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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, January 27, 1951, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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(Fortsetzung)
Stoib schmücken sich die Wände her
einzelnen Gemächer mit Kränzen von
Alntenvausch, und mächtige Sträuße
von Edelweiß. Speik und Enzian
stehen an «den Fenstern.
„'s ist eine helle Pracht/ lobt eine
frische Dirne ihr eigenes Werk.
„Wenn ich Pfarrer wäre uni ihr
Mädeln ziertet mir mein Haus so blu
menprächtig, ich hielt euch eine toutv
derschöne Dankrede."
„Geh'/ lachte eine andere, „was
sagtest du denn zu uns
„Jungfrauen," würde ich sagen,
„ihr habt eure Sache wunderschön, ge
macht, so schön wie die Engel im Hmt
mel."
„Tus ist doch zuviel!" meinte eine.
„Nein, das ist gar nicht zuviel ge
sagt," gab die Rednerin zurück.
..Nun weiter!"
„Ja ja, jetzt weiß ich nichts
mehr!"
Ein schallendes Gelächter erfüllte
die Stube, das- alber plötzlich aufhörte,
als die Nachtigall in dieselbe trat. Sie
trug an ihrem Arm einen großen run
den Kranz von so außerordentlicher
Schönheit, daß alle Mädchen sich in
neidloser Bewunderung herzu dräng
ten. Es waren die gewöhnlichen Blu
men, wie sie auf Berg und Tal sich
finden, allein so zart geordnet und mit
Moos und seinem Graswerk, mit Efeu
und Immergrün so künstlich durch
flochten, daß alle übrigen Kränze da
gegen schwer und Angefällig aus
sahen.
„Und den Kranz hast du gewun
den?" riefen die Mädchen bewun
dernd.
„Et freilich!" lachte die Nachtigall
herzlich. „Gefällt er euch? Schau, das
freut mich dann gefällt er gewiß dem
Pfarrherrn auch. Aber jetzt wohin da
mit?"
„Hierher!" bestimmte eine Dirne.
„Dem schönsten Kranz gehört auch der
beste Platz. So, Mädeln, da hängt er
prächtig, 's ist nur schade, daß die
armen Blümerln mit der Zeit verwel
ken. Du, Trine, weißt, wenn ich Hoch'
zeit habe, dann mußt du mir meinen
Ehreitfraiy binden. Ich mag keinen
von Papierblumen. Und wenn du
Hochzeit hast, Nachtigall, dann sollst
du den schönsten Kranz haben, den ich
mein Lebtag gebunden habe. 'Ist's
recht so? Schlag' nur frisch ein!"
„Ja, ja," sagte die Nachtigall weh
mütig «lächelnd. „Tu sollst deinen
Kranz voir mir haben. Aber für mich
nein, für mich brauchst du keinen
zu binden, außer meinen Jungfrauen
kranz ins Grab."
„Pfui, Nachtigall, wer wird vom
Grab rddeit?" tadelte die andere mit
strenger Miene. „Du bist ein bildsau
beres, kreuzbraves Mädel, und wenn
ich ein Bursche wäre, ich möchte gar
keine andere heiraten als
Die Nächtig slL
8 s K z e e s
!dte
prächtige
Nachtigall."
„Tos Mädel aus der Fremde, ohne
Heim unit ohne Geld," setzte Trine mit
Nachdruck bei.
Bei diesen Worten trat der Weid
hofer-Sohn in die Stube, ohne daß
Trine und die übrigen Mädchen es be
merkten.
„Das wäre mir just gleich. Du bist
ein Golimtädcl wie kein zweites, nur
bist 'du manchmal so eigen wild wie
eine Hummel."
„Bin auch nicht mehr wild wie eine
Hummel, 's ist auch damit zu Ende!"
„Geh. dann hast du schier gar kei
nen Fehler an dir! Trinerl, komm,
tanzen wir eines!"
Als die Dirne sich umdrehte, be
merkte sie den Isidor, der nachdenklich
an dem Türpfosten lehnte.
„He du," rief sie, „was willst du
da?"
„Nichts!" war die kurze Antwort.
„Das kannst du haben, du müder
Bud!" spottete die Dirne und drehte
ihm den Rücken. Doch plötzlich kehrte
sie sich gegen ihn, stemmte die Arme
in die Hüften und sagte, sich gegen
den Burschen vorneigend: „Bist viel
leicht schon länger da?"
„Nicht gar lange."
„Und hast etwa gehört, was die
Nachtigall und ich geredet haben?"
»A$a.
„So? Hm! Ist mir ganz recht!"
„Mir auch."
Isidor trat bei diesen Worten in die
Stube, ohne die Mädchen zu grüßen.
Er sah nach rechts und links auf die
Kränze, dann blieb er vor dem der
Nachtigall stehen, sah ihn lange an
und sagte: „Der ist der schönste."
„Den hat die Nachtigall gebunden!"
riefen die Dirnen.
Isidor wendete sich nach dieser und
sah ihr lange und fest ins- Gesicht
doch war sein Blick nicht 'hart und keck,
sondern weich und fast feucht ver
schleiert.
„Brav, Nachtigall!" sagte er. „Du
hast von uns allen das Schönste ge
macht. Schau, das freut mich."
Und ging aus der Stube.
Trine war feuerrot im Gesicht, und
ihr Auge suchte den Boden.
„Was 'hast du denn?" fragte ihre
Nachbarin.
„Ah mein, nichts!" «gab sie schnell
zurück. ..Ich 'brauch* fein Lob von
einem Burschen, und vom Isidor
schon gar nicht!"
„Hummel, Hummel!", sprach die
andere und hob warnend den Zeige
finger empor.
Die Nachtigall aber fuhr sich mit
der Schürze übers Gesicht, lachte herz
lich und sang in perlenden Tönen
einen Jodler, als stünde sie hoch oben
auf der Alm und läge rings um sie
lauschend Berg und Tal und Wald
und Fels.
Es war Mittag geworden und dann
Abend. Die Gluten des heißen Som
mertages fühlte ein erfrischender
Windhauch, der von den fernen Glet
sdiern über 'die Bergspitzen her wehte.
Die Schatten wuchsen länger nach dem
Tal und über dieses an der anderen
Bergseite wieder hinauf, und die
Höhenzüge glühten in jenem warmen,
rosigen Licht, das' der scheidenden
Sonne flüchtiger Kuß über die Erde
haucht.
Das ganze Dorf prangte längst in
vollem Festschmuck, und an den einzel
nen Triumphbögen stehen ungedul
dige Gruppen von Kindern in Fest
kleidern, einander befragend, warum
denn das neue Pfarrhcrrle gar so
lange ausbleibe. „Wird halt schlechte
Gäul' haben", meint der Bube eines
reichen Bauers, während ein Mäd
cheit gar der Ansicht ist, „Es, wird ihm
nicht pressieren".
Tie Burschen lehnen am Wirts
hause herum, ihre kurzen Pfeifen rau
chend und zuweilen einen begehrenden
Blick durch die Fenster in die Wirts
stube werfend, wo die hausgesessenen
Männer beim Bierkrug sich die Zeit
verkürzen und mit dem Schulmeister,
der sich auch in Glanz und Herrlich
feit gekleidet hat. vertraulich plau
dernd. Die Mädchen 'des Torfes aber
gehen kichernd Ann in Arm die Gasse
auf und ab wahrlich keine Rosen
ohne Dornen, denn ihre Zungen sprü
hen -Mutwillen und neckende Rede, be
fonders wenn sie an den Burschen am
Wirtshause vorüberkommen und ihnen
zurufen: „Ist das Bier gut, Buben?"
Ein dröhnender Böllerschuß. Drü
ben auf:der Anhöhe hinter der Kirche
schlängelt sich der Pulverrauch in
einer gekräuselten Säule in die un
bewegte Abendluft empor. Allseitiges
Drängen und Hasten! Die Kinder lau
fen zu dem Ehrenbogen, der am Ein
gang des Torfes errichtet ist, und hin
ter ihnen pustet der Schulmeister ein
her, eilte jener schlichten, treuherzigen
Gestalten, wie wir sie unter den älte
ren Dorflehrern so oft zu unserer
Freude antreffen. Die Mädchen
schmiegen sich fest aneinander und
spähen mit vorgebeugtem Körper nach
der Landstraße aus. Die Erwartung
ist so groß, daß selbst sie für einen
Augenblick vergessen, daß sie eine
Zunge haben. Die Burschen sind die
Ruhigsten. Langsam klopfen sie die
Pfeifen aus und stecken selbe in die
Seitentasche des Wamses, während die
Behörden der Gemeinde, vorn Bürger
meister bis zum Flurwächter, würde
voll wie wahre Väter der Stadt, gar
bedächtig die Torfgasse hinabgehen,
um bei der Ehrenpforte Ausstellung
zu nehmen.
Lautlose Stille, nur von den An
höhen dröhnte in immer schnellerer
Aufeinanderfolge Schuß auf Schuß.
Der Wagen, reich mit Blumen be
kränzt, von müden, schwerfälligen
Pferden gezogen, kommt immer näher,
und nmt hält er an der Ehrenpforte.
Tie Bauern schieben sich eng zusam
men. und die Hälfe strecken sich, um
den aussteigenden neuen Pfarrer ge
nau zu beschauen.
,.O je. 's Herrle ist klein," flüstert
des Weidhafers Rosl und schaut un
zufrieden auf den neuen Seelsorger,
indes sich ihre Lippen krausen und ihr
Blick verdüstert.
Tie Dirne hat recht. Der neue Pfar
rer tft ein kleiner Mann, dazu seine
Gestalt etwas nach vorne gebeugt,
was ihn nach kleiner erscheinen läßt
aber aus seinem Antlitz strahlt eine
herzgewinnende Milde, sein Auge
blickt fest und weich zugleich, die ge
schlüsselten Lippen verraten Energie
ohne Härte.
„Sepp, der ist der Rechte!" flüstert
ein alter Bauer feinem Nachbarn zu,
ohne sein prüfendes Auge vorn Pfar
rer abzuwenden.
„Meinst?" gab »Sepp leise zurück.
„Denk' an mich," bestätigte der
andere stolz, „und wenn ich etwas
sage, so klappt es. Der der Rechte
für im» Steuern, schneidig unfo doch
seelengut. Schau ihm nur ins Gesicht
mußt ihn ja gern haben auf den ersten
Mick."
„Soll mir recht fän ein tüchtiger
Pfarrer tft wie heller Sonnenschein,
so lieb und freundlich und wohltuend.
Wenn deine Rede wahr ist, dann freut
mich alles der Welt wieder dop
pelt."
„Vetter, Verlatz dich auf mich!"
Der Bauer sprach diese Worte mit
stolzer Gewißheit und drängte sich
dann unter die Menge, um gleich den
anderen dem neuen Seelsorger in
biederer Treuherzigfeit die Hand zu
drücken.
Der Festzug bewegte sich nach der
Kirche. Dort legte der Pfarrer die
priesterlichen Gewänder an und sprach,
ehe er seiner neuen Herde zum ersten
mal den'Segen erteilte, warnte Worte
des Grußes und freundliche Mah
nung, im Frieden mit ihm zu leben,
wie ja auch er seiner Gemeinde ein
Herz voll Liebe und Frieden entgegen
bringe. Wo er Gutes finde, wolle er
sich dessen freuen und es pflegen ju
weiterem g"tem Gedeihen, und sähe er
einmal eine Wunde, so wolle er sie
mit liebender Geduld heilen. Was
Gott schicke, wollten sie gemeinsam
tragen sei es Leid oder Freude, so
sollten sie vom frommen Beten nicht
ablassen, denn im Glück brauche der
Mensch feinett Herrgott fast noch mehr
als im Unglück. Das alles flang in
dem Herzen eines jeden wie frohes
Friedensgeläute, und als der Pfarr
herr den Segen sprach, war nicht ein
Herz, das nicht voll und ehrlich mit
betete, Gott möge Ja und Amen dazu
sagen.
„Sei 'halt gern da," meinte der
Bürgermeister mit •einem ängstlichen
Seitenblick auf to baufällige Haus.
„Mußt halt denken, daß wir Bergler
gute Herzen und schlechte Häufer
haben, aber deswegen doch kreuzbrav
und gut christlich sind. Und das ist die
Hauptsach'! Und jetzt nochmal: grüß'
dich Gott, Pfarrer!"
Nachdem matt voneinander Abschied
genommen, gingen die Frauen und
Mädchen nachhaufe, um die notwen
digsten Arbeiten in Küche und Stall
zu tun, indes die Männer und Bur
schen in hellen Hausen nach dent
Wirtshairse drängten, denn heute war
ein guter Trunk dreimal verdient. So
meinten nämlich die Bauern und sie
konnten recht haben.
In der niederen, langgestreckten
Wirtsstube herrschte bald reges Leben.
Tic hausgesessenen Männer schoben
und drängten sich an besonderen Ti
schen zusammen, und an anderen die
ledigen Bauernsöhne und Knechte.
Die kurzen Pfeifen wurden aus den
Wämsern gezogen, frisch gestopft und
angezündet, indes die Kellnerin und
die Wirtin ganze Reihen von Maß
krügen auf die Tische stellten.
„Wohl bekomm's, Buben!" sprach
die Kellnerin, ein frisches Mädchen
aus dem Tal. „Werdet Durst haben."
„Ten Hab' ich alleweil!" lachte ein
stämmiger Bursche.
„Mehr Durst als Geld," spottete das
Mädchen.
„Was tut's," gab der Bursche
achselzuckend zurück. „Zum Heiraten
komme ich doch nicht. Mich nuig kein
Mädel als 'du, und dich mag ich nicht.
Schau, so bleib' ich ledig und gebe
utein Geld dem Wirt. Tut auch gut!"
Die Burschen lachten das Mädchen
aber warf dem kecken Sprecher einen
Blick voll Unmut und Geringsckiätzung
zu und ging nach der anderen Seite
der 8tube.
Während es bei den Bauern ziem
lich ruhig herging und das Gespräch
über den neuen Pfarrer, woher er
komme und wie er fei, und daß er gut
drein sehe und einen Hund habe, und
'daß die Häuserin seine Schwester und
wohl ein gutes, kluges Lettt sei, und
daß der Pfarrer schon graue .Haare
habe, obwohl er noch jung sei, und
woher das komme, ob vorn vielen
Studieren oder von etwas anderem,
das sie nicht wüßten während diese
Gespräche echter und rechter Bauern
weisheit und Bauernneugierde mehr
flüstern'd geführt wurden, lärmten
und scherzten die Burschen um so lau
ter und ungezwungener und stießen
die Krüge freundschaftlich zusammen
und wieder kräftig auf den Tisch.
Am lautesten aber und am fröh
lichsten ging es an dent Tisch 'des
Weidhof er Isidor her. Da saßen sie
beisammen, die heiratslustigen und
reichen Bauernsöhne, in Hemdärmeln
und die Ellenbogen ans die Ahorn*
platte gestemmt, den Spitzhut schief
auf dem Kopf und die Weste aufge
nestelt.
„Buben, mit Verlaub!" spricht ver
traulich-demütig der alte Veit, den
Hut leicht lüpfend und an den Tisch
tretend. „Bin auch ein lediger Mensch,
Hab' auch meinen Platz bei euch!"
„Setz' dich nur her, Alter!" rief
Isidor, dem Ankömmling den Krug
hinschiebend. „Bist ein alter Bub,
weiß Gott am Ende gräbt dich der
neue Pfarrer 'bald ein."
Veit hielt im Trinken einen Augen
blick ittne. Dann setzte er den Krug
wieder an den Mund und trank wei
ter.
„Mich eingraben?" sagte er, die
Augen halb zudrückend und den Krug
an den Tisch stoßend. „Nein, Buben,
1
•£&&*
OHIO WA1SENFBÄÜND
da hat der Psarree n o fange
Ruhe. Du mein Gott, ob ich leb'/dder
ob ich tot bin, das ist für euch just
gleich. Oder meinst du, Isidor, ich
setz' dich #um Haupterben ein?
Brauchst vielleicht Geld?"
Bei diesen Worten warf der Alte
seinen ledernen Zugbeutel auf den
Tisch er war leer —leer zum Er
barmen.
„Aha, da soll ich Haupterbe sei tri"
lachte der Weidhoser Isidor und
stülpte den Geldbeutel auf den Tisch.
Nicht ein Pfennig fiel heraus. „Mei
netwegen, Alter, ich nehme deinen
Beutel als Erbstück, da 'hast du mei
nen!" Sprach's und warf dem Alten
eine wohlgefüllte Börse zu.
Veit wog den Geldbeutel prüfend
in seiner Rechten. Sein Antlitz war
ernst geworden und fein Auge sah
sinnend nieder.
„Da drinnen ist viel «Geld, wohl an
die zehn oder zwölf Mark," sprach er
vor sich hin.
„Ist's dir zuviel?" fragte Isidor.
„'s ist viel," antwortete Veit „ich
Hab' seit mehr als zwanzig Jahren
nicht so viel Geld in meiner Hand ge
habt. Und doch, weyn's mich freuen
soll, muß ich zuerst noch etwas wissen.
Aber lüg' mich nicht an, Isidor!"
Des Alten Augen blitzten bei diesen
Worten auf und ruhten fest auf dem
Burschen.
„Na, Alter, was möchtest du denn
wissen? Ich lüg' dich nicht an."
Veit stand auf, legte seinen Hut auf
den Tisch, nahm des Isidor Hand und
sprach: „'Jetzt sag' mir, hast du mir
das Geld nur aus Hoffart und Prah
lerei gegeben, oder aus gutem Herzen
und weil du den armen Veitl gern
hast?"'
„'s ist kein Hochmut dabei," entgeg
nete treuherzig der Weidhofer-Sohn
„ich Hab' dir mein Geld gegeben, weil
ich dich gut leiden mag, und weil du
ein ehrlicher Tropf bist, dem auch ein
paar gute Tage zu gönnen sind."
Veit antwortete nicht, sondern öff
nete die Börse, nahm einige Geldstücke
heraus und wickelte dieselben in ein
Stück Papier.
„Was machst "du denn da?" fragte
Isidor.
„Schau, um das Geld lasse ich vom
neuen Pfarrer eine Meffe lesen."
„Für wen denn?"
„Für dich, Isidor."
„Veit," rief der Bursche und drückte
dent Alten die rauhe Hand, „du hast
ein goldenes Herz, das vergesse ich dir
nicht!"
„Und ich laß nicht von dir," gab
der Alte weich zurück. „Schau, es sind
ihrer gar viele, die dich 'den stolzen
Isidor nennen, 's ist nicht wahr. Du
bist nicht stolz, du bist gut. Und wenn
du einmal einen Freund brauchst,
weißt, so einen richtigen, guten
Freund in der Not und nicht hinterm
Bierkrug, so komm nur frisch zu mir.
Geld, Bub, kriegst du keines bei mir
aber der Veit hat noch was, das besser
ist als Geld: 'das ist ein ehrliches,
treues Herz."
Es trat eine kleine Pause in der
Unterredung ein, während welcher die
Burschen ernst vor sich niedersahen.
Veit trommelte mit feinen langen dür
ren Fingern auf dem Tisch und lä
chelte stillvergnügt vor sich hin.
„Was denkst du jetzt, Veit?" fragte
einer der Burschen.
„Darfst es schon wissen," gab dieser
fröhlich zurück. „Ich Hab' mir nur ge
dacht, welcher von euch Buben zuerst
zum neuen Pfarrer aufs Stuhlfest
kommt."
„Bist ein alter Spitzbub, denkt der
gar ans Heiraten!"
„I, warum denn nicht?" rief Veit
und ließ die erhobene Hand auf den
Tisch fallen. „Sind ihrer gar manche
Buben im Tal, die herumlehnen wie
vergessene Mehlsäcke, während der
alte Vater zuhause mit der müden
Mutter die Wirtschaft führt, statt sich
im Hinterstübchen in die Ruhe zu
setzen. Seid ihr denn?auch Buben?
Steht da und steckt den Finger ins
Maul und schnullt darav, indes die
schönsten und bravsten Mädeln alt
werden und wie saule Aepfel vom Hei
rotsbaum abfallen."
„Oh, so gefährlich ist's- denn doch
nicht!" warf der Weidhofer Isidor da
zwischen. „Du bringst es ja vor, als
gäb's bei uns nicht Lieb' noch Hoch
zeit."
„Das mein' ich auch nicht," antwor
tete der Ailte in ernstem Tone. „Aber
ihr Buben seid, mit Verlaub, recht
dumm."
„Veit, das ist eine Beleidigung,"
rief ein Bursche, zornig aufspringend,
„das lassen wir nicht auf uns sitzen!"
„Geh, fei still und setze dich," sprach
der Alte, mit der Hand abwinkend.
„Ich älter Mensch darf euch junge
Buben schon auch einmal dumm nen
nen. Und wenn ich's tue, so weiß ich
warum. Merk' nur auf! Wann wird
denn hierzulande geheiratet? Nicht
eher, als bis der Bursche ein guter
Vierziger und das Mädel tief in den
Dreißigern ist. Da fehlt dann schon
die frische Kraft zum Schaffen im
neuen Hausstand, und die Eltern ster
ben gar oft zu der Zeit weg, wenn die
Kinder dieselben am notwendigsten
brauchten. Das ist schlimm für die
Kinder und schlimm für Haus und
m"
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Afcjiiikjfe
Mvff wff IvllXI üCIui |V jtHtg
heiraten!" meinte ein Bursche. „Das
ist erst Gar nichts."
Veit sah dem Sprecher eine Zeit
lang unbeweglich ins Geficht. „Das ist
bei euch jung geheiratet, wenn der
Bursche die Dreißig hat und das
Mädel die Zwanzig. ihr!" setzte er
höhnend bei und klopfte mit dem Fin
ger an seine Stirn.
„Ei was," fuhr er, feine frühere
Laune plötzlich wiederfindend, fort,
„du, Bevger .Hans, redest mit deiner
Lisi, du, Schwarz Wastl, mit deiner
Rosl, du, Neubauer Sepp, mit deiner
Buvgl, und du, Isidor?"
Der Junge schaute unwillig auf.
„Nun, nur nicht gleich bös sein, das
braucht's nicht. Ist nur eine Frage ge
wesen," berichtigte Veit, konnte es
aber dennoch nicht unterlassen, den
Isidor mit einem langen, prüfenden
Blick anzusehen, fo daß dessen Augen
verlegen den Boden suchten.
„Laßt mich in Ruhe!" sprach er mit
einer Stimme, aus der halb Unmut,
halb Wehmut klang.
„Hat dir's eine engetan?" neckte
ein Kamerad.
„Oh, der wartet auf eine Prinzes
sin!"
„Weiß nicht, vielleicht ist ihm ein
Findelkind auch gut genug."
„Ah, die Land fahr erin, die Nachti
gall!"
Isidors Augen blitzten unheimlich
auf.
„Nun, warum soll ihm denn die
Nachtigall nicht gefallen?" höhnte ritt
Burfche weiter. „Ist ja ein prächtiges
Ding nur schade, daß man nicht weiß,
ob ihre Eltern Zigeuner oder Spitz
buben waren. Gesindel einmal ge
wiß."
Isidor fulhr auf. Sein Antlitz war
blaß und seine Lippen zuckten.
„Elender Mensch!" rief er mit ge
preßter Stimme, stieß seinen Krug
um, daß das Bier nach allen Seiten
über den Tisch floß, und stürmte ans
der Stube.
Veit sah ihm einen Augenblick mit
starrem Auge nach. Und doch war es,
als läge ein Strahl von Zufriedenheit
in seinem Blick. Dann wandte er sich,
die Hände auf den Tisch gestemmt und
die Augen halb zudrückend, zu jenem
Burschen und sprach in flüsterndem
Tone: „Sepp, du bist ein Letter! 's ist
schlecht von dir, weißt du, miserabel
schlecht, auf ein ehrliches, braves Mäd'
chen zu schmähen. Pfui, schäm' dich!"
Der Bursche fuhr zornglühend auf.
Veit sah dies kaum, als sich auf ein
mal fein ganzes Wesen veränderte.
Seine sehnige Gestalt reckte sich und
aus dem vollblickenden Auge wetter
leuchtete Zorn und Verachtung.
„Halte dich ruhig, ich sag' tor's!'
schrie Veit. „Und mich rühr' nicht an,
ich rate dtr's fuhr er grollend fort.
„Aber das eine sage ich dir: du bist in
meinen Augen solange ein ehrloser
Bub, bis du dem braven Mädel Ab
bitte tust. So. Jetzt geh' ich. Gute
Nacht, Buben! Mir schmeckt kein Bier
mehr an dem Tisch, too ein solcher
Sotter sitzt."
Veit ging zur Stube hinaus, ihm
nach der zornglühende Sepp.
An einem einsamen Tisch hatte ein
Gast mit atemlosen Interesse dem gan
zen Vorgang gelauscht. Es war ein
mittelgroßer, dicker Mann, stark in
den Fünfzigern, mit einem Gesicht
voll geheuchelter Treuherzigkeit und
Ehrlichkeit, durch die zuweilen der
Fuchs hindurchblitzte.
Nun sah er lächelnd vor sich nieder.
Die furzen Finger spielten mit der
schwerfälligen silbernen Uhrkette.
„Schau, der Isidor!" brummte er
vor sich hin. „Nein, nein! Das ist
nichts, du Gelbschnabel. Da bin ich
ein anderer Mann. Kellnerin, meine
Zeche!" rief er in befehlendem Tone,
warf ein Geldstück auf den Tisch und
ging langsamen Schrittes aus der
Stube.
„Gottlob, der Kirchenpfleger geht!"
flüsterten die Bauern und sähen dem
selben mit unfreundlichen Augen nach.
Viertes Kapitel
e O w u
Der Pfarrer stand an einem Fen
ster seiner niederen Wohnstube und
sah nachdenklich zu den Bergen hin
über, die majestätisch-ruhig vor ihm
lagen und das enge Tal von der übri
gen Welt abschlössen.
Mit sichtlichem Behagen rauchte er
sein Nachmittagspfeifchen und blies
die blauen Wolken fachte in die Luft.
Auf dem Fensterbrett lag eine große
graue Katze, sich wohlig im Sonnen
schein streckend und die Liebkosungen
ihres Herrn mit zufriedenem Schnur
reit Mohttend. Zu seinen Füßen
träumte ein kleines Königshündchen
feinen Mittagsschlaf. Eine große
Fliege summte durch die Stube und
stieß an die kleinen Scheiben, bis fie
durch das offene Fenster entfloh. Vom
Garten herauf drang Refedengeruch,
und eine weiche würzige Lust strömte
in die Stube.
Der Pfarrer legte nach einiger Zeit
die kaltgewordene Pfeife weg und
schritt nach seinem Schreibtisch, als es
an der Tür pochte.
Der einsame Gast aus dem Wirts
hause, der Kirchenpfleger, trat ein.
i ',
xXT ^juTTTT gfttBie fror eisern
freundlichen Kopfnicken sein mildes
Auge sah fragend nach dem Eintre
tenden hinüber.
Der Kirchenpfleger verbeugte sich 4*
einer Weise, die halb Zutraulichst,
halb Artigkeit war. Unter steten «Fi
gen Verbeugungen und fortwähren
dem Reiben seiner fetten Hände
näherte er sich dem Pfarrer, den Ktopf
leicht nach rechts geneigt und mit den
Augen 'lauernd, und doch so harmlos
als möglich schauend.
„Herr Pfarrer," begann er nutet
neuer Verbeugung, „ich bin der Kir
chenpfleger. Jawohl. Da bin ich so
eine Art Amtsperson, nicht wvchr?
Darum mächt' ich Ihnen auch meine
besondere Aufwartung machen."
Bei diesen Worten suchte der Dicke
so siiß wie möglich zu lächeln. Der
Pfarrer setzte sich in seinen Lehnskchl
und deutete dem Pfleger nach dem
Sofa.
Der Alte ließ sich mit scheinbarer
Schüchternheit nieder und fuhr in fei
nem Gespräch fort:
«Also, ich bin der Kirchenpfleger.
Mit dem seligen Pfarrer bin ich gar
gut gefahren. Hoffe mir von Jh«en
ein gleiches."
Der Pfarrer nickte leicht mit teät
Kopf.
„Wir werden sicher in gutem Frie
den miteinander leben, wenn jeder von
uns seine Pflicht tut und der Pfleger
nie vergißt, daß er unter dem Pfarrer
steht."
Der Pfleger schlug die Augen nie
der, um einen giftigen Blick zu tier
decken.
«Ich wünschte nur," fuhr er seuf
zend fort, „daß Sie gerne bei uns sind
und nicht gar zuviel Verdruß hier er
leben."
Der Pfarrer horchte verwundert
auf.
„Du mein lieber Gott," plauderte
der andere, die Augen verdrehend,
„schlechte Menschen gibt es überall,
sogar in unserem einsamen Tal. Und
da meine ich, ich täte ein gar gutes
Werk, wenn ich Euer Hochwürden fo
ein wenig über einzelne Haushaltun
gen und Personen aufklären würde."
Ter Pfarrers Blick verfinsterte sich
merklich. „Ich liebe es durchaus nicht,"
sprach er in einem sehr bestimmten
Tone, „daß man mir mit Zuträge
reien fommt. Ich sehe darin eine
große Ungerechtigkeit gegen jene Per
fönen, von denen die Rede ist, und eine
große Gefahr für den Frieden der Ge
meinde."
Des Kirchenpflegers Auge blitzte
auf, doch nur für einen Augenblick
denn mit der weichsten und harmlose
sten Miene sah er zu seinem Seelsor
ger hinüber, indem er sprach:
„Ganz richtig, Herr Pfarrer, ganz
richtig! Freut mich, daß wir einerlei
Ansicht haben. Mag auch das Ohren
blasen nicht ist ein gar häßlich Ding.
Was ich sagen wollte? Ja. Da ist hier
ein alter Soldat, der Veit Herr
Pfarrer, ich sage nicht mehr: er ist
kein Guter. Gewiß nicht. Und das
Haus des Weidhofers möchte ich ganz
besonders Ihrer Wachsamkeit empfäh
len. Die Alten, nun ja, die gehen so
an, recht und schlecht. Aber der Sohn!
Herr Pfarrer, beim Sohn fehlt es
weit."
Der Pfarrer sah mit offenem Un
willen auf den Sprecher.
„Ihr seid dem jungen Menfäten
wohl feind?" fragte er in schneiden«
dent Tone.
„Ich dem Isidor feind? Oh, Herr
Pfarrer, das könnte ich gar nicht,
wenn ich auch wollte. Sehen Sie, ich
habe ein so weiches Herz, daß mir die
Augen naß werden, wenn ich das min
defte Elend sehe."
Dazu verdrehte er die Augen und
fuhr sich mit dem Rücken der Hand
über dieselben, als wollte er sich ein
paar Tränen wegwischen.
„Aber eben darum," fuhr er fort,
„fann ich auch keine Schlechtigkeit
ruhig mitanfehen. Nein Und mit dem
Isidor steht es schlecht."
Er setzte einen Augenblick ab und
atmete tief auf. Sein Blick streifte
forschend den Pfarrer, der finster
sich niederfchaute.
„Im Haufe des Weidhofers, Herr
Pfarrer, ist eine junge Dirne, ein
Findelkind die Leute nennen sie die
Nachtigall. Die ist ein gar prächtiges
unverdorbenes Kind, wenn setzte
er langsam und mit besonderer Be
tonung bei „wenn sie möglichst bald
aus jenem Hause entfernt wird."
Ter Pfarrer sah mit einem fo tol
len' Blick nach dem Kirchenpfleger,
daß dessen Auge unwillkürlich den
Boden suchte.
„Ter Isidor stellt dem armen Mä
del nach," sprach der Falsche mit zit
ternder Stimme. „Ich weiß es ich
weiß es ganz gewiß. Tie Taube muß
aus den Krallen des Habichts. Ich
nehme das Madel zu mir, und
lieber heirate ich es, als daß es zu.
gründe geht."
Er zupfte in fieberhafter Erregung
an feiner Weste. Ein eigentümliches
Beben durchzuckte seinen Leib.
„Sie, Herr Pfarrer, sollen mir da
bei behilflich sein, 's ist ein wahrhaft
gutes Werf. Wie meinen Sie?*
(Fortsetzung folgt)
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Ö i e E z a s a n s e n a z i s e a

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