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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, September 09, 1950, Ausgabe der 'Wanderer', Image 7

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(Fortsetzung)
wilm so mehr sei nun Gottes grund
löse Barmherzigkeit gepriesen, der
alles so liebreich gewendet und ge
füget hat," fuhr mein alter Matthias
fort. „Seht, Meister Jan, da unser
Herr Arnold die Tochter des hoch
angesehenen Erbmarschalls von Gel
dern, des Marquis von und zu Hoens
broech, gefreit hat, sind die beiden
reichsten Geschlechter in ganz Gelder
land ehelich verbunden. Da hat sich
der Spruch erfüllet: Geld zu Geld und
Ehr' zu Ehr', und ist sotane glück
selige Verbindung der Brunnquell
einer neuen Glückszeit für unser liebes
Blyenbeek geworden. Auch unser aller
gnädigster Landesherr, der König von
Hispanien, hat in Ansehung der gro
ßen Verdienste des Herrn Erbmar
schalls dessen Schwiegersohn zum
Marquis oder Markgrafen erhoben.
Und nun erst das Segenskind, so sie
heute vom Schlosse Haag herüberbrin
gen. ich sage Euch, Meister Jan,
weinen könnte ich alter Gesell vor
Freude nach all dem Trüben und
Traurigen, das ich in den letzten sech
zehn Jahren nach dem Tode des hoch
seligen Herrn Ehristossel erlebt habe!"
Noch nie hatte ich meinen alten
Matthias, so ansonst eher ein stiller
und verschwiegener Gesell ist, also red
selig und mitteilsam gefunden. Fragte
ihn daher, wie es dann gekommen sei,
daß man die Vermählung unserer
Herrschast so still und heimlich began
gen habe. Da wollte er doch nicht
gleich mit der Sprache heraus, son
dern schickte mich in den Schloßturm,
daß ich die Fähnlein, welche in den
Dachluken aufgesteckt waren, anders
verteile. „Rechts das Schenk-Fähn
lein," sagte er, „links das Hoens
broech'sche mit dem gekrönten, doppelt
geschwänzten schwarzen Leu in weiß
und rot geteiltem Felde, und nctvb den.
beiden andern Seiten die gelderischen
und hispanischen Farben. Item seid
auch so gut, oben selbst etwas Aus
schau zu halten, anerwogen Ihr mit
Euren scharfen Augen mehr sebei als
ich mit den neuen Gläsern, welche mir
meine Alte auf dem Clever Markt ge
kauft hat. Sobald Ihr den Zug aus
dem Weezener Walde auf die Heide
kommen sehet, gebt Ihr dem Knechte
Grates das Zeichen, daß er die erste
Kartaune löse. Dann kommt herab,
daß wir die Herrschaften gebührender
maßen begrüßen."
Stieg also auf den Turm und
machte den Wart. Es war aber ein
gar schöner Sommerabend. Die liebe
Sonne senkte sich langsam und über
goß die gelben Sanddünen, die braune
Heide und die dunkeln Kiefernbüsche
mit einem güldenen Glänze, daß sogar
die öde, einförmige Landschaft, von
ihrem Jarbenzauber überhaucht, schön
und gleichsam verklärt wurde. Hätte
gar gerne versucht, das liebliche Bild
etwa auf die Leinwand zu bringen,
wiewohl kein Maler mit Pinsel und
Farbe malen kann, wie es der all
mächtige Gott mit etlichen Strahlen
meiner liebenSonne für das Auge des
Menschen in Pracht und Lieblichkeit
hinstellt. Während über der Heide die
warme Luft noch zitterte, erhob sich
von der Maas her ein erquickender
Wind, spielte lustig mit den Fahnen
und wehte mir Kühlung zu. Darüber
kam ich ins Träumen und hätte bei
nahe den rechten Augenblick verpaßt
denn die Reiterschar hatte schon eine
gute Strecke zwischen dem Weezener
Walde und dem nächsten Busche zu
rückgelegt, als ich sie erblickte. Winkte
also rasch dem Grates mit dem Tüch
lein. Der war nicht faul, schüttete
frisches Kraut auf das Zündloch,
schwenkte die Lunte und pardautz!
krachte der Schuß über die Heide, wor
auf ich alsbald die Leiter und die stei
len Treppen hinabkletterte und in den
Schloßhof zu meutern Matthias hin
austrat.
In selbigem wimmelte und wogte
es jetzund von fröhlichen Menschen.
Nicht nur alle Hörigen unseres Herrn,
sondern viele Neugierige aus den
umliegenden Dörfchen, ja sogar von
Goch, waren gekommen, um den feier
lichen Einzug des kleinen Schenk in
sein Stammschloß zu sehen. Mein
alter Matthias hatte genug zu tun,
die Leute in Reih und Glied hinter
den Tännchen und Kränzen aufzustel
len. Als endlich etwelche Ordnung ge
schaffen war und rechts vor dem äuße
ren Triumphbogen der Magister von
Afferden mit seinen Chorknaben,
links drei Fiedler, ein Hackbrettspie
ler und ein Hornbläser standen, riefen
die Kinder auch schon: „Sie kom
men?" Da hoben alsbald die Musikan
ten ihr Spiel an und die Leute schrien,
mit den Hüten schwenkend, wie der
Kastellan sie gelehrt hatte, ein kräf
tiges Vivat.
Dag Paradieszimmer
Eine Blyenbeeker Geschichte
em*#
Wirklich kamen die edeln Herrschaf
ten längs der Bly über die Wiese.
Noch heute sehe ich sie ganz lebhaft vor
meinen Augen, daß ich mir wohl ge
traute, sie zu malen. An der Spitze
des Zuges ritten die beiden Herren
Marquis Arnold Schenk von Nydeg
gen und dessen Schwiegervater, der
Erbmarschall von Geldern, Marquis
von nnd zu Hoensbroech. Das war
das erstemal, daß ich diesen Herrn sah,
und hat selbiger ein ernstes, seines Ge
steht, welches ich gerne gemalt hätte.
Die gewaltige Staatsperücke grand
in folio genannt —, der reiche, mit
Goldstickereien und weiten Aermelauf
schlügen verzierte Rock aus dunkel
rotem Stimmet gab der gebietenden
Gestalt fast fürstliches Aussehen, und
man merkte wohl, daß der Herr mit
der feinen Hofsitte vertraut sei, wie er
denn auch als Diplomat und hispa
nisch-gelderischer Rat ein großes An
sehen genießt. Auch unser Herr Arnold
war recht stattlich in dunkeln Sammet
gekleidet. Den beiden Herren folgten
die Marquise und das Edelsräulein
Angelina, und schwer war zu sagen,
welche der beiden Damen holdseliger
sei. Die Schloßherrin trug ein blaues
Seidenkleid, das kurze, mit Spitzen
bauschen verzierte Aermel hatte. Die
schwarezn Locken fielen in feinen Rin
geht auf die Schultern nieder, und das
schöne, liebliche Gesicht mit den dun
kein Augen glühte von dem Ritte über
die Heide. Angelina hatte blonde
Haare und helle, blaue Augen sie
schien mir immer, wie ihr Name an
deutet, ein halber Engel zu sein. Jetzt
trug sie als Patin das in ein Seiden
kissen eingewickelte Kind, und so waren
aller Augen auf sie gerichtet. Dahinter
ritten mit großem Prunk noch andere
adelige Herren und Damen, Ver
wandte und Benachbarte, worunter ich
nur die von Arcen, von Well, von
Wyssen und von Geystern namhaft
machen will.
Als die Kavalkade die breitästigen
Linden vor der äußeren Schloßbrücke
erreicht hatte, machte sie halt und war
tete, bis die Musikanten ihr Stück ge
endet und der Magister von Afferden
ein artiges Lieölein eigener Komposi
tion mit seinen Knaben gesungen hat
ten. Dann trat mein alter Matthias
den Herrschaften entgegen, sagte unter
tiefer Verbeugung feinen Willkomm
und brachte, wiewohl mit einigem
Kniegefchlotter, einen gar nicht übel
gesetzten Spruch aus auf den jungen
Herrn, der nach seinen beiden Groß
Vätern in der heiligen Taufe die Na
men Arnold Adrian Christoffel erhal
ten hatte. Kräftig schrien alsbald die
Bauern, wie er sie gelehrt und ein
geschult, mit den Hüten und Zipfel
mützen schwenkend, dreimal „Hoch!".
Dabei schonten sie ihre Lungen so
wenig, daß die Reitgäule die Ohren
spitzten und schier durchgegangen wä
ren. Dazu spielten und bliesen die
Musikanten, und der Magister von
Afferden setzte mit seinen Knaben
nochmals ein, und vom Walle er
dröhnten die Viertelskartaunen, und
auf dem Schloßturm wapperten lustig
die Fähnlein im Abendwinde
Summa: es war schier ein Jubel, als
ob ein Königssohn geboren wäre. Bei
all dem Schießen und Schreien erhob
denn auch mein kleiner Junker 'Chri
stoffei fein Stimmlein und begann so
laut zu weinen und zu greinen, daß
ihn die Patin durch kein Schütteln
und Wiegen beruhigen konnte. Da
nahm ihn die Mutter lächelnd in die
Arme, schmiegte ihn an die Brust und
scherzte: „Kind, alles lacht, und du
weinst beim Einzüge in dein Schloß?"
„Er ist das Schießen noch nicht ge
wöhnt!" rief lachend fein Vater. „Laß
ihn erst groß werden, daß er eine
Büchse heben kann, da sollst du sehen,
welche Freude der Knabe am Schießen
hat, so wahr er ein echter Schenk ist."
Seine Patin Angelina aber sagte:
„Möge es ihm nie Unheil bringen!",
und ist mir in den letzten Tagen so
tan es Wort der reinen Jungfrau oft
eingefallen. Will sie nächstens doch
fragen, ob sie etwa dabei ein Vor
gesühl empfunden habe.
So ritt nun der Zug unter wäh
rendem Hochrufen der Leute durch den
Torweg und die doppelte Reihe von
Tännchen bis an die innere Brücke,
allwo sich die Herren aus dem Sattel
schwangen und den Damen beim Ab
steigen behilflich waren. Dabei hatte
ich die große Freude, das 'KnäMeitt, so
ich getauft hatte, einen Augenblick in
meinen Armen zu halten aber Fräu
lein Angelina nahm es mit gleich
wieder ab.
Herr Arnold dankte hierauf den
Leuten für den schönen Empfang, dem
man seinem lieben Söhnlein, seinem
trautem Ehegemahl, seinem hochedeln
'Herrn Schwiegervater, ihm selbst und
allen Gästen bereitet hatte. Dabei
Also wurde 1696 gar freudig der
Einzug meines lieben Christoffels
in Blyenbeek auf den Abend von
^ankt-Antonius-von-Padua-Tag ge
feiert, mil) dieses ist das schönste Fest,
das ich auf dem einsamen Heideschloß
verlebt habe.
OHIO WAISENFREUND
lobte er in Sonderheit den lieben ge
treuen Kastellan Matthias und mich,
den er seinen „geschickten Meister
Thyssen" nannte, dessen Kunst der
schöne Portalschmuck wohl verrate.
Auch fragte er, wer das feine Poema
und Chronistikon verfaßf habe, und
gebot dem Kastellan, am nächsten
Morgen den ehrwürdigen Augusti
nern nach Gaesdonk fünf Malter Korn
und eine Bütte Bier zu bringen zum
Danke für ihre freundnachbarliche
Liebe, auch sie zu bitten, eine heilige
Messe für den kleinen Christoffel zu
lesen. Endlich sagte der Herr den
Bauern und dem Gesinde, sie möchten
sich an Bier und Brot, Schnaps und
Schinken zu Ehren des jungen Schenk
gütlich tun und könnten auch auf der
Tenne in Ehren einen Tanz auffüh
ren, wozu ihnen die Spielleute fiedeln
und blasen sollten. Da erhob sich ein
großer Jubel, und während die Herr
schaften unter vielen Komplimenten
und tiefen Bücklingen über die Brücke
durch das Portal des Burghauses ein
traten, stimmten die Musikanten schon
den ersten Hopser an, wozu alsbald
die Zöpfe der Mädchen und die wei
ßeit Flügelhauben der Weiber im
Rundtanze lustig flogen, derweil die
Holzschuhe der Bauernburschen einen
kräftigen Takt polterten.
2.
Wie ich im Paradies z«r gräflichen
Tafel gezogen wurde und was mir der
alte Matthias nachher Bedenkliches
erzählte
Tie Festtafel hatte mein alter Mat
thias in dem mittleren Räume des
„Paradieses" zwischen den vier
Standbildern der Jahreszeiten gar
reich und zierlich decken lassen. Nun
geschah es, wie ich nachher von Grates,
dem Knecht, hörte, daß mämtiglich
über den Schmuck dieses Saales in
großes Erstaunen geriet, da sie sel
bigen nach vollendeter Bemalung zum
erstenmal erblickten und dergleichen
Prunk auf dem einsamen Schlosse in
mitten der Heide mit nichten erwartet
hatten. Selbst der Herr Erbmarschall
belobte ernstlich den Plan und zum
andern die Ausführung, in Sonder
heit der geschnitzten Figuren und
Karyatides. lieber die Maßen erfreut
ob der Frucht- und Blumenkränze, die
gar lustig und frisch aus den Zwickeln
herabschauten, seien aber fürnehmlich
die gnädige Herrin und das edle
Fräulein Angelina gewesen hätten
auch sofort dem Herrn Marquis in
den Ohren gelegen, daß man mich zur
Tafel ziehe. So gebot denn der
Schloßherr, daß für den altert Mat
thias und mich im Nebenraume ein
Tifchlein gedeckt werde, nicht in dem
mit den vier Weltteilen, fondern in
dem marmorierten. In erstgenanntem
stand nämlich just unter dem Adler,
der mit dein Schenkenwappen und
dem Sprüchlein „Coclum peto" gen
Himmel fliegt, die kostbare Prunk
wiege, so ich heimlich geschnitzt, gemalt
und vergüldet hatte. Darein haben sie
meinen lieben Junker gelegt, als sie
ihn am Ende des Mahles zu den
Gästen brachten, wie ich alsbald er
zählen will.
Sintemalen der Grates nicht einer
von den Findigsten ist, fand er auch
mich lange nicht hätte sich doch denken
können, daß ich auf der Tenne beim
Tanze war! Die Herrschaften hatten
den Rehbraten auf dem Tische, als ich
in meinem besten rostbraunen Sain
metkoller. mit dem feinen flandrischen
Spitzentüchlein um den Hals, so mir
die gnädige Frau zu St. Niklausen
Tag geicheukt hatte, in den Saal trat
und mich gebührendermaßen vernei
gend neben dein alten Matthias nie
derließ.
An dem Herrentisch ging es all
bereits hoch her und wurde von laute
rem Silber gegessen, was dazumal
wohl nicht in manchem adeligen Hause
Geldems möglich war, anerwogen die
schrecklichen Kriegszeiten und vielen
Brandschatzungen das Silberzeug über
die Maßen rar gemacht hatten. Natür
lich redete man auch vom Kriege, wo
bei ich die klugen und wohlgesetzten
Worte des Herrn Erbmarschalls, so
seither meistens eingetroffen sind, gar
sehr bewunderte. Als aber die Herren
den Weinkannen etwas mehreres zu
gesprochen, auch der Nachtisch ausge
tragen war, ging es merklich lustiger
zu. Ta neckte der alte Herr von &oe
unsere gnädige Frau gar anmutig,
daß sie die schönsten Aprikosen, Pfir
siche und Trauben, so er im Leben ge
sehen, an die Decke hänge, anstatt auf
die Tafel lege und alfo den Gästen die
Qualen des alten Tantalus bereite
denn nimmermehr wolle er glauben,
daß die Dinge da droben gemalt seien.
Aber unsere edle Frau Katharina
wußte ihm recht wohl zu antworten.
Der alte Tantalus, sagte sie, sei ihres
Wissens also gestraft worden, weil er
an der Göttertafel eine lose Zunge ge
führt, und müsse sich mithin der Herr
Graf vielleicht eines ähnlichen Feh
lerS schuldig wissen, sintemalen er
dessen Qual empfinde. Sie aber sei
eines barmherzigen Sinnes und wolle
ihm in seiner Not mildreich beisprin
gen. Damit goß sie ihm aus der silber
nen Kanne goldperlenden Rheinwein
in den Becher, ob welcher fröhlichen
Antwort mämtiglich der edlen Frau
Beifall zollte.
Hernach wurde das Schauessen auf
getragen, das ich mit großer Mühe in
wahrender letzter Nacht hergerichtet
hatte. Selbiges stellte eine mehr als
fchnhlaitge Wiege für und war außen
schön bemalt, auch mit den Wappen
der Schenk und Hoensbroech verziert,
inwendig aber voll von Printen, Waf
feln und Marzipan. Auf dem Kissen
der Wiege ruhte der schlafende Gott
Amor, ganz aus Zucker hatte ihn
auch mit Johannesbeerfaft die Backen
und das Mäulcheit fein rot bemalt und
ihm sein Gewaffen, will sagen Bogen
und Köcher, aus goldgelbem Zucker
föttdis, zur Seite gelegt. Hei, Lieber,
erhob sich da ein großer Jubel an der
Tafel und brachten die Junker allerlei
zierliche Sprüche über den alten Amor
toor, wie es ja in jetzigen Zeiten Mode
ist, in Mythologicis wohl bewandert
zu feilt, sintemal sogar einige Predi
ger solche Geschichteit auf die Kanzel
bringen, was mir nie recht munden
wollte. Ein junger Herr von Geystern,
der schon lange, wiewohl umsonst, der
chöneit Schwester des Schloßherrn den
Hör macht, meinte sogar, wenn ihm
cilfo süße Zuckerpfeile zur Verfügung
ständen, wie dem Amor in der Wiege,
so würde ihm vielleicht die edle Ange
lina minder grausam sein.
„Nehmt sie Euch alle," versetzte la
chend mein Fräulein „nehmt sie samt
Köcher und Bogen und versüßt damit
die Bitterkeit Eures Grames, an den
niemand glauben mag." Und mit so«
tauer Antwort hatte sie die Lacher auf
ihrer Seite.
Mein Junker aber, den der Bache
vacher gar beredt machte, rief mit lau
ter Stimme und beweglicher Gebärde:
JWache auf, o schlafender Amor!
Strafe die Grausame, du, der Freu
den verspricht und bittere Leiden ver
leibet!" Derweil er aber bei solchen
Worten seine Hand auf den Köcher des
Gottes legte, berührte er die Feder,
welche die Seiten der Wiege öffnete,
so daß dieselben (wupp dich!) auf
sprangen und ihren süßen Inhalt, ver
stehe Printen und Marzipan, über die
Tafel ausschütteten. Nun will ich nicht
sagen, wie die ganze hohe Gesellschaft
dar ob jubilierte, sintemalen sich «das
jeder leichtlich fürstellen kann.
'Alsogleich sprach unsere gnädige
Frcni Katharina: „Seht, Junker, wie
Antor Euer Wort in verwunderlicher
Weis Lügen straft! Ihr sollt ihn mir
nicht lästern. Mir hat er Glück und
Freude gebracht und auch nicht eine
lüttere Stunde, anerwogen er mir
meinen lieben Mann gab und den
herzsüßen EhriftoffeL Schauet, ihr
Herren, was er mir in diesem Schloß
zu Blyenbeek für ein Paradies her
zauberte, dessen Abbild und Gleichnis
Meister Thyssen an Wand und Decken
gar kunstfertig dargestellt hat. Seht
da Äie vier Jahreszeiten, welche mich
der Reiche nach mit immer neuen
Gaben beschenken, mit Blumen und
Früchten! Und jetzo kommen auch die
lieben Engel ins Paradies wie
denn der erste, verstehe unfern kleinen
Christoffel Arnold Adrian, allbereits
eingezogen, so daß ich mit Tank gegen
Gott erachte, es gäbe keine glückliche
ren Menschen als meinen Mann und
mich!"
Solche Worte hatte meine gnädige
Frau in ihres Herzens Glück so be
geistert gesprochen, daß ihr edles Ant
litz strahlte, und ihre dunklen Augen
leuchteten nicht anders als die liebe
Sonne an einem anmutigen Maien
tag. Dabei reichte sie, gleichwie zum
Tanke für das Glück, welches seine
Viebe ihr schenkte, dem Gemahl über
den Tisch die Hand, so dieser mit
bebenden Lippen küßte, während ein
freudiges Rot feine ansonst bleichen
.lüge überflog. Da nun auf einen
Wink der glückseligen Mutter die
Amme in währender Zeit das Knäb
lein flugs herbeigebracht hatte, er»
hoben sich alle Gäste, um auf das
Glück des edeln Paares zu trinken.
Mir ging es schier wie dem alten Mat
thias, der sich eine Träne der Freude
aus «den 'Augen wischte. Als nun die
Mutter den lieben 'Christoffel meinem
gnädigen 'Herrn in seine väterlichen
Arme gelegt hatte, erhoben alle Gäste
Humpen und Becher, und auch die
Frauen stießen mit zierlichen venezia
nischen Gläschen 'hell klingend an und
tranken, daß solches Eheglück fcftiglich
bestehe, das liebe Kind wachse und ge
deihe und der edle Stamm der Schenk
von Nydeggen in Ehr' und Ansehen
auch fürderhin grüne und sprosse.
Da nun solche Trinksprüche ohne
eingehaltene Etikette oder Hofsitte also
stürmisch durcheinander wirbelten,
schüttelte mein Erbmarschall seilte
große Staatsperücke, hob auch den
Finger und sagte lächelnder Miene zu
seiner Tochter: „'Kind, du hast mir
mein ganzes Konzept verdorben, all
dieweil der erste Trinkspruch sonder
Zweifel Seiner Heiligkeit Jnnocen
tio XII., unserem glorreich regieren
den Papste, und Seiner Kaiserlichen
und Apostolischen Majestät Leo
poldo I. gebührt der zweite aber
unserem allergnädigsten Landesherrn,
Seiner Katholischen Majestät Ca
rolo II. von Hispanien. Dann mag
immer noch Platz sein für einen Trink
spruch aus ltnsern kleinen Schenk, auf
dein und deines Mannes, meines viel
lieben Schwiegersohnes, Glück und
Wohlfahrt, wie nicht minder auf die
Blüte eures Hauses. Was nun das
Blyenbeeker Paradies angeht, welches
ihr euch gar schön und kunstreich ein
gerichtet, wünsche ich von Herzen, daß
es in guten und bösen Tagen Bestand
habe, und solches wird denn auch nicht
ausbleiben, wenn der rechte Amor bei
euch Einkehr nimmt nicht jener der
blinden Heiden, sondern jener, den
das Kindlein von Bethlehem auf diese
Erde brachte. Der kommt vom Him
mel, hat den Himmel bei sich und
führt gen Himmel. Lieber Sohlt, du
hast dir da unter dein Wappen, das
ein Adler stolz gen Himmel trägt, den
schönen Spruch malen lassen: Coolum
peto Zum Himmel strebe ich und
dazu die Jahreszahl deiner Vermäh
lung mit meiner guten Katharina An«
no 1694. Denket an sotanen Spruch
und lehret ihn eueritt Knaben und
leget denselben vom christlichen Him
mel aus und nicht nur von dem Par
nassus der Poeteit, verstehe den Him
mel irdischen Ruhmes und irdischer
Größe. Unsere 'Ahnherren haben ge
meiniglich fromme Sprüche unter ihre
Wappen gefetzt, wie auch unser Spruch
ein gar frommer ist und Soli Dco
Nur für Gott! lautet. Ich bin jetzt
ein betagter Mann und darf wohl
sagen, daß ich etwelches zum Besten
unseres Gelderlandes, des ErzHauses
Oesterreich, welches Gott schützen
möge, und Seiner Katholischen Maje
stät getan habe hoffentlich auch ein
weniges für Gott, ansonst wäre es gar
traurig an erwogen es allen Schein
hat, daß Geldern bald unter einem
anderen 'Herrscherhanse stehen wird.
Bauet also euer Glück nicht auf diese
Erde, wo alles wechselt wie ein leidi
ges Aprilwetter, fondern auf den
Grund, der allein ewigen Bestand hat.
/Strebet zum Himmel!' Und möge der
grundgütige Gott geben, daß Er die
ses jetzt und in der heiligen Taufe zum
Himmelserben angenommene Kind
ewig mit uns allen in Seinem wahren
Paradiese glücklich mache, dessen Bild
nis und Konterfei ihr euch vor Augen
habt malen lassen! (Unser junger Chri
stofrel Arnold Adrian lebe also der
maßen, daß er ewiglich lebe!"
Also hat der Herr Erbmarschall
einen gar ernsten und bedeutsamen
Trinkspruch getan, daß ich wahrhaftig
bekennen muß, nie in meinem Leben
eilten ähnlichen gehört zu haben. Hat
ten auch alle die Tränen in den
Augen denn der alte Herr redete so
warm und eindringlich, daß es auch
dem Jüngsten und Muntersten zu
Herzen ging. Seine letzten Worte
aber: „Vivc, ut vivas!" habe ich in
das mittlere Feld an die Decke der
Kammer gemalt, welche neben dem
„Paradies" gelegen ist, daß sie auch
künftigen Zeiten überliefert würden.
Nach fotanent christlichen Trink
spruch hatte die Mahlzeit ein Ende,
und es begaben sich die Frauen mit
dem Kinde in die Familienstube, wo
für sie noch süßes Gebäck und in zier
lichen chinesischen Täßchen Tee darge
reicht wurde, ein zur Zeit rares und
köstliches Getränk, das wir von einem
Kaufherrn in Rotterdam die Maas
herauf beziehen. Die Herren aber setz
ten fichjit die Halle und sprachen dem
edeln Safte der Rüdesheimer Trau
ben in großer Munterkeit zu.
Nun lud mich mein alter Matthias
zu einem Gange durch den Garten ein,
wozu ich gerne bereit war gingen alfo
felbander Amt in Arm die Treppe
hinab und traten auf den Schloßhof
hinaus, allwo wir einen Augenblick
den Tänzern zuschauten, die noch
immer mit den schweren Holzschuhen
die Tenne stampften.
„Der Freudentag ist ihnen wohl
zu gönnen nach den langen trüben
Kriegszeiten," sagte der wackere Mat
thias „und wer weiß, was uns
Schweres bevorsteht!"
„Auch der Herr Erbmarschall scheint
düstere Ahnungen zu haben," eit'tgeg
nete ich. „Er glaubt wohl, daß nach
dem Tode unseres kinderlosen Königs
ein neuer greulicher Kriegsbrand ob
der hispanischen Erbschaft ausbrechen
werde. Möge Gott solches gnädiglich
abwenden! Ein überaus kluger, from
mer und fürsichtiger Herr, dieser
Marquis Hoensbroech! Hat aber einen
gar ernsten und eindringlichen Trink
spruch ausgebracht, wie ich in meinem
Leben keinen hörte!"
„Ja, der Herr Erbmarschall ist ein
hochweiser und herzensguter Herr!
Mit Fug und Recht dürfen wir ihn
meines Herrn andern Vater nennen,
anerwogen er ihm viel mehr Gutes
getan, als Ihr nur ahnen könnet. Ihr
habt mich heute gefragt, weshalb die
Vermählung vor zwei Jahren so in
aller Stille geschlossen wurde. Will
Euch nunmehr solches erzählen, und
alles, was damit zusammenhängt,
woraus Ihr dann leichtlich den Herrn
Erbmarschall noch besser erkennen
wöget. Auch müßt Ihr sowieso früher
oder später eine leidige Geschichte er
fahren, von der ich immer fürchte, sie
werde noch einen Schatten auf das
Glück unserer gnädigen Herrschaft
werfen. Weiß, daß Ihr es gut mit
unserer edeln Frau meinet, und so
werdet Ihr mir wachen und wehren
helfen."
Auf solche Worte meines Matthias,
so mich schier erschreckten, gab ich zur
Antwort: „Mit meinem Leben, wenn
es sein muß."
„Ich glaube es gern," sagte er.
„Seht der Mond scheint hell, und die
Lust ist anjetzt nach dem heißen Som
mertage milde. Wir wollen selbander
in den Wallgang gehen. Dort kann ich
Euch ungestört alles erzählen."
Ter alte Mann, den ich sonst immer
schweigsam gefunden hatte, war an
jenem Abend gar mitteilend ob sol
ches etwait der Bacheracher getan, oder
ob die Freude fein Herz erschlossen,
oder ob eine Ahnung ihn bewegte, das
lasse ich in seinen Würden. Er erzählte
mir von dem alten seligen Herrn
Christoffel, dem Vater unseres Herrn
Arnold, so bei vielen guten Eigen
schaften ein heftiger und manchmal
schier streitsüchtiger Herr war. Selbi
ger hatte auch mit dem Erbmarschall
Hoensbroech einen Streit, sintemalen
er ihm das Recht bestritt, in der Ver
sammlung der gelderischen Stände
den Vorsitz zu führen. Ten Prozeß,
der mit nicht geringen Kosten an Geld
und Gut hin und her gebeutelt wurde,
haben die Herren vom Kamniergericht
schließlich alfo geschlichtet, daß dem
Erbmarschall allerdings dieser Vorsitz
gebühre, daß aber hinwiederum in sei
ner Abwesenheit die Schenk als Her
ren von Hillen rath den ersten Platz
einnehmen sollten. Item hätte deshalb
damals niemand gedacht, daß die bei
den verfeindeten Familien sich alfo
bald versöhnen, ja durch eine Ehe ver
binden würden.
„Tennoch war der Erbmarschall
derjenige, der seines Gegners Sohn
nicht nur aus einem großen Unheil
befreite, sondern demselben sogar sein
jetziges großes Glück zugewendet hat,"
suhr der Kastellan fort. „Und das kam
also. Ter Herr Christoffel starb, als
unser Herr Arnold erst siebzehn Jahre
alt war. In so jungen Jahren sein
eigener Herr und der Herr so großer
Güter sein, tut aber selten gut Ihr
werdet Euch derowegen nicht verwun
dern, daß der edle, herzensgute Jüng
ling sich in seiner Unerfahrenheit in
einen bösen Handel verwickelte. Sol
ches geschah denn leider Anno 1682,
als er ins Jülicherland ritt, wo er bei
Verwandten Besuche machte. Ich war
bei ihm und hätte meine Augen recht
zeitig offenhalten sollen. Unser Herr
war damals ein bildhübscher Jüng
ling kennt Ihr doch sein Konterfei,
das in der Halle hängt. Tasselbe ist in
damaliger Zeit von einem Meister ge
malet worden, der nicht so flunkerte,
wie ihr Maler es.ansonst gewohnet
seid."
Merkte zwar den Stich, den mir der
Matthias versetzen wollte, tat aber
nicht dergleichen, sondern erwiderte
freundlich: „Wohl kernteich das schöne
Abbild mit dent blauen Atlaswamse
und den weißen Seidenlitzen! Es
ist sehr schön, wacker gemalt aber, so
es nicht geschmeichelt, hat sich der Herr
seit dazumal gar ungewöhnlich ver
ändert. Tas Antlitz ist jetzt so blaß, die
Wangen eingesunken und von früh
zeitigen Furchen durchzogen, daß ich
wohl erachte, er habe seit jenen Tagen
Schweres erduldet."
„Wohl hat er Bitteres verkostet!
Höret nur: Im Jülicherland traf er
mit einer Französin zusammen, so eine
verwitwete Gräfin de Bruay zu sein
vorgab. Ein schönes, aber gar gefähr
lichi'y Weib! Will ihres liederlichen
Lebens nicht weiter gedenken. Ich habe
sie immer für eine rechte Hexe gehal
ten und glaube bestimmt, daß sie das
Herz des jungen Arnold mit hölli
schem Zauber umstrickte und zugleich
meine Augen verblendete: hätte an
sonst die Netze sehen müssen, welche sie
seiner Unerfahrenheit stellte, nicht
anders als ein Vogelfänger den Fin
ken. Als ich es endlich merkte, war es
leider Gottes zu spät. Summa: sie
hatte ihn zu einer heimlichen Ehe ver
leitet, und nun vermeinte der Kuk
kucksvogel im warmen Neste sicher zu
sitzen. Jetzt kam es heraus, wer die
vermeintliche Gräfin de Bruay war
die Tochter eines Quacksalbers aus
dem Lande Artois, welche sich in den
französischen Heerlagern umhergetrie
ben hatte. Mehr will ich nicht sagen.
Möge unsere gnädige Frau nie etwas
von der Unseligen erfahren!"
„Selbiges Weibsbild ist natürlich
schon lange tot?" fragte ich über die
Maßen erschrocken.
„Leider lebt sie meines Wissens
gebe meinen kleinen Finger von der
Hand, wenn ich das Unglücksweib da
mit bannen könnte! Tie Ehe war frei
lich aus mehr als einem Grunde, so
ich hier nicht anführen will, von An
fang an null und nichtig. Doch hatte
ich gar nicht den Mut, meinem Herrn
Arnold die Augen zu öffnen. Wie Ihr
mir trauen dürft, hatte er in gutem
Stauben gehandelt. Ta hörte ich, daß
der Erbmarschall auf einem benach
barten Gute verweile, und anerwogen
ich denselben immer für einen klugen
Edelmann gehalten, faßte ich einen
Mut, ritt heimlich zu ihm und sagte
ihm alles. Habe mich in dem recht
schaffenen christlichen Herrn auch mit
nichten getäuscht."
(Fortsetzung folgt)

•%m% 9. September
Von JOSEPH SPILLMANN, 8. J.

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