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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 01, 1950, Ausgabe der 'Wanderer', Image 7

Image and text provided by Ohio Historical Society, Columbus, OH

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(Fortsetzung)
Plötzlich legte sich erne kalte Hand
auf die feine und als er erschrocken
sich umwandte, stand Lady Eharteris
vor ihm.
„Wer ist das Mädchen?" fragte sie.
Vierzehn Jahre waren nicht spur
los an Olivia, Lady Eharteris, vor
übergegangen. Das schöne Antlitz, das
Ulrich jener längst vergangenen
März-Nacht so bezaubernd fand, war
nun bleich und farblos» 'die großen
Altgen leuchteten unnatürlich aus dem
schmalen, ernsten Antlitz, über das nur
selten ein Lächeln zuckte, wie Sternen
licht über Schnee.
Lady Eharteris sieht aus, als ob sie
viel gelitten, pflegte»: «die Leute zu
sagen man wunderte sich, wie Ibas
wohl -möglich seht mochte. ÜDftm wußte,
daß sie den Gatten nicht liebte aber
'derlei Fälle sind nicht selten. Und was
hatte in den Augen der Welt etwas
eheliche Entfremdung zu sagen, so
lange sie nicht tit öffentlichen Skandal
ausartete?
Der Welt gegenüber waren die Be
ziehnngen zwischen -den Gatten artig
unid rücksichtsvoll der Baron tat, was
er konnte, sein kaltes schönes Weib mit
Aufmerksamkeiten zu umgeben. Hatte
Olivia (Eharteris ihre Vergangenheit
vergessen? Hatten die vierzehn langen
Jahre die Erinnerung an ihrer Ju
gend Rainantik, an ben einst so heiß
geliebten Gatten, an das Kind, sein
Kind, das sie einem Fremden gegeben,
verdrängt?
Das bleiche, stille Antlitz, die kalten
Augen bewahrten das Geheimnis
wohl, und doch verriet ein Licht in
diesen Angen tiefes, endloses Weh.
Als Ralf Fanes Worte an ihr Ohr
drangen, lehnte sie nachlässig an einer
Säule und blickte gleichgültig hinab
mf die belebte Szene. Sie wandte sich
nach idem Kastanienbaum und sah ein
schlankes, weißgekleidetes Mädchen,
Hessen Profil deutlich hervortrat.
Plötzlich erbebte das Herz dieser Frau,
ixts Herz, das jahrelang kalt und
schwer wie ein Stein in ihrer Brust
gelegen.
.Wo hatte sie 'dieses Profil, triefe
Stellung gesehen? Sie wußte es, be
vor sie an sich selbst -die Frage stellte
ltn'd es schwindelte ihr. Einen Moment
später raffte sie all ihre Kräfte zusam
men und trat zu dem Künstler.
„Wer ist idasi Mädchen?"
Eben wandte Polly das Gesicht voll
zu ihnen, und die Ähnlichkeit ver
schwand. Es war nicht mehr das Eben
bild des Man lies, über dessen Gebeine,
wie sie glaubte, seit sechzehn Jahren
des Atlantischen Ozeans Fluten roll
ten.
„Wer ist das Mädchen?" wieder
holte sie.
Erstaunt blickte Fane auf es war
so seltsam, diese Dame für irgend
etwas Interesse fassen zu sehen.
„Sie wissen es natürlich auch nicht,"
'sprach Lady Eharteris wie zu sich
selbst. „Sich erkundigen? Nein, es
lohnt nicht tder Mühe mir war nur
des Mädchens Schönheit auffallend."
Die alte Gleichgültigkeit kehrte zu
rück, der Dame Interesse schien zu er
bleichen. Ralf Fane aber eilte die Stu
fen hinab er wollte sich selbst erkun
digen.
..Wenn sie mir nur als ,Rosa
irtunde' säße," dachte er „Fräulein
Hautton paßt allenfalls für ,Eleanor'.
Des Mädchens Schönheit ist aller
dings auffallend für eines Farmers
Tochter. Von welchem arabischen
Häuptling erbte sie den reizend ge
wölbten Fuß, von welch hochgebore
ner Dame das griechische Profil und
die königliche Haltung des Hauptes?
Oh, daß sie dreitausend Pfund hätte
statt Fräulein Hautton! Soll ich hin
gehen und sie ansprechen? Sie scheint
allein?"
Rcvls Fane wußte nicht, ob es bei
Personen dieser Sphäre einer Vorstel
lung bedurfte für alle Fälle winkte
er dem Schultheißen und ersuchte ihn,
das schöne Mädchen ihm vorzustellen.
Ralf Fane war der dritte Sohn von
John Fane, „Merchant Tailor",
Bond Street, London. Frl. Haut
ton wünschte sich zu vermählen, Ralf
Fane war fein und elegant hätte sie
aber Kenntnis gehabt von des Freiers
Abstammung, idte mir dem Leser mit
teilen, sie hätte ihn sofort entlassen.
Diana Haiutton, die Cousine einer
Herzogin, die Schwester eines Peer
vo-n England und eines Schnei
ders Sprößling! Wahrhaftig, ganze
Generationen verblichener Hauttons
hätten sich vor Entsetzen in ihren Sär
gen umgewendet?
Ralf Fane hatte die Universität in
Oxford absolviert sein letztes Bild
hatte ihm einen Namen gegeben. Die
Gesellschaft empfing i$fi# huldigte
Verschlungene Made
Frei bearbeitet «ach einem amerikanischen Roma»
v o n e i i n v o n e e s
ihm, aber selbst sein Freund Guido
Varlscourt wußte nichts von dem
wohlhabenden Schneider in der Bond
'Straße.
Der Schultheiß Warren entsprach
seiner Pflicht als! Zeremoniellmeister.
„Polly Makon, Herr Ralf Fane
wünscht dir vorgestellt zu werden."
Lächelnd und unerschrocken wandte
sich Polly sich ihm zu. Blickten nicht
ihre Freundin Alice Warren und ihre
Feindin Elise Lang auf sie? Sprach
nicht Junker Emil mit der einen und
Junker Guido mit der anderen? Und
hatte nicht eines jener höheren Wesen
sich die Mühe gegeben, zu ihr herab
zukommen?
Es sei ein herrlicher Tag, bemerkte
Ralf Fane, und eine wahre Lust, so
viele 'heitere Menschen um sich zu
sehen. Wie aber komme es, daß Fräu
lein Mason hier so ganz allein sei?
Polly antwortete ruhig, sie habe
keine Lust gehabt, zu speisen, und es
vorgezogen, hier den Beginn des Tan
zes abzuwarten. Wer mit ihr zu tan
zen wünschte, würde sie zu finden
wissen.
„Also Sie sind noch nicht engagiert,
Fräulein Mafon! Wollen Sie mich
mit der ersten Tour beehren?"
Ihn beehren, ihn beehren! Polly
blickte auf, zu sehen, ob er sie nicht
verhöhne Ralf Fane aber sprach in
vollem Ernst, und sie sagte lächelnd zu.
„Ich werde mich damit aber noch
nicht begnügen, sondern noch mehr
Tänze beanspruchen. Ich weiß, Sie
tanzen wie eine Sylphide, Fräulein
Mason ich verstehe das zu beurteilen.
Wir zerbrachen uns auf der Terrasse
den Kopf, wer Sie wohl sein möchten,
da Sie so ganz anders aussehen als
die anderen. Lady Eharteris inter
essierte sich lebhaft für Sie. Bitte,
nehmen Sie gefälligst meinen Arm
dort unter den Buchen ist's kühler."
Polly warf einen frohen, glücklichen
Blick auf Lady Eharteris, und wieder
bemerkte diese schmerzlich die Aehn
ichfeit.
„Wer war das Mädchen? War es
möglich, daß
Als der wilde Gedanke sie durch
zuckte, bedeckte fahle Blässe ihre 35km
geit. Konnte es fein? Sie würde un
gefähr im gleichen Alter stehen wie
dieses Mädchen, das dem einzigen
Mann, den sie je geliebt, so ähnlich
und doch so unähnlich war,
Andere Augen bemerkten das
Paar. Lorh Montalieu nahm das
Augenglas zur Hand. Sir Hugo
blickte mit leichtem Hohn auf Fräu
lein Hautton.
„Welch hübsches Mädchen, hm, Mi
lady? Fanes leicht empfängliches Herz
hat wieder einmal Feuer gefangen
wir werden -heute noch mehr von ihm
sehen."
Dianas Augen funkelten sie erhob
sich mit unterdrücktem Gähnen.
„Wie langweilig all das ist!
Bauerngruppen nehmen sich in Ge
mälden Ja Watteau sehr hübsch aus,
tut gewöhnlichen Leben aber sind sie
unerträglich. Ich werde mich in mein
Zimmer begeben und meine Novelle
zu Ende lesen."
Ter Blechmusik erste Klänge er
reichten noch Fräulein Hauttons ari
stokratisches Ohr, als sie langsam die
Terrasse verließ. Ihr treuloser Freier
aber stand in der Tanzenden Reihe
fein hübsches Antlitz verriet unge
wöhnliche Erregung.
Er lag momentan in -den Fesseln
eines reizenden Wesens, dessen kind
lich-frohes Lachen ihn unwillkürlich
fröhlich stimmte.
Und wie sie tanzte! Monsieur
Dodos hatte seine Aufgabe verstan
den. In jeder Bewegung entwickelte
sich elfenhafte Grazie. Polly war's,
als schwebe sie auf Wolfen sie plau
derte, lachte, tanzte und neckte, ohne
es zu wissen. Das war Lust, das war
Leben. Sie schwärmte für Ralf Fane.
Nächst einem Helden oder Dichter,
einem William Wallace oder einem
Lord Byron, hatte"!ie stets von einem
Künstler mit langem Haar und melan
cholischen Augen geträumt nun hul
digte ihr ein solcher und bat sie, ihm
als „Rosamunde" zu sitzen.
„Hast du Fanes feurige Huldigung
bemerkt?" fragte Emil, als er nach
dem Tanze dem Bruder begegnete.
«Sie galten alle dem Mädchen mit
dem Lockenköpfchen."
„Ich habe nichts bemerkt man sieht
so viel, daß man nicht weiß, wohin
man das Auge zunächst wenden soll.
Ich selbst hatte ein hübsches Mädchen
zum Tanze geführt, aber sie blieb
leider stumm wie ein Fisch."
„Fattes Tänzerin scheint um so
mehr zu sagen zu haben. Härft du sie
lachen? Das arme Kind heißt Pally
Mawn. An einem Namen liegt frei
lich nichts«: aber ich glaube doch, wir
würden Romeo weniger bedauern,
wenn seine Dame Polly Eabulet -ge
heilen hätte."
Guido Earlscourt seufzte. Die nach
lässige Haltung, welche er stets zeigte»
war ihm nur zu natürlich er hatte sie
von seinem Vater geerbt. Das schöne
Aeußere war von der italienischen
Mutter wenn auch südliche Glut auf
ihn übergegangen, so schlief sie vorerst
noch. Der junge Gardeoffizier glaubte
mit einundzwanzig Jahren alle Ge
fühlsphasen durchlebt zu haben und
blickte gleichgültig auf den Freund
und dessen Dame.
„Ja, sie ist hübsch, viel zu hübsch,
um sie Fane allein zu lassen ich werde
mich sofort vorstellen und ihn aus dem
Sattel heben."
Tie Sprache war ebensowenig ga
lant wie die Gesinnung edelmütig
gegen seinen Freund. Guido Earls
court aber fühlte sich vollkommen
fähig, den Sieg zu erringen, war er
doch aller Tarnen Liebling.
„Int Krieg sind alle Mittel er
laubt," dachte der junge Offizier und
näherte sich Polly, für welche Ralf
Fane eben ein Glas Eis holte. Als er
wiederkehrte, lehnte Guido über der
Sessellehne, jtitb Polly lauschte lä
chelnd und erglühend seinem Geflü
ster.
Zürnend blickte Ralf auf Guido.
„Was, beim Kuckuck, bringt dich
her?" lachte Guido. „Das ungefähr
schwebt dir auf der Zunge du brauchst
dich nicht zu bemühen, es auszuspre
chen, deine Züge sagen es deutlich ge
nug, nicht wahr, Fräulein llebri*
geits sind Fräulein Mason und ich alte
Freunde sie kennt mich im Porträt
schon zehn Jahre, und du kannst unter
allen Umständen nicht erwarten, daß
matt dich ohne weiteres den Stern des
Abends allein in Anspruch nehmen
läßt. Frl. Mason versprach mir den
nächsten Tanz die Musik beginnt
eben."
Er führte sie triumphierend fort,
und der Künstler blieb allein. Pollys
Herz klopfte laut. Zwei Herren strit
ten sich beinahe um sie. Ralf Fane war
sehr hübsch, aber Junker Guido, der
Held des Tages, war doch etwas ganz
anderes. Und wie schön er war! Wie
er tanzte! Hoffentlich sah es Elise
Lang, die sie erst jüngst ein rothaari
ges, naseweises Geschöpf genannt.
Warum waren auch Ulrich und Ro*
fanna nicht gegenwärtig? Warum
waren sie nicht in einer Stellung ge
boren, in 'welcher solcher Herren Auf
merksamkeit sich von selbst verstand?
Wäre sie zum Beispiel Mathilde Ehar
teris, des Barons Tochter, so mochte
Guido Earlscourt einst
Der Walzer endete viel zu schnell.
„Ich habe früher noch nie eines
Tanzes Ende bedauert," flüsterte
Guido ihr zu, als Junker Emil her
antrat und den Bruder bat, ihn vor
zustellen.
2 retinal glückliche Polly?
Junker Emil ersuchte sie um den
nächsten Tanz und führte sie in die
Reihen. Alice Warreu tanzte mit
Peter Jenkins, Elise Lang war sitzen-
geblieben, und Pollys Augen funkel
ten triumphierend sie strahlte förm
lich im Lichte der untergehenden
Sonne. Vor zwei 'Stunden war sie im
Herzen noch ein Kind gewesen seit die
drei Herren ihr aber genaht, fühlte sie
sich umgewandelt.
Noch umgab sie die kindliche Grazie,
die nach dem zwanzigsten Jahre kein
Mädchen mehr besitzt aber des länd
lichen Festes Königin konnte nie mehr
das glückliche, unbefangene Kind von
gestern sein.
„Sie ist ein reizendes Rätsel,
Fane," sprach Guido „sie ist lebhaft
wie ein Junge, spricht wie eine Tante
und ist doch nur ein hübsches Kind.
Sie ist mir interessant, und das ist der
nächste Weg zur Liebe. Ta ich aber
grundsätzlich mich nicht verlieben will
und utein Vater an solcher Heirat
feilte Freude haben dürfte, räume ich
freiwillig das Feld."
Dieser Tag lebte fort in Pollys Er
innerung als ein Tag ungetrübten
Glückes. Wiederholt tanzte sie mit
Ralf Fane, und Junfer Emil schritt
an der Seite des letzteren durch die
laubigen Gänge, während die Musik
nicht irdische Weisen, sondern, wie sie
glaubte, himmlische Melodien spielte.
Elise Langs grüne Augen glitzerten
vor Neid, und Junfer Emil, dessen
Aufgabe es war, sich allen Gästen zu
widmen, fand nicht Zeit, sich aus
schließlich mit Alice zu beschäftigen.
Später kam auch Junker Guido noch
einmal und bat um den versprochenen
Tanz. Er hatte sie dazu aufgefordert
und kam, fein Wort zu lösen.
Polly wünschte, ganz epeef haben
möchte ihren Triumph mit ansehen.
Hätte sie gewußt, daß Lady Eharteris
sie beobachtete, so wäre das Maß ihrer
Freude voll gewesen.
In goldener Glorie senkte sich die
Sonne. Polly lauschte Ralf Fanes
melodischer Stimme und versprach, als
„Rosamunde" zu sitzen. Er plauderte
von London, jener unbekannten Welt
ihrer Träume, von Oper und Thea
ter, von Poeten und Autoren, deren
Gedanken ihr Herz entzückten.
Er sprach, wie er nur selten sprach,
und staunte selbst über die ungewohnte
Beredsamkeit aber solch einer Zu
Hörerin mußte einen Mann unfehlbar
begeistern. Wie schon, o wie schön sie
war! Und er •mußte Diana mit
ihren dreitausend Pfund Rente zum
Altar führen.
„Irgendein glücklicher reicher Sterb
licher könnte allenfalls sich so etwas
erlauben," dachte er, und verstand
unter „so etwas" eine Heirat mit
Polly Mason „ich aber bin Diana
verschrieben."
Am dunklen Horizont zvg der sil
berne Mond auf mit Myriaden Ster
nen. Wieder erschien Junker Emil und
bat um einen Tanz.
Elise Lang verzog das Gesicht, als
Polly vorüberschritt.
Guido Earls court tanzte grundsätz
lich wenig die physische Anstrengung
schien ihm in keinem Verhältnis mit
dem Vergnügen. Er ritt, er schwamm
und jagte, hatte die Universität absol
viert, sprach mehrere lebende Spra
chen, war musikalisch, malte und seine
zierlichen Verse erregten allgemeine
Bewunderung. Trotz alledem fand er
das Leben langweilig auch jetzt unter
drückte er artig ein Gähnen, als er
langsam die Stufen zur Terrasse
emporstieg.
Ter Abendwind wehte kühl von der
See, die Sterne blinkten golden am
Firmament immer noch stand Lady
Ebarter is ein der gleichen Stelle und
betrachtete sehnend die lichte Gestalt,
die bald nahe vorüberschwebte, bald in
der Ferne verschwand. Wieder trat
der Gedanke, daß es das Kind sein
möchte, welches sie vor vierzehn Jah
ren weggegeben, vor ihre Seele. Und
tonnt es nicht ihr verlorenes Kind
mar, wer war das Mädchen, das Ro
bert Lisle so auffallend glich?
Eilte Anzahl Gäste war aus der
Nachbarschaft gekommen. Lord Mon
talieu, Sir Hugo und Fräulein Haut
ton unterhielten sich im Salon, Ma
thilde spielte mit einem Kätzchen, und
so war Lady Eharteris allein, ganz
allein mit ihren schmerzlichen Gedan
ken, als Guido Earlscourt die Ter
raise betrat.
„Das war harte Arbeit, Lady Ehar
teris," lächelte er „ich bin totmüde.
Unbegreiflich ist, wie die Leute jede
Tour mit Kraft und Lust beginnen."
Er -warf sich in einen Sessel und
nahm sein Zigarrenetui zur Hand.
..Erlauben Sie, Lady Eharteris?"
„Mit Vergnügen."
„Tanke wo ist Diana?"
„v,tn Saal. Guido!"
Tie Stimme der Tame klang er
regt.
.,Milady befehlen?"
„Wer ist das hübsche Mädchen, mit
dem Sie eben tanzten? Sehen Sie,
dort geht sie mit Emil!"
„Tos ist Polly, ein liebreizendes
Wesen, dessen fittdftck= frohes Gebaren
einem ordentlich wohltut. Es ist Polly
Mason. Lady Eharteris."
„Masott!"
Eine weiße Hand legte sich auf des
jungen Mannes Schulter und klam
merte sich framphaft fest.
Mason!"
Der einfache, gewöhnliche Name
ließ vor Lady Eharteris' Geist den
düsteren Wartesaal eines Bahnhofes
auftauchen, eine lebende weibliche
Figur am Kamin und einen bleuten
jungen Mann, der die Adresse:
„Ulrich Mason, 50 Half Moon Ter
race" wiederholte. Sie war so geister
bleich, so starr, daß Guido sie erstaunt
betrachtete.
„Sind Sie krank, liebe Lady Ehar
teris, hat meine Zigarre—"
„Geben Sie mir Ihren Arm,
Guido," unterbrach sie ihn plötzlich,
ich möchte hinuntergehen zu
Die Stimme versagte seufzend
legte der junge Mann die Zigarre
weg. Manche Personen sind zum Mar
tyriulugeboren er zählte dazu. Selbst
Ladt) Eharteris, gewöhnlich die ruhig
ste, stillste aller Frauen, regte sich ohne
Grund auf und wählte ihn zum Opfer
ihrer Laune. Mit einem Blick vor
wurfsvollen Erstaunens, der aber sei
nen Zweck vollkommen verfehlte, bot
er ihr den Amt.
Zahllose bunte Lampen brannten
in den grünen Zweigen, die Musik
spielte, die jungen Leute tanzten nach
Herzenslust.
Dieses Mal tanzte Polly mit dem
Sohne eines benachbarten Edelman
nes, der sich nun ebenfalls ihr ge
nähert, und die Füße bewegten sich
noch so leicht, als ob es die erste Tour
gewesen. Guido betrachtete sie mit un
verhohlenem Erstaunen.
„Wenn ich's nicht mit eigene
Augen sähe, würde ich's nicht glai
ben und das nennt man das schwas
Geschlecht!"
Im gleichen Moment näherte sia
von der entgegengesetzten Seite ein
Mann Lady Eharteris und ihr Kavn
Her beachteten ihn nicht, bis Polly ihn
erblickte.
„Willst du mich schon holen, Ui
rich?" rief sie. „Bitte, Herr Basset, et
tauben Sie, daß ich mit meinem Vet
ter spreche."
Der Angeredete trat zurück mit
leuchtenden Augen eilte Polly an
Ulrich zu.
„Oh. laß mich bleiben, solange es
dauert, Ulrich es ist ja so 'himmlisch
schön."
"Ich kam nur, dir zu sagen, daß da:
Fest früher endet, bevor ich dich holen
kann. Fahre mit Alice Warren heim
ihr Vater versprach mir, dich on «nfer
Haus zu bringen."
Polly lächelte mutwillig.
„Ganz recht, Ulrich, ich werde sicher
ltachhaufe kommen. Aber tote schade,
daß du nicht bleiben kannst!"
„Für mich haben derlei Unterhal
tungen keinen Reiz sei du recht ver
gnügt, Kind, und gute Nacht!"
Ulrichs Stimme klang traurig. In
seinem Geiste tauchte der Gedanke auf,
daß Polly bald nicht mehr sein Lieb
ling, sein Herzblättchen, sondern ein
erwachsenes Mädchen sein würde. Als
er sich umwandte, fiel fein Blick auf
ein Antlitz, das feinen Schritt hemmte.
Auf Junkers Guidos Arm stützte sich
eine bleiche, schwarzgekleidete Tame
und betrachtete ihn mit flehenden
Blicken.
Ihre Augen begegneten sich Lady
Eharteris wußte nun, daß ihr Kind,
Robert Lisles Kind, die kleine Toch
ter. die sie vor vierzehn Jahren einem
Fremden gegeben,, dort unter Lord
MoittalieuS Gästen im Mondlicht
tanzte.
Um zehn Uhr brach die frohe Ge
sellschaft auf und verließ das Schloß
unter lautem Hochrufen.
Führ Polly Mason wirklich mit
Alice Warren heim? Nein, Ralf Fane
vergaß Diana samt ihren dreitausend
Pfund Rente, vergaß die vornehme
Gesellschaft, die sich nun in des Schlos
ses weiten.fallen ergötzte, ja. vergaß
all seine Pläne und Hoffnungen und
schritt an Pollys Seite durch die stille
mondhelle Nacht Ulrich Masons klei
nem Haufe zu.
i e s K a i e
Eine Nacht im verrufenen Schlöffe
Neun Uhr schlug's, als Polly am
folgenden Morgen erwachte. Gewöhn
lich weckte Rosanna sie unbarmberzig
mit sechs Uhr heute aber ließ sie die
3chläferin ungestört ruhen. Tas arme
Kind ist erst um halb zwölf heimge
kommen drei englische Meilen in
einer schonen Mondnacht und in Be
gleitung eines hübschen Kavaliers sind
auch ein weiter Weg. Von dem Kava
lier wußte Rosanna freilich nichts,
ebensowenig von den langen Stunden,
während welcher Polly sich im Bette
mnherttxtrf und nicht schlafen konnte.
Schlafen! Vor ihren Augen glühten
noch die bunten Lampen, in ihren
Ohren tönte die rauschende iVhtftf
wieder und Ralf Fattes und Guido
(Sariscourts Gestalten schwammen in
goldenem Nebel. Tes Mädchens Herz
war voll köstlicher Unruhe. Morgen
soll er kommen der Gedanke war
wonnig. War das Liebe? Amte
kleine Polly!
Endlich, endlich senkte der Schlum
mer sich doch auf ihre Lider und als
sie müde und trübe rewachte, fühlte sie
sich plötzlich gealtert. Noch gestern war
sie ein wildes Mädchen, das durch
Speckhavens Straßen rannte, die
Kleider zerriß und Rosanna quälte
jetzt war's, als wäre das für immer
vorüber, als gähnte eine Kluft zwi
schen der Polly von gestern und dem
Fräulein Mason von heute.
Ja. sie war „Fräulein Mason" so
hatten die Herren sie genannt, sie war
nun ein erwachsenes Mädchen. Lang
jam erhob fie sich und kleidete sich an.
Wie häßlich ihr verwaschenes, geflick
tes Kattunkleid aussah, wie kindlich
die Bluse mit dein Ledergürtel! War
um konnte sie nicht rosa Seide tragen,
gleich Mathilde Eharteris, und ihre
Haare mit fastbaren Bändern schmük
fett
In der grellen Beleuchtung sah
Polln noch bleicher und nh mächt ig er
aus
als gewöhnlich sie betrachtete sich
mit melancholischen Blicken. Ter Rück
schlag war eingetreten. Vielleicht bes
serte sich Befinden und Stimmung
nach dem Frühstück. Tas junge Mäd
chen beeilte sich, ins Wohnzimmer zu
kommen.
Ulrich malte im Atelier Rosanna
war vertieft in die Geheimnisse des
Kochens. Trotz des herabgestimmten
Allgemeinbefindens und allen Kum
mers über ibr Aussehen ließ Polly
sich doch ein paar Tassen Tee vortreff
lich schmecken und griff dann nach
ihrem Zeichenmaterial, tint unter der
großen llltne nach der Natur zu zeich
nen.
Rofattna protestierte. Es war
Waschtag. Polly mußte das unnütze
Zeug beiseite legen und kochen. Ko­
ßfoiAA AoadaJde frvi ÄiAtiihu.tea+t:
Order from:
chen! Polly seufzte tief. In der Welt,
in der jene lebten, gab es feine Wasch
tage, mußte keine Dame ein spärliche^
Mahl selbst bereiten. Mechanisch ge
ihorchte fie als aber Rosanna die blei
chen Wangen, trüben Augen und mat
ten Bewegungen sah, erschrak sie.
„So, das kommt davon, wenn man
halbe Nächte ausbleibt und tanzt!
Schau einmal einer das Gesicht an!
Gleich setze den Hut auf und geh' wei
ter! Tie frische Luft wird dir gut
tun!"
„Ja, Rosanna," entgegnete Polly
mit ungewohnter Sanftmut, und ver
ließ das Haus. 2te ging jedoch nicht
weit, sondern setzte sich auf die Garten
mauer und versank in tiefes Sinnen.
Tie Gestalten von gestern schienen vor
ihr int Sonnenlicht zu leuchten sie sah
Guidos dunkles schönes Antlitz, Ralf
Fattes blondes, etwas weibisches, aber
feines aristokratisches Gesicht, sah die
hochmütige Tiana Hautton, die ernste
träumerische Lady Eharteris und
Mathilde im lichten rosigen Gewände.
Solch vornehme Gestalten, solch vor
nehme Namen! Und sie war Polly
Mason.
„Ich wurde wahrscheinlich Maria
getauft," dachte sie „das will nun
zwar nicht viel heißen, aber hubscher
als Polly ist es doch."
Unwillkürlich begann sie zu zeich
nen, und beinahe mechanisch entstand
unter ihrer geschickten Hand das Ant
litz, das ant meisten fie beschäftigte.
Die Skizze lvar flüchtig, aber gut ge
lungen und hatte sie schließlich so in
Anspruch genommen, daß sie die
nahenden Fußtritte nicht beachtete.*
„Es ist sehr ähnlich, Fräulein Ma
son," sprach plötzlich eine Stimme
neben ihr, „nur ist unser Freund
Guido etwas geschmeichelt."
„Herr Fane!" rief Polly aufsprin
gend, und suchte die Zeichnung zu ver
bergen. Was mußte er von ihr den
ken? Was konnte er denken, als daß
sie für 'den. schönen Gardeoffizier
schwärmte? Allerdings fühlte Fane
ein wenig Eifersucht, hatte ihn doch
das reizende Gesicht noch im Traume
verfolgt.
„Sie versprachen mir doch, die
Höhle zu zeigen, in der Sie mit Miß
Warren Robinson Erusoe und Freitag
spielten. Bitte, tun Sie das jetzt, da
ich mir nachmittags erlauben werde.
Sie in die Priort) zu holen. Fräulein
Hautton versprach freundlich, mir als«
Königin Eleanor zu sitzen."
„Tazn paßt sie auch vortrefflich,"
entgegnete Polln, und gedachte der
hochmütigen Blicke, mit welchen die
Tante sie betrachtet. „Sie sieht gerade
aus, als ob sie einer Nebenbuhlerin
gern die angenehme Wahl zwischen
To'lch und Giftbecher ließe. Nein,
danke, Herr Fane, ich werde ihren
Arm nicht nehmen man tut das hier
nur, tuenn ."
Errötend hielt sie imte.
„Wenn man verlobt ist, hm? Ah,
Fräulein Mason, das wäre zuviel
Glück für mich!"
Elise Lang sah die beiden vom Fen
ster aus und blickte ihnen mit bitteren,
gehässigen Regungen nach. Sie schrit
ten zur Küste, wo die blauen Wogen
den weißen Sand bespülten, wo das
Sonnenlicht auf der Flut glitzerte, bis
alles einem Feuermeer glich, auf wel
chem die Fischerboote dahinglitten.
„Oh, daß ich das malen konnte,"
rief der Künstler begeistert, „mich un
sterblich machen mit diesem Werk und
meinen Lorbeer zu Ihren Füßen
legen, Polly!"
Es war das erstemal, daß er fie
„Polly" nannte und hätte Rosanna
jetzt des Mädchens Wangen gesehen,
so dürfte fie dieselben nicht mehr zu
bleich gefunden haben. Ralf selbst aber
raffte sich zusammen ihm war's, als
versänke er int Flugsand unsagbarer
Gefahr. Und so sprach er von tausen
derlei gleichgültigen Dingen, die für
Polly aber doch den Reiz der Neuheit
hatten.
Dem jungen, unerfahrenen Mad
chen schwindelte es, vor ihrem geisti
gen Auge gaukelte die Erscheinung
eines Brautzuges sie sah sich in wei
ßem Gewände, geschmückt mit Oran
geiiblüten und einem Schleier, der
gleich einer Wolfe sie umgab, sab sich
in der gedrängt vollen Kirche zu
Speckhaven, und dann in einem rosi
gen Ta sein in welchem Waschtage und
Hausarbeiten nur trübe Erinnerung
der Vergangenheit bildeten.
(Fortsetzung folgt)

THE OFFICIAL HOLY YEAR PRAYER
The prayer composed by Pope Pius XII for the Holy Year
1950, translated into English and printed in convenient leaflet
form (3x5 inches) for insertion into missal or prayer book.
Suitable for congregational recitation. With notation of condi
tions for indulgences, and the Imprimatur of His Excellency,
the Most Rev. Archbishop Murray.
Single copies 5 cents.
10 to 99 copies 1 cent each.
100 to 499 copies cent each.
500 or more V2 cent each.
WANDERER PRINTING COMPANY
128 East lenth Street, ST. PAUL 1, MINNESOTA

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