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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 22, 1950, Ausgabe der 'Wanderer', Image 1

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Nach fünf )ahren
Am Mittwoch l. W. waren es fünf
Jahre, daß mit dem plötzlichen Tod
von Präsident Roosevelt wohl das ver
antwortnngSvollste politische Amt auf
der Welt auf einen Mann überging,
der bis dahin weder in der inneren
und noch in der äußern Politik über
die Mittelmäßigkeit des handwerkmä
ßigen Politikers hinausgewachsen
war.
Harry S. Truman könnte das Ur
bild des durchschnittlichen erfolgrei
chen Parteipolitikers sein, der als, ge
treuer Gefolgsmann einflußreicher
Parteiführer und „Bosses" aus be
scheidener Rolle 'höher und höher steigt
ohne besonderes Können, ohne be
son der es Verdienst, aber als Partei
mann stets eine brauchbare Kraft von
der Pike bis zu wichtigen Parteistel
len, schließlich felber einer der Maß
Gebenden im inneren Zirkel.
Im Bundessenat erfreute er sich ei
ner Popularität, die weniger in seinen
Leistungen als in einer opportunists
schen Bonhomie und der Vertrautheit
mit den Finessen der Parteipolitik be
gründet war. Seine Wahl für die Vi
zepräsidentfchaftskandidatur, mit der
Roosevelt Leute wie Wallace und
Lewis ausschaltete und sich wohl eine
starke Konkurrenz vom Leibe zu Hai
ten suchte, überraschte in weiten Kr ei
len. Aber trotz früherer Warnungen
legte man auf die Vizepräsidentschaft
kein großes Gewicht es ging da vor
nehmlich um eine innere Angelegen
heit der Parteiführung in beiden La
gern.
Erst mit dem Tode Roosevelts wur
de man sich in weiten Volkskreisen des
Mangels an einer den Zeitforderun
gen entsprechenden Führung bewußt.
Damals 'hatten Kenner der Washing
toner Verhältnisse, wie das später
Farley und andere taten, noch nicht
ausgeplaudert, daß das Land schon
seit geraumer Zeit ohne starke Füh
rung gewesen, baß Franklin D. Roo
sevelt schon vor seiner letzten Wahl ein
kranker Mann und körperlich und gei
stig- den gewaltigen Anforderungen
nicht mehr gewachsen war. Das mach
te selbstverständlich die Aufgaben des
neuen Herrn im Weißen Haus nur
um so schwieriger.
Aber Hr. Truman ließ sich dadurch
in seiner Coue Philosophie nicht be
irren. Charakteristisch dafür war sein
Debut in der Weltpolitik wenige Mo
nate nach feinem Amtsantritt. Mit
unvergleichlicher Nonchalance und ei
ner faft rührenden Naivität verhan
delte er in Potsdam mit dem gerissen
sten der Totalitätspolitiker und ver
briefte und besiegelte zwischen Wodka
toasten und Produktionen am Klavier
die verhängnisvollen Abmachungen
der vorausgegangenen, von Leuten
vom Schlage eines Alger Hiß berate
nen Geheimkonferenzen. Und mit ah
nungsloser Genugtuung gab er kurz
darauf die folgenschwere erste Ver
wendung der Atombombe in Hiroshi
ma und Nagasaki bekannt.
Die Außen- und Innenpolitik
Dem Potsdamer Debut entsprachen
die weiteren Leistungen unserer aus
wärtigen Politik bis herauf zur Ka
tastrophe in China. Damit soll nicht
gesagt sein, daß sich nicht auch beach
tendWrte Leistungen, wör immer das
„Urheberrecht" beanspruchen kann, in
die lange Kette der Mißerfolge und
verfehlten Kalkulationen einreihten.
Die Truman- Do ktr in
", der Mar
shall-Plan und andere Abwehrmaß
nahmen gegenüber dem immer be
drohlicher auftretenden russischen
Kommunismus haben Dämme er
richtet, die der roten Flut wenigstens
zeitweilig wehrten.
Unparteiliches Urteil muß auch an
erkennen, daß nicht ausschließlich die
mangelnde Staatskunst der letzten
Jahre für die heillose Weltlage ver
antwortlich ist. Was wir heute vor
uns sehen, ist die Auswirkung der
verderblichen Ideen des Liberalismus
und '^äkularismus, die das Staats
und Völkerleben seit langem beherrscht
haben. Es ist die soziale Revolution,
welche die Päpste und andere große
Denfer schon seit mehr als hundert
Jahren als unausbleiblich hingestellt
haben, wenn die Gesellschaft sich nicht
abwende von ihren verkehrten Wegen
und in ihrem Abfall von Gott und
Seilten Geboten verharre. Wenn da
rum die heutigen Staatenlenker den
Ausweg aus dem unheilvollen Wirr
warr immer nur mit unzulänglichen
,V-.
Zwischen Rrieg und frieden
Mitteln suchen, sind alle mitverant
wortlich, die sich um die Erforschung
der wahren Ursachen der fortschrei
tenden Zerrüttung nicht bemühen mid
immer nur mit den abgeleierten
I Sprüchlein der Freiheit und des Fort
schritte die Uebel der Zeit „bespre
chen".
Tie Anklagen der Pfuscherei und
des Nichtskönnens richten sich darum
auch nicht einseitig gegen Truman und
seine Partei. Die Republikaner haben
in den Jahren, da sie das Ruder in
der Hand hatten, den Götzen des Li
beralismus nicht weniger Weihrauch
dargebracht als die Demokraten. Ihre
Außenpolitik hat von der Aera Hau
na-McKinley an die Wege bereitet,
auf denen die Ver. Staaten in der
Folgezeit auf die weite Arena der
Weltpolitik hinausgezogen find. Und
in der inneren Politik haben sich bei
de Parteien einander nichts vorzuwer
fen. Bewegt sich unsere Politik seit
dem „New Deal" in steigendem Tem
po dein Sozialismus, der Parteidik»
totur und dem Totalitarismus zu, so
war die republikanische Partei ver
knöchert im Wirtschastsliberalismus,
und selbst der in der Aera Roosevelt
einsetzende Abbröckelungsprozeß ver
mochte sie nicht herauszureißen aus
ihrer Selbstherrlichkeit. Wir haben
zwar nie einzustimmen vermocht in
die Verhöhnung des „elendesten aller
Kongresse". Aber ebensowenig ver
mochten wir die satte Selbstgefällig
feit und Zuversicht zu begreifen, mit
der die Republikaner den Wahlkampf
von 1948 führten. Es war das einer
der entscheidenden Wendepunkte in der
Geschichte unseres Landes. Auch mit
einem viel besser fundierten und viel
schärfer umrissenen Programm und
einem zugkräftigeren .Kandidaten wä
ren die Republtfatner ihren in einem
Heer beamteter Parteimitglieder fest
verankerten und von starken sozialen
Gruppen bevorzugten Gegner unter
legen. Aber sie hätten wenigstens als
eindrucksvollere Minderheit sich be
haupten und ein gesünderes Verhält
nis zwischen der Stärke der beiden
Parteien erhalten können. Eine über
mächtige Partei, besonders wenn sie
vornehmlich Ausdruck eines bestimm
ten Klassenwillens ist, ist keine gesun
de Erscheinung in einer Demokratie.
An dieser einseitigen Parteimacht
krankt augenblicklich unser politisches
Leben mehr denn je. Diese Parteiherr
schaft bestimmt nicht allein die innere,
sondern auch die Außenpolitik. Es
geht da weit weniger um Grundsätze
als um künftige Wahlsiege. Aus die
sen Tendenzen ergibt sich auch die lei
denschaftliche Ablehnung jeder Kritik,
3. B. im Falle der zum mindesten teil
weise berechtigten Angriffe gegen das
Staatsdepartement. Daß ein solch
engherziger Kampf der Parteien ei
ner wirklich konstruktiven Politik
nicht dienlich ist, bedarf keiner langen
Beweisführung. Bis jetzt überragen
die Leistungen des demokratischen
Kongresses sicherlich nicht die seines
republikanischen Vorgängers.
Eine ungesunde Lage
Trotz allem aber ist Hr. Truman
mit seinen Errungenschaften höchst zu
frieden. Er hat das am Jahrestag sei
nes Amtsantritts mit allem Nach
druck verkündet und sich selber die Er
ruiigenschaften gutgeschrieben. G. G.
Gabrielson, der Vorsitzende des re
publikanischen Nationalkomitees, be
streitet die Berechtigung der Ansprü
che des Präsidenten. Er weist hin auf
die Niederlagen, die wir in der Welt
politik einstecken mußten, auf die nur
in astronomischen Zahlen auszudrük
keitde Schuldenlast des Landes, die
hohen Steuern, die große Zahl der
Arbeitslosen usw.
Ter demokratische Präsident und
der republikanische Führer sind
schwerlich unvoreingenommene Zeu
gen. Der Präsident malt zweifellos zu
einseitig mit rosigen Farben, der Re
publikaner läßt alle helleren Lichter
vermissen. Aber wir glauben, daß das
dunklere Bild der Wirklichkeit mehr
entspricht. Die ungeheure Schulden
last und die hohen Steuern sind Tat
sachen. Tatsache ist auch, daß die hö
here Prosperität trügerisch und zum
Teil eine Folge der starken Wehrauf
träge ist. Was die Zahl der Arbeits
losen betrifft, so wäre diese noch ganz
erheblich höher, wäre es nicht um das
unheimlich gewachsene Beamtenheer
und die vielen Tausende in der Wehr
macht. Der beschämende Mangel an
-^f/'tgr^T-
Nm«
hinreichender Behausung, die Miß
Wirtschaft in der rationellen Vertei
lung der Erzeugnisse der Landwirt
ichoft und die ins Uferlose gehenden
weiteren Forderungen der Regierung
von Bundessubsidien usw. sind wahr
lich keine Erscheinungen, die einseitige
parteipolitische Lobeserhebungen recht
fertigen.
Von größter Tragweite ist es, daß
die maßlosen Vergeudungen und For
derungen der Regierung ihr Echo und
Gegenstück finden in der Privatwirt
schaft, wo die soziale Gerechtigkeit oft
geradezu erschlagen wird. Tie gesam
ten St. Pauler Druckereien 3. B. sind
von einem Streik bedroht, weil sie sich
wehren gegen Gewerkschaftsforderun.
gen, die, soweit mittlere und kleine
Druckereien in Betracht kommen, ge
radezu eine Konfiskation bedeuten.
(Tie Stundenlohne betragen jetzt
schon $2.35 rund $4,600.00 das
Jahr, bei einer Arbeitswoche von sie«
bennnddreißigeinhalb Stunden, zwei
Ferienwochen und sechs Feiertagen zu
vollem Lohn. Tie neuen Forderungen
gehen darüber erheblich hinaus. Zum
Teil sind allerdings Löhne dieser Art
eine Folge der hohen Steuerabgaben,
die von den Geschäften eingezogen und
an das Steueramt weitergeleitet wer
den müssen.)
Die internationale Lage
Wir haben diese Darlegungen un
serer Rundschau vorangestellt, weil die
Ver. Staaten die führende Weltmacht
im Kampfe gegen den russischen Ko
loß sind. Tie übrigen Länder des We
stens sind wirtschaftlich weit schlimmer
dran, und die politische Mißwirtschaft
und Zerrüttung sind dort fast überall
zum mindesten nicht besser.
Taraus ergibt sich, auch wenn wir
ganz absehen von den religiösen und
sittlichen Schwächen des Westens, der
ungeheure Ernst der.gegenwärtigen
Lage. Manche sind mit einer Lösung
schnell bei der Hand: Warum lassen
wir Rußland nicht unsere ganze (heu
te staff beeinträchtigte) Stärke füh
len, solange es dafür nicht zu spät und
Moskau ungenügend vorbereitet ist
für einen entscheidenden Schlag? Die
Antwort geht dahin, daß, wie die Er
fahrung lehrt, Kriege nichts lösen und
nur neue Probleme zu den alten häu
fen. Das gilt auch von Präventivkrie
gen. Bei diesen kommt noch hinzu, daß
die öffentliche Meinung leicht für ei
nen Verteidigungskrieg und schwer
für einen Angriffs- und Präventiv
krieg mobilisiert werden kann. Das
weiß man auch in Moskau, und ge
rade darum wird die kommunistische
Propaganda nicht müde, den Westen
der Kriegshetze und der Eroberung*
fust gegenüber dem angeblich leiden
schaftlich den, Frieden ergebenen Ruß
land beschuldigt.
Was gegenüber einem hinterlisti
gen Feind notwendig ist, ist hin rev
chende Kampfbereitschaft, dann aber
in der heutigen Lage vor allem der
feste Zusammenschluß der von dem
Gegner gleichmäßig bedrohten Län
der. Einen solchen Zusammenschluß
versucht man durch den Atlantischen
Pakt und den einstweilen noch recht
problematischen Europa-Rat. Aber 0
sehr in diesen Allianzen die Erkennt
nis der gemeinsamen Not zum Aus
druck kommt, fehlt es doch an festen
und konsequenten Grundsätzen, nach
denen dieser Not Rechnung getragen
wird.
Auch das ist nichts Neues. In den
Memoiren von Männern, die an der
Pariser Konferenz nach dem ersten
Weltkrieg in leitenden Stellungen be
teiligt waren, kann man nachlesen,
wie sehr man die Fortsetzung des Krie
ges durch neue Konflikte befürchtete,
wie wenig über Selbstsucht und Chau
vinismus?, vor allem auf französischer
Seite, diesen Befürchtungen konse
quent Rechnung trugen. Damals wur
de die Saat des zweiten Weltkrieges
ausgestreut. Heute ist die Lage noch
viel düsterer. Aber die Selbstsucht er
weist sich immer wieder als stärker als
die Erkenntnis der Gefahren und die
Furcht vor einem Feind, desgleichen
es nach dem ersten Weltkrieg nicht
gab. Man spielt mit der Gefahr noch
verstockter als damals, erwartet
Schutz unter der Macht der Ver.
Staaten, verschließt sich aber der Ein
sieht, daß nur ein festgeeintes Europa
den Schutz aller einigermaßen ver
bürgt. Man sieht scheel auf Spanien,
Portugal und Irland, und was
Deutschland anbelangt, spielt die
französische Politik das alte Spiel
und sucht unter Fälschung der Ge
schichte Teutschland als den einzigen
europäischen Störenfried zu dauern
der Ohnmacht zu verurteilen. Dabei
weiß heute jeder, der'» wissen will,
daß der wirkliche Feind Europas hin
ter der Elbe auf die große Gelegen
heit lauert, den alten russischen Traum
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$tn Familienblatt für Wahrheit und Recht zur Belehrung und Unterhaltung
Ausgabe des »Wanderer'
Her»Hgegete» im PiPstliche» Sslegi»» Jsfephi»»« z»« Beste» der Priesterzögli»ge. Prei» für eis Jahr tu de» Ber. Statt» $3.00, is ftaaata »»d alles ssberes Lisbers $3Ä
der Beherrschung Europas zu ver
wirklichen. Aber in Paris ist man
blind und taub, und mit der Annexion
der Saar und der. leider auch von den
Westmächten gutgeheißenen Verkno
tu tig der Einladung an West-Teutsch
land und die „autonome" Saar in
den Europa-Rat hat man der Befrie
dung Europas einen schweren Stoß
versetzt. Allem Anschein nach hat man
es in Bonn nicht eilig mit der De
batte über die Einladung wahrschein
lich will man abwarten, ob die Lon
doner Ministerkonferenz im Mai
nicht doch noch ein erlösendes Wort
zur Saar-Frage spricht und die We
ge zu einem Kompromiß öffnet.
Französische Forderungen
Aber augenscheinlich sind die heu
tigen Pariser Politiker genau so in
transigent wie vor zweiunddreißig
Jahren Clemenceau. Statt in der
Saar-Frage die Hand zu bieten zu
einer Losung, wie sie der heutigen
europäischen Lage entspräche, sind sie
allem Anschein nach entschlossen, mit
den bewährten Erpresserkünsten in
London die Saar Frage zu überschat
ten durch Forderungen in Bezug auf
die Ruhr. In einer Bonner Meldung
vom 14. April heißt es:
Frankreich hat sich geweigert, dem
Vorschlag Englands und der Ver.
Staaten zuzustimmen, den Deutschen
die Entscheidung über den zukünfti
gen Besitz der Stahl- und Kohlenin
buftric im Ruhr-Gebiet zu überlas
feit.
Turch das Veto wurde der Plan
automatisch auf dreißig Tage suspen
diert und das ganze Problem wieder
den Regierungen der drei Mächte
überantwortet.
Frankreichs Protest richtete sich ge
gen eine Bestimmung, die auf Zerle
gung der Stahl- und Kohlenkartelle
abzielte, weil die Deutschen das Recht
haben sollten, selbst über die Form
des Besitzes dieser Industriezweige zv
entscheiden. Die Briten und Amerika
ner hatten sich auf diese Bestimmung
geeinigt, ehe Frankreich ein Wort
über die Zukunft des Ruhr-Gebiets
mitsprechen konnte.
Der heftige Protest ist der erste
Fall einer Nichteinigung der drei
Hochkommissare und erste Zurückver
weisung an ihre Regierungen. Diese
drei Kommissare, John I- McCloy.
Sir Brian Robertson und Fraitqois
Poncet. haben das Recht, über die Zu
kunft des Ruhr-Gebietes durch Mehr
heitsbefchluß zu entscheiden, aber
wenn einer der Kommissare geltend
macht, daß ein Beschluß den Sicher
heits- und est ige-A1
sp üchen seiner
Regierung widerspricht, kann er an
seine Regierung appellieren.
Das hat Franqois-Poncet heute ge
tan, nachdem Robertson und McCloy
dafür gestimmt hatten, das Verspre
chen, das den Deutschen früher gege
ben wurde, einzuhalten.
Tie Franzosen stellten sich auf den
Standpunkt, daß die deutschen Voll
machten. über den zukünftigen Besitz
zu entscheide», soweit eingeschränkt
werden müßten, daß die Wiederauf=
richtung eines von der Regierung kon
trollierten Stahl- und Kohlenkonzerns
verhindert wird. Tie deutsche Kon
trolle soll auf alle Fälle erst erfolgen,
wenn die Okkupation aufhört.
Tas neue Geietz sollte das Gesetz
Nr. 75 ersetzen, das sich mit der Zer
schlagung der Kartelle befaßt und kurz
nach dem Ende des Krieges in Kraft
trat. Ter Wortlaut dieses Gesetzes ist
niemals veröffentlicht worden.
Tie automatische Suspendierung
auf dreißig Tage, welche Frankreich
beute erzwungen hat, wird andauern,
wenn die amerikanische und die briti
sche Regierung sich nicht auf den Be
fund einigen, daß Frankreichs Pro
test nicht gerechtfertigt fei, und es da
mit nicht überstimmen.
Rußlands Politik
Es ist genau so wie 1918/19, als
Clemenceau seine Verhandlungspart
ner fast zur Verzweiflung trieb und
schließlich ein elendes Tiktat-Mach
werk zusammen kam, das, genau wie
einsichtige Beobachter in Paris vor
aussagten, Europa nicht zur Ruhe
kommen ließ und eine der Ursachen
des zweiten Weltkrieges wurde. Und
es ist genau so, als ob es heute kein
wichtigeres Problem iit der Welt gä
be als die Befriedigung des französi
schen Machtwillens. und als ob nicht
Rußland zu irgend einer Zeit all dem
eitlen Getue an der Seine ein Ende
machen könnte.
Wir wollen die Lage nicht schwär»
zer malen als sie ist. Aber es ist be
denklich, die Gefahr zu unterschätzen.
Wir waren lange der Meinung
und hoffen noch immer, daß diese den
Tatsachen entspricht —, daß Rußland
es heute noch nicht auf einen Krieg
entkommen lassen will. Aber die An
zeichen mehren sich, daß man in Mos
kau. geblendet von den Ersolgen, heu
te weniger darauf bedacht ist, den
Krieg zu vermeiden. Bei dem Zwi
schenfall in der Ostsee, der Abschie
ßung eines unbewaffneten amerikani
schen Flugzeuges, könnte es sich um
einen Irrtum oder um die Bravado
Tat gesinnnugstüchtiger Bolschewisten
gehandelt haben. Es mag auch sein,
daß Moskau feststellen wollte, wie
weit man in der Herausforderung der
Ver. Staaten gehen könnte. Tas ist
schon an sich gefährlich genug. Es
kann aber auch sein, daß man den
Zwischenfall inszenierte unter voller
Erwägung aller Folgen.
Für diese Möglichkeit spricht die
Haltung der Moskau'er Regierung
und die pöbelhafte Behandlung der
Angelegenheit in der Parteipresse. Im
Verkehr unter gesitteten Völkern wür
de man, falls das amerikanische Flug
zeug tatsächlich bis nach Libau vorge
stoßen sein sollte, in einer höflichen
Note dem Befremden über einen sol
chen Vorgang Ausdruck gegeben und
Bedauern geäußert haben über die
Beschießung des Flugzeugs. Tie Be
gleitumstände über lassen vermuten,
daß man in Moskau von vornherein
jede Möglichkeit eines Irrtums oder
Unfalls der amerikanischen Flieger
absichtlich ignorierte und einen „Zwi
schenfall" künstlich konstruierte. Nach
amerikanischer Tarstellung war das
Flugzeug, das nach der Beschießung
durch die Russen augenscheinlich in
der Ostsee versank, unbewaffnet. Tie
russischen Flieger (oder die Moskau'er
Gewaltmenschen) logen demnach, als
sie behaupteten, die Amerikaner hät
ten zuerst geschossen. Und aus dieser
Lüge baute Wisch in sky einen gehar
nischten Protest auf, in dent er von
der Verletzung des Völkerrechts re
det! Tie russischen Flieger werden
ausgezeichnet, und die .Prawda'
prahlt, daß den amerikanischen „Spio
nen" der verdiente Lohn zuteil gewor
den sei.
Tie Möglichkeit liegt vor, daß das
amerikanische Flugzeug über dem of
fenen Meer, also in neutralem Gebiet
abgeschossen wurde. Aber das wird sich
vielleicht nie beweisen lassen. Tas
Flugzeug ist spurlos verschwunden,
die aus zehn Mann bestehende Be
satzung ist allem Anschein nach er
trunken. Tas Staatsdepartement in
Washington hat sich bisher darauf be
schränkt. die Tatsachen, soweit es sie
kennt, bekannt zu geben. Wischinskys
Note wurde bis jetzt nicht beantwor
tet.
Der polnische Kulturkampf
Daß Rußland etwas int Schilde
führt, scheint auch aus den neuesten
Meldungen aus Polen hervorzugehen.
Tort schikanierte die kommunistische
Regierung die Kirche in der üblichen
Weise. Sie ging nicht ganz so weit
wie das in Ungarn und in der Tsche
cho-Slowakei geschah, aber die katholi
sche Presse und katholische Organisa
tionen wurden unterdrückt, die katho
lische Caritas in Staatsregie über
nommen, die kirchlichen Ländereien
konfisziert usw.
Am Samstag aber verkündete die
Regierung durch ihre Preßorgane den
Abschluß eines Abkommens zwischen
der Regierung und zwei oder drei
Bischöfen, das auf den ersten Blick
die Herstellung des vollen Friedens
zwischen Kirche und Staat zu bedeu
ten scheint. Alle Rechte und Freihei
ten der Kirche scheinen gewährt
Schule. Presse, Vereine scheinen die
volle staatliche Billigung erhalten zu
haben. Als Gegenleistung verspricht
die Kirche, jegliche Opposition gegen
die kommunistische Regierung zu be
kämpfen und vor allem jeglicher deut
schen Agitation gegen die Revision der
deutschen Grenze entgegenzutreten.
Tas soll besonderen Ausdruck finden
durch eine Petition an den Hl. Stuhl,
in den ehemals deutschen Gebieten
politische Tiözesen zu errichten.
Urtier erster Eindruck war. daß
hierin der Schwerpunkt des angebli
chen Abkommens liege, daß es sich mit
einen politischen Schachzug handle,
für den man kirchliche Kreise gewon
nen habe eilte Annahme, die nach
früheren Vorgängen viel für sich hat.
Dünn aber kanten Meldungen aus
Rom, daß man dort von dem angebli
chen Abkommen keinerlei Kenntnis
habe und daß es sich allenfalls nur
um tentative Vorschläge handeln kön
ne.
Es ist jetzt abzuwarten, ob 'die
Warschauer Meldung mehr ist als
ein Versuchsballon, oder ob wir es mit
einem raffinierten kommunistischen
Manöver zu tun haben, die Kirche
wieder einmal ins Unrecht zu setzen,
und ob das angebliche Abkommen
weiter nichts ist als eine neue Etappe
Nr. 51
auf dem Wege, die Kirche in den 'Ost
Ländern zu versklaven und den Kampf
auch auf der religiösen Linie weiter
vorzutragen.
Allerlei Pläne
Tie allgemeine Unklarheit und Un
sicherheit spiegelt sich in mancherlei
neuen Vorschlägen und Aktionen. Von
Washington kommt die Meldung, daß
Staatssekretär A chew n eilten strategi
schen Ausschuß zu schassen gedenkt,
der unsere Auslandpolitik auf diplo
matischem und wirtschaftlichem Ge
biet koordinieren soll. M. Bidault
möchte eine ähnliche Maschinerie, ein
„Atlantic High Council", innerhalb
der Atlantischen Paktstaaten haben.
Generalsekretär Trogve Lie möchte
nächsten Monat nach Moskau mall
fahrten, um mit Stalin zu konferie
ren über die Möglichkeit, das rote
China unter einer annehmbaren For
mel in den Weltbund zu bringen und
dem russischen Boykott der 1IN ein
Ende zu machen. Auch auf der Lon
doner Konferenz sollen die Beziehun
gen zu Rußland einer eingebenden
Prü'ung unterzogen werden, lieber
Trieft wird eifrig debattiert. Vor den
italienischen Wahlen vor zwei Jahren
haben sich die Westmächte für die
Rückgabe von Trieft üii Italien aus
gesprochen. Seitdem aber haben sich
unsere Beziehungen zu Tito, der
Tuodez-Ausgabe Stalins, verändert
und Bestrebungen sind im Gang, Ita
lien und Jugoslawien zu einem fried
lichen Ausgleich zu bewegen. In Rom
ließ man sich für den Gedanken ge
winnen, aber ein italienischer Vor
schlag für direkte Verhandlungen zwi
schett beiden Ländern wurde in Bei
grad mit großem Geschrei abgelehnt.
In unserm eigenen Land steht der
Streit um Senator McCarthy und
seine Anklagen gegen das Staatsde
partem ent im Vordergrund des In
teresses. Ausschlaggebend für den
weiteren Verlauf der Kontroverse
dürften die Aussagen des vor den
Untersuchungsausschuß geladenen ehe
maligen kommunistischen Redakteurs
Louis Budenz fein. Er wird vor al
lem darüber verhört werden, was er
über Profeffor Owen Lattimore weiß,
der von McCarthy als Spion Ruß
lands bezeichnet wurde. Wenn Hr.
Budenz der nach feiner eigenen
Aussage den Wisconfiner Senator
nicht kennt und über seine Vorladung
nach Washington überrascht war
Beweise für die Anklagen McCarthys
vorzubringen vermag, bedeutete das
einen schweren Schlag nicht allein für
Lattimore, fondern auch für feine ho
hen Protektoren. Aber was auch im
mer vor dein Untersuchungsausschuß
heute geschehen wird, Tatsache ist,
daß Lattimores Ansichten über China
großenteils mit der vom Staatsde
partement mit so katastrophalen Fol
gen verfolgten Politik sich decken. Noch
vor wenigen Tagen trat er in einer
Rede in Philadelphia erneut dafür
ein, düß die Regierung das Nationa
listische Regime Chinas vollständig
fallen lasse und sich für die Aufnahme
des Roten China in den Völkerbund
einsetze.
Vermischte«
Ter amerikanische Hohe Kommissar
John I. McCloy kündigte am Mon
tag an. daß Tr. George N. Shuster
vom Hunter College in New Aork zum
Kommissar für Bayern ernannt wur
de. Tie amerikanischen Behörden
in Bayern haben sich bisher nicht im
mer durch staatsrnännische Klugheit
ausgezeichnet und allzu oft geringes
Verständnis für katholische Belange
an den Tag gelegt. Das dürfte unter
Tr. Shuster. wenn das durch höhere
Stellen nicht vereitelt wird, besser
werden. Tie Ernennung dieses Schul
mannes ist besonders bedeutungsvoll,
da es in Bayern gerade auf dem Ge
biet des höheren Schulwesens immer
wieder zu Reibungen und Konflikten
gekommen ist.
Auf einem Spaziergang mit feiner
Gattin starb in New Aork der Jurist
Otto Pfeiffenberger. Bis zur Hitler»
Zeit war er Staatsanwalt in 'Mann
heim. Als treuer Katholik mußte er
ans dem Amte scheiden, nahm sich
aber in seiner Praxis als Rechtsan
walt mutig seiner Glaubensgenossen
an. Als die Regierung im Begriffe
stand, deshalb ein Verfahren gegen
ihn einzuleiten, flüchtete er sich ins
Ausland, zunächst nach der Schweiz
und 1939 nach den Ver. Staaten. Iit
New Aork war er an mehreren katho
lischen Anstalten als Lehrer und im
Büro des Rechtsanwalts Theobald
Deitgler tätig. Er war einundsiebzig
Jahre alt.

Samstag, den 22. April 1950

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