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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, June 24, 1950, Ausgabe der 'Wanderer', Image 3

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t',. 24. Juni
KV,,'
Durchhalten
Bon B. Wilhelm, 5. /.
Walser, nichts als Wasser! Endloses
Wasser! Das war seit Wochen und
Monaten der einzige, verzweifelt-ein
tönige Anblick für die Mannschaften
ider drei kleinen Segler „Santa Ma
ria", „Pinta" und „Ninna", die doch
ausgefahren waren, um ein großes
Land zu entdecken.
Am 3. August 1492, einem Frei
tag, hatte Kolumbus mit 124 Mann
•auf drei Schiffen den kleinen Hafen
Palos verlassen. Alle waren sie zur
Beichte und Kommunion gegangen.
Die Leute hatten Abschied genommen,
als ginge es in den sicheren Tod. Ab
sichtlich, um die Rückkehr zu erzwin
gen, war schon in der dritten Nacht
das Steuerruder eines Schiffes zer
brochen worden. Man mußte vier Wo
chen bei den Kanarischen Inseln fest
liegen, bis der Schaden behoben war.
Am 6. September war man dann end
gültig von der Insel Gomera abge
segelt, wobei sich abermals lautes
Jammern und Wehklagen erhoben
hatte. Die Vorstellungen, welche da
mals selbst unter weitgereisten See
Ieutcrt herrschten, waren allerdings ge
eignet, Grauen zu erregen. Die einen
meinten, die Erde sei ein großes Vier
eck, im Westen, am Ende desselben,
herrschte schwarze Finsternis dort
reiße eine schwarze, krallenförmige
Hand mit Riesenkraft die Schiffe in
«die Tiefe. Andere fabelten von dem
sagenhaften Leviathan, der dort herr
sche, oder von dem Riesenvogel Rock,
der ein ganzes Schiff mit seinem
Schnabel fasse und in den Abgrund
stürze, manche glaubten wohl, daß die
Erde rund sei, aber sie meinten, die
Schiffe, die nach Westen hinabführen,
würden nicht mehr nach Osten zurück
kehren können.
Von all dem hatte man nun freilich
nichts gemerkt. Aber das Wasser, das
endlose Wasser! Man fuhr eine Woche,
man fuhr zwei Wochen, vier Wochen,
und sah nur Wasser, nichts als Was
ser! Die Leute begannen zu murren
erst leise, dann lauter und lauter.
Manche schrien, man solle den Befehls
Haber ins Wasser werfen und um
kehren! Warum solle man sich von
dem ehrgeizigen Toll köpf, von dem
fremden Phantasten in» Verderben
führen lassen?
Mitten in all dieser Angst und
Unruhe, diesem Murren und Drohen
stand der Admiral, der Genuese Chri
stoph Kolumbus, fest wie ein Fels in
wilder Brandung. Ruhig machte er
seine Messungen, ruhig schrieb er sein
Tagebuch, fest und bestimmt gab er
seine Befehle. Achtzehn lange Jahre
hatte er sich abgemüht, seiner lieber
zeugung, daß im Westen Land zu fin
den sei, Geltung zu verschaffen. Da
und dort, in Portugal, in Genua, in
Venedig, hatte man ihn abgewiesen
und als Träumer verlacht. Sein Ver
mögen war zerronnen, sein Haar vor
der Zeit ergraut. Unter größten
Schwierigkeiten hatte er endlich mit
Hilfe guter Freunde, insbesondere
eines Franziskanerpaters, in Spa
nien Gehör gefunden. Wie schwer war
es geworden, drei Schisflein auszu
rüsten und zu bemannen! Die Regie
rung hatte mit strengem Befehl nach
helfen müssen. Als sie aber endlich
nach Westen abfahren konnten, fca war
eine große Ruhe über ihn gekommen:
die frohe Gewißheit, er werde endlich
sein Ziel erreichen.
So war Kolumbus allein immer
ganz ruhig und gelassen geblieben,
auch als am 10. Oktober abermals der
Schrecken die Mannschaft erfaßte und
sie unter wilden Drohungen vor ihn
hintrat, um die Rückkehr, zu fordern.
Der hochgewachsene Mann hob das
vornehme längliche Gesicht mit der
breiten Stirn und kühnen Adlernase.
Stahlhart blickten die blauen Augen
auf die erregten Menschen und ge
boten Schweigen. Fest erklärte er, daß
er ausgefahren fei, um Indien zu er
reichen, und dasselbe mit Gottes Hilfe
auch finden werde.
Und er sollte ein gewaltiges Land
finden, wenn auch nicht Indien. In
der Nacht des 11. Oktober sah man
vom Hauptschiff aus Lichter aufglän
zen und am Morgen des 12. erscholl
der Jubelruf: Land! Land! Im Mor
gengrauen lag Guanahani, ein lieb
liches grünes Eiland, das dem Golf
von Mexiko vorgelagert ist, vor ihren
Blicken. Mit einem Scharlachmantel
angetan, das Banner in der Faust,
stieg Kolumbus ans Land, warf sich
auf die Knie, küßte die Erde und
dankte Gott unter Tränen für die Er
reichung seines Zieles. Das Te Deum
erscholl, ein Kreuz wurde aufgerichtet
und die Insel dem Erlöser zu Ehren
San Salvador genannt. Kolumbus
hatte durchgehalten, sein Ziel erreicht,
unsterblichen Ruhm erworben.
Mein Christ, bist du nicht auch auf
der Fahrt in ein fernes, unbekanntes
Land? Denke an Kolumbus und
halte durch, wenn das eintönige
Gleichmaß der Tage dich niederdrücken
will: denke an Kolumbus und halte
durch, wenn deine Einbildungskraft
oder Altweibergeschwätz dir alle mög
lichen Gefahren und Beschwerden vor
gaukelt und dich abwendig machen
will denke an Kolumbus und halte
durch, wenn deine Sinne meutern und
dir ihre Gelüste aufzwingen wollen!
Fahre mutig ah, immer zu! Dann
wirft auch du schließlich am Gestade
der himmlischen Heimat glücklich lan
den und ewig triumphieren.
Uitwennot
Bon Assunta Nagl
Daß in alter Zeit die Sage der Wit
wen eine recht drückende war, läßt sich
leicht daraus schließen, daß es an allen
öffentlichen Einrichtungen zu ihrer
Versorgung fehlte. In der Heiligen
Schrift, die ja so manchen Einblick in
da5 soziale Leben alter Zeiten ge
währt, ist, sooft eine Witwe erwähnt
wird, von ihr immer nur als von
einer Armen die Rede. Hier konnte
erst die soziale Erkenntnis einer neuen
Zeit Wandel schaffen.
In der Tat hat die Kirche mit ihrem
evangelischen Liebesgebot mit den an
deren Hilfsbedürftigen sich auch der
Witwen angenommen. Hatte doch der
in frühester apostolischer Zeit einge
setzte Diakonat seine Hauptaufgabe in
der karitativen Arbeit, die durch die
Spenden der Gläubigen ihre mate
rielle Unterlage erhielt.
Unter den Hilfsbedürftigen der
antiken Welt war sicherlich die Witwe,
wenn sie nicht durch den Familienver
band geschützt und von ihm erhalten
wurde, der Bedürftigsten eine. Daß
nicht einmal die engste Familie ihre
Pflicht diesen der Stütze Beraubten
gegenüber immer freiwillig erfüllte,
geht schon aus dem Worte Pauli
(1, Tim. 5 ff.) hervor: „Hat aber eine
Witwe Kinder oder Enkel, so sollen
diese vor allem ihrer eigenen Familie
gegenüber ihre Pflicht erfüllen und so
den Vorfahren erkenntlich fein .. wer
dies etwa nicht täte, hat den Glauben
verleugnet und ist schlimmer als die
Ungläubigen." Und am Schlüsse die
ses Abschnittes bemerkt der Apostel
noch einmal über die Unterstützung
der Witwen: „Hat eine gläubige Frau
Witwen bei sich, so soll sie für diese
sorgen und nicht die Gemeinde be
schweren dann kann diese für die
wirklich alleinstehenden Witwen sor
gen." Voraussetzung für die Fürsorge
der Gemeinde ist also die Vereins«
mutig und nach Vers 9 das vollendete
90. Lebensjahr. Da aus diesen befür
worteten Witwen zugleich auch die
kirchenamtliche Verwendung der Frau
und ein besonderer Witwen stand her
vorging, deren Wurzeln praktische
Karitas und ideale Lebensauffassung
sind, wird die sittliche Unbescholtenheit
und die Ausübung guter Werfe zur
Bedingung der Aufnahme in das Ver
zeichnis gefordert. Es soll einer
gelegentlichen Darlegung über die
Diakonissen der Urkirche vorbehalten
bleiben, diese Seite des Witwenpro
blems zu erörtern. Jedenfalls war es
zunächst die Absicht der jungen Chri
stengemeinde, das Los der durch den
Tod ihres Erhalters hilflos geworde
neu Frauen, für die damals eine Er
werbsmöglichkeir überhaupt nicht be
stand, zu lindern erst in zweiter Linie
kam dann ihre Heranziehung zum
Wirken in der 'Seelsorge.
Das Mittelalter hat dann auch den
Witwen weitgehende Fürsorge ange
deihen lassen. Karl der Große, dessen
Herrscherblick mit bewundernswerter
Klarheit die sozialen Schäden seiner
Zeit überschaute, erklärte, daß er sich
vor Gott für das Wohl der Bedräng
ten verantwortlich fühle. Er ermahnte
wiederholt die Besitzenden, sich der
Witwen und Waisen anzunehmen
Unrecht gegen Witwen und Waisen
wurde unter Strafe gestellt. Die Gro
ßen des Reiches sollten es als ihre
Aufgabe betrachten, für sie einzutre
ten. Selbst einen Auszug zur Jagd
oder ein Gelage sollte der Graf, der
'königliche Exekutivbeamte im Gau,
unterbrechen, wenn Witwen kamen,
um seine Hilfe in Anspruch zu neh
men. Auch die Kirche begnügte sich
nicht damit, die Gläubigen von der
Kanzel aus zu Mitleid und Fürsorge
zu ermahnen und so das Hilfswerk
dein guten Willen der einzelnen zu
überlassen. Aus den Einkünften der
Bistümer, der Pfarrkirchen wurde ein
bestimmter, ansehnlicher Teil für die
Armen verwendet. Besonderen Schut
zes erfreuten sich die Witwen und
Waisen. Wenn sie vor Gericht zu er
scheinen hatten, stellte ihnen der Bi
schof einen eigenen Vertreter. Manche
Witwen fanden auch in den vielen
Klöstern Zuflucht.
Immerhin bleibt trotz aller Be
mühungen, auch der modernen Ge­
Unter der alte« Linde
Linde im Hofe, du rauschest so leise
Eine geheimnisvoll seltsame Weise.
Deinem so leyen, verträumten Rau
schcit
Muß ich stets wieder und wiederum
lauschen
Sah'st die verschlungenen, verwehten
Bahnen
Nie mehr genannter, vergangener Ah
nen
Sah'st in der Zeiten so flüchtigem
Wehen
Werden sie leben und wieder
vergehen.
Sah'st sie als Kinder als Männer
und Frauen,
Konntest als schneeige Greise sie
schauen
Hörtest sie weinen und lachen und
scherzen,
Schautest auch nach ihren stillsteh'nde«
Herzen.
Mächtige, uralte, ehrwürdige Linde
Längst, wenn verweht meine Tage im
Winde,
Wirst du noch stehen und wirst d« «och
rauschen
Andere dann werden dem Flüstern
lauschen.
Die Mode und die alternde
Frau
Es ist meistens sehr schwer für die
Frau, den richtigen Zeitpunkt zu er
kennen, da sie „alt" zu werden be
ginnt, und es gehört gewiß recht viel
Selbstüberwindung dazu, sich mit eini
ger Grazie in dies nun einmal un
abwendbare Geschick zu fügen. Wer
das nicht vermag, läuft Gefahr, sich
lächerlich zu machen. Schon durch das
Bestreben, in der Kleidung noch
jugendlicher zu erscheinen, als die
Jahre und das Aeußere es erlau
ben. Glücklicherweise denkt man heut
zutage viel freier als vor einem Men
fchenalter. Da war schon die Frau von
einigen dreißig verurteilt zu Kapothut
und Umschlagetuch oder Umhang, eine
helle oder gar weiße Bluse zu tragen,
wäre unschicklich gewesen. Nim, das
sind überwundene Anschauungen, und
im allgemeinen gilt die Frau heute für
so alt, wie sie sich fühlt und wie sie
aussieht.
Nun ist ober die gegenwärtige
Mode für die Alternde sehr wenig
günstig. Das ärmellose, ausgeschnit
tene, enge und kurze Gewand sieht
wahrhaftig nicht gut und recht lächer
lich aus zu welken Zügen und unfri
scher Hautfarbe, und alle Schminke
und derartige Hilfsmittel täuschen
schlecht darüber hinweg. Matte, helle
Farbentöne oder gar zu großgemu
sterte Stoffe sind ebenfalls recht un
günstig. Am ratsamsten ist immer die
Wahl dunkler und warmer Farben,
neben dem reinen Weiß für den Som
mer und| dem immer vornehmen
Schwarz, und weicher, schmiegsamer
Stoffe. Der kurze und enge Rock wirkt
für die Alternde unschön. Das lose,
in eins gearbeitete Kleid mit laugen
Aermeln dagegen eignet sich sehr gut
für jede Figur und auch gerade für die
Alternde, abgesehen davon, daß es
sehr bequem ist. Von allzu vielem
Schmuck, von ausfallenden Haarfr if
-^^T$^-'V''
OHIO WAISEN FREUND
setzgebung, der Lebensstand der Wit
we, wenn sie nicht mit eigenem Ver
mögen ausgestattet ist, ein kümmer
licher. Eine lange, in ihrer Bescheiden
heit stumme Chronik von geduldig ge
tragenem Witwenleid begleitet die
Geschichte der Menschheit durch ihre
Jahrtausende, aber auch die Erinne
rung an viel Liebe, Kindesliebe und
Nächstenliebe, die diese Tränen zu
trocknen versucht hat. Gerade heute
mag neuerdings an die Notwendigkeit
gemahnt werden, besondere Aufmerk
samkeit auf diese Bedürftigkeit zu ver
wenden. Einer einzigen irdischen Be
ziehung hat der Heiland, am Kreuze
für die Menschheit sterbend, gedacht:
Seine Mutter, die Witwe, empfahl der
Sohn Seinem Jünger, daß er ihr eine
Stütze sei. Es fällt durch diese Episode
ein eigenes Licht auf die Bedeutung
der Sorge für die Frauen, die den
Schutz der engsten Familie verloren
haben.
Li­
ren ist abzusehen. Und die Mode der
„Ansteckblumen" nur für ganz beson
dere Festlichkeiten und unter genauer
Auswahl der betreffenden Blumen an
gängig. Mehr als jede andere Frau
hat -die Alternde auf das zu achten,
was wirklich zu ihr paßt, und den
eigenen Geschmack, wenn er gediegen
rl
I I E K E I S
und gebildet ist, mehr zu befragen als
den Ratschlag der Modistin oder Kon
feflionSvcrkäuferin, die vielleicht un
angebrachte Schmeicheleien sagen wol
len. Ter Spiegel ist ein unbestechlicher
Richter, und es darf nicht als bloße
Eitelkeit gelten, wenn die Alternde sich
vor der Lächerlichkeit bewahren will
uiti) ihn befragt. F. G.
Lss Aind
Wie trostlos und freudeleer wäre
die Erde, wenn nicht immer wieder
da* Kind in ihr erschiene, das reine,
unschuldige, mit seinem sorglos-glück
lichen Lächeln. Es kommt, unberührt
von allem Schmutz und Staub, Haß
mit) Elend der Welt, aus der Ewigkeit
zu ims herüber, als wollte Gott uns
an diesem Ebenbild zeigen, wie wir
fein könnten und sollten ohne Sünde.
Für Eltern gehört es zum Bitter
sten. zu beobachten, wie ihr harmloses
Kind allmählich den unheilvollen Ein
wirkungen dieser Welt zugänglich
wird, wie sich in dem kleinen Leibe
nach und nach Böses regt und durch
die Einflüsse von außen immer stärker,
wird, und wie so die ungetrübte Un
schuld und selige Harmlosigkeit der
enteit Lebenszeit immer beänftigciider
von dem dufteren Gewölk der mensch
lichen Schicksalsgemeinschaft überschat
tet wird. Da kommen sich die Eltern
manchmal vor wie Chriftophorus: sie
sollen ein Kindlein bei Wind und Wet
ter durch wogende Wasser tragen, und
da* Kindlein wird immer schwerer
und drückender, daß sie säst verzwei
feilt möchten. Es gehört eine große,
ait der eigenen Lebensentwicklung ge
reiste Erfahrung dazu, einem Kinde
durch biefe entscheidenden Jahre hin«
durchzuhelfen, daß es gegen den ver
heerenden Andrang des Weltgeistes
und der schlimmen Triebkräfte des
Leibes geschützt wird. Aber die Er»
Ziehungsweisheit der meisten Mütter
erschöpft sich damit, das Kind in den
ersten unvernünftigen Jahren zu be
friedigen und zu beschwichtigen, ihm
so weit und so oft nur möglich feine
Wünsche zu erfüllen, damit es Ruhe
gibt. Nichts ist verkehrter und für das
Leben des Kindes unheilvoller. Je
mehr Wünsche man einem Kinde be
friedigt, desto mehr wird es zu wüit
scheu sich gewöhnen. Das spätere Leben
aber wird gewiß auf die vielen Wün
sche des Kindes nicht so rücksichtsvoll
eingehen wie die übergute Mutter
das Leben wird oft nein sagen, wo das
Kind ein Ja erwartet. Und so kommen
dann die Enttäuschungen, das Un
befriedigtfein, das Murren über die
Eltern, die es scheinbar nicht mehr so
gut meinen wie früher, da sie noch
allem Begehreu entsprachen, der Groll
gegen die Mitmenschen, die dem ver
wöhnten Liebling nicht genug ent
gegenkommen. Aus solchen, von un
klugen Müttern also anspruchsvoll er
zogenen Kindern werden keine glück
lichen Menschen, auch wenn sie einst
wohlhabend werden und sich manches
Vergnügen gestatten können.
Lss tägliche Einerlei
Es mag Verleumdung sein, wenn
man gerade den besten Hausfrauen
eine etwas wetterwendische Stimmung
vorwist. Jedenfalls wird auch eine
Hausfrau von wahrer Herzensgüte
sich selber oft den Vorwurf machen,
nicht immer den erstrebten Grad von
Sanftmut zu besitzen. Die Frau ist
Königin ihres Heims, von der -man
erwarten kann, daß fie stets huldvoll
und gnädig in ihrem Reiche schaltet
und waltet. Weshalb sollte je in einem
glücklichen Heim auch nur der kleinste
Mißton 'vorkommen? Es gibt viele
Frauen, welche man häufiger anders
wo als zuhause antrifft, sehr nette
Frauen, „liebenswürdig" und unter
haltend, aber das sind keine Haus
frauen!
Beleuchten wir einmal die Arbeiten
und Pflichten der Hausfrau von der
unerfreulichen Seite, fo finden wir,
daß es im Grunde nur ein Wegräu
men von gewaltigen Hindernissen ist,
ein Kampf mit Schmutz und Unord
nung. Je tüchtiger und sauberer die
Fau ist, desto gründlicher verabscheut
sie die immer wegzuräumenden An
häufungen, denn die Unredlichkeit ist
des Hauses Feind je mehr sie ein
gemütliches Heim aufrechtzuerhalten
sucht, desto unangenehmer ist ihr die
Störung ihrer Anordnung. Dazu
kommt noch, daß bei allem Wirken
und Streben fein sichtbarer Erfolg zu
verzeichnen ist es „bringt nichts ein",
im Gegenteil, alles wird verbraucht
oder durch den Gebrauch verdorben.
Ob ihr nun eine tüchtige Arbeitskraft
zur Seite steht, die Hauptarbeit ver
bleibt ihr und ist allemal die Prosa
des Lebens. Dabei kennt die Frau
W^'"" 'W-"' ft*11
ihren höheren Beruf, weiß, daß sie
„himmlische Blumen ins irdische Le
ben" weben soll. Sie möchte sich dazu
aufschwingen, hat stets das hohe Ziel
vor Augen. Aber die täglichen Ver
richtungen bedrücken ihren Geist sie
weiß es nicht, weshalb sie so oft mit
trüber Stimmung zu kämpfen hat.
Wohl ihr, wenn sie am Sonntag in
die Kirche gehen kann! Da findet sie
dieftirchenftühle zum großen Teil mit
Hausfrauen und Müttern gefüllt. Mit
neuem Mut fängt sie den schweren
Montag an und klagt sich am Abend,
daß der Sonntagsfriede so bald ge
stört ist. Fände sie mehr Verständnis,
brächten alle Hausgenossen nur Freu
de und Zufriedenheit heim, fo wäre
die Hausfrau fehr empfänglich für ein
wenig Aufmunterung.
Gerade für den Alltag find uns die
besten Lebensworte gegeben! Kommt
uns ein Tag besonders trüb vor und
suchen wir dann am rechten Ort nach
einem solchen Wort, so werden wir
das rechte finden.
Nichts Großes nur gilt's zu voll
bringen,
Das Leben hängt an kleinen
Dingen!
Pontius Pilatus
Bon Dr. I. Klug
Zu Casaren Palästina am Mittel
ländischen Meer lag die Residenz der
römischen Landpfleger. Die Stadt
hatte einen prachtvollen Tempel,,ein
Theater, einen stolzen Refidettzpalast
für die römischen Profiuratoren, die
wir gewöhnlich Landpsleger nennen.
Zur Zeit Christi war dieses Cäsarea
eine der schönsten und reichsten Städte
von Palästina heute geben nur
Trümmer und Ruinen Kunde von der
Herrlichkeit vergangener Tage. In
jenem Marmorpalast der Stadt resi
dierte von 26 bis 36 nach Christi Ge
burt Pontius Pilatus.
Es war keine begehrenswerte Sache,
Landpsleger von Samaria und Judäa
zu sein. Jeder blieb hier nur drei oder
vier Jahre, dann konnte man aus Be
förderung rechnen. Und Pontius Pila
tus, der ein ehrgeiziger Mann war,
sehnte sich mit besonderer Heftigkeit
aus diesem Lande. Die Aufgabe war
wenig angenehm, dieses widerspen
stige und zu fortwährenden Aufsässig
keiten geneigte Judenvolk unter das
eiserne Joch der weltbeherrschenden
Roma zu beugen. Aber schließlich ließ
sich das ebenso aushalten, wie es auch
andere ausgehalten hatten. Matt
konnte sich während der paar Jahre
seiner Amtstätigkeit die Taschen mit
Gold füllen man konnte ins Theater
geben man konnte die Zeit mit Segel»
fahren auf -dem ewigblauen Meer
unter dent ewig blauen Himmel tot
schlagen man konnte die römischen
Postschiffe mit den neuesten Nachrich
ten abwarten und, wenn man sich ge
nügend damit gelangweilt, auf die
noch neueren Nachrichten von morgen
hoffen oder man konnte prunkvolle
Gastmähler geben, bei denen die Be
cher fchäumten und die Tanzmädchen
ihre Reigen tanzten.
Ab und zu kam wohl auch eine
ernstere Stunde in dem alltäglichen
Dienst- oder Vergnügungsleben des
römischen Prokurators. Da samt er,
wie jeder Mensch mitunter sinnt, über
die ernsten Fragen nach, in denen
Leben und Tod, das Woher und Wo
zu, das Jenseits und daS Diesseits
einander grüßen. Da ging Pontius
Pilatus in feine Bibliothek und suchte
sich eine seiner Bücherrollen aus. Aber
soviel er auch las und las es gab
keine genügende Antwort in all den
philosophischen Schriften, die er besaß
und studierte. Und so war es denn
schließlich immer das Ende seiner Lek
türe, daß er die Bücherrolle unmutig
beiseite schob und leise aufstöhnte mit
der alten Zweifelsfrage: „Was ist
Wahrheit?" Die Marmorwände
feines Palastes ließen diese Fragen
zurückprallen, die Springfontänen sei
nes Gartens rauschten verständnislos
rings um den Zweifler.
Pilatus hatte eine Gattin. Claudia
Prokula war ihr Name. Sie war eine
von den Heidinnen, die mit dem Glau
bett des Judenvolkes bekannt gewor
den waren und, ohne eigentlich zum
Judentum überzutreten, doch den Of
fenbarungsgott des Judenvolkes ver
ehrten. ES ist wohl anzunehmen, daß
sie ihrem Manne die heiligen Schrif
ten in die Hand spielte, in denen sie
selber las. Sie fand wenig Verständ
nis bei Pontius Pilatus für die Reli
gion des Judeuvolkes. Und sie mag
ihm auch oftmals erzählt haben von
dem, wovon in jenen Tagen ganz
Palästina voll war, daß in Nazareth
ein großer Prophet aufgestanden fei,
der eine so wunderbar reine und sy
wundersam hohe Lehre verkündete unb
i'AW"'1
y
"»7»w ny
unerhörte Wundertaten vollbrachte.
Aber was Claudia Prokula ihrem
Gatten erzählte, das war nur geeig
net, seinen Mißmut zu erregen. Die
ser Nazarener, Jesus genannt, brachte
das Land in Aufruhr. Pilatus sah
den Tag voraus, wo er sich mit diesem
Menschen zu beschäftigen haben würde.
Schon gab es viele, die begeisterte
Loblieder auf den Propheten von
Nazareth fangen und andere, die
Ihn haßten, wie man einen Todfeind
haßt. Und zu den Hasfern gehörten
Menschen, deren Name schon dem Pro
kurator unangenehm war: der Hohe
Rat, die oberste Gerichtsbehörde des
Judenvolkes, die mit dem Landpfle
ger immer in stillem oder offenem
Kriege lebte. Pilatus fah es voraus:
es würden ernste Konflikte kommen
entweder mit dem Nazarener oder mit
der Suit agog e, und diese Störung sei
ner Ruhe war ihm nicht angenehm.
Zum Osterfeste des Jahres 33 reiste
der Landpfleger nach Jerusalem. Er
ging jedes ysohr dorthin, denn zu dem
Feste strömte weit über eine Million
Juden in die Hauptstadt zusammen,
und es war für alle Fälle gut, wenn
der Landpsleger selber bei der Garni
son von Jerusalem war. Aber als
Pilatus, von seiner Gattin und einer
Kohorte Soldaten begleitet, im Jahre
33 nach Jerusalem aufbrach, lagen
düstere Schatten auf feiner Stirn. Er
fühlte, die Geschichte mit dem Naza
rener würde diesmal zunt Austrage
kommen müssen. Von Bethanien her
war die ungeheuere Kunde durch das
Land geflogen, der Prophet habe einen
Toten auf erweckt, der schon vier Tage
im Grabe lag. Eine maßlose Begeiste
rung brauste durch das Land, und ihre
hochgehenden Wogen brandeten nach
der Hauptstadt hin und brachten Ge
fahr. die der Landpfleger unter allen
Umständen zu bannen hatte: es tauch
ten nämlich immer mehr Stimmen
auf, die den Nazarener zum Inden
fönig aufrufen wollten. Ach, Pila
tus erfchrak, wenn er daran dachte.
ES gab einmal eine Zeit, da war er
am kaiserlichen Hofe zu Rom gut an
geschrieben. Er hatte sogar den Titel
„amicus Cacsaris", d. h. „Freund des
Kaisers", bekommen, den man damals
bekam, wie man heutzutage für sicht
bare und unsichtbare Verdienste etwa
den Titel „Konimerzienra^ Hof rat.
Geh eint rat, Wirklicher Geheimer Rat"
u. a. Titel bekommt. Aber es hatten
einige heftige Zusammenstöße zwischen
dem Landpsleger und dein Judenvolk
stattgefunden, und man hatte ihn zu
Rom verklagt. Nein, er durfte
unter keinen Umständen dulden, daß
dieser Jesus von Nazareth eines Ta
ges als jüdischer Kronprätendent aus
trete. Aber es war auch nicht einfach,
sich gegen die ungeheure Begeisterung
zu stemmen, die allüberall für den
Nazarener in hellen Flammen auf
loderte.
Und wie es Pilatus vorausahnte,
so traf es ein. Kaum war er an Ostern
33 in Jerusalem angelangt, da er
schien auch schon eine Gesandtschaft
des Hohen Rates bei ihm und fragte,
zunächst unter der Hand und diploma
tisch, bei dem Prokurator an, wie er
sich denn zu einer etwaigen Verhaf
tung des Nazareners stellen würde.
Pilatus hatte gar nichts dagegen ein
zuwenden im Gegenteil: er war froh,
daß ihm die Synagoge den lästigen
Prozeß gegen den Propheten aus
Nazareth abnahm wenn s i e Ihn
richteten, dann brauchte ja er es nicht
zu tun. Und so kam es, daß in der
Woche vor dent Osterfeste des Jahres
33, in der Nacht vom Donnerstag auf
den Freitag, Jesus von Nazareth ver
haftet und von dem Hohen Rat zum
Tode verurteilt wurde. Die Anklage
lautete auf Gotteslästerung: Dieser
Mensch, ein Zimmermanns!ohtt aus
Nazareth, hatte die unerhörte Kühn
heit besessen, Sich den Sohn des leben
digen Gottes zu nennen. Er hatte ge
sagt, Er werde den Tempel zerstören
und ihn in drei Tagen wiederauf
bauen diese letztere Anklage erwies
sich zwar als unsinnig und haltlos,
aber das machte ja nichts: irgend
etwas mußte ja schon an der Sache
sein. Und der Nazarener hatte die
wahnsinnige Anmaßung besessen, zu
sagen, man möge es nur wagen, Hanl»
an Ihn zu legen Er werde auf den
Wolken des Himmels wiederkommen,
um die zu richten, die jetzt über Ihn zu
Gericht säßen, und überhaupt alte
Menschen zu richten, die Lebenden und
die Toten. Das waren nun Anklage
punkte genug. Eigentlich aber wäre»
im Vertrauen gesprochen ganz
andere Gründe für die Verurteilung
Jesu maßgebend: wenn dieser Naza
rener es fertig brachte, Spaltung in
das Judentum hitteinzutragen und
eine eigene Sekte zu gründen, dann
bestand die Gesahr, daß die Tempel
stcuer spärlicher floß.
(Fortsetzung folgt)

Von Fritz Th eisse»

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