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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, August 18, 1951, Ausgabe der 'Wanderer', Image 7

Image and text provided by Ohio Historical Society, Columbus, OH

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(Fortsetzung)
War es ihm deshalb einst ein
so süßer Triumph gewesen, als sie,
gerade sie, ihm doch ihr Herz und
ihren Willen hingab den Willen,
den er geglaubt hatte ganz lenken zu
können und der sich doch so stark er
wiesen hatte? Brachte doch die Frau
ihr Lebensglück für ein Prinzip zum
Opfer?
Der Gedanke an jene andere, die
-einige Zeit seinen 'Geist beschäftigt, die
ihm ein Ideal in ihrer scheinbar
frehm, großen Richtung gedünkt hatte
das Bild suchte ihn nicht mehr auf.
Oder wenn es einmal vor ihn hintrat,
wandte er sich voll Ekel ab es war
so unangenehm, sich so getäuscht zu
haben. Er sagte sich dabei so gern, daß
er sich selbst genüge, daß er niemandes
bedürfe, und wenn hier und da ein
Gedanke rhrt nach seinem Heim zog,
wenn der seltene Fall eintrat, daß sein
Selbstgefühl wirklich wankte, sich beu
len wollte, dann sah er Magna in
ihrem Heiterkeitsausbruch auf der
Terrasse man bedurfte fürwahr
auch seiner nicht! Tas waren viel
leicht die Augenblicke, wo sein Antlitz
einen so herben Ausdruck zeigte, daß
die Schwester immer wieder den Kopf
•schüttelte.
Seitdem Dornick sich wohler fühlte,
hatte er sich die Zeitungen geben las
sen, um isich zu zerstreuen. Er hatte sie
von der Wahl des neuen Statthalters
Christi erfüllt gefunden. Nichts von
dem, was er vorhergesehen hatte, war
eingetroffen. Wie stand es um die Er
rungenschaften der Partei, die so
selbstbewußt die Fahne gegen das
Papsttum erhoben, die, der Gunst des
Weltgeistes und der Regierenden
sicher, so fest auf dessen Niederlage
und ihren Steg' gerechnet hatte?
Wieder trat Magnas Bild vor seine
Augen. Hatten sie doch einst gerade
über diesen PunkV so viel gestritten.
Er warf das Zeitungsblatt unge
duldig zur Seite. Wenn er jetzt der
Krankheit erläge, wäre ja Magna
ihrer Fessel ledig. In einem Testa
ment hatte er alles so angeordnet, daß
die Welt sah, daß er in ihr die Gattin
geehrt hatte. Sie würde sich schnell
trösten, wenn sie über Dornick frei
schalten und walten könnte. Er hatte
es ja gesehen, sie vermißte nichts.
Wie oft auch Dornick das in seines
Herzens Bitterkeit wiederholt, er weiß
'dennoch, daß er ihr darin unrecht tut
er weiß, daß sie ihn einzig um
seiner selbst willen und besser geliebt
hat, er es getan hat.
Wöhrend der Stunden, die der
Kranke so verträumt, ist ein Dampfer
in den Hafen eingelaufen, einer von
drüben, wie sie alltäglich Tontmen und
gehen, um das Hin- und Herfluten
der Menschen von einem Festland zum
anderen zu vermitteln.
Auf dem Deck des Schiffes steht
eine hochgewachsene Frau und schaut
hinüber nach der Riesenstadt, die sich
vor ihr ausbreitet. Es ist Nacht, und
überall flammen die Lichter auf, ein
wahres Lichtmeer bildend, das auf
Men Seiten Rufe der Bewunderung
Und des Erstaunens hervorruft. Tau
äsende und aber Taufende haben bei
ihrer Ankunft schon dieses Bild genos
sen und mit fragendem, zagendem
Blick auf die neue Welt gesehen, die
sich ihnen dort eröffnet. Die Frau
schaut ernst hinüber, und es wird ihr
«sichtlich schwer, die Fragen des Kna
ben zu beantworen, der mit echter
Kinderneugier das Nebensächlichste zu
erst wissen möchte. Keiner der Mit
reisenden ahnt, was das Herz der
Frau bewegt sie wissen von der Dame
nur, daß sie die Reise angetreten hat,
um ihren schwer erkrankten Gatten
aufzusuchen, und sie finden ihre sicht
liche Bewegung daher natürlich. Wie
schwer mag es ihr werden, so nahe
dem Ziel diese Nachtstunden noch an
Bord zubringen zu müssen!
Und doch ist es gerade die Stunde
der Ankunft, die'sie beängstigt und vor
der ihr oft so bangt, daß sie fast ein
Ereignis herbeisehnt, das die Fahrt
aufhalte, das sie zurückführe, ehe sie
jenes Land betreten muß. Die ersten
Tage haben die wechselnden Eindrücke
ihr wohlgetan der frische Seewind
hat ihr die heiße Stirn gekühlt und
die abgespannten Nerven neu belebt.
Auch das Seegespenst hat ihr nichts
anhaben können. Dity freilich hat die
Krankheit erfaßt, mitten in der
Freude, die ihm das Neue der Fahrt
bereitet. Die Sorge um ihn hat
Magna die Tage verkürzt. Dann aber
kam wieder und wieder die quälende
Frage: Was wird er sagen? Und diese
Frage brennt ihr auch jetzt, wo der
Augenblick der Entscheidung so nahe
ist, aus dem Herzen. 'In Wahrheit
bangt sie ebenso für sich selbst wie
ftit ihn.
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IM STREIT DER ZEIT
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Von Bremen aus hatte sie Herrn
Hellbrink den Tag ihrer Ankunft ge
meldet. Als sie am anderen Morgen
das Schiff verließen, harrte er ihrer
an der Werft. Sein ernstes Antlitz,
die ehrfurchtsvolle und doch warme
Weife, wie er sie begrüßte, die be
kannte Stimme, alles gab ihr ein Ge
fühl von Sicherheit. Nun wußte sie
wenigstens einen Freund in der Nähe.
Mochte kommen, was da wollte, an
ihm würde sie einen Halt und eine
Zuflucht haben.
Hellbrink fragte, ob sie sich nicht erst
etwas Ruhe und Erquickung gönnen
wolle, ehe sie ihren Gatten aufsuche.
Magna versagte aber die Stimme,
ihm zu antworten sie tonnte nur
durch Zeichen ablehnen jede Mi
nute Verzögerung war jetzt eine Pein.
Auf Dietrichs Fragen nach dem Vater
hatte er schon geantwortet, daß dieser
sich etwas besser befinde, daß die Fie
beranfälle fürs erste nicht zurückge
kehrt seien und daß er gestern einige
Stunden im Lehnstuhl zugebracht
habe. Ob die Gräfin feine Begleitung
auf der Fahrt wünsche, fragte er jetzt.
Magna dankte hastig. Nein, o nein!
Nur diese Stunde ohne Zeugen!
Er hatte schon einen Wagen bereit
und versprach, für ihre Sachen Sorge
zu tragen. Wenige Augenblicke später
fuhren Mutter und Kind ihrem Ziel
entgegen.
Dietrich wurde natürlich ganz von
allem, was er ringsum sah, in An
spruch genommen. Magna sah nichts
ihre Hände ruhten gefaltet int Schöße.
„Herr, hilf! Herr, wie Du willst!"
waren die einzigen Gedanken, die sich
Bahn brachen. Ihr dünkte die Fahrt
kaum minutenlang gewährt zu haben,
als sie am Ziel waren.
Eine Flut von dienstbaren Geistern
strömte ihnen alsbald entgegen.
Magna erkannte ihre eigene Stimme
nicht, als sie nach dem Zimmer des
Grafen Dornick fragte. Sie bat fürs
erste nur, die Pflegeschwester sprechen
zu dürfen. Ihr Stolz allein hielt sie
in den Augenblicken aufrecht. Es
dünkte ihr aber unerträglich lange zu
währen, bis diese kam.
Die Schwester schlug die Hände zu
sammen, als sie horte, daß Gattin und
Sohn des Grafen angelangt seien.
„Wie wird sich der Herr Graf
freuen!" meinte sie. „Nun wird er
gewiß noch einmal so rasch gesund
werden!"
An Magnas Ohren rauschten die
Worte unbeachtet vorüber. Sie zwang
sich, zu fragen, ob ihrem Gatten eine
Aufregung auch schaden könne. Sie
habe Nachrichten, die ihn vielleicht an
greifen würden.
Die Schwester schüttelte den Kopf.
Vor acht Tagen habe es böse ausge
sehen, erzählte sie aber jetzt liege er
stets so still vor sich hinsinnend da, daß
sie glaube, eine kräftige Anregung
könne ihm nur gut tun.
„Nur'gut tun," wiederholte Magna
leise, und den Knaben umarmend,
sagte sie: „Geh' du zuerst hinein,
Dity, und sei sehr liebevoll zu dem
kranken Vater."
Ter Knabe sah fragend und zagend
zu ihr auf er kannte aber den festen
Blick bei ihr, der keinen Widerspruch
aufkommen ließ. Die Schwester ging
voran, und Dietrich folgte ihr auf dem
Fuße. Magna schritt langsam hinter
drein und blieb vor dem Zimmer
stehen, daS jene betraten.
„Sic haben Besuch bekomemn, Herr
Graf, von weit her ans der Hei
mat," sagte die Schwester, indem sie
den Knaben vorschob.
Dietrich trat schüchtern an den
Lehnstuhl heran. „Papa lieber
Papa
Der Kranke richtete «sich in seinem
Lehnstuhl auf, die Augen öffneten sich
weit er streckte die zitternden Hände
dem Knaben entgegen.
„Dietrich, du .!"
Der Vater zog ihn hastig zu sich
und legte beide Arme um seinen Hals
es war die erste innige Umarmung,
die er dem Kinde angedeihen ließ.
„Dietrich, wie wie kommst du
hierher
„Papa, Mama ist auch hier." ant
wortete Dietrich und kniete neben dem
essel nieder. „Wir sind den ganzen
weiten Weg auf einem Schiff gekom
men, weil du so krartk warst."
Des Vaters Augen starren zur Tür
hin kennt er diese schlanke Gestalt,
diese ruhigen braunen Augen, die
ernst auf ihn geheftet sind? Aber das
Antlitz hat nichts von jener Heiterkeit,
die er zuletzt darauf gesehen hat. Es
ist bleich, sehr bleich, und er sieht, daß
sie gegen die Tür lehnt, als vermöge
sie sich kaum aufrecht zu holten.
Magna kostet es den letzten, schwer
sten Kampf, ungerufen über die
Schwebte zu treten, um so mehr, da
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OHIO'WAISENFREUND
sie ihren Gatten für seine Verhältnisse
leidlich wohl, in einem Lehnsessel
ruhend, antrifft. Der Gedanke, daß
ihr Kommen unnötig gewesen, erfaßt
sie mit Macht. Aber sie will nichts halb
tun sie tritt dicht an ihn heran.
„Ich wollte ihn dir bringen
sprach sie, die Hand auf des Knaben
Schulter legend „ich wollte ihn dir
bringen, Arthur." Sie hat eine stol
zere Anrede im Sinne gehabt, aber
sie findet nur die einfachen Worte.
„Wenn du uns nicht brauchen kannst,
können wir gleich wieder zurück
reisen." setzt sie hinzu, den Kopf stolz
erhebend.
„Magna!" ruft Dornick mit eigen
tümlich zitternder Stimme er
macht eine Bewegung, sich zu erheben,
sinkt aber wie ohnmächtig zurück.
Im selben Augenblick ist Magna an
seiner Seite. Seine Hände ergreifen
die ihren.
„Das war Großmut," flüstert er,
„Großmut!" Und unwillkürlich setzt
er mit dem Tone, wie er es einst vor
vielen Iahren gesagt, hinzu: „Immer
Magna!"
Magna steht aufrecht da, aber heiße
Tränen perlen ihr über die Wangen.
„Ich kann mich nicht zu dir er
heben bist du toirfflich zu mir ge
kommen?"
Statt aller Antwort kniet Magna
an seinem Stuhl nieder aber auch
ihre Kraft verläßt sie jetzt. Sie neigt
den Kopf, und es ist ihr, als ob ihr
die Sinne schwanden. Allen Vorsätzen
zum Trotz bricht isie in ein schmerz
liches Weinen aus. Er zieht ihre
Hände cm seine Lippen, er legt die
Arme um ihren Hals, er legt seine
Hand auf ihren Scheitel, greift in den
dicken Haarknoten, den sie trägt, als
wolle er sich vergewissern, daß sie es
wirklich sei.
„Magna," wiederholt er immer
wieder, indessen sie ihren Kopf an
seine Schulter lehnt. „Sage noch ein
mal Arthur, damit ich höre, daß im«
es wirklich bist sich mich an, damit ich
sehe, ob es deine braunen Augen sind.
Ich weiß jetzt erst, wie ich mich danach
gesehnt. danach gesehnt seit Jahren
habe." flüstert er.
Aufzuschauen ist Magna für den
Augenblick unmöglich, und sie neigt
den Kopf nur noch tiefer. Seinen
Namen aber nennt fie einmal und
noch einmal, und es icheint fast, als ob
dabei die Liebe wieder erwache. Was
Gott zusammengefügt, kann der
Mensch nicht trennen! klingt es in
ihrem Innern wie Glockenklang, aber
ihre Lippen verschweigen es.
Er neigt jetzt sein Haupt so tief
Über ihren Scheitel, daß sie feinen
Atem fühlt sie fühlt, wie er sie mehr
und mehr an sich zieht, wie feine Lip
pen die ihren suchen.
„Wir haben viel Zeit, all die schö
nen Jugendjahre verloren," flüsterte
er heiser. „Willst du mir dein Herz
noch einmal geben? Willst du so groß
rnütig sein, meine Magna?"
Sie hat vielleicht eine Bitte um
Verzeihung erwartet aber trotzdem er
nichts davon sagt, sind all die bitteren
Gedanken dahingeschwunden, ist die
schwere Heb erwin dung, die dieser
Schritt sie gekostet hat. vor dem süßen
Gefühl, feine Liebe wiedergewonnen
zu haben, in nichts zusammengefallen!
„Papa, Mama muß sich wirklich
ausruhen. Wir find vom Schiff gleich
zu dir gekommen." läßt sich da nach
einer Weile des Stillschweigens Diet
rich ganz altklug vernehmen. Er hat
während der Begrüßung der.Eltern
sich mit der Schwester ins Nebenzim
mer begeben, jetzt aber von dieser des
Kranken wegen den Wink erhalten,
das Wiedersehen zu unterbrechen.
„Oh, Dity, du hast recht, aber nicht
ich, sondern Papa bedarf der Ruhe,"
versetzte Magna, sich erhebend. „Ich
könnte es mir nie vergeben, wenn es
dir geschadet hätte! Darf ich deine
Pflegeri» rufen?"
Dornick schüttelte den Kopf. „Du
wirst mir die Kissen schon zurecht
rücken können," meint er freundlich.
»Dity ist so gut und bestellt, daß sie
uns etwas zu essen bringen. Es wäre
so schön, wenn ihr hierbleiben und
euch hier stärken würdet. Ich darf euch
nicht gleich wieder von mir lassen,
sonst halte ich das Ganze für einen
Traum. Erst wenn ich euch essen sehe,
weiß ich, daß ihr feine Geister seid."
setzte er scherzend hinzu.
Magna folgt seinen Wünschen und
läßt sich dann auf einem Sessel neben
ihm nieder, da er ihre Hand nicht los
läßt. Jetzt wird sie sich erst bewußt,
wie die Zeit ihn verändert hat. Er ist
unglücklicher gewesen als ich! denkt
sie schmerzlich.
Seine Blicke ruhen bewundernd auf
ihr. „Du hast dich fast gar nicht ver
ändert, Magna. Mir kommt es fast
vor, deine Gestalt sei noch stolzer als
früher, und dein Haar ist noch so schön
wie ehedem."
«Es fängt auch an zu ergrauen,"
sagte sie, die dichten Haarwellen zu
rückstreifend, indessen seine freundliche
Schmeichelei ihr so wohltut. „Du
wirst dich hoffentlich jetzt bald erholen.
Ist Dity nicht groß und stark gewor
den?" wirft sie ablenkend ein. „Fin
dest du nicht, daß er jetzt an.Josi
Landskron erinnert?"
„Tas wird ihm in deinen Augen
wohl besonderen Wert geben!" er
widerte Dornick etwas mit seiner alten
Ironie. „Aber, Gott Dank, wenn er
dem guten Jungen gleicht. Je älter
man wird, desto mehr weiß man einen
so geraden Sinn, ein so warmes Herz
zu schätzen. Jedenfalls macht Dity mir
den Eindruck, als erntetest du volle
Ehre von deiner Erziehung und
als sei es gut, daß sein Vater sich nicht
hineinmischte," setzte er leise hinzu, in
dem sein Blick dem Knaben wohlg^
fällig folgte.
Eine Viertelstunde später nahmen
sie am Lager des Kranken ein Früh
stück ein, und Magna trat alsbald die
Hausfrauenrolle an, den Tee zu be
reiten und ihrem Gatten 6et der
Mahlzeit behilflich zu fein die
Hausfrauenrolle, die sie überhaupt
nur zwei oder drei Tage ihres Lebens
innegehabt hatte. Wie konnten nur
wenige Minuten der Gegenwart so
vollkommen die langen Jahre der
Trennung überbrücken!
Des Knaben Geplauder scheuchte
dabei jeden Zwang, und als jetzt der
Arzt eintrat, schien sich alles in natür
lichent Geleise zu befinden.
„So wird es gut werden," meinte
dieser fröhlich. „Nun wird die Ge
nesung schon voranschreiten. Hab' ich's
nicht immer gesagt, Herr Graf, daß
Ihre Angehörigen benachricht werden
müßten? Ich bin mifchitldig an der
Zögerung, Frau Gräfin. Der Herr
Graf wollte durchaus nicht, daß
Sie beunruhigt würben. Aber mein
Freund Hellbrink, der ja Ihr Lands
mann ist nnb den Herrn Grafen kennt,
hat getan, was mir verboten war."
Magna berührte die Redseligkeit
des Arztes nicht angenehm. Ihr Gatte
hatte noch gar nicht gefragt, woher sie
die Nachricht von seiner Erkrankung
erhalten hatte.
„Wer hat mich hier gekannt?"
fragte Dornick jetzt in etwas gereiztem
Tone. „Wer hat dir die Nachricht ge
sandt, Magna?"
„Franz Hell
brink aus Feldhaus,"
antwortete sie anscheinend ruhig, ob
gleich sie nichts weniger als ruhig
war. „Ich weiß nicht, ob du von seiner
Anwesenheit unterrichtet bist. Er hat
sich vor ein paar Iahren eine Ge
fängnisstrafe zugezogen: Fräulein
Schulze, die du ja auch kanntest, hat
ihm aber zur Flucht verholfen und ihn
nach England befördert. Von dort ist
er dann itach Amerika übergesiedelt
und bat hier die Leitung eines an
gesehenen deutschen Blattes übernom
men. Er soll Tüchtiges leisten."
„'Das will ich meinen!" unterbrach
der Arzt in seiner ungenierten Weise
die Gräfin. „Solche Männer können
wir 'hier gebrauchen, davon kann uns
der Bismarck noch mehr herüber
schicken."
Magnas Augen ruhten ängstlich
auf dem Gatten, der schweigsam vor
sich niederbückte und, wie ihr dünkte,
sehr bleich geworden war. Sollte gleich
in den ersten Stunden die Kluft sich
wieder auftuu? Sollte der eben errun
geite Frieden wieder gefährdet wer
den?
„Herr Hellbrin? hielt es für seine
Pflicht, mich von deiner Krankheit zu
benachrichtigen." unterbrach sie zag
hart des Arztes Rede.
„Ihnen reinen Wein einzuschenken.
Frau Gräfin, war der gescheiteste
Streich, den mein verehrter publizisti
scher Freund jemals ausgeführt hat.
Da der Herr Graf ein Deutscher war.
fragte ich Hellbrink danach, ob ihm der
Nante Dornick bekannt sei. worauf es
sich gleich herausstellte, daß er nicht
nur den Namen, sondern auch die Per
son kannte. Zum Glück! Ich hoffe, daß
es nun mit der Genesung rascher vor
wärtsgehen wird. Und der Herr Graf
wird Ihnen für Ihr Kommen schon
dankbar genug werden," setzte er 'hin
zu. der Gräfin echt amerikanisch die
Hand schüttelnd.
Der redselige Arzt wirbelte zur Tür
hinaus. Eine tiefe Stille trat ein.
Magna wähnte ihr Herz klopfen zu
hören.
„Lebt der unglückselige Mensch, der
August Hellbrink, noch?" fragte Dor
nick nach einer Weile mit unsicherer
Stimme.
„Er ist noch immer in einem Irren
hause in England man sagt, er sei
unheilbar."
Dornick verharrte wieder in Schwei
gen. Magna stand nach einer Weile
auf, ihm die Arznei zu reichen. Mit
einem eigentümlichen Lächeln griff
Dornick nach ihrer Hand. „Franz Hell
brink hat es wieder wettgemacht,"
sagte er. „Einmal Hab' ich ihn dem
Richter übergeben und in Haft ge
bracht, jetzt hat er es getan. Dir
braucht aber nicht bange zu sein ich
entrinne deiner Haft nicht mehr, und
hoffentlich wirst du die gnädige Rich
terin bleiben. Freund Hellbrink aber
wollen wir bitten, herzukommen, da
mit ich ihm meinen Dank aussprechen
kann."
56.
Magna und Dietrich hatten "sich
häuslich in der Fremde eingelebt, und
Arthur Dornicks Gesundheit hattg sich
unter seiner Gattin Pflege bedeutend
gekräftigt, so daß man ihn füglich als
genesen betrachten fomtte. Er schien
jedoch nicht geneigt, dem Aufenthalt
in New Jork ein Ende zu machen, und
ließ sich gern noch als Patient betrach
ten. So hatte sich ein stilles und an
regendes Familienleben herausgebil­
det, in dem Franz Hellbrink ejn oft
und gern gesehener Gast war.
Sichtliche Freude gewährte es Tor
nick, seitdem er sich wieder geistig be
schäftigte, Magnas schriftstellerischen
Arbeiten näherzutreten. Ihre Tätig
keit in dieser Beziehung war ihm ganz
unbekannt geblieben. Eine Aeußeruttg
Dietrichs, der mit Stolz alle Bücher
aufzählte, die Mama geschrieben, hatte
zu der Entdeckung geführt. Doch hatte
es auch da noch des ungeduldigen
Mahnens des Knaben bedurft, ehe er
eines dieser Bücher in die Hand nahm.
Er empfand eine unerklärliche Scheu
vor deren Bekanntschaft. Wie würde
ihm Magnas Geistesrichtung darin
entgegentreten? Wie würde sie ihre
bitteren Erfahrungen bineingewebt
haben?
Mehr um nicht unfreundlich zu er
scheinen als aus wirklicher Neigung,
hatte er dann seine Gemahlin gebeten,
sie möge ihm vorlesen er wäbnte. der
weiche volle Klang ihrer Stimme
werde mildernd und versöhnend auf
die Worte wirken.
Magna hegte keine Sorge. Mit
der ganzen Unabhängigkeit tüchtiger
Schaffenskraft hatte 'sie ihre Bilder
frei aus dem Leben genommen, ohne
ihre subjektiven Erfahrungen zu be
rühren. Die Zeitfragen und die poli
tischen und sozialen Kämpfe der
Gegenwart hatte sie unberührt gelas
sen sie lagen noch zu nahe für die
Dichtung. Wohl stockte sie, wenn hier
und da ein Satz ihre religiösen An
schauungen streifte, wenn ungezwun
gen der Gang der Erzählung zeigte,
wie fest fie auf kirchlichem Boden
stand, wie nur dieser Ende und Ziel
all ihres Denkens und Fühlens bilden
konnte. Aber sie überging nichts sie
Hätte es für eine Feigheit gehalten,
ihre Anschauung zu «verleugnen.
Sie empfand es indessen als eine
Erleichterung, daß seinerseits keine
Silbe, keine Bemerkung darauf zu
rückgriff. Freilich gab auch kein Wort
seine Zustimmung zu erkennen. Diesen
einen Punkt ausgenommen, war er
warin in seinem Beifall. Er sah seilte
Erwartungen weit übertroffen Form
wie Inhalt konnte er rückhaltlos seine
Anevkennnng aussprechen. Die ganze
Große des Erfolges, den Magita er
rungen hatte, wurde ihm freilich erst
durch Franz Hellbrink klar, der ihn
über dessen weittragende Bedeutung
aufklärte. Es hätte ihm nicht ein Rest
seiner Eitelkeit innewohnen müssen,
wäre das ohne Eindruck auf ihn ge
blieben. Ein mittelmäßiges Dilettie
reit würde Dornick bei feiner Frau auf
die Länge kaum geduldet haben in
ihr aber ein fertiges, anerkanntes Ta
lent zu wissen, ließ sie in seinen Augen
in ganz anderem Licht erscheinen.
Bot diese Angelegenheit somit kei
nen Anlaß zu Besorgnissen, so diink
ten Magna zu Anfang gefahrbringen
der die Sonn- und Feiertage, wie
alles, was sich auf den Gottesdienst
bezog. Sie Hatte sich fest vorgenom
men, ihm durch nichts darin lästig zu
fallen, aber auch ungescheut ihrer
Pflicht nachzukommen.
Gleich am ersten Sonntag erledigte
Dietrich die Sache in harmlosester
Weise durch die Frage, ob er mit
Mama ober Herrn Hellbrink zur Kir
che gehen solle. Herr Hellbrink babe
den Kirchenkalender aus der Zeitung
ausgeschnitten und darin die zunächst
liegenden Kirchen mit roten Strichen
bezeichnet. Maina möge itiut bestim
men. Dem Knaben dünkte das alles
fo selbstverständlich, daß er seiner
Mutter Zandern gar nicht 'begriff.
Magna entschied nach einem Blick
auf ihren Gatten, daß er sich Hellbrink
anschließen möge sie wolle den Früh
gottes dienst besuchen, um später dem
Vater zur Seite zu sein.
Mancher Sonntag sah sie dann in
gleicher Weise in der Frühe schon im
Tempel des Herrn, wo sie sich Kraft
und Trost für das kommende Tage
werk holte. Dornick unterließ jede Be
merkung darüber. Mit Kummer sah
sie aber, daß er, was ihn selbst betraf,
durchaus kein religiöses Bedürfnis
zu empfinden schien. Seilt Stand
punkt in der Religion hatte sich wohl
in nichts geändert, wenigstens deutete
nie eilt Wort darauf hin.
An der Unterhaltung mit Herrn
Hellbrink schien Dornick viel Genuß
zu rinden. Zuerst war es wohl ein Ge
fühl der Schuld und Reite, das ihn
veranlaßt hatte, sich besonders entge
genkommend zu zeigen, aber dann
ging es zu wirklichem Interesse über.
Franz HellbrinkS Aeußeres hatte eine
neue Wandlung durchgemacht, er war
stärker geworden, breitschulterig, der
Mann des Volkes und der Arbeit
die hohe Denkkraft aber, die schon früh
den Knaben auszeichnete, hatte sich
mehr und mehr auf der breiten Stirn
ausgeprägt. In der Ruhe war auch
ein Zug Schwermut auf seinem Ant
litz unverkennbar, der indessen Blick
und Ausdruck angenehmer machte, als
es das düstere Knabengesicht gewesen
war. Ein kräftiger Vollbart kleidete
ihn dabei sehr 'gut. Wie er jetzt vor
Dornick saß. war er der Typus des
deutschen Mannes aus niedersächsi
schein Stamm.
Der Graf empfand unwillkürlich
Achtung vor ihm. Ohne es zu wollen,
mußte er an seinen Bruder August
dettfen, der so viel versprochen und so
wenig gehalten hatte. Er mußte sich
eingestehen, daß Magnas Blick damals
richtiger gewesen war als der seinige.
Alles, was Franz Hellbrink ihm über
seine jetzige Lebensstellung, deren Ziel
und Streben mitteilte, gab Dornick
dabei die beschämende Erkenntnis, daß
der von ihm verklagte „Reichsfeind"
hier mehr zur Belebung und Erhal
tung deutschen Volkstums tat, als
Dornick jemals dafür hätte tun kön
nen.
Wie eingehend Hellbrink aber auch
von seilten Erlebnissen sprach das
furchtbare Geschick, das sein Bruder
heraufbeschworen und das eine Un
schuldige so grausam getroffen hatte,
vermochte er nie näher zu berühren,
und nach' einer kurzen Andeutung
wich er jedem Gespräch darüber aus.
Durch Magna erfuhr er, daß seiner
Mutter ganzes Sehnen dahin gehe,
ihren August wiederzubekommen.
Seine geistige Umnachtung dauerte
noch immer an doch sollte sie in letz
ter Zeit in einen ruhigen Tieffinn
übergegangen sein. Franz dachte ernst
lich daran, ihn später den Eltern ein
mal wieder zuzuführen. Daß er allein
die großen Kosten für den Unterhalt
des Bruders trug und auch den
Eltern noch Uitterüützung sandte, er
wähnte er nicht. Aber Magita wußte
es und teilte es ihrem Gatten mit.
Das trug wohl auch dazu bei, daß
'Dornick ihm bei jedem Besuch ach
tnngsvoller und zuvorkommender ent
gegenkam.
Beide vermieden lange, die poli
tisch-religiösen Verhältnisse der Hei
mat zu berühren doch kam man all
mählich auch diesem Gebiet nahe.
Hell brinks ruhige, dabei diesen Per
hältnissen so sicher gegenüberstehende
Art und Weise hielt das Gespräch aber
in friedlichen Bahnen.
„Ich glaube nicht, daß der Swat
in feinen Forderungen zurückgehen
wird." meinte Dornick eines Tages.
„Er steht jetzt in der Vollkraft da und
hat die Zustimmung der Mehrheiten
nicht allein in Deutschland, sondern in
der ganzen Welt zur Seite."
„Gott wird schon einen Ausweg
finden, jedenfalls einen, der Seilte
Kirche eher erhöht als erniedrigt,"
gab Hellbrink zurück. „Es zeigt sich
übrigens schon, wie manches, was zum
Verderben dienen sollte, der Kirche
zum Segen wird. Es ist wie mit dem
Blnt der Märtyrer."
„Aehnliches las ich gestern in
Ihrer Zeitung," antwortete Dornick
lächelnd. „Nun werden Sie mir gleich
auch noch den Kaiser Justinian an
führen."
„Das könnte ich freilich," gab
Hellbrink ebenfalls lächelnd zurück.
„Der justinianische Geist durchzieht
die Welt, das ist wahr er hat große
Itebermacht gewonnen, und in ihm
liegt der Nerv dieser ganzen Bewe
gung. Damals war der Kaiser allmäh
lich Herr der Kirche, sozusagen Welt
icher Papst geworden, weil das Hei
deithtm in christlichem Gewand einher
ging. Das moderne Heidentum hofft
durch die Mitwirkung der Staaten zu
siegen."
„Nachdem aber der jetzige Papst
dem Staate entgegengekommen ist
er ist ein vorsichtiger Mann, denkt
hierin vielleicht wie Sie —, da wer
den die Bischöfe ihm folgen müssen!"
„Wenn Rom spricht, werden wir
gern folgen," bemerkte Hellbrink trok
ken. „Es ist schon ein Fortschritt, wenn
die Autorität des Papstes zugegeben
wird. Los von Rom war bis jetzt das
Losungswort!"
„Und die Zentrumspartei, was
wird sie tun?" fragte Dornick, brach
dann aber jäh ab. da er seine Gemah
lin eintreten sah.
Magna hatte schon gehört, was er
sagte, und er ahnte nicht die Tränen,
die an diesem Abend über ihre Wan
gen perlten, als sie in heißen Gebeten
um seine Erkenntnis flehte.
Einige Tage später aber war auch
Dornicks Auge feucht. Ein Brief aus
der fernen Heimat brachte die Nach
richt von dem Tode der guten Tante
Elarisse.
Sie hatte ihr stilles Leben beschlof
sen, ohne den geliebten Neffen wieder
gesehen zu haben, ohne die Nichte, die
all die vcthrc der Engel ihres Lebens
und deren Berichte auch diese letzte
Zeit ihre Freude gewesen waren. Sie
war leider auch ohne geistlichen Trost
dahingegangen, der ihr die letzte
Stunde hätte erleichtern sollen. Eines
Morgens hatte sie sich leidend gefühlt
und schon wenige Stunden danach
dringend nach einem Geistlichen ver
langt. Aber weder im Dorf noch in
den nächstliegenden Ortschaften war
ein Geistlicher zu finden. Matt hatte
deshalb nach Brückhoven fahren müs
sen doch war auch dort bei dem gro
ßen Mangel an Geistlichen und bei
deren Ueberbürduttg erst einige Stun
den später einer frei geworden, der
dein Wunsch Folge leisten konnte. Als
er kam, war die gute Alte schon ver
schieden. In kindlicher Ergebung hatte
fie auch dieses Opfer noch gebracht,
hatte Gott gedankt, daß sie noch vor
kurzem die heiligen Sakramente emp
fangen, und nur ihre stillen Seufzer
und oftmaligen Fragen hatten ver
raten, wie sehnsüchtig sie nach der letz
ten Wegzehrung verlangte.
(Fortsetzung folgt)

18. August
Roman von
FERDINANDE FREIIN VON BRACKEL

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