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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, June 24, 1950, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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(Fortsetzung)
Dot: Besuch bei Salud hatte er von
Tag zu Tag hinausgeschoben hatte
doch dos erste Zögern eine Kluft ge
rissen, die kaum wieder zu überschrei
ten war. Fast eine Woche war seitdem
vergangen.
Juan, der KtierkZmpker
Wieder war eine Tertulla bei dem
8
en or Ortiz, und während ein Teil
der Gesellschaft schon zu Gesang und
Tanz übergegangen war, lehnte Lola
auf der Veranda lässig in einem
Schaufelituhl, an dessen Seite wie im
mer Juan Perez Platz genommen hat
te. indes die kleine Mariuccia auf ei
uem niederen Sitze ihr zu Füßen saß.
Wovon plauderte die Kleine so eifrig?
(fv war so kurze Zeit erst her, daß sie
das Kloster Mla Eatarina verlassen,
lind sie wußte noch so viel von den
frommen Schwestern zu erzählen und
von der schönen alten Kirche, die sie
immer noch besuche.
Traf ihr kindliches Geplauder, auf
das Lola kaum zu achten schien, so tief
den einen ihren stummen Zuhörer
Perez versank in ein stilles, dumpfes
Brüten. Ward er sich seiner Untreue
bewußt, wenn er sich die stille kleine
Gestalt dort in dem Kirchen räum vor
stellte, wo er sie so oft aufgesucht, sie,
die jetzt wohl umsonst seiner dort
harrteV Galt es wirklich ein Zurück
ziehen, ein Heraustreten aus dem
Zauberkreise, der ihn umfangen hieltV
War es doch ein Wort der Ehre, das
ihn dort band ein Traum nur,
der hier ihn umschlungen hielt, ein
Traum, dem ein Erwachen folgen
mußte.
Mexikanische Novelle aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts
o n e i A e i i n v o a k e
Ein. Seufzer glitt über leine Lip
pen: ganz in feinen inneren Kampf
versunken, bemerkte er nicht, wie
Lolas dunkles Auge ihn prüfend
streifte. Las ihr kundiger Blick in 'den
stummen Zügen ihres Verehrers so
klar, als habe feine Zunge ihr seine
Gedanken gestanden?
Im Gegensatz zu Saluds ungekün
stelter Liebe, die nichts zu berechnen
wußte, stand Lola jedes Wort, jeder
Blick nach Willen und Absicht zu Ge
bot. Sie besaß jene gefährliche Kunst,
die bei dem ähnlich Geschulten wenig
verfängt, den Unbefangenen aber,
dessen Begriff sie sich kaum erschließt,
um so sicherer blendet.
Perez wie Mariuccia sahen nur jähe
Ungeduld darin, als Lola sich jetzt
plötzlich erhob, den Granatenstrauß,
Juans' Gabe, mitj dem sie bisher läs
sig gespielt, wie in Ueberdruß über die
Veranda schleuderte und die scharfe
Frage stellte, ob er keine besseren Be
weise seiner Verehrung habe, als so
stumm an ihrer Seite zu träumen.
Wenn sie mit ihrer plötzlichen Be
wegung Juan hatte erwecken wollen,
war ihr Zweck erreicht. Einen Augen
blick starrte er sie verständnislos ort
dann aber, als habe nur ein Gedanke
in ihm Raum, als sei mit den Blüten
ihm ein kostbares Kleinod verloren
gegangen schwang er sich über die
Veranda hinab, den Blumen nach.
Tie Tat kam so unvermittelt, daß
selbst Lola stutzte und ein Schrei der
kleinen Mariuccia die Gesellschaft her
beirief. Man staunte, man lächelte
vieldeutig, man blickte bewundernd
dem kühnen Springer nach. Nur Luis
Garciasi legte sein Antlitz in ernstere
Falten und äußerte herb: „Gut, daß
Salud Romero nicht anwesend ist, daß
sie nicht sieht, zu welchen Heldentaten
andere Augen ihren Bräutigam zu be
geistern sich bemühen, ihren Bräuti
gam, der sich glücklich preisen sollte,
ein so liebliches Wesen s«jn zu nennen,
ein Muster weiblicher Tugend!" Die
Betonung der letzten Worte war ein
scharfer Pfeil, den er auf seine schöne
Verwandte zielte, wie gleichgültig er
auch zu sprechen schien. Garcia war
wohl der einzige in der Gefellschaft,
welcher der schönen Lola im Wert
kampfe gewachsen war, und da er sich
als die unschuldige Veranlassung der
Vernachlässigung Saluds ansah, hatte
die Teilnahme für sie ihn zu dieser Be
merkung veranlaßt.
Sein Pfeil hatte1 schärfer getroffen,
als er selbst ahnte, dabei aber auch 'das
letzte Gefühl von Mitleid in Lolas
Brust ausgelöscht. Sie vergab der
Nebenbuhlerin nicht die Kränkung, die
sie um ihretwillen erlitten. Kalt zwar,
als sei nichts geschehen, wandte sie sich
von der Veranda ab als aber gleich
darauf Perez wieder erschien, 'den
Strauß triumphierend hochhaltend,
schien sie ihn kaum zu bemerken. Sie
war im Tanz begriffen mit einem
anderen, und allen anderen gewährte
sie am heutigen Abend noch diese Huld,
nur nicht ihm. Blendender, reizender,
hinreißender in ihrer Liebenswürdig
feit war sie wie jemals. Selbst Gar
cias, trotz seiner strafenden Worte,
vermochte sich kaum ihrem Zauber zu
entziehen.
Perez allein war umsonst bemüht,
sich ihr zu nähern, ein Wort der Er
klärung wegen dieses plötzlichen Wech
[eis zu erlangen. Es war, als sei er
ihrem Gesichtskreise entrückt vergeb
lich spähte er nach einem der Blicke,
mit denen sie ihn sonst so verschwende
rifch bedachte.
Erst als er bleich und zitternd vor
Erregung zum Abschied vor ihr stand,
sollte sich ihm das Rätsel lösen. Kalt
streckte sie 'die Hand aus nach den Blü
ten, -die er als Trophäe noch trug.
„Ich Jiebe nicht, daß die Ritter ande
rer meine Blumen tragen," sagte sie,
die Blumen nehmend, um sie sogleich
mit ihrem Fuße zu vernichten, ihm
dann den Rücken wendend, so heftig,
wie nur gekränkte Liebe es zu tun ver
mag.
Gekränkte Liebe! Perez wenigstens
glaubte sie zu lesen. Er hätte in wilden
subei ausbrechen mögen, trotz der Be
leidigung. die er empfangen. Liebe,
die gekränkt werden kann, ist immer
hin Liebe, vermag wieder versöhnt zu
werden Also frei, frei wünschte sie
ihn, ihr ganz allein angehörend! Bis-'"
her 'glaubte er nur gegen Salud ein
Unrecht begangen zu haben jetzt schien
es ihm, als habe er Lola am schwer
sten gekränkt, daß er gewagt sich ihr zu
nahen, während eine andere Fessel ihn
band. Aber welche Fessel hätte er nicht
zerbrochen, um sie zu erringen! Vor
ihr niederfallen hätte er mögen, den
Staub ihrer Füße zu küssen, wenn er
nur ihre Verzeihung erlangte.
Längst war es still geworden in der
Villa Ortiz jenem Abend, bis auf
das Rauschen, das durch die Bäume
zog, bis auf den. leisen Vogelsang, der
in die Nachtluft klang, bis auf das
Ktmichm des Sandes, der die Villa
Ortiz nicht zu verlassen vermochte.
War Juan Perez Spanier genug,
um feinen Kummer unter den Fen
stern der beleidigten Geliebten zu tier
seufzen? Und sie, wußte sie ihn so ge
wiß in ihren Banden, daß sie jetzt hor
chend noch am Fenster stand und ein
kühles Lächeln ihre Lippen umspielte,
sobald sie sich von seiner Nähe über
zeugt hatte? Sie wußte gut mit sol
chen Flammen umzugehen, sie zu ent
zünden und anzufachen. Sie wußte,
daß ein kalter Hauch zu rechter Zeit
die Leidenschaft mehr nährt als löscht.
Nicht mehr als ihren flüchtigen Schat
ten am Fenster gönnte sie ihm, um
dann, ihr schwarzes Haar losend, daß
es dunklen Schlangen gleich auf das
Nachtig ewand herab riefelte, gelassen
ihr Lager aufzusuchen. Der Knabe
mußte gestraft werden, daß er einen
Augenblick gefrfytoctnft zwischen einer
^alud und ihr! Sie zweifelte nicht,
daß der schöne, golMockige Capitano
ihr jetzt fester gehöre denn je mochte
das „Muster weiblicher Tugenden"
sehen, wie sie ihn bannte.
Kaum zwei Tage später war es
schon Stadtgespräch, daß das Verlöb
nis zwischen Salud und Juan Perez
aufgelöst sei. Man erzählte sich, Salud
habe dem treulosen Bräutigam den
Brautring wie alle kleinen Gaben
früherer Zeit zurückgesandt, und jeder,
mann fand nach seinem Benehmen ihre
Handlungsweise begreiflich. Vielleicht
staunten einige, daß Salut) in ihrer
Einsamkeit so bald davon Kunde er
halten, so rasch und entschieden aufge
treten fei. Im allgemeinen beklagte
man Juan, daß sein Leichtsinn die
trefflichen Aussichten zerstört habe, die
an der Seite Saluds feiner gewartet
hätten. Nur wenige meinten, daß die
Ducados des Senor Ortiz vielleicht
die der Romeros aufwiegen könnten.
Ter Reiter aber, der an jenem
Morgen zur Stadt hinaus fprengte,
sah fürwahr nicht aus wie ein gekränk
ter Bräutigam. Im Gegenteil, auf sei
nein Antlitz lag der Strahl des Tri
umphes und der Liebe. Er verließ die
Stadt auf kurze Frist, um nach feiner
Hazienda zu sehen, vielleicht auch, um
den unvermeidlichen Gesprächen zu
entgehen. Sein Pferd hielt an «dem
Hause der Romeros in alter Gewöhn
heit an, bekam aber sofort die scharfen
Sporen dafür zu schmecken. Dem Men
schen ist nicht wohl an der Stelle, wo
er ein Unrecht zugefügt hat er
wußte, daß er diese Schwelle nie mehr
werde betreten können.
Aber selbst dieser Augenblick
schwand gleich wieder in Vergessen vor
der einen seligen Erinnerung, die er
mit sich hinaus nahm. Keine Granat
brtiten schmückten ihn, aber zwei Gra
natlippen hatten heiß auf den seinen
gebrannt, wie er glaubte, einen neuen
Bund ihm besiegelnd.
6.
Sag', womit ist zu vergleichen.
Der getäuschten Liebe Pein
Frag' den Garten, dessen Blumen
Schneien in dem Frühling eilt.
Was man in der Stadt auch
über das aufgelöste Verhältnis reden
mochte, feiner ahnte, wie grausam die
letzte Fessel gebrochen worden war
OHIO WAISENFREUND
Wohl hatte Salud an jenem ^efttoge
schon empfunden, wie «der in den
Staub gesunkene Kranz wirklich das
Bild ihres Herzens sei, in gleicher
Demütigung und Vernichtung. Aber
Salud war jung, und dann ist selbst
nach solcher Stunde die Hoffnung noch
stark. Ihre Liebe war eine reine, die
wenig Mißtrauen kennt, eine mehr
hingebende als fordernde und die
erträgt viel und weiß viol zu entschul
digen.
Als Juan weder an jenem Morgen
noch die folgenden Tage erschien,
glaubte sie wohl an seine Verstim
numg doch suchte sie sich einzureden,
er habe zu seiner Hazienda zurück
kehren müssen.
Doch alle Menschen sind nicht stumm
wie die Aguadores, und das bewegte
Treiben der städtischen Gesellschaft,
welches dent Stierkampffest folgte, gab
Anlaß genug zu Gerede, das auch in
die Einsamkeit des Haufes Romero
drang. Salud selbst blieb fürs erste
noch davon verschont. Basil Romeros
ernstes Gesicht nahm den Ausdruck
strenger Mißbilligung an, als das Ge
rücht Lola und Juan Perez zusammen
zu nennen begann. Selbst die alte
Earlotta, die den Caballero erst auf
das eifrigste verteidigte und alles für
böswillige Verleumdung neidischer
Klatschzungen erklärte, die „der Herr
gott verderben möge" sie ver
stummte plötzlich und sah nur ängst
lich in ihres Herzblattes Augen, um
zu erforschen, was fchon zu ihren
Ohren möge gedrungen sein. Barm
herziger wäre es vielleicht gewesen,
wenn leise und allmählich das Band
gelockert worden, das sie in hingeben
dem Vertrauen selbst jetzt noch für un
auflösbar hielt.
Ueber Saluds Lippen ging es nie
aber jener schweigsame Bote, der
eines Morgens an der Kirche della
Eatarina ihrer harrte, ihr einen Brief
zu übergeben, hätte verraten können,
wie schwer der Schlag sie traf. Er
allein sah den wilden Schmerz, der
über die sonst so ruhigen Züge zog,
hörte den Wehruf, der sich ihren Lip
pen entrang, und sah den Krampf, der
ihre zarten Glieder schüttelte, als sie
die Worte las, die ihr jeden Hoff
nungsstern auslöschten. Und wie hatte
ihr Herz erst eben in neu erwachender
Freude gejubelt, als sie diese Schrift
züge sah, von denen sie wähnte, daß sie
ihr den Grutz bringen würden, nach
welchem sie so lange sich gesehnt.
Perez hatte den Brief geschrieben
am Morgen nach jener Nacht, in der
Glut der Leidenschaft, die das Herz
verhärtet gegen alles, was nicht sie
ist. Stürmisch begehrte er darin seine
Freiheit wieder. Er verkannte nicht
seinen Wankelmut, nicht sein Unrecht
aber er klagte sich an und das war
vielleicht das Herbste —, die Liebe
bisher nicht gekannt, die kindliche
Freundschaft mißverständlich dafür ge
halten zu haben. Er rechnete auf ihr
Herz, von dem er wisse, daß es sein
Glück wolle sein Glück, das sie so
sicher in ihren Händen geglaubt! Es
mar bitter, was er dann von der
Dankbarkeit sagte das umflorte
AJuge vermochte kaum mehr zu lesen.
Von allen, die an jenem Tag die
Beterin sahen, die aus dem stillen,
kühlen Kirchenraum nicht weichen zu
können schien, ahnte feiner, wie sie den
Ort des Gottesfriedens nicht lassen
mochte, ehe wieder etwas von demsel
ben in ihr Herz eingekehrt sei. Wie
hastig sprach sie die frommen Worte,
um all die bitteren, harten Gedanken
zu verscheuchen, die aus dem zerrisse
nen Innern aufsteigen wollten. Es
war die Zeit des freudenreiches Rosen
kranzes, aber, o Santa Maria, Salud
vermochte jetzt nur deiner Schmerzen
zu gedenken. Ihr dünkte, sie wisse jetzt,
was es heiße, ein Schwert im Herzen
zu haben.
Basil Romero sah sich an dem Tag
noch einer schweren Pflicht überhoben.
o widerwärtig dem schweigsamen
Manne solche Erklärungen waren, be
gann er es doch für notwendig zu hal
ten, mit feiner Nichte über Juans Be
nehmen zu reden. Doch sehr zu feiner
Überraschung kam sie ihm darin zu
vor, indem sie ihm Juans Ring und
Geschenke überbrachte, mit der Bitte,
sie in ihrem Namen demselben zurück
zustellen. Sie mußte dabei noch die
Rolle der empfindlichen Braut über
nehmen, da der Onkel solch gänzliche
Lösung des Verhältnisses fast zuviel
fand, nur eine momentane Verirrung
des Jünglings annehmend. Ja, er
war Mann genug, um zu staunen
über Saluds Entschluß, und zu den
ken, daß Eifersucht selbst das sanfteste,
nachgiebigste Herz umwandelte. Salud
schwieg, selbst bei der tiefsten Krän
kung noch schützend vor dem Geliebten
stehend, fein Unrecht zu mildern, ihn
vor dem härteren Vorwurf zu be
wahren.
Daß sie den rechten Weg eingeschla
gen, mußte auch Basil Romero bald
eingestehen.' Die alte Earlotta war
nicht umsonst wie stumm und taub ge
Wesen doppelt wußte sie sich jetzt zu
entschädigen. Nachdem sie ihrem Kum
mer Luft gemacht hatte, indem sie alle
Männer insgeheim für „die falschesten
Kreaturen der Schöpfung" erklärte,
suchte sie eifrig alles zu erfahren, um
ihrem Liebling zu beWeifen, wie wenig
sie verloren habe an einem Manne wie
Juan Perez. Sie erzählte, wie er sich
Ganz unrecht hatte Earlotta mit
ihrer kräftigen Ausdrucksweise nicht
das moderne Gesellschaftskleid, das
Perez jetzt trug, war nicht verschiede
ner von dem früheren malerischen An
zug, als Perez, der kühne Stierfechter,
von Perez, dem schmachtenden Lieb
haber. Doch für dw stolze Lola schien
es nur ein neuer Reiz zu sein, die
kühnen Augen, die trotzig jeder Gefahr
entgegengeblitzt, so scheu vor sich
niederschlagen zu sehen, die Helden
gestalt, die jedem im Vollgefühl der
Kraft entgegentreten* konnte, so ge
fügig zu ihren Füßen zu wissen. Es
war eine neue Variation jenes Amor,
der den Löwen bändigt.
Doch außer diesem Gerede tauchten
bald noch andere Gerüchte auf. Man
munkelte, daß der sonst so sparsame
und vernünftige Perez jetzt feiner
Liebe zu willen alle Vernunft zu ver
geben scheine und nicht allein sein
Heim vernachlässige, sondern auch sich
in immer größere Ausgaben stürze,
die kaum in einem Verhältnis zu sei
nem Besitz ständen. Andere freilich
meinten, es sei keine üble Berechnung,
die paar Taufend daraufgehen zu las
sen, um Senor Ortiz' einziges Kind
zu gewinnen. Sertor Ortiz hatte lange
ein höheres Amt bekleidet, und der
Mexikaner ist naiv darin, von vorn
herein anzunehmen, daß, wer einmal
dem Staatssäckel nahegestanden, den
eigenen nicht habe zu kurz kommen las
sen. Donna Lolas Mitgift, meinte
man also, werde vieles aufwiegen, da
Juan ja allem Anschein nach der glück
liche Bewerber sei.
„Es möge ihm wohl bekommen,"
meinte Earlotta rachsüchtig. „Das
Hexengold der schönen Hexe wird ihm
heimzahlen, 'was er an meinem Engel
verbrochen."
Doch, was Earlotta auch sagte, ob
ans Rache oder zum Trost, Salud
schien auf nichts zu hören ihre äußere
Ruhe ließ fast glauben, sie habe den
Bruch weniger tief empfunden. Am
liebsten weilte sie freilich jetzt im stil
len Krankenzimmer. Auch Senora
Rosas Mutterherz war erwacht bei
dem Leid, das die Tochter getroffen,
und 'dessen Tiefe sie richtiger erkannte
als die anderen. Kein Wort, feine
Frage berührte jemals die wunde
Stelle aber war es ihre zunehmende
Kränklichkeit oder das heimliche Be
wußtfein, nicht ohne Schuld an dem
Geschehenen zu sein, sie war mild und
weich gegen die Tochter wie nie. Für
Salud, die der Mutter Zärtlichkeit
stets entbehrt hatte, lag vielleicht darin
der beste Balsam, und die unausge
setzte Pflege der Kranken ward ihr
jetzt zur größten Wohltat.
Noch seltener als zuvor verließ sie
die Mutter nur einmal hatte sie aus
zugehen begehrt, nur einmal die alte
Earlotta veranlaßt, sie zu begleiten.
Sie hatte die brennende Sehnsucht
empfunden, die Augen noch einmal zu
schauen, die ihr des Geliebten Herz so
schnöde entwandt. In deren unwider
stehlichem Zauber lag ja eine Art von
Genugtuung für sie. Salud war selbst
los genug, leichter entsagen zu kön
nen, wenn Juan wirklich sein Gluck
gefunden hatte.
nicht schäme^ SH Mm 9terwn jenes sbmrm zu beachten. Ms fte dbtr znm
Weibes herzugeben, indem er nur noch
unter ihrem Balkon winsele oder an
ihrer Seite auf der Almeda seine Zeit
vergeude, während seine Hazienda
leerstehe gleich einem ausgeraubten
Vogelnest.
In ihrer Erinnerung stand Lola
nur, wie sie an jenem Abend die
Schölte gesehen: die Bitterkeit, die sie
in jenem Augenblick empfand, hatte
sie vielleicht nicht recht urteilen lassen.
So hatte sie eines Tages die Almeda
aufgesucht, zu der Zeit, wo sie wußte,
daß Lola sie stets besuche, nachdem
Earlotta ihr die Gewißheit verschafft
hatte, daß es einer der seltenen Tage
sei, wo Juan, wenn auch nur auf kür
zefte Frist, die Stadt verlassen habe.
In fiebernder Unruhe hatte Salud
dort Platz genommen, woi der Strom
der Spaziergänger am dichtesten vor
überflutete. Sie hatte die Mantilla
weit zurückgeschlagen, um nicht am
Schauen behindert zu sein. Was galt
es ihr, wenn die Menschen fanden, daß
ihr Antlitz bleich, ihr Aussehen ver
ändert sei! Der einzige, auf dessen
Blick sie jemals Wert gelegt, schaute
doch nicht mehr nach ihr. Sie hatte
nur den einen Gedanken, die zu sehen,
um derentwillen er sie verlassen.
Lola ließ nicht lange auf sich war
ten. Wie immer von einem zahlreichen
Gefolge ihrer Verehrer umgeben, kam
fte bald des Weges. Die schöne Dame
gehörte nicht zu jenen, die einen fer
nen Liebhaber vermissen. Ihr sAuge
strahlte nicht weniger darum, ihr
Lachen klang ebenso hell, ihr munte
res Wort ebenso laut auch schien sie
nicht minder willig den Huldigungen
und süßen Reden anderer zu lauschen
als denen Juans.
Salud, die stets nur. von seinen
Worten und Blicken gelebt, die noch in
der Erinnerung ihr heilig waren,
konnte sich einer heftigen Aufwallung
nicht erwehren, als sie wie instinkt
mäßig suhlte, wie wenig er, der
ihr alles gewesen, dieser Lola gelte
Scharf beobachtete sie ihre glückliche
Nebenbuhlerin, wie diese den Pfad auf
und nieder wandelte, allzu beschäftigt
mit ihrer Umgebung, um die stille
Gestalt unter dem dunklen Zypressen
zweitenmal zurückkehrte, streifte Lolas
Kleid Saluds Gewand, und unwill
kürlich erhob sich diese, wie um der Be
rührutig mit ihr auszuweichen. Einen
Augenblick sahen sich die beiden Aug
in Aug.
Senora Ortiz wandte nach kurzem
Blick sich etwas hochmütig zur Seite.
Auch Salud hatte genug gesehen. Sie
wünschte nimmermehr diese Augen zu
schauen, aus denen sie größeres Un
heil, als sie ihr zugefügt, für den noch
immer geliebten Juan las.
„Wer war die Senora mit den Tau
benaugen, die mich so wild anschauten,
wie es solch matten Blicken möglich
ist?" fragte Lola im Weitergehen
einen ihrer Kavaliere.
„Es war Donna Salud, Senor
Romeros Nichte," berichtete dieser
etwas zögernd. „Sie muß krank sein,
die Senora," setzte er hinzu, „so bleich
sah sie aus. Fürwahr, es ist eine Sel
tenheit, sie auf der Almeda zu tref
fen."
Lola wandte fühn das schöne Haupt
noch einmal um. „Luis Garcias, mein
Herr Vetter," sagte fie spöttisch, „muß
wenig Geschmack haben, wenn er solch
ausgewaschenes Gesichtchen für lieb
lich erklärt Juan Perez kann mir
dankbar fein, wenn ich ihn von diesen
Fesseln befreite, um so mehr, als sie
mir mehr zu grollen scheint, als es
solch eines Tugendspiegels würdig
ist." Senora Lola rauschte weiter nach
diesen Worten, gefolgt von ihrem Hof
staat, der sich die Abwesenheit des
fchönen Perez stets zunutze machte:
seine Anwesenheit flößte den anderen
doch etwas Furcht ein.
Wenn Juan auch schüchtern seiner
Dame nahte, so wußte doch jeder, wie
er seine Rechte verteidigen würde, so
bald er sich darin gekränkt fühlte. Und
an feine Rechte glaubte er jetzt mit
unumstößlicher Gewißheit, obgleich
Lolas Hand schmeichelnd jedesmal sei
nen Mund verschloß sobald er irgend
eine Anspielung darauf machte, und
sie dann nur schmollend ihn fragte, ob
fein jetziges Glück ihm nicht genüge.
Aber die Hand wußte trotzdem so zärt
lich in seinen Locken zu spielen, wußte
so gut die Falte auf feiner Stirn zu
glätten, die Lippen hatten solche Flut
süßer Beteuerungen, daß der Rausch
der Gegenwart ihn allzusehr befangen
hielt, um der Zukunft zu gedenken. Er
lebte nur in ihr entfern von ihr schien
ihm alles zu schwinden. Den letzten
Peso würde er hingegeben haben, hätte
es gegolten, in ihrer Nähe zu weilen.
So gab es für Perez auch nur eine
Möglichkeit, als Senor Ortiz plötzlich
feine Absicht aussprach, in die Resi
denz zurückzukehren. Eine neue Wand
lung der Dinge dort war dem geriebe
nen Alten wohl günstig geworden
vielleicht war er auch der Muße über
drüssig, welche ihm die stille Stadt ge
währte. Seiner schönen Tochter schien
die Aussicht eines Wechsels durchaus
nicht unangenehm. Der Reiz der Neu
heit war verflogen länger konnte sie
an dem eintönigen Leben der Provinz
gefellfchaft und an dem idyllischen Lie
besspiel keinen Geschmack mehr finden.
Der .Haß gegen, die Romeros war ab
geblaßt. Die Gegnerin war zu nichtig
gewesen, der Löwe zu zahm geworden
überdies singen seine Ansprüche an
lästig zu werden.
Lola hatte nur ein helles Lachen für
den Gedanken, ihm, dem armseligen
Ranchero, angehören zu sollen fte,
die gefeierte Schöne!
Ein wenig unheimlich durchzuckte
sie dennoch hier und da die Vorstel
lung, daß es doch immerhin gefährlich
bleibe, auch den bestgezähmten Löwen
zu reizen. Oft lag ein düsteres Blitzen
in den blauen Augen, das genugsam
anzeigte, wie er sich so leicht nichts
entreißen lasse, was er einmal für fein
Eigentum halte. Doch Lola hob den
wieder: sie hatte Vertrauen zu sich
schonen Kopf gleich darauf sarglos
selbst. Ihre schlanken Finger wußten
gut solche Knoten zu schürzen und zu
lösen sie kannte Zeit und Entfernung
als die wirksamsten Mittel.
Für jetzt aber las Juan nicht davon
in ihren strahlenden Augen, die in
intimer gleicher Huld ihm lachten, und
nichts verriet ihr Mund, wenn er leb
haft feine künftigen Pläne ihr dar
legte. Er wollte nicht daheim bleiben,
wenn sie fern er wollte fie nicht, zu
feinem Bauernleben herabziehen, son
dern sich zu ihren Kreisen erheben. Ein
fützes Lächeln bestätigte dann feinen
Entschluß. Wo ihr Vater sein Glück
gefunden, konnte auch er das seinige
versuchen er durfte ja wohl auf des
angesehenen Senor Ortiz' Empfeh
lungen rechnen. Er werde sich schon
tüchtig erweisen, um den Weg rasch zu
finden, der ihn zum Ziele führen solle.
Perez dachte nur eines Zieles dabei
er sah nur süße Gewißheit darin, als
Lola träumerisch dazu nickte und ihr
Antlitz wie verschämt hinter dem Fä
cher barg.
Ehe jedoch Perez mit den Ortiz nach
der Hauptstadt ziehen konnte, gab es
noch viel für ihn zu ordnen. Es ver
ursachte ihm sogar einige Schwierig
feiten, sich die nötigen Mittel zur
Übersiedlung zu verschaffen. Bisher
war ihm willig genug Geld geboten
worden, da man seine Verbindung mit
der reichen Erbin als gesichert ansah.
Er mußte die Quellen jedoch etwas
1
fterf rorffaemiftfr fafrefr mtr lisch
gegen die Verpfändung seines Eigen
tums konnte er sich jetzt das Erforder
liche verschaffen. Doch bei fernen neuen
Plänen war ihm dies gleichgültig
später wollte er sich der Hazienda ia
doch entäußern. Gegen Lolas Besitz
schien ihm die Scholle der Väter nichts.
Seine Anwesenheit aus der Ha
zienda war auf mehrere Tage notwen
dig doch wollte er lange vor der feft
gesetzten. Abreise der Ortiz zurückge
kehrt sein. Er glaubte sicher, seine
schone Geliebte werde seines starken
Armes auf der Reife zur Hauptstadt
nicht entbehren können, und sie schien
kaum minder überzeugt davon wie er.
Seine Ungeduld, zurückzueilen, ge
reichte denen, die bei dem Geschäft
beteiligt waren, nicht zum Schaden.
Kaum sechs Tage waren verflossen,
und die Trennung hatte ihm schon eine
Ewigkeit gedünkt er nahm die Nacht
zu Hilfe, um fo zeitig als möglich in
der Stadt einzutreffen. In verzehren
der Sehnsucht, ihren ersten Blick zu
erhaschen, mit der Kindlichkeit, die
jeder naturwüchsige Mensch behält, in
dem er nur nach sich selbst zu urteilen
vermag, malte er sich ihre Über
raschung aus, ihn so bald schon wieder,
zusehen.
sofort nach feiner Ankunft eilte er
zu der Villa Ortiz. Still und wie aus
gestorben lag das Gebäude da. War
es noch nächtliche Ruhe, die es um
fing? Doch unheimlich weit klafften
die Läden und Pforten, die hinaus auf
die Veranda gingen dort waren ge
rade die Gemächer der schönen Ge
bieterin. Hatte die Morgenfrühe auch
sie schon hinausgelockt? Sonderbar:
auch fönst schien in dem großen Ge
bäude nichts sich zu regen.
Da die Tore verschlossen waren,
nahm Juan, rasch entschlossen, vom
Pferde auA den gewagten Weg zur
Veranda.
Die Veranda lief entlang des Hau
fes, mit einer Treppe aus den Binnen
Hof mündend. Er wagte keinen Blick
in jene Gemächer zu werfen, an denen
er nur atemlos horchte: er stürmte die
Treppe hinab Auf dem Hof trat
die Zerstörung und Unordnung einer
kürzlich erfolgten Abreise ihm ent
gegen. Ungestüm verlangte er Einlaß,
bis endlich ein Diener ihm öffnete,
der den Erregten mit verwunderten
Augen anstarrte: „Senor Orti^ und
feine^Tochter haben feit fünf Tagen
die Stadt verlassen, wie ja längst ihr
Entschluß gewesen."
Juan war zu verwirrt, ihn gleich
zu verstehen aber der Mann wieder
holte seine Aussage. Er meinte frei
lich, „etwas möge die Abreise verfrüht
worden fein, da die Senora so geeilt
habe".
„Die Abreise verfrüht" das
schien Juan ein Lichtblick. Wie viele
Möglichkeiten konnten nicht eingetre
ten fein, die eine raschere Abreife er
heischten? Aber «hatte man kein Wort,
keine Botschaft für ihn hinterlassen?
Ter Diener schüttelte das Haupt ihm
war nur das Haus zur einstweiligen
Bewachung übergeben: Senor Ortiz
gedenke es zu verkaufen. Schwerlich
werde er zurückkehren.
Perez jedoch hörte schon nichts mehr
von diesen Erklärungen nur ein Ge
danke hatte ihn erfaßt: den Voran
geeilten so rasch wie möglich zu folgen.
Bei den schwierigen Verkehrsverhält
nissen konnte ein tüchtiger Weiter
immer noch sich Hoffnung machen, sie
einzuholen oder die Hauptstadt nur
wenig später zu erreichen.
Die braunen Jndianermädchen, die
eben zum Markt zogen, die kleinen,
zarten Gestalten, fast überladen von
den^fchweren Lasten, die sie so geschickt
an Stirnbändern trugen, traten scheu
zur Seite vor dem ungestümen Reiter,
der brausend an ihnen vorüberflog,
wie eben nur ein mexikanischer Retter
es zu tun vermag. Doch schauten sie
ihm neugierig und wohlgefällig nach,
und ihre fchmalgefchlitzten dunklen
Augen blitzten, als sie sich erzählten,
daß der Caballero der schöne Matador
fei' der beim letzten Sttergefecht sich
fo siegreich hervorgetan habe.
Doch auch ein anderes Augenpaar
schaute dem eiligen Reiter mit langen
Blicken nach. Auch Salud hatte diese
Nacht durchwacht auch hatte ungeahnt
vor einer herben Trennung gestanden.
Unerwarteter, als ihr langes Leiden
es voraussetzen ließ, war der Tod
an Senora Rosa herangetreten. Im
Morgengrauen kniete Salud bei der
entseelten Hülle der Mutter, sich dop
pelt verlassen fühlend, nun der Trost
auch dieser Lieb« ihr genommen.
Als der Morgenstrahl und das Ge
räusch des erwachenden Lebens grell
in das Zimmer des Kummers drang,
erhob Salud sich, die Fenster fester zu
verschließen der rasche Hufschlag
eines Pferdes ließ sie in dem Augen
blick unwillkürlich hinausblicken sie
erkannte Perez.
Juan Perez, der Freund ihrer
Kindheit, der Geliebte ihrer Jugend,
der Mann, der ihr Schutz, ihre Stütze
für das Leben hatte fein sollen, flog
jetzt so gleichgültig vorüber ihren
Schmerz nicht mehr kennend, ihren
Kummer nicht mehr teilend. Das war
ein erneuter Stich, der in das Herz
drang und sie doppelt vereinsamt sich
fühlen ließ.
^Fortsetzung folgt)
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24. Jan* v|
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