich
unterwegs. Ob Traum, ob Vision, er
verfolgte mich wie ein böser Geist ich
verließ alles, meine Frau zu holen."
„Und Sie fanden sie!" rief Ulrich
in atemloser Spannung.
Robert Hawksley antwortete nicht.
Die letzte Zigarre war erloschen er
saß wie eine Mavmorgestalt unter den
Blumen.
„Sie fanden sie," wiederholte Ul
rich, unfähig, sich länger zu halten,
„fanden sie am Altar eines ande
ren Mannes Weib."
Ueberrafcht wandte Hawksley sich
zu ihm.
„Woher wissen Sie das?"
„Ich weiß noch mehr!" rief der
Maler erregt. „Sie fanden sie Sir
Hugo Eharteris angetraut. Die
Dame, die sie im Traume gesehen,
war Olivia Lyndith ..."
Jetzt erst schien Robert Hawksley zu
erwachen. Bisher hatte er seine Ge
schichte träumerisch sowohl sich selbst
als auch Ulrich erzählt nun aber be
lebten sich die bleichen Züge.
„Was sagen Sie?"
„Setzen Sie sich," unterbrach Ul
rich, „ich werde Ihnen alles, mit
teilen."
Und mit ungewöhnlicher Beredsam
keit erzählte Ulrich Mason die Erleb
nisse des 25. März bis zu dem Mo
rnent, wo Gottfried Lyndith im
Wartesaal« zu Speckhaven erschien.
„Beweist das etwa nicht," schloß er
triumphierend, „daß Miß Olivia Sie
stets liebte und Ihnen Treue be
wahrte?"
„Ernstlich bezweifelte ich es auch
wohl kaum," entgegnete Robert mit
bebender Stimme, „selbst nicht, als ich
sie mit jenem Manne am Altar sah
und ihres Onkels Lüge hörte. O mein
Weib, mein geliebtes Weib!"
Die Stimme brach der junge
Mann verhüllte das Antlitz, es
herrschte Totenstille.
Ulrich Mason kannte heftige Ge
mütsbewegungen nur von der Bühne
und fühlte sich unbehaglich.
„Welchen Vorwand aber mag der
Vormund gebraucht haben," begann
Robert nach einer Weile, „Olivia zu
bestimmen, mit ihm zu gehen, nachdem
sie erst entschlossen war, Sie zu beglei
ten?"
„Das war mir ebenfalls rätselhaft
nun aber glaube ich die Lösung gefun
den zu haben."
Und Ulrich erzählte die Episode,
die vor beinahe zwei Jahren Doktor
Worth veranlagte, sich bei Nacht und
Sturm nach Schloß Lyndith zu be
geben und dort eine Entbindung vor
zunehmen.
Wieder lauschte Robert mit atem
losem Interesse er erinnerte sich der
Worte, die Gottfried Lyndith über ein
Kind, das bald nach der Geburt ge
storben sei, gesprochen.
„Meine Ansicht geht dahin," fuhr
Ulrich fort, „daß der alte Herr der
Mutter den Aufenthalt des Kindes ge
heimgehalten und int Wartesaal ver
sprach, es ihr auszuliefern, falls fie
einwillige, Sir Hugo zu heiraten.
Man hielt Sie für tot. Gleich den
meisten Müttern, opferte sie alles für
ihr Kind und gab nach. Dieses Kind
aber," schloß er mit heller Freude, „be
findet sich tut nächsten Zimmer."
„Im nächsten Zimmer?" stammelte
Robert Hawksley.
Des Erzählens schien fein Ende.
Ulrich berichtete von dem Empfang
des Briefchens und über die geheim
nisvolle Weise, in der ihm Olivia
an ihrem Hochzeitsmorgen das Kind
übergeben hatte.
„Tie Sache unterliegt gar feinem
Zweifel," sprach Ulrich, „es ist ganz
entschieden das Kind aus Doktor
Worths Geschichte, und Ihre Frau
war die geheimnisvolle Tarne. Sie
selbst sagte mir, das Kind gehöre ihr,
und zu allein Uebersluß trägt es ein
Medaillon mit Ihrem Bilde und ist
Ihnen wie aus den Augen geschnit
ten."
Ulrich erhob sich und zündete die
Lampe an.
„vch will Polly holen, vorausge
setzt, daß sie nicht schläft."
Aber Polly schlief, und Rosanna,
die mit dem Ausdruck einer granite
nen Medusa neben dem Bettchen saß,
hätte um alle Väter der Welt nicht ge
duldet, daß man sie störte.
„Herr Hawksley hat nun schon so
lange gewartet, er kann sich auch bis
morgen gedulden," brummte sie.
„Ihre Schwester hat recht," erwi
derte Robert „ich will das Kind mor
gen sehen, bevor ich mich verabschiede."
„Verabschieden? Wollen Sie wirk
lich England verlassen und alle An
sprüche aufgeben?"
„Lady Eharteris," er sprach den
Namen ruhig und kalt, „hat Eng
lands Gestade bereits hinter sich und
befindet sich auf der Hochzeitsreise
nach Italien. Ihretwillen gab ich einst
willig Namen, Ruf und Heimat auf,
ihretwillen kann ich auch zu noch grö
ßerem Opfer mich entschließen und sie
selbst aufgeben.
„Ueberlegen 'Sie, was meine An
spräche in sich schließen würden. Ich
vernichte ihr Dasein, nur um im Mo
ment des Wiedersehens als Dieb fest
genommen zu werden. Meine Unschuld
vermag ich nicht zu beweisen, es ist der
alte Kampf zwischen Macht und Recht.
Wie die Sachen jetzt stehen, dürste es
ihr gelingen, mich zu vergessen und
friedlich, wenn nicht glücklich zu leben.
Ich kann sie nicht dem Gerede von
ganz England aussetzen und möge
mir der Himmmel beistehen und mich
vor der Feigheit des Selbstmordes be
wahren."
Er stützte die Amte auf den Tisch
und ließ langsam das Haupt sinken.
Mit innigem Mitleid ließ Ulrich
Mason ihn allein mit seinem Weh.
Der Morgen kam grau und düster.
Schwer und trübe hing -das Firma
ment über der rauchigen Stadt. Polly
aber in dem blauseidenen Kleidchen
und den goldenen Lotfenjah sonnig
genug aus, das ganze Haus zu ver
klären.
Der fremde Herr hielt sie zärtlich in
den Armen, blickte forschend in das
kleine Gesicht, und Polly, die Ulrich
und Rosanna gelegentlich mit einer
Herablassung behandelte, als ob sie die
Selbstherrschern aller Reußen wäre,
schmiegte sich in ganz auffallender
Weise an ihn. Sie küßte die bärtigen
Lippen, zeigte ihm das Medaillon und
sagte ihm, daß sie Polly heiße und
daß „Dozy ganz fortgegangen sei".
„Sie heißt wohl Maria," bemerkte
Ulrich.
„Ich glaube, sie heißt Pauline/'
entgegnete Robert ruhig, „ihre Groß
mutter hieß so, und die Zwillings
schwester ihrer Mutter ebenfalls. Pau
line ist in der Familie Lyndith sehr
gebräuchlich. Des Kindes Name ist
,Pauline Lisle'. Ich habe in Amerika
jedoch den Namen meiner Mutter an
genommen und gedenke ihn auch zu
behalten. Geben Sic Polly Ihren
Namen, Herr Mason, und behalten
sie dieselbe, bis etwa die Mutter sie
verlangt. Ihre Rechte «gehen stets
vor."
Er küßte die Kleine mit zärtlicher
Innigkeit. Eine halbe Stunde später
hatte er Half Moon Terrace für
immer verlassen.
„Die ,Columbia' geht morgen in
See," sprach er scheidend, „mit ihr
kehre ich nach Amerika zurück."
Ulrich Mason begab sich ins Britan
nia-Theater. Er war nichts weniger
als sentimental, und doch verfolgte
ihn den ganzen Tag der Gedanke an
Robert Hawksleys traurige» Geschick.
Die „Columbia" verließ Englands
Gestade, aber noch am gleichen Tage
brachte die Post ein an Ulrich Mason
adressiertes Schreiben. Hastig brach es
das Siegel es enthielt eine Anwei
sung auf fünfhundert Pfund und fol
gende Zeilen:
1
„Sie sagten es wäre Ihr lieb
fter Wünsch, soviel zu ersparen, unt
in Speckhaven ein Häuschen kaufen
zu können, weil dort sich Ihnen bes
sere Aussichten böten als in Lon
dort. Ich bitte Sie, tun Sie es so
fort, unt meines Kindes willen.
Jährlich einmal werde ich Ihnen
schreiben, jährlich einmal sollen Sie
mir Kunde geben über meiner Toch
ter Ergehen. Für sie will ich arbei
ten, und mit Gottes Gnade soll ihr
noch ein schönes Los erblühen. Er
ziehen Sie das Kind als Ihre
Nichte, in völliger Unwissenheit der
eigenen Abstammung. So mir Gott
das Leben fristet, kehre ich eines
Tages wieder wenn nicht, seien
Sie ihr Vater.
Robert Hawksley."
Und so endet der erste Teil von
Pollys Geschichte. So eigentümlich sie
auch klingen mag, sie bildet nur das
Vorspiel zu noch seltsameren Ereig
nissen.
Z w e i e s u
Erstes Kapitel
Nach vierzehn Iahren
„Das wird das prachtvollste Schau
spiel sein, welches Speckhaven je ge
sehen. Denke dir lange Reihen chine
si scher Laternen, durch die Zweige
schimmernd, plätschernde Fontänen,
Holmesdal?s herrliche Militärmusif,
lange Tafeln, die unter riefigen Bra
ten und schäumenden Alekrügen sich
biegen, slatternde Fahnen, melodische
Glocken, alle Welt voll Lust und
Freude, und deine Polly im Voll
gennsse dieses Glücks ait der Seite des
ehrenwerten Guido Pager Earlscourt,
Lord Montalieus zweiten Sohnes."
„Pollt)!"
„Nun, ich will einfach des Festes
hübschestes Mädchen sein. Plätte denn
Order from:
lenth
Street, ST.
mein Kleid, Rosanna, und laß der
Sache ihren Lauf."
Die Sprecherin, ein schlankes, blü
hendes Mädchen, stand inmitten des
Zimmers. De» Sommers reiches Son
nen gold uniflutete sie, glänzte in den
goldbraunen Locken und spiegelte sich
in dett lachenden Augen. Vierzehn
Jahre früher war sie ein reizendes
Kind gewesen. Hatte der zarten Ju
gend Schönheit sich zur vollen Blüte
entfaltet? Beim ersten Anblick möchte
man es verneinen. Pollys Mund
mochte etwas größer sein als eine Ro
senknospe, aber es war ein reizender
Mund mit unbeschreiblich lieblichem
und doch entschlossenem Ausdruck. Ihr
Teint war gebräunt, und einzelne
Sommersprossen zeigten sich unter den
Augen aber diese Augen waren so
blau, so glänzend, so voll Lust und
Leben, strahlend vor Uebermut. Hat
test du einmal ihre Pracht geschaut, so
achtetest du die Sommersprossen nicht
mehr.
(Fortsetzung folgt)
Der Mturheillmnüler
(Schluß von Seite 6)
ist. Wäre nicht etwas weniger auch
hinreichend gewesen?"
„Gewiß nicht 2ire, ich mußte so
handeln. Und nun werden Eure Ma
jestät es. für gerechtfertigt finden, daß
ich dies nicht vor Zeugen, auch nicht
vor der Königin tun konnte."
„Tu hast ganz recht, Fleurot
wahrhaftig wenn das jemand
wüßte ich müßte abdanken! Aber
du du wirst mir versprechen, daß
du niemand davon etwas sagst, we
nigsteits solange ich lebe."
„Ich schwöre es, Sire."
„Und nun hilf mir den Mantel
umlegen dann wollen Wir Uns als
geh eilt zeigen." Damit klingelte der
König und befahl, daß der Hofstaat
eintrete.
Als sie da waren, sagte der König:
„Wie ihr sehet, bin ich aufgestanden
und gänzlich geheilt. Ich danke es die
sem Manne, der von mir das Privile
gium erhält, in ganz Frankreich nach
seiner Naturheilmethode Kitreit zu
machen, und dem mein Minister Sul
ly jetzt gleich zweitausend Livres aus
bezahlen wird."
Man mag sich das Erstaunen und
die Freude der Königin aber auch
den Zorn der Hofrnedici denken.
Schließlich aber machten sie gute Mie
ne zum bösen Spiel und begannen zu
fragen, was Fleurot denn für ein
wunderbares Mittel angewendet ha
be,
Ter erwiderte bloß: „Fragt den
König? Wenn Seine Majestät es euch
sagen will, so habe ich nichts dage
gen."
Daß es nicht geschah, wußte er nur
zu gut.
In einem königlichen Wagen und
die Taschen voll Geld kehrte Fleurot
nachhause zurück.
Der himmellange englische Gesand
te Lawntt aber war zufrieden mit sich
und Fleurot. Er wußte wohl, wie die
ser den König kuriert hatte, und das
freute ihn inelir als der Hosenband
orden. Und wenn er dann bei beson
dern Gelegenheiten hochfeierlich dem
König die Wünsche Groß-Blitanniens
auszusprechen hatte, so dachte er im
stillen schmunzelnd: „Wenn du es
wüßtest!"
lind der König, der nicht ahnte,
daß der verschlagene Engländer ihm
hatte einen Streich spielen wollen,
dachte gleichzeitig ebenfalls: „Wenn
du es wüßtest!"
Fleurot aber hielt nach ärztlichem
Praxis tiefes Stillschweigen darüber,
daß er die beiden hohen Herren mit
s e i n e e i n a e n N a u e i i e u
i e i e
Ter Erzähler schließt diese „schöne
und wahr? Geschichte", die man sich
beute noch in den Bogeseu erzählt,
mit einem kleinen Merks, und das
lautet: Es gibt heute noch Patienten
genug aber feine Halsleidende —,
denen täte eine Naturheilkur la
Fleurot in fünfzehn- bis fünfund
tmattzrgntaliger Wiederholung recht
gut und wäre sicherlich so heilsam wie
oit dem alten König von Frankreich
E n e
PAUL

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tions for indulgences, and the Imprimatur of His Excellency,
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