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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 29, 1950, Ausgabe der 'Wanderer', Image 7

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(Fortsetzung)
„Auch in dem fraglichen Fall bat
derLakei vollkommen recht Herr Fane
besuchte uns heute und wir besprachen
die Sache. Er ist mit Fräulein ver
lobt im. kommenden Mai werden sie
11t London getraut."
Mit diesen Worten wandte Polly
Elise &ang den Nucken.
Lord Montalieu war mit dem
Abendzug in
Der Schloßherr sab in einem gro
ßen Lehnsessel vor dem Schreibtisch
und starrte gedankenvoll vor sich hin.
Auch Ralf Fane fühlte sich eigentüm
lich bewegt, als er die Bibliothek be
trat. Beide Herren waren zu sehr in
Me eigenen Angelegenheiten vertieft,
um die gegenseitige Aufregung zu be
achten.
Ralf Fane setzte sich. Man sagt, es
sei viel schwerer, bei dem Vater oder
Vormund die Werbung anzubringen
als bei der betreffenden Dame selbst.
«Der Künstler war mit Diana im
besten Einverständnis, wußte über
dies, daß die Werbung bei Lord Mon
talieu nur formell sei, und doch starb
ihm das Wort in der Kehle gleich
Macbeths „Amen". Mylord zog ge
toiltsam die Gedanken ab von dem
Thema, das ihn so lebhaft beschäftigte.
Mid lauschte Äes jungen Mannes ge
brochener Rede.
„Sie wollen Tiaia heiraten und
bitten um meine Einwilligung. Es ist
recht schön von Ihnen, daß Sie zu
nächst zu mir kommen aber eigentlich
ist es überflüssig, obgleich ich Ihnen
von Herzen Glück wünsche. Es ist
allerdings ein kleiner Altersunter
schied vorhanden aber die Schotten
sogen ja, es bringe dem Hause Glück,
wenn die Frau älter sei."
Ralf Fane sah aus, als ob es ihm
lieber sei, wenn der kleine Alters
unterschied nicht vorhanden wäre.
„Ich habe also Ihre Zustimmung,
Mylord?" fragte er sich erhebend.
„Von Herzen nur muß ich Sie dar
auf aufmerksam machen, daß Dianas
Einkommen mit ihr stirbt. Und nun
auf etwas anderes zu kommen, Fane,
Möchte ich Sie fragen, ob Ihnen nicht
zufällig ein Mann namens Mason be
kannt ist?"
Ralf Fane fuhr auf.
„Ich kenne einen Mann dieses Na
mens aber es mag viele ,Mason' in
Speckhaven geben, der Name ist sehr
gewöhnlich."
„Allerdings foer Mann, den ich
suche, heißt Ulrich Mason, ist Dekora
tionsmaler und hat eine Schwester
Rosamunde Rosalinde nein,
Rosanna."
„Den Mann kenne ich."
„Er soll auch ein Mündel haben, die
für feine Nichte gilt ein sechzehnjähri
ges Mädchen namen* Polly."
Wäre Lord Montalieu nicht so sehr
von seinem Notizbuch, dem er alle
diese Einzelheiten entnahm, in An
spruch genommen gewesen, des Künst
lers Aufregung wäre ihm nicht ent
gangen.
„Ich kenne auch Polly Mason, My
lord."
„Sagen Sie mir, wie sie aussieht
Ich wette, es ist ein plumpes Geschöpf
mit Stupsnäschen und schauderhaftem
Dialekt."
„Sie würden Ihre Wette verlieren,
Mylord Fräulein Mason ist eines der
hübschesten Mädchen, das ich je sah."
„Wirklich?" 'seufzte Lord Monta
lieu. „Um so schlimmer für mich. Ein
Mündel und Erbin mit Stupsnase
wäre schlimm genug gewesen ein
Mündel aber mit griechischer Nase und
achtzigtausend Pfund Vermögen ist
noch hundertmal schlimmer. Nun,
mein Leben war ein langes Marty
rium vielleicht ist 'das der Stroh
Halm, der des Kamels Rücken bricht."
Mit sprachloser Verwunderung
starrte Ralf Fane auf den Schloß
Herrn.
„Ich verstehe Sie nicht, Mylord
Polly Mason ist die arme Verwandte
des Dekorationsmalers und wurde
von diesem aus Barmherzigkeit er
zogen."
„Aber ich sage Ihnen, sie ist mein
Mündel und besitzt ein disponibles
Vermögen von achtzigtausend Pfund.
Schauen Sie mich nicht so verdutzt an
die Geschichte ist zu lang, bei Tisch fal
len Sie dieselbe hören."
Der.Lord erhob sich. Ralf Fane ver
ließ das Zimmer er war wie betäubt
und suchte seine Braut nicht auf. Um
Verlchlungene Made
Frei bearbeitet nach einem amerikanischen Roma»
von Freii» von Berlepsch
Begleitung seines Rechts-
freundes Gripper, eines kleinen, düste
ren, ernsten Mannes, gekommen. Sie
blinden etwa eine Stunde in der
Bibliothek eingeschlossen dann wurde
dem Advokaten ein Zimmer angewie
sen und seiner Lordschaft Ralf Fane
gemeldet.
Familie speisen würden. Lord Monta
lieu benutzte die wenigen Minuten,
bevor man sich in den Speisesaal be
gab, um Diana zu der interessanten
Episode ihres Lebens Glück zu wün
schen. Bei Tisch wurde Herr Gripper
den Anwesenden vorgestellt.
„Mein Rechtsfreund erinnert nicht
an die lichten Engels gestalten, die
über glückliche Sterbliche das Füll
horn ihres Segens streiten, und doch
ist er in ähnlicher Absicht gekommen.
eine Aufgabe ist es, einem sechzehn
jährigen Landmädchen zu verkünden,
das sie mein Mündel und Erbin von
achtzigtausend Pfund ist. Kennt sie
wohl irgend jemand außer Fane?
hr gegenwärtiger Name ist Polly
Mason."'
Lord Montalieu staunte über die
Sensation, welche des gewöhnlichen
Mädchens gewöhnlicher Name hervor
rief. Diana Hautton fuhr auf und hef
tete einen eisigen Blick auf den Ver
lobten, der die Augen senkte und
langsam zu versteinern schien Lady
(Shortens ließ klirrend den Löffel in
den Teller fallen, Guido und Emil
schienen sich sehr für die Sache zu
interessieren, und Sir Hugo erwar
tete, nach strengem Blick auf feine
bleiche Frau, gespannt weitere Mit
teilmtg.
„Nun, es scheint, ihr kennt sie alle
und es wird am besten sein, ich erzähle,
die Romanze ans dem Leben vom An
fang an."
Mylord schob den Teller weg und
lehnte sich zurück.
„Am zweiten April waren es vier
zehn Jahre, daß ich mich in New Z)ork
nach Liverpool einschiffte. Ich erinnere
mich genau des Tatunis, weil ich
Amerika sehr ungern verließ die neun
Monate, welche ich in den Prärien des
Westens unter Indianern und Büf
feln verlebte, zählen zu den interessan
testen Episoden meines Lebens. Die
Passagiere des Dampfers waren Leute
von der gewöhnlichsten Sorte: reiche
Kaufleute und Fabrikanten, die sich
aufmachten, Europa zu sehen. Unter
allen war nur ein Mann, den zu ken
nen ich der Mühe wert hielt. Er war
Passagier zweiter Kajüte, ein schöner
Mann mit geistvollen Zügen und
athletischen Formen. Er interessierte
mich. Am letzten Tag der Reise teilte
mir Hawksley feine Geschichte mit,
ohne jedoch irgendwelchen Namen zu
nennen, nicht einmal den seinen denn
schon damals ahnte ich mit ziemlicher
Bestimmtheit, daß der Name, den die
Schiffsliste zeigte, fingiert war. Der
Fremde war der einzige Sohn eines
englischen Farmers, hatte wissenschaft
liche Bildung genossen und die Stel
lung eines Sekretärs bei einem adeli
gen Herrn in Staffordshire übernom
men. Dieser Herr hatte eine Nichte,
eine reiche Erbin, die eben in den Fe
rien zuhause war. Das romantische
Mädchen und der hübsche Beamte ver
liebten sich gingen nach Schottland
durch und ließen sich trauen."
halb acht Uhr ertönte die große Glocke. Altar gefunden, wo sie eben die Ge
und verH^dK, eijtieä- Mannes geworden, beut
Mylord hielt iritte. Ter Fisch war
auf die Tafel gefetzt worden er stärkte
sich mit einem Stückchen Steinbutte.
lieber Sir Hugos Züge war ein
dunkler Schatten gekommen. Lady
Eharteris war totenbleich. Mit weit
aufgerissenen Augen starrte sie Lord
Montalieu an und achtete nicht der
ganzen Umgebung. Der Schloßherr
setzte das auf Rechnung feiner Erzäh
lergabe und fuhr ruhig fort:
„Vier Monate lang blieb das Ge
heimnis der jungen Leute bewahrt
dann wurde es entdeckt. Das Tätlichen
verschwand und der Sekretär wurde
in schändlicher Weise von dem Onkel
des Juwelendiebstahls bezichtigt und
gezwungen, England zu verlassen.
Zwei Jahre später hatte er sich in der
Neuen Welt so viel erworben, daß er
heimkehren und seine Frau holen
konnte. Wir trennten uns am Hafen
von Liverpool ich forderte das Ver
sprechen, daß der junge Mann sich an
mich wende, falls ich ihm irgendwie
behilflich sein könnte. Vierzehn Jahre
vergingen ich hörte nichts wieder von
Robert Hawksley. Gestern nun er
schien Herr Gripper und teilte mir
mit, daß ich ersucht würde, die Vor
mundschaft einer jungen Dante zu
übernehmen, deren Vermögen sich
auf achtzigtaufend Pfund bezifferte.
Gleichzeitig überreichte er mir ein
Schreiben, das die näheren'Einzel
heiten enthalten sollte. Der Brief war
aus Satt Francisco und von Robert
Hawksley. In offener männlicher
Weise erinnerte er mich an mein Ver
sprechen und bat midi, Wort zu halten,
indem ich feines einzigen Kindes Vor
mund und Besd)iitzer würde. Gleich
zeitig skizzierte er seine Erlebnisse. Er
hatte seine Frau, das Weib, ans dessen
Treue er so felsenfest gebaut am
sie schon zugedacht gewesen, bevor er
sie kennengelernt. Ohne eine Silbe
mit ihr gewechselt zu haben, verließ er
England wieder. Bevor er abreiste,
gelang es ihm, zu erfahren, daß seine
Frau fünf Monate nach seiner ersten
Reise nach Amerika eine Tochter ge
boren, und dieses Kind, als es zwei
Jahre zählte, einem Dekorationsmaler
Mason und dessen Sd)wester zur Er
ziehung übergeben hatte. Er fand das
Kind und bat dessen Pflegeeltern,
treulich für selbes zu sorgen, bis er
einst wiederkehre. In den Goldminen
von Kalifornien erwarb er sich Reich
tümer er hat nun achtzigtausend
Pfund als Erbteil feiner Tochter depo
niert und bittet mid), dafür zu sorgen,
daß sie sofort in ein Institut gebradst
würbe, wo sie die für ihre künftige
Stellung im Leben notwendige Er
ziehung fände. Ebenso habe sie den.
Namen ,Polly Mafon' mit ihrem
rechtmäßigen Namen ,Pauline Lisle'
zu vertauschen. Die Schlußfolgerung
liegt nahe, daß er selbst nicht Robert
Hawksley, sondern ,Robert Lisle'
heiße ."
Lord Montalieu hielt plötzlich inne.
Lady Eharteris war mit lautem
Schrei vorwärts gesunken. Alle spran
gen auf. Sir Hugo nahm feine Frau
in die Arme er war beinahe so farb
los wie sie. Olivia Eharteris lag in
todähnlicher Ohnmacht.
Lady Eharteris erfährt die Wahrheit
Als lllrid} und Polly das Theater
verließen, war es stockfinster 'der Re
gen fiel in Strömen. Sie aber beachte
ten das Wetter nicht und schritten
mutig durch die kotigen Straßen. Kei
nes ahnte, daß eS das Ietztemal war,
daß mit dem neuen Morgen für das
junge Mädchen auch ein neues Leben
tagen sollte.
Rosanna erwartete bie Betben lu
stig brannte 'das Feuer im Kamin, der
Teekessel stimmte behaglich. Pollys
Stimmung hatte sich gehoben lachend
erzählte sie Rosanna von dem Prinzen
von Pipesandbeersbad, und begab fid)
endlich, nachdem Mitternacht bereits
vorüber, singend in ihr Zimmer.
„Gott sei Tank," dachte Ulrich, „sie
lad)t und singt wieder. Es ist ein
Itebel, dem jedermann zum Opfer
fällt und das jedermann Übersteht."
Ganz richtig, unerfahrener Ulrich
Mason: die meisten Menschen erkran
ken am Liebesfieber, und die meisten
überstehen es es ist wie mit den
Pocken. Auch sie überstehen viele, ohne
daß eine Spur zurückbleibt, die ver
raten könnte, daß das schreckliche Uebel
je vorhanden gewesen andere genesen
wieder, essen und trinken und sind
munter die Narben aber bleiben,
tief und unheilbar.
Gähnend ergriff der Maler den
Leuchter, sagte Rosanna gute Nacht
und wandte sick) nach der Tür, als lau
tes Klopfen dttrd)s Haus hallte.
„Was foil das bedeuten?" rief
Ulrid). „Wer kommt nachts um drei
viertel auf ein Uhr?"
„Gib mir das Licht, dann werden
wir's gleich sehen," entgegnete die
Schwester und schritt beherzt der
Tür zu.
Wen immer Rosanna zu sehen er
warten mochte,
.dieser
Besuch über­
raschte sie sie trat mit einem Schrei
zurück. Oben ant Treppengeländer
wurde Pollns Lockenkopf sichtbar. Ul
rid) trat vor auf der Schwelle stand
önuhnäßt, beschmutzt, mit zerrauftem
Haar und wildfnnkelnden Augen
Lady Eharteris.
Ladt) Eharteris um »biete Stunde,
bei solchem Wetter ganz allein.
Instinktiv begriff Ulrid) Sie Sad)lage.
„Sorge dafür, daß Polly sofort sich
zu Bett begebe," flüsterte er der
Schwester zu.
Schweigend gehorchte Rojanmi.
„Treten Sie ein, Lady Eharteris."
sprach er ernst. „Sind Sie allein?"
Sie antwortete nicht, aber sie folgte
ihm ins Zimmer. Von dem nassen Ge
wand troff der Regen, lose fiel das
Haar um das bleiche Antlitz die gro
ßen schwarzen Augen hefteten fich fest
auf lllrid).
„lllrid) Mason," begann sie mit
heiserer, unnatürlicher Stimme, „ich
babe Ihnen unbedingt vertraut, und
Sie haben mid) betrogen. Mein Mann
lebt!"
„Lady Eharteris!"
In ihren Augen brannte düsteres
Feuer.
„Jdj bin nicht Lady Eharteris Sie
wissen, daß'id) auf den verhaßten Na
men nie ein Red)t hatte, wissen, daß
id) Robert Lisles Weib bin."
„Milady!"
„Ja, Sie wissen es und von Ihnen
die Wahrheit zu erfahern, kam ich in
Nacht und Sturm hierher. An dem
Tage, da id) mit Sir Hugo am Altar
stand, war mein Gatte in der Kirche,
mar Zeuge 'des Meineides. Und Sie
haben es mir versd)wiegen, Sie, der
Sie wußten, wie ich ihn liebte, Sie,
dem ich nie ein Leid getan."
Ihre Stimme sank zu schmerzerstick
tem Flüstern ihre Augen blickten un
sagbar traurig und vorwurfsvoll auf
ihn.
„Ja, ich wußte es," entgegnete Ul
rid) tief bewegt „vergeben Sie mir,
wenn Sie es tonnen. Ich hielt es vom
Anfang an für ein Unrecht aber er
beschwor mich, das Geheimnis zu be
wahren, vor allem aber, «S nie Sie
erfahren zu lassen."
„Er? Wer?"
„Ter Mann, der sich Robert Hawks
ley nannte, der aber, wie id) weiß, Ihr
Gatte Robert Lisle war. Was konnte
id) tun? Sie hatten England bereits
verlassen jedenfalls war dieSad)lage
so verwickelt, daß sdMer zu entschei
den war, was Recht und Unrecht. Im
Parke wollte ich's jüngst Ihnen sagen,
und wagte es doch nid)t. Welches Recht
hatte id), Ihnen mitzuteilen, daß Sie
das Weib zweier Gatten, jedem ver
knüpft btird) die Bande der Mutter
schaft. Und so jdjttneg ich. Wollte Gott,
daß id) Ihnen helfen könnte, gnädige
Frau!"
„Sie können es deshalb bin id)
gekommen. Zweimal haben Sie mir
Beistand geleistet in schwerer Not, tun
Sie es erbarmend auch ein drittes
Mal."
Sie bot ihm beide Hände es war
die gleidze Gebärde, mit der sie vor
vierzehn Jahren ihn in Lyndith
Grange gebeten hatte, bei ihrer Flucht
behilflich zu sein.
,,Id) werde es tun, wenn ich es
kann, Lady Eharteris."
„Nennen Sie mich nicht wieder bei
diesem Namen!" rief sie leidenschaft
lich. ,,Id) hasse ihn, wie id) den Mann
hasse, der ihn trägt. Id) bin Olivia
Lisle Gott sei Dank, daß id) das
sagen kann, daß mein Gatte lebt. Auch
wenn ich ihn nie wieder sehen darf!"
Schud)zent sank sie in einen Ses
sel er lebte! Des Ozeans Wogen
rollten zwischen ihnen, eine nnaussüll
bare St lit ft trennte sie aber er lebte!
Und das Herz der liebenden Frau war
voll Jammer, Sehnsucht und wilder
Freude.
Eine hübsche Lag: für lllrid)
Mason, das Muster aller Tugenden,
das Vorbild der Speckhaveiter Ju
gend. Hier war er in nächtlicher Weile
allein mit der Frau eines anderen,
nein, mit der Frau zweier anderen.
Wenn jemand das sähe oder hörte!
Und was mod)te Rosanna denken?
Trotz alles Mitgefühls mit dem Leid
der Dante ängstigte ihn der Gedanke,
es könnte jemand die Sache erspähen
oder Sir Hugo würde wütend vor ihm
erscheinen. Und das Bild eines ein
samen Feldes glitt an seinem geisti
gen Auge vorüber, eines Feldes, auf
dent beim düsteren Morgengrauen
zwei Männer mit Pistolen sich gegen
überstanden, in bereit einem er sich
selber erkannte.
„Eigentlich bin id) an den trostlosen
Verhältnissen schuld," sprach Olivia,
endlich sid) fassend „ich hätte nicht so
leid)t .die Kunde von Roberts Tod
glauben sollen. Nun muß ich freilich
mein Elend tragen, bis zum Ende
aber id) will auch alles wissen, was
Sie mir sagen können, und bitte um
rückhaltlose Mitteilung."
„Ich werde Ihnen die volle Wahr
heit sagen, gnädige Frau ich hätte
es ja längst getan. Es ist Ihnen schwe
res Unrecht geschehen. Gottfried Lyn
dith und Hugo Eharteris mußten an
Ihrem Hochzeitstage, baß Robert
Lisle lebte."
„Weiter!" seufzte die Dame.
„Als id) Robert Lisle art der Kir
chenpforte zuerst sah, schien eine innere
Stimme mir zuzuflüstern, wer er sei.
Id) wußte bamals nur wenig von
obrer Geschichte aber Sie und Mr.
Lyndith hatten den Namen genannt.
Und als Sie mir das Kind gaben und
mir mitteilten, daß es das Ihre sei,
folgerte id). Sie feien Robert Lisles
Witwe. Und dod), als id) att jenem
April-Morgen ihn erblickte, zuckte der
Gedanke durch meine Seele: wenn das
Robert Lisle wäre! Der Ausdruck sei
ner Züge mochte die Idee bedingen.
Wir betraten zusammen die Kirche
er fragte mid), wessen Trauung es
wäre. Tie Zeremonie war bereits vor
über wenige Sekunden später schrit
ten Sie an Sir Hugos Seite durch die
Kirche. Sie sahen uns nid)t. Als Sie
näher kamen, erhob er sich und trat
einen Schritt vor. Sir Hugos Auge
fiel auf ihn. Nie im Leben fah id) sol
chen Wechsel über ein menschliches
Antlitz kommen, als in diesem Augen
blick. Namenloses Entsetzen sprach sid)
in des Barons Zügen aus, schien ge
spenstig ihn an die Scholle zu fesseln.
Tie Menge aber drängte vorwärts
und riß ihn mit fort. Bald war ich mit
Robert Lisle allein in der Kirche. ,Jch
muß jenem Manne folgert!' rief er.
Wir nahmen einen Wagen und führen
iit die Parkftraße. Er verlangte Ihren
Onkel zu sprechen und dieser erschien
and) nach längerem Zögern."
„OH, ich erinnere mich," flüsterte
Olivia „erinnere mid) der Unruhe
im Korridor, des Weggehens meine
Onkels und.der seltsamen Aufregung,
die unwillkürlich sich aller Gäste
e-
mächtigte. OH, zu denken, daß mein
Gatte damals mit mir unter einem
Dache weilte damals war er noch
nicht zu spät."
„Es war zu spät, gnädige Frau.
Hätte er auf einer Unterredung mit
Ihnen bestanden, so wäre er sofort
dein Gericht übergeben worden, mit
sich eines Verbrechens wegen zu ver
antworten, das er nie begangen."
Olivia schluchzte Heftig.
„Das Hätte ihn allerdings nicht ab
gehalten," fuhr Ulrich fort „aber
man sagte ihm, daß Sie an seine
Schuld glaubten, ihn folglich verab
scheuten, daß Sie Sir Hugo liebten,
die Schmad) eines Aufrührens der
Verhältnisse Ihr Herz brechen würde.
Ihr Onkel triumphierte. Robert Lisle
verließ das Haus und sank, kaum zehn
ed)ritte davon entfernt, bewußtlos
zusammen. Id) nahm ihn mit nach
Hanfe, meine Schwester pflegte ihn
und nachdem er sich erholt hatte, teilte
er mir seine Geschichte mit. Er glaubte
Gottfried Lyndiths Worten, hielt Sie
für treulos und falsd). Das ertrug id)
nicht und sagte ihm, was id) wußte.
Und so erfuhr er, daß Polly fein Kind
war. Ich glaube, dieses Bewußtsein
rettete ihn vor der Verzweiflung. Er
wollte sofort England verlassen und
seiner Tod)ter eine glänzende Zukunft
erringen. Mehr weiß id) nicht, gnädige
Frau. Tarf id) nun fragen, wie Sie
Kenntnis erhielten
Mit gefalteten Händen und unsag
barer trostloser Verzweiflung wieder
holte sie die Geschichte, weld)e Lord
Montalieu bei Tisd) erzählte.
„Mir war's vom Anfang an, als
spriid)c er von Robert," schloß sie.
„Eine eisige Hand sd)ien mein Herz
zusammenzupressen. Als er endlid)
den Namen nannte, wurde es schwarz
um mich id) verlor das Bewußtsein.
Id) kam wieder zu mir und befand
ntid) in meinem Zimmer, umgeben
von metner Zofe, der Haushälterin
und Sir Hugo. Es war zum erstem
mal in vierzehn Jahren, daß er mein
Zimmer betreten. Ich wies nach der
Tür. Er verließ mich sofort und dann
war's, als läge id) stundenlang allein.
Id) litt nicht, alles Weh meines Le
bens schien verschwunden. Id) betrach
tete die Bilder an den Wänden, das
Muster des Teppichs, versuchte die
Regentropfen zu zählen, die ans Fen
ster schlugen. Vielleicht schlief ich auch
eine Zeitlang. Auf einmal faß id) im
Bett große Schweißtropfen standen
auf meiner Stint und id) schrie laut:
.Robert lebt! Robert lebt!' Erschrocken
kam meine Zofe aus dem nädjsteit
Zimmer sie schaute ntid) att, als dächte
sie. id) wäre verrückt. Ich sprang auf,
kleidete mid) hastig an und eilte fort.
Tos Parktor war offen und id) kam
hierher. Sturm und Regen habe id)
nicht gefühlt. Vielleicht mar ich irre
vielleicht bin ich's nod)."
Lady Eharteris preßte mit eigen
tümlicher Gebärde die .fond on die
Stirn. Erschreckt blickte Ulrid) Mason
auf sie. Ihr Antlitz war totenbleich,
ihre Augen glitzerten unheimlich. War
sie irre? Sollte er Rosanna rufen?
Bevor er sid) die Frage beantwor
tete, rollte ein Wagen in wilder Eile
durd) die öde Straße und hielt vor
dem Hause. Eines Mannes 2d)ritt er
tönte Sir Hugo trat ein.
Ulrichs Gedanken wanderten vier
zehn Jahre zurück zu der Szene im
Wartesaal zu Speckhaven, wo zu
gleid) ungewöhnlicher Stunde Gott
frieb Ltindith drohend ihnen entgegen
getreten war. Tie Tante hob das
Haupt und blickte auf den Verfolger.
Tes Barons lebhafte Farbe war fah
ler Bläffe gewid)en. Seine Züge tru
gen unheimlichen Ausdruck.
„Folgen Sie mir nachhause, Lady
Eharteris!" gebot er.
„Rühre mich nicht art, nenne mid)
nicht so!" schrie sie wild auf. „Ich war
nie dein Weib, und du wußtest in der
Stunde, da du midi zum Altar führ
test, daß mein rechtmäßiger Gatte
lebte. Tu belogst mid), du sagtest mir,
er wäre tot falscher, eletiber Be
trüger!"
Ilm die Lippen bes Mannes zuckte
tenflüd)es Lächeln.
„Derlei Szenen eignen fid) mehr
für die Bühne Lady Eharteris sollte
mit diese Stunde zuhause und zu
Bette feitt. Ist das der Dekoration^
tttaler, dem Sie Lisles ill
eg
Tas gequälte Weib fprang mit wil
dem Schrei auf ihn zu.
„Wage es nicht auszusprechen!"
feuchte sie. „Tu sagtest es einmal.
Nimm dich in acht!"
„Oh, ich erinnere mich," höhnte er,
„daß es Ihnen nicht angenehm war,
als id) vor vierzehn Jahren sagte, es
wäre für mich fein erhebendes Be
wußtsein, eines Bauern Geliebte ge
heiratet zu haben. Von der Stunde
an waren wir Eheleute nur dem Na
men nach. Ist Herrn Lisles inter
essante Tochter sichtbar, Herr Mason?
Wahrscheinlich rtid)t zu dieser Stunde
ich muß mir das Vergnügen auf spä­
AI&ua ÄocUlable. fot 2 iAJ/uhiitioM.:
Order from:'
ter versparen. Nehmen Sie meinen
Arm, Lady Eharteris!"
Er sah sie mit höhnischem Ausdruck
an erbebend trat die Arme zurück.
„Nehmen Sie meinen Arm," gebot
er wiederholt, „und kommen Sie
heim! Wissen Sie, welches Daheim
man für Ihresgleichen bereit hält?
Tas Irrenhaus."
Sir Hugo zischte buchstäblich das
Wort hervor aus den schwarzen
Augen blitzte teuflische Wut. Gewalt
sam ergriff er Olivias Arm und zog
sie fort. Sie ging ohne ein weiteres
Wort. Auf der Schwelle blickte sie noch
einmal zurück, auf ihren treuestett
Freund. Es war ihr Lebewohl.
So sah sie Ulrid) Mason nach Iah
ren in seinen Träumen. Jahre- unb
jahrelang verfolgte in dieser Scheibe
blick voll namenlosen Entsetzens er
verfolgte ihn, als ob er schuld gewesen
an ihrem Morde.
N e u tt e s K a i e
Tes neuen Lebens Tage
Licht und golden erhob fich des
neuen Tage? Sonne. Mit der Nacht
war der Sturm verschwunden. Vögel
sangen. $ hinten dufteten Ulrich
Mafon aber saß am Fenster feines
Ateliers und starrte trübe tor sid) hin.
Er sollte sein Prinzeßd)en verlieren.
Tie wenigen Worte sagten alles.
Seine lustige, schöne, übermütige,
warmherzige, mutwillige Polln ging,
nie wiederzukehren. Vierzehn Jahre
lang war sie seines Lebens Lust und
Cual gewesen. Nun sollte sie ihm ge
nommen werden.
Wohl hatte er beabsichtigt, fte in ein
Institut zu bringen aber das wäre
ganz anders gewesen. Sie hätte noch
ihm und feiner Welt gehört, wäre
eines Tages zurückgekehrt, sein düste
res Tasein mit ihrer sonnigen Gegen
wart wieder zu verklären. Nun aber
war sie Lord Moutalieus Mündel und
eine reiche Erbin, folglich ihm ver
loren. als ob der Sargdeckel fid) über
ihr geschlossen.
Da faß er, unrasiert, weder Hübsch
noch interessant anzusehen, das Herz
aber mit sold) tiefem Schmerz, sold)
namenloser Verzweiflung erfüllt, wie
der bestrickendste Romanhell) je ge
fühlt. Er und Rosanna waren die
Nad)t über int Wohnzimmer sitzen ge
bleib en, beide erfüllt von dem eilten
Gedanken: Polly ging und ging
für immer.
Ernst und trübe begann Rosanna
am Morgen ihr Tagewerk sie weinte
und klagte nicht, sie barg tief im Her
zen ihren Schmerz und fühlte ihn um
so mehr. Und droben im kleinen
Schlafkämmerchen schlief Polly sanft
und ruhig, während mit dem neuen
Tag neues Leben für sie aufging.
„Wer kam denn gestern in der Gei
sterstunde?" fragte sie beim Frühstück.
„Ich hörte Türen zufchlagen. fremde
Stimmen ertönen und nun febt ihr
beide ernst und feierlich aus wie ein
Paar Schleiereulen. Was ist geschehen,
Rosanna?"
Rosanna antwortete ausweichend
sie war nicht fähig, es ihr mitzuteilen.
Tas mochte ielbftsiidstig sein. Aber
sind wir das nid)t alle in unserem
Schmerz und unserer Liebe?
Ys
Tie Post brachte Ulrid) einen Brief,
dem ein ait „Pauline Lisle" adressier
tes Schreiben beigeschlossen war. lll
rid) legte es beiseite der Name traf
ihn wie eilt Schlag. Nichts konnte
edler, dankbarer und männlicher lau
ten als Robert Lisles Worte das Ge
bot der Trennung blieb unwiderruf
lich.
Durd) Geburt und Verhältnisse war
Pauline eine Dante und hatte als
solche ihre Stellung in der Gesellsd)aft
einzunehmen. Tas war recht unb
natürlich, und dod) schmerzte es Ul
lich bitter. Stundenlang faß er mit
dem offenen Brief in der Hand am
Fettster, und Rosanna saß müßig am
Kamin und wann war Rofaittta je
müßig gewesen? Polly war ausge
gangen, ihre Freundin Alice zu be
suchen. Das Ticken der alten Uhr
klang auffallend laut in der Toten
stille des alten Hauses.
So fand Lord Montalieu die Ge
fchwifter. Ro sann as Züge verrieten
fein Erstaunen, über den vornehmen
Besuch fie geleitete ihn in das beschei
dene Zimmer und meldete ihn ihrem
Bruder.
(Fortsetzung folgt)

A e s K a i e I
THE OFFICIAL HOLY YEAR PRAYER
The prayer composed by Pope Pius XII for the Holy Year
1950, translated into English and printed in convenient leaflet
form (3x5^ inches) for insertion into missal or prayer book.
Suitable for congregational recitation. With notation of condi
tions for indulgences, and the Imprimatur of His Excellency,
the Most Rev. Archbishop Murray.
Single copies 5 cents.
10 to 99 copies 1 cent each.
100 to 499 copies cent each.
500 or more
cent each.
WANDERER PRINTING COMPANY
128 East lenth Street, ST. PAUL 1, MINNESOTA

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