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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, May 20, 1950, Ausgabe der 'Wanderer', Image 3

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Die Heilige Geschichte erzählt: Der
liebe Gott hatte von Anbeginn einen
Lustgarten hervorgebracht, in welchen
Er den Menschen setzte, den Er geschaf
fen hatte, -damit dieser den Garten
ipflege und bewahre. Gott führte die
Eva zu Adam, heiligte und segnete
jchre Verbindung, und damit setzte Er
die ßrfje ein. Unsere Stammeltern leb
ten in dem Garten der Wonne froh
und glücklich in kindlicher Unschuld,
unberührt von den Sorgen des Le
bens, ohne jeden Harm, im Besitze
aller Lebensbedürfnisse, welche die
Natur nach ihrem Willen dienstbereit
sendete, und im ungetrübten Verkehr
wit den Tieren. Sie liebten Gott über
alles und einer den anderen wie sick
selbst ihr Wille war eins mit dem
göttlichen und in Lust und Seligkeit
flössen ihre Tage dahin.
Weit hinter uns liegt das goldene
Zeitalter, dessen Wiege, aber auch des
sen Grab das Paradies war. Für die
ersten Menschen kam die Stunde der
Versuchung, und diese bestanden sie
nicht sie verließen das ewige Gesetz
der göttlichen Ordnung und sanken
in die Gewalt und Botmäßigkeit der
Natur. Durch die Sünde zerstörten die
Gtammeltern ihr Glück und zogen sich
Has göttliche Gericht zu. Der gerechte
Gott trieb sie aus dem Paradiese hin
aus, und ihr Dasein war nur ein sor
gen» und leidensvolles. Durch die Er
lösung wurde die Strafe der Sünde
unserer Stammelten: nur teilweise,
nicht ganz, vom Menschen hinwegge
nommen.
Und dennoch ist der Mensch auch
wieder imstande, sich hier auf dieser
Welt annähernd paradiesische Zu
stände zu schaffen er vermag es, sich
unter dem Beistand Gottes ein irdi
sches Glück zu schaffen, welches alle
Weltfreuden nicht aufzuwiegen ver
mögen. Dieses irdische Glück ist in der
Kamilie begründet. Eine wahrhaft
christliche Familie ist der geeignetste
Boden zur Gründung eines irdischen
Paradieses. Die Begründer dieses
Glückes sind in erster Linie die Eltern.
Am Altar haben Mann und Weib
Ken Bund fürs Leben geschlossen. Dort
haben sie sich unverbrüchliche Treue
gelobt für alle Zeit, vereint Freud
und Leid zu teilen und zu tragen, sich
mit aufopfernder Liebe zu unter
stützen, zu schützen, zu trösten, in Frie
den und Eintracht durchs Leben zu
wandern und Hand in Hand den Weg
zum Himmel zu gehen. Ihr Lebens
Wandel soll fromm und gottesfürchtig
sein. „Seid einander unterworfen in
der Furcht Christi! Die Weiber seien
ihren Männern untertänig, wie dem
Herrn. Ihr Männer, liebet eure Wei
ber, wie auch Christus die Kirche ge
liebt und Sich selbst für sie hingegeben
hat" Eph. 5, 21//.). Wer sein Fami
lienleben nach christlichen Grundsätzen
einrichtet, wird die großartigen Wohl
taten desselben in reichstem Maße er
fahren und wirklich das höchste irdi
sche Glück in der Familie genießen.
Ein Glück und Segen in der Fa
milie sind die Kinder. Diese durch
Lehre und Beispiel, durch milde aber
ernste Zucht für Gott und das ewige
Leben zu erziehen, dazu sind die El
tern an erster Stelle berufen. Sie sind
durch ein natürliches Band mit den
Kindern, denen durch sie das Dasein
geworden, verbunden. Deshalb haben
sie nicht allein die Pflicht im Gewissen,
sondern auch den Trieb im Herzen,
den Kindern zu einem vernünftigen
Sein in der Welt zu verhelfen. Je
inniger sich die Beziehungen zwischen
Eltern und Kindern gestalten, desto
fester schließt sich das Band eines
lücklichen Familienlebens. Die
flicht der Kindererziehung liegt bei
en Eltern gemeinsam ob, wenngleich
die Mutter vermöge ihrer Stellung
die erste Erziehung ihrer Sprößlinge
vorzugsweise zu leiten hat:
Der Mann muß hinaus
Ins feindliche Leben,
Muß wirken und streben
Und pflanzen und schaffen.
Die Liebe der Mutter begleitet das
Kind von der Wiege bis zum Grabe,
ja, wie die Sage erzählt, über das
Grab hinaus weder Sarg noch der
grüne Rasen vermögen den Verkehr
zwischen Kind und Mutter zu hindern.
Ihre Einwirkungen sind am tiefsten
und nachhaltigsten denn die frühesten
Gaben an das menschliche Gemüt
werden am längsten und sichersten be
wahrt, und alles, was bekränzt von
Blumen der Liebe auf dem Altar des
Herzens niedergelegt wurde, besitzt
.eine wunderbare Kraft, die böfen
Mächte fernzuhalten. Glücklich ist die
Mutter, welche sich mit ihrem ganzen
45ein der hohen Aufgabe des Er
ziehung ihrer Kleinen widmet glück
lich die Kinder, welche eine fromme,
tugendhafte, pflichttreue, sie beleh
rende und beschützende Mutter haben!
„Nur mein Haus ist meine Welt,
In welcher mir's am best' gesollt."
Ein solches Erziehen der Kinder
durch die sich gegenseitig unterstützen
den Eltern zeitigt für diese die schön
sten Früchte für das ganze Leben. In
solcher Familie, wo Gottesfurcht und
alle sonstigen Tugenden gehegt und
gepflegt werden, wohnt die gegensei
tige Liebe und Anhänglichkeit zwischen
Eltern und Kindern, welche selbst der
Tod nicht zu ternnen vermag. Ein sol
ches Familienleben ist in Wirklichkeit
ein glückliches, paradiesisches Dasein
auf dieser Erde.
1
I1 s'n' ,V' .'
Zu dieser liebevollen Mutterpflege
muß nun allmählich die ernste Liebe
des Vaters treten. Ohne die Einwir
kung des Vaters würde die Mutter
liebe leicht in eine zu große Weichheit
und Nachgiebigkeit gegen das Kind
ausarten. Die Erziehung wäre eine
einseitige und daher fehlerhafte.
Selbstverständlich muß die erziehliche
Tätigkeit von Vater und Mutter Hand
in Hand gehen, wenn die Erziehung
gedeihen soll. Glücklich die Familie, in
welcher der Vater, sich seiner Pflicht
vollauf bewußt, die Erziehung feiner
Kinder sich aufs strengste angelegen
sein läßt und gerne in der Familie die
Mußestunden verbringt, und dessen
Wahlspruch lautet:
Ganz anders dagegen sieht es aus
in einer Familie, in der die Eltern
pflichtvergessen die Erziehung ihrer
Mnder vernachlässigen, in der statt
Gott das Böse waltet, statt Friede Un
friede wohnt. Was muß aus einem
solchen Geschlecht erwachsen? Worauf
anders als auf einer mangelhaften
Erziehung der Kinder gründen sich
die sozialistischen und weltstürmenden
Ideen, welche die Gemüter in Auf
regung halten? Manchen Eltern fehlt
es im Drange der Geschäfte, in der
Jagd nach irdischen Gütern an Zeit
und auch an Verständnis, ihre Kinder
zu erziehen. Kann es da noch wunder
nehmen, daß die Jugend verroht, wüst
und wild aufwächst und nachher über
das Schicksal klagt und schimpft, da sie
es nicht gelernt hat, sich in geordnete
Verhältnisse willig zu fügen?
Würde jeder nur einmal ernstlich
zusehen, so würde er finden, daß er
mit der Verbesserung der Weltzu
stände zunächst und allererst bei sich
den Anfang zu machen hat, bei sich
und in seiner Familie. Die Unzufrie
denheiten, von denen die Welt so voll
ist, würden sichtlich schwinden, und an
ihre Stelle würde eine Zufriedenheit
treten zum Segen und Glück der
Menschheit.
Weibliche Schönheitsptlege
Wenn man nur von Zeit zu Zeit
einmal in die Stadt kommt, merkt
in an bald ganz empfindlich zwei
Dinge: Erstens ist das ländliche Par
füm meiner Reden für die seinen
Stadtnasen zu stark, und zu zweit ist
meine Allgemeinbildung doch recht
fadenscheinig und löcherig wie die
Florstrümpfe der Stadtdamen. Um
nun die Mängel zu beseitigen, habe
ich mich mit aller Macht die Herbst»
und Winterabende sind lang auf
das Studium der Schönheitspflege
geworfen. Ich kann mir auch das
Zeugnis nicht versagen, daß ich schon
etliche Fortschritte gemacht habe. Weiß
ich doch jetzt, daß die rote Nase nur
von den Nerven kommt und in der
Nacht ganz weiß ist weiß auch, war
um die jungen Mütter die Zähne ver
lieren kann Auskunft geben, ob es
praktisch ist, den ganzen Körper zu
pudern oder bloß die Visage, und was
dergleichen Kleinigkeiten noch sind.
Weiß auch daß die Tischler die Toilet
tentische immer viel zu klein machen.
Denn wo soll das alles Platz haben:
dreiteiliger Spiegel mit Kerzen da
vor, Bürsten, Kämme, Schwämme,
Flaschen mit kosmetischen Wassern
Und Tuben mit den nötigen Anstreich
farben und Puder, Pomade, essig
saure Tonerde, Puderquaste, Brenn
schere und Spirituslampe?
An all den Plunder muß ich heute
denken, wo St. Paul in der Epistel
so eindringlich dazu mahnt, das alte
schlechte Leben aufzugeben und Chri
stum anzuziehen, den Gekreuzigten.
Und setzt doch der Heiland die Melodie
im Evangelium fort, indem Er auf
das Weltende mit seinem furchtbaren
Gericht hinweist. Was wird den Da
men dann der schön gepflegte Körper
helfen? Es heißt wohl in einem sol
chen Schönheitsbuche: „Die schöne
Form verspricht wertvollen Inhalt,
der schöne Körper die edle Seele",
aber die Bestätigung habe ich davon
noch nie bekommen, und das Buch
widerspricht sich eigentlich auch selbst.
Wenn nämlich eine Dame alles so
macht, wie es vorgeschrieben ist: das
Baden, Haarekämmen, die Nagelpfle
ge, Pudern, Waschen, Baden des Ge
sichts mit Alkohol, bleibt ihr kaum noch
OmO WAI8BSFEEW®
Zeit, sich mit der Seele zu beschäftigen
und sie zu veredeln, denn es heißt aus
drücklich „Solange die Dame lebt, so
lange arbeitet sie an ihrem Aeußern."
Das gilt für die reichen Damen den
armen Mädchen wird gesagt, daß sie
auch schön werden können, aber das
erfordert Geduld und einen starken,
beharrenden Willen.
Vom Beten und Kirchengehen steht
nichts in den Anweisungen, wie die
Frau schön werden kann. Vielleicht
soll es ein Ersatz sein, wenn den schön
hcitc-liistcrncn Frauen strenges Fasten
Der LetlK tü da!
Bon Johanna Weißkirch
Wie schon so lind die Lüste wehen,
Ob auch der Winter kaum erst ging
Ich sah heut' im Vorübergehen,
Wie schon am Haselstrauche hing
Ein erstes, holdes Frühlingswunder,
Und drüben hämmerte ein Specht
An einem Baum hinauf, hinunter:
„So ist mir's recht, so ist mir's recht!"
Und weiter ging ich noch ein Weilchen,
Da schauteit mich blauäugig, groß,
Ins Angesicht die ersten Veilchen
Im Waldesgrund aus zartem Moos.
Zahllose bunte Käfer liefen
Am Weg geschäftig hin und her,
Und aus dem Forste kam, dem, tiefen,
Ein Brachen wie von fernem Meer.
Des Lenzes Odem? Und er weckte
Die Kräfte in der Bäume Schar,
Daß ihre Wipfel stolz sie reckte
Zum Himmelsdome, tief und klar.
Das kleine Herz erfüllt von Wonne
Ob all des Wunders, das geschah,
Stieg ein Lerche auf zur Sonne
Und sang: „Der Lenz, der Lenz ist
da!"
auferlegt wird, um nicht allzu stark zu
werden. Der Schönheitsprediger sagt:
„Vernünftiger oder doch leichter durch
führbar als die kostspieligen Kuren ist
die Einführung von zwei oder drei
Gemüsetagen in der Woche, Tagen, an
denen mittags nur Gemüse ohne Kar
toffeln und zu den anderen Mahlzei
ten fein Fleisch und kein Fett verzehrt
werden darf." Das hätte ein Papst
den Katholiken befehlen sollen! Alle
Leute hätten ihn als Henker der
Menschheit verschrien. Aber wenn es
den Damen verordnet wird, damit sie
schön werden, ist alles gut!
Unter den Schönheitsmitteln steht
on erster Stelle das Licht. Gemeint ist
das Sonnenlicht und jenes künstliche
Licht, das jetzt so oft zu Bestrahlungen
verwendet wird. Mir aber scheint wich
tiger als alle Jesionelampen das Licht
zu sein, das die Seele durchstrahlt und
sie wieder gesund macht: Jesus Chri
stus. Er ist das Licht, das in diese
Welt kam und jeden Menschen er
leuchtet.
Den meisten Weibern könnte ein
wenig innere Erleuchtung und Be
strahlung gor nicht schaden denn reli
giöse Unwissenheit, Gleichgültigkeit
und Aberglauben sind bei ihnen schef
felweise zu haben. Die Wahrsagerin
nen werden reich von den Bäuerinnen
und von den Mägden, von solchen, die
ihre Scheine aus silbernen Handtäsch
chen und seidenen Pompadours neh
men. Wer aber erst einmal sich recht
von dem hellen Licht, welches ist Jesus
Christus, erfüllen läßt, wird wirklich
eine Lichtgestalt, daß ihr an Schön
heit unter den Männern niemand
gleichkommt. Wie schön sind die Licht
trägerinnen wie St. Agnes, Cäcilie,
Elisabeth!
Das zweite Schönheitsmittel soll
die Wärme sein. Um einen reinen
Teint zu erhalten, werden heiße Bäder
empfohlen. Andere beseitigen lästige
Schönheitsfehler im Gesicht mit dem
heißen Jrridiumstift. Tut zwar weh,
aber was tut ein Weib nicht um der
Schönheit willen!
Wärme ist gut wenn nur die Mäd
chen und Frauen auch jene seelische
Wärme anwenden möchten, die sie so
schön macht: Güte, Freundlichkeit,
Mitleid und Mitfreude. Wohltätig
feit. Kam doch der Geist Gottes, der
dies alles bewirkt, selbst in Gestalt
feuriger Zungen aus der Höhe. Will
nicht hoffen, daß du äußerlich schön
bist und durch Wärme die Schönheit
des Körpers erhälst, während du
innerlich eiskalt bist gegen Gott und
den Nächsten. Dann wäre dein Leib
bloß ein stinkender Madensack.
Das dritte Mittel ist die Lust. Flei
ßig spazierengehen, damit du den
Körper gerade halten lernst. Tief
atmen, damit die Lunge erweitert
wird und immer gesund bleibt. Man
ches andere steht noch da, was man als
Pfarrer nicht gerade empfehlen kann.
Spazierengehen ist gut aber man
darf dabei die Lust nicht verpesten
durch den Klatsch, den man dabei
führt. Man soll sich selbst nicht die
I I K E I S
Augen vergiften dabei durch die üblen
Blicke auf andere und die Neugier
nach schlechten Dingen.
Hat doch auch der gute Heiland die
Apostel bei dem Spazierengehen zu
allein Guten angehalten! Er hat sie
auf die Schönheit der Natur hingewie
sen, und Seine schönste Rede, die
Bergpredigt, hat Er in Gottes freier
Natur gehalten. Gewiß muß auch für
den guten Christen die Parole heißen:
Hinaus in das Freie! Aber im Freien
muß er auch Christ bleiben und see
lisch gesund werden durch den Auf
schwung feiner Gedanken zum Aller
höchsten, der die Natur so groß und
so schon geschaffen hat.
Zu viert soll das Wasser die Damen
schöner machen und schon erhalten.
Mag sein! Hat ja schon ein alter Phi
losoph ausgerufen: Das Wasser ist
das Beste? Drum empfiehlt unser
Schönheitsdirektor den Damen das
Baden bald kurze, bald längere Zeit,
heute heiß, ein andermal kalt, das
eine Mal in Fichtennadeln, das andere
Mal in Mandelkleien.
Aber ich mein' halt: so ein wenig
innerlich die Seelen baden in dem höl
zernen Badetrog des Beichtstuhls ist
auch nicht übel. Auch das Seelenbad
ist bald kurz, bald lang, gewöhnlich
aber heiß. Weißt schon, warum!
Sport soll auch zur Schönheit bei
tragen. Viele glauben das nicht ich
auch nicht, wenn ich auf den Tennis
plätzen weiße Jungfrauen mit verzerr
tem Gesicht in der Luft umhersprin
gen seh' wie angeschossene Wildgänse.
In der Religion taugt übrigens der
Sport auch nichts.
Paul Reinelt.
Trott
Wenn die Trübsal dir dein Heim
verleidet, daß du es nicht mehr aus»
haltst, dann suche auf einen Tag oder
Mittag oder einige Stunden dich frei
zumachen und marschiere hinaus in
die weite Welt, bringe dein wundes
Herz an die frische Luft und laß in
deine trüben Gedanken die Sonne hin
einscheinen ober den Sturm hinein*
brausen oder die Blitze hineinfahren.
Oder flüchte in die Bergeinsamkeit
ober in das schaurige Schweigen des
Waldes. Kurz, bringe dein Leben in
Berührung und Fühlung mit der
Kraft und Größe der Natur, und du
wirst oft getröstet und gestärkt heim
kehren.
Wenn wir im Leid mit offenem
Sinn und offenem Herzen uns an die
Natur wenden, dann wird sie wie eine
Mutter mit weicher Hand uns pfle
gen, milden Sonnenschein uns um die
Wunden legen und mit dem Zuspruch
ihrer linden Lüfte uns aufrichten.
Oder aber sie wird als strenge Zucht
meisterin uns derb anfahren, mit
ihren Stürmen uns ausschelten, mit
ihren Gewittern uns umtoben. Ihre
Milde und Strenge find gute Arznei.
Immer kann sie nicht helfen. Nicht
feiten ist unser Leiden oder unsere Ge
mütsverfassung derart, daß sich keine
Beziehung herstellen läßt zwischen der
Natur und unserem Schmerz. Sie
will nicht den Wunderdoktor spielen.
Und von dem, der Götzendienst mit ihr
treiben will, wendet sie sich entrüstet
ab. Ihr bester Trost besteht oft darin,
daß sie feinen Trost spendet, sondern
über sich selbst hinausweist: Höher
hinauf, zu Dem, der dich und mich er
schaffen!
Natur in stiller Größe zerbricht oft
mals unseren alltäglichen kleinen
Maßstab und wirft ihn uns vor die
Füße und bietet uns den ihrigen an.
Daran gemessen erscheinen viele Sor
gen und Leiden als Kindereien. Natur
löst uns aus dem Banne enger Denk
art, ruft alle unsere Kräfte zu großer
Arbeit, zu festem Widerstand dann
wieder legt sie wie eine Mutter uns
die Hand aufs Haupt und Herz und
mahnt zur Ruhe, zum Gleichmut, zu
sorglosem Vertrauen.
Diese beruhigende Kraft hat der
Heiland in sie gelegt durch Seinen
Hinweis auf die Lilien des Feldes und
die Vogel des Himmels, durch Seine
so ganz dem Leben und Weben der Na
tur abgezogenen Vergleichung: Mit
dem Reiche Gottes ist es, wie wenn ein
Mensch Samen in den Acker streut er
mag schlafen oder aufstehen bei Tag
und bei Nacht, der Same keimt und
sproßt auf ohne daß er es wahrnimmt
denn die Erde bringt von selber
Frucht, zuerst den Halm, dann die
Aehre, dann das reife Korn in der
Aehre. Das alles geht im Haushalt
der Natur wie von selber und ohne
Angst und Sorge und Jagen und
Hetzen, wenn nur der Same gut ist.
So wird auch ein leidensvolles Leben
feine Frucht bringen sei doch nicht
gar so kummerhaft und sorgenschwer
lerne von der Natur Ruhe und Stille
im Wirken, Warten und Dulden.
Die Nacht scheint nur dann der Lei
denden Freundin zu sein, wenn sie
ihnen mitleidig den tiefen, erlösenden
1
Schlaf bringt. Flieht der Schlaf, dann
dehnen Schmerz und Sorge, Furcht
und Grauen ihre Stunden zu Ewig
keiten dann legt sich ihre Finsternis
wie schwerer Alpdruck auf die Brust.
Und doch hat auch die Nacht ihr rei
ches Füllhorn des Trostes, die „ernste,
milde, träumerische, unergründlich
süße Nacht". Ihre tiefe Stille und
Ruhe schafft den großen Ausgleich in
der Natur und auch im Menschen
geinüt, heilt viele Wunden, die der
Tag geschlagen. Der stille Mond mit
seinem sanften, bleichen Schimmer
scheint ganz Mitleid zu sein. Die
Sterne aber blitzen uns ermunternd
an, sie, die so wohlgemut leuchten und
wie Schildwachen auf den Anruf ant
worten: Hier sind wir, und mit Fröh
lichkeit leuchten Dem, der sie schuf
(Bar. 3, 34/.). Gelobt sei Gott für
den Trost der Nacht!
Bischof von Keppler.
Die Tiete und dss Nicht
Bon Dr. I. Klug
(Schluß)
Die Goffer verhöhnten den toten
König Israels, und die Geier zogen,
seinen verwesenden Körper erspähend,
ihre Kreise über ihn.
So endete König Saul, der als
GotteSheld zu Jabes begonnen, der
sich ein Steigender dünkte in feiner
Selbstherrlichfeit und doch nur ein
Niederwärtssteigender war ... nieder
wärtssteigend bis zum Trübsinn des
gottfremd Gewordenen bis zum
Aberglauben und zum Spiritismus
jener Zeit bis zum Selbstmord
des an sich und an Gott Verzweifelten.
So erlosch has Meteor, das nur zu
seinem eigenen Ruhme hatte leuchten
wollen.
Männer von Jabes schlichen sich in
der Nacht an die Mauern von Beth
sam heran und nahmen den Leichnam
des Königs und seiner Söhne heimlich
hinweg und begruben die Gebeine der
Toten im Tamariskenhaine zu Jabes.
So dankten sie Saul mit ihrer
Treue, was er ihnen einstens getan,
wo er noch der Arm Jahves war und
nichts anderes sein wollte als der
Arm des Ewigen.
Und dann wurde David König über
Israel und stürmte von Sieg zu
Sieg. Wie die Sonne am Himmel in
goldenen Rüstung schreitet, so stieg
David sonnengleich empor und leuch
tete zur Ehre des Ewigen. Für Jahves
Ruhm blitzte sein Schwert, zu Jahves
Ruhm und Lobpreis rauschte seine
Harfe.
Da kam auch für David die Stunde
der Erprobung.
Davids Heere führten Krieg gegen
das Land und die Söhne Amnions.
Der König selber war nicht mitge
zogen ins Feld und weilte in seinem
Palaste.
Es war einer von den Tagen des
Orients, die Glut hauchen in die Luft
und in die Körper und in die Seelen.
Der König hatte den Nachmittag auf
seinem Lager geruht und wollte sich
gegen Abend auf dem Söller des Kö
nigshauses ergehen. Da sah er in der
Nähe eine badende Frau von un
gewöhnlicher Schönheit. Leidenschaft
liche Begierde flammte in dem König
empor, durch dessen Auge die Sünde
in seine Seele gestiegen war.
Und David ließ das Weib in seinen
Palast bringen und obwohl er
wußte, daß sie die Frau eines anderen
war, wurde er zum Verführer an ihr.
Das Bewußtsein der Schmach, die
er sich und der Frau und ihrem Gat
ten, der noch überdies einer seiner
Kriegshelden war, angetan hatte,
nagte an Davids Seele. Er versuchte,
die Schande, die der Verführten und
ihm selbst aus der Stunde des Rau
sches erwachsen mußte, zu verdecken
aber feine Pläne mißlangen.
Da reifte in der Seele des Königs
ein furchbarer Gedanke. Das Weib des
Urias durfte nicht länger das Weib
des Urias bleiben Urias mußte
sterben.
Und David gab dem Urias, den er
aus dem Felde heimgerufen hatte,
einen Brief an den Feldherrn Jaob
mit. Darin hatte er mit eigener Hand
geschrieben: „Stellt den Urias ins
Vordertreffen, wo der Kampf am hef
tigsten wütet und dann laßt ihn
im Stich, daß er erschlagen werde und
umkomme."
So fiel Urias ein treuer Diener
seines Herrn und Königs, der ihn be
trogen hatte und zum Mörder an ihm
geworden war. Jetzt war der Weg für
Bethsabee frei in das Frauengemach
des königlichen Palastes an ihr
und ihrem Kinde haftete wenigstens
vor den Augen der Welt keineSchmach
mehr.
David aber war den Weg aus dem
Lichte in die Tiefe gegangen krank
geworden in seiner königlichen Seele
an einem Weibe ... an feiner Leiden
schaft klein geworden und zerbrochen.
Das war die Tragik im Leben des
zweiten Königs von Israel. „Was
euch nicht angehört, das müßt ihr
meiden .!" Er mied nicht, was er
meiden mußte darum fiel David.
Israels dritter König war der gro
ße Salomon.
Was die Schrift von ihm berichtet
und was uralte Völkersagen von ihm
melden, das deutet klar darauf hin,
daß Salomon ein Mensch von genia
ler Begabung war. Eine echte Dichter
scele wohnte in ihm es wird ihm eine
ungewöhnliche Naiurerfenntnis und
Naturbeherrschung nachgerühmt seine
Bautätigkeit, namentlich der Tempel
bau von Jerusalem, läßt auf eine
ausgeprägte Künstlernatur schließen
seine politische Weisheit machte ihn
weithin berühmt in der alten Welt.
Salomon kannte die Größe und
alle Gefahren seiner Seele, die von
Pegabungsreichtum funfeite. Aus sei
ner Anfangszeit ist ein kleines Gebet
erhalten, das lautet: „Herr, gib Dei
nem Diener ein gelehriges Herz, daß
er zu unterscheiden wisse zwischen Gut
und Böse!"
Dieses Gebet verrät große Selbst
erkenntnis. Der geniale Mensch setzt
sich so leicht hinweg über „Gut und
Böse" er glaubt so leicht an eine
„doppelte Moral", an eine „Genie
moral" und eine „Massenmoral" er
zerbricht so leicht die „alten Tafeln"
und stellt sich „jenseits von Gut und
Böse".
Salomon kannte auch das Heilmit
tel gegen diese Gefahr, die den über
ragend Begabten bedroht. Es ist „ein
gelehriges Herz", das auf die ewigen
Gesetzesworte Gottes lauscht, auf die
Forderungen des Ewigen nicht
auf die Triebe und ihr Hungern und
Dürften, nicht auf die Leidenschaften
und ihr heißes Beg ehern, ein Herz,
das weiß: „Eines ist das Mögen und
ein andres ist das Müssen."
Es gab eine wundervolle Zeit im
Leben Salomons.
Er sang das Hohelied. Er ward
zum Umdeuter der sinnlichen Liebe in
deren idealen und vergeistigten Sinn.
Wo andere im Staube gehen, da ging
er int Aether und int Licht.
Er war ein Meister der Spruch
weisheit. Von ihm stammen unver
gängliche Worte: „Laß den Pfad dei
ner müden Füße eben sein, und alle
deine Wege sind sicher! Halte fest
an der Zucht, laß nicht von ihr ab
und bewahre sie, denn sie ist dein
Leben! Wer sich auf Lügen verläßt,
der hütet Sturmwind und läuft flie
genden Vögeln nach. Tie Güte ge
biert Leben. Den Gerechten beugt
nichts nieder, was ihm auch wider
fährt. Barmherzigkeit und Wahr
heit stiften Gutes."
Und doch: auch der große Salomon
ging den tragischen Weg aus dem
Licht in die Tiefe. Der Dichter des
Hohenliedes, der Umdichter der staub
geborenen in die geistverklärte Liebe
wurde zum orientalischen Harems
könig, der sich von seinen Frauen be
herrschen liefe der große, nie be
siegte Salomon.
Der Meister der Spruchweisheit er
lag der Gefahr, schließlich um feine
eigenen Worte sich nicht mehr zu küm
mern nur ein geistreicher Aphori
stiker zu werden, statt ein Weiser zu
sein, der auch wirklich von dem Gei
stesbrote lebt, das er anderen reicht.
Und Jahves kühner Tempel erbau er
wurde, von seinen ausländischen Ha
remsfrauen verführt und verdorben,
zum Götzendiener, in dessen Palast
betäubende Räucherwerke brannten
bor den Götzenbildern des Moloch und
des CHamos und der phönizischen
Astarte, in deren Bannkreis jede See
lenreinheit vergiftet ward.
Das war Salomons Gang aus dem
Licht zur Tiefe. Das war die Tragik
im Leben des dritten Königs von
Israel. Er war ein Typus jener Men
schen, denen man im Leben und in
der Geschichte manchmal begegnet:
Genies, denen die sittliche Tiefe fehlt.
Sie sind Meteore das ist ihr Glanz
und ihr Fluch zugleich Menschen,
die da vergaßen: „Sei aus der Hut,
am meisten vor dir selbst!"
Drei Könige jeder von ihnen
ursprünglich aus edlem Stoff und
doch ein jeder gesunken in Fehler und
Schuld es ist ein tragisches Tripty
chon.
Und doch leuchtet ein versöhnendes
Licht durch die dunklen Farben: einer
von ihnen hat den Weg gefunden, der
aus der dunkelsten Tiefe wieder zum
Lichte führe, wenn ein Mensch den
Weg aus dem Licht in die Tiefe ge
gangen es ist David.
Er fang ein unsterbliches Lied: den
fünfzigsten Psalm: das Miserere.
Und darin stehen die ewig trostvol
len Worte: „Cor contritum et humu
liatum Dcus non desfricies ein
Herz voll Zerknirschung, das sich ver
demütigt, das kannst du nicht her
stoßen!"
-WW

Baa Paradies der chriv
lichen Namilie

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