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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, December 27, 1952, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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(Fortsetzung)
„Noch eine Schar Bewaffneter nach
Bethaniens" sagte stutzend Eliud zu
sich. „Was soll das bedeuten?" Und
er trat näher, um zu sehen, ob am
Ende der schöne Zenturio Lucius der
Führer dieser Schar sei. Er konnte
ihn nicht sehen auf seine Frage erhielt
er die Antwort, nein, Metilius heiße
der Ossizier. Ter Bote hatten diesen
als den Vertrauten des verhaßten
Landpflegers nennen hören und
wollte sich entfernen. Ta faßte ihn
aber der Torwächter, den er gefragt
hatte, beim Arme und sagte: „He,
Freund, dn könntest wohl den Führer
machen denn du scheinst mir keiner
der besonders eifrigen Juden zu sein,
die jetzt in ihren Häusern bei Lamm
fleisch und Mazzoth fromme Psalmen
singen und die deshalb mit verdrehten
Augen behaupten, das Gesetz verbiete
ihnen einen Spaziergang nach Betha
nien mit zehn Sesterzien Nebenver
dienst."
Ter Bote schützte dagegen vor, er
habe dringend einen Brief an den
Zenturio Lucius zu bestellen und
könne daher unmöglich den Führer
machen. „Her mit dem Briefe!" rief
der Tekurio der Wache. „Ter Zen
turio Lucius wird bald die Torwachen
nachsehen, und da will ich ihm den
selben übergeben. Es scheint, daß
unser Prokurator den Lucius nicht
sonderlich leiden kann," bemerkte der
Tekurio zu.einem seiner Kameraden
gewandt, „sonst hätte er ihn nicht am
ersten Abend für den Wachtdienst be
stimmt, statt ihn an die Tafel zu
ziehen, wo er den Legaten bewirtet."
Ter Bote würde wohl umsonst be
feuert haben, er dürfe den Brief nur
persönlich in die Hände des Lucius
geben, wenn sich nicht rechtzeitig ein
Führer gemeldet hätte, der sroh war,
zehn Sesterzien zu verdienen. Gleich
darauf ritt Metilius mit seiner Schar
durch das Tor der Sionsstadt und
wandte sich nach Osten, dem Schaftore
zu. Eliud, dem diese Abteilung des
übelbeleumundeten Landpflegers sehr
verdächtig schien, beschloß nun doch,
Lucius hier zu erwarten und ihm den
Brief zu übergeben.
Tem Tore gegenüber hielt der alte
Jude Jsachar eine Weinschenke zu Nutz
und Frommen der Torwache, und Tag
und Nacht saßen daselbst römische Sol
Daten. In diese Schenke setzte sich der
Bote und ließ den Wirt ein Krüglein
Wein bringen. Tie Römer wollten ihn
zum Würfelspiel verleiten, um ihm
seine paar Geras aus der Tasche zu
holen, und wahrscheinlich hätte sich
der leichtsinnige Bursche, dem der
Wein von Hebron zu Kopf stieg, dazu
verleiten lassen. Aber zu seinem Glück
tönte bald lauter Hufschlag die Gasse
herab, und der Tekurio der Wache
rief die Soldaten unter die Waffen.
Es war der Zenturio Lucius, der
angeritten kam Eliud kannte ihn an
seinem Schimmel und an seinem
blühenden Gesichte, das vom Feuer
der Pechpfannen mit rotem Lichte
Übergossen wurde. Rasch eilte er auf
ihn zu und übergab ihm den Brief
mit den Worten: „Von Bethanien!
Es eilt!"
«Von Bethanien!" rief Lucius und
ließ sich vom Tekurio eine Fackel brin
gen, bei deren Licht er die wenigen
Zeilen überflog. „Salome ich
meinte doch, die schöne Tochter des
verwundeten Juden habe anders ge
heißen."
„Ganz recht, die heißt Thamar,"
erwiderte der Bote. „Aber sie hat die
hübschen griechischen Buchstaben ge
schrieben. Salome, meine Herrin, kann
das nicht."
„Und was ist denn das für ein
mächtiger Feind, der sie bedroht?"
„Ach, Salome fürchtet sich vor den
Räubern. Sie hat mich für nichts und
wieder nichts umhergejagt, daß ich
nach ihnen forsche. Aber jetzt, da eine
Abteilung der Tempelwache und über
dies eine Schar eurer Reiter nach
Bethanien gezogen sind, wird sie Be
schützer genug haben."
Ter Tekurio der Wache bestätigte,
daß Metilius mit einer Reiterschar
nach Bethanien eilte, um gewisse
Wertsachen und ein hübsches Mädchen
für den Prokurator zu holen. „Du
n i i o I i
tuuiuqi lym ueu uuuiuiujt'ii JUU et
spart haben, wenn du die Beute selbst
mitgebracht hättest, und obendrein
wäre dir die Gunst des Gessius Florus
zuteil geworden. Aber du scheinst bei
Cestius Gallus unsere Gepflogen
heiten in der Provinz noch wenig
gelernt zu hauen."
„Sind wir denn Räuber oder
Römer?" rief Lucius empört. „Ich
will doch sehen, ob der Legat diesem
sauberen Landpfleger nicht das Hand
werk legt. Halte diesen Boten hier auf
der Wache zurück, bis ich wieder
fcmme" Mit biefe» Worten toatf fc#
plOM€&
Historischer Roman aus den letzten
Tagen Jerusalems
S.J.
Zenturio seinen Schimmel herum und
sprengte die Gasse hinauf der Königs
bürg zu."
„Taß du dir die Finger nicht ver
brennst!" brummte der Tekurio, dem
Offizier fast verblüfft nachblickend.
„Schade wäre es um ihn er sitzt präch
tig zu Roß."
Am Burgtore warf Lucius Flavus
der Wage die Zügel zu und stürmte
die breite Marmortreppe hinaus. Im
hell erleuchteten Atrium fagte er
einem der Sklaven, die Trinkschalen
und Weinkrüüge nach dem Triklinium
schleppten: „Rufe mir rasch aber heim
lich den Tribun Claudius Lysias her
aus." Lautes Lachen der Zecher,
Zitherspiel, der süße Ton der Toppel
flöte und fröhlicher Gesang tönte aus
dem Speisesaal, und die Tänzerinnen
flogen vorüber, als der Sklave mit
feinem Kruge Eyperwein jetzt eintrat
Viel zu lange dauerte es dem Un
geduldigen, und schon überlegte er,
ob er nicht während des Tanzes in
das Triklinium eindringen und den
Procurator vor dem Legaten in
Gegenwart aller Gäste des Mädchen
raubes zeihen solle.
Endlich kam der Tribun. „Was
gibt'*? Hast du einen allgemeinen
Aufstand der Juden zu melden,"
fragte er, „haben sie sich der Tore
bemächtigt?"
„Ich habe dir etwas zu meldeil,
was freilich das Maß des Unwillens
zum Ueberlaufen und einen allgemei
nett Aufstand veranlassen könnte,"
antwortete der Zenturio. „Komm und
höre.'" Tamit zog er den Tribun nach
einer der Säulenhallen und erzählte,
was er eben am Ephraimstore er
fahren hatte.
«Das ist allerdings empörende Un
gerechtigkeit
„Schändlich, schmählich, unerträg
lich!" rief Lucius dazwischen.
„Wir wollen es auf die Liste der
anderen Klagen setzen, die der Legat
zu gelegener Zeit hören soll. Aber jetzt
läßt sich nichts machen."
„Aber jetzt muß gehandelt wer
den!" rief der Zenturio. „Ich will
nicht, daß dieses Mädchen, diese edle,
reine Tochter eines unglücklichen Va
ters, auch wenn er hundertmal ein
Jude ist, in die Gewalt dieses Wüst
ings komme. Kannst du mir nicht so
fort bei Cestius Gallus Gehör ver
schaffen?"
„Jetzt, während des fröhlichen
Symposions (Gastmahls), wo auch er
dem süßen Eyperwein schon viel zu
viel zugesprochen hat? Wo denkst du
hin?"
„Tann entbinde mich der Pflicht,
die Torwachen zu besuchen, und gib
mir einige Stunden Urlaub. Wettn ich
es verhindern kann, soll das Mädchen
nicht von der Roheit unserer Soldaten
zu leiden haben und unter keinen Um
ständen dem Florus in die Hände fal
len."
Mit Staunen blickte Lysias auf
feinen jungen Freund. „Tu wagst
viel um dieser schönen Jüdin willen!
Aber ich sehe, daß dich nicht böse Lust
treibt. och wollte, unsere Prokura
toren hätten etwas von deinem Ge
rechtigkeitssinn es würde besser stehen
um die Fundamente des römischen
Reiches. Nun, es soll ein anderer die
Runde an den Toren machen, und
zwölf Stunden Urlaub gewähre ich
dir. Tie Folgen deines Eingriffes in
das, was der Prokurator sein Recht
nennen wird, mußt du freilich selbst
tragen, und sie werden so leicht nicht
sein."
„Tie will ich tragen!" rief Lucius
und eilte dem Tore zu.
Voll Bewunderung blickte ihm der
Tribun nach und sagte: „Wenn ich
nicht wüßte, daß er unsere Götter ver
ehrt, würde ich ihn für einen Christen
halten. Junge Männer von so ernsten
Sitten kommen selten aus Rom!"
Fast zu gleicher Zeit, da der Zen
turio Lucin» mit seinem nicht sehr
willigen Führer das Schastor verließ,
erreichten die Reiter des Metilius und
die Bande Giezis, von Bethanien zu
rückkehrend, das Brunnentor am
Teiche Siloe. Erst auf dem oberen
Markte trennten sie jtch, nachdem
Giezi noch einen letzten vergeblichen
Versuch gemacht hatte, wenigstens
einen Teil der Beute für seinen Herrn
zu erhalten. „Er kann zufrieden sein,
daß ihm der Prokurator seine Gattin
ohne Lösegeld zurückstellt," spottete
Metilius, während die arme Rachel
zitternd die Sänst^ verließ: denn sie
ahnte den Empfang, der ihrer harrte.
„Die Braut geht einstweilen mit zu
Florus. Was braucht sich dein Herr
auch mit zwei Frauen zu belasten!"
Eleazar hatte ungeduldig auf die
Rückkehr seiner Bande gewartet und
deshalb schon vor mehr als einer
Stunde die Häupter des Zeloten
bundes entlassen, die sich bei ihm
nächtlicherweile versammelt hatten.
Ihm zum Acrgetf war bei dieser Ver
sammlung ein Loskauf des Ben
Gioras beschlossen worden denn die
sem, und nicht ihm, wollte die Mehr
zahl die Führung des Aufstandes an
vertrauen. Man dachte sich so die Hilfe
des BandenWhrers zu sichern, dessen
Scharen matt auf mehr als zehntau
send Streiter schätzte. Auch den mit
ihm verbundenen Scheik Mardoch und
dessen kühne Reiter hoffte man auf
diese Weise zu Bundesgenossen gegen
die Römer zu gewinnen. Die Ver
schwörer hatten Eleazar gebeten, um
der Freiheit Israels willen möge er,
wenigstens für den Anfang, auf die
Führerschaft zugunsten des Ben
Gioras verzichten, und der Enkel des
Kaiphas
mußte
sich wohl oder übel den
Vorstellungen seiner Freunde fügen.
Sonst waren alle seine Vorschläge
angenommen worden. Einstimmig
siegte der Vorschlag, daß man, und
zwar sofort, losschlagen müsse. Ein
Vorwand werde sich bei der frechen"
Ungerechtigkeit des Landpflegers
jeden Tag finden lassen, ja derselbe
scheine förmlich auf offene Empörung
zu drängen. Tie Mehrzahl der acht
zehntausend Tempelarbeiter, die im
verflossenen Jahre von'Agrippa ent
lassen wurden, da er den Tempel end
lich als vollendet erklärte, seien ge
worben und jedes Winkes gewärtig.
In den Herodianischen Zeughäusern
zu Masada lägen Waffen und Rüstun
gen für eine ganze Armee vorrätig,
und die Wache der dortigen Burg
könne leicht bestochen oder überritm
pelt werden. Tie Häupter der ge
mäßigten Partei aber, die bis jetzt
jeden Versuch vereitelt hätten, das
römische Joch abzuschütteln, würde
der Tolch der Sikarier aus dem Wege
räumen, denett man hierin freies
Spiel lassen wolle.
Tas alles war beschlossen worden
und freute Eleazar. Aber der Um
Itaitd, daß er sich im Kampfe für die
Freiheit Israels diesem Simon Ben
Gioras unterordnen sollte« vergällte
ihm doch die Freude. In heftigem Un
mute war er jetzt schon eine Stunde
lang im Hofe auf und ab gegangen,
und immer noch kochte es in seinem
Innern. „Ben Gioras, der Räuber
Hauptmann Ben Gioras Anführer!
Ein Räuberhauptmann Erlöser Isra
els aus der Knechtschaft! Und ich, der
Sprosse eines hohenpriesterlichen Hau
ses, soll diesem Strauchritter unter
geordnet sein, und nicht mir, sondern
ihm soll der Hauptanteil des Ruhmes
zufallen! Und doch wird meine Mit
gift und das Geld meines Schwieger
vaters, vielmehr mein Geld, unsere
Söldner lohnen und uns Bundes
genossen werben! Es ist zum Wahn
witzigwerden? Und wo bleibt denn
dieser Tölpel von Giezi mit seiner
Schar? Schon dämmert es irrt Osten,
und noch immer sind sie nicht zurück!
Sie könnten schon längst hier sein!"
Endlich vernahm sein Ohr das
Waffenklirren und den Schritt der
Söldner, und er eilte an das Tor,
dasselbe persönlich zu öffnen. Tas war
aber nicht das Auftreten einer mit
Beute heimkehrenden Schar! Brum
rnig und mit hängenden Köpfen tra
ten die Söldner ein, und nicht an ihrer
Spitze, sondern ganz zuletzt schritt ihr
Führer mit der armen Rachel.
„Was soll das? Wo ist die Sänfte
meiner Braut, wo die Kamele mit der
Mitgift?" brach Eleazar los. Giezi
aber schloß vorsichtig das Hoftor und
sagte: „Tie ganze Stadt braucht nicht
vom Mißglücken unseres Zuges zu
erfahren. Wir sind unschuldig, Herr,
und ließen es weder an Klugheit noch
an Tapferkeit fehlen, wie mir deine
Frau bezeugen wird. Schon hatte ich
die Tiere mit den kostbaren Ballen
beladen und die Tochter des Rabbi
samt deiner Frau in der Sänfte, als
ein Zug, das heißt ein halbes Hundert
war es wenigstens oder vielleicht ein
ganzes, heransprengte und uns im
Namen des Landpflegers Braut, und
Beute abnahm. Ein Hund will ich sein,
wenn nicht alles buchstäblich wahr ist!"
„Und die Braut samt ihrer Mitgift
ist jetzt im Prätorium in der Gewalt
des Florus?"
„Ja, sie werden jetzt ungefähr dort
fein denn sie zogen mit uns bis auf
den oberen Markt."
„Und der Anführer dieser Rotte
von Unbeschnittenen, wer war c#f
Hast du seinen Namen gehört?"
«Es ist der Vertraute des Florus,
der Zenturio Metilius."
„Und er hat gesagt, er handle im
Auftrage des Landpflegers? Besinne
dich wohl hat er das wirklich ge
sagt?"
«Er hat es gesagt, und mehr als
einmal. Und meine Kameraden hier
und deine Frau können es bezeugen."
Tie Söldner bestätigten das.
Da hob Eleazar die Fäuste gen
Himmel und rief: „Nun ist es gut!
Nun ist das Maß voll! Der Mensch,
den der Kaiser als Hüter des Rechts
in unser Land schickte, hat es gewagt,
mit offener Gewalt die Tochter eines
vornehmen Israeliten, die Braut des
Hauptmanns der Tempelwache, zu
rauben! Der Landpfleger ebt Mäd­
chenräuber! Das soll der Hohe Rat,
das soll ganz Jerusalem, das soll das
zum hohen Feste versammelte Israel
hören! Und Froschblut müßten wir in
unseren Adern haben, wenn diese
Kunde nicht endlich uns aufrüttelte
zur befreienden Tat. Giezi, du
gehst sofort mit mir zum Tempel, wo
sich mit Anbruch des Tages der Hohe
Rat versammelt!"
V i e z e n e s K a i e
Im Tempel
Während Eleazar mit seinem Die
ner nach dem Tempel eilte, betrat
Rachel traurig das Haus.
In all ihrer Trübsal hatte sie nicht
vergessen, daß Nathanael, der jüngere
Bruder ihres Mannes, sie am ver
flossenen Abend, noch bevor sie etwas
von dem nächtlichen Zuge nach Betha
nien ahnte, dringend gebeten hatte,
ihn doch ja recht früh zu wecken. Ter
Knabe hatte nämlich das zwölfte Jahr
erreicht, in dem es den Israeliten zu
erst erlaubt war, den Hof der Männer
zu betreten, und am Paschafeste sollte
er zum erstenmal von diesem Rechte
Gebrauch machen. Seit Wochen hatte
Nathanael daher von nichts geredet
und geträumt als ja in der Morgen
frühe schon, sobald die Tempeltüren
geöffnet wurden, die heiligen Räume
zu betreten. So weckte ihn also Rachel
beim ersten Grauen des Tages und
half ihm den himmelblauen Leibrock
und das bunte Ephod (Ueberkleid)
darüber anziehen, nachdem sie ihm die
krausen Haare sorgfältig geschlichtet
und
mit duftendem Salböl beträufelt
hatte.
„Aber wer wird dich nun führen,
Kind meiner Seele?" fragte fie den
Knaben. „Eleazar ist in wichtigen Ge
schäften schon nach dem Tempel ge
gangen."
.. weh, was kann er denn an denk
hohen Paschafeste, wo alle Geschäfte
ruhen sollen, für Geschäfte haben? Er
hatte mir versprochen, mich bis an die
Schranke der Priester zu führen und
mir alles zu erklären. Und du und
Ruth, ihr dürft nicht weiter gehen als
bis an das Tor. das den Frauenhof
vom Mäntterhofe scheidet!"
«Was mich angeht, so bin ich nicht
in der freudigen Stimmung, in der
ein Kind Israels am Erinnerungstage
des Auszugs aus Aegypten den Tent
pel betreten soll, und so bleibe ich
besser zu Hause. Aber dein Vetter,
Joseph Ben Matthias, der dich die
griechischen Buchstaben schreiben lehrt,
.vird dich wohl gerne mitnehmen. Ge
schwind, laufe zu ihm hinüber und
bitte ihn recht schön. Es ist schon hell,
und er wird nicht lange zögern."
Wie ein munteres Reh hüpfte der
Knabe in seinem schönen Festkleide
quer über die Straße nach dem Hause
des Schrittgelehrten Joseph. Er traf
es sehr gut denn derselbe wollte eben
zum Tempel gehen. So nahm er den
munteren Knaben, den er liebte,
freundlich bei der Hand und sagte:
„Es ist zwar noch vor dem Morgen-
Opfer
eine Ratssitzung angesagt aber
der Hohepriester und einige von den
Fürsten des Volkes pflegen immer
etwas zu zaudern. Komm also, ^ch
werde dir das Wichtigste vorher noch
zeigen können."
Als sie die Schlucht des Tyropoion
erreicht hatten und mit vielen Pilgern
die hohe Stiege zur Plattform des
Tempels hinaufklommen, machte Jo
seph den Knaben auf die riesigen
Unterbauten aufmerksam, welche einen
großen Teil des Vorhofes und die ihn
unigebenden Säulenhallen trugen.
Wuchtige Pfeiler, aus ungeheuer»
Quadern aufgeführt, stützten den
Riesenbau.
„Diese Unterbauten," erklärte Jo
seph, „haben mehr gekostet als der
ganze herrliche Tempel, den sie tra
gen. Zum Teil wurden sie von Salo
niOtt gebaut an ihrer Erweiterung
und Befestigung haben aber bis zum
letzten Jahre hin noch Tausende ge
arbeitet. Jetzt endlich ist der Tempel
fertig, und er soll stehen bis ans Ende
der Zeiten. Denn welche Macht auf
Erden wäre imstande, solche Riesen
mauern zu stürzen?"
„Und im Innern führen unterirdi
sche Treppen und Gänge bis in den
Bau hinauf, der das Heiligtum um
gibt. Eleazar nimmt manchmal diesen
Weg, wenn er zu geheimen Bespre
chungen mit dem Hohenpriester geht,
wie mir Giezi gesagt hat," flüsterte
wichtig Nathanael.
„Das ist sehr unvorsichtig von
Giezi, daß er dir so etwas sagt, und
du sei vorsichtig, indem du es
nicht weitererzählst," entgegnete der
Schriftgelehrte.
Sie hatten jetzt das Treppentor er
reicht und traten in die westliche Säu
lenhalle. Ihnen gegenüber erhob sich
die Rücfmauer des Allerheiligsten aus
blendendweißem Marmar, 100 Ellen
(etwa 55 Meter) hoch wie ein Schnee«
koloß aufragend. Der Schriftgelehrte
zeigte dem Knaben die ungeheuern
Quadern, die noch Salomon herbei
schaffen ließ. „Der dort in der Ecke,"
sagte er, „hat eine Länge von fünf
undvierzig Ellen bei einer Hohe von
5 Ellen und ist sechs Ellen dick, und
er ist nicht der einzige Stein im Bau
von dieser gewaltigen Größe. Es ist
unbegreiflich, wie man diese Steine
von weither an diese Stelle befördern
konnte."
«Ja," sagte Nathanael, „die Geister
sollen Salomon dabei geholfen haben.
Tenn er hatte einen Zauberring, und
wenn er ihn drehte, flogen auch die
schwersten steine durch die Luft und
legten sich, wohin er wollte. So hat
mir meine Amme erzählt."
„Fast möchte man an diese Erklä
rung glauben," lächelte der Schrift
gelehrte und führte den Knaben nun
dutch den mit schöner bunter Mosaik
ausgelegten Hofraum der Heiden nach
der Ostfeite des Riefenbaues.
Jetzt verkündete Pofaunenfchall von
den Tempelzinnen über die Häuser
von Jerusalem hin, daß der Festtag
artbreche, und die mit Goldblech
i überzogenen Dächer des Heiligtums
flammten im ersten Morgenstrahle.
Tie Torflügel aus korinthischem Erz,
welche das Osttor verschlossen, das des
wegen auch die korinthische oder die
schölte
(speewsa)
Pforte hieß, wurden
von zwanzig starken Männern geöff
net. „Schau, wie die Männer all ihre
Kraft einsetzen müssen, um die un
geheure Last in den Angeln zu be
wegen!" flüsterte Joseph dem Knaben
zu. „Die Torflügdl haben eine Höhe
von dreißig und jeder eine Breite von
fünfzehn Ellen. Ein ähnliches Kunst
werk in Erz gibt es kaum auf Erden.
Und dieses Tor ist denn auch viel kost
barer als die übrigen acht Tore, die
aus Zedernholz geschnitzt und mit
dicken Gold- und Silberplatten bedeckt
sind. Sie werden jetzt auch geöffnet.
Sieh, wie die Taufende und Tausende
von Pilgern, von denen viele die Nacht
in den Säulenhallen des Vorhofes
zubrachten, sich wie ein lebendiger
Strom durch diese neun Portale in
das Innere des Tempels ergießen!"
Joseph näherte sich nun mit dem
Knaben den Schranken oder dem
Steingitter, an dessen Durchgängen
Tafeln angebracht waren, auf denen
in griechischer und lateinischer Schrift
den Heiden bei Todesstrafe das wei
tere Vordringen untersagt war. Die
vierzig Ellen hohe Mauer des Zwin
gers, welche die innere Tempelplatt
form umgab, bildete die letzte Schran
ke, die das Gotteshaus umschloß. Mit
heiligem Schauer erstieg der Knabe
die zwölf breiten Marmorstufen, die
zum korinthischen Tore hinanführten.
Ter Tempel bildete ein langes
Viereck von zum Teil mehrere Stock
werke hohen Gebäuden, das in der
Mitte durch einen Querbau in zwei
große innere Höfe getrennt war und
im Westen durch das eigentliche Hei
ligtum abgeschlossen wurde. In den
vorderen Hof, den
Vorhof
der Frauen,
traten nun Joseph und Nathanael.
Ter Schriftgelehrte machte den Kna
ben auf die beiden ungeheuern Säu
len aufmerksam, welche die Torhalle
stützten. „Sie messen vierzig Ellen in
der Höhe und zwölf Ellen im Umfang
und sind aus einem einzigen Steine,"
sagte er.
Aber der Knabe hörte mir mit hal
bem Ohre auf diese Maßangaben, für
die er kein rechtes Verständnis hatte
Es zog ihn in das Innere hinein, und
auch den Frauenhof durchschritt er
rasch. Zu den Galerien, die ringsum
mit tiefverfchleierten Frauen sich füll
ten, schaute er kaum auf. Nur die
beiden fünfzig Ellen hohen vierarmi
gett Leuchter blickte er staunend an
und drängte dann vorwärts, dem
herrlichen, goldstrahlenden Tore zu,
das in den Vorhof Israels führte.
Aber er mußte sich gedulden, bis der
Pharisäer Joseph wenigstens in einige
Opferstöcke möglichst ausfallend ein
Geldstück geworfen hatte. Nachdem er
dann dem Kitaben noch die großen
Nebenhallen gezeigt hatte, in deren
einer die Erstgeborenen dem Herrn
dargestellt wurden, stiegen sie auf den
fünfzehn halbkreisförmigen Stufen
zum Nikanortore hinan und Betraten
den „Vorhof Israels". Aber nur ein
schmaler Streifen desselben, durch
eine niedrige Steinbalustrade von dem
Vorhofe der Priester getrennt, war
den Laien zugänglich. An dieser Balu
strade befand sich nun der Schrift
gelehrte mit dem Knaben unmittelbar
vor dem großen Brandopferaltare
und dem Riesenbecken des „ehernen
Meeres", welches das für die Opfer
nötige Wasser enthielt. Dahinter erhob
sich der eigentliche Tempelbau, das
Heiligtum mit dem Allerheiligsten.
Joseph warf sich zur Erde nieder, mit
der Stinte die Marmorfliesen be
rührend, und Nathanael folgte seinem
Beispiele. Erst nach längerem Gebete
erhob sich der Schriftgelehrte, und den
Knaben etwas zur Seite unter die
Säulenhalle ziehend, welche auch hier
rechts und links den Hof begrenzte,
begann er ihm leise die Wunder zu
erklären, die hier sein Auge zum
erstenmal schaute.
„Siehst du das herrliche, siebzig
Ellen hohe und fünfundzwanzig Ellen
breite Portal, das ganz mit Gold
überkleidet ist? Es führt zur Vor
halle des Heiligtums und steht Tag
und Nacht offen, um anzudeuten, daß
der Gott unserer Väter immer geneigt
ist, die Bitten Israels zu hören. Durch
dieses Portal und die Vorhalle erreicht
man ein zweites Tor, dessen ganz mit
Gold überzogene Flügel ebenfalls
nicht geschlossen werden. Aber ein fosi»
barer babylonischer Teppich vertoehüt
den Einblick in das Heiligtum. Stehfc
du darüber die riesengroße goldene
Weinrebe mit den mannslangew
Trauben aus gediegenem Gold?"
«Ich sehe sie, und auch den Pracht*
vollen Kronleuchter sehe ich, welche®1
von der Decke niederhängt. O wie et*
in bei% Sonnenstrahlen blitzt und fun
kelt! Aber das ist doch nicht der sieben-
armige Leuchter?" i
«Nein, der steht im Heiligtum^
Diesen Kronleuchter schenkte die Köni
gin Helena von Adiabene. Und die?
goldene Rebe ist das Sinnbild Jsrcfc
els. Die vier Farben des Vorhangs
aber bedeuten die vier Elemente, auS*
denen die ganze sichtbare Welt besteht,.
Feuer und Luft sind durch die Färbet
Scharlach und Hyazinth veranfchau-
licht. Der weiße Byssus und der
dunkle Purpur weisen auf Erde und
Wasser hin, denen sie entstammen.
Sie bilden zusammen gewissermaßen,
den sichtbaren Schleier des unsicht
baren Schöpfers."
„Und wie schön muß der Gott unse»
rer Väter sein, wenn sein Gewand,
schon so schon ist!" sagte andächtig,
lauschend der Knabe. „Und im Heilig»
tum steht also der herrliche sieben
armige Leuchter?"
„Und seine sieben Flammen bedeu
ten die sieben Planeten, die am Fir
mamente einherziehen," bejahte der
echriftgelehrte. „Ter Leuchter ist aul
dem pursten Golde hergestellt, wie
auch der Tisch der Schaubrote und der
Rauchopferaltare. Die zwölf Schau
brote bedeuten die zwölf Zeichen des
Tierkreises, in den die Sternkudigen
den Jahreskreis einteilen, und der
Rauchopferaltar wird mit allen Wohl
gerüchett gespeist, die das Meer, das
bewohnte und unbewohnte Land er
zeugen, zum Zeichen, daß alles von
Gott und für Gott erschaffen ist. Und»
die Wände des Heiligtums sind sech
zig Ellen hoch mit Goldplatten bedeckt,
und ein noch kostbarerer Vorhang als
derjenige, den du dort niederwallen
siehst, verhüllt den Zutritt zum Aller
heiligsten."
„Ist es wahr, daß dieser Vorhang
einmal von oben bis unten zerriß, als
mein Großvater Kaiphas Hoherprie
Iter war? Giezi erzählte es mir, aber
Eleazar hat es ihm streng verwiesen,"
fragte der Knabe.
«Tu sollst nicht alles glauben, was
die unwissenden Diener schwätzen,"
entgegnete stirnrunzelnd der Phari
säer. Tann fuhr er rasch fort: „Im
Allerheiligsten des alten Tempels
stand die Bundeslade, und auf den
Flügeln der Cherubim thronte die
Herrlichkeit Gottes. Und auch jetzt
glauben wir, daß der Herr Gott
Sabaoth unsichtbar dort throne, ob»
schon die Bundeslade seit der Zer
störung von Salomons Tempel ver
loren ist. Nur einmal im Jahre, am
großen Sühnungstage, darf der Hohe
priester in seinem Ornate diesen hei~
ligsten Raum betreten, um die Hilfe
des Herrn für fein tiefgebeugtes Volk
anzurufen. Sieh, die Leviten beginnen
den Opferaltar zu rüsten bete auH
du für die Erlösung Israels und dafe
der Herr uns endlich den Messias
sende. Bleibe hier, bis ich dich ab
hole. Es ist jetzt Zeit, daß ich in die
Halle Gasith zur Ratsversammlung!
gehe."
Die Halle oder Zelle GsOhMlbete
die südwestliche Ecke des Erdgeschosses.
Altz Joseph diesen geräumigen Rat
saal betrat, der mit vergoldetem
Zedernholz reich getäfelt war, fand er
die rings in drei Rethen ansteigenden.
Bänke schon gut besetzt der thron
artige Sitz des Hohenpriester» aber
war noch leer, und viele der ver
sammelten Priester, Aeltesten und
Schriftgelehrten standen in lebhaftem
Gespräche in der Mitte des Saales.
Mitten unter ihnen war der Haupt
mann der Tempelwache, mit flam
menden Augen und heftigen Worten
die neueste Gewalttat des Landpfle-^
gers erzählend.
„Ta kommt Joseph Ben Matthias,
der gelehrteste der Schreiber!" rief
einer der Priester. „93ernehmet, was
er zu diesem unerhörten Falle sagt."
„Offener Mädchenraub!" „Die
ser Schandbube von Römer!"
„Tie Tochter eines Vornehmen aus
Israel!" „Das Kind eines Rabbi,
der würdig wäre, Hoherpriester zu
sein!" tönte es durcheinander.
Von den Bänken aus rief man da
gegen: „Ruhig!" „Besonnen!"
„Nur nicht Gewalt mit Gewalt er
widern!" „Ihr zerstört die Stadt
und den Tempel, wenn ihr euern
Zorn nicht zügeln lernt!"
So flog Rede und Gegenrede, und
es war ein Lärm, daß man das eigene
Wort nicht mehr verstand. Kaum der
Eintritt des Hohenpriesters bracht|
etwas Ruhe in den Sturm. Ananiaß
war auch nicht der Mann, großen Ein
fluß im Synedrium zu üben. Wie die
meisten seiner Vorgänger seit Kaiphas
hatte er die Würde durch Geld erkauft,
und suchte nun dieses mit Zinsen durch
den Priefterzehetit und andere Gefälle*
wieder zurückzuerhalten. Er war ein'
großer, breitschulteriger Mann mit
rotem Gesicht und rohen Zügen.
(Fortsetzung folgt)

Von JOSEPH SPILLMANN,

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