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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, August 12, 1950, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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(Fortsetzung)
Meine Gedanken wurden dadurch
plötzlich ernüchtert und ich erinnerte
mich sofort an den Verlaus des
Wracks, an Goddedaal und Nares, an
Johnson und den schwarzen Tom, an
alle Sorgen und Aufregungen des
gestrigen Tages und an die mannig
fachen Verpflichtungen, die der Heu
tige mit sich bringen mußte.
Der Gedanke daran belebte mich wie
ein Schlachtruf. Ich sprang mit beiden
Füßen zugleich aus dem Bett, eilte
durchs Büro, wo Pinkerton noch in
tiefem Schlafe lag, und öffnete die
Tür, im Nachtgewand unsere Gäste
empfangend.
Johnson grinste mich Verständnis
voll an hinter seinem Rücken stand,
den Sonntagshut über den Kops ge
stülpt und eine brennende Zigarre
zwischen den Lippen, Kapitän Nares.
An dem Treppenkops lehnten einige
Matrosen die neue Mannschaft der
„Norah Creina". Ich überließ sie vor
läufig ihren eigenen Gedanken und
bat die beiden Offiziere, einzutreten,
worauf ich Jim durch tüchtiges Rüt
tclit an den Schultern weckte. Er fetzte
sich kerzengerade in seinem Bett auf
und starrte den Kapitän verwundert
an. „Jim, dies ist Kapitän Nares!
Kapitän, dies ist Herr Pinkerton!"
stellte ich vor.
Nares wiederholte stumm sein stei
fes Kopfnicken und betrachtete uns
beide aufmerkfam. Seine klaren, schar
fen, blaßblauen Augen schienen einem
bis auf
'den Grund der Seele zu drin
gen.
„Das also ist Herr Nares?" rief
Jim erfreut. „Guten Morgen, Kapi
tän! Freue mich, Ihre Bekanntschaft
zu machen. Ihrem Rufe nach kenne ich
Sie bereits sehr genau."
Unter den gegenwärtigen Uinstän-
Wichen war dies eine unzarte Anspielung,
Und Nares beantwortete sie mit einem
mißmutigen Grunzen. Er hatte näm
stich wegen einer höchst unangenehmen
Geschichte, in die ihn sein Jähzorn ver
wickelt hatte, alle Ursache zu wünschen,
nicht erkannt zu werden.
„Sie wissen wohl schon, um was es
sich handelt?" fuhr Jim unbeirrt fort.
„Sie sollen die ,Norah Creina' nach
der Midway-Jnsel segeln, dort das
Wrack abbrechen, dann Honolulu an
fahren und endlich in unseren Hasen
zurückkehren. Das ist doch deutlich?"
„Aus einem Grund, den Sie, wie
ich vermute, kennen, würde mir die
Kreuztour wohl passen," entgegnete
Nares, noch immer in unliebenswür
'biger Zurückhaltung. „Aber vorher
müssen wir uns über einige Punkte
verständigen, Herr Pinkerton. Ob nun
ich die Sache übernehme oder sonst je
mand, sp hätte es keinen Sinn, Zeit
zu verlieren. Geben Sie Johnson eine
Vollmacht mit und lassen Sie ihn die
Kerle draußen sofort an die Arbeit
stellen, wenn sie nüchtern bleiben sol
len."
Pinkerton ging auf diesen vernünf
tigen Vorschlag ein, und Nare» atmete
erleichtert auf, als sein Untergebener
sich entfernt hatte.
„So, jetzt sind wir allein und kön
nen offen sprechen. Vor allem müssen
Sie mir reinen Wein einschenken und
sagen, welchen Zweck diese Kreuzfahrt
eigentlich hat. Was bedeuten diese
Plakate? Sie haben ja diese Geschichte
wie Barnums Museum angezeigt und
damit alle Zungen in Bewegung ge
fetzt. Das paßt mir nicht, denn Sie
wissen, daß ich selbst Butter aus dem
Kopf habe und mich nicht der Sonne
ausfetzen darf. Bevor ich mich ent
schließe, die Leitung des Schisfes zu
übernehmen, muß ich genau wissen,
was hinter der ganzen Sache steckt und
wo hinaus sie zielt."
Pinkerton berichtete ihm nun mit
kaufmännischer Genauigkeit über al
les je weiter er kam, desto wärmer
und lebhafter wurde seine Sprache.
Nares saß. noch immer mit dem Hute
auf dem Kopfe, rauchend da und be
gleitete jede Phase der Erzählung mit
Stirnrunzeln und Nicken doch ver
rieten seine lebhaft blitzenden Augen
fein Interesse an der Geschichte.
„Jetzt wissen Sie alles und können
selbst urteilen," schloß Pinkerton. „ysch
bin überzeugt, daß Trent nach Hono
lulu durchgebrannt ist, und er wird
nicht viele Tollars brauchen, um einen
flotten Schoner nach den Midway
Inseln zu mieten und das Wrack zu
leeren. Begreifen Sie jetzt, wozu ich
einen ganzen Mann brauche? Das
Wrack gehört mir, ich habe es bar be
zahlt, und wenn ich darum kämpfen
muß, so will ich versichert sein, daß
nach Kräften dafür gekämpft wird.
Wenn Sie in neunzig Tagen nicht zu
rück sind, muß ich einen Bankrott an
sagen, wie ihn diese Küste noch selten
erlebt hat. Sie sehen, ich spreche ganz
offen mit Ihnen es handelt sich dabei
um und Tod für mich und
Kchikkkruch
R»««» vo» R. L. Steve»s»««»dLloyd O e
Bearbeitet von K. Katscher
Herrn Todd. Auf der Insel wird es
wahrscheinlich zu einem Handgemenge
kommen, und schon als ich vergangene
Nacht Ihren Namen horte, sagte ich
mir: Nares ist mein Mann! Und wie
ich Sie jetzt vor mir sehe, mit Augen
im Kopse, wie Sie sie haben, muß ich
wiederholen: Nares ist mein Mann!"
„Je früher ich also diesen Schoner
aus den Farallonen heimbringe, desto
zufriedener werden Sie mit mir sein,"
bemerkte Nares, die Asche seiner Zi
garre aufmerksam studierend.
„Ja, Sie sind der Mann, von dem
ich träumte!" rief Jim begeistert.
„Nicht fünf Prozent Schwindel steckt
in Ihrer Haut!"
„Halten Sie ein!" Brummte Nares.
«Wir sind lange noch nicht einig. Ich
habe etwas von einem Superkargo
läuten gehört, der sich an der Kreuz
fahrt beteiligen soll. Was ist daran?"
„Es ist Herr Todd, mein Kompa
gnon," erwiderte Jim.
„Jedes Schiff hat an einem Kapi
tän genug," bemerkte Nares trocken.
«Machen Sie doch' keine unnützen
Schwierigkeiten und sprechen Sie nicht
so gedankenlos," fiel ihm Jim ins
Wort. „Sie werden doch nicht Verlan
gen, daß ich Ihnen die Geschäftsbücher
unserer Firma zur Führung über
gebe? Tas geht doch absolut nicht!
Unser Unternehmen ist keine gewöhn
liche Kreuzfahrt, fondern eine ge
fchäftliche Operation und die Leitung
übernimmt Herr Dodd. Sie als allei
niger, wirklicher Kapitän werden mit
dem Kommando des Schoners, dem
Abbrechen des Wracks und der Beauf
sichtigung Ihrer Mannschaft alle
Hände voll zu tun haben. Nur eines
bitte ich, nicht außer acht zu lassen,
nämlich, daß alles zur Zufriedenheit
meines Kompagnons ausgeführt wer
den muß denn er ist es, der das Geld
hergibt."
„Ich bin gewohnt, meine Auftrag
geber zufriedenzustellen," sagte Na
res dabei stieg ihm eine helle Röte
ins Gesicht.
„Und Sie werden es auch dieses
Mal," beeilte sich Pinkerton hinzuzu
fügen. „Sie sind ebenso empfindlich,
mein Lieber, wie Sie tüchtig und
rechtschaffen sind. Man muß sich nur
an Ihre Art gewöhnen."
„Ich liebe klare Verhältnisse, und
deshalb war es notwendig, sich über
all diese Punkte zu verständigen. Noch
eins. Wie steht's mit den Reedern?"
„Oh, das überlassen Sie getrost
mir ich gehöre zu Longhursts Eli
que!" rief Pinkerton, vor Eitelkeit
strahlend. „Jeder Kapitän, der für
mich gut genug ist, ist's auch für diese
Herren."
„Und wer sind diese Herren?"
„Mcvntt)re und Spittal."
Der Kapitän nickte, erhob sich und
verabschiedete sich mit dem ihm eige
nen Kopfnicken.
„Jim, der Mensch gefällt mir
nicht!" rief ich, als sich die Tiir hinter
ihm geschlossen.
„Er wird dir gefallen müssen, Lou
don! Er ist der typische amerikanische
Seefahrer, tapfer wie ein Löwe und
voller Auskunftsmittel er hat einen
Ruf."
„Ja, einen Ruf wegen seiner Bru
ialität zur See."
„Tu kannst einwenden, was du
willst es war eine gute Stunde,
die uns diesen Menschen zugeführt
hat. Ich würde ihm meinetwegen mor
gen das Leben meiner Mamie-anver
trauen."
„Apropos, tote steht's denn mit dei
ner Braut?"
„Sie ist das tapferste, herzigste Ge
schöpf, das Gott in Seiner Gnade ge
schaffen hat!" rief er begeistert. „Lon
don, ich wollte dich noch in der Nacht
aufwecken, und nicht wahr, du wirst
mich deshalb nicht für unfreundschaft
lich halten, weil ich es nicht getan?
Ich trat in deine Kabüse, aber du sahst
im Schlaf so abgespannt und verhärmt
aus, daß ich'» nicht übers Herz brachte,
dich zu wecken. Die Neuigkeit wird sich
schon bis morgen früh halten, sagte ich
mir auch kann selbst Loudon meine
Gefühle nicht voll empfinden."
„Welche Neuigkeit?" fragte ich.
„Ich erzählte ihr, wie wir jetzt
stehen und daß ich vorderhand von der
Hochzeit zurücktreten müsse. .Hast du
mich schon satt?' lautete ihre Antwort
Ich erklärte ihr die ganze Geschichte
von vorn, schilderte ihr die Möglich
feit eines großen Krachs, deine unver
merdliche Abreise und daß du infolge
dessen nicht, wie ich es gewollt. Braut
führer sein könntest usw. ,Wenn du
mich wirklich noch nicht satt hast, wird
sich leicht ein Ausweg finden lassen,'
meinte sie. ,Wie wär's, wenn wir, da
mit dein Freund Brautführer sein
kann, ehe er in See sticht, heiraten?'
Du hättest hören müssen, in welchem
Tone sie das sagte! Es nützte nichts,
baß «h von unserem bevorjtehAlden
,v V 5 :4r 'V, s \V
Krach sprach. ,Dann wirst du mich um
so eher brauchen,' warf sie ein. Sou
don, Loudon, ich weiß wahrhaftig
nicht, womit ich ein so Übermensch
Itches Glück verdient habe und wie
ich Mamie all die Güte und Aufopfe
rung vergelten soll! Die gute Seele ist
dir so zugetan sie hält dich für sehr
gebildet und feilt und war gerade dar
auf versessen, dich zum Brautführer zu
haben, wie ich. Fieberhaft war sie
tätig, um ihr Hochzeitskleid zu richten.
Es tat mir wohl, zu sehen, wie flink
ihre Finger die Nadel handhabten und
sie wiederholen zu hören: ,Siehst du,
Jim. diese Eile ist nur darum, damit
ich schon morgen dein Weib werden
kann.' Ich glaubte zu träumen es
war wie in einem Feenmärchen."
So schüttete er mit naivem Wort
schwall sein übervolles Herz aus, und
aus seinen unzusammenhängenden
Mitteilungen mußte ich mir die Ein
zelheiten des heutigen Programms zu
sammenstellen. Zuerst Trauung des
junges Paares, sodann Hochzeitsfrüh
stück in Franks Restaurant den
Abend gedachten die Neuvermählten
an Bord der „Norah Creina" zu ver
bringen, dann sollten wir uns trennen
und ich am Morgen in See stechen.
Wenn ich jemals gegen Mamie einen
Groll genährt hatte, so vergab ich ihr
jetzt tun ihres tapferen, freundlichen,
kühnen und echt weiblichen Entschlus
ses' willen alles.
Bleiern lag der Himmel über San
Francisco, und mir war diese Stadt
noch nie so düster, rauh und unfreund
lich erschienen sie hatte mir noch nie
so sehr den Eindruck einer vorzeitig ge
alterten Schönen gemacht wie heute.
Aber während all meinen Laufereien
durch die belebten Verkehrsstraßen,
inmitten des lebhaften Getriebes, er
füllte mich tote eine schöne Melodie
der Gedanke an das Glück meines
Freundes.
Es war wirklich ein Tag der man
nigfaltigften Beschäftigungen. Gleich
nach dem ersten Frühstück mußte Jim
ins Rathaus und zu Frank eilen, um
die Hochzeitsvorbereitungen zu tref
fen, während ich mich schleunigst zu
John Smith begab, um ihn wegen
des Schiffsproviants anzutreiben, und
an Bord der „Norah Creina". Mir
erschien sie heute kleiner denn je. Sie
wurde von diversen, nicht gerade gro
ße» Schiffen um ein bedeutendes über
ragt und in den Schatten gestellt auch
bot sie ein Bild grenzenloser Unord
nuttg. Fässer. Kisten, Büchsen, Ballett,
Werkzeuge, Tauwerk, Ketten, Pulver
tonnen standen und lagen am Kai ent
lang aufgehäuft, und ich hielt es für
menschenunmöglich, dieses Chaos von
Gegenständen in den Lagerräumen
unseres Schiffchens zu bergen. John
son stand in einem roten Hemd und
rohleinenen Beinkleidern kommandie
rend in der Kühl seine Augen blitzten
vor Tatkraft. Ich wechselte rasch einige
Worte mit ihm und stieg dann in die
Hauptkajüte hinab, wo der Kapitän
mit dem Schiffskommissar gemütlich
bei einem Glase Weine saß
Auf dem Wege dahin hatte ich mit
unbeschreiblichem Unbehagen einen
Blick in den kleinen Verschlag gewor
fen denn als solcher erschien mir
der betreffende Raum —, der monate
lang mein Heim bilden sollte. Der
Kapitän hatte das am Steuerbord be
finMiche Prunkzimmer bezogen, wäh
rend in der Pfortluke mehrere über
einander angebrachte Schlafkojen von
der Mannschaft bezogen wurden. Die
Wände meiner Kajüte sahen gelb und
feucht aus, der Fußboden schwarz und
schmutzig ein Gemengsel von Stroh,
alten Zeitungen und zerbrochenen
Kisten lag umher. Ein Thermometer,
den einmal irgendein Schnapsfabri
kant als Reklame geschickt hatte, bil
dete den einzigen Luxusartikel. Natür
lich fehlte auch die schmierige Schiffs
lampe nicht. Aber die Umstände füg
ten es, daß ich noch vor Ablauf einer
Woche die eben befchriebne Kajüte für
luftig, angenehm, licht und sogar ge
räumig hielt.
Der Kapitän stellte mir 'den Kom
missar vor. Nachdem wir ein Glas
kalifornischen Ports auf unsere gegen
seitige Gesundheit geleert, breitete der
Beamte seine Papiere auf den Tisch
aus und bat, die Mannschaft herbei
zurufen. Dies geschah. Wie die Elefan
ten trabten sie mit schweren Schritten
in die Kajüte herunter und standen in
Reih und Glied da. Einige blickten
starr auf den Plafond, andere ebenso
starr zu Boden man sah es ihnen
allen an, daß sie sich krampfhaft be
mühten, ihrem Bedürfnis, auszu
spucken, nicht nachzugeben. Sie boten
ein Bild schafmäßiger Verlegenheit.
In bewundernswertem Gegensatz zu
ihnen stand der chinesische Koch er
hob sich durch seinen tadellos sauberen
Anzug und seine ungezwungene, wür
dige Haltung aus der Menge hervor:
ein Hidalgo der Meere.
Wohl nur die wenigsten meiner Le
ser werden je Gelegenheit gehabt ha
ben. einer Komödie beizuwohnen, wie
sie jetzt vor sich ging. Tie Schiffahrts
gesetze der Vereinigten Staaten sind
int Geiste väterlicher Strenge abgefaßt
und halten sich durchaus an die Hypo
these, daß Matrosen in der Regel
Schwachköpfe, die übrigen an dem
Kontrakt beteiligten Parteien aber
durchaus Schurken und Schufte feien.
Em langes und WvtLiüM..Gchrift-
1
stück Schiffsvorschriften genannt
wird jedem einzelnen Mitglied der
Mannschaft separat vorgelesen. Ich
hatte das Vergnügen, es fünfmal hin
tereinander zu hören.
Man sollte meinen, daß ich den In
halt nun ganz genau erfaßt haben
könnte. Aber feine Spur. Da der
Kommissar den ganzen Tag eigentlich
nichts anderes tut, als dieses Schrift
stück vorlesen, leiert er es so rasch her
unter, daß selbst ich, ein gebildeter
Mensch mit geschulter Auffassungs
gabe, nur einzelne wichtige Stellen
aufzugabeln vermochte. Die Matrofen
begreiflicherweise gar nichts. So viel
wurde mir klar, daß man sich beim Er
teilen von Befehlen keine Roheiten zu
schulden kommen lassen, daß matt
feine Scheidenmesser tragen, daß der
Kapitän die Midway-Jnsel und jeden
ihm beliebigen Hafen anlaufen und
daß die Kreuzfahrt nicht sechs Kaien«
'dermonate überschreiten dürfe. Nach
jeder einzelnen Vorlesung schöpfte der
Kommissar tief Atem und wandte sich
dann mit seiner gewöhnlichen Stimme
freundlich an den betreffenden Matro
fen: „Sie, mein Junge, beziehen fo°
undso viele Dollars in amerikanischer
Geldmünze. Setzen Sie Ihren Namen
hierher, d. h. wenn Sie einen haben
und schreiben können." Nachdem alle
mit schwerer Mühe unterschrieben hat
ten, machte sich der Kommissar art die
Ausfüllung des die Personenbeschrei
bung enthaltenden offiziellen Bogens.
In feinem Bemühen, ein schriftliches
Porträt zu entwerfen, ging er ganz
willkürlich vor. Es fiel mir auf, daß
er auch nicht einen einzigen Blick aus
seine Modelle warf. Doch unterstützte
ihn tier Kapitän durch Kommentare,
wie: Haare blau, Augen rot, Nase
fünf Fuß sechs Zoll, Statur stumpf.
Scherze, die so alt sind toie die ameri
kanische Marine.
Tie charakteristische Szene mit dem
Kommissar bildete nur einen Augen
blick dieses an Aufregungen und Lau
fereien fo reichen Tages. Ilm vom
Morgengrauen bis zur Abenddämme
rung einen Schoner segelfertig zu
machen und gleichzeitig ein Hochzeits
fest vorzubereiten, bedarf es wohl
übermenschlicher Anstrengungen. Den
ganzen Tag rannten Jim und ich
straßauf, straßab, bald lachend, bald
dein Weinen nahe wir hielten wich
tige Beratungen ab, machten bei einer
Modistin Bestellungen, taten einen
Sprung auf den Schoner, spornten
John Smith zur prompten Abliefe
rung des Proviants an usw. dabei
wurden wir an jeder Straßenecke
durch unsere eigenen riesigen Plakate
an unsere verzweifelte Lage gemahnt.
Zwischendurch mußte ich noch so viel
Zeit finden, um vor einigen Juwelier
schaufenstern stehen zu bleiben und
mich für ein Hochzeitsgeschenk zu ent
scheiden, das dann von Mamie
dankbarst entgegengenommen wurde.
Wenn ich nicht irre, war dies 'das letzte
Geschäft, welches ich erledigte.
Sofort nach der Trauung begaben
wir uns zum Souper, bei welchem es
mit wehmütiger Heiterkeit zuging.
Von da fuhren wir in einer Droschke
zur „Norah Creina".
„Welch herziges kleines Schiff!"
rief Mamie, als wir ihr unseren Mi
niaturschoner zeigten. „Und wie tap
fer müssen Sie sein, Herr Dodd, daß
Sie sich in einem so winzigen Ding so
weit in den Ozean wagen!" fügte sie
bewundernd hinzu. Ich war augen
scheinlich in ihrer Achtung gestiegen.
Das herzige •kleine Schiff bot, als
wir es betraten, das Bild der ärgsten
Verwirrung und seine Inhaber das
der Ermüdung und schlechter Laune.
Der Koch speicherte int Lazarett aller
lei Büchsen auf, welche ihm die Ma
trosen schwitzend und verdrießlich aus
der Kühl reichten. Johnson saß, drei
viertel eingeschlafen, vor dem Tisch,
während der Kapitän, eine Zigarre
paffend, in der Schlafkoje ruhte.
„Sie sind's?" rief er, sich erhebend.
„Es wird Ihnen leid tun, gekommen
zu sein. Wenn wir morgen in die See
stechen wollen, können wir die Arbeit
jetzt nicht einstellen. Ein Schiff, das
man zur Abfahrt rüstet, ist kein Auf
enthalt für Gäste. Sie würden meine
Leute nur stören."
Mein Blut wallte auf und ich
wollte diesem Grobian meine Mei
nung sagen aber Jim, der mit dieser
Rasse umzugehen verstand, legte sich
dazwischen.
„Kapitän, ich weiß wohl, daß wir
nur im Wege sind. Ich weiß auch, daß
Sie nach der anstrengenden Arbeit
müde sind aber wir wollen Sie nur
bitten, ein Gläschen Perrier-Jonet
mit uns zu trinken, den Songhurst zu
Ehren meiner Vermählung und Lou
dons Herrn Dodds Abreise ge
spendet hat."
„Nun, es ist Ihr Wunsch! Auf eine
halbe Stunde soll's mir also nicht
ankommen! Hallo, Burschen! Ablö
sung!" wendete er sich an die Matro
sen. „Ich gebe euch eine halbe Stunde
Feierabend, damit etwas Leben in
euch kommt. Aber nachher soll die Ar
beit flotter vonstatten gehen, das rat'
ich euch! Johnson, sieh zu, ob du nicht
einen Stuhl für die Dame abwischen
kannst!"
Seine Sprache klang ebenso ver
dneßlich, tote er aussah, aber unter
dem sanften Feuer von Mamies
Aygen, die ihm vertrauensvolle er
«5 V jW 4 ,- iffM "V
$
i"^
w
Während der Kapitän in seiner ab
gebrochenen, halb humoristischen, halb
anmaßenden Weise sprach, beobachtete
ihn Jim aufmerksam. Es war, als ob
er in die innerste Seele dieses Mannes
dringen wollte, um sich über alles,
was ihm darin noch unverständlich,
zu belehren.
„Auf ein Wort, mein Junge!"
wandte er sich plötzlich an mich. Und
als er mich aufs Deck geschleppt hatte,
fuhr er leise fort: „Dieser Mensch da
unten gehört zu der Sorte, die nur
nach ihrem Kopf handelt er ist eigen
sinnig wie ein Widder und würde lie
ber sterben, ehe er von jemand Rat
annähme. Widersprich ihm nie. Du
weißt, Loudon, daß ich niemand mei
nen Rat aufdränge wenn ich es aber
tue, fo weiß ich warum und bin mei
ner Sache sicher."
Die kleine Gesellschaft, die so un
behaglich anfing, ging unter dem auf
tauenden Einfluß des Weines bald in
Heiterkeit und bestes Einvernehmen
über. Mamie hob sich in ihrem kleid
samen Hütchen und einem weinfarbe
iten Seidenkleid wie eine Königin von
ihrer rauhen Umgebung ab. Der
teerige Johnfon diente ihrer anmuti
gen Schönheit als Folie. Sie glänzte
in der armseligen Kajüte wie ein
leuchtender Stern, so daß sogar ich,
der ich sonst nicht zu ihren Bewunde
rertt zählte, sie wohlgefällig betrach
tete und der Kapitän, der doch wahr
lich nicht zu den Artigen gehörte, mir
den Vorschlag machte, die Gruppe mit
meinem Bleistift zu verewigen. Diese
Tat bildete den Abschluß des Abends,
denn als ich fertig war, zeigte es sich,
daß die uns vom Kapitän gewährte
halbe Stunde sich auf drei ausgedehnt
hatte. Die Skizze stellte Mamie im
Mittelpunkt vor, die übrigen Mitglie
der der Gesellschaft behandelte ich als
nebensächliche Staffage. Der Künstler
stellte sich selber bescheiden in den Hin
tergrund. Mamie widmete ich die
größte Sorgfalt, und sie war es auch,
bei der ich den größten Erfolg erzielte.
„Oh," rief sie mit naiver Freude,
„bin ich das wirklich? Kein Wunder,
Jim .", sie hielt errötend inne.
„Das Bild ist ebenso schon, wie es gut
ist!" fügte fie hinzu. Dieser Ausspruch
fand Anklang und wurde von mir
und Nares dem sich zurückziehenden,
neuvermählten Paare nachgerufen,
während dasselbe dem schwachbeleuch
teten Kai zuschritt.
So geschah es, daß unser Abschied
unter Lachen erfolgte, und daß er vor
über war, ehe er recht begonnen. Die
Gestalten verschwanden, ihre Schritte
verhallten. An Bord hatten die Leute
wieder ihre Arbeit aufgenommen und
der Kapitän war in feine Kajüte zu
rückgekehrt, um weiter zu rauchen.
Nach diesem arbeits- und aufregungs
reichen Tage blieb ich endlich allein
und frei. War's nur die Uebermü
dung, die mir das Herz fo schwer
machte? Ich lehnte mich ans Geländer
und blickte zu dem nebligen Himmel
empor wie ein Mensch, der alle Hoff
nung aufgegeben hat und sich nach dem
Grabe, nach einer Ruhestätte sehnt.
Plötzlich fiel mir die „Stadt Peking"
ein, die jetzt gen Honolulu dampfte,
mit dem verhaßten Trent vielleicht
sogar mit dem geheimnisvollen God
dedaal an Bord. Dieser Gedanke
trieb mir das Blut zu Kopf, und es
schien mir mit einem Male, als ob wir
jede Aussicht auf Erfolg verloren hät
ten, denn anstatt zu trachten, der
„Stadt Peking" zuvorzukommen, la
gen wir hier vor Anker und verfchwen
beten die kostbare Zeit mit der Ber
gung von grünen Bohnen. „Mögen
sie doch zuerst dort sein!" sagte ich mir.
Dann aber: „Wir werden ihnen sehr
schnell auf dem Fuße folgen." Von
diesem Augenblick an zählte ich mich
zu den Männern von abgerundeter
Erfahrung, denn hierzu hatte mir
nichts gefehlt, als den grauenhaften
Gedanken an ein Blutbad zu hegen
und willkommen zu heißen.
Erst sehr spät, bis es auf dem Schiff
ruhig genug wurde, suchte ich meine
Koje auf, und es dauerte lange, bis
der wohltätige Schlaf sich auf meine
müden Lider senkte. Aber kaum war
ich eingeschlafen (wenigstens dünkte es
mir so), als ich durch das Lärmen
unserer Mannschaft und das Kreischen
und Knarren der angespannten An
halttaue wieder geweckt wurde.
Der Schoner hatte die Anker gelich
tet, noch che ich aM Men konnte.
7
,. Cf.
5
zählte, daß er der erste wirkliche See
fapitän fei, dessen Bekanntschaft sie je
gemacht, daß er ihre Erwartungen bei
weitem übertreffe und daß sie seinen
Mut bewundere, wurde unser Bär zu
sehends weicher, und es hörte sich halb
wie eine Entschuldigung an, als er,
zwar noch immer in mürrischem Tone,
eine Schilderung seiner heutigen Plak.
kernen und seines Aergers entwarf.
„Den ganzen Tag nichts als Ver
druß Die halben Schiffsvorräte hat
Smith falsch geliefert. Ich werde die
fem Galgenstrick die Geschichte noch
eintauchen er kann sich freuen! Dann
kamen zwei unverschämte Zeitungs
schmierer und bemühten sich, aus mir
Stoff zu Berichten herauszuschlagen.
Sie waren nicht eher fortzubringen,
als bis ich sie mit dem erstbesten
Gegenstand, der mir in die Hände
kam, bedrohte. Sie hätten sehen sollen,
wie die feigen Hunde Fersengeld
gaben."
-V" i
1
M|fll(
In dem feuchten Morgennebel sah ich
nur den Schlepper, der vor uns pu
stete und stampfte und dichte Rauch
Wolfen gen Himmel bließ. Hinter uns
erhob sich die auf Hügeln erbaute und
trotz der Morgendämmerung noch
immer beleuchtete Stadt. Es erschien
mir seltsam, daß die Lichter so nutzlos
verschwendet wurden, da es doch schon
so hell geworden war, daß ich die ein
same Gestalt, die dort an einem Kai
Pfeiler lehnte, zu erkennen vermochte.
War es wirklich nur das Auge und
nicht vielmehr das Herz, das jenen
Schatten im Morgengrauen erkannte?
Ich weiß es nicht. Aber es war Jim,
der gekommen war, um mir noch ein
letztes Lebewohl zuzurufen. Wir hät
ten nur Zeit, um ein „Adieu" auszu
tauschen und uns zuzuwinken.
Dies war der zweite Abschied, den
wir im Leben nahmen nur hatten wir
diesmal die Rollen gewechselt. Jetzt
spielte ich den Argonauten, der auf ge
schäftliche Abenteuer ausging und sein
Leben dabei aufs Spiel setzte, wäh
rend er ruhig daheim blieb, um den
Kalender zu studieren und meine
Rückkehr zu erwarten. Noch eins
drängte sich lebhast meinem Bewußt
fein auf und bereitete mir Freude:
nämlich, daß es Jim gelungen war,
mich geschäftlich auszubilden, daß die
Romantik des 'Geschäftslebens
wenn unser phantastischer Kauf diesen
Namen verdiente endlich einen
Reiz auf mich auszuüben begann und
daß, während unser Schöner durch die
brüllenden und brausenden Engen der
Bucht geschleppt wurde, das gjanfee
blut erwartungsvoll und frohlockend
durch meine Adern jagte.
Draußen bließ uns ein willkomme
iter, frischer Nordost entgegen. Keine
Minute wurde verloren. Noch ehe die
Sonne aufging, ließ der Schlepper
unsere Anhaltaue abfallen, salutierte
durch drei schrille Pfiffe und kehrte
nach der heimatlichen Küste zurück,
deren äußersten Rand wir noch bei den
ersten Strahlen des jungen Tages
grüßen konnten. Kein anderes Schiff
war in Sicht, als die „Norah •Creina"
unter vollen Segeln ihre lange und
einsame Seereise zum Wrack der
„Fliegenden Lerche" antrat.
Mit Freude erinnere ich mich an die
freundliche Eintönigkeit dieser Ozean
fahrt, auf der die Windrichtung eine
günstige war und das Schiff Tag für
Tag tüchtig vorwärts kam. Ich wurde
nicht müde, die Wandlungen der
prächtigen Berglandschaften aus Pas
satwindwolken bei jedem Lichtwechsel
zu bewundern und zu zeichnen und
mich für das ungewohnte, geschäftige
Leben und Treiben auf dem Schonet1
zu interessieren: das Schießen der Del
phine vom Bugspriet aus, der Kreuz
zug gegen die Haifische, das Brot
backen des Kochs, das Reffen der Segel
bei dem ersten Anzeichen einer hef
tigen Bö, die am Unterleik schweben
den Matrosen, dann die Bö selbst, end
lich nach allen Schrecken des Sturmes
die Freude, mit heiler Haut davon
gekommen zu sein, und sich, wenn alle
Gefahr vorüber, des geschenkten Le
bens freuen zu können. Mit un
beschreiblichem Gefühl begrüßt man
die Sonne wieder und denkt nicht mehr
an den bekämpften Feind, der jetzt
an der Leefeite nur wie ein kleiner
schwarzer Fleck erscheint.
Mit Vergnügen denke ich an jenes
unvergeßliche Leben zurück. Das Ge
dächtnis, welches eine so kluge Träg
heit in der Aufzeichnung von Schmerz
lichem ausweist, ist übrigens auch ein
unzuverlässiger Archivar, wenn es sich*
um Freuden handelt, denn ein an
dauerndes Wohlergehen toird als
etwas Selbstverständliches angenom
men und dem Gedächtnis nicht ein
geprägt.
Wenn ich meinen eigenen Erinne
rungen Glauben schenken darf, war
ich mir einer Sache mit Entzücken be
toußt. Tag für Tag stand in der vom
herrlichsten. Sonnenschein vergoldeten
Kajüte das Themometer des Schnaps
fabrikanten auf 84 Grad Fahrenheit.
Tag für Tag atmete ich die gleiche un
beschreiblich frische, reine, milde und
doch so kräftigende Luft. Tag um Tag
flammte die Sonne in ihrer Majestät,
Nacht um Nacht winkte der sanfte
Mond, funkelten die leuchtenden Ster
ne. Ich fühlte mich geistig erquickt und
auch körperlich wie neugeboren. Ich
hatte endlich ein Klima gefunden, das
mir wohltat und mich begeisterte.
Selbst das eintönige Meer dünkte niir
unter einem solchen Himmelsstrich be
gehrenswert, und wo immer der Pas
satwind weht, kenne ich keinen besseren
Aufenthaltsort als das Teck eines
Schoners.
Wenn nur die Angst über den Aus
gong unserer Fahrt nicht gewesen
wäre, ich hätte feine bessere Er
holungsreise unternehmen formen.
Mein physisches Befinden ließ nichts
zu wünschen übrig und an geistiger
Tätigkeit mangelte es mir nie, denn
erstens hielten die fortwährend wech
selnden Farbenspiele und Effekte des
Himmels und des Meeres meinen
Bleistift in steter Bewegung und zwei
tens bot mir mein unbeständiger
Freund, der- Kapitän, reichlich Ge
legenheit, Charakterstudien zu mo»
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