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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, July 05, 1952, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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I
i
(Fortsetzung)
Tie späten Gäste waren nicht
sonderlicher Laune, wie man sich
denken kann. „Alles war diesmal so
gut vorbereitet," klagte Batz. den ich
zum erstenmal entmutigt sah, „und
nun muß uns dieser schöne Sieg unse
rer Freunde einen Strich durch die
Rechnung inachen! Das doch diese
freudige Meldung vom Anmarsch der
Verbündeten nicht ein paar Stunden
später kam! Jetzt wären der Dauphin
und Marie Antoinette in Sicherheit!"
„Ma foi, 's ist ärgerlich!" stimmte
Rougeville bei. „Ich hatte eben meine
Kutscheruniform angezogen, den Wa
gen untersucht, die Räder neu schmie
ren lassen und war in aller stille
hinter dem Hoftor mit den: Anspan
nen beschäftigt vier Prachtpferde,
mein Kompliment, Baron, und auch
sonst war alles klug angeordnet: ich
konnte in einer Minute aus der Rue
Phelippeaux vor dem Tor des Temple
halten —, da ums} der dumme Rum
mel losgehen mit Sturmläuten und
General marsch usw. Es ist zum Hirn
wütigwerden!"
„Nun, bei allem Unglück hatten
wir außerordentliches Glück," sagte
mit seiner gewohnten Ruhe Michonis.
„Nehmen wir an, man hätte General
marsch geschlagen, nachdem wir schon
im Temple und mitten in der Aus
führung des Anschlages waren. Ter
Plan wäre unwiderbringlich geschei
tert' wir jetzt tot oder im Gefängnisse,
was ungefähr dasselbe bedeutet, und
Gott stehe der armen Königin und
ihren Kindern bei! Jetzt aber ist nichts
verraten. Wenn morgen oder über
morgen die Ruhe in Paris Wiederher
gestellt und die Tore wieder geöffnet
sind, so tonnen wir unseren Plan mit
ebenso guten, ja mit noch besseren
Aussichten auf Erfolg versuchen.
Tenn die Nachricht vom Anmarsch der
Verbündeten wird sich morgen als
blinder Lärm herausstellen da will
ich meinen Kopf darauf wetten! So
rasch sind die Oesterreicher nicht, wenn
sie auch Dumouriez eine ordentliche
Schlappe beigebracht haben. Ter Auf
regung des blinden Lärms aber wird
ganz naturgemäß größere Sorglosig
feit auf dem Fuße folgen, die uns sehr
zustatten kommen muß. Ich halte es
daher für gar nicht unwahrscheinlich,
daß wir die Königin in der nächsten
Nacht schon befreien."
Baron Batz umarmte Michonis:
„Sie geben uns den Mut wieder und
machen uns zu Männern!" rief er.
„Sie haben ganz recht: es ist nichts
verloren, und morgen werden wir den
Dauphin und Frankreich retten."
Auch Jarjeayes und alle übrigen
waren bald wieder voll Hoffnung.
Ich bewunderte Michonis ob seines
Mutes und seiner Kaltblütigkeit. Wie
ihm recht wohl bewußt war, schwebte
er durch diesen Aufschub, wenn der
selbe auch nur vierundzwanzig Stun
den dauerte, in großer Gefahr. Er
war freilich so vorsichtig als möglich
gewesen, hatte seinen Namen nir
gends verraten und den Gefängnis
beamten wegen der Unregelmäßig
feiten, bei denen er sie ertappte, einen
heilsamen Schrecken eingejagt. Aber
würden sie nicht Verrat wittern, wenn
morgen die Blätter, die immer so ge
treulich über das Revolutionsgericht
und dessen Opfer berichten, nichts von
der „Rotrübe" und dieser ci-davant
Valdouleur brächten? Und würden sie
sich nicht erkundigen, wer denn dieser
verwünschte Bürger Kommissär ge
wesen sei, der ihnen so die Leviten
gelesen und Gefangene abgeschwindelt
hatte?
Ich sprach darüber Michonis meine
Befürchtung aus. Er zuckte die Achseln
und meinte, man müsse eben abwar
ten er glaube aber, die Nachricht von
der Niederlage Dumouriez' und dem
Anmarsch des Feindes werde morgen
auf dem Stadthause noch alle Köpfe
fo beherrschen, daß man für nichts
anderes Zeit finde. „Nur dieser elende
Schuhflicker Simon beunruhigt mich.
Der Kerl schleicht mir seit Weihnach
ten fast auf Schritt und Tritt nach
und spioniert mich aus. Auch gestern
abend meine ich ihn in der Nähe von
Sainte-Pelagie bemerkt zu haben.
Nehmen Sie sich vor diesem Menschen
in acht er ist einer der wütendsten
Jakobiner!"
Michonis empfahl uns dann, noch
ein paar Stunden der Ruhe zu pfle
gen, damit wir in der nächsten Nacht
um so munterer seien. Wir sollten
uns auch den folgenden Tag gut ver
borgen halten gegen Abend würde
er selbst Kunde bringen oder schicken.
Damit verließ er unser Haus gegen
ein Uhr, um sich seinem Chef auf dem
Stadthause zu stellen, wo selbstver
ständlich diese Nacht die oberste Poli»
beibehörde versammelt blieb. Seinem
Rat folgend legten sich meine Gefahr-
UM DAS LEBEN EINER
KÖNIGIN
Historischer Roman aus der franzoesischen Schreckenszeit
VON JOSEPH SPILLMANN, S.J.
ten auf ein paar Matratzen zur Ruhe
auch ich warf mich angekleidet auf
mein Lager und schlief bis in den hel
len Tag hinein.
Als ich erwachte, stand Brunner
vor meinem Bett und sagte mir auf
gut zugerisch: „Guete Tag! Händer
guet g'schlofe?" Ich' gab der treuen
Seele herzlich die Hand und fragte
ihn, wie er daher komme.
Er habe es in Huwilers Haus nicht
mehr ausgehalten, lautete seine Ant
wort. Alles sei gestern so schön
„igfädlet gsi" (eingefädelt gewesen)
er sei schon in einen Nationalgardi
sten verwandelt gewesen und für mich
habe die Uniform bereit gelegen. Mit
dem letzten Rest der Flasche in unse
rem Schrank habe er sich eben die
nötige Courage verschafft und auf
guten Erfolg getrunken, als er das
Läuten und Trommeln hörte. „To
hät's g'lätzet (das ging schief)!" habe
er gleich gesagt, und es habe ihn „ganz
verfchlepft" (vor Schrecken zusammen
gefahren). Tenn er sei einfach der
Meinung gewesen, die Pariser hät
ten unsertwegen den Generalmarsch
„trummlet".
„Jetzt haben sie den guten Damian
am Kragen," habe er sich gedacht,
„und jetzt kann ich allein heimgehen
und seiner Mutter und Vreneli er
zählen, wie sie Euch mit dem verfluch
ten republikanischen Rasiermesser um
einen Kopf kürzer gemacht haben.
Aber nein, einen solchen Botenlohn
holt sich der Brunnerli nit! Lieber
lauf' ich nach der Vendee, wo jetzt die
Bauern gegen die Pariser Hals
abschneider losschlagen, wie ich von
Borau Batz gehört." So habe er sich
gedacht und meine Uniform beiseite
geräumt und in schwerer Angst um
mich die ganze Nacht gelauscht und
gewartet. Und endlich habe es ihn
nicht mehr im Hause geduldet, und
so er in der Nachbarschaft auf Kunde
herumgestrichen, bis er die Ursache des
großen Rummels erfahren.
„Da fiel mir ein Stein, fo groß wie
der Rigiberg, vom Herzen, und ich
sagte mir gleich: ,Wenn der Damian
ihnen glücklich entronnen ist, so finde
ich ihn entweder bei der alten Rosalie
oder bei der schönen Katze in der Lom
bardgasse.' So steckte ich den Haus
schlüssel in meine Tasche und schlich
mich hinter den Häusern her nach dem
Boulevard und über die Mauer in
des Großrichters Gartenhäuschen und
probierte es zunächst hier. Ihr braucht
keine Angst zu haben! Es hat mich
keiner von den vielen Patrouillen, die
umherstrolchen, gesehen. Der Brun
nerli hatte seine Augen offen! Und
dann habe ich geduldig im Garten
Häuschen gewartet, bis die alte Ro
falie endlich den Laden des Küchen
fenslers öffnete und ich so ins Haus
kam, ohne auch nur den geringsten
Lärm zu machen. Aber gefroren hat
es mich wie einen Schneider. Ich
spüre einen großen Eiszapfen im
Leibe, und derselbe wird schwerlich
schmelzen bei dem dünnen Kaffee, den
die Rosalie in der Küche braut, wenn
,nit öbbe es Tröpfli Chriesiebränz
nohilft' (wenn nicht etwa ein Tröpf
chen Kirsch nachhilft)."
Lachend sagte ich ihm, er sei und
bleibe der unverbesserlichste Brun
nerli er aber zog die Schultern in
die Höhe und meinte, das sei nicht
feine Schuld er sei eben unter einem
hitzigen ^tern geboren. Dann wollte
er mir von Charlotte Michonis und
Mirzi erzählen. Beide seien wieder
„wohl z'wäg" (bei guter Gesundheit)
der Schuhflicker habe der Katze mit
seiner Ahle nur eine kleine Schramme
beigebracht, wogegen Mirzi den Jako
biner nicht übel gezeichnet habe. Er
gehe wenigstens mit einem starkver
bundenen und geschwollenen Kopf
umher und werde fuchsteufelswild,
wenn man ihn frage, ob er Zahnweh
habe.
„Auch Frau Michonis hat den
Schrecken recht gut überstanden und
mir den Auftrag gegeben, Euch
bestens zu danken, sobald ihr Sohn
Euch aus dem Gefängnisse befreit
hätte," sagte er. „Sie ist übrigens
ganz überzeugt, daß sie den Jako
binern ein andermal doch zum Opfer
fallen werde, und zum Sterben bereit.
Es sei ein Martertod für den christ
lichen Glauben, meint sie." Darin gab
ich der guten Frau Michonis recht.
Als nun Brunner von Charlotte
begann und sie das allerlieblichste und
allerlustigste Mädchen von ganz Paris
nannte, das ihm schier noch besser ge
falle als ein gewisses ebenso hübsches
aber viel ernsthafteres Zuger Mäd
chen dabei blinzelte er mich ganz
spitzbübisch an —, rief uns Rosalie
zum Frühstück in den Gartensalon.
Bei demselben hörte ich zum ersten
mal, daß Michonis im Einverständ
OHTO-
nis mit Batz unseren ursprünglichen
Plan zur Befreiung der Königin be
deutend geändert habe. Es handelte
sich jetzt nicht mehr darum, die Wache
des Temple zu überwältigen. Batz
selbst hatte seit seinem Mißerfolg an
der Porte Saint-Denis kein großes
Vertrauen mehr zu einen derartigen
Handstreich.
Ein gewisser Cortey, ein Spezerei
Händler in der Rue Saint-Honore, bei
dem der Baron wohnte, war jetzt mit
in die Verschwörung hineinbezogen
und sollte bei dem Plan eine Haupt
rolle übernehmen. Cortey galt in
seiner Sektion noch immer für einen
durchaus zuverlässigen Jakobiner und
war von derselben zu einem Haupt
mann der Bürgerwehr aufgestellt.
Tie letzten Ereignisse in Paris und
namentlich die Unsicherheit in Han
del und Verkehr hatten den ersten
republikanischen Feuereifer dieses
wohlhabenden Händlers sehr abge
kühlt. Baron Batz bemerkte das, und
es fiel ihm nicht schwer, den vorsich
tigen Mann durch die Erwägung, daß
derartige Zustände nicht lange blei
ben könnten, zur königlichen Partei
herüberzuziehen. Cortey sagte, er
kenne wenigstens ein Tutzend Leute
in seiner Kompanie, welche sich nach
ruhigeren Zeiten sehnten und ganz
bereit wären, etwas zum Sieg des
Königstum» beizutragen, wenn ihre
Hilfe mit keiner zu großen Gefahr
verbunden wäre. Als Baron Batz
feinen Hauswirt so weit hatte, war er
diesmal so vorsichtig, zunächst mit
Michonis über die Sache zu reden
und das beruhigte mich sehr. Micho
nis sprach mit Cortey, und sie be
schlossen, daß derselbe in der betref
senden Nacht mit einer starken Pa
trouille aus den zuverlässigeren seiner
Leute, zwischen welche wir gesteckt wer
den sollten, die Wache im Temple be
suche. Michonis, der mit Toulan den
ienst im Vorzimmer haben würde,
sollte die Gefangenen in Militärmän
tel hüllen, und unsere Patrouille
mußte dieselben, von der Dunkelheit
begünstigt, durch die Torwache hin
aus bringen. Ter Wagen Rougevilles
würde sich bei unserem Häuschen in
der Vorstadt Saint-Martin absetzen
und weitergaloppierend die Verfolger
aus eine falsche Fährte locken.
Dieser Plan ließ sich hören! A la
bonne heitre, so konnte es gehen! Nur
im äußersten Notfalle, wenn die Tor
wache sich widersetzte, sollte dieselbe
mit Gewalt übermannt und die Flucht
auf die Straße hinaus bis zum Wa
gen erzwungen werden. Ich atmete
völlig auf, als Baron Batz und Jar
jeayes mir diesen Plan entwickelt hat
ten, und war nun wie noch nie voll
rosiger Hoffnung.
Im Laufe des Vormittags rief mich
Martha zu Isabella. „Seien Sie gut
mit der armen Kinde, Damian," bat
sie. „Der Arzt, der eben fortging, hat
gesagt, die ganze Hoffnung auf Ge
nesung beruhe auf Ihnen." Das hatte
ich mir schon vorgenommen, und so
verweilte ich fast den ganzen Tag am
Bett der Kranken, ihre fiebernde Hand
in der meinigen, und hörte die Kose
Worte art, die ihre bleichen Lippen
flüsterten, und den leisen Gelang der
Arie aus „Kastor und Pollux", in
deren süße Melodie sie immer und
immer wieder zurücksiel.
„Nein, Verena konnte mir ob dieses
Werkes der Barmherzigkeit nicht zür
nen," sagte ich mir. Und wenn es ge
lang, das gute Kind, das mich so
innig liebte, aus dem bitteren Meet
des Gemütleidens zu retten ...? Doch
was mochte ich weiter Pläne schmie
den für eine Zukunft, die in fo un
gewisser Ferne lag! Kommt Zeit,
kommt Rat, sagte ich mir, und redete
lieb und traut mit der armen Kran
ken wie ein Bräutigam mit seiner
Braut, bis Isabella gegen Abend
wieder in eine» wohltätigen Schlum
mer fiel.
Schon im Laufe des Nachmittags
hatten Trommler und öffentliche Aus
rufer in den Straßen von Paris ver
kündet, die Nachricht vom Anmarsch
des Feindes sei durchaus salsch es
handle sich nur um eine unbedeutende
Schlappe Dumouriez', für welche ihn
der Konvent allerdings zur Rechen
schaft ziehen werde. Sofort würden
Kommissäre zur Untersuchung nach
Belgien gehen und hunderttausend
Mann denselben in den nächsten Ta
gen folgen, „um die Satelliten der
Tyrannen zu zerschmettern". So hörte
ich den Ausrufer unter unseren Fen
stern schreien und lachte über die klin
genden Phrasen, an denen es den
Jakobinern nie fehlte. Für uns war
die Hauptsache, daß die Porte Saint
Martin sofort wieder geöffnet wurde
und das Bataillon Bürgerwehr, das
sie die Nacht über mit Vergießen von
viel Aquavit heldenmütig verteidigt
hatte, samt seinen Kanonen unter
Trommelschlag und dem Vivatgeschrei
des Straßenpöbels abzog. Nun konnte
in der nächsten Nacht unser Versuch
gewagt werden, und wir erwarteten
jeden Augenblick eine Botschaft von
Michonis.
Mit Einbruch der Dunkelheit kam
er selbst und sagte: „Jetzt oder nie!"
Rougeville hatte sich sofort in die
Rue Phelippeaux zu begeben und
mußte Schlag Mitternacht mit dem
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Wagen auf dem Boulevard du Temple
bereit sein Baron Batz und die übri
gen eilten nach der Rue Saint
Honore, um in Corteys Patrouille
eingereiht zu werden. „Und Sie,
Fräulein Martha, haben die Güte,
uns in das Häuschen des Faubourg
Saint-Martin zu begleiten, wo Sie,
wie ich hoffe, bald nach Mitternacht
Ihre Majestät empfangen werden.
Sie, Damian, und Ihr Freund fol
gen uns auf dem Fuße."
„Und was soll aus meiner kranken
Schwester werden?" fragte Martha.
„Wir müssen sie für diese Nacht
unter Rosaliens schütz lassen. Wenn
der Schlag mißlingt, d. h. wenn wir
bis drei Uhr morgens nicht bei Ihnen
sind, so werden wir es einrichten kön
nen, daß Sie die Kranke abholen."
„Wir müssen Isabella und uns in
Gottes Hand befehlen," sagte ich.
„Selbst sie zu opfern müssen wir be
reit sein Um des großen Zweckes wil
len."
„Recht fo, Damian!" sagte Mar
tha, meine Hand drückend. „Und möge
Gott unser Opser segnen."
Z w e i u n e i i s e s
K a i e
Im Temple
Unbehindert gelangten wir in unser
Vorstadthäuschen, welches halb ver
steckt hinter seinen freilich noch Blatt
losen Sträuchern und Bäumen in
Huwilers Garten lag. Als ich das
selbe vor vier Jahren zuerst betrat,
um Brunner und seine Geißen zu be
suchen, hatte ich mir nicht träumen
lassen, welche wichtige Rolle dasselbe
jetzt w meinem Leben und im Leben
der Königin spielen sollte.
Michonis erklärte Martha alles.
Sie hatte mit einer wohlverschlossenen
Blendlaterne im Hausflur zu war
teu, bis die Glocken von der Stadt
herüber Mitternacht schlügen. Auf den
ersten Schlag sollte sie sich hinter den
großen Fliederbusch neben das Gar
tenpsörtchen stellen, um ohne Aufent
halt die Befreiten in Empfang zu
nehmen, sobald der Vierspänner sie
brächte. Daun geschwind mit ihnen
ins Haus, die Tür verrammeln, in
den Keller und in das verborgene
Gewölbe unter demselben! Wir wür
den zu Fuß einzeln nachkommen,
durch ein angelehntes Fenster ein
steigen, Michonis und ich uns zu den
Geretteten begeben. Brunner die Fall
tür im Keller über uns mit Holzbün
deln und alten Fässern bedecken und
auf dem Umwege über Patttin durch
die Steinbrüche und den unterirdi
ichen Gang uns Meldung Bringen.
Das aller erklärte Michonis Martha
in seiner kurzen und klaren Weise
und führte sie in das tierBorgene Ge
wölbe.
Ich wunderte mich, wie wohnlich,
ja wie hübsch der Polizeioffizier seit
meinem letzten Besuch diesen Raunt
hergerichtet hatte. Hübsche Hängetape
ten verhüllten die kahlen Felswände,
Teppiche den Boden. Wandleuchter
mit facettierten Spiegeln verbreiteten
helles Licht in den Ecken standen hin
ter verstellbaren Schirmen zwar ein
fache, aber bequeme Betten für die
Königin, Madame Elisabeth und die
beiden königlichen Kinder. Auch sonst
erblickte ich passende Möbel, einen
hübschen Tisch mit Polsterstühlen,
welche dem Gewölbe ein ganz wohn
liches Aussehen gaben. In der Tat,
hier konnte Marie Antoinette, wenn
es nötig schien, ruhig ein paar Tage
verweilen, bis die Flucht über Pantin
gesichert war.
Martha zündete die Wandleuchter
an, untersuchte die Betten und rückte
die Toilettentischchen zurecht. Befrie
digt umarmte sie Michonis mit den
Worten: „Das haben Sie prächtig
eingerichtet! In der Tat, Sie zeigen
Talent zu einem vortrefflichen Haus
wirt und werden mir gewiß ein hüb
ich es wohnlichen Nest bauen! Die
Königin wird ganz entzückt sein und
Sie zu ihrem Haushofmeister ernen
nen. Nun gehen Sie in Gottes Namen
und bringen Sie mir Marie Antoi
nette mit ihren Kindern!"
Brunner und ich hatten rasch unsere
Uniformen angelegt. Ich zog über die
meinige einen großen grauen Mili
tärüberrock, der für die Königin be
stimmt war, Michonis und Brunner
ähnliche für Madame Elisabeth und
Madame Royale. So war aller bereit,
und Schlag acht Uhr sagten wir Mar
tha „Auf Wiedersehen nach etwa vier
Stunden wenn alles gut geht",
und machten uns auf den Weg nach
dem Temple.
„Gott und Seine heiligen Engel
feiert euer Geleit," sagte sie mit be
wegter Stimme zum Abschied.
Gewehr auf der Schulter schritten
wir eine Weile schweigend neben Mi
chonis. Die Nacht war ruhig, der
Himmel von dunklen Wolken bedeckt
ab und zu fiel ein schwerer Tropfen.
Die Straßen waren außergewöhnlich
menschenleer.
„Die Leute werden gut schlafen,"
sagte ich.
„Ja, die Nacht ist günstig. Nach
der Aufregung von gestern wird alles
frühzeitig zu Bett sein,"" antwortete
Michonis. „Auch die Kommissäre wer
den froh sein, daß Toulan und ich
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die schwersten Stunden des Dienstes,
auf uns nehmen. Hm, ich habe alles
so gut überlegt, und doch beschleicht
mich gerade jetzt ein banges Gefühl,
das mir sonst ganz fremd ist.
Hören Sie, Damian, ich glaube Ihnen
bewiesen zu haben, daß Sie sich auf
mich verlassen können. Es könnte der
Fall eintreten, daß ich Sie zum
Schein natürlich! verhaften müßte,
um mir das Vertrauen meiner Bor
gefetzten zu bewahren."
„Um noch einen Versuch zur Be
freiung der Königin machen zu kön
nen, wenn dieser durch irgendeinen
Zufall mißlänge ich verstehe," gab
ich ohne Bedenken zur Antwort.
„Ganz gut. Verhaften Sie mich, wenn
Sie so zum Ziel gelangen. Ich ver
traue Ihnen unbedingt! Und wenn
Sie mich nicht retten können, so las
sen Sie sich darob keine grauen Haare
wachsen! Vielleicht ist das die ein
fachste Lösung der Kämpfe, in die ich
mit oder ohne Schuld gekommen bin.
Nur sagen Sie der edlen Marie
Antoinette, wenn Sie dieselbe später
retten, der lange Schweizer Offizier,
den sie in ihrer Güte einst so königlich
belohnte, sei ihrer Huld nicht ganz
unwürdig gewesen. Und du, Brun
ncr, bringst meine letzten Grüße den
Lieben in Zug und sagst Zurlauben,
ich sei ehrlich gefallen, ob auf dem
Schlachtfeld oder auf dem Schafott,
habe wenig zu bedeuten, seitdem es
ein König mit seinem Blut benetzt
hat."
„Nun, ich werde alles aufbieten,
um den Retter meiner Mutter zu ret
ten. Ich danke Ihnen. Ganz gut, Sie
haben mich verstanden," sagte Micho
nis mit mehr Herz, als er sonst zu
verraten pflegte.
Brunner aber meinte, er hoffe, sich
noch immer einen besseren Botenlohn
als durch eine solche Hiobspost zu ver
dienen, und fragte, oT6 feine Verhaf
tung in den Augen der Jakobiner
nicht genügen würde, um deren aller
höchstes Wohlgefallen für ewige Zei
ten auf Michonis herabzuziehen.
„Ma fai," erwiderte dieser, „Sie
sind ein ehrlicher und treuer Mensch!
Vielleicht nehme ich Ihr Anerbieten
an, vielleicht muß ich aber auch alle
beide für eine kurze Zeit einsperren
lassen."
„A la guerre comnie la guerre!
Dann sperren Sie mich nur mit Da
rnian ein, wenn es sein muß! Zu
zweit können wir Mühlettfahren und
Mariagen und allerlei Kurzweil trei
ben," sagte Brunner lachend. „Und so
ettf bißchen Brummen wäre für mich
eine kleine Abwechslung mein Gott,
als ich noch im Regiment war, ver
ging kein Monat ohne ein paar Tage
Arrest!"
Wir waren inzwischen bei dem Cafe
„Zum Dolche des Brutus" angelangt.
Früher hatte in goldenen Buchstaben
Au plaisir du Roy über der Tür ge
glänzt es war das Eckhaus an der
Rue du Temple und dem Boulevard.
„Hier erwarten mich Toulan, Moelle,
Lepitre und noch ein paar Kommis
säre," sagte Michonis. „Um neun Uhr
zieht die Kompanie Cortey im Temple
auf Wache. Zugleich mit ihr und mit
uns Kommissären kommt ihr zwei am
leichtesten hinein. Sollte man fragen,
so seid ihr meine Ordonnanzen."
Toulan und Moelle waren wirklich
schon da. Michonis setzte sich zu ihnen,
während wir in der Nähe der Tür
Platz nahmen. Brunner brauchte mir
seine Wünsche gar nicht vorzutragen
ich bestellte sür ihn auch so seinen
Lieblingstropfen.
Inzwischen fragte Toulan Micho
nis, ob er vom Stadthause komme,
und auf dessen Antwort, er habe das
selbe um fünf Uhr nachmittags ver
lassen, sagte er ihm: „So bin ich der
Ueberbringer einer großen Neuigkeit
für Sie! Der Konvent hat nämlich
beschlossen, drei Kommissäre in das
Lager von Dumouriez zu senden.
Natürlich faßte die Kommune alsbald
den Beschluß, denselben ebenfalls
einige Kommissäre mitzugeben, um
die Boten des Konvents zu über
wachen denn keiner traut dem ande
ren. Eh bien, Sie, Bürger Michonis,
sind einer der Gewählten! Ich gratu
liere zu dem hohen Vertrauen, das
die Jakobiner in Ihre Klugheit und
Vaterlandsliebe setzen!"
„Wie werden die hochweisen Her
ren morgen ganz anders über ihn
urteilen," dachte ich, „wenn Michonis
mitsamt der Königin und dem Dau
phin ausgeflogen ist!"
„Es war auch die Rede davon, Sie
für diese Nacht vom Dienst zu ent
binden, da Sie morgen früh mit
Extrapost reisen sollen, und es soll
mich nicht wundern, wenn Ihnen das
Anerbieten noch gemacht wird," sagte
Moelle zu Michonis: „Man suchte
nach Ihnen. Ich hütete mich wohl,
zu sagen, wo Sie heute nacht Dienst
haben."
„Hoffentlich finden sie es nicht,"
antwortete unser Führer. „Ich trug
Sorge, daß unsere Namen ,zufällig'
auf der Liste der Kommissäre fehlen,
die heute nacht den Dienst im Temple
haben. Wenn sie mich aber fänden, so
würde ich natürlich ihr freundliches
Anerbieten ablehnen. Doch still! Da
treten Gäste ein."
Der Saal des Cafe füllte sich jetzt
rasch mit Gästen, welche aus der
^7^')? .WT-^kH *wr^v ^s,// t, :?'^i^t
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S. Jug
nahen Oper kamen. Das Spiel toofr
zu Ende, vor fast leereck Hause, tote
ich aus den Worten der Eintretendes
entnahm. „Paris will heute schlafen!"-.,
sagte ein Stutzer gähnend, indem eO
sich zu uns setzte.
„Wir aber müssen auf Wache,*
antwortete ich. Brunner ein Zeicheft"
gebend, daß es Zeit sei. Denn auch die
Kommissäre erhoben sich und rückten.
ihre dreifarbigen Schärpen zurecht.
Wir schritten die äußere Umfas
sungsmauer des Temple entlang, unk
ich schaute mit klopfendem Herzen nach
dem finsteren, massigen Gefängnis»
türm, der sich schwarz vom dunklek
Nachthimmel abhob. Tie Fenster des
drittes Stockes, wo Marie Antoinette
gefangen war, zeigten Lichtschein.
„Sie ist noch auf," sagte ich mir,
„sie betet wohl für ihre armen Kin
der!"
Jetzt hörte man Trommelschlag und
den Schritt einer Abteilung Militär
die Straße herauskommen.
„Corteys Kompanie," sagte Micho
nis, „wir kommen gerade recht!"
An der Ecke der Rue Phelippeaux,
dem äußeren Tor des Temple schief
gegenüber, erwarteten wir ihre An
kunft. Tie Wache trat ins Gewehr,
und nach den üblichen Formalitäten
marschierte Corteys Kompanie in den
äußeren Hos und stellte sich auf der
einen Seite der Säulenhalle auf,
welche denselben im Halbkreis um
schließt. Die drei Kommissäre und wir
hatten uns den Einziehenden ange
schlossen. Cortey, auf den Michonis
zutrat, salutierte mit seinem Säbel'
vor den Federhüten und Schärpen,
und wir schritten unbehelligt mit den
Kommissären in den ersten Hof.
Sämtliche Wachposten wurden
abgelöst und von der
y/v
7
A
jetzt
Neuangekomme­
nen Kompanie bezogen. Wir standen
mit den Kommissären etwas zur Seite
und beobachteten dieses Manöver zu
meiner großen Befriedigung bemerkte
ich, daß dasselbe lange nicht mit der
Genauigkeit vollführt wurde, wie es
bei geschultem Militär geschieht. „Da
wird es uns schon gelingen, durchzu
schlüpfen," sagte ich mir, und Brun
ner spottete halblaut über die Un
geschicklichkeit dieser Bürgermilizen.
Nun wurde das Hauptdetachement,
ein Ossizier und zwanzig Mann, für
den dicken Turm abkommandiert.
Diesen schlossen wir uns mit den Kom
missären an. Wir durch ichritten die
Torhalle des Palastes des Groß
priors, den zweiten Hof, und kamen
an das Pförtchen der inneren Um
fassungsmauer des Dicken Turmes.
Außer der militärischen Wache, die
abgelöst wurde, lagen hier die stän
digen Torhüter, die ich schon öfter
erwähnte, drei fanatische Jakobiner,
auf der Lauer. Mann für Mann
mußten wir an "diesem Zerberus vor
über, und ich hörte ganz deutlich, wie
Mathey zu seinem Gefährten sagte:
„Es sind zwei mehr als gewöhnlich,"
als ich den Schluß bildend an ihm
vorbeiging. „Wie soll das gehen,"
dachte ich mir, „wenn der Bursche be
merkt, daß vier mehr heraus wollen
als jetzt Heringingen?" Ich nahm mir
vor, sobald als möglich Michonis auf
diese Schwierigkeit aufmerksam zu
machen.
Sonst kamen wir, ohne angehalten
zu werden, mit 'den übrigen in den
Dicken Turm und betraten zu ebener
Erde den Saal der Kommissäre. Eine
Laterne erhellte die düstere Halle nur
dürftig. In dem Vorraum, den wir
durchschreiten mußten, um zu dem
Eckturm zu gelangen, in welchem die
Wendeltreppe zu den oberen Stock
werken führte, standen vier Kommis
säre. Sie begrüßten Toulan und
Moelle. Zu Michonis sagten sie, er
könne nachhause gehen ein anderer
werde statt seiner Dienst tun und be
glückwünschten ihn zu seiner Erwäh
lung zum außerordentlichen Kommis
sär der Kommune. Michonis dankte
kurz und sagte, er werde sich darum
die Ehre nicht nehmen lassen, die letzte
Nacht im Dienst der Republik auf
diesem wichtigen Posten auszuharren.
„Wie du wünschest, Bürger Korrt»*
missär, das entspricht deinem glühen
den Patriotismus," lautete die Ant
wort. „So werden wir den Bürger,
den uns die Leute vom Stadthause
schicken, als überflüssig entlassen."
„Oder derselbe könnte an meine
Stelle treten," meinte einer der Kom
missäre. „So gern ich sonst dem Vater
lande diene, würde ich mich heute doch«
über einen Ersatz freuen. Ich denke,
man wird darum meiner Bürger
tugend feine schlechte Note geben
sehen Sie, meine Frau ist krank
und
„Schon gut. So bleibe ich an Ihrer
Stelle hier. Die Sache ist abgemacht,"'
entgegnete Michonis, froh einen
Grund zum Bleiben gefunden zu
haben. Freilich, hätte er damals ge*
wüßt, wen das Stadthaus als ErsaG
schicken würde, so hätte er sich wohl
bedacht, so rasch zuzugreifen.
Die Soldaten waren inzwischen
durch die enge Wendeltreppe hinauf..
in die Wachstube des ersten Stockes'
gestiegen und hatten die früher? -t
Wachtmannschaft abgelöst, die jetzt
froh, vom Dienst entbunden zu sein»
lärmend die Treppe herabkam.
(Fortsetzung folgt)
V ÄW
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V ':T''V»

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