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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, July 19, 1952, Ausgabe der 'Wanderer', Image 1

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80. Jahrgang
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Der republikanische Parteitag
Die erste große Entscheidung im
amerikanischen Wahlkampf von 1952
ist gefallen. Die Republikanische Par
tei ernannte am Freitag auf ihrem
Parteitag in Chicago General Twight
D. Eisenhower als ihren Kandidaten
für das Präsidentenamt in der Wahl
im kommenden November. Ihm tour
de der neununddreißig Jahre alte
Senator Richard Nixon von Califor
nia als Kandidat für das Amt des
Vizepräsidenten zur Seite gestellt
Tie Nominierung Eisenhowers er
folgte nach vier Konventstagen, die
neben den Reden MacArthurs, Hoo
vers und einigen andern über das aus
politischen Tagungen übliche Mittel
maß hinausragenden oratorischen Lei
stungen wenige wirkliche Höhepunkte
aufwiesen. Ter tiefe Ernst der heuti
gen Weltkrise und der schicksalsschwe
ren Entscheidungen über Amerikas
Zukunft, der aus diesen Reden hallte,
war gleichsam hinweggeweht, als der
Parteitag aus der, die Hoffnungen
und Erwartungen von Millionen
spiegelnden gehobenen Stimmung
hinabsank in die Niederungen ge
wertmäßiger Parteimache.
Von dieser gab gar vieles, das man
über den Rundfunk von der Tribüne
hörte und im Television-Apparat
schaute, enttäuschende Kunde, die dann
ihre Ergänzung fand in den Berich
ten und Kommentaren über die Vor
gänge hinter den Kulissen. Das un
sinnige Toben der mit allen Kinker
litzchen raffinierter Stimmungsmache
ausgestatteten Umzüge, in denen man
zuweilen unwillkürlich das Aufklin
gen des hysterischen „Evoe" der Bac
chanalien im alten Rom erwarten zu
müssen glaubte, lieferte zu diesen
nicht gerade erbaulichen Bildern die
entsprechende Begleitmusik. Ein östli
ches Blatt setzte über die Meldung
der „Ass. Press" über die lärmenden
Konventsdemonstrationen am Don
nerstagabend die Ueberschrist: „Kar
nevalsstimmung", und der Korre
spondent eines St. Paul'er Blattes
sprach von einer „Night of Insanity".
Man las in diesen Schilderungen u.
a.: „Es sang und jodelte alles im
Gleichtakt wie bei einem Fußballspiel,
übertönt von dem ohrenbetäubenden
Geblärr der Lautsprecher, die getra
gen und gefahren wurden. (Von den
Arrangeuren bezahlte) Horden von
jungen Burschen in Overalls und
Mädchen mit entblößten Schultern
und ausgekrempelten Drillichhosen,
mit Trompeten und Trommeln be
waffnet, noch viel zu jung,_ um im
November an die Wahlmaschine zu
treten, schlugen sich eine Bresche durch
das dickste Gewühl. Ein braunge
branntes Mädchen in schneeweißen
Höschen wirbelte sogar auf Rollschu
hen einher, schrill ausposaunend: ,1
like Ikc.\ ."
Ein bekannter „Columnist" bean
sprucht für die Demokraten den
Ruhm, daß sie noch immer unüber
troffen seien in der Veranstaltung
lärmender Demonstrationen aus Par
teitageii. Die Republikaner, meint er,
Hätten es bei allem heißen Bemühen
noch nicht zu der Höhe der demokra
tischen Technik auf diesem Gebiet ge
bracht, doch habe die Chicago'er Ta
gung erhebliche Fortschritte erkennen
lassen, die aber beeinträchtigt worden
seien durch „die langweiligen Ge
meinplätze, die (MacArthur) fünfzig
Minuten lang seinen Zuhörern zuge
mutet" habe.
Nicht wenige Blätter haben un
mutsvoll Bedenken geäußert über sol
che Bekundungen primitiven politi
schen Sinnes. Aber man kann sich
darauf verlassen, daß die Demokraten
auf ihrer bevorstehenden Tagung sich
der republikanischen Lärmkonkurrenz
mehr als gewachsen zeigen werden.
Denn es geht ja dabei um etwas, das
mit der Vermassung der heutigen
Denkungsart wesentlich zusammen
hängt. Wenn der oben zitierte „Schor
nalist" einen Fortschritt der Republi
Fatter in der malerischen Ausgestal
tung ihrer Konvente feststellen zu kön
nen glaubt, fühlt man sich fast ver
sucht, zur Erklärung dieser Erschei
nung die zornige Kritik beizufügen,
die ein Teilnehmer, Roß Rizley, ge
übt hat mit den Worten: dieser fünf
undzwanzigste republikanische Partei
tag sei mehr als alle Tagungen, denen
er angehörte, von „Mob Rule" be
herrscht gewesen. Hr. Rizley war Vor
sitzender des Beglaubigungskomitees,
dessen ^Entscheidungen hinsichtlich der
Delegationen von Texas und Georgia
vom Parteitag verworfen wurden,
Und die Verärgerung darüber schwang
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Die neue Wale des Weltkrieges
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zweifellos in seiner bittern Kritik mit.
Aber wie dem auch sei, das Gesamt
bild des Parteitags entsprach durch
aus nicht dem Ernst dieser von Ge
fahren umwitterten Zeit und der gro
ßen Reformarbeit, dem von Eisen
hower angekündigten „Kreuzzug" ge
gen die Verlotterung des öffentlichen
Lebens und die unleugbare Korrup
tion, die sich in Washington und in
der ganzen Politik eingenistet hat!
Es ist zu erwarten, .daß sich in der
Presse „Psychologen" zum Wort mel
den werden, welche die planmäßig ar
rangierten Bekundungen der angebli
chen Volksstimmung als atavistische
Formen der Willensäußerung erklä
ren werden. Es ist ja jetzt schon viel
die Rede von der erwachten Volks
seele, die sich ausgelehnt habe gegen
die Partei-Bosse und in ihrem unfehl
baren Instinkt sich für das Rechte ein
setze, wenn sie sich erst einmal frei ge
macht habe von dem Zwang des Her
fommens und überlebter Schablone.
Tatsache aber ist, daß hinter der
politischen Entwicklung der letzten
Wochen und besonders den Vorgän
gen in Chicago ganz andere Kräfte
standen als der frei sich betätigende
Volkswille. Damit wollen wir nicht
ohne weiteres behaupten, daß durch
weg unendle und verkehrte Motive
für die Ausschaltung von Senator
Taft und die Nominierung General
Eisenhowers verantwortlich waren
Tie Republikaner wurden durch den
Wahlsieg Trumans im November
1948 in eine Panikstimmung versetzt.
Sie erkannten, was sie zuvor unter
schätzt hatten, daß die Demokratische
Partei durch ihr sozialpolitisches Pro
gramm, ihre Wirtschaftspolitik und
ihren ungeheuren bürokratischen Ap
parat sich eine Macht verschafft hatte,
die der Macht totalitärer Regime in
europäischen Staaten nicht viel nach
steht. Vor der Katastrophe des zweiten
Weltkrieges zog Hitler höhnische Ver
gleiche zwischen seinen und Roose
velts Leistungen: Während er die
deutsche Industrie aus ungeahnte Hö
hen geführt habe, quäle sich Roosevelt
noch immer vergebens mit allerlei
Flickschustereien, um der Depression
Herr zu werden. Die Welt kannte
damals erst zum Teil das Geheimnis
seines abenteuerlichen Erfolges, erst
die folgenden Jahre machten offen
bar, wie sich der wirtschaftliche Auf
stieg Teutschlands vollständig auf der
Rüstungsindustrie vollzogen hatte, der
aller dauernde Aufbau und die Inter
essen aller Schichten des deutschen
Volkes sich hatten unterordnen müs
sen. Die so erzielte Scheinprosperität
ging im Grausen des zweiten Welt
krieges in Trümmer aber erst nach
dem sie Hitler und seiner Partei zu
einer bis dahin unerhörten Macht
fülle verholzen hatte.
Einer ähnlichen Entwicklung sahen
jene, die sich durch die mit vielen Mil
liarden erkaufte und auf trügerischer
Grundlage ruhende Prosperität nicht
täuschen ließen, die 93er. Staaten ent
gegengehen. Der November 1948 be
lehrte sie, daß es eine Riesenaufgabe
ist, die Macht einer Partei zu brechen,
die hinter der auf der Weltpolitik
aufgebauten Wirtschaftspolitik ver
schanzt ist und zudem in ihrer Büro
kratie eine starke politische Kerntruppe
besitzt. Aus dieser Erkenntnis ging der
begreifliche Wunsch hervor, in der
nächsten Wahl den Demokraten einen
möglichst starken Kandidaten gegen
überzustellen.
Das war leichter gesagt als getan.
In diesem Zeitalter ungeheurer Betä
tigungsmöglichkeiten aus technischen
und wirtschaftlichen Gebieten und
gleichzeitiger intellektueller und poli
tischer Mittelmäßigkeit gibt es der
Führer von staatsmännischem For
mat nur wenige. Tie Zeiten, da im
Kongreß und Abgeordnetenhaus be
deutende Männer nicht zu den Aus
nahmen gehörten, sind vorbei. Noch
in den Tagen des ersten Weltkriegs
saßen im Senat die „Wilsul Twelve",
über die Präsident Wilson die Schale
seines Zornes ausgoß zwölf Män
ner, denen man seit Jahr und Tag
im Senat kein Dutzend von der glei
chen Bedeutung zur Seite stellen
kann.
Unter seinen Kollegen ragt seit lan
gem Senator Robert A. Taft hervor,
Sohn eines Präsidenten, ein Mann
von untadelhaftem Lebenswandel und
was auch Gegner mancher seiner
Anschauungen zugestehen müssen
ein einsichtiger Sozialpolitiker und
Staatsmann. Er hat sich mit berech­
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fin Familienblatt für Wahrheit und Recht zur Belehrung und Unterhaltung
Ausgabe dos,Wanderer'
tigtem Ehrgeiz schon seit 1940 um die
Präsidentschaft beworben und war ein
logischer Anwärter auf das hohe Amt.
Aber er zog sich durch seine Haltung
in mehreren strittigen Fragen, beson
ders durch das nach ihm benannte
und oft ohne Sachkenntnis verurteilte
Arbeitsgesetz, schwere Gegnerschaft zu
die sich aber aller einseitigen Kri
tik zum Trotz nicht auf die Massen
der Arbeiterschaft erstreckt, wie sein
Sieg in seinem stark industrialisierten
Heimatstaat Ohio vor zwei Jahren
über allen Zweifel feststellte.
Aber trotzdem wurde seine parla
mentarische Tätigkeit in der Sozial
Politik als erster Vorwand benützt für
das Schlagwort, daß „Taft nicht ge
Winnen" könne. Zweifellos haben sich
viele allen Gegenbeweisen zum Trotz
durch dieses Schlagwort beeinflussen
lassen, und rivalisierende Bewerber
kleineren Kalibers machten sich die
damit betriebene Propaganda zunutze.
Taft jedoch ist nicht der Mann, sich
Widerständen geschmeidig zu beugen.
Er trat offen als Anwärter auf die
Präsidentschaft auf und errang sich in
steigendem Maße das Vertrauen wei
ter Volkskreise, und seine Chancen,
von der Partei als Präsidentschafts
kandidat erkoren zu werden, besserten
sich von Monat zu Monat. Tewey,
Staffen, Warren und andere Bewer
ber gerieten mehr und mehr ins Hin
tertreffen. MacArthur, der manchen
als ein idealer Kandidat erschien,
stellte wiederholt jegliche politische
Ambition in Abrede. Tie Nominie
rung von „Mr. Republican", wie
Taft genannt wurde, schien unaus
bleiblich.
Ta wiederholte sich ein Schauspiel,
wie es das deutsche Volk im Jahre
1925 erlebte. Tantals beredete eine
Führerschicht, der der Zentrumsmann
Wilhelm Marx nicht genehm war, den
hemaligen Feldmarschall von Hindert
bürg, sich mit die Reichspräsident
schaft zu bewerben, obwohl er von
Haus aus unpolitisch und dem Par
teigetriebe abhold war. In den Ver.
Staaten war schon seit geraumer Zeit
aus ähnlichen Gründen eine Bewe
gung ^im Gang, General Eisenhower
auf die politische Arena zu ziehen. Er
ist wie ehedem Hindenburg eine durch
aus unpolitische Natur, und es war
lange zweifelhaft, ob er den Demo
kraten oder den Republikanern näher
stehe. Seine Haltung war zunächst ab
lehnend. Erst als eine systematische
Propaganda den Weg für seine Kan
didatur geebnet und Rivalen Tafts,
vor allem der frühere Gouverneur
Staffen von Minnesota, zur Abdäm
mung der Popularität Tafts und zur
Förderung eigener Pläne Demonstra
tionen des Volkswillens an der Wahl
urne in Szene gesetzt hatten, erklärte
sich Eisenhwoer bereit, sich um die
republikanische Nomination zu bewer
ben.
War es der als scheinbar treibende
Kraft eingespannte Volkswille, der
das bewirkte? Es sind da mancherlei
Faktoren, die mit in Rechnung zu
stellen sind. Schon in den Tagen
Roosevelts waren Bestrebungen in der
Richtung auf eine Einheitspartei am
Werk. Willkie war in seiner politischen
Unbefangenheit willig auf solche Be
strebungen eingegangen. Seitdem sind
die Dinge komplizierter geworden.
Tie Demokraten konnten sich keinen
Täuschungen darüber hingeben, daß
sie unter der Führung von Harry
Truman und angesichts her sich häu
fenden Skandale viel an Popularität
verloren haben und voraussichtlich
einer Niederlage entgegengingen. Es
ist begreiflich, daß sie bereit waren,
sich mit einer bescheideneren Stelle zu
begnügen, wenn sie nicht die erste
Violine spielen können daß sie sich
damit abfinden würden, ihre Politik
unter einem neuen Firmennamen, un
ter republikanischer Flagge sortzuset
zen die Innenpolitik und die Au
ßenpolitik. Ein solcher Kurs ist nicht
allein dem Wirtschaftsleben von Nut
zen, das in weitesten Maße von der
Rüstungspolitik abhängig ist, sondern
steht auch im Einklang mit den weit
föderalistischen Ideen, die von einer
umfassenden Propaganda gepflegt
werden. Und ein solcher.Kurs ent
spricht durchaus den Wünschen der
Hochfinanz und des Großgeschäfts.
die mit Schaudern der Möglichkeit
entgegen sehen, daß eine bedingungs
lose Jsolierungspolitik, wie sie Tast
zu Unrecht zugeschrieben wurde, die
ganze Rüstungspolitik auf den Kopf
stellen und der Scheinprosperität ein
vorzeitiges Ende bereiten konnte.
So nahm, von der Tagespreffe und
allen Organen der Publizität geför
dert, die Bewegung für eine Kandi
datur Eisenhower die Stärke eines
PiPDKche» Äs! «wis* 3fefcsthum z»m Beste» der Priestsrzöglwge. Preis fir ei» Jahr i» de» Ber. Btestee S8jOO, i» ffniN «»A «See «dere» Lä»der» $8AO.
reißenden Stromes an und wuchs den
kleinen Drahtziehern mehr und mehr
über den Kopf. Es waren die großen
Industriestaaten des Ostens, deren
Delegaten, beziehungsweise politi
schen Bosse, in Chicago den Ausschlag
gaben die Tewey, Lodge, Fine,
Summersield usw. Tie Presse hat
ganz unverblümt zum Teil zynisch
erzählt, welcher Druck von diesen
Parteigewaltigen, vor allem dem als
Präsidentschaftskandidat zweimal im
terlegenett Gouverneur Tewey, aus
geübt wurde, und in welch fürstlicher
Weise Großunternehmer die Telega
ten zur Chicago'er Tagung und deren
Freunde und jeden, der irgendwie
Einfluß auf den Parteitag auszu
üben vermochte, bewirteten. Nimmt
matt dazu noch die auf die Massen
Psychose eingestellte Stimmungsma
che in der Konventionshalle und in
d^t zahllosen Konventikeln in den
Hotels, dann erübrigen sich alle lang
sttcltgett Untersuchungen in der Pres
se über die Frage, wer Tafts Nieder
läge verschuldet hat.
Aber trotzdem wurde den Draht
ziehern die Arbeit nicht leicht. Taft
trat in Chicago zur Entscheidung an
mit mehr als fünfhundert der für die
Nominierung erforderlichen fechshun
dertundvier Stimmen. Tie Leitung
des Parteitags lag vornehmlich in
den Händen feiner Anhänger. Tie
hervorragendsten Redner MacAr
thur und Hoover waren als
Freunde des Senators bekannt, und
die Konvention jubelte ihnen zu und
bereitete insbesondere dem früheren
Präsidenten eine begeisterte Ovation,
obwohl seine Ausführungen unver
kennbare Kritiken Eisenhowers ent
hielten.
Aber Tewey und die andern Par
teigewaltigen ließen mit lächelnder
Miene die Begeisterung sich austoben
sie wußten, daß sie jeden einzelnen
ihrer Schachzüge sorglich geplant hat
ten nicht für ein Remis, ein „Dead
lock", wie Staffen bis zum letzten
Augenblick hoffte, sondern für einen
Blitzsieg, für einen blendenden Sieg
Die Nominations gingen am Don
nerstag von statten nachts um halb
drei Uhr als letzte die von MacAr
thur, eine geradezu pathetische Ver
anstaltung, die dem Namen des Ge
nerals keinen Abbruch tut, aber dem
Parteitag nicht zur Ehre gereicht. Es
war eine vielsagende Vorschau auf
den letzten Akt am Freitag, die No
minierung Eisenhowers im ersten
Wahlgang.
Bei der Abstimmung war Taft im
Anfang dem General etwas voraus.
Tann nahmen sich beide gegenseitig
wiederholt die Führung ab, bis Michi
gan dem General die dauernde Füh
rung verschaffte. Am Ende der Ab
stimmung hatte Tast fünfhundert
Stimmen. Eisenhower fünfhundert»
fünfundneunzig, sechs weniger als er
für den Sieg benötigte. In diesem
dramatischen Augenblick griff Min
nesota ein, und die Sache war ent
schieden.
Am Vormittag hatte die Delega
tion dieses Staates eine Konferenz,
die Staffen mit Tränen in den Augen
verließ. Er wollte sie bei der Stange
halten, aber sechs der achtundzwanzig
Delegierten, die auf Staffen festgelegt
waren (an der Spitze Gouverneur
Andersen, der mit Staffen von früher
her ein Hühnchen zu rupfen hatte),
brachen aus und erklärten, daß sie
schon im ersten Wahlgang für Eisen
hower stimmen wollten. Staffen ver
blieben nur noch neunzehn Stimmen
in der Delegation, und er mußte wohl
oder übel ihrer Erklärung zustim
men, daß auch ste für ben General
Ei sett Homers. Sie n ichLfliir für Jlk q*
lische" Waffe bereit, einen Appell an
das „Fair Play" und an politische
Sauberkeit. Tast sollte sich die Tele
getten mehrerer Südstaaten wider
rechtlich versichert haben. Taft schlug
zur Vermeidung eines Konflikts ei
nen Kompromiß vor, den aber die
Führer im Eisenhower'schen Lager
ablehnten im Bewußtsein, daß ih
iten feste Abmachungen mit führenden
Staatsdelegationen den Sieg sicher
ten. Es kam zu erbitterten Ausein
andersetzungen, in denen Taft unter
lag und eine Anzahl Delegationen
verlor. Das war der Anfang vorn
Ende, obwohl Senator Dirkfen in ei
ner eindrucksvollen Rede die mit
an erster Stelle an den stets selbstge
fällig und siegessicher lächelnden Gou
vent cur Tewey gerichtet war, warnte,
es könne wieder geschehen, daß ntait
Delegaten und die Nomination ge
winnt und die Kampagne und die
Wahl verliert.
eintreten würden, wenn es sich erge
ben sollte, daß das seinen Sieg ent
scheiden würde.
Als daher die Abstimmung tm
Konvent beendigt war und das Er
gebnis bekanntgegeben wurde, erhob
sich der Telegationssührer von Min
itesota und sagte: „Minnesota wünscht
seine Stimmen zu ändern und sie Ei
senhower zu geben."
Tamit war alles entschieden: Der
General hatte sechshundertundvier
zehn Stimmen.
Und nun rollte die große Lawine
Ein Staat nach dem anderen erklärte
sich für Eisenhower. Nur die sechsund
fünfzig Delegierten von Ohio und an
dere aus verschiedenen Staaten stan
den noch hinter Taft. Auch die War
ren-Telegation von California wollte
noch nicht wanken, und als schließlich
alle Stimmen genau gezählt worden
waren, mochte Joseph Martin, der
permanente Vorsitzende im Konvent,
die Ankündigung: MacArthur vier
Stimmen, Warren siebenundsiebzig,
Tast zweihundertundachtzig, Eisen
hower achthmtdertfüitfundvierzig
Ter ganze Konvent brach in Jubel
aus, die Galerie stimmte ein.
Ohio und California erhielten die
Chance, für den Antrag zu stimmen,
die Nomination einstimmig zu ma
chen. Senator John Briefer von Ohio
ergriff das Wort und sagte: „Nun
muß sich die GOP der Aufgabe wid
men, die Tiebe aus der Regierung
hinauszuwerfen und Ordnung in das
Chaos zu bringen. Tie letzten Sptt
reit des New Teal, des Fair Teal,
des Mink Teal unter Feuerprobe
müssen ausgelöscht werden. Ich be
antrage im Namen des Senators
Taft, daß die Nomination des Gene
rals Eisenhower von diesem Konvent
einstimmig gemacht wird, damit der
Sieg im November gesichert werden
kann."
Für California sprach Senator
Knowland, der sagte: „Wir geloben
im Einklang mit diesem Konvent die
volle Unterstützung der Freunde von
Gouverneur Warren, damit wir die
sen Sieg im November erringen kön
iti'die Partei von fo wesentlicher Be
deutung ist, sondern auch für unser
Land und die Erhaltung freier Men
scheit in der freien Welt. General Ei
senhower wird hiermit von der repu
blikanischen Partei zum Präsident
schaftskandidaten der Ver. Staaten
tto initiiert."
Nur eine Stunde und fünfzig Mi
nuten waren vergangen, seit Alabama
die Abstimmung mit neun Stimmen
für Taft und fünf für Eisenhower
begonnen hatte.
General Eisenhower machte unmit
telbar nach seiner Notitiiitcrintg eine
versöhnliche und freundschaftliche Ge
ste, indem er sich stehenden Fußes zu
Senator Taft in dessen Hotelzimmer
begab. Es war eine kluge Tat für den
General und zugleich eine wohlver
diente Anerkennung für den aufrech
ten Senator, dem die Partei viel ab
zutntteu hat.
Das Ende des Parteitags kann
niemand, sei er Republikaner oder
Temokrat, voll befriedigen. Einiger
maßen einen Ausgleich für so viel Wi
derspruchvolles schafft die Nominie
rung von Senator Nixon zum Vize
präsidenten. Nixon, ein junger Ju
rist, hat sich einen Namen gemacht
durch feilten Kampf gegen die rote
Brut, die sich in Washingtoner Regie
rungsstellen breitmachte. Ohne ihn
wäre Chambers wahrscheinlich in der
Versenkung verschwunden, während
Hiß unter der Protektion mächtiger
Freunde und Gönner sein verräteri
sches Treiben noch lange hätte fort
setzen können.
Tas Widerspruchsvolle in dem
Ausgang des Ringens um die Nomi
nation findet verblüffenden Ausdruck
in einem Leitartikel der ,N. A.
Staatszeitung', in dem es heißt:
„Robert A. Taft, der bedeutendste
politische, staatsmännische und juristi
sche Tenker im Senat, war dank seiner
langjährigen Erfahrung als Tiener
seines Staates Ohio und seiner Na
tion nach der Ueberzeugung von Mil
Iioiteit der bestqualifizierte republika
nische Anwärter auf das höchste Amt
der Ver. Staaten. Es ist ihm nicht
geglückt, die Krone des Erfolges zu
tragen. Bei ihm wäre die Sicherheit
der geistigen und materiellen Grund
lagen unseres Landes am besten auf
gehoben gewesen.
«Aber Twight D. Eisenhower kön
nen wir trotzdem aufrichtig und mit
vollem Vertrauen indossieren, weil
wir davon überzeugt sind, daß er die
Fähigkeit besitzt, unser Land aus dem
Nr. IS
wirtschaftlichen und moralischen Mo
rast zu retten, in den es unter dem
gegenwärtigen Regime geraten ist,
und die Nation auf neue Höhen so
wohl geistigen und ethischen Errin
gend wie politischer, wirtschaftlicher
und sozialer Leistung zu führen."
Nun, hinter diese Aufzählung der
Qualifikationen des republikanischen
Präsidentschaftskandidaten darf man
wohl bei aller Achtung vor seiner
Persönlichkeit ein Fragezeichen setzen.
Seitdem sich die Tinge in Europa
geändert haben, hat Eisenhower man
che seiner früheren Ideen revidiert,
und sein „Ghost Writer" Joe BarmiS
wird, wenn er die von dem General
angekündigte Parole des politischen
„Kreuzzugs" literarisch behandelt,
den Ton des ursprünglichen „Cru
fade"-Buches nicht ganz beibehalten
können. Inzwischen aber bleibt wahr,
was MacArthur, ohne Eisenhower zu
nennen, in Chicago ausführte:
„Wir luden Moskau am Ende des
europäischen Krieges durch die strate
gische Einsetzung der Sowjet-Streit
kräfte tatsächlich dazu ein, die Herr
schaft iiitber die freien Völker des öst
lichen Europas zu ergreifen. Wir zo
gen planmäßig unsere Heere aus
Tausenden von Ouadratineilen kämp
fend eroberten Gebietes zurück und
gestatteten den Vormarsch der So
wjet-Truppen nach dem Westen, um
die rote Flagge des Kommunismus
auf den Zimten Berlins, Wiens und
Prags zu hissen, den Hauptstädten der
westlichen Zivilisation."
MacArthur verurteilte mit der
gleichen Verve und Schärfe die rück
sichtslose Auslieferung großer Lan
gstrecken mit reich uranhaltigem Bo
den an die Russen, die ohne diesen
Besitz „niemals die Gefahr der Atom
kraft hätten groß werden lassen kön
nen". Cr bezeichnete es als „Narr
heit", daß wir den Roten, die Ein
kreisung Berlins möglich machten und
dadurch einen „tragisch hohen Preis"
für die offenen Verkehrswege zwi
schen den alliierten Besatzungszono«,
Berlins und West-Teutschlands ent
richten niußten. „Zudem," rief er ans,
begünstigten und billigten
wir Maßnahmen, durch welche das
deutsche industrielle Potential erheb
licher Temontage und Vernichtung
preisgegeben wurde, und wir lieferten
Hunderttausende von deutschen
Kriegsgefangene» unter Verletzung
aller humanitären Grundsätze und
Tradition den Sowjets für Sklaven
arbeit aus, während wir es verab
säumten, gegen die Vernichtung der
Blüte der polnischen Nation durch
die Sowjets Einspruch zu erheben."
Die vor der Nominierung in Chi
cago angenommene „Platform" der
Partei war in der Maßschneiderei von
John Foster Tulles angefertigt und
paßte den Kandidaten mit unter
schiedlichem politischen Embonpoint
ausgezeichnet. Tie Uniform läßt sich
leicht enger schnallen oder in die Wei
te dehnen, ganz so wie es dem näch
sten „Mr. Republican" im Weißen
Hause genehm sein wird.
Am eindrucksvollsten nimmt sich in
der ganzen langen und doch nicht viel
sagenden Prinzipienerklärung die
Ankündigung einer revisionistischen
Politik der Ver. Staaten unter einer
republikanischen Regierung aus,
welche alle unter geheimen Abmach
ungen übernommenen Verpflichtun
gen wie die von Ialta, die kotttmu
"istischer Versklavung Vorschub lei
sten, revoziert". Es heißt dort weiter:
„Es wird mit der höchsten Autori
tät des Präsidenten und des Kongres
ses klargemacht^ werden, daß die Po
litik der Ver. Staaten als eines ihrer
friedlichen Ziete die echte Unabhän
gigkeit jener Sklavenvölker freudi
gen Herzens ins Auge gefaßt hat
Es wird das Ende der negativen,
zwecklosen und unmoralischen Politik
der passiven Abwehr („Containment")
sein, welche zahllose menschliche Wesen
einer Tyrannei und ihrem gottloses,
Terror ausliefert, der die Machthaber
instand setzt, aus den Gefangenen
Werkzeuge zu unserer Vernichtung zu
machen."
Für die Zukunft sollen die Ver
pflichtungen der Ver. Staaten derart
beschränkt werden, daß sie (also im
«inne Tafts?) die wirtschaftliche und
finanzielle Gesundheit des Landes
nicht gefährden. „Wir iverden unS
weder isolieren, noch bankrott machen
lassen."
Die gesamte „Platform" die sechs
tausend Worte umfaßt, wurde wider
spruchlos angenommen. Auch inbezug
auf die „Civil Rights"-Planke, die
zuvor von Neger-Telegterien als „zu
Fortsetzung auf ©et* »Z
£tm

Samstag, den 19. Juli 1952

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