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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, December 02, 1950, Ausgabe der 'Wanderer', Image 3

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I a e S o s
Der frischgefallene Schnee lag
auf Feld und Flur und machte auch
die menschenverbindenden Landstra
ßen schwer passierbar. Es war ein bit
terkalter Tag gegen Ende November.
Ein schneidender Nordost jagte übers
Land, rüttelte von
Dabei schauderte das Kind in sich
zusammen, seine großen, blauen
Augensterne schauten flehend zu dem
Vater aus, wie wenn sie Hilfe von rhm
heischen wollten.
Moduld, mein Kind," entgegnete
der Blinde, während er das Mädchen
fest an sich preßte, um ihm von der
Wärme des eigenen Körpers mitzu
teilen. „Bald sind wir in Pellheim und
werden uns wärmen können."
Ein tiefer Seufzer klang aus der
Brust des Armen herauf auf seinem
Gesicht lagerte ein Schmerz, der herz
zerreißend wirkte.
Was hatte er auch gelitten in den
letzten Jahren? Vor einiger Zeit hatte
er das Augenlicht verloren, das größte
natürliche Gut der Menschen: infolge
einer schweren Krankheit war ihm die
Sehkraft erloschen, so daß die ganze
Welt für ihn in Nacht, in tiefe, 'un
durchdringliche Nacht sich hüllte. In
dessen war sein Dasein noch immer er
träglich gewesen, solange sein gutes,
treues Weib um ihn her schalten und
walten konnte ihr unermüdlicher
Arm hatte ihm wenigstens die düste
ren Schatten von seiner Stirn ver
scheucht, die sich gar oft darauf lager
ten.
Aber das Schicksal hatte ihm auch
diesen Lebenstrost mißgönnt, lieber
große Arbeitsanstrengung hatte das
brave Weib aufs Krankenlager gewor
fen der Todesengel chatte wochenlang
die Schmerzensstätte umkreist, um mit
feinen schwarzen Fittichen endlich die
Kranke ganz zu bedecken und ins Jen
seits zu tragen.
Seit dieser Zeit war der blinde Gei
ger völlig trost- und hilflos, und er
wäre gewiß unter den grausamen
Schlägen des Geschickes zusammen
gebrochen, wenn ihn nicht der Gedanke
an sein Kind aufrechterhalten hätte.
Mit seiner alten Geige erspielte er
sich vor den Wohnungen der Menschen
sein karges Brot, und auch heute be
fand er sich wieder auf einem solchen
Brotgange.
„Vater," plauderte das Mädchen
zähneklappernd auf dem Weiterwege,
„Väterchen, meinst du nicht, daß die
liebe Mutter das Verlsprechen halten
wird, das sie uns kurz vor ihrem Tode
gegeben hat?"
„Welches Versprechen, mein Kind?"
„Du weißt es nicht mehr? Oh, mir
wird es niemals ans dem Sinn font
men, was Mütterchen damals tat und
sagte! Sie nahm deine und meine
Rechte in ihre Hände und lispelte mit
schwacher Stimme: ,Verzaget nicht,
der liebe Gott hilft schon und läßt
seine Kinder nicht im Stich. Ich will
Ihn bitten, recht herzlich bitten, euch
beizustehen, euch das Beste zu geben,
was euch widerfahren kann.'"
„Ja, ja, ich erinnere mich jetzt
wieder."'
Die Stimme des Geigers zitterte,
in seinem erloschenen Auge glänzte ei
ne Träne.
„Pellheim, Pellheim! Wir sind da!"
rief die Kleine plötzlich lebhaft und
zeigte mit den blaugefrorenen Finger
chen der Rechten auf das Städtchen,
das sich gerade vor den zwei Fußgän
gern aus einer Anzahl mäßiger Erd
evhebungen heraushob und mit seinen
dampfenden Schornsteinen einen woh
ligen Eindruck auf das durchfröstelte
Kind machen mußte. „Oh, nun werden
wir unS wärmen können, vielleicht
Das BeÜe
Zeitbild von Er i ch K rafft
Baum und Strauch
den Schnee los und trieb dann sein
tolles Spiel mit den eisigen Flocken.
Laut krächzend sausten ganze Scharen
von Roben durch die Lust, spähend
nach einem schneefreien Plätzchen, auf
das sie sich zur Futtevsuche niederlassen
könnten.
Auf der breiten Straße, die nach
dem kleinen Städtchen Pellheiw führt,
schritt ein ärmlich gekleidetes Men
schenpaar, offenbar Vater und Töch
terchen. Der Mann war blind und
trug in einem zerrissenen Futteral
eine alte Geige das Kind, das an sei
tier Seite ging und ihn sorgsam ge
leitete, mochte .zehn Jahre zählen.
Armut und Elend sprachen aus dem
ganzen Wesen der beiden: sie grinsten
aus den dünnen, vielfach geflickten
Kleidern wie aus den verhärmten,
Aeichen Zügen der Wanderer.
„Hu, wie kalt!" zitterte es eben von
den Lippen des kleinen Mädchens, als
ein heftiger Windstoß jäh über die
Straße fuhr und den zweien Schnee
und Eis gerade ins Gesicht jagte. „Ich
friere, Vater! Ach, es ist mir so -kalt,
so kalt."
gibt man uns auch etwas zu essen und
zu trinken!"
Mit der Lebhaftigkeit und dem be
weglichen Sinn, welcher der Kindes
seele eigen ist, war die Phantasie Gret
cheus so hieß das Geigerkind
rasch von den Abschiedsworten der
sterbenden Mutter abgeschweift und
Hatto sich den kommenden Dingen zu
gewandt. Es faßte den Vater an der
Hand und zog ühn rasch mit sich fort.
„Schnell, Vater, schnell," drängte
es, „daß wir ans Ziel kommen!"
In Pellheim erging es den armen
Geigersleuten nicht allzu gut. Zwar
erbarmte sich ihrer eine milde Seele
und nahm sie ins warme Zimmer auf,
wo eine Tasse heißen Kaffees und ein
Stücklein Brot die Ausgehungerten
erlabte, aber mit den Einnahmen für
das Geigenspiel wollte es nicht recht
ziehen. Vor manchen Häufern wurde
das Spiel des Blinden gar nicht ge
duldet, und die Inhaber anderer
Wohnungen spendeten nur karge Ga
ben. Mochte das Instrument des
armen Geigers noch so rührend kla
gen, mochten seine erloschenen Augen
und das Jammerbild der bittenden
Kleinen noch so sehr für das Elend der
Spielleute zeugen die Spenden
wollten nicht reichlich fließen. Einige
wenige Nickelmünzen, Pfennige,
Stücklein Brot und sonstige billige
Nahrungsmittel machten den ganzen
Evlös aus, den die beiden nach Durch
Wanderung des Ortes ihr eigen nen
neu konnten.
1
Müde, hungrig und niedergeschla
gen traten sie gegen Abend, nachdem
sie Pellheim ganz durchzogen hatten,
die Rückkehr an.
Das Wetter hatte sich nachmittags
geändert. Der tobende Wind hatte den
'Himmel blitz und blank gefegt, so daß
die eben untergehende Sonne in blut
rotem Glase vom tiefblauen Himmel
herniederschaute. Indessen wurde die
Kälte größer: die Strahlen der Ta
gesgestirns verbreiteten mehr Glanz
und Schimmer als Wärme, und als
sie im Westen verglommen waren und
der Mond mit seinem funkelnden
Sternengefolge am Himmel aufzog,
wurde die Temperatur geradezu eisig.
Der Atem gefror dem blinden Geiger
am Bart, und Gretchen zitterte am
ganzen Körper während des Gehens.
„Laß uns schneller gehen, mein
Kind," mahnte der Vater „schnelles
Gehen macht warm und bringt uns
obendrein rascher nachbaute."
Sie verdoppelten ihre Schritte.
Allein, mit dem Erwärmen durch den
eilenden Gang war es eine eigene
Sache. Ohne genügende und kräftige
Stärkung und den ganzen Tag über
schon der Kälte ausgesetzt, entbehrte
auch das Blut der nötigen Anregung
und wollte nicht erwärmend durch die
Adern der beiden fließen.
Gretchen fühlte sich immer mehr er
starren ihr Händchen lag eiskalt in
der Rechten des Vaters, ihr schwacher
Körper wurde fort und fort von Kälte
schauern durchzuckt.
Dem blinden Geiger wollte das
Herz vor Mitleid brechen er empfand
die eigene Kälte nicht, die ihm Mark
und Bein zu vereisen drohte. Er dachte
nur an sein frierendes Kind.
„Nimm dir mein Halstuch, Gret
chen," flüsterte er der Kleinen zu
„binde es von meinem Hälfe ab und
schlinge es um den deinigen."
Er hielt an und streckte dem Kinde
den Nacken entgegen, um den ein arm
seliges Wolltuch geschlungen war.
Gretchen willfahrte seinem Wun
fche. Aber ihrem Frieren war hier
durch nicht abgeholfen. Ihr kleiner
Körper wurde starrer und starrer und
damit müder. Das Weiterkommen fiel
ihr schwer. Das Kind klagte nicht
lautlos schritt es dahin. Die Glieder
wurden ihm schlaff, nur das Auge ver
größerte sich und starrte wie gebannt
zum Himmel auf.
Die tiefe Stille des Töchterchens be
unruhigte den Geiger. „Gretchen,"
rief er dasselbe an, „du sprichst ja
nichts!"
„Ich betrachte die Sterne," kam es
ihm mit eigenartig klingender Stim
me zurück.
„Sterne? Was suchst du denn bei
den Sternen?"
„Ich denk' mir, bei den Sternen ist
der Himmel, also auch meine liebe
Mutter."
„So, so."
„Und da Hab' ich im stillen den
Sternlein gesagt, sie möchten doch
meine Mutter an ihr Versprechen er
innerti."
„Recht so, mein Kind."
„Wenn die Mutter es nur auch hal
ten mochte, was sie uns gelobte!"
In stiller Andacht knien.
An ihrem Grab, wo glücklich
In Gott sie nunmehr ruht,
Der Engel meiner Kindheit,
So ging es noch eine Weile fort.
Die Kälte steigerte sich, der Schnee
krachte unter den Füßen der beiden,
wie wenn Eisstücke krachen. Mit einem
Male hielt Gretchen an.
„Ich kann nicht mehr weiter, Va
ter," flüsterten ihre Lippen. „Ich bin
müde, o so müde! Wir wollen ein
wenig ausruhen."
„Ausruhen, Gretchen? Gerechter
Gott, das geht nicht. Wenn wir uns
niedersetzen, erfrieren wir."
Das Kind erwiderte nichts, es
schleppte sich, vom Vater halb fort
gezogen, noch ein paar Schritte vor
wärts. Dann aber knickte es in sich zu
sammen und hing wie ein toter Körper
im Arme des Vaters. Diesen packte ein
jähes Entsetzen. Er ließ die Geige auf
die Erde fallen und riß das Kind an
feine Brust.
„Gretchen, ©retchen!" rief er in
heller Verzweiflung. „Was ist dir?
Du regst dich nicht, du sagst nichts?"
„Müde, müde," erwiderte sie ton
los. „Ruhen, schlafen."
Regungslos lag das Kind in des
Vaters Armen. Dieser machte noch ein
paar Schritte vorwärts, fühlte aber
bald, daß er ohne Führer schlecht wei
terkomme. Er tastete sich deshalb an
den Rand der Straße und ließ sich mit
der teueren Last auf den hartgefrore
nen, beschneiten Boden nieder.
„Ein bißchen Ruhe stellt sie viel
leicht wieder her," murmelten feine
Lippen. „Ich will ihre Hände und ihr
Gesicht etwas reiben und sie so erwär
men."
Er tat es. In tödlicher Angst suchte
er dem Kinde die nötige Körperwärme
mitzuteilen, ja, er zog den eigenen,
fadenscheinigen Rock vom Leibe und
hüllte das Töchterchen hinein.
Dasselbe kam auch für einige
Augenblicke wieder zu sich. Es schlug
die großen Augen auf, die ihm vor
hin vor Kälte und Elend zugefallen
waren, und sagte: „Vater, Voter, die
terne, sie die Sterne!"
„Laß die Sterne, mein Kind. Gott
sei Dank, daß du wieder munter bist.
Hilf mir auf, wir müssen gehen!"
Herr Dr Johannes Eckart, Vor
sitzender des Vereins zur Abhaltung
wissenschaftlicher Vorträge in der
Haupt- und Residenzstaidt des Landes,
war noch einmal in den Odeons-Saal
gekommen, um zu sehen, ob alle Vor
bereitungen für den heutigen Abend
vortrag in guter Ordnung getroffen
feien. Er fand nichts auszusetzen. Der
Raum war gut gelüftet und wohlig
durchwärmt, die uniformierten Saal
diener standen bereit, und er gab
ihnen noch einige Weisungen. Der
Vortrag würde pünktlich beginnen,
und auf ein Zeichen, das er ihnen
geben würde, feien die Saaltüren zu
schließen, und dann könne niemand
mehr der Eintritt gestattet werden.
Der Redner des heutigen Abends
war ein berühmter Hochschullehrer,
dem man ohne Störung lauschen
sollte. Er hatte sich das Thema ge
wählt: Jenseitsglaube, Spiritismus
und Wissenschaft. Die Frage lag ja in
der Luft. Der Krieg hatte sie in joden
Denkenden hineingeworfen. Die spiri
tistischen Zirkel der Hauptstadt mehr-
omo wAM«ir**uOT
Die Mutter, fromm und gut.
Hier also ruht die Teure!
O wüßte sie mich so nah!
So dachte ich tief ergriffe«
Als ich den Grabstein sah.
Am Grube der Mutter
Die Sehnsucht zog mich heute
Zum Gottesacker hin.
Ich durste an ihrem Grabe
Manch Bild ans goldner Jugend,
Erlebt an ihrer Hand,
Das treulich ich bewahrte,
Mir vor der Seele stand.
Dann kniete ich hin zu beten
Nach heiliger Kindespflicht:
Laß leuchten ihr im Himmel,
Gott, das ewige Licht!
Sie blieb Dir treu hienieden
In Liebe und Vertrauen.
Run laß im Himmel droben
Sie Deine Schönheit schan'n.
Hilf mir, wie sie mich lehrte,
Im Kampfe treu zu steh'n.
Will einst in Deinem Reiche
„Oh, das wird sie schon."
„Ich glaub' auch denn Mütterchen
war immer so gut und hat niemals
gelogen."
Der Blinde atmete schwer auch
ihm wurde das Gehen bereits sehr
mühsam. Gretchen aber schleppte sich
nur mit dem Aufgebot ihrer letzten
Kräfte vorwärts.
„Gehen? O nein, ich kann nicht
mehr gehen. Ich muß schlafen! Wie die
Sternlein funkeln und blitzen! Ja, ja,
ich weiß, was sie wollen. Sie sagen
mir, dcch sie meine Bitte dem lieben
Mütterlein mitgeteilt hätten."
„Kind, Kind, was fabulierst du?"
„via, ja, nun wird uns geholfen,
mm gibt uns der liebe Gott das Beste,
was uns widerfahren kann Er schlägt
dem Mütter lein gewiß die Bitte
nicht ab."
Utti) mit einem Ruck riß sich Gret
chen aus den umschlingenden Armen
des Vaters los und warf sich aus die
Knie: das letzte Aufflackern des Le
benS verlieh ihr die Kraft dazu. Sie
rang die Arme zum Himmel empor
und stieß mit heilerer Stimme her
aus „Mutter, Mütterchen, das Beste,
das Beste! Der liebe Gott
gibt sicher das Beste! Doch
nun schlafen schla fen!
Jäh fiel das Kind nach diesen Wor
ten neben den Vater zurück. Dieser
umschlang es abermals mit den Ar
men und preßte es an sich. Er rief ihm
die süßesten Laute zu, er bat und be
schwor es, aufzuwachen vergebens:
Gretchen regte und bewegte sich nicht
mehr.
Und auch des Blinden Stimme
wurde nun leiser und leiser, sein
Schluchzen und Weinen ging bald in
imhörbarcs Wimmern über und ver
stummte dann gänzlich. Tie Lider san
ken matt auf die toten Augen und zuck
ten nicht mehr.
Die Sterne gleißten und funkelten
metter, ein Sternschnuppe fiel strah
lend herab. War es ein Engel Gottes,
der die zwei armen Menschenkinder,
die leblos am Wegrande lagen, auf
Geheiß der göttlichen Gnade zu den
Gefilden der Seligen emporholen
sollte?
Äls am nächsten Morgen in aller
Frühe der Postwagen, der von Pell
beim in die nächstliegenden Dörfer
fährt, an der Unglücksstätte vorbei
fuhr, fand der Kutscher den blinden
Geiger und sein Kind starr und erfro
ren daliegen. Ihre Gesichter waren
unverzerrt und ruhig sie schienen zu
schlafen.
Allein, keine Macht der Welt konnte
sie aus diesem Schlafe wieder aufrüt
teln sie waren zu Frau und.Mutter
geeilt, sie haben das Beste erhalten
vom lieben Gott, was ihnen zustoßen
konnte.
ten sich und zogen viele an sich, die
hier eine Antwort von „da drüben"
zu bekommen hofften auf Fragen, die
wie trübgeweinte 'Augen durch nächt
liches Dunkel sehen. Es war nicht zu
verwundern, daß schon seit Tagen alle
Plätze des großen Odeons-Saales
ausverkauft waren.
Herr Dr. Johannes Eckart hatte an
dem Thema selber ein tiefes Interesse.
Der Krieg hatte ihm zwei Söhne ge
nommen und damit eigentlich seine
Lebensfreude gebrochen. Die war schon
zuvor nicht mehr sehr groß. Johannes
Eckart hatte mancherlei bittere Er
fahrungen machen müssen in seinem
Leben. Er wollte ursprünglich Theo
logie studieren, da zwang ihn ein ern
stes Knieleiden zur Aenderung feines
Berufes. Er studierte klassische Philo
logie und durchlief dann die verschie
denen Stufen von unten nach oben.
Da überwarf er sich eines Tages mit
seinem Chef, einem Gymnasialrektor,
dessen überragender Willensgewalt
sich Johannes Eckart, in der Fpage
einer Schülerversetzung nicht beugte.
Die Sache mußte schließlich der höch
sten Stelle zur Entscheidung vorgelegt
werden und Johannes Eckart muß
te sich fügen. Er schrieb in einer un
glücklichen Stunde einen gereizten
Brief an den Referenten im Ministe
rium und von jener Zeit an war
tete er vergebens auf feine Beförde
rung. Ein guter Freund suchte ihn zu
überzeugen, daß er im Unrecht sei
Johannes Eckart glaubte es nicht und
zog sich von seinen Kollegen in sein
Familienleben zurück. Dort fand er
Glück genug, in feinen philosophischen
Lieblingsstudien Frieden genug, in
der Gesellschaft, deren Vorsitzender er
war. auch ein Stücklein Ehre bis
ihm der Krieg sein Glück und seinen
Frieden nahm
Johannes Eckart zog im Augen
blicke seine goldene Uhr. Es war noch
eine gute Stunde Zeit bis zum Be
ginn des Vortrags. Und so beschloß er,
in einem anstoßenden kleinen Klub
zimmer zu warten, denn seine Woh
nuttg lag zu weit entfernt, als daß es
sich gelohnt hätte, sie noch vor dem
Vortrage aufzusuchen. Er fand auf
dem Tische vor dem dunkelbraunen
Lsdersofa das Programm der letzten
Odeons Versa inmlung liegen. Johan
nes Eckart griff zum Zwicker und las.
„Futuristische Musik" stand auf dem
mit futuristischen Zeichnungen bedeck
ten, mattglänzenden Blatt. Johannes
ärgerte sich ein wenig, daß ihm der
Vortrag entgangen war, denn er hatte
viel Freude au der Musik, und die
ä'fthetisch-philosophischen Ausführun
gen, von denen das Programm tagte,
hätten ihn sehr berührt. Er lehnte das
schon 'leicht ergraute Haupt zurück an
das Lederpolster und sann darüber
nach, was der Vortragende seiner Zu
hörerschaft wohl gesagt haben mochte.
Aber weil ihm das helle Licht der
sieben Glühbirnen an dem glänzenden
Messingliister störte, drehte er alle
Lichter ab bis auf eines es fiel ihm
leichter so, sich seinen Gedanken zu
überlassen.
Johannes Eckart dachte sich lebhast
in das hinein, was der Redner wohl
vorgetragen haben mochte, in die
musikalischen Erläuterungen und No
tenbeispiele, die er gewiß gegeben
hatte, daß er auf einmal ein Singen
und Klingen rings um sich hörte.
Diese Musik war von ganz anderer
Art, als er sie je in seinem Leben ver
nommen hatte. Das ging noch weit
über die Modernsten unter den Mo
dernen und über alle Zukunftsstürmer
hinaus, die er kannte. Ach das
war die futuristische Musik! Und jetzt
sah Johannes, daß er sich im großen
Odeons-Saales befand. In einer der
mittleren Sitzreihen hatte er feinen
Platz. Er konnte ganz deutlich den
Vortragenden auf dem Podium sehen
auf einem Dreh stuhl an seinem
Instrument sitzend, so daß es ihm
möglich war, gleich rasch den Zu
hörern und dem Instrument sich zu
zuwenden. wenn er dieses brauchte,
um seine Theorien an Beispielen dar
zutun. Das Instrument war ganz
eigener Art: ein mattgebeizteS, tief
schnarze£ Gehäuse, halbrund gebaut
und an stelle der Tasten mit verschie
den gefärbten Druckkiiöpfen versehen.
Johannes Eckart wollte sich leicht vor
beugen, um das ihm gänzlich neue
Instrument genauer sehen zu können,
dessen schwarzer Umbau auch nicht das
geringste von seinem Innern verriet.
Aber da stand der Künstler auf, ein
schlanker, tiefbloffer Mann mit leicht
gewelltem Haar, und verdeckte ihm das
Jnfinmicnt. Und der Künstler sprach:
er müsse jetzt schließen, denn feine Zeit
sei vorüber, und er müsse den Platz
dem Redner überlassen. „Herr Pro
fessor Geheim rat Dr. von Meister!"
rief der bleiche Mann in den Saal,
als wolle er den nach ihm Kommenden
den Zuhörern da unten vorstellen.
Als jedoch der Künstler jenen Na
men gerufen hatte, da ging es wie ein
leiser Aufschrei maßlosen Erstaunens
durch den Saal. Ein Professor Mei
ster Der-war einmal! Der hatte
einmal hier an der Universität der
Landeshauptstadt gelebt und gelehrt
aber der war doch schon lange tot.
Auf dem weiten grünen Rasenplatz vor
dem Universitätsgebäude stand sein
Erzdenkmai aber er konnte doch
nicht mehr aus dem Jenseits herüber»
kommen und zu den Lebenden reden.
Aus dem Jenseits, dessen Dasein er in
feinen Vorlesungen dereinst immer ge
leugnet hatte. Gewaltige Kämpfe hat
ten sich um den Mann einmal ent
sponnen, denn sein Einfluß war un
geheuer groß und je nach den An
sichten seiner 'Freunde und feiner
Feinde sagte man ihm unendlichen
Segen oder furchtbaren Unfegen nach.
Nur eines rühmten von ihm alle:
feine vornehme Art. Und nur von
einem seiner Sätze sagten seine Feinde,
es sei sein bester, und seine Freunde,
es sei sein schlechtester gewesen. Den
Satz hatte er als letztes Wort seiner
Abschiedsvorlösung gesprochen ... als
„letztes Wort seiner gesamten Lebens­
arbeit", wie er damals gesagt hatte.
Der Satz hatte gelautet: „Meine Da
men und Herren! Ein Menschenleben
und seine unermüdlich tätige 5h:erst
habe ich darangesetzt, den Jenseits
Glauben als eine tragische Illusion der
Menschheit zu erweisen. Ich gehe jetzt
aber ich trete ab mit den Worten:
Vielleicht ist meine letzte Erkenntnis
doch nur eine vorletzte gewesen."
Noch hatte Johannes Eckart im Ohr
den Klang des Namens, den der
Künstler in den Saal gerufen hatte:
„Herr Professor Geheim rat Dr. Mei
ster" ... da stand der Angekündigte
schon vor der Zuhörerschaft auf dem
Podium
Johannes Eckart war es, als hätte
ihn eine Eis hand berührt. Er ver
mochte einen Augenblick das Haupt
nicht mehr zu bewegen, sein Blick
starrte wie in hypnotischer Ekstase aus
den Toten, der da wiedergekehrt war,
um zu den Lebenden zu reden, seine
Kehle brannte wie von einem inneren
Feuer. Mit einer mühevollen Anstren
gung zwang er dann die Halsmuskeln
in den Dienst seines Willens und
wandte den Kopf nach rückwärts zu
den Menschen hin, die mit ihm im
Saale anwesend waren. Sie saßen alle
wie versteinert auf ihren Plätzen. Man
merkte es ihren mitten im Zucken er
starrten Händen an, daß sie abweh
rende Bewegungen hatten machen
wollen aber es war ihnen nicht ge
lungen. Ihre Augen hatten sich schlie
ßen wollen aber sie mußten offen
bleiben, mußten aus geisterhaft blei
chen Gesichtern hiuftarren auf den
Toten, auf den aus dem Jenseits
wiedergekehrten Menschen, der da vor
ihnen stand.
Er trug einen schwarzen Talar, wie
ihn die Professoren bei feierlichen An
lassen tragen aber es war etwas
Unwirkliches, Schemenhaftes an dem
Gemaitde, das die Geftatt auf dem
Podium umgab. Die eine Hand, bleich
wie weingelbes Wachs, hielt das Ba
rett vor der Brust, die andere hing
völlig leblos mit Körper hernieder
wenn unter' diesen bald verwehenden
Stoffschleiern sich überhaupt ein Kör
per verbarg. So bleich wie die Hände
war das Angesicht und dessen
Augen blieben geschlossen, so daß man,
wäre nicht das melierte Haar gewesen,
glauben konnte, einen antiken Mar
murkopf vor sich zu sehen.
Und nun öffneten sich die Mutleeren
Lippen dieses Mundes zum Reden.
Johannes Eckart meinte, das Herz
müsse ihm stillstehen. Ihm war, als
hörte er in der furchtbaren Stille des
Saales alle die goldenen und silbernen
Uhren ticken, die die Menschen tru
gen aber dann hörte er auch das
nicht mehr die Zeit schien ausgetrun
ken zu sein von der Ewigkeit, und die
jetzt eingetretene Stille schien eine
eisige, eine förmlich erstarrte und ge
frorene Stille zu fein, in deren eis
klarer Helligkeit ein jeder die Mut«
losen Lippen des Toten so genau sah,
als wären sie unmittelbar vor seinem
Auge und in nächster Nähe seines Ge
sichts.
Jetzt ja, jetzt fing der Tote zu
sprechen an. Ganz leicht hob er die her
abhängende Hand, ganz leise hob er
das_ bleiche Haupt, als tauche sein
Wesen ans tiefen Träumen empor
aber die Augen hielt er geschlossen.
Und er sprach: „„Meine Brüder
und Schwestern!" („Seltsam!" dachte
Johannes Eckart, ober dann erinnerte
er sich sofort daran, daß es in dem
Lande, aus dem der Tote kam, keine
Damen und Herren mehr gibt.)
„Meine Brüder und Schwestern?"
fprach der Tote. „Die letzte Erkennt
nis, die ich dereinst das Ergebnis mei
ner Lebensarbeit nennen zu können
glaubte, ist nur eine vorletzte Erkennt
nis gewesen, und (jetzt hob sich die
dunkle, wie mit Sordinen gedämpfte,
leise Stimme um einen ivaibton, was
ihr einen erschütternd tragischen Klang
gab) es gibt ein Jenseits."
Ganz langsam sprach der Tote die
vier Worte: „Es .. gibt.
seits.
Lie heiligen
ein Jen-
(Fortsetzung folgt)
Verge
In der Biblischen Geschichte werden
folgende heilige Berge genannt: Der
Berg Karin ei, geheiligt durch den
Propheten Elias, der hier lebte und
für den ersten Einsiedler galt der
Berg Ararat, auf dem nach der Sint
flut die Arche sich niederließ der
Horeb, auf dem Gott im brennenden
Dornbusch dem Moses erschien der
Sinai, auf dem Gott das Gefetz gab
der Nelio, auf dem Moses starb der
Berg Sion, auf dem die Burg Da
vids stand der Berg Moria, auf dem
Salomon den Tempel baute der
Tabor, aus dem Christus verklärt
wurde der Oelberg, auf dem der Herr
Seine Leiden begann und gen Him
mel fuhr Golgathq, ^heilige Berg
des Kreuzes CIHristi.

2 i e E u n e s V e
s e e n s e u e
A I I E K E I S
Bon P, Francis Borgia Steck, O.F. M., Ph. D.
Die Mutter wiedersehen!
Äenteitsgruhe
Von Dr. I. Klng

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