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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, July 05, 1952, Ausgabe der 'Wanderer', Image 1

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80. Jahrgang
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Das Zeitalter der Halbheit und Mit
telmäßigkeit
Gegen die „progressiven" Erzieh
ungstheorien des kürzlich gestorbenen
John Dewey wird u. a. oft der Vor
wurf erhoben, daß sie der in der Ge
genwart immer schärfer hervortreten
den Vermassung Vorschub leisten daß
sie nicht selbständig denkende und ver
antwortungsbewußte künftige Bürger
erziehen, sondern die Jugend systema
tisch anleiten zur servilen und Herden
mäßigen Unterwerfung unter den
modernen Jnteressenstaat mit seinen
demokratisch getarnten Totalitätsan
sprächen.
Von der „progressiven Erziehung"
gilt, was Hettinger einmal über an
dere recht selbstherrlich auftretende
Bewegungen gesagt Hat: Was daran
wahr ist, ist nicht neu, und was daran
neu ist, ist nicht wahr. Wenn man den
Grundsatz des „Lernens durch Tun"
(oder „Selbsttun", wie es der katho
lische Erzieher Weigl formuliert hat)
betont, kann man sich auf Vorbilder
berufen, die bis auf die englischen
„Working Houses" und „Working
Schools" des sechzehnten Jahrhun
derts und ähnliche europäische Ein
richtungen, auf Pestalozzi, Fröbel u.
a. zurückgehen, und an die auch Ma
ria Montessori in Italien und G.
Kerschensteiner in München anknüpf
ten. Ernste Pädagogen haben den ge
sunden Kern dieser Erziehungsme
thode durchaus anerkannt, aber mit
aller Entschiedenheit die Mechanisie
rung abgelehnt und gegenüber mate
rialistischer Einseitigkeit und Prag
matischem Militarismus die geistige
Selbsttätigkeit und die religiös-sitt
Iiche Taterziehung gefordert.
Aber es ist uns an dieser Stelle
nicht um D^wey und seine „progressi
ve Erziehung" an sich zu tun wir
wurden nur durch eine merkwürdige
Jdeenassoziation auf dieses Thema
gelenkt. Mit den praktischen Lern
methoden Deweys hängen die oft naiv
anmutenden Veranstaltungen einer
Art Anschauungskurse in der Bürger
künde zusammen, in denen halbwüch
sige Knaben und Mädchen im Rat
Haus oder Staatskapitol Regierung
spielen. Wir können uns nicht helfen:
Wenn wir uns Pressebilder von inter
nationalen Zusammenkünften an
schauen, erinnern uns die vor den
Blitzlichtern der Reporter posierenden
Staatenlenker immer wieder an die
mit wichtiger Miene im Gouverneurs
sessel und in den Parlamentsbänken
sich spreizenden Miniatur-Volkstri
Irnne. Und wir können uns dabei des
Gedankens nicht erwehren, daß die
moderne Erziehung mit ihrer Unter
Ichätzung mühsam erworbenen Wis
sens und ihrer Überschätzung der
Vielerleiheit „praktischer" Kenntnisse
den Menschen mitten in der Entwick
lung, mitten in der Halbheit und
Mittelmäßigkeit stecken läßt die
das Charakteristikum unserer Tage
geworden ist. Schablonenmäßige
Halbheit und Mittelmäßigkeit bietet
sich einem abenteuerlichen Traufgän
ger wie Adolf Hitler oder einem Ge
waltmenschen vom Schlage eines
Dschugaschwili Stalin als leicht knet
bare Masse zur Errichtung eines tota
litären Staatswesens und wirkt in
einer Demokratie zersetzend und kor
rumpierend und alle Tradition und
alles Verantwortlichkeitsgefühl ertö
tend.
Es fällt uns selbstverständlich nicht
ein, in einseitiger Einschätzung der
heutigen Erscheinungen John Dewey
als den bösen Geist unserer Zeit
hinstellen zu wollen. Er ist ja nur
einer der vielen, die einen Ersatz zu
bieten suchen für die absoluten Werte
der Wahrheit, ist nur einer aus der
großen Schar der falschen Propheten,
die die Menschen verwirren, daß sie
ihren Lockungen folgen wie die Kin
der von Hameln dem Rattenfänger
Aber das scheint uns zweifellos, daß
unser Schulwesen von der Elementar
schule bis zur Universität in weit
gehendem Maße verantwortlich ist für
die entsetzliche Halbheit des Denkens
und Wissens und der Gesinnung, und
daß die Unreife und Zerrissenheit, die
uns im öffentlichen Leben auf Schritt
und Tritt anstarren, in engem Zu
sammenhang stehen mit den verkehr
ten Grundsätzen, um derentwillen der
Liberalismus und Säkularismus
John Dewey preisen.
Verschwommenheit «ud Berklßj
sterung
HSet feilte Tageszeitung töte ober
flächlich liest ober sich gar auf bie
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Die neue Plzate des Weltkrieges
Durchsicht der Überschriften und das
Anschauen der Bilder besränft oder
seinen Wissensbedarf am Radio- und
Television-Apparat befriedigt —, den
mögen unsere despektierlichen Aeuße
rungeti über internationale Zusam
menkünfte führender Staatsmänner
baß verdrießen. Denn, so mag er uns
entgegenhalten, es sei doch vieles ge
schehen, das Lob und Anerkennung
verdiene statt geringschätziger Kritik.
Es wäre in der Tat ungerecht,
wollte man nur Tadel üben. Die
westlichen Staatsmänner, denen die
ungeheure Aufgabe obliegt, die Feh
ler der Kriegskonferenzen von Tehe
ran, Jalta, Potsdam usw. soweit als
möglich gutzumachen, und die dabei
fortgesetzt den schwersten Hemmungen
durch die Moskau'er Politik ausgesetzt
sind, verdienen für manches, das sie
im verflossenen Jahr erreicht haben,
Anerkennung. Mancher von ihnen
mag ein erkleckliches Maß ehrlicher
Arbeit geleistet haben aber als Ge
samtheit genommen versagt die west
liche Diplomatie immer wieder
eben weil sie die Prätensionen, eines
Roosevelt aufrecht zu halten bestrebt
ist und sich nie zu einem klaren und
unzweideutigen Bekenntnis der schwe
ren Verfehlungen der Vergangenheit
aufgerafft hat. Sie hätte schon längst
mit der gleichen Entschiedenheit, mit
der sie die schliche und die Anmaßung
der moskowitischen Politik enthüllt,
Kritik üben müssen an den eigenen
Schwächen und Irrungen und mit
einem großzügigen Revisionspro
gramm hervortreten müssen.
Unsere eigene Vertretung irrt Hohen
Rat der Weltpolitik behandelt die in
ternationalen Probleme zu sehr vom
Standpunkt der einheimischen Partei
politik. Von Präsident Truman und
seinem Staatssekretär Acheson haben
wir noch das erste Wort eines Einge
ständnisses amerikanischer Mitschuld
an dem heutigen Chaos zu hören, und
es ist leider nicht zu erwarten, daß
sich das in einem Wahljahr ändern
wird, in dem die demokratische Par
tei um die Anerkennung ihrer angeb
lichen Leistungen und die Verlänge
rung ihres Machttermins ringt. Auch
in europäischen Ländern, vor allem in
Frankreich, bestimmen Parteirücksich
ten die politische Haltung und derlei
ten zur Beschönigung jeglichen Miß
griffs und zur Vorspiegelung von
Erfolgen, deren Wert die Zukunft
erst noch beweisen muß.
Ungewißheit und Zweifel
Das wird von neuem drastisch illu
striert durch die Entwicklungen in den
letzten Monaten. Als im Winter die
Konferenz in Lissabon auseinander
ging, war alles eitel Sonnenschein.
Und als dann gar „im wunderbaren
Monat Mai, als alle Knospen spran
gen", nach einigen Wochen schwerer
Sorgen die Verträge von Bonn und
Paris unterzeichnet wurden, schien
über Europa ein neuer Völkerfrüh
ling aufgegangen zu sein. Zwar wa
ren da einige störende Schönheits
flecken festzustellen, lieber die Saar
Frage vernahm man von Paris her
die alten abgeleierten Deklamationen.
Von London kamen Churchills Kas
sandra-Rufe über die brüchige briti
fche Wirtschaft. Unangenehme Neben
geräusche ließen sich in Nord- und
Süd-Afrika und sonstwo hören, und
in Ost-Deutschland führten Moskaus
rote Handlanger förmliche Kriegs
tänze auf. Dazu kamen Unstimmig
keiten über die Kriegsführung in Ko
rea usw., usw.
Aber trotz alledem klang aus offi
ziellen Verlautbarungen ein zuver
sichtlicher Ton. Die große Wendung,
auf die man so lange vergeblich ge
wartet hatte, schien endlich angebro
chen zu sein, der Kreml, so schien es,
war aus der weltbeherrschenden Rolle
verdrängt worden. Das Bild hat sich
fast über Nacht geändert. Der Mos
kauer Diplomatenschub war, wie es
scheint, doch mehr als eine leere De
monstration. Er war die Ankündi
gung einer neuen Krise. Das ist ja
gerade, wie in diesen Spalten schon
mehr als einmal dargelegt wurde, die
Stärke des Kremls, daß man in den
muffigen Räumen des alten Zaren*
palasts durch ein engmaschiges Spio
nagenetz über Vorgänge und Stirn
mungert in den einzelnen Ländern
gut unterrichtet ist, Konjunkturen
auszunützen versteht und mit raffi
nierter Schlauheit Dämmerzustände
der Ungewißheit, Unruhe und Besorg
nis schafft zur Erhöhung der inter
nationalen Spannung. Alles das find
Erpresserkünste in den Bereich ber
Mia Waisrnfttttiia.
TW Familienblatt für Wahrheit und Recht zur Belehrung und Unterhaltung
Ausgabe des »Wanderer'
Diplomatie übertragen, aber die mos
fomitischen Bolschewisten sind nicht
wählerisch, solange die angewandten
Mittel Erfolg versprechen.
Als sie am 10. März mitten in die
Verhandlungen der Westmächte mit
Teutschland ihre Note mit dem Vor
schlag einer Viermächte-Konferenz
über die deutsche Frage warfen, spra
chen wir von einer diplomatischen
Atombombe. Leider scheinen wir da
mit recht behalten zu haben. Die Ver
handlungen gingen trotz des Mos
kauer Zwischenspiels voran und führ
ten zu den Bonner und Pariser Ab
kommen. Aber der Kreml ließ nicht
locker. Noten gingen hin und her,
während in London, Paris, Berlin
und Bonn alle Künste russischer Ver
nebelungspropaganda spielten.
Wäre der Westen so solidarisch, wie
amtliche Communiques und die offi
ziöse und nichtamtliche Stimmungs
mache stets behaupten, dann hätte sich
Moskaus Atombombe als Blindgän
ger erwiesen. Aber die Solidarität
des Westens hat in den einzelnen
Ländern einen starken nationalists
schen Einschlag. Die Rehabilitierung
Teutschlands nimmt mart in Paris
und London und in weiten Krei
sen der Ver. Staaten! nur als ein
notwendiges Uebel hin, und irgend
einen andern Ausweg witrde man be
grüßen. Tie Erinnerung an München
und Chamberlains Friedensparapluie
hat für viele ihre Schrecken verloren,
es find gar manchem Zweifel auf
gestiegen, ob trotz allem der oft ver
lachte Chamberlain nicht doch recht
gehabt habe. Tazu kommen die bitte
ren Erfahrungen in Korea, wo nach
zwei fahren der Friede noch lange
nicht hergestellt ist und die befreite
Südhälfte der Halbinsel ebenso in
Trümmern liegt wie ein Teil des
roten Nordens. Und dazu kommt die
Haltung der kommunistischen Verbün
deten Moskaus in Ost-Teutschland
und der mit Adenauers Partei rivali
sierenden Sozialdemokraten in West
Teutschland, die auch in wohlmeinen
den Kreisen des Auslandes die Be
fürchtung verstärkt, daß ein neu
erstandenes Teutschland wie die
Weimarer Republik im Vertrag von
Rapallo im Jahre 1922 sich Ruß
land zuwenden könnte.
Washington und Moskau
Diese und noch andere Faktoren
wirkten zusammen, um dem russischen
Vorstoß einen nicht unbedeutenden
Erfolg zu sichern. Es könnte sich eines
Tages herausstellen, daß es für
Teutschland und Europa ein Glück
mar, daß die neue Krise mitten im
amerikanischen Wahlkampf aufkam.
Teint es muß der Washingtoner Re
gierung viel daran gelegen sein, sich
den in den letzten Wochen errungenen
Erfolg als Friedensmacht nicht durch
russische Quertreibereien abjagen zu
lassen. Ein neuer Rückschlag in der
auswärtigen Politik der demokrati
schen Partei, die wahrlich schon schwer
genug belastet ist, würde den gerin
gen Rest von Vertrauen, das die Re
gierung Truman noch besitzen mag,
vollends hinwegfegen, und ein diplo
matischer Sieg Moskaus würde zu
dem die ganze Rüstungspolitik Wash
ingtons erschüttern und sich auch im
Wirtschaftsleben der Ver. Staaten
auswirken.
•Es ist daher begreiflich, daß sich
Washington mit aller Macht gegen
einen Kurswechsel in der Weltpolitik
sträubt eilten Kurswechsel, der ein
flußreichen Kreisen in Europa will
kommen wäre. Die neue Krise besteht
darum in der Verschärfung des Ge
gensatzes zwischen Washington und
Moskau. Die Politik des Kremls ist
unverkennbar auf die Isolierung der
Ver. Staaten gerichtet. Die Moskau'er
Propaganda fällt über Amerika wü
tender her als je zuvor seit Kriegs
ende. Sie hetzt das russische Volk zum
Haß gegen die Ver. Staaten auf und
sucht gleichzeitig eine Einheitsfront
der links gerichteten Parteien in allen
Ländern der West-Staaten zu schaf
fett, um Amerika aus der Weltfüh
rung zu verdrängen und trotz Wash
ingtons und, wenn möglich, über
Washington hinweg eilte Einigung
über die deutsche Frage int Sinne
Moskaus zu erzielen. Das bedeutete
trotz der scheinbaren Bereitwillig
keit Moskaus, Deutschland die Unab
hängigkeit zuzugestehen, die endgül
tige Ausschaltung Deutschlands als
Großmacht und seine Einreihung un
ter Rußlands Vasallenstaaten ei
ne Wendung, die engstirnigen franzö
sischen Chauvinisten nicht unwillkom
men wäre und auch in den Rethen
radikaler britischer Labourites um
Bevan Gefallen fände.
$ertx#gegeles Päpstliche» Äel cgi«* Assephduu« z»« Beste» der PriesterzSgiiuge. Preis für ei» Jahr i« ben Ber. Gt««te» $8.00, ie K««ad« «vd «lle» «der« Bieder» $3AO.
Washington nnd London
Wie bitter in England auch über
die Labour-Partei hinaus die
Stimmung gegen die Ver. Staaten
ist, zeigte sich in den erregten Parla
mentsdebatten über die neuesten Vor
gänge in Korea. Dort unternahmen
alliierte Flieger einen Großangriff
auf die Kraftwerke am Jaln, die von
großer Bedeutung nicht allein für die
Kriegsführung Rot-Chinas, sondern
auch für die Industrie in ganz Nord
Korea und benachbarten Gebieten
sind. Was sich nach zweijähriger
Kriegführung und nach einem ganzen
Jahr fruchtloser Verhandlungen über
einen Waffenstillstand gegen einen
solchen Fliegervorstoß berechtigerwei
se einwenden ließe, ist unerfindlich.
Die Chinesen und ihre nordkoream
schen Verbündeten haben es in der
Hand, solche Angriffe zu verhüten
und dem ganzen unseligen Krieg ein
Ende zu machen durch ehrliche
Verhandlungen über einen Waffen
stillstand.
Den Moskowitern kam selbswer
ständlich der Fliegerüberfall sehr ge
legen. Er paßte in ihre Haß- und Jso
lierungspolitik geradezu wie eine be
stellte Sache. Und den britischen La
bourites und sonstigen Gegnern
Churchills und seiner Konservativen
paßte er ebenfalls, und selbst der Re
gierung, die mit Amerikas Politik
gegenüber China schon längst unzn
frieden ist, kam er nicht ganz ungele
gen. Selbstverständlich wehrte sie die
an der amerikanischen Kriegsführung
geübte Kritik ab, aber fie brachte ihr
Bedauern zum Ausdruck, daß man
das verbündete England wegen des
verschärften Krieges nicht zu Rate ge
zogen hatte, und der kurz zuvor in
England eingetroffene Staatssekretär
Acheson hielt es für geboten, durch
das Eingeständnis eines amerikani
schen faux pas das einer Entschul
digung gleichkam Oel auf die er
regten Wogen zu gießen.
Als unmittelbares Ergebnis der
Kontroverse konnte die Regierung im
Parlament ankündigen, daß ein hoher
britischer Offizier dem UN-Komman
danten General Clark beigeordnet
werde. Damit dürfte die Auseinander
setzung eilten vorläufigen Abschluß
finden. Aber in diesem Zugeständnis
an britische Empfindlichkeit und ver
kappte Gegnerschaft dürfte sich zu
gleich Sie Einleitung einer amerikani
schen Angleichung an die britische
China-Politik ankündigen.
Die neueste Ministerkonferenz
Es liegen mancherlei Anzeichen vor,
daß die unerwartete Auseinanderset
zung über Korea nicht den einzigen
Konfliktsstoff zwischen Washington
und London bildet. Tie Tatsache al
lein, daß Acheson in London einge
ben de Besprechungen mit seinen bri
tischen und französischen Kollegen hat
te, läßt auf wichtige Meinungsver
schiedenheiten schließen. Acheson war
nach England gekommen, um in Ox
ford einen Ehrendoktor entgegenzu
nehmen. Aber der eigentliche Zweck
seiner Reife war zweifellos politischer
Art. Tie Entwicklung der Tinge seit
den Unterzeichnungsformalitäten in
Bonn und Paris war durchaus nicht
befriedigend. Mit der Ankündigung,
daß Frankreich sich dem Moskau'er
Verlangen nach einer Viermächte
Konferenz anschloß, ging es an. Tann
stellte sich heraus, daß in Teutschland
der Widerstand gegen den Deutsch
land- und den Wehrvertrag viel stör
ker ist, als man anfangs angenommen
hatte. Das ist zum Teil zurückzufüh
ren auf Einwände gegen die fortdatr
ernde Beschränkung der deutschen
Souveränität, zum Teil auf die
Furcht vor einem Bürgerkrieg zwi
schen Oft- und West-Tentschland, der
zum dritten Weltkrieg führen könnte,
zum Teil auf parteipolitische Kämpfe
innerhalb der Bundesrepublik, wo die
Sozialdemokraten mit den alten
Schlagworten des Antiklerikalismus
hausieren gehen. Es scheint ausge
schlossen zu sein, daß die Verträge
vom Bonner Parlament in den näch
sten Wochen ratifiziert werden, und
heiße Kämpfe find zu erwarten, bevor
sie überhaupt ratifiziert werden. Je
länger die Ungewißheit dauert, um so
schwieriger gestaltet sich die Lage der
Regierung Adenauers. Aber wie dem
auch sei, es scheint in Teutschland
und anderwärts die Forderung
sich durchzusetzen, daß der russische
Antrag auf eine Viermächte-Konfe
renz sorglich zu prüfen und anzuneh
men ist, wenn er irgendwie Aussicht
auf eine Verständigung bietet. Die
Zahl jener, die ehrlich an die Mög
lichkeit einer Verständigung mit Mos
kau glauben, dürfte nicht groß fein,
aber es ist begreiflich, daß man keine,
Möglichkeit versäumen will, durch die
eine Katastrophe verhütet werden
könnte.
Konferenz oder nicht?
Dieser Auffassung schlossen sich
auch, mit unverkennbarer Skepsis,
Sekretär Acheson und feine britischen
und französischen Kollegen in ihren
Londoner Besprechungen an .Unterm
28. Juni wurde au» der britischen
Hauptstadt gemeldet: Tie Außenmi
nister der drei West mächte beendigten
heute ihre Konferenzen und überlie
ßen den Russen die Entscheidung über
die Frage, ob eine Konferenz über die
Einigung Teutschlands zustandekom
men wird. Keiner der drei Außenmi
nister Tean Acheson, Anthony
Eden und Robert Schuman ver
spricht sich etwas von einer Viermäch
te Konserenz, in diplomatischen Krei
sen ist man geteilter Meinung über
die Frage, ob sich Moskau auf die
Bedingungen einlassen wird, die der
Westen gestellt hat.
Es wurde indessen beschlossen, das
Alt gebot zu machen, um den Weg für
die Ratifizierung der mit Bonn abge
schlossenen Verträge nicht zu verbauen.
Es waren besonders die Franzosen,
die erklärten, die Ratifizierung könne
leichter durchgesetzt werden, wenn in
den Parlamenten noch einmal darauf
hingewiesen werden kann, daß eine
Konferenz mit Moskau nicht von
vornherein von' der Hand gewiesen
wurde.
Tie westlichen Diplomaten kennen
die Gefahr, daß eine Konferenz über
die deutsche Frage wieder ein Propa
gandamarathon der Russen werden
mag. Im letzten Jahr haben die Mi
nisterstellvertreter in Paris sechzehn
Wochen lang versucht, die Tagesord
nung für eine Konferenz der Außen
minister festzulegen, und alles, was
dabei herausgekommen ist, war nur
Propaganda.
„To lange eine neue Konferenz im
Gang ist, würden nur wenige Natio
nen in West-Europa mit der Ratifi
zierung vorangehen jeder würde sich
sagen, daß man erst abwarten sollte,
was das Ergebnis der Konferenz fein
wird," sagte ein Tiplomat.
Tas ist auch der Grund, warum
der Westen in der Note an Moskau
verlangen wird, daß eine unpartei
ische Kommission feststellen soll, ob
freie deutsche Wahlen möglich sind.
Lehnt Moskau diese Bedingung ab,
dann kann von einer Konferenz feine
Rede fein.
In Berlin und Wien
Von London flog Sekretär Acheson
nach Berlin zur Einweihung der
Amerikanischen Bibliothek und von da
nach Wien. Hr, Acheson bezeichnete
seilten Besuch in Berlin und Wien als
„eilten Tribut für die mutige Bevöl
kerung dieser Städte", eine Anerken
itititg, die auch der britische Außen
minister Anthony Eden den Berlinern
bei seinem Besuch vor vier Wochen
gezollt hat.
Tie Russen benahmen sich in beiden
Städten ganz manierlich. Um so ro
her und rücksichtsloser gehen die ojt*
deutschen Kommunisten gegen die
West Berliner vor, so daß ihnen die
Kommandanten der Westmächte starke
Proteste zustellten.
Kriegsgefangene in Rußland
Aus Parts meldete unterm 26. Ju
ni die „Ass. Preß": Tie NATO erhob
heute die Beschuldigung, daß Gefan
gene, welche sich in Händen der Rus
sen befinden, systematisch durch schwe
re Zwangsarbeit in der Sowjet
union und Nord-Sibirien umgebracht
werden.
In einer langen Analyse des Schick
sals von Millionen Europäern und
Japanern, die von der Roten Armee
int letzten Krieg gefangengenommen
worden waren, erklärt NATO, es fei
unmöglich genau festzustellen, wie
viel von den 3,000,000 Gefangenen,
welche sich Ende 1946 immer noch in
Händen der Russen befanden, weiter
am Leben find.
„Es ist wahrscheinlich," heißt es in
dem Bericht, „daß die meisten der
3,000,000 ,vermißten' Gefangenen in
gemeinsamen und namenlosen Gru
ben entlang der neuen transsibirischen
Eisenbahn ruhen."
In dem Bericht wird die Beschul
digung erhoben, daß die Russen nur
die Hälfte der von ihnen im letzten
Kriege gemachten 7,000,000 Gefan
genen ausgeliefert haben. Die andere
Hälfte, ungefähr 3,500,000 Gefan
gene, sind tot oder werden „vermißt".
Unruhen in Süd-Afrika
Süd-Afrikanische Farbige Ne
ger, Inder und Mischlinge leiteten
Nr. 10
am Freitag eine Kampagne ein, um
den Rassen-Trennungsgesetzen der na
tionalistischen Regierung Trotz zu bie
ten. Tie Polizei verhaftete prompt
über hundert Personen, die absichtlich
die Gesetze übertraten sie sangen
„Afrika, erhebe dich?" und gaben da
zu den kommunistischen Salut der
geballten Faust.
inland
Inland
Ten Parteitagen entgegen
In Chicago tritt am Montag der
republikanische Parteitag zusammen,
dem zwei Wochen später in der glei
chen Stadt der demokratische Partei
tag folgen wird. Mit großem Inter
esse sieht man der Programmrede
(Keynote Speech) von General Mac
Arthur am Montagabend entgegen.
Es geht die Rede, daß MacArthur,
ein Anhänger Tafts, möglicherweife
bewogen wird, die Nomination für
das Amt des Vizepräsidenten anzu
nehmen. Tiese Mutmaßung geht von
der Voraussetzung aus. daß Taft den
Sieg über feinen Hauptrivalen Ei
senhower davontragen wird. Tie
Aussichten Ta^ts sind günstig, aber
niemand kann das Ergebnis voraus
sagen, da Taft und Eisenhower fast
mit den gleichen Chancen zum Par
teitag antreten. Ten Ausschlag intrf
te die Stellungnahme der Delegatio
nen von Pennsylvanien, Cctlifornieit,
vielleicht auch Minnesota geben. Die
Möglichkeit eines „Deadlocks" ist nicht
ausgeschlossen, und auf diese Möglich
fwi jetzt der frühere Gouverneur
^tasten von Minnesota noch immer
die Hoffnung die in den letzten
Wochen allerdings zu einem recht klei
nen Häuflein zusammengeschrumpft
fein muß daß er am Ende doch
noch als „Tark Horse" die Nomina
tion erhalten könnte.
Tafts Programm
Senator Taft bemühte sich in ben
letzten Wochen der Borkampagne, den
erbitterten Kampf zwischen seinen und
Eisenhowers Anhängern zu mäßigen
und den Grund zu legen für eine ge
schlossene Front der republikanischen
Partei. In diesem Sinn hob er vor
allem die schweren Fehler der derno
fratiichen Regierung hervor, gegen
welche feilte Partei geschlossen Front
machen müsse, statt die Gegensätze in
den eigenen Reihen zu verschärfen.
In einer Rede in Hershey, Pa„
behauptete er letzte Woche, die Tru
mait'iche Administration halte trotz
aller Beteuerungen den Kommunis
mus noch immer für eine ungefähr
liche Sache, und er kritisierte General
Eisenhower, weil dieser sich nicht mit
Entschiedenheit gegen die derzeitige
amerikanische Außenpolitik gewandt
habe. „Wir müssen Neunen anführen
Truman, Acheson, Marshall und
all die anderen, die für dieses Turch
ei nan der verantwortlich sind."
Er habe gehofft, erklärte Taft, daß
auch Eisenhower die Außenpolitik der
Regierung angreifen würde. Aber al
les, was er getan habe, sei eine At
tacke auf „Isolationisten" gewesen,
vermutlich Republikaner, während er
Truman, Acheson und Marshall von
jeder Kritik verschonte. „Ich hatte ge
hofft, er würde einen Angriff auf die
Regierung entwickeln, aber er schien
damit zufrieden zu fein, Republikaner
anzugreifen." Er glaube jedoch, fa
fuhr Taft fort, daß John Foster
Tulles eilt außenpolitisches Pro
gramm für den Konvent ausarbeiten
könne, das sowohl für ihn wie Eisen
hower annehmbar sei.
Taft, der fast ausschließlich über
außenpolitische Fragen sprach, ging
auf die folgenden Punkte ein:
1. Unter der Truman-Regierung
habe es niemals überparteiliche Au
ßenpolitik gegeben. 2. „Tie Regie
rung glaubte an alle kommunistischen
Versprechen. Offenbar ließ sie sich ins
Bockshorn jagen. Das führte dazu,
daß Stalin heute die große Macht*
fülle besitzt." 3. Fehler der Regierung.
!"iitd_ dafür verantwortlich, daß die
Russen Berlin (ohne einen Korridor
für die Alliierten) und die Mandschu
rei erhielten. 4. „General George C.
Marshall unterband alle weitere Mi
litärhilfe für Chiang Kai-shek, als
dieser Marshalls Rat nicht annahm,
die chinesischen Kommunisten in die
chinesische Regierung aufzunehmen."
5. „1950 hatte sich Staatssekretär
Acheson mit der Uebernahme Formo
sas durch die Kommunisten abgefun
den. Es unterliegt keinem Zweifel,
daß er für die Anerkennung Rot»
(Fortsetzung auf Seite 8)

Samstag, den 5. Juli 1952

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