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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, October 07, 1950, Ausgabe der 'Wanderer', Image 1

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Jahrgang 78.
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Gerade die Vereinten Nationen, in
denen sich neben politischen und hu
manitären Absichten und Berechnun
gen die Erkenntnis des Versagens un
serer materialistischen Kultur und das
Streben nach einer besseren und be
ständigeren »Ordnung geltend machen,
illustrieren die Zerrissenheit und das
Auseinanderstreben der heutigen
Menschheit. Es dünkt uns eine gera
dezu erschütternde Erscheinung, daß
diese Vertretung von nahezu fünf
Dutzend Staaten, denen auch fast alle
Länder der rund siebenhundert Mil
lionen Ehristen, diso etwa ein Drit
tel aller Erdbewohner, angehören, erst
nach langen Debatten sich darüber ei
nigen konnte, eine Minute ihrer kost
baren Sitzungszeit dem stummen Auf
blick zum Schöpfer und Herrn alles
Geschaffenen zu widmen. Es läßt sich
unschwer erraten, welche Gedanken in
dieser kargen Minute der „Einkehr"
die Vertreter von Ländern beschäfti
gen, deren Regierungen die Religion
als „Opium fürs Volk" betrachten
und sie mit brutaler Grausamkeit
auszurotten trachten, oder die Vertre
ter von Staaten, die zwar die Reli
gion gelten lassen, ihr aber die Ein
flußnahme auf die Gestaltung des öf
fentlichen Lebens versagen und z. B.
katholische Schulkinder und ihre El
tern faktisch mit einer Strafe belegen,
weil sie auf dem natürlichen Recht der
Gewissensfreiheit bestehen. Es kann
leicht sein, daß unter den Vertretern
der nichtchristlichen Länder im Völker
bund manche sind, die das Seume
Wort auf sich anwenden können:
„Wir Wilde «sind doch bessere Men
sehen!"
Und das ist die Körperschaft, von
deren Entschließungen die Neuord
nung und die Erhaltung des Frie
dens in weitgehendem Maße abhängt.
Eine säkularisierte, von jeder Bin
dung durch göttliches Gesetz losgelöste,
in einzelnen ihrer Vertreter gegen die
ses Gesetz bewußt rebellierende Gesell
schaft wird immer wieder auf Sand
bauen. Erst wenn die Ordnung, wie
sie niedergelegt wurde durch die Na
tur und ihren Schöpfer, wiederherge
stellt wird, schrieb am 3. Mai 1932
Papst Pius XI. in seiner Enzyklika
„Caritate Christi ccnnpiilsi", „wenn
alle Völker treu und freudig sich zu
ihr bekennen, wenn das innere
Staatsleben und die äußeren Bezieh
ungen zu andern Völkern begründet
sind aus dieser Grundlage, nur
dann ist wirklicher Friede möglich auf
Erden. Um aber diese Atmosphäre
dauernden Friedens zu schaffen, da
für genügen weder Friedensverträge,
noch die feierlichsten Abmachungen,
noch internationale Zusammenkünfte
oder (Konferenzen, nicht einmal die
edelsten und selbstlosesten Bestrebun
gen eines Staatsmannes, wenn
nicht an erster Stelle die heiligen For
derungen des natürlichen und gött
lichen Rechtes anerkannt werden."
Das klingt angesichts der 'Lage der
Dinge fast wie ein Verzicht auf die
Hoffnung auf bessere Tage. Aber,
schrieb Papst Pius XI. in einem der
Die neue Phate bes Weltkrieges
Am Abgrund vorbei
Vielleicht bedeuten die letzten Sep
tembertage von 1950 doch eine ent
scheidende Wendung im Ringen zwi
schen Osten und Westen. Jedenfalls
ist die Stellung Moskaus, das die
Weltlage souverän zu beherrschen
schien, seitdem die von Präsident Tru
man verkündete „Atom-Explosion"
irgendwo in den Weiten Rußlands
der Physischen Ueberlegenheit des We
stens ein Loch schlug, durch die Ereig
nisse in Korea erheblich erschüttert
worden.
Das aber bedeutet noch lange nicht,
daß die russische Gefahr in ihrer Wur
zel getroffen sei. Die besteht weiter!
Rußland ist, wie in diesen Spalten
oft genug ausgeführt wurde, nicht so
sehr stark aus eigener Kraft, vielmehr
ist seine Stärke in der Schwäche des
„Westens" begründet, in dessen Zer
rissenheit, Planlosigkeit, Opportuni
tätspolitik. Während Rußland mit zä
her Entschlossenheit seinen Weitgesteck
ten Zielen zustrebt der Beherr
schung der Weltpolitik in einer mit
Hilfe gefügiger Vasallen in allen Kon
tinenten herbeigeführten einheitlichen
kommunistischen Gesellschaft —, gehen
im „Westen" die politischen, Wirt
schaft'lichen, sozialen und weltanschau
lichen Bestrebungen weit auseinander.
Es fehlt hier das einigende Band, das
ehedem „die Christenheit" zusammen
hielt im siegreichen Kampfe gegen die
feindlichen Gewalten, die im Laufe
der Jahrhunderte aus dem Osten ge
gen das christliche Abendland hervor
brachen.
nächsten Abschnitte seines Rundschrei
bens, „Gebet und Buße sind die bei
den mächtigen Aufforderungen, die
Gott in diesen Tagen an uns ergehen
läßt, auf daß wir zu Ihm die Mensch
heit zurückführen, die irre gegangen
ist und jetzt ohne Führer wandert.
Von diesen Kraftquellen wird Er
leuchtung und Heilung ausgehen zur
Ueberwindung der Grundursache je
der Empörung der Auflehnung
des Menschen gegen Gott. Aber au
die Völker selber ergeht der Ruf, sich
zu entschließen zu einer festen Wahl:
Entweder sie vertrauen sich diesen
heilsamen Mahnungen und bekehren
sich demütigen und reuigen Sinnes
zum Herrn und Vater aller Erbar
mungen, oder sie überliefern sich sel
ber und was an irdischem Glück ver
blieben an den Geist der Rache und
Zerstörung. Wir können darum nichts
anderes tun, als an diese arme Welt,
die so viel Blut vergossen, so viele
Gräber gegraben, so viele Werke zer
stört, so viele Menschen des Brotes
und der Arbeit beraubt hat nichts,
sagen wir, können wir tun, als die
Einladung an sie ergehen zu lassen in
den liebevollen Worten der heiligen
Liturgie: Bekehre dich zu dem Herrn,
deinem Gott."
Gar oft hat Pius I und hat Pius
XII. ähnliche Worte in die Welt ge
rufen, und an uns Katholiken 4Dcnig
stens liegt es, aus solche Mahnungen
willig zu hören und den beleidigten
Gott versöhnen zu helfen. Dann wird
es endlich doch Friede werden allen
feindlichen Gewalten und allen feigen
Kompromissen und Dummheiten einer
säkularistischen Staatskunst zum
Trotz! Käme es auf diese allein an
und hielte nicht der Lenker aller Din
ge trotz der Undankbarkeit der Men
schen die Hand schützend über die Welt,
dann wäre schon längst alles im Chaos
versunken. Vielleicht war gerade in
den letzten Monaten wieder eine zer
malmende Katastrophe uns näher als
wir ahnten!
Sieg i« Korea
Die unmittelbare Gefahr ist besei
tigt. Das erste Ziel des Einschreitens
des Völkerbundes in Korea, die Ab
weisung des kommunistischen Angriffs
auf die südkoreanische Republik, ist er
reicht. Die erfolgreiche Kampagne
geht nördlich des Achtunddreißigsten
Breitegrades weiter, um den errun
genen Sieg zu sichern und den Frie
den dauernd wiederherzustellen. Das
Gelingen dieses Unternehmens hangt
ab von der Haltung der jenseits der
koreanischen Grenze stehenden Chine
sen und ihrer russischen Verbündeten,
hängt ferner ab von ben Entschließun
gen des Völkerbundes und der Staats
kunst der Diplomaten.
Ter koreanische Feldzug hat bisher
die Ver. Staaten mehr als zweitau
send Menschenleben gekostet. Wie groß
die Verluste der Koreaner auf beiden
Seiten find auch unter der Zivil
bevölkerung ist nicht festgestellt.
Tief beklagenswert ist es, daß Haß
und Rachgier der Roten die Gebote
einer geordneten Kriegführung miß
achtet und sich zahlreicher Barbareien
schuldig gemacht hat. Es liegen schwe
re Anklagen vor, die hoffentlich durch
unparteiische Untersuchungen geklärt
werden und ihre ordnungsgemäße Er
ledigung finden.
Auch ohne Einrechnung dieser Aus
schreitungen war das Unglück groß
genug. Das koreanische Land südlich
des Achtunddreißigsten Breitegrads
ist verwüstet und verheert. Moskaus
Emissäre haben in jedes Dorf die
Brandfackel des Bruderhasses getra
gen. Die Städte liegen in Schutt und
Asche. Die Verkehrsmittel sind ver
nichtet. Von den Fabriken stehen viel
fach nur noch die Schornsteine. Drei
Millionen Menschen wurden von
Haus und Hof vertrieben. Seoul, die
alte Hauptstadt, nach schweren Kämp
fen befreit, ist eine Trümmerstätte. Es
kennzeichnet die Moskau'er Kampf
führung, daß im letzten Augenblick
vor der Befreiung die Wohnviertel
zerstört wurden.
Wie vorher die Hiobsposten, so
folgten in der abgelaufenen Woche die
Siegesbotschaften einander auf dem
Fuße. Seit dem frühen Nachmittag
des 27. September ist Seoul, die erste
Hauptstadt, die den Meuten Stalins
entrissen werden konnte, „wieder in
freundlichen Händen". In MacAr
thurs Siegesbulletin heißt es weiter:
„Streitkräfte der Vereinten Natio
nen, darunter das Siebente Regiment
der Armee Koreas (ARK), sowie Ele
mente der Siebenten Division und der
Ersten Marinedivision der Ver. Staa­
.-r
ten haben die Einschließung und Be
setzung der Stadt vollzogen. Amerika
nische und koreanische Marinesolda
ten, sowie Spezialsormationen stießen
zunächst zu beiden Seiten des Han«
Stromes vor und erweiterten den
Brückenkopf nach Nordwesten. Gleich
zeitig drangen andere Marine-Abtei
lungert vom Nordwesten in das In
nere der Stadt. Das Zweiunddreißig
ste Regiment der Ver. Staaten Sie
benten Division und das Siebzehnte
(koreanische) Regiment unternahmen
entlang dem Südufer des Han eine
fübne Umfassungsbewegung und er
zielten eine weitere Ueberqtteritng des
Stromes im Südosten. Sie gewannen
die beherrschenden Höhen in den Vor
orten und zwangen die feindliche Be
satzung zur ungeordneten Flucht nach
Norden. Tie Befreiung der Stadt
wurde unter möglichster Schonung der
zivilen Installationen durchgeführt."
Daß trotzdem heute zwei Drittel der
Gebäude unbrauchbar sind, kommt
ausschließlich auf das kommunistische
Schuldkonto.
Am1 Freitag, 29. September, über
gab Douglas MacArthur dem Präsi
den ten der Republik Syngman Rhee
seine Hauptstadt. Der feierliche Akt
erfolgte in dem Parlamentsgebäude
Seouls. „Tank der Gnade der Vor
sehung," sagte MacArthur, „haben
die Streitkräfte der Vereinten Natio
nen die altehrwürdige Hauptstadt Ko
reas von dem kommunistischen Despo
tismus erlöst. Mögen die Vertreter
der Republik die Weisheit und Star
ke finden, um für das Volk eine bes
sere Zukunft zu schaffen." In der ein
iten und zugleich gehobenen Stim
mung der Stunde schloß der Führer
der siegreichen Truppen mit den de
mütigen Worten des Vaterunsers.
Tie Landung im Hafen von In
ebon, der unter dem früheren Namen
..Tfchemulpo" eine Rolle im russiich
sapanifchen Kriege spielte, hat in
kaum mehr als zwei Wochen eine völ
liehe Wendung gebracht. Sie war eine
organisatorische Leistung ersten Ran
ges, die buchstäblich das Unmögliche
möglich machte. Tie gleiche techni
sche Ueberlegenheit bewährte sich nach
Besetzung des großen modernen Vit ft
hafens zwischen Kimpo und Seoul.
Tort wurde letzte Woche ein ganzes
Regiment gelandet, das hundertund
fünfzig Transportflugzeuge mit aller
Ausrüstung für sofortigen Frontein
saß direkt vom amerikanischen Konti
nent befördert hatten. Eine andere
Spitzenleistung war die Lustbeförde
rung einer vollständigen Strombrücke
von neunhundert Fuß Länge.
Weder die technische Leistung al
lein, noch etwa zahlenmäßige Stärke
entschieden den Erfolg. Ter Mos
kau'er Sender „irrte", wenn er von,
einer gewaltigen lieber macht der Lau
dungstrnppen sprach. Ihre Zahl war
so beschränkt, daß der Brückenkopf aus I
ein Mindestmaß bemessen wurde.
Gegen diesen Amboß wurden die!
nordkoreanischen Truppen von Süden
her getrieben, die bisher den eng be
grenzten UN Stützpunkt im Südosten
berannt hatten. Es war ein strategi
scher Sieg, der mit knappsten Mitteilt
die denkbar größte Wirkung erzielte.
Es war ein historischer Augenblick,
als in der Nacht des 27. September
eine Tankformation vom Süden süd
Itch von Seoul mit der Siebenten Di
Vision Fühlung nahm. Damit war die!
große Entscheidung gefallen.
Ter Feind, in die Belagerung bort
Pusan verbissen, hatte alles auf eine
Karte gesetzt und alles verspielt. Was
die amerikanische Führung am Ta i
vor der Landung im Hafen von Seoul
verkündet hatte, vollzog sich mit utter
bittlicher Logik. Ter Ring um Pusan
zerbröckelte und die Trümmer der
feindlichen Front zerstoben und lösten
sich in Banden auf. Nach wenigen Ta
gen verlor die Führung jeden Zusam
menhang mit der Truppe.
Am Achtunddreißigsten Breitegrad
Es blieb schließlich nur noch die
Parole: schleunige Flucht hinter den
„Vorhang" des Achtunddreißigsten
Breitegrads, um dem kommunistischen
Regime noch eine Schutztruppe zu ret
ten. vielleicht nicht so sehr gegen die
Gegeninvasion vom Süden, als gegen
die Empörung der mißleiteten Massen
der Nord-Koreaner.
Am Samstag erreichten die süd
koreanischen Truppen, auf der rechten
Flanke des Bundesheeres den Acht
nnddreißigsten Breitegrad und ihnen
reihten sich, nach Westen hin, alsbald
die Amerikaner an. Von Washington
war schon zu Beginn der verflossenen
Woche die Meldung gekommen, daß
MacArthur schon unter dem Völker
bunds beschluß die Vollmacht habe, den
Achtunddreißigsten Breitegrab zu
überschreiten. Es ist das feine Grenze,
U
An Familienblatt für Wahrheit und Recht zur Belehrung und Unterhaltung
Ausgabe des,Wanderer'
Hera»»segebe» Hsm Päpstliche» »«kegim« A-fephi»»» z»m Besten der Priester,Spinae. Preis far et* Jahr in ben Ter. Staate» $3.00, i» »onaba »nb alle» aebtrai £8nbmi $3JS0.
Samstag, den 7. Oktober 1950
sondern die ehemalige Demarkation^
Itnie Zwischen den amerikanischen und
russischen Besatzungtruppen. Daß
diese Linie Grenze wurde, geschah
durch russische Perfidie. Tie ganze
Halbinsel sollte nach dem Beschluß der
Vereinten Nationen ein einheitlicher
Staat werden. Aber Rußland betrieb
in seinem Besatzungsgebiet genau
toii1 in der russischen Zone Teutsch
lands die Errichtung eines eigenen
(fviurmmistifdien) Staatswesens, das
nach Moskaus Plänen auch Süd-Ko
rea in sich aufnehmen sollte, vereitelte
die Vereinigung der beiden Landes
Hälften und intrigierte und konspirier
te nach dem Abzug der amerikani
schon Besatzung, bis es schließlich im
Iiu:i zum Friedensbruch und Ein«
manch in Süd-Korea kam. Zu Recht
bestand und besteht jetzt wieder
einzig die Regierung in Seoul. Tie
kommunistischen Nord-Koreaner sind
Rebellen gegen die rechtmäßige Re
gierung und gegen den Völkerbund.
Lässt man sie, soweit die Truppen den
Rückweg über den Achtunddreißigsten
Breitegrad fanden, in Nord-Korea un
geschoren, dann bleiben sie als Werk
zeuge Rußlands eine Gefahr für den
Frieden, auch wenn durch internatio
nales Abkommen, innerhalb des Völ
kerbundes, die koreanische Frage für
den Augenblick gelöst wird.
Aber Nord Korea ist vor allem eine
Bastion Rußlands. Daß es den Krieg
anzettelte, steht heute fest. Es war
darum zu befürchten, daß es die Nie
de klage nicht einstecken werde, und in
Laie Succeß und den interessierten
Hauptstädten glaubte man, es sei bes
ser, dem fliehenden Feind nach dem
alten Sprichwort „goldene Brücken zu
bauen", statt durch die Fortsetzung der
Kampagne über den Achtunddreißig
sten Breitegrad hinaus die Gefahr ei
nee großen Krieges heraufzubeschwö
ren. Es bestand darum die Neigimg,
sich mit der Entscheidung in Südko
rea zufrieden zu geben und die Rege
lung der koreanischen Frage der Di
plomatie zu überlassen. Aber das Er
aebiiis formeller und informeller Be
sprechungen war dann doch eine von
England, Australien, Norwegen, Bra
uten usw. befürwortete Entschlie
ßung. in der alle für die Pazificrung
der Halbinsel erforderlichen Schritte,
einschließlich der Abhaltung von Wah
len unter der Aegide der Vereinten
Nationen, gutgeheißen werden. Aus
drücklich warnten zudem die Ver.
Staaten, daß die alte Demarkations
linie nicht als politische Grenze be
trachtet werden könne, und daß mart
den nordkoreanischen Rebellen keine
Gelegenheit geben dürfte, sich hinter
dieser zu verschanzen.
Demgegenüber versteifte sich Wi
schinsky auf die alten Anklagen und
Forderungen. Seine Argumente dreh
ten sich um die lächerliche Behaup
tung, die Süd-Koreaner seien die An
greifer gewesen, und die Ver. Staa
ten machten sich im Mantel der Ver
einten Nationen völkerrechtswidrigen
Einschreitens in dem koreanischen
.Bürgerkrieg" schuldig. Voraussicht
lich wird der Völkerbund trotz des ms
fischen Einspruchs vorangehen und die
oben erwähnte Resolution annehmen.
MacArthur hat unterdessen bereits
die Konsequenzen aus der militäri
'chen Lage gezogen. Im Einklang mit
dem ursprünglichen Auftrag des Völ
kerbundes. der die Nord-Koreaner zur
Einstellung der Feindseligkeiten und
zur Wiederherstellung der Ordnung
aufforderte, richtete er am Sonntag
ein Ultimatum an die Nord-Koreaner,
sich zu ergeben oder sich auf eine „bal
dige und totale Niederlage" gefaßt zu
machen.
Bis gestern (Mittwoch) hatte die
nordkoreanische Heeresleitung nichts
unternommen, der Aufforderung
MacArthurs nachzukommen. Auch lie
gen bis jetzt keine Anzeichen des be
fürchteten Eingreifens Chinas vor.
Mao Tse-tung führt allerdings eine
energische Sprache, aber einstweilen
icheint er die Entscheidung über die
Haltung dem geschlagenen Bundes
genossen und Vasallen gegenüber dem
starken Freund in Moskau zu über
lassen. Tie feindseligen Schimpfereien
Maos sind vor allem für Henri) Wal
lace peinlich. Ter ehemalige Vizeprä
sident hatte sich aus seinen doktrinä
ren und mit wirklichem Wissen nicht
sonderlich belasteten Anschauung?!
heraus dazu verleiten lassen, mit dem
kommunistischen Feuer zu spielen. Vor
einigen Monaten hat er sich von sei
ner roten Progressiven Partei losge
sagt, da er feilte Ansichten über Mas
kat: etwas revidiert hat. Aber die
Kommunisten Chinas hält er noch
immer für „Agrarreformer", und letz
te Woche wandte er sich mit einem per
sönlichen offenen Brief als „Farmer"
an Mao Tse-tung mit Vorschlägen
über die Herstellung des Friedens in
Asien. Und statt auf die beweglichen
Vorstellungen einzugeben, antwortet
„der chinesische Stalin" mit halftte
büchenen Anklagen und Bröhlingen
gegen die Ver. Staaten!
Das diplomatische Spiel
Henry Wallace ist nicht der einzige
amerikanische Politiker, der bei dem
Versuch, die Lage zu begreifen, in ei
ne Stimmung gerät, die den fahren
den Scholaren im „Faust" verzweifelt
ausrufen läßt: „Mir wird von alle
dem so dumm, als ging mir ein Mühl
rad im Kopf herum!" In Washing
ton hat man das asiatische Problem
seit Jahr und Tag so bodenlos ober
flächlich behandelt, daß ein wahrer
Rattenkönig von vorgefaßten Meinun
gen, Irrtümern und Dummheiten
herangewachsen ist. Tazu kommt, daß
sich im Völkerbund so viele Interessen
einander gegenüberstehen britische,
indische und französische vor allem -—,
daß es fast ein Wunder wäre, wenn
es in den Auseinandersetzungen über
Korea, Formosa usw. zu klaren Ent
scheidungen käme. Es wird vielleicht
zu einem Kompromiß kommen, in dem
Rußland die in Korea erlittene
Schlappe gegen weitgehende Einge
ständnisse einzuhandeln versuchen
wird.
Moskau war schon seit dem kom
numistischen Sieg in China viel da
ran gelegen, dem chinesischen Bun
desgenossen nicht allein die Mitglied
schaft im Völkerbund zu verschaffen
wo bis zur Stunde eine schwere An
klage National-China? gegen Ruß
land schwebt —, sondern auch die Aus
nahme als ständiges Mitglied im Si
cherheitsrat. Ter koreanische Krieg
hatte nicht zuletzt ben Zweck, einen
Truck auf die Vereinten Nationen
auszuüben, Moskaus asiatische Pläne
zu fördern und seine Stellung inner
halb des Völkerbundes zum Teil
mit der Veto-Stimme für das rote
China noch weiter zu verstärken.
Tie unerwartete Störung dieser Plä
ne ficht die Wischinskys und die
liks und ihren Herrn und Gebieter
im Kreml nicht an. Sie stellen sich an,
als bandelte es sich für sie in Korea
tatsächlich nur um einen „Bürger
krieg", an dem -sie nur als Sachwal
ter des Völkerrechts ein Interesse ha
ben. Sie werden ihren nordkoreani
schen Vasallen unbedenklich fallen las
sen und auf der wichtigen Halbinsel
den Vereinten Nationen bis aus
weiteres einen militärischen und
diplomatischen Sieg einräumen, wenn
sie im Austausch National-China aus
dem Völkerbund verdrängen, ihm den
letzten Stützpunkt, Formosa, abjagen
und Moskaus Macht in Asien festigen
körnten. Und es ist nicht ausgeschlos
sen. daß sie für solche Geschäfte „Ver
stäitdnis" und Entgegenkommen un
ter maßgebenden Völkerbunbabelega
ten finden werden!
Die neue Lage
Aber die Russen und auch westliche
Politiker, die solchem internationalem
Kubhandel geneigt sein mögen, über
sehen eine wichtige Kleinigkeit: Korea
mag von weit größerer Bedeutung
sein, als sich selbst angesichts des Sie
ges erkennen läßt. Rußland trieb mit
seiner Boykottierung des Völkerbunds
ein verwegenes Spiel und verlor!
Wäre Wischntsky oder Malik im Juni
in Lake Succeß gewesen, dann wäre
es nicht zum Einschreiten in Korea
gekommen weil sie dann ihr Veto
eingelegt hätten. Als Malik tin Au
gust wieder in Lake Succeß erschien,
war es dafür zu spät und alle nach
träglichen Proteste nützten nichts.
Wollte Rußland den Lauf der Tinge
ändern, dann blieb ihm nichts übrig,
als militärisch einzuschreiten. Aber
das entspricht nicht seinem Programm
es kämpft für feine Weltherr
schaftspläne bis zum letzten
Chinesen, zum letzten Koreaner, zum
letzten Ostdeutschen, zum letzten Po
len und Tschechen, Bulgaren und Ru
mänen. Aber feine eigene Kraft will
es nicht riskieren, da es, wenn nicht
vor Frankreich und England und dem
übrigen Europa, so doch vor Amerika
Respekt hat. Und weil wahrscheinlich
die gewaltigen russischen Errungen
schasten auf dem Gebiet der Atom
energie eine Fabel oder wenigstens
stark übertrieben sind!
So blieb der russische Siegeskarren
in Korea stecken, und es scheint bei
nahe, daß Rußland die erste schwere
Schlappe seit dem Weltkrieg erlebt
hat. Tie kann es durch keinen Kuh
Handel ausgleichen. Tie Völker haben
die Erfahrung gemacht, daß Rußland
nicht unüberwindlich ist. Und daß auf
die russische Freundschaft kein Verlaß
ist! Das hätte nach den bisherigen
Leistungen Moskaus schon vorher be­
w
Nr. 23
kannt sein können aber heute wissen
es Rußlands Gegner und Freunde
und Vasallen. Ob die Phrase „Gesicht
verlieren" heute im Orient die alte
Geltung noch bat, wissen wir nicht.
Aber es ist mit Sicherheit anzuneh
men, daß überall, wo man die Tinge
nüchtern verfolgt, Rußlands Ansehen
durch die koreanischen Vorgänge schwe
re Einbuße erlitten hat, und daß sich
die Furcht vor ihm mindert. In Mos
kau denkt man bei allem Größenwahn
realpolitisch, und es würde uns nicht
wundern, wenn der Kreml zwar eine
gewaltige Rückzugskanonade inszenie
ren, aber seine weltstrategischen Plä
ne umkrempeln würde.
Für den Westen ist es vor allem
geboten, auch seinerseits aus der
neuen Lage die Folgerungen zu zie
hen. Es märe ein Fehler, der ver
hängnisvolle Folgen haben könnte,
würde man sich auf einen chinesischen
Kuhhandel einlassen. Was geboten ift.
ist, daß sich der Westen großzügig auf
ein eigenes Programm einigt, ohne
immer nach Moskau zu fchielen, ein
Programm, das dem berechtigten
Ehrgeiz der asiatischen Völker entge
genkommt und das Europas Zuver
sicht itt die Zukunft stärkt. Tie soeben
vollzogene Aufnahme Indonesiens in
den Völkerbund, die veränderte Poli
tik Teutschland gegenüber und die
Verständigung der Atlantik-Pakt*
Staaten über die Verstärkung der
europäischen Wehrmacht waren in die
ser Hinsicht von guter Vorbedeutung.
Kommunistische Wühlereien
Mit all dem wollen wir durchaus
nicht rosarotem Optimismus das
Wort reden. In dem Rußland von
beute haben wir es mit einem dämo
nischen Gegner zu tun. Ob die Vor
gänge in Korea sich weiterhin für uns
günstig entwickeln oder ob Rußland
in Lake Succeß neue Erfolge ein
heimst, stets wird es sein Ziel der
Weltherrschaft int Auge behalten und
ihm mit allen Mitteln zustreben. Wir
haben erst letzte Woche wieder ausge
führt, wie der russische Intrigant im
mer an mehreren Fronten mobilisiert,
so daß matt nie wissen kann, wo er
den nächsten Schlag führen wird.
ist noch nicht einmal feststehend, ob der
Krieg in Korea trotz alledem eine
Finte mar, um andere Pläne zu ver
hüllen. Tarauf wird vielleicht erst der
15. Oktober Antwort geben, an dem
Moskaus Handlanger in Ost-Teutsch
land Wahlen veranstalten, die mög
licherweise das Vorspiel zu einem
neuen Putsch oder Putschversuch
bilden werden. Auch aus Wien kom
men beunruhigende Meldungen.
Jedenfalls wird man den Eindruck
nicht los, daß mit der zu erwartenden
Liquidierung der Korea-Episode die
Kommunisten das gefährliche Spiel
des Nervenkriegs anderwärts wieder
fortsetzen wollen, um die schwachen
Stellen der westlichen Verteidigung
zu erproben.
In Wien bedienen sie sich dabei der
Unbeliebtheit, die die von der Regie
rung geplante gleichzeitige Lohn- und
Preiserhöhung hervorgerufen hat in
West Teutschland ist es die Parole des
„nationalen Widerstands", und in
Berlin beuten sie die noch immer be
bäuerlich große Arbeitslosigkeit im
westlichen Teil der Stadt für ihre fin
steren Zwecke aus. deutsche und öster
reichische Kommunisten sowie deren
Anhänger dienen hierbei ebenso als
Propaganda Kanonenfutter, wie die
Nord .tiorentier als wirkliches Kano
nenfutter zum größeren Ruhme Mos
kaus ihr Leben lassen mußten.
Wir wissen, daß es oft beklazens
werte soziale Mißstände sind, die den
Kommunisten in den Ländern Euro
Pas Gelegenheit geben, im Trüben zu
fischen. Diese Mißstände in einer Wer
fe zu verbessern, daß den Kommuni
sten Wind aus den Segeln genommen
wird, sollte mindestens ebenso wichtig
und vordringlich sein, wie die jetzt
beschlossene Ausstellung einer west
europäischen Verteidigungsarmee.
Der eieg der Vereinten Nationen in
Korea muß als kräftige Propaganda
munition in Europa ausgewertet wer
ben, um Rußland weiter zu isolieren
und in seine Gefolgschaft einen Keil
zu treiben, so daß den Moskau'er Un
ruheparoleii bei der Masse der euro
päischen Völker immer weniger Ge
hör geschenkt wird.
Die Friedensstörungen in Wien
und ^West-Deutschland sind vielleicht
nur Symptome-in einem aus den Fu
gen geratenen Kontinent, vielleicht
aber auch der Beginn einer neuen rus
sischen Kampagne. Größte Aufmerk
samkeit ist geboten: die Westmächte
und die Vereinten Nationen sollten
sich die mit dem Sieg in Korea ge
tvonnene Initiative nicht wieder von
den Sowjets entwinden lassen!

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