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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, January 05, 1952, Ausgabe der 'Wanderer', Image 7

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f*w*y
(Fortsetzung)
Die Smexenriehter
von Wilrzburg
„«Ott segne dich, mein Kind!"
sprach Spee zum Gruße.
„2XmF, ehrwürdiger Vater," ent»
gegnete das Mädchen, die Augen
niederschlagend. „Ich habe Euch zu
mir .gebeten, damit Ihr Ruhe in mir
schafft. Ihr kennt mich, wie ich bin.
Zeit Ihr meine Seele leitet, habe ich
Xiicht und Schatten stets (Stich ver
traut. Und doch es ist wie soll
ich nennen nur —ein Fühlen in der
Seele mir erwacht, 'das
„Sprich, Edeltraut! Dem Leiden
will einen Namen und dann guten
Rat."
..Ich war ein Kind, als sie die Mut
ter für. ewig schlafen legten. Arn
Schmerz, den ich um sie getragen,
maß ich meine Liebe. Mein ganzes
Herz trug ich vom Grabe weg in mei
nes Waters Liebe über, ein großes
heiliges Glück! Sonst liebte ich wenig
mehr auf dieser Erde. Meine Blu
nien, diese Gottesaugen, hatte ich
freilich innig lieb doch war's ein
kindlich-reines Minnen. Nun ist es
anders- «geworden. Gnade, Pater
habt Erbarmen, Ihr, mein alter
Hater, wenn ein Geständnis über
meine Lippen kommt, das Euch er*
ich reckt. Als sie den Heinrich heute,
einem Verbrecher gleich, an meinem
Fenster vorüberführten, da stach ein
Schmerz durch meine Seele, der nicht
Mitleid war es war Liebe! Wie
oft, wenn er zur Laute Euch die schön
sten Lieder sang, schaute ich begeistert
in dies reine Auge! Wie oft hatte ich,
einem Kinde gleich, seinem Worte ge
lauscht, wenn er von Herrlichem so
Herrlich sprach ich ahnte es nicht
er wollte es nicht und doch, es ist
geschehen!"
Die letzten Worte sprach das Mäd
chen .mit immer leiserem Geflüster.
Ein tiefes Rot lag über ihrem Ant
litz ein Engel hatte es wo-hl über
sie gehaucht.
„Ist's Sünde, Vater, was ich fühle,
so sagt es, ist es aiuch Hart ich kann
vergessen denn Sünde will ich nicht!
Ist es aber gut vor Gott, vielleicht
selbst Gottes liebendes Werk, dann
laßt es mich wissen, laßt mich glück
lich sein!"
„Es ist nicht Simde," sprach der
Jesuit in mildem Ernst, „wenn reinen
Herzens sich .der Mensch zum Men
schen kehrt. Doch ist's ein Weg voll
bunter Blumen, die viel Gift enthal
ten und Schlangen bedecken. Da be
darf es treuen Betens und steter
Wachsamkeit."
„Und was sagt Ihr, mein teuerer
Vater?" fragte schüchtern das Mäd
chen.
„Gott -segne dich und deine Liebe,
wenn sie Sein Wille ist!" sprach feier
lich der Greis.
„Nun bin ich ruhig. Doch eine
Bitte, guter Pater! Ich weiß es und
ittem Herz sagt mir das gleiche, sie
haben Heinrich unschuldig ins Ge
fängnis geworfen. Sorgt für ihn und
sprecht für ihn und macht ihn wieder
frei. Sagt selbst, ist es möglich, daß
Schuld auf diesem Herzen lastet?
Ihr sogt nein habt Dank! Und ist
er frei geworden, dann will ich mit
der Lerche Dankeslieder jubeln. Dann
soll mein Herz der Rose gleichen, die
dem Himmel Lust und Schönheit
dankt und, wenn auch in der Erde
wurzelnd, doch dem Himmel ange
bort!"
Fün?ees Kapitel
Ein blindes Kind -r- ein blinder
Richter
An einer Gasse nahe der Marien
Kapelle ragt unter den hochgiebeligen
schmalen Häuschen, an denen mehr
die Laune ails der Zirkel und das
Winkeleisen maßgebend war, ein statt
licher Bau hervor. Die Fenster gucken
nicht in bunter Regellosigkeit aus
dem Mauerwerk, sondern teilen sich
gleichmäßig in die hohe breite Wand«
fläche. Das Eingangstor ist niedrig
und von Säulen getragen, Fratzen
grinsen vom Torbogen hernieder, nun
3orn, mutt Mut, Trotz und Ver
achtung im Steine widerspiegelnd.
Ein schönes Stiegenhaus führt nach
dem ersten Stock, der Wohnung des
gestrengen Rates Gering.
Ein mürrischer alter Herr. Der
ftärper ist noch wuchtig, das Alter
hat ihn nicht angefressen, es hat ihn
nur etwas außer Rand gebracht. Die
Haare sind kurz geschnitten und stark
ins Graue spielend. Die Augen groß
und stechend, das Gesicht fleischig und
lwchgerotet, der Mund trotzig aufge
ivorfen.
Die Arme über die Brust ver
schränkt, geht er mit festen Schritten
in der großen FamÄienstube auf und
ab. Ein tiefer Unmut scheint sein
Herz zu quälen und seine Gedanken
311 peitschen, denn zuweilen stampft er
Historische Novelle
von FRANZ VON SEEBURG
zornig auf den Estrich oder trommelt
Sturm an den kleinen Fensterscheiben,
daß sie klagend flirren.
In einer Ecke sitzt ein Mädchen von
etwa siebzehn Jahren. Die dunklen
Locken fallen' in lieblicher Unordnung
über die weiße Stirn und an den
blassen Wangen herab. Die ganze Ge
st alt ist unendlich fein gegliedert, mehr
ätherisch als der Körperwelt ver
wandt. Das glanzlose Auge stiert tot
bald nach der Decke, bald nach der
Stelle hin, wo der Ratsherr sich hör
bar macht. Stille Ergebung ist über
das bleiche Antlitz gehaucht, jener
eigentümliche Zug, der wie lächelnder
Schmerz, wie ein blumiges Grab an
mutet.
Ein Schwesterchen von sechs Iahren
sitzt neben bom blinden Mädchen und
schmiegt sich furchtsam an dasselbe,
indes die großen klugen Augen un
verwandt auf den Vater gerichtet sind,
der so unwirsch tut und, seit er aus
der Gerichrsstube heimgekehrt ist, noch
kein freundliches Wort für seine Kin
der gefunden hatte.
Nun bleibt der Rat vor den beiden
Mädchen stehen. Der Anblick der blin
den Tochter stimmt ihn weich. Und je
länger er auf seinen Liebling schaut,
um so milder wird sein Ausdruck, um
so friedlicher sein Auge. Er beugt sich
nieder und drückt einen stummen Kuß
auf den lockigen Scheitel.
„Vater!" ruft Elsa und breitet, die
Arme.
„Hier bin ich, mein Kind!"
„Dank für den Kuß, tausend
Dank!"
„Elsa!"
„Was willst du, Vater?"
„Hast du heute für mich gebetet?"
„Ja. Ich tat's aus ganzer Seele.
Als du am Morgen von uns schiedest,
da botest du mir auf, dich ganz be
sonders in mein Gebet einzuschließen.
Ich ließ mich in die Marien Kapelle
führen, und dort gedachte ich deiner
und der ^orge, die dich drückt. Wir
Blinde." fuhr sie lächelnd fort, „kön
nen. ich glaube es wenigstens, viel
besser beten als die anderen Menschen.
Uns stört kein äußerer Eindruck, wir
sind mit Gott allein. Uns deckt Nacht
und Finsternis, kein Sonnenlicht
grüßt freundlich durch das Auge in
das Herz, und was ihr Glückliche von
Blumenpracht und Frühlingsherrlich
feit erzählt, ist uns ein Rätsel, dem
wir nicht Gestalt und Farbe geben
fömieit. Gilt e* aber ein Leiden mit
jitfühleit, des Nächsten Schmerz zu
fassen, dann sind wir nicht mehr blind,
denn sehen wir gleich anderen, weil
wir doppelt fühlen. Und erst, wenn
eines Blinden Seele betet, Vater, da
wird es licht, so hell und klar und
fleckenlos, daß euere Sonne wohl nicht
schöner leuchtet. Da gibt uns Gott ein
Glück, das ihr nicht ahnt, da schauen
wir. was ihr nicht seht, und fühlen
uns so nahe Gottes Herzell, weil wir
so ganz Don der Welt geschieden sind."
„Das nennst du Glück!" sprach der
Ratsherr in weichem Tome. „Gott er
halt' es dir! Denn ohne Trost ist
Blindheit wie ein Grab, in dem man
lebend seines Todes harrt."
Er nahm. seine Tochter und führte
sie nach seinem Sorgenstuhl.
„Setze dich hierher und laß mich
mit dir reden. Gerade weil dein leib
liches Auge nie die Welt geschaut hat
und alles, was du sprichst, ein reiner
Widerhall deines Herzens ist, lege ich
so gerne, was .mich drückt, in deine
Seele nieder. Sieh, diese Hand, die
hier auf deinem Scheitel liegt, hat
hellte wieder ein Todesurteil unter
zeichnet."
Das Mädchen schrak zusammen.
Zitternd entzog es sich der Berührung
und streckte die Hände abwehrend aus.
„Verzeihe, Vater, ich fürchte dich!
O rühre mich nicht an, nur heute
nicht, ich bitte dich!"
„Elsa, sei vernünftig," mahnte der
Alte etwas verdrossen. „Wie magst du
so hart gegen deinen Vater sein?"
„Laß mich," sprach das Mädchen.
„Ich kamt meiner Seele nicht ge
bieten, wenn sie in kalten Schauern
liegt. Mich friert's im Herzen, als
wäre Tod und Nacht dort eingekehrt."
„Weißt du nicht, törichtes Kind,
daß Gott dem Richter jenes Schwert
gab, das zwischen Recht und Unrecht,
Tod und Leben, Schmach und Ehre
strenge scheidet? Wie magst du in der
Seele Schrecken fühlen, wenn ich die
ses Schwert in Gottes Namen richten
ließ?"
„Du hättest recht, wenn es nicht
jenen armen Wesen gälte, die ihr Ge
strengen als Hexen an den Henker
liefert. Vater" des Mädchens
Stimme ward nicht bittend, ward be
fehlend „Vater, sage mir vor Gott,
gibt es Hexen?"
„Törichtes Ding, das du bist, ja!"
stieß der Alte hastig heraus.
«Und glaubst du und kannst du es
mir, deinem armen blinden Liebling,
araO-WAIMNFBBÜNB
auf Hmü) und Wort und treue Vater
liebe versichern, daß alle jene wirklich
Hexen waren, die dein und der ande
ren Räte Spruch dem Tode weihte?
Vater, du antwortest nicht? Habe ich
mit meiner Frage zu tief ins Herz,
wohl gar in dein Gewissen mich ge
drängt? Vater, sprich, ich bitte
dich?"
Der Alte sah mit einer Mischung
von Zorn und Schmerz und Liebe auf
seine Tochter nieder.
„Was soll dies alles?" zankte tt
mißmutig. „Habt ihr Frauen euch in
unser ernstes Amt zu mengen?"
„Nein, Vater. Ich weiß, des Wei
bes und der Tochter Heim ist Haus
und Familie. Darüber hinaus soll sie
nicht ihr Denken und Begehren rich
ten. Aber gerade darum, weil der
Kreis so eng, noch mehr, weil er so
heilig ist, will auch das Frauenherz,
daß alles, was mit ihm die Luft des
Hauses und der Liebe atmet, rein sei,
ohne Fehl und Makel."
„Das ist ganz schön und recht und
gut. Ihr Frauen seid, so hart man
euch entbehren würde, mit eueren
Herzen und Gefühlen eine wahre
Last."
„Sag' das nicht, Vater! Das spricht
der Unmut nur aus dir. Hab' ich dich
lieb?"
„Weiß Gott," rief der Alte feuch
ten Auges, „du bist durch deine Liebe
all mein Reichtum!"
„Und glaubst du, daß nur ein Wort
über meine Lippen käme, das nicht die
Liebe zu dir spricht?"
„Gewiß, mein golden Kind, ge
wiß!"
„So laß mich reden. Du weißt,
Vater, wie arm ich bin. Nichts
nichts in der Welt ist für mich. Was
euch, wenn ihr gestorben seid, die Erde
ist. ein gähneil des Grab in schwarze
Stacht gehüllt, das ist das Leben mir.
v'br pflückt mit euerem Auge tausend
Lebensfreuden, ich tetnu das nicht!
Wo das Herz allein nach Freuden
sucht, da ist die Beute arm, doch soll
sie doppelt wertvoll sein. Was habe
ich Gutes hier als dich, mein Vater
herz? Doch dich dich möchte ich mit
all dem Reichtum meiner Liebe über
schütten können, den ich ich möchte
sagen, Gott sei Dank der Welt
nicht schenken kann! Ich vermag dich
nicht zu sehen, Vater, wie du bist.
Dein Wort, dein Kuß, dein liebendes
Walten zeichnen mir dein Bild. Und
sieh, dies Bild ist mir so unantastbar
heilig, daß niemand es entweihen
darf, auch du nicht du am wenig
sten!"
Der alte Gering ließ die Tränen,
die ihm aus den treuen Augen flös
sen. ungehindert über die Wangen
gleiten. Waren es doch Tränen, mehr
vom Glück als vom Leid geweint.
„Sei zufrieden, Elsa, dein Vater
sucht sein Glück in deiner Liebe und
Trost aus deinem Munde. Laß mich
dir klagen, was mich heute so tief
erregt, daß ich nicht Ruhe finden mag,
es wäre denn, du, Elsa, löstest mit
dem Kampf mir auch das Leid. Du
weißt, daß jüngst die alte Ammsrau
Bernlli als Hexe gefänglich eilige
zogen wurde. Im ersten Verhör blieb
sie kalt und trotzig und kein Geständ
nis irgendwelcher Schuld kam über
ihre Lippen. Da ward die Marter an
ihr versucht, und nicht geringe. Sie
stöhnte, ächzte, fluchtt endlich, als
die Kraft zu brechen schien, versprach
sie ein Bekenntnis ihrer Schuld. Das
sott heute abend vor sich gehen. Ich
weiß, was die anderen Räte von sol
chen Bekenntnissen halten: sie sind
ihnen allen bare Wahrheit, auf die
sie dann Erkenntnis und Richter*
jpruch aufbauen. Du weißt, wie oft
ich zu Gericht gefessen, mit Gott und
guter Ehre so schwer, so ahnungs
düster wie heute nxir mir nie zumute.
Da drinnen wühlt ein nagender Ge
danke, mir ist's, als hinge schweres
Unheil über dir und mir."
„Ist Gottes Hand nicht gnädig
über uns?"
„Ich weiß es nicht!"
„Doch, Vater! Gott schützt uns.
Und willst du dieses Schutzes sicher
sein, so sei barmherzig mit den Armen,
die ihr Herren Hexen nennt. Oh, folge
nicht dem dunklen Wahn, daß überall
des Teufels List und Macht sich finde.
Nicht jene Armen, ihr, ihr Richter
seid es, die den Hexenglauben und
den Teufelsspuk nicht sterben lassen.
Tritt nicht, mein Vaterherz, in jene
falschen Spuren, sei stärker, weiser
als die Welt um dich, gib du Gott
und deinem Glauben allein die Ehre,
und auch in deinem Herzen werden
dann Friede und Gerechtigkeit sich
küssen."
Der Alte stand mit verschränkten
Armen vor seinem Kinde, das sin
..™ n
«iviivc «yuiifi 4ic| u«| utt: 3Jiu)l ge
neigt. Friede und Gerechtigkeit ein
goldenes Wort, wenn diese im Men*
schenherzen sich begegnen, küssen!
Tie Turmuhr vom Dom her schlug
die vierte Abendstunde. Der alte
Gering warf seinen Mantel um,
drückte den Hut sich auf den Kops und
schied mit stummen Kuß tum feiner
Tochter.
Durch die hohen Fenster, geziert
mit buntgemalten Schilden und Wap
penbildern, fällt der abendliche Son
nenstrahl in einen großen niederen
Saal. Die Wölbung der Decke ruht
a»f kürzen dicken Säulen, der Boden das euch anf
ist mit rotem Sandstein in großen
Quadern eingelegt, nach oben steht
ein langer Tisch mit Kreuz und Evan
geliurn darauf, um ihn hochlehnige
Stühle mit gepreßten Lederpolstern.
In einer Ecke stehen die Räte des
Malefizamtes, teils miteinander gar
geheimnisvoll flüsternd, teils mit
hochgezogenen Brauen in den Akten
blätternd. Auch Gering befindet sich
unter ihnen, mißmutig, schweigsam,
nur hie und da mit stummem Nicken
oder Achselzucken eine an ihn gerich
tete Bemerkung erwidernd.
Ter Eintritt des Oberschultheißen,
begleitet von zwei Sekretären und
dem Nöalefizfchreiber Petrus Häuf
lein, macht die Räte verstummen.
Der Oberschultheiß, ein kleiner
hagerer Mann, grüßt gnädig nach
rechts und links und nimmt seinen
Platz ein zu beiden Seiten reihen sich
die Räte an. Auf feinen Wink wird
durch eine Seitentür die alte Bernin
hereingeführt. Die Hände sind mit
Ketten belastet, der Gang ist schlep
pent), zögernd, als stäche bei jedem
Schritt ein tiefer Schmerz durch den
bebenden Leib.
Sie steht den Richtern gegenüber,
zornig, trotzig blickend, die Ketten
schüttelnd, daß sie klirren und rasseln.
„Sie, Gertraud Bernin," hob der
Oberschultheiß an, „sonst auch die
Ammfrntt genannt, ist angeklagt der
bösen Zauberei. Man hat sie heute erst
in Güte, dann in strengem Ernst ge
fragt, toa* sie zu bekennen habe, und
ist endlich zur Tortur geschritten,
worauf sie flehentlich bat, man möge
ihrer schonen, sie wolle alles getreu
lich bekennen."
„Ich habe nichts versprochen," citt
gegttete kurz die Alte und schüttelte
den Kopf mit den losen weißen Haa
ren.
„Sie scheint dem alten Trotze zu
verfallen? Gedenkt sie noch der Mar
ter. unter der sie heute morgen ächz
te?"
„Ja. Die Herren ließen die Sache
deutlich genug machen, daß man sie
so leicht nicht vergißt."
„Witt sie nun bekennen?"
„Was denn?"
»Daß sie eine Unholdin ist und eine
Hexe!"
„Nein."
„Wenn sie auch nicht bekennen woll
te, so ist solch' großer Trotz schon
sicherer Beweis,, daß sie im Bunde mit
dein Bösen, steht."
«Meint Ihr?" grinste die Bernin.
„Und wenn ich nichts zu bekennen
hätte? Wenn all' euere Weisheit, ihr
Herren, sich vergebens an mir ab
milkt, um jene Schuld zu finden, von
der ihr träumt, die ich aber nicht auf
mir babe? Ich bin nicht Unhold, bin
nicht Hexe ich schwöre es euch, so
wahr ein Gott im Himmel lebt!"
„'S ist schrecklich, wie sie lästert!
«yat sie denn nicht geheimnisvolle
Kräuter in Menge in ihrer Stube
aufbewahrt?"
„Geheimnisvolle Kräuter!" höhnte
die Alte. „Kennt ihr denn nicht die
Spring würz?"
„Springltntrz!" wiederholte der
OberschulthiMB nachdenklich. „Was
sagte doch die dicke Höckerin, die wir
verbrannt von diesem Kraute aus?"
„Ist mir sehr wohl erinnerlich,"
sprach Hans Offterdach, der zweite
Rat. „Die Springwurz, bekannte je
ne Malefizperfon, muß, wenn sie an
fängt in die Blumen zu schießen, in
des Bösen Namen gepflückt werden.
Hält man solch' ein Kraut ans beste
Schloß, so springt es auf. als würde
es mit dem Schlüssel geöffnet."
„Bene, opt i wo," bestätigte der
Oberschultheiß. „Sieht sie nun, welch
böses Kraut die Springwurz ist und
wie es sonnenklar am Tage liegt, daß
sie es mit dem Teufel hält?"
„Wie klug ihr Herren seid! Wenn
doch die Springwurz solche Kraft be
sitzt, wie kommt e* dann, daß nicht
die Türen, Tore und Kisten und Ka
sten von ganz Würzburg damit auf
gesperrt und ausgeplündert werden?
Oder macht die Probe! Gebt mir
meine Springwurz zurück und laßt eS
mich versuchen, die Schlösser hier an
meinen Ketten und das Eisenschloß
an meiner Kerkertüre aufzusprengen.
Gelingt es mir, dann mögt ihr mit
mir tun nach euerem Belieben wenn
nicht, ist's euere Pflicht, mich wieder
freizugeben."
„Da sei Gott vor!" rief der Ober
schu'ltheiß aus. „Sie will die schwere
Schuld, so aus ihr lastet, mit losem
Spotte von sich wälzen? Nein, sol
chem Frevel leiht ein frommes Ge
richt nicht Ohr noch Hand. Item.
Man fraget sie, was in bcit Fläschlein
allen enthalten, so sich bei ihr gefun
den?"
„Läusewasser für die dmitmen
Bauern," gab die Ammfrou fest zu
rück.
„Nicht möglich!"
„So, warum denn nicht? Wohl
weil es euch nicht in das Credo paßt
Ist doch so?"
„Und der Totenschädel?"
„Das dacht' ich wohl, daß der euch
bange mache. Der Totenschädel ist
vom Hochgericht. Dort fand ich ihn
unterm Galgen. Tie Raben hatten
ihn vom Fleische frei gemacht, wohl
auch die Ameisen. Mir gefiel er, ich
nahm ihn mit nachhause. Was geht
„Zu welchem Zwecke?"
„Ich wollte Gimpel damit schrek
ken."
Der Oberschultheitz fuhr der Zor
nes voll in die Höhe. „Weiß sie, daß
sie eine ganz unnatürlich boshafte
Person ist? Solch lose Rede käme
nicht aus ihrem Munde, wenn nicht
der Satan aus ihr spräche. Ein neuer
deutlicher Beweis, daß sie im Bunde
mit dem Bösen steht."
Tic alte Bernin sah den Richter
mit unverkennbarer Verachtung an.
„Dann," fuhr der Schultheiß fort,
„ist sie auf frischer Tat angetroffen
worden, wie sie einem Studio so aus
geheimen Zeichen wahrgesagt."
„Ja, das kann ein jeder, der es
will er braucht nur einen, der ihm
glaubt."
„Und Blut war auch dabei?"
„Et freilich! Ohrte diesen Saft
glaubt ja kein Mensch an Wunder
bare». Ihr Herren selbst habt ja das
Blut so gerne. Nur zapft ihr alles ab
mir war ein Tropfen Bluts genug."
„In ihrem ganzen Losa in ent war
weder Kreuz noch frommes Bildwerk,
noch ein Weihbronnen zu sehen. Das
hat ihr wohl der Teufel anbefohlen,
als sie ihm Leib und Seele ver
schrieb
«Was ihr nicht alles wißt! Nein
nicht der Teufel, ich selbst Hab' Kreuz
und Weihwasser von meiner Stube
ferngehalten. Ich mag beides nicht.
Das ist der Grund."
Der Oberschultheiß und die Räte
tickten vor Entsetzen mit den Stüh
len und wischten sich den Angstschweiß
von der Stirn.
„Hab' euch erschreckt, ihr Herren.
Tut mir leid. Ich glaub' an einen
Herrgott, ja. Doch mehre res Da
lasset mich in Ruhe! Wenn wahr wä
re, was ihr Gott und GotteSliebe
nennt, dann wäre nicht die Welt in
Glück und Eleitd auseinandergeris
sen. dann säße nicht die Schuld auf
dein Richterstuhl und verdammte die
Unschuld."
„Uorribik!
Ihr werten Herren
Räte, beachtet wohl das liebe ritt ab
von Trotz und Bosheit, so aus diesem
Weibe spricht," mahnte der Ober
schultheiß, sich cm seine Beisitzenden
wendend.
„Endlich hat man beobachtet," fuhr
er fort, „daß sich in ihrem Zimmer
eine ganz unnatürlich große Spinne
gezeigt hat, mit der sie höchst verdäch
tige Blicke gewechselt hat. Das war
doch wohl der leidige Gottseibeiuns?"
»Herr, Ihr werbet lustig. Wer hat
die Spinne gemessen? Und bin ich's
allein, an deren Wänden Spinnen
laufen? Ei, geht doch durch die Stadt
und forscht und spürt nach Spinnen
ich wette, 's wird Euch bange, die
ganze Stadt ist dann des Teufels,
lind ohr auch."
«Sie verharret also hartnäckig in
ihrem frechen Leugnen?"
„Hab' nichts zu bekennen."
„Der Henker trete ein!"
Tie Alte zuckte zusammen. Angst,
Haß und wilder Zorn blitzten aus
ihren AIlgen ein Schauer schüttelte
ihren Leib, daß die Ketten klirrend
aneinander schlugen. Einen Augen
blick schien sie zu wanken, dann reckte
sie den Leib in wildem Grimme, warf
swlz das Haupt empor und maß den
eintretenden Henker mit glühenden
Blicken.
„Bekennt sie nicht?" fragte der
Ober fchu Ithein zum letzten male, sich
erhebend.
Die Ammsrau stieß ein grelles
„Nein" heraus.
Der Richter winkte.
Die Alte ward an Brust und Rük
feit entblößt. Ein Jammerbild von
einem Leibe, dem Tode gleich, der sich
in welke Haut gekleidet.
Der Henker band sie auf einen
Stuhl und sah fragend nach dem
Oberschultheißen hinüber. Dieser gab
da5 Zeichen, und Streich um Streich
fiel auf den knochigen Rücken.
Streng und kalt sahen sie dem
Schauspiele zu, die weisen Herren
sahen, wie ein alter Menschenleib sich
unter wildem Schmerze krümmte, wie
Blut die Stellen bezeichnete, wo sich
die Rute in das welke Fleisch gegra
ben sie hörten, wie die Brust dem
Schmerze durch Stöhnen, Aechzen,
schrille Schreie Ausdruck gab. Sie
sa hen's alle mit ruhigem Auge an.
Nur einer ivandte den Blick und zuck
te bei jeglichem Streiche, bei jedem
Schmerzeitsrufe: es luar der Rats
herr Gering. Ein gräßliches Bild
stieg da vor seiner Seele auf. Ihm
war's, als quälten sie dort die blinde
Elsa, seinen Liebling und jeder
Streich, der schwirrend, pfeifend nie
derfiel, und jedes Ach, das durch die
dumpfe Stille drang, schrie: Elsa!
„Genug!" befahl der Oberschult
heiß nach dem sechzehnten Rutenstrei
che.
Der Henker trat zur Seite, seine
Rute prüfend.
Die Ammsrau warf einen Blick
nach dem Gestrengen, aus dem einen
Augenblick ein Strahl von Dankbar
keit leuchtete sogleich aber ging die
ser wehmilde Zug wieder in Grimm
und Haß über, welche ihre Seele
luälten, wie der grausame Schmerz
den Leib.
„Wird sie nun wohl bereit sein,
ihre Schuld zu gestehen?" fragte ton
ilos der OberschullhM.
Die Alte starrte vor sich nieder.
Ihre Glieder zuckten, die Lippen aber
blieben fest geschlossen.
»Ich warne sie vor dem nächsten
Grade peinlicher Tortur!"
Sie schlug die Augen auf und sah
die Richter der Reihe nach mit trof
fen em glühendem Blicke an. Und als
sie dem Ratsherrn Gering ins Ant
litz schaute, da war es erst wie Frage,
wie Bitte um Erbarmen, dann wie
der wie Rache, Mutige Rache, was
ihr Auge sprach.
„Ich habe nichts zu bekennen."
Ein netter Wink an den Henker.
Dieser löste die angstvoll schauende
Alte vom Stuhle los, legte sie auf
den Boden und band ihr Hände und
Füße. Dann zog er durch die Bande
einen Strick, der durch einen Ring
laufend von der Decke hing, erfaßte
das Ende desselben und zog, seine
Füße fest gegen den Boden stemmend,
die Ammfrau ruckweise in die Höhe.
Und sie schauten auf, wie die
Alte zwischen Decke und Estrich hing,
ein Knäuel, ächtend, stöhnend, rö
chelnd. die Schergen, der Gerechtig
keit. nicht ahnend^ daß ihr Andenken
in Ewigkeit der Schmach, der tiefsten
Schmach anheimgefallen!
„Noch kein Geständnis?"
Ob wohl die Arme diese Frage
hörte? Ob nicht der Schmerz die
Sinne band und sie in seinen dun
fein Wellen begrub?
Keine Antwort.
„Ad tertium torturac gradumf"
„Ich denke, 's ist genug, mehr als
genug!" platzte nun in hellem Eifer
Gering heraus. „Was soll das hei
ßen —Gericht oder Mord? Wißt ihr
denn überhaupt, ob nicht der Tod sie
schon erlöste von euerer Weisheit?
Herrgott im Himmel, hängt Euch
daran, Gestrenger, und Ihr gesteht,
daß Ihr den Teufel zum Vater hat
tet! Di.vi!"
„Hm," näselte der Oberschultheiß
und zog die Brauen hoch. „Vermesse
ite Rede das, liebwerter Herr, für
wahr, sehr vermessen! Hier liegt das
peinliche Recht. Hab' ich's gemacht?
Nein! Hab' ich darnach zu richten?
va! Ergo fiat justitia! Henker,
vorwärts!"
Gering erhob sich rasch, daß der
Stuhl hinter ihm zu Boden fiel, und
verließ den Saal.
Ter Henker aber nahm ein Ge
wicht von mehr als einem Viertel
zentiter. Tas hing er, den Strick um
die Hüften geschlungen, der Schwe
benden unter.
Ein marfinirchbohrendfM* Schrei, so
namenlos weheklagend, daß er dem
Henker selbst einen Blick des Mitleids
abrang.
Die Glieder krachten- immer län
ger sich dehnend und streckend, die
Sehnen bis zum Zerreißen spannend.
Nun fiel der Kopf nach rückwärts, die
Haare hingen fast zum Boden, mit
Totenglast überzogen starrten die Au
gen. Und nun drang Blut hervor
zwischen den regungslos geöffneten
Lippen und träufelte auf den Boden.
Auch eine Schrift in Stein, und
was für eine!
„Genug!"
Ter Henker atmete auf, mit einem
Rucke war die Alte zur Erde gelassen
und schnell von dem Steine befreit.
Wehe 0 wie wehe das
haben nicht Menschen getan nicht
wilde Tiere es ist Hollenqual!
O sie haben mir alles zerrissen
ha, Blut hier 's ist Herzblut!"
Die Aermste richtete sich mühsam
auf, das Haupt auf den rechten Arm
stützend.
„Bekennen soll ich! —Was denn?
Ja, wenn ich es nur wüßte!
O wie es brennt und schneidet in
allen Gliedern! Rache! Einzi
ger Trost, der mir geblieben Ra
che! Ja, ich will bekennen!"
„Gebt mir Wein!" sprach sie, aus
dem Geflüster ihre Stimme zu laute
rem Tone erhebend. „Gebt mir Wein,
dann will ich alles alles beken
nen."
„Gott fei Dank!" rief der Ober
schultheiß. „Man bringe der Malefiz
perfoit guten Wein auf meine
Rechnung, weiß Gott, ich Hab' ein
weiche» Herz und dann mag sie die
schwere Schuld, die aiuf ihr lastet,
von sich wälzen durch offenes Be
kenntnis."
Tie Aminfrau nippte erst, dann
trank sie in langen gierigen Zügen
den großen Becher leer.
„'s ist gut das letzte Gute wohl
in dieser Welt. Habt Dank! Und
nun nun sollt ihr alles wissen,
was ich weiß. 's ist kein Bekennt
nis s' ist schmerz und Wahnsinn,
was mich sprechen lehrt
„Es war vor Jahren ich weiß
nicht mehr, um welche Zeit da sah
ich auf meiner Stube. Der Abend
war zur Nacht geworden. Wilder
Sturm heulte durch die Gassen und
rüttelte an meinen Fenstern. Mein
Herz war traurig bittere Not, wo
hin ich sah und nirgends Trost!
Da faßte mich ein wilder Grimm
ein langes Leben hinter mir und
keine Freude drin ich fluchte Gott
und rief den Satan. Er sam
ich kamt euch die Gestalt nicht gut
beschreiben ich sah ihn wie in ei
nem Feuernebel."
(Fortsetzung folgt)

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