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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, March 22, 1952, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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(Fortsetzung)
„Apropos! Zurlauben gab mir ein
paar Zeilen an Sie mit, und es sollte
mich nicht wundern, wenn auch von
beut hübschen Mädchen mit den gro
ßen blauen Augen ein Billetdoux ein
geschlossen wäre, welche ich um Jhret
willen rotgeweint sah. Mon Dieu!
Sie können stolz sein für mich hat
noch kein schönes Auge eine Träne
geweint!"
So plauderte Rougeville, während
er in seiner Brieftasche nach Zurlau
bens Brief suchte. Gern hätte ich ihn
gleich gelesen: aber die Ankunft von
mehreren Männern, die rasch hinter*
einander die Stube betraten, machte
es mir unmöglich. Es waren ein Mit
glied der Kommune, namens Moelle,
ferner ein gewisser Jobert, ein
Leboeuf und Toulan, die fast gleich
zeitig eintrafen. Ich wurde ihnen als
der erwartete Schweizer Offizier von
Rougeville vorgestellt, und sie reich
ten mir höflich, aber etwas zurückhal
tend die Hand. Toulan gefiel mir am
besten unter ihnen. Wie Michonis,
war auch er ein eisriger Anhänger
der Revolution gewesen, hatte am
10. August der Kommune angehört
und als Lohn seines Patriotismus die
Stelle eines Kommissärs zur lieber
wachung der königlichen Gefangenen
erhalten, und wie Michonis, hatte auch
ihn das Beispiel der heroischen Ge
duld, das er im Temple erblickte, und
der wahrhaft diabolischen Bosheit, die
unter den Leitern der Revolution täg
lich mehr zutage trat, von seiner Frei
heitsschwärmerei geheilt. Beide boten
jetzt alles auf, um den König und
dessen Familie vor dem blutigen Los
zu retten, das ihnen der Konvent be
reitete. Toulan hatte etwas Ver
trauenerweckendes. Offenes in seinem
Mnzen Wesen: ich fühlte mich von der
eisten Stunde an zu ihm hingezogen.
Bald nach Toulan kamen zwei feu
rige Royalisten, ein gewisser Ricard,
der Tomäneninspektor gewesen war,
und ein Chevalier de Jarjeayes. Diese
beiden wandten sich sofort an Rouge
ville und fragten diesen, ob Baron
de Batz noch nicht nach Paris zurück
gekehrt sei. Gegen Toulan und die
übrigen Bürgerlichen benahmen sie
sich sehr zurückhaltend mir aber, der
ich ihnen von Rougeville als Offizier
der Schweizergarde vorgestellt wor
den, reichten sie mit ausgesuchter Höf
lichkeit die Hand.
Endlich traf auch Michonis ein, und
man beschloß, die Beratung zu begin
nett. Es ist mir natürlich nicht mög
lich, alle Vorschläge mit ihrem Tafür
und Dawider hier aufzuzeichnen.
Michonis entwickelte einen Fluchtplan,
bei dem List eine größere Rolle spielte
als Gewalt. Sechs bis acht Kommis
säre des Nationalkomitees befanden
sich stets zur Ueberwachung der Ge
fangenen im Temple zwei davon hat
ten den Auftrag, der Reihe nach per
sönlich den König zu überwachen,
Während die übrigen im sog. Ratszim
mer des Erdgeschosses verbleiben muß
ten. Nun, sagte Michonis, glaube er
es leicht einrichten zu können, daß
Toulan und er gleichzeitig den Dienst
beim König erhielten. Dann, meinte
er, würde es nicht schwer sein, den
übrigen sechs Kollegen einen Schlaf
trunk beizubringen und sie einzu
schließen.
„Gut? Man bringe diesen Herren
einen Schlaftrunk bei, aber einen star
ken, wenn sie nachher auch nicht mehr
erwachen," riet einer der Verschwore
nen, ich glaube Ricard.
»Hat man die sechs Kommissäre so
oder so für wenigstens sechs Stunden
unschädlich gemacht," fuhr Michonis
fort, „so gilt es, den Concierge
Mathey und seine beiden Gehilfen
Rocher und Risbey und den Doppel
Posten am Turn: und am Straßentor
zu überwältigen, aber so rasch und ge
schickt, daß sie keinen Lärm machen
können. Um das zu ermöglichen, hoffe
ich, die Posten ganz oder doch zum
Teil mit Leuten von uns zu besetzen.
Diese Helden der Pariser Bürgerwehr
sind ja immer froh, wenn ein Ersatz
mann für sie auf Wache zieht. Mon
Dieu, das warme Bett ist ihnen in
diesen Winternächten doch viel lieber
als die Ehre, in Wind und Kälte den
König zu bewachen! Sind die beiden
Posten überwältigt, so muß die Flucht
gelingen. Denn die Herren Chevalier
von Rougeville und de Jarjeayes hal
ten in der Rue Phelippeaux, dem
Gtraßentor des Temple schief gegen
über, Pferde und Wagen bereit.
Also rasch in die Kutsche mit den Be
freiten, und fort geht es nach der
Uormandie! Man wird die Küste und
ftin Schiff nach England erreichen kön
nen, wenn die Flucht auch nur sechs
Stunden verborgen bleibt!"
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JOSEPH SPILLMANN, S.J.:
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UM DAS LEBEN EINER
KÖNIGIN
Historischer Roman aus der franzoesischen Schreclcenszeit
Rougeville wollte nicht glauben,
daß es möglich sei, die Posten zu über
wältigen, ohne daß ein Schuß oder ein
Schrei die Wache ins Gewehr ruft.
Auch müsse man mit der Möglichkeit
rechnen, daß eine Patrouille, wie sb
ja jeden Augenblick die Straßen
durchziehen und dem Temple um
kreisen, den ganzen Plan vereitle.
„Und gesetzt auch, es ginge im Temple
alles gut, so würde die Wache an den
Stadttoren die Wagen mit den Flüch
tigert nicht durchlassen. Der König hat
ja eine solche Gestalt, daß ihn jedes
Kind in Paris kennt," sagte er.
„Michonis' Plan, so gut derselbe er
sonnen ist, scheint mir daher nicht
durchführbar. Ich bin für einen
kühnen, ritterlichen Handstreich. Der
verträgt sich auch mit der königlichen
Würde besser."
Und nun entwickelte Rougeville mit
viel Feuer seine Absicht, den Klub der
Jakobiner in die Luft zu sprengen
und, die Verwirrung benutzend, den
König mit Gewalt aus seinem Kerker
zu entführen, nachdem man vorher
einige vertraute und entschlossene
Männer in den Temple eingeschwärzt,
um Seine Majestät vor dem Dolch
eines verzweifelten Sansculotten zu
schützen. „Auf vierzig bis fünfzig
kühne Gesellen glaube ich zählen zu
können die Rosse müssen gesattelt und
gezäumt in Stallungen der Nachbar
strafent bereit stehen: ebenso die Wa*
gen für die königliche Familie. Wie
man den Knall hört, stürzt sich mein
Freund de Jarjeayes mit seinen Ge
fährten auf den Doppelposten. Wer
sich widersetzt, wird niedergehauen
oder mit der Pistole über den Haufen
geschossen, In fünf Minuten kann der
König im Wagen sein, und unsere
Säbel sollen ihm die Stadttore öff
nen.. Das brave Landvolk wird ihm
feilt zweites Varennes bereiten, und
selbst wenn irgendwo ein Dorfschulze
mit einer Schar Sensenmänner uns
den Weg verlegen wollte, hauen wir
uns durch und bringen unseren
Louis XVI. in die treue Vendee, wo
sich das ganze Volk begeistert um
seinen König scharen wird. Und dann
wollen wir die Schandbuben dieses
Konvents zu Paaren treiben!"
Ricard und de Jarjeayes stimmten
diesem Plan feurig zu und sagten, ge
wiß werde auch Baron de Batz und
die Edelleute, die derselbe inzwischen
angeworben habe, diesem kühnen
Handstreich den Vorzug geben. Auch
mir gefiel er anfangs. Toulan und
Michonis erhoben aber so viele Ein
wände dagegen, daß er mir bald noch
weniger durchführbar schien als der
von Michonis entwickelter Anschlag.
Zunächst erklärte Toulan, er werde
zu einem solchen Massenmord wie die
Zerstörung des Jakobinerklubs seine
Hand nicht bieten.
Das trug ihm von leiten Ricards
die hämische Bemerkung ein: „Natür
lich es würden zu viele Freunde
von Ihnen gen Himmel oder
anderswohin fahren!" Toulan
wollte bitter antworten, wurde aber
von Michonis daran verhindert. Dann
bemerkte der Polizeioffizier, er halte
es für unausführbar, eine Mine unter
der Jakobinerkirche anzulegen, ohne
daß man es entdecke.
„Haben Sie nie von der Pulver
verschwörung in London gelesen?"
fragte Rougeville.
„Doch, aber ich habe dieses Mär
chen, das Ihrem Plan als Vorbild
dient, nie geglaubt. Wie wollen Sie
von einem Keller der Nachbarhäuser
ails miter der Straße her einen Stol
len graben, ohne daß man die Arbei
tcr höre? Wohin wollen Sie die
Masse Erde schaffen? Woher die
nötige Anzahl Fäßchen Pulver be
ziehen, ohne auffällig zu werden?
Nein, so wie die Geschichte der Lon
doner Pulververschwörung erzählt
wird, halte ich sie für erfunden. Aber
gesetzt, das Unmögliche gelänge
Ihnen, und die ganze Kirche flöge mit
Robespierre und Marat und St. Juste
und allen ihren Gefährten in die Luft
daß die Mehrzahl von ihnen den
Tod verdienten, will ich nicht leug
nen —, was nützte es Ihnen? Der
Knall würde ganz Paris alarmieren
und in erster Linie die Wache des
Temple! Bevor unser tapferer Jar
jeayes mit seinen vierzig bis fünfzig
Getreuen zu meinem Bedauern
sehe ich, daß die Zahl bedeutend zu
sammenschmolz: Baron de Batz pflegte
uns sonst die zehnfache Macht zu ver
sprechen aber wenn es auch vier
hundert bis fünfhundert Retter wä
ren, sie würden die Kanoniere im
Temple an den mit Kartätschen ge
ladenen Stücken finden, die den Tor
weg verteidigen. Rasch würden neben
ihnen die zweihundertachtzig Mann
der Besatzung zu Ihrem Empfang
.. .„
Rougeville wußte diese gewichtigen
Einwände nicht genügend zu entkräs
ten, obschon er viel von der allgemei
nen Verwirrung redete und es für
ausgemacht erklärte, daß alle Pariser,
ihrer Neugierde folgend, zunächst nach
dem Ort der Explosion eilen würden,
und daß der seiner Führer plötzlich
beraubte Pöbel nicht zu fürchten sei.
Doch gab er zu, das Tor des Tempi.?
wäre nicht leicht int Sturm zu neh
men, wenn die Kanoniere wirklich
beim ersten Alarm mit brennenden
Lunten an ihre Stücke träten.
Man beschloß also, den Plan von
der Sprengung der Jakobinerkirche
aufzugeben, und de Jarjeayes schlug
statt dessen einen nächtlichen Ueberfall
des Temple vor. Wie beim Plan
Michonis' mußten zuverlässige Leute
von uns unter die Wachen geschmug
gelt werden. Diese hatten die Auf
gabe, die beiden Kanonen zu ver
nageln und den Torweg so lange
gegen die Besatzung des Temple zu
halten, bis die Gefangenen im Wagen
waren. Eine andere Abteilung mußte
sich inzwischen der Barriere von
Saint-Martin versichern. So wäre es
möglich, den Flüchtlingen wenigstens
den Norsprung von einer halben, viel
leicht einer ganzen Stunde zu ver
schaffen.
Das fei entschieden zu wenig,
wandte Leboeuf ein. Da erinnerte ich
mich meines alten Planes, den ich
dem Grafen Fersen vorgeschlagen
hatte, als es sich um die zu Varennes
vereitelte Flucht des Königs handelte.
Ich schilderte also den unterirdischen
Gang aus dem Keller Huwilers im
Faubourg Saint-Martin nach den
Steinbrüchen der Buttes de Chau
iiiont. Michonis horchte hoch auf.
„Vortrefflich," sagte er, „das paßt
in jeden Plan!- Wenn wir nicht ganz
sicher sind, daß der König ausreichende
Zeit zum Entkommen hat, so lassen
wir ihn bei dem bezeichneten Hause
aussteigen und verbergen ihn in dem
unterirdischen Gange, während die
leere Kutsche, von sechs Pferden ge
zogen, voranrast und die Verfolger
auf falsche Fährte lockt. Morgen schon
müssen Sie mir diesen Gang zeigen."
Von allen Seiten wurde mein
guter Einfall gelobt. Mit Stimmen
mehrheit entschied man sich dann für
den von de Jarjeayes vorgeschlagenen
Ueberfall, vorausgesetzt, daß es ge*
Iiiige, die von Batz versprochenen Rei
ter, wenigstens zweihundert durchaus
zuverlässige Edelleute, zu erhalten,
und daß man sich der Gelegenheit in
dein von mir bezeichneten Hause wirk
lich bedienen könne. Noch wollte
Ricard vorschlagen, den König ge
waltsam zu befreien, wenn man ihn
zu feinem Prozeß in den Konvent
führe aber das wurde als viel zu ge
jährlich von der Mehrzahl verworfen,
da bei dieser Gelegenheit gewiß eine
bedeutende Macht der Bürgerwehr in
den Straßen versammelt und Reiterei
den Wagen begleiten werde. Auch
bliebe selbst int Falle des Gelingens
der Dauphin und die Königin in der
Gewalt der Sansculotten. Tag und
Ttunde für den Handstreich sollten
in einer späteren Versammlung be
stimmt, inzwischen aber alles für die
Ausführung vorbereitet werden, Wa
gen, Pferde usw.
Nachdem das alles besprochen war,
zog Rougeville die Klingel und be
stellte „die beste Flasche im Keller".
Der Wirt, der dieselbe persönlich
brachte, sah jetzt gar nicht so jakobi
nisch aus wie in den vorderen Sälen.
Statt der roten Mütze trug er ein
ganz bescheidenes schwarzes Sammet
käppchen auf feinen weißen Haaren
und kredenzte uns den feinsten alten
Bordeaux aus den in besonderen
Körbchen liegenden, von Spinnweben
umflorten Flaschen in geschliffenen
Gläsern fo zeremoniell, wie nur ein
königlicher Mundschenk ihn hätte dar
bieten können. Freundlich lächelnd hob
er das rote Rebenblut gegen das Licht
und sagte: „Es lebe der alte Wein
und die alten Zeiten!" und zog sich
dann mit einer Verbeugung zurück.
Wir aber ließen auf das glücklichere«
lingen unserer Plätte die Gläser klin
gen, und nachdem die Geister des
edlen Traubensaftes, die so lange im
dunklen Keller gefangen lagen, unser
Blut rascher durch die Adern trieben,
stimmte Rougeville mit seinem wei
chen Bariton das Lied an:
i
v O
V
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OHIO-WAISENFREUND
V
T1K'
b«M fet« btwch den Knall
Ihrer mörderischen Mine unter die
Waffen gerufen. Kartätschenfeuer und
Flintenkugeln würden Sie begrüßen.
Und selbst wenn es Ihnen gelänge,
die beiden Tore des Tetnple im Sturm
zu nehmen, so würden inzwischen die
Glocken von allen Türmen heulen und
der Generalmarsch durch alle Straßen
rasseln. Hätten Sie dann noch den
Mut, das Leben des Königs und
seiner Familie der Wut des Pöbels
preiszugeben, der im Nu alle Stra
ßen und Plätze mit Bewaffneten fül
len würde? Ich versichere Sie, die
Wagen könnten nicht den Boulevard
des Temple erreichen, bevor sie zer
trümmert und die Insassen ermordet
wären!"
(Ö BukMg, o mein K8Mg,
Unsere Liebe gilt dir!
All unsre Herzen schlagen
In Treue dir für und für!)
Blondels berühmtes Lied an den ge
fangenen Richard Löwenherz dem
armen, ebenfalls gefangenen Ludwig
anpassend. Man wird es mir viel
leicht nicht glauben, aber Tränen sah
ich in den Angcit dieser treuen An
hänger ihres unglücklichen Königs
glänzen, und auch ich fühlte mich tief
ergriffen. Rasch leerten, wir unsere
Gläser, drückten uns die Hand und
trennten uns.
Z w ö e s K a i e
Das Gespenst im Faubovrg
Saint-Marti»
In meinem Quartier in der Rue
de Bussi angelangt, mußte ich zuerst
noch ein langes Verhör von der gut
mütigcit Hauswirtin bestehen, welche
die Eindrücke des ersten Tages meiner
Rückkehr nach Paris erfahren wollte.
Mit vielen Klagen teilte fie mir mit,
die Kern mime habe jetzt fogar den
Besuch der Mitternachtsmesse zu
Weihnachten untersagt und wolle das
Fest der hl. Genoveva, der Stadt
patronitt, abschaffen. Ja, man rede
sogar davon, daß der Konvent die
christliche Religion überhaupt dem
nächst unter Todesstrafe verbieten
werde. Was das für Zeiten feien, jam
merte sie mit Recht und meinte, der
Jüngste Tag könne nicht mehr fern
sein. Ihre Nachbarin halte auch den
Marat für den leibhaftigen Antichrist,
und ant Tage, da man den guten
König ermorde, werde man die Teufel
in sichtbarer Gestalt in den Straßen
dieser gottlosen Stadt tanzen sehen.
Solches und ähnliches mußte ich an
hören, ehe ich auf meinem Zimmer
endlich das Schreiben Zurlaubens
öffnen konnte.
Dasselbe enthielt wirklich einen
Brief meiner lieben Mutter, und
dieser einen Zettel von Vrenelis Hand.
Schon daß Vreneli mir schrieb, be
wies, daß es mich noch liebte. Ich
ichlug denn auch die Vorwürfe, mit
denen es mich überhäufte, nicht sehr
hoch an. Am Schluß schob das gute
Mädchen die Hauptschuld auf meinen
alten Götti, dem sie ein wenig mehr
Verstand zugetraut hätte, und auf
„diesen leichtsinnigen emigrierten
Chevalier", der daß ich es nur
wisse —ihr unverschämt den Hof ge
macht. Sie habe aber mehr Beständig
keit in ihrem "Charakter als gewisse
andere Leute, und werde überhaupt
nicht heiraten, nachdem sie die Treue
des „Maummlchs" an mir erfahren
habe. Ich aber werde mich wohl über
die Tränen, die sie meinetwegen ver
gössen, bei diesem Grafentöchterchen
trösten. Gott möge es mir verzeihen,
wie sie mir verzeihe! Auch bete sie alle
Tage für mich, daß Er 'mich nicht in
meinen Sünden abrufe denn ich hätte
nicht nur gegen sie, sondern auch
gegen meine arme, alte, kranke Mut
ter gefrevelt der alte Zurlauben
könne nun sagen, was er wolle.
Fast mit Unmut schob ich diesen
Erguß ihrer Eifersucht, der mir weh
tat, beiseite. „Sie ist ungerecht gegen
mich, und ich hoffe es ihr eines Tages
zu beweisen," sagte ich. „Aber sie liebt
mich dennoch, und deshalb sei ihr ver
ziehen."
Tie Zeilen meiner Mutter aber
trieben mir die Tränen in die Augen.
Wie ihre Hand beim Schreiben gezit
tert hatte o daß ich sie küssen
könnte? Und hier was sind.das für
Flecken? —, kein Zweifel, da waren
Tränen auf das Papier getropft! Ich
kniete nieder und preßte meine Lip
pen auf fie und die Namensunter
schrift: „Gott behüte Dich im Leben
und int Sterben! Es befiehlt dich in
den Schutz der lieben Mutter Gottes
und der heiligen Engel und grüßt
Dich herzlich vielleicht zum letzten
mal Dein dich liebendes Mütter
chen Witwe Jofepha Muos nee Hedi
ger." „Vergiß nicht, alle Tage zu
beten am Morgen und am Abend,"
sagte sie in der Nachfchnft, „auch wir
beten alle Tage für Dich. Notabene,
Vreneli Ketjfer bleibt Dir true, wenn
es Dir auch jetzt noch etwas bös ist.
Verzeih mir die ,ToIgen'" die gute
Mutter meinte damit die Tränen
flecken, die sie mir fo als Tintenkleckse
erklären wollte „es wird mir zu
schwer, den Brief noch einmal abzu
schreiben."
du liebes Mutterherz, was sind
mir da die Tränen aus den Augen
geflossen, als ich die Worte las und
wieder und wieder las! Auch keine
Silbe eines Vorwurfs! Zurlauben
habe ihr alles erklärt. Nur namen
lose Angst für mich und die Furcht,
daß sie mich hienieden wohl nie mehr
sehen werde, redeten aus diesen mit
zitternder Hand geschriebenen Zeilen.
Ich weinte wie ein Kind und kniete
nieder und las den Brief wie ein
Gebet auf meinen Knien, und ein
Gebet, ein schöneres als manche, die
in Gebetbüchern stehen, war der Brief
meines Mütterchens, und oft noch
habe ich Stellen daraus gebetet und
ihn wie eine Reliquie in das ©kopu
lier hineingenäht, das ihre liebe Hand
mir einst umhängte.
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dauerte löitfte, W ich mich von
meinem Herzweh auch 4o weit erholt
hatte, daß ich Zurlaubens Brief lesen
konnte. Derselbe war gegen seine Ge
wohnheit, mit fliegender Feder ganze
Folioseiten zu füllen, sehr kurz und
klug abgefaßt. Er wünschte mir nur
in allgemeinen Ausdrücken guten Er
folg meiner Geschäfte und ein „glück
haftes Neujahr". Die Unterschrift
lautete einfach: „Dein Gätti Z." der
Name Zurlauben hätte mich ja bei
der französischen Polizei verdächtigen
können. Ich verbrannte den Brief,
und auch Vrenelis Zettel flog in die
Flamme des Kamins. Doch bereute
ich meinen Unmut sogleich und rettete
das angebrannte Blatt noch eben aus
dem Feuer. Der Mutter Brief trug
ich seither bis auf diese Stunde wie
einen Talisman bei mir.
Zeitig stand ich am anderen Mor
gen auf. Brunner war nicht nachHaufe
gekommen doch beunruhigte mich das
wenig. „Er kennt sich in Paris aus,"
tröstete ich mich, „und wird irgendwo
gute alte durstige Freunde getroffen
haben. Wenn sein schmaler Beutel
leer ist, wird er sich schon wieder bei
mir melden."
Bevor ich Michonis aufsuchte, um
mein „Amt" als Sergecmt-de-Ville in
seinen Diensten anzutreten, mußte ich
doch Rofalte Blanche! begrüßen, die
gute alte Haushälterin des Großrich
ters Keyser, der ich fo viel Liebes zu
verdanken hatte. Gleichzeitig wollte
ich bei ihr den Schlüssel zu dem Gar
tenhäuschen Huwilers holen. Sie
wohnte in der abgelegenen Rue Tait
bout, gegen Montmartre hinauf, und
ich traf sie, wie ich erwartet hatte,
mutterseelenallein in ihrem Stübchen.
Die Freude der treuen Seele bei
meinem Anblick und gleich darauf ihr
Schrecken, daß ich mich nach Paris
hineingewagt, will ich nicht beschrei
ben doch war die Ueberraschung nicht
so groß, wie ich es erwartet hatte.
Brunner hatte sie tags zuvor besucht
und über meine Ankunft belehrt. Sie
ahnte sofort, daß es der Rettung des
Königs gelte, sagte aber feine Silbe
davon, sondern machte nur ein großes
Kreuz über ihre Lippen. Ob der Herr
Großrichter auch da sei, fragte sie, und
sie schien froh zu sein, als ich es ver
neinte. Natürlich mußte ich Rosalie
ausführlich von ihm erzählen, und
auch nach seinem Töchterchen fragte sie
und war mit meinen kurzen Antwor
ten nicht ganz zufrieden.
Dann kam ich auf das Gartenhaus
in der Vorstadt Saint-Martin zu
sprechen, dessen Nutznieß ihr der
Großrichter bei unserer Flucht aus
Paris übergeben hatte wie auch den
jenigen seiner Wohnung in der Rue
Saiitte-Apolline. Sie jammerte und
sagte, weder das eine noch das andere
dieser Häuser habe ihr bis jetzt auch
nur einen Sou Rente eingetragen.
„Wer wird denn in solchen Zeiten
nach Paris kommen und sich ein
mieten?" klagte sie. „Wer Geld hat,
verläßt die schreckliche Stadt, die ganz
gewiß dem Untergang geweiht ist."
Und auch Rofalie wollte mir die ent
setzlichsten Gesichte und Weissagungen
erzählen, ähnlich wie die gute Frau
Girard. Aber ich ließ ihr keine Zeit
dazu, sondern sagte rasch, es freue
mich, daß das Häuschen in der Vor
stadt nicht vermietet sei, und bat sie
sofort um den Schlüssel.
„Es ist aber vermietet!" sagte sie.
„Nur hat mir der Mietsmann, ein
liederlicher Flickschneider, die Miete
noch nie bezahlt."
»So kündet Ihr ihm die Wohnung
sofort denn ich bedarf dieses Garten
häuschens."
„Dessen getraue ich mich nicht! Der
Mensch mürbe mich in der Sektion
als eilte Aristokratin verklagen, wie er
mir schon gedroht hat! Ach, Sie wis
sen gar nicht, in was für Zeiten wir
jetzt in Paris leben! Ziehen Sie doch
in das schöne Wohnhaus mit dem
freundlichen Garten am Boulevard
das hat, seit es der Großrichter ver
ließ, leergestanden."
Nein, ich bedurfte Huwilers Häus
chen mit dem Zugang zu dem unter
irdischen Ausweg. Doch konnte mir
auch das Haus am Boulevard, ganz
in der Nähe der Porte Saint-Martin,
zu unseren Plänen dienlich sein. Ich
bat also Rosalie, in den nächsten
Tagen dorthin zu übersiedeln und da
selbst stets einige Zimmer für mich
und gute_ Freunde bereit zu halten.
Den Flickschneider wolle ich schon selbst
zur Räumung des Gartenhäuschens
bewegen. Damit und mit dem Ver
sprechen, sie bald im Hause des Groß
richters zu besuchen, entfernte ich
mich.
Michonis erwartete mich schon. Er
hatte eine Uniform, wie sie die Poli
zeisoldaten trugen, für mich bereit
und machte mir den Kammerdiener.
Ueber meine Beinkleider mußte ich ein
Paar elende, weiß und blau gestreifte
Zwilchpantalons anziehen, dazu eine
rote Weste und einen hellblauen Rock
mit roten Aufschlägen. Den Zopf ließ
er mir doch pudern sollte ich mich
nicht mehr: „Die Nation will nicht,
daß so viel Weizenstoff, der zur Nah
rung des Volkes dienen könnte, auf
den Köpfen ihrer Verteidiger vergeu­
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det werbe," sagte et mit Mer (Sri*
masse, die Rede eines „tugendhaften
Jakobiners" verspottend.
Dann setzte Michonis mir den
Schiffhut mit der Kokarde quer auf
den Kopf und sagte: „Von heute ort
sind Sie Sergeant-de-Ville und vom
Wohlfahrtsausschuß in besonderem
Dienst dem Kommissär Michonis bei
geordnet. Hier sind Ihre Papiere!
Bei den vielen hundert Polizeisolda
ten, welche die Kommune von Paris
unterhält, kräht kein Hahn danach,
wenn auch einmal ein unbezahlter
mitläuft. Und nun wollen wir zusam
men einen Patrouillengang in die
Vorstadt Saint-Martin machen und
auf ,dringenden Verdacht' hin jenes
sehr interessante Haus etwas näher
untersuchen, von dem Sie uns gestern
erzählt haben. Es wird uns schon ge
lingen, den Flickschneider gutwillig
zum Auszug zu vermögen."
Wir machten tins also zusammen
auf den Weg. Ohne Mühe fand ich
das Häuschen Huwilers, und das
selbe gefiel schon von außen Michonis
für unseren Zweck. „Es ist so unschein
bar und wird selbst zur Winterzeit
von Buschwerk und Bäumen fast ganz8
versteckt," sagte er „hinter den ver
schlossenen Läden wird niemand den
König und dessen Familie vermuten."
Als wir eintraten, fanden wir den
Flickschneider Jacques Villain, der
auf einem Plakat an der Haustür
allen braven Sansculotten zu jeder
Zeit und zu niedrigen Preisen seine
Dienste anbot, soeben beschäftigt, seine
Siebensachen zusammenzupacken.
„So," schrie eine gellende Weiber»
stimme vom Bett her, „du Lump!
Heute nacht hat dich der Teufel holen
wollen, und jetzt holt dich die Poli
zei!"
„Sei stille, liebe Seele," sagte der
Schneider. „Die Bürgerpolizisten
holen heutzutage feinen Sansculot
ten, sondern nur ci-devants und Ver
räter an der einen und unteilbaren
Republik. Jacques Villain ist als
guter Patriot bekannt! Aber der Böse
hat allerdings heute nacht an mich
und mein süßes Weib wollen, Bürger
Polizisten. Seht nur, der liebe Engel
hat sich von dem nächtlichen Schrecken
noch gar nicht erholt, und ich bleibe
allerdings keine Stunde in diesem
verhexten Hause, in dem es greulich
spukt. Ich habe natürlich Mut wie
jeder Franzose aber meine liebe Ehe
frau gehört denn doch dem schwachen
Geschlecht an, und so ziehen wir aus."
„So, dem schwachen Geschlecht ge
hör' ich an? So, du hast Mut? Und
wer ist denn heute nacht vor Angst
unter das Bett gekrochen? Wen habe
ich gestern abend noch mit diesen Fäu
sten durchgeprügelt, als du, wie ge
wöhnlich, besoffen aus dem verwünsch
ten Klub nachhause kamst?" schrie der
„liebe Engel" und stemmte die kno
chigen Arme in die Seiten. „Aber
darin hat der Jacques recht: der
Teufel war heute nacht im Haufe los,
und wir bleiben nicht hier? Und wir
werden auch die rückständige Rente
nicht bezahlen, Bürger Polizisten! Die
alte Blanche! soll sich vom Teufel be
zahlen lassen, der sich hier einquar
tiert hat."
Es dauerte lange, bis wir eine
etwas verständliche Darlegung der
nächtlichen Vorgänge von den beiden
hörten. Soviel stellten wir fest, daß
sie bei wohlverriegelten Türen schlie
fen, als plötzlich im Keller ein furcht
bares Gepolter und Geheul losbrach.
„Die Haustür war fest verriegelt,
die Kellertür auch, so daß kein Ge
schöpf von Fleisch und Bein in den
Keller kommen konnte: dafür laß ich
mich hängen!" wiederholte die Bür
gerin Villain ein über das andere
Mal und schloß: „Also war es ein
Gespenst."
„Nein zehn, hundert, tausend
Gespenster!" rief der Schneider.
„Denn sie haben gebellt, geheult, ge
brüllt und dazu auf die Tür getrom
melt, daß sie fast in Stücke ging."
„Was weißt du davon! Du bist ja
unter das Bett gekrochen, als ich dich
aufforderte, mir das Licht zu tragen!
Allein mußte ich hinabgehen. Aber
freilich, ein zweites Mal tue ich das
nicht wieder! Als ich die Kellertür
aufschloß, schlug mir ein unsichtbares
Wesen die Ampel aus der Hand und
warf mir die Tür vor der Nase ins
Schloß, daß das ganze Haus erzit
terte. Ihr glaubt mir nicht, Bürger
Polizisten? Kommt mit und seht, daß
die Kellertür jetzt von innen abge
schlossen ist! Wie kann das mit rechten
Dingen zugehen?"
Michonis stieß mich «n und sagte
zu dem Weib: „Ohne dein Zeugnis,
mutige Bürgerin, hätte ich so etwas
für unmöglich gehalten. Nun, es soll
alles polizeilich untersucht werden.
Inzwischen muß ich euch beipflichten,
daß es nur billig ist, ein solch 'un
ruhiges Heim sofort zu verlassen ohne
die Miete zu bezahlen. Ich werde das
mit der Bürgerin Blanchet bereini
gen. Doch rate ich dir, Bürger Villain,
von der Sache in der Sektion kein
Wort zu sagen. Du würdest fürchter
lich ausgelacht werden denn von den
Patrioten glaubt kein Mensch, mehr
an Teufel oder Gespenster." Jacques
mochte das Kluge dieses Rates ein
sehen und versprach, ihn zu befolgen.
(Fortjetzuyg folgt)
1 I
1 1 V
28. März
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O Louis, o mon Roi
Notre amour t'envirorme.
Pour notre coeur c'st une loi
D'etre fidele a ta personm,

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