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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, January 24, 1953, Ausgabe der 'Wanderer', Image 3

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24. Januar
Eft»
k
Mein lieber Sohn Z Wenn du diesen
Brief dem Testament deines toten Va
ters entnehmen wirst, werde ich drau
ßen am Waldrande unter der Fried
hoferde liegen. Ihr werdet mich mit
allen Ehren bestattet haben, und viel
leicht sind an meinem Grabe Worte
geredet worden, die mich als einen
Ehrenmann vom Scheitel bis zur
Sohle rühmten. Als einen Ehren
mann! Du allwissender Gott, wenn
die Menschen so sehen könnten, wie
Du siehst, so ganz tief in die Herzen
hinein, wo die verborgensten Gedan
ken liegen, die kein fremder aus dem
leisen Zucken der Wimper errät, dann
wüßten sie, daß ich kein Ehrenmann
war, dann wüßten sie, das ich einen
Meineid auf dem Gewissen mit mir
herumtrug mein Leben lang seit je
nein traurigen Tage jenes traurigen
Jahres, das nun um Jahrzehnte zu
rückliegt, an dem ich Unseliger mich
verleiten ließ, um den Preis eines
Meineides fremdes Gut an mich zu
bringen, das mir nicht gehörte.
Ich weiß, du erbleichst, mein Sohn,
wenn du die letzten Worte deines toten
Vaters liest ich sehe, wie du taumelst,
weil ich, dein Vater, dir das heilige
Bild zerschlagen, das du von mir in
deiner Seele trugst. Aber ich weiß, du
hast mich immer geliebt, und glaube,
wenn du den letzten Schlag überwun
den haben wirst, dann wirst du auch
deinem toten Vater verzeihen, was du
an dem lebenden vielleicht nie hättest
ertragen können. Glaube es mir, ich
hatte bitter, bitter bereut, was ich ge
fehlt, und ich werde dir von dieser
meiner Reue erzählen.
Ich hatte fern von hier an einem
Wallfahrtsort meine Schuld gebeich
tet, und die Tränen sind mir dabei
über das Angesicht geronnen, nicht
weniger heiß als damals, wo die Mut
ter starb und du und ich allein waren.
Und heißer war auch mein Schmerz
nicht an jenem Tage, wo die Mutter
von uns ging, als er in der Stunde
war, da ich vor dem Priester kniete
und beichtete: „Ich habe einen Mein
eid vor Gericht geschworen."
In der Beichte wurde mir damals
auferlegt, ich müsse das fremde Gut
zurückerstatten, das ich auf unrecht
mäßige Weise an mich gebracht. Ich
konnte das in jener Zeit nicht, da wir
beide soviel wie nichts besaßen und
hätte ich auch noch etwas besessen, so
konnte ich das begangene Unrecht nicht
wieder gutmachen, ohne mich zu verra
ten. Und so habe ich eben tragen müs
sen, was augenblicklich nicht zu ändern
war, zusehen müssen, wie die rechtmä
ßigen Eigentümer des auf unrechtmä
ßige Weise erworbenen Gutes Hunger
ten und darbten und endlich auswan
derten über See. Ich habe sie dann in
der Fremde mit heimlichen Gaben
über Wasser gehalten, deren Herkunft
sie nicht ahnten, weil jener Priester sie
vermittelte, dem ich meine Schuld be
kannte. Und zu gleicher Zeit faßte ich
den Entschluß, mich selber zu plagen
und zu schuften, bis ich so viel zusam
mengebracht hätte, daß du nicht mehr
darben müßtest, wenn ich in meiner
letzten Willensverfügung dir die Auf
läge machen würde, alles, was nicht
mein war und infolgedessen auch nie
mals dein Eigen werden kann, bis
zum letzten Heller zurückerstatten.
Du findest in meinem Testament
den Abschnitt: „Ich erkläre, daß von
meinem hinterlassenen Vermögen die
Summe von unrechtes Gut war.
Es gehört den Erben meines Stief
bruders, des int Jahre .... nach
.... ausgewanderten Kleingütlers
und ist nach meinem Tode un
verzüglich an diesen zurückzuzahlen.
Als Lebender konnte ich Hab und Gut
nicht veräußern, ohne mich nahezu zu
einem bettelarmen Manne zu machen,
und jeder, der mich kannte, hätte zu
dem auch gewußt, daß der Eid, den ich
im des Jahres .... zu
schwor, ein Meineid gewesen. Nun
aber muß es gesagt sein, weil meine
arme Seele sonst nicht Ruhe finden
kann. Jener Eid war ein Meineid,
und das Gut, das ich durch ein unter
schlagenes Testament und durch diesen
Meineid an mich gebracht, ist fremder
Leute Eigentum. Es muß ihnen zu
rückerstattet werden, sonst trifft der
Fluch Gottes, der mich traf, den, der
meinen letzten Willen unausgeführt
zu lassen wagt!"
So wirst du in meinem Testament
lesen, mein Sohn, vom Fluch Gottes
hörst du mich reden, der mich traf. Ja,
er hat mich schwer getroffen. Ich sage
dir, daß ich mich abmühte und plagte,
dir so viel hinterlassen zu können, daß
du nicht darben müßtest, wenn du das
Haus und den Hof und die Aecker und
Wiesen, die unrechtes Gut in meinen
Händen waren, verkaufen oder den
rechtmäßigen Eigentümern zurückge
Ben würdest. Und wie habe ich mich
geplagt! Tag um Tag, mutterseelen-1
•"i,
allein, weil kein Knecht und keine
Magd bei dem wortkargen finsteren
Manne bleiben wollte, der ich nach
jenem Prozesse geworden war. Du sa
ßest manchmal neben mir im roten
Klee, nach den gelben Sommerfaltern
haschend, ahnungslos, was ich an
schuld wie Bergeslast auf meiner
Seele trug. Aber es wollte mir nicht
gelingen, ich mochte mich plagen, wie
ich wollte. Deine Mutter war tot, du
hast einst dein Leben um den Preis
ihres Todes gewonnen. Niemand
stand jetzt mit einem freundlichen
Worte am Feierabend an meiner Sei
te. Feierabend? O, ich habe nie das
Gefühl des Friedens in meiner Seele
gehabt, wenn die Aveglocke über iinfer
Dorf hinläutete. Mir rief sie immer
in die Ohren hinein ein Fluchwort
Gottes, das da lautet: „Der Fluch soll
kommen in das Haus des falsch in
Meinem Namen Schwörenden, und er
soll bleiben in seinem Haus und es
verzehren, das Holz samt seinen Stei
nen?" Und der Fluch kam. Du weißt
noch aus deiner Knabenzeit, wie der
Blitz einschlug und Haus und Stall
und Scheune uns niederbrannte du
weißt noch, wie das Vieh dabei zu
grunde ging, und wie das Jahr dar
aus das Unwetter und das Hochwas
ser kam und die Aecker und Wiesen zu
wertlosen Geröllfeldern und Schutt
Halden machte, für die keiner mehr
etwas bot. Du weißt, wie wir dann
ganz von vorne anfangen mußten.
Damals bin ich nach langer Zeit wie
der zur Beichte gegangen weißt du
noch, wie damals im Dorfe von mir
das Gerücht umging: „Er ist fort, das
Unglück hat ihm den Verstand genom
men. und er hat sich etwas zuleid ge
tan!"?
Ja, ich war fort. Nach dem Wah?
fahrtSort bin ich gewandert, aber
nicht, weil das Unglück mir den Ver
stand genommen hat, sondern weil es
mir die Augen geöffnet und das Herz
mürbe gemacht hat, und von dem Ta
ge an, wo das unrechte Gut durch
Gottes Hand zertrümmert war, schien
es langsam wieder aufwärtszugehen,
aber mit welcher Mühe, mit welchen
Gewissensqualen in der Seele ich mich
wieder emporarbeitete, davon laß
mich schweigen.
Doch ich konnte wenigstens wieder
niederknien und beten mußte nicht
mehr wie wild und toll davonlaufen,
wenn ich dich beten hörte konnte es
ertragen, wenn die Leute nach dem
Unglück, das uns betroffen, mit Fin
gern auf mich beuteten und heimlich
vom „Meineidbauern" redeten und
raunten. Ich schwieg dazu. Wie hätte
ich reden dürfen und reden können?
Ich blieb still und plagte mich weiter.
Und so achteten mich die Menschen
ringsum um meines Fleißes willen,
wenn ihnen vielleicht auch im stillen
vor mir graute.
Tu bist an meiner Seite groß ge
worden, mein Sohn, und hast die be
stert Dinge gelernt, die ich dich lehren
konnte: Gott fürchten, wahrhaft und
ehrlich sein. Jetzt redet ein Toter zu
dir, ein Toter, der dein Vater war und
dich um der Ruhe seiner armen Seele
willen bittet, seinen letzten Willen zu
vollziehen. In meinem Nachlasse be
findet sich ein Sparkassenbuch, von
dem du nichts wußtest. Die Summe,
die darin enthalten, ist so hoch, daß du
damit das Unrecht, das ich gegen an
dere Menschen, gegen die Familie mei
ties Stiefbruders beging, wieder gut
machen kannst. Der letzte Segen dei
nes toten Vaters ist an die Erfüllung
seines letzten Willens geknüpft denke
daran, mein Sohn, daß des Vaters
Segen den Kindern Häuser baut, und
lade nicht von neuem Gottes Fluch auf
die schölle, die du bewohnst und be
baust!
Was ich gegen Gott gefehlt, als ich
die meineidige Hand erhob, das möge
Er mir gnädig verzeihen.
Ich habe vieles auf Erden damals
gelitten, und wenn ich im Jenseits
noch dafür büßen muß, so will ich es
gerne tun und sagen: „Herr, Gott im
Himmel, ich danke Dir, daß Du mich
nicht ganz verwirfst!" Um das eine
aber bitte ich dich, mein Sohn, in dei
nem ganzen Leben sei wahr, sei wahr!
Lüge nicht! Und wenn du jemals in
deinem Leben die Hand vor Gericht
zum Himmel erheben mußt, um das
letzte Mittel zu ergreifen, das die
Menschen haben, um.Wahrheit, Recht
und Gerechtigkeit zu entscheiden,
dann werde nicht zum ruchlosen Frev
ler vor dem ewigen Gott! Wenn auch
vielleicht kein Blitzstrahl niederzuckt
auf dein Haus, auf das Haus eines
Menschenwurmes, der sich vor Gott
krümmt in seiner Verlogenheit sei
sicher. Seine Rache wird dich finden,
es sei heute oder morgen oder über
morgen. Heute noch bist du ein starker
Mann, morgen bist du ein wankender
Greis, übermorgen bist du tot und
stehst vor dem ewigen Richter. Unb:
den vermag keiner zu belügen.
OHIO WAISENFREUND
A I I E K E I
Du liest die Worte eines Heimge
gangenen! O, ich bin gerne gegangen
aus dieser Cual nun aber richte dich
auf und falte die Hände und bete für
deinen toten Vater!
Es hat keinen Zweck, darübet nach
zugrübeln, auf welchen Voraussetzun
gen und Tatsachen dieser Brief beruht
und mit welchem Rechte er hier ver
öffentlich wird. Sicher ist, daß er kei
nes Menschen Andenken schädigt mö
ge er manchem Menschen nützen?
®$ta heilige Feuer des Herzens
ic Zeit, in ihrem Fluge, streift nicht bloß
Des Feldes Blnmcn und des Waldes Schmuck,
Den Glanz der Jugend nnd die frische Kraft:
Ihr schlimmster Raub trifft die Gedankenwelt.
Was schön und edel, reich und göttlich war,
Das zeigt sie nns so farblos, hohl nnd klein,
So nichtig, daß wir selbst vernichtet sind.
Und dennoch, tvohl uns, wenn die Asche treu
Den Funken hegt, wenn das getäuschte Herz
Nicht müde wird, von neuem z» erglühen!
J. Klug.
Herz in Not
Tkizze vo« a e i e
Der Schoner „Kord Jansen" ging
auf Fischfahrt. Lief von Hörnum aus,
mit prallen Segeln. Rollte tu schwerer
See. Abends regnete es. Und die
Nacht zog Nebel aus allen Horizon
ten. dick wie Laken und triefnaß.
Schnee stöberte hindurch. Zäh wie
Sirup hing das um Topp und Nocken
und geblähte Segel. Die Lichter er
soffen darin. Nebelhörner brüllten da
und dort. Aus Lee? Aus Luv? Wer
mochte das sagen! Tie breiten Seen
schluckten ja alles.
Pitt Klatt am Steuer, halt' die
Ohren steif!
Vom Rad her stieß Pitt die Sinne
in Biefternis und stieß doch nicht hin
durch. Ah, zäh wie Kleister hing das
mit Torf und Nocken und prallvolle
Segel.
Langsam arbeitete der Motor. Ter
Schoner tastete sich stampfend durchs
Herz der Nacht.
Int Hause auf der Halting zog in
dieser Stunde Jantje Klatt, die Pitts
Frau war, den Teetopf unter dent
blanken Stülp hervor und füllte den
dampfenden Trunk tu die Gläser für
sich und für Mutter Eike. Old Eike
gab einen Schuß Rum dazu und
suckelte das heiß und süß mit den wel
ken Lippen.
Die Böen krachten gegen die Schei
ben. Die Seen tobten draußen am
Deich.
Aus solch einer Nacht war Eike
Klöhns Mann nicht heimgekommen.
„Es ist lange her," sagte Old Eike,
„an die dreißig Jahre," und horchte
auf den Sturm, wie der ums Haus
wilderte und ins Rohrdach fauchte.
Da stellte Jantje Klatt noch ein
drittes GlaS auf den Tisch. Ein gro
ßes. Das füllte sie mit Teepunfch bis
oben. Für Pitt, der den Schoner
„Kord Jansen" steuerte! Denn es
jährte sich in dieser Nacht zum ersten
mal, daß sie-Hochzeit gehalten hatten,
Pitt und Jantje. „Daß es dir wohl
gehe, Pitt, und du lange lebest auf
Erden!" sagte Jantje. Es klang wie
ein Gebet. Aber sie lachte dazu wie ihr
Herz und kippte ihr Glas gegen das
Glas von Pitt.
«Christ Kyrie!" sagte die Alte. Auch
sie kippte ihr Glas an das dritte.
Dann schlug die Uhr im Kasten die
Mitternacht. Da waren die Gläser
leer. Und Jantje Klatt ging schla
fen ins Wandbett.
Old Eike werkelte noch dies und
das im kleinen Hause. Stellte Wasser
unter den Stülp. Schob von der Küche
her ein Paar Ditten in den Beileger.
„Die Nacht ist so kalt und wild," sagte
sie. Und wie sie danach auf ihren
Gurtpantoffeln in die Stube schurrte,
hieb der Wind mit beiden Fäusten an
Scheiben. Old Eike war leiser als
die Bö denn Jantje Klatt atmete da
schon ans tiefem Schlaf.
Die Alte nahm das Bibelbuch vom
Brett, weil sie ja noch den 23. Psalm
lesen mußte. Sie wackelte dabei mit
den Lippen und glitt so mit dem Fin
ger unter den großen Lettern dahin.
Hurrje auf einmal schrie Jantje
Klatt! „Scharf Backbord!" schrie sie
Ludwig Uliland
aus tiefster Brust und Angst. „Scharf
Backbord, Pitt!"
„Ebi!" mochte Old Eike, packte sie
am Ann und rüttelte sie aus ihrem
Traum.
In diesem Augenblick geschah das!
Da riß Pitt Klatt er stand tief in
der Seenacht am Rande des Scho
tters da riß Pitt das Steuer her
um, daß sein Schiff aus dem Wind
schoß, daß die Mafien unter den Se
gel Ii stöhnten, daß der Kapitän Kord
Jansen aus seinem Schlaf und aus
seiner Koje sprang
„Holla ho, Pitt Klatt, was stellst du
denn an?"
Pitt hatte keine Zeit zur Antwort.
Es schwang sich ein Ungetüm durch die
Finsternis, schwarz und schwer. Ein
Dampfer! Mit Augen von Flammen.
Heulte. Schnitt schnitt vorn am
Schoner vorbei! Verschwand
„Holl' und Teufel, Käpt'n!" sagte
Pitt Klatt und atmete sich aus seinem
Entsetzen.
„Hallo bo, Pitt!"
„Ich hatte wohl grad 'n bißchen an
Lütt Jantje gedacht. Und ich dank' dir
auch schön, Kord Jansen!"
„Tankst mir schön, Pitt?"
„Na ja doch, Mensch für den
guten Befehl: Scharf Backbord!"
Ta hob Kord Jansen die Laterne
und leuchtete dem Steuermann ins
Gesicht. „Träumst du, Pitt?"
Der strich sich mit der Hand über
Stirn und Augen: „Wenn ich es doch
gehört habe, Kapitän! Oder meinst dn,
der Herrgott selber donnere einem
solch ein Wort des Lebens ins Herz?"
Der Dichter Hitysmans schildert in
seinem Roman „Tie Kathedrale" eine
wunderbare Szene demütiger Fröm
migkeit. Tu ich die öde Landschaft von
la Salette in der Tauphine, wo auf
einsamer Höhe zwischen störrischen
Felsen und traurigen Bergen „Unsere
Liebe Frau der Tränen" verehrt wird
und wo man nur mit unendlicher
Mühsal auf Zickzackwegen über Ab
gründe hinaufgelangen kann zu jener
vollkommensten Einöde, wo es weder
Tannen noch Knieholz, .noch Gras,
noch Wasser gibt, wo nicht einmal ein
Vogelichrei dei Stille stört: durch diese
trostlose Weltabgeschiedenheit zog eine
Schar von jungen Bäuerinnen mit
weißen Hauben, ait ihrer Spitze als
Fübrerin eine gewiß hundertjährige
Frau, groß und aufrecht, mit stroh
igen, eisengrauen Locken. Aus ihrem
schweigenden Zuge erklang plötzlich
eine Stimme, die aus der Tiefe der
Zeitalter zu kommen schien: die Ur
ahne begann das Paternoster und
alle wiederholten das Gebet des
Herrn, erhoben sich aus ihrer demüti
gen Versnnkenheit und schoben sich
dann auf ihren Knien die Stufen des
Kreuzweges empor. Auf jeder Stufe,
die fie erklettert hatten, machten sie
halt, bis sie ihr Ave gebetet hatten,
und arbeiteten sich dann auf Händen
und Füßen eine Stufe höher zur näch
sten Station. Als der Rosenkranz an
gebetet war, stand die Alte auf, und
langsam folgten ihr alle in die Kirche,
wo sie lange vor dem Altar hingewor
fen beteten. Ta erhob sich die Ahne
wieder, teilte an der Kirchentüre das
Weihwasser ans und führte ihre Schar
an die heilige Quelle, wo jede trank,
und nun verließen sie, ohne ein Wort
gewechselt zu haben, den Ort. Diese
Frauen waren zwei Tage und zwei
Nächte auf der beschwerlichen Wande
rung durch die Berge, denn sie waren
tief aus Savoyen gekommen und hat
ten in einem Stall oder Erdloch über
nachtet. Sie nahmen schweigend alle
Mühsal auf sich, um einige Minuten
an dieser Gnadenstätte weilen und
beten zu können. Diese Wesen, die ihre
kindlichen Gefühle und Vorstellungen
kaum auszudrücken vermochten, wein
ten hier aus ihrem überströmenden
Herzen vor Gott und der Lieben Fran
der Tränen und gingen in ihrer
Demut und Einfalt beglückt nach
Ha use._
Tiefes Bild ergreifender Volks
fröminigfeit möchte ich allen vor
Augen stellen, die aus der Religion
nur einen Gegenstand geistreicher Ge
spräche oder äußerlichen Andachtstrie
bes machen. Es ist heute Mode gewor
den, allerorts über religiöse Fragen
zu sprechen und zu schreiben aber nie
mand soll glauben, daß die Menschen
miserer Tage sich deshalb durch be
sondere Frömmigkeit auszeichnen.
Man spricht über Religion, wie man
über Politik, Volkswirtschaft oder
Mode spricht aber jeder weiß, daß
wir trotz des vielen Redens beute die
schlechteste Politik, die ungesundeste
Volkswirtschaft, die verriiefteile Mode
haben, und darf ich es fageit?
auch die armseligste Frömmigkeit.
Alies artet in Gerede und Wichtig
tuer ei aus, weil es meist mit Schein
und Worte geht, und nicht um Taten.
Ter heutige Mensch spaziert aus Neu
gierde durch alle Gefilde der langen
Menschheitsgeschichte er weiß, wie
man vor Jahrtausenden in China,
Vabylonien oder Merifo dachte und
lebte er nippt genießerisch von allen
Kulturen der Erde. Aber nichts von
allem nimmt er ernst es ist für ihn
Seitvertreib und Modelaune. Und so
schwärmt er auch religiös bald fürs
Urchristentum, bald für mittelalter
liche Mliftik und Gotik, bald für
barocke Frömmigkeit, je nachdem ge
rade der Wind der öffentlichen Mei
nung eine neue Strömung bringt.
Tiefes Spielen mit Gedanken und
Gefühlen bat mit wahrer Religion
und Frömmigkeit nichts zu tun. Reli
gion und Frömmigkeit sind gewaltige
llrkräfte, die aus der Tiefe der
Menschheit ausbrechen und wie Wild
wasser durch das Land der Seele flu
ten, alles Widerstrebende und Hem
mende fortreißend und überspringend.
Ta wird nicht geflügelt und vergli
chen, nicht aus fremden Gedanken und
Religionen zusammengelesen, was
mau zeitgemäß und packend findet
denn der Mensch kann nicht selbst be
stimmen, was er tun und glauben
will. Wo echte Religion auftritt, wird
der Mensch gebändigt und gebunden,
da gibt es keinen Widerspruch und
Zweifel er wird innerlich in Flam
men gefetzt, daß er wie ein Trunkener
redet und in seiner Begeisterung das
Schwerste vollbringt da stehen ganze
Völker wie in Ekstase auf und schaf
fen Wunder der Weltgeschichte. Ter
von Gott ergriffene Mensch wirft sich
itt Tränen oder Jubel vor dem All
mächtigen in den Staub, feilscht nicht
zwischen Gottes- und Menschenrechten,
grübelt nicht über die Berechtigung
oder Nützlichkeit göttlicher Gebote. Bei
religiösen Völkern gibt es keinen
Kampf zwischen Religion und Staat
nie wird der Staat erlauben, was die
Religion verbietet, und die Religion
umkleidet mit Würde und Weihe jede
Handlung der Tiener des Staates.
So thront die Religion mit unum
schränkter Majestät über gesunden
Menschen und Völkern.
Tie Religion beglückt nur jene, die
damit Ernst machen und sich davon be
herrschen lassen den anderen wird sie
zur Last und Qual. Wer ihr heiliges
Feuer in sich aufnimmt, dem durch
leuchtet und durchwärmt sie das Leben
und Tun. Tas kleinste Händewerk er
hält eilten lichten Schimmer aus der
Nähe des Ewigen, in die es gerückt
ist die Mühsal der Tage verklärt sich
zu freudiger^ Opserliebe tut Tienste
der Gotteswelt. Tie Gedanken und
Gefühle des gläubigen Menschen
haben ein Ziel, zu dem sie streben,
ein Unaussprechliches, vor dem sie sich
neigen können: das gibt dem Herzen
die wundersame Ruhe einer gefestig
ten Lebensbetrachtung. Wir heutigen
Menschen haben viel zu tief itt die
Höhen und Abgründe des Lebens ge
schaut, mit an den Weltdingen noch
Genüge zu finden. Tie erstaunlichsten
Erfindungen, die uns noch bevorstehen
mögen, werden nichts mehr an der
Erkenntnis ändern, daß unser Tasein
auf eine arm fei
ig kleine Grundlage
gestellt ist, daß wir mit unserem Leibe
jeden Augenblick Erschöpfungszustän
den, Leiden und dem Tode ausgesetzt
sind und uns in solcher Lage immer
vereinsamt vorkommen werden. Turch
den Glaubet aber wird dieses gebrech
liche Wesen über die Zustände der Ver.
gänglichkeit hinausgehoben eine Zu
kunft von unausdenkbarer Herrlichkeit
wirft ihren Glanz weit in unser Ties
setts herein, sie nimmt dem mensch
lichen Leiden das Quälende und dem
Tode das Aengstigeitde. Noch mehr:
der Glaube macht das Leben zu einer
frohen, erwartungsvollen Vorberei
tung, und deshalb ist immer eine stille
Freude in de» Menschen, die Glauben
haben.
MuheÜunden
Es ist eine Kunst, auch .einmal Out
rechten Zeit die Hände in den Schoß
legen zu können. Einen Ruhepunkt zu
finden, wo die vielbeschäftigte Frau
des Hauses einfach eine Stunde oder
zwei zu sich selbst kommt. Sie mag
ruhig um ein weniges mehr voraus
schaffen, was getan werden muß, sie
soll es aber irgendwie ermöglichen,
diese eilte oder zwei Stunden ganz für
sich frei zu machen denn sie braucht
sie, notwendig sogar, «ie muß sich in
diesen Mußestunden erholen von all
den Widerwärtigkeiten des Alltags
und allen Unannehmlichkeiten, die im
Lauf des Tages zu kommen Pflegen.
Tu gehst itt das Wohnzimmer.
Traußeit regnet es oder schneit es
vielleicht,, aber drinnen ist es gemiit
lid). Tu heizest etwas mehr als ge
wohnlich und benutzest deine Muße
stunden dazu, einmal zu kramen. All
das, was so an alten Erinnerung in
Fächern und Schubkästen herumliegt,
an Briefen, Bildern und Kleinigfeii
ten, das bringst du an die Oberfläche,
spinnft dich ein in die Vergangenheit,
wo diel) dieser oder jener Brief fand,
wo dich dieses oder jenes Stück Stoff
glücklich machte. Kleine Schmucksachen
tu längst vergessenen Schächtelchen
und sonstige kleine Iteberrafuugen
von Erinnerungen lauern in Truhen.
Kästen und Schränken auf deine sor
tierenden Hände. So ein träumeri
sches Kramen, wo nur dein Ich spricht
und allerhand längst begrabene Hoff
nungen und Sehnsüchte, belebt dich,
gibt dir ein erlösendes Lächeln oder
ein befreiendes Gott sei Tank auf die
Lippen oder füllt dich mit Träumen,
denen du nachhängst.
Oder du kauerst dich itt einen tie
feit Stuhl oder itt eine Ottomanen
ecke so recht fufchlig ein, hast vielleicht
auch noch etwas zum Knabbern in ir
gendeiiter Büchse gefunden und wühlst
dich wohlig zurecht mit einem guten
Buch und draußen fließt die Zeit
borbei und das Lärmen des Tages
du aber hälft mit allen Nerven feiig
deine Mußestunde. Sie gibt dir das
Lächeln, den Gleichmut, mit dem du
dann alles weit besser ertragen kannst,
als wenn du unterläßt, dich auszu
ruhen.
4
Oder du hast von den Eltern her
noch dein Klavier mit in die Ehe ge
rettet, auf dem du als junges Mäd
chen spieltest und herumphantasiertest.
Tu kommst nie dazu, dich einmal dar
an zu setzen und zu probieren, wie viel
von deinem Spiel du noch kannst.
Warum nicht? Teiue Mußestunde
gibt dir auch am Klavier neue Kräfte.
Tenn gerade Mufik solltest du nicht
vernachlässigen. Tir kann gerade der
entfache Satz eines Liedes oder einer
Sonate, die du allein für dich spielst,
womöglich noch nicht einmal fehler
frei, unter Umständen besser tun als
das größte Sl)mphoniekonzert. Teilte
Nerven wollen ja nur ausruhen, sich
einwiegen lassen, du willst einmal
ganz allein sein mit dir, dich seelisch
gehen lassen, und das ist ebenso not
wendig wie Speise und Trank.
Tu willst doch nicht vorzeitig al
tent Also dann gönne deinen Nerven
und deinem Gemüt die Pflege, indem
du deine Mußestunden zur Regel
machst. Gerade du als fleißige Haus
frau müßtest eS fertig bringen, biefe
Mußestunden einzuhalten und in ih
nen zu tun, was du am liebsten möch
test: träumen, lesen, musizieren, kra
men, dir über manches klar werden.
Es rächt sich alles, auch die Arbeits
wut, die das Tempo nicht wechselt.
keine^Paufe Zuläßt. Ich sagte schon:
die Stille und Erholung deiner Mu
ßestunde holt das vielfach wieder ein,
was du dem Tag rein zeitlich fortge
kommen hast vergiß nicht, daß die
innere Harmonie des Menschen sich
immer itt Stunden und Minuten des
Alleinseins aufbaut. Und horchst du
nicht auf dein Inneres, wird der All
tag dich bald so überrannt haben, daß
dir deine Pflichten nackt und spitz er
scheinen und du dich nervös und ge
reizt zur Wehr setzest. Halte deine
«eele jung und elastisch, laß sie aus
ruhen, gönne ihr die Mußestunden,
die sie benötigt, und fetze diese Muße
stunden in deinen Wochenplan ein,
wie du etwa Wasch- und Plättage ein
setzest.
Drucksachen
aller Art
liefert prompt

Aus der Tieke
Von A. c»l nt a it it
Wanderer Printing Co.
St. Paul, Minn.

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